Klassentreffen?

In der Siegessäule vom Juli 2017 postuliert Dirk Ludigs, dass diejenigen, die sich zur LSBTTIQAetc.-Buchstabensuppe gehörig fühlen, eine Familie seien – nicht ausgesucht, sich nicht immer grün, verschiedenartig und verschiedener Meinungen sowieso, aber doch mit der Gemeinsamkeit, dass wir alle als Minderheiten oftmals damit zu kämpfen haben, dass unsere Blutsverwandschaft das mit dem Minderheitenstatus nicht nachvollziehen kann (anders beispielsweise als bei Marginalisierung aufgrund von Rassismus oder Klassismus, aber ähnlich wie Marginalisierung aufgrund von Ableismus).

dr dewinter in heroischer pose

Ich persönlich finde, dass sich CSD wie Klassentreffen anfühlt. Eins sucht sich ja die Klasse nicht aus, sondern wird einsortiert – in der Schule wie mit der LSBTTIQAetc.-Sache.

Die Gesellschaft hat irgendwann beschlossen, was die Norm sei, und unsereins landet dann in der Out-Group, bei den „Anderen“ aufgrund von sehr ähnlichen Vorstellungen. Also, normal sei, dass es zwei Geschlechter, nämlich Männer und Frauen, aber nichts anderes gäbe, diejenigen hätten einen von zwei festgelegten Chromosomensätzen und äußerliche Merkmale und müssten zwingend das jeweils andere Geschlecht sexuell begehren und mit diesem dauerhafte monogame Partnerschaften eingehen wollen (vulgo „Heteronormativität“).

Fällst du aus diesen Annahmen raus, bist du nicht mehr normal. Aufgrund der Tatsache, dass die Menschheit für alles Ungewöhnliche eine Erklärung sucht, wird es als gegeben und gutes Recht angesehen, dass dieses Nicht-Normal-Sein bemerkt, hinterfragt und gegebenenfalls abgestraft wird.

An eine als Out-Group markiert bzw. geanderte Gruppe werden immer andere Maßstäbe angelegt als an die nicht weiter bemerkenswerte Mehrheit. Sobald du als anders markiert bist, kannst du machen was du willst, du hast schon verloren, egal ob du dich outest oder nicht, egal was du anziehst, egal ob du Fragen nett oder gar nicht beantwortest, egal ob du behauptest, du seist so geboren oder hättest dir es ausgesucht, egal ob du CSD feierst oder nicht. (Dazu später mal mehr.)

Diese Klassifizierung geschieht im gesellschaftlichen Konsens, diese Anderung hat sich das LSBTTIQAetc.-Volk nicht ausgesucht. Genauso wie eins sich die Klasse nicht aussucht.

Und wie es bei Klassen so ist – manche cliquen gleich zusammen, manche können sich  nicht riechen, und um schlimmsten Falle wird auch schon mal gemobbt, gern, um die eigene Unsicherheit zu überspielen.

Ähnlich mit Klassentreffen: Manche kommen immer, andere finden das Konzept nicht gut bzw. ihnen kann der Rest der Klasse gestohlen bleiben, manche haben auch nach Jahren nichts miteinander zu reden, einige streiten sich immer noch, andere verstehen sich erstaunlich gut.

Und ähnlich wie bei Klassen auch – manche heulen rum, dass sie lieber mit der Kindergartenbekanntschaft in der Parallelklasse gelandet wären. Bringt aber nichts, die Heulerei. Die da draußen haben dich sortiert. Einzige Lösung ist, mal mit dem Rest des Haufens zu reden. Eventuell ergeben sich ungeahnte Gelegenheiten.

Daher der Vergleich mit dem Klassentreffen. Bloß ist ein CSD größer, lauter und bunter und hat mit einen sehr viel grimmigeren Hintergrund als Abi 2001.

 

Verspätete CSD-Fragezeichen

CSD Koeln 2013 portrait

Wenn bei einem CSD die Zuschauer*innen wie bei einem Karnevalsumzug verkleidet sind …

Wenn sich Zuschauer*innen erst mit einer Drag-Queen ablichten lassen und hinterher über den „Homo“ lästern …

Wenn selbige Zuschauer*innen dann andere anpöbeln, die sie höflich darauf hinweisen, dass das keine angemessene Sprache ist …

Wenn Zuschauer*innen bei einem CSD völlig überrascht sind, dass die Nebensteherin nicht heterosexuell ist …

… dann fragst du dich schon manchmal, welche Botschaft wie bei wem ankommt.

Allerdings: Nix machen ist auch keine Lösung. Wie sagte schon Captain America: „You start running they’ll never let you stop.“ (Wenn du anfängst wegzurennen, lassen sie dich nicht mehr anhalten.)

Wenigstens der Nazgul hat was zu grooven…

… nämlich hier: Die Finanzierung für den Trailer des Bundesamts für magische Wesen steht.

Ansonsten ist diese Woche geschäftig. Zwei von drei Lagen Spitze an eine Leggings für einen Auftritt am 16. August genäht, und passende Stulpen dazu. Meine 20 Quadratmeter Gras gemäht, über die Minzen und ihre Mitbewohner*innen unklarer Natur verzweifelt (Scheißviechzeug, auch wenn’s vielleicht ein Pilz ist), zwei Handvoll Brombeeren geerntet – wenigstens die haben dieses Jahr nur Blattläuse. Bude auf einigermaßen Fordermensch gebracht mit Boden wischen und allem, da morgen die bezaubernde Fiammetta zu Besuch anrückt. (Freu.) Samstag steht dann der CSD Mannheim an, aller Wahrscheinlichkeit nach mit Regen.

Große Teile von Hanne Blanks „Straight“ geradezu verschlungen. 700 Wörter Text für die neue „Wer A sagt, muss nicht B sagen“ geschrieben. Die eigene Stellenbeschreibung getippt, weil der Chef net mag. Wahnsinnige drei volle Wordseiten für die neue Geschichte produziert.

Und ich wundere mich, warum ich auf einem riesigen Blogpost zum Thema Aromantik sitze und nicht weiterkomme.

Pars pro toto

Oder: allgemeine Gedanken zu Repräsentation, Teil 2

Ich hatte ja schon darüber geschrieben, wie das ist, wenn mensch sich nicht in Mainstreammedien wiederfindet, und mir überlegt, wie ich Diversität abbilden kann und auf was ich dabei achten muss.

Abgesehen von den Stolperfallen und Fettnäpfen, in die mensch dabei als Autor*in treten kann, ist auch das Publikum trotz bester Bemühungen seitens der Autor*innen in Lage, Annahmen zu machen und zwar, wie der Titel schon sagt, vom Besonderen auf das Allgemeine zu schließen.

Die Sache hat drei Aspekte.

Erstens, Personen, die sich zu einem Thema äußern, werden als Sprachrohr einer Gruppe angesehen, zu der sie nicht gehören.

Eine derartige Verwechslung kommt nicht all zu häufig vor. Berühmtestes Beispiel: Mag Präsident Obama auch gewitzelt haben, als er Lady Gaga eine Anführerin der Schwulenbewegung nannte, so waren die Reaktionen der solcherart „Angeführten“ nicht ausnahmslos begeistert.

Zweitens, Personen, die zu einer Subgruppe gehören, werden als Sprachrohr derselben angesehen, obwohl sie es nicht sind, und auch nie behauptet haben, es zu sein.

So hat, wieder in Zusammenhang mit Lady Gaga, Ex-*NSYNCer Lance Bass hier kurz angerissen, warum er sein Outing auf einem Magazintitel nicht so toll fand: „…because it was the exact thing I didn’t want at the time, which was to be the next „face of gay.““ (… weil es genau das war, was ich zu der Zeit überhaupt nicht wollte, nämlich, das nächste „Gesicht der Schwulen“ zu sein.“)

Einen Artikel über das Youtube-Video über Cho Chang hatte ich bereits verlinkt. Reni Eddo-Lodge geht dabei auch ausführlich darauf ein, dass die Vloggerin …

“ … is aware that by speaking up she’s considered a deviation from the norm of whiteness and maleness, consequentially reducing her very distinctive and individual voice into some of sort of Asian women’s hegemonic hive mind.“

(„… sich bewusst ist, dass sie, sobald sie öffentlich spricht, als eine Abweichung von der weißen und männlichen Norm wahrgenommen wird, was in der Konsequenz ihre sehr eigene, individuelle Stimme reduziert auf eine Äußerung des alles beherrschenden Schwarmgehirns Asiatischer Frauen.“)

Nicht einmal Angela Merkel kann behaupten, das deutsche Schwarmgehirn zu vertreten, und die Kanzlerin ist gewählt worden. Denn: so etwas wie ein deutsches Schwarmgehirn existiert nicht.

Drittens, von der medialen Präsenz einer Einzelperson, die zu einer Gruppe gehört, wird auf Meinungen, Verhalten und Erscheinungsbild der gesamten Gruppe geschlossen.

Zum Beispiel …

Schwule erscheinen in den Nachrichten häufig nur im Zusammenhang mit CSDs, vulgo „Schwulenparaden“. Weil manche Bilder mehr Eindruck machen als andere, werden jedes Jahr vor allem gezeigt: Männer* in Drag oder sehr knappen Outfits. So was gräbt sich ein. Sofern mensch keine geouteten Bekannten hat, kann es schon vorkommen, dass mensch glaubt, keine Schwulen im weiteren Umfeld zu haben. Dummerweise lispeln die nicht alle, und nur wenige leiden am Syndrom des gebrochenen Handgelenks.

Diese bunten Bilder haben auch zur Folge, dass aus einer Demo für LesBiSchwule- und trans*-Rechte eine „Schwulenparade“ wird.

Genau diese Art mediale Präsenz erklärt aber auch, warum manche Leute sich zwar dem erweiterten Buchstabensalat QUILTBAGPIPE (oder GSRMs – gender, sexuelle und romantische Minderheiten) zuordnen, sich aber nicht auf CSDs vertreten fühlen oder vertreten sehen wollen. In der asexy Ecke des Internets wird zu Beginn jeder CSD-Saison diskutiert, und über gegenseitiges Augenrollen doch nicht hinausgekommen.

Im letzten Post war ich auch bei Sherlock und Sheldon. Beide werden in der Community als potentiell asexuell gehandelt, über Sherlock gibt es eine Menge Fanfiction diesbezüglich. Andere beliebte fandom-„Opfer“ sind Enjolras und der Doktor aus Dr. Who. Im Gegensatz zu Enjolras aus Les Misérables und dem literarischen Sherlock Holmes sind bei Sherlock und Sheldon die jeweiligen TV-Serienväter noch anzusprechen, und beide Figuren sind, im Gegensatz zum Doktor, keine Aliens. Nun weigern die Serienväter sich aber, eindeutige Aussagen zu treffen, oder dementieren grundsätzlich.

Nebenher gab es mal bei House ein asexuelles Paar, das sich aber nach ausführlicher Betrachtung als entweder krank oder als Lügner*in erwies.

Wie haben also einige kleinere Fernsehauftritte, über die ich mich nicht äußern kann, weil ich sie nicht kenne. Und wir haben: Eine Person, die lügt. Eine Person, die krank ist. Sowie, vielleicht, mit vielen Abstrichen, zwei sehr dünne, große Männer mit überdurschnittlichem IQ, aber so wahnsinnigen Schwierigkeiten, mit anderen Leuten zurechtzukommen, dass einer von John Watson als Person mit „Asperger“ fremddiagnostiziert wird („Hound of Baskerville“, Sherlock, Staffel 2, Episode 2). Was exakt den Reaktionen entspricht, mit denen ein*e Asexuelle*r sich bei einem Coming-out herumschlagen muss.

Meine Albenbrut hat ebenfalls eine asexuelle Figur. Wegen der genannten Gründe äußerte eine Beta-Leserin Besorgnis, dass nun alle meinen könnten, Asexuelle seien so wie Heilika. Und auch meine Frau Mama, die den Text kennt, äußerte den Verdacht, dass Heilika ich sein könnte. Weil wir zufällig beide ace/aro sind, schloss sie aus mir unerfindlichen Gründen daraus, dass ich auch genderqueer bin, und es bloß besser verberge. (Ähh, was?)

Dabei haben Heilika und ich, außer den weiblichen Pronomen und einer schon beinahe obsessiven Liebe zum geschriebenen Wort, nicht grauenvoll viele Gemeinsamkeiten. (Meine guten wie schlechten Eigenschaften sind gerecht auf meine Protags und Heilika verteilt, dankeschön.) Warum zur Hölle darf ich heterosexuelle Männer schreiben, wie ich es schon häufig getan habe, ohne dass irgendwer Schlüsse auf mich zieht, aber sobald eine Figur zwei Identitäten mit mir teilt, wird angenommen, dass ich über mich schreibe? /grummel ende.

Fazit: Die Leserschaft neigt zum Verallgemeinern, vor allem, wenn es um Menschen geht, die im öffentlichen Straßenbild, beziehungsweise der Medienlandschaft, nicht oder kaum sichtbar werden. Dadurch stehe ich als Autorin vor der undankbaren Aufgabe, nicht einfach Leute schreiben zu können, die zufällig ace/aro, oder bi, oder blind, oder weiß ich was sind, sondern ich muss mich damit auseinandersetzen, in welchem Kontext ich sie präsentiere, und was Leser*innen daraus im schlechtesten Fall extrapolieren.

Wenn ich es nicht tue, trage ich zur weiteren Marginalisierung von an den Rand gedrängten Gruppen bei.

Womit sich der Kreis schließt.