Mut zur Lücke

Alternativtitel: / * oder _?

Eine Verteidigung des Gender Gaps, in der Hoffnung, dass auch noch weniger theoriebewanderte Menschen als ich begreifen, worum es geht, wenn so seltsame Lücken in den Wörtern sind.

Susanne Bloos hatte ich hier gesagt, dass ein Widerspruch lauert, und hier ist nun die ausführliche Variante.

Erinnert sich noch wer, wie die Verfechter*innen der deutschen Sprache auf die Barrikaden gingen, als das Binnen-I in offiziellen Dokumenten eingeführt wurde? Immer noch gibt es Zwischenrufe, dass der Plural von Tänzerin Tänzer ist, sogar wenn nur ein Mann zu der Compagnie gehört. Oder dass „Zuhörerinnen und Zuhörer“ doppelt gemoppelt sei. Und dass ein Text mit Gender Gaps so schlecht lesbar sei.

Und überhaupt hat die Menschheit andere Probleme.

Letzteres ist korrekt. Frauen* in Deutschland haben es verhältnismäßig gut, und sie müssen selten Angst haben, ein öffentliches Klo aufzusuchen.

Aber.

 

Erstens: Nicht alle Menschen passen in eine von zwei Schubladen

Mein derzeit verwendetes Sternchen möchte darauf hinweisen, dass es Personen gibt, die weder Frauen* noch Männer* sind. (Hi!*) Und außerdem solche, die mit den üblichen Geschlechtsrollenzuschreibungen nichts anfangen können, selbst wenn sie ihr Pronomen mögen.

(*Ja, ich kenne „solche Leute“.)

 

Zweitens: Sprechen ist denken

Es ist mir völlig gleichgültig, ob das „schon immer so“ gemacht wurde, oder nicht. Nicht alle Dinge aus dem vorletzten Jahrhundert (siehe § 175) oder noch älteren Datums tragen zu einem gepflegteren Miteinander bei.

Nur weil „man“ vor etlichen Jahrhunderten etwas dachte, und die Meinung von „wip“ irrelevant war, zumindest sprachlich gesehen muss ich das nicht bis in alle Ewigkeit mit fortschreiben. (Mensch beachte außerdem, dass „wip“ grammatikalisch sächlich ist – passt bestens zur Muntehe.)

De facto haben auch frau* und Menschen ohne Gender eine Meinung, und die ist nicht notgedrungen mit der von mann* übereinstimmend, zumal sich mann* ja selbst in den seltensten Fällen einig ist.

Die deutsche Sprache hat also über sehr lange Zeiträume weiblichen Wesen im Plural selten Platz eingeräumt.

Ich denke, dass die meisten Menschen zustimmen kann, dass es einfacher ist, Ordnung in die Gedanken zu bringen, wenn mensch eine Sprache ordentlich kann. Im Gegenzug bedeutet das auch, dass die Wörter, die wir benutzen, unsere Gedanken und unsere Wahrnehmung beeinflussen. Wir hier sehen „Schnee“, andere Kulturen vielleicht eine von mehreren Dutzend Varianten desselben, und andere wieder „seltsames kaltes Zeug“, weil sie irgendwo leben, wo es keinen Schnee gibt.

Was sieht mensch vor dem inneren Auge, wenn von „Autoren“ die Rede ist? Wirklich einen diversen Haufen von etwa fünfzig Prozent Frauen*?

Diese latente Frauenfeindlichkeit? Die Tatsache, dass manche Männer* glauben, frau* schulde ihnen was? Deren Folgen blöde Sprüche auf der Straße und Amokläufe sind?

Ich weigere mich einfach zu glauben, dass diese Einstellung nicht damit zusammenhängt, dass frau* in der Sprache so häufig unsichtbar wird. Offenbar zählt frau* nicht genug, um erwähnt zu werden. Und respektiert schon gar nicht.

(Die Ärztin, mit oder ohne Dr. med. auf dem Namensschildchen, läuft auch in unseren modernen Zeiten noch Gefahr, mit „Sie, Schwester“ angesprochen zu werden.)

 

Drittens: Die Biologie ist nicht an allem schuld

Philosophisch gesehen, will der Gender Gap darauf aufmerksam machen, dass die meisten Unterschiede zwischen Männern und Frauen Produkt von Erziehung und Kultur sind, und nicht der Biologie.

Beispielsweise … wenn ich nur die Wahl zwischen Kindergarten und Bundeswehr hätte, würde ich letzeres nehmen. Früh aufstehen müsste ich dann so oder so. (Bäh.) Ich habe ein völlig unweibliches, aggressives Potential. Obwohl ich nicht so gern Actionplots schreibe.

Irgendwo wird es dafür einen Mann* geben, der lieber den ganzen Tag Kleinkinder bespaßen würde, es aber aus Angst, als unmännlich verspottet zu werden, nicht tut. Abgesehen von der Entlohnung, die in Kümmerberufen tendenziell eher mies ist. Resultat wohl der Tatsache, dass diese Kümmerei über Jahrtausende von zumeist Frauen* nur für Kost und Logis gewuppt wurde.

Kurz gesagt scheiße ich auf diese angeblich naturgegebenen Rollenverteilungen, und frage mit einer Ermittler*innenweisheit: Wo ist das Geld? (Wo ist die Macht? Wer hat die Vorteile?)

 

Was die Lesbarkeit angeht: Mensch gewöhnt sich an allem, auch am Dativ. Mittlerweile fallen mir Texte ohne Gaps eher auf als solche mit, was selbstverständlich auch damit zu tun hat, was ich außer englischsprachigen Texten, wo der Gap irrelevant ist, sonst noch lese.

Ich werde niemanden fressen, di*er weiterhin „man“ verwendet, oder einen männlichen Plural. Ich nehme mir aber raus, mehr Zeichen zu tippen und somit penetrant darauf hinzuweisen, dass außer Männern auch andere Menschen Meinungen haben.

5 Gedanken zu „Mut zur Lücke

  1. Pingback: Am Abgrund Links – 16.06.2014

  2. Du schreibst: »Frauen* in Deutschland haben es verhältnismäßig gut, und sie müssen selten Angst haben, ein öffentliches Klo aufzusuchen.«

    Hast Du Dich mal mit Trans-Frauen* über öffentliche Toiletten unterhalten?

  3. Hat dies auf tschellufjek rebloggt und kommentierte:
    Die Sprache konstituiert Realität. Dass dieser Satz keine Binsenweisheit ist, können Asexuelle der verganene Generationen vermutlich ziemlich gut beweisen. Das Wort „asexuell“, bezogen auf den Menschen“, tauchte erst Anfang dieses Jahrhunderts auf. Was in der Sprache nicht existiert, existiert de facto auch nicht in der Praxis. Wenn ich kein Wort für meine Andersartigkeit habe, werde ich diese nicht akzeptieren und respektieren können und mir ständig einreden, dass diese anormal und damit krank ist.
    Eine genderneutrale Sprache wäre somit auf jeden Fall nicht schlecht. Aus eigener Erfahrung (man sieht es an meinem Sprachgebrauch) weiß ich jedoch, wie schwierig eine solche Umstellung ist. Sie sitzt nun einmal in unseren Köpfen fest, ob wir wollen oder nicht. Sprache ist generell ein sehr sensibles Thema und ich bin mir sicher, dass in all meinen Definitionen und Erklärungen, immer gewisse Personen nicht eingeschlossen sind, ohne das ich dies beabsichtige. Eine gewisse Ignoranz ist jedem angehaftet. Es ist nur wichtig, dass man sich dessen bewusst ist und andere Leute nicht angreift, weil diese sich mehr Gedanken machen und ein wenig genauer bei gewissen Sachen sind. Was sich Leute anhören müssen, die genderneutral schreiben, ist echt ein Armutszeugnis. Auf der anderen Seite sollten diejenigen, die genderneutral schreiben auch nicht diejenigen angreifen, die dies nicht machen. Eine Umstellung erfolgt immer langsam.

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