Über Carmilla DeWinter

Carmilla DeWinter schreibt Phantastik und verque(e)re Texte.

Gelesen 2020 – Erstes Halbjahr

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Lockdown-bedingt habe ich mehr gelesen als erwartet, daher eine Teilung zur hoffentlich besseren Übersicht.

G. K. Chesterton: The man who was Thursday — gelesen im englischen Original. Leicht absurder Roman mit für mich enttäuschend christlich-moralisierendem Ende, aber damit hätte ich bei Chesterton wohl rechnen müssen. Inhalt: Ein Poet, der aus Hass auf die Anarchisten (die waren zum Entstehungszeitpunkt 1908 ein echter politischer Aufreger) Polizist geworden ist, kann sich zu einer geheimen Versammlung von Anarchisten schleichen. Dort lässt er sich zu „Thursday“ wählen, einem von sieben Vertretern im Hohen Anarchistenrat. Ein Verwirrspiel mit zahlreichen Maskeraden entspinnt sich bis zum erwähnten Vollwertkost-Ende. Trotzdem: Das mehr als 100 Jahre alte Englisch liest sich flüssig, der Autor wartet mit einigen sehr eindrücklichen Sprachbildern auf, und der Weisheit: Die einzig mögliche Rebellion gegen die Rebellion ist die Vernunft.

Jeanette Winterson: Frankissstein — „Eine Liebesgeschichte“ steht als Untertitel drunter. Ry Shelley, trans Mann und Arzt, trifft Victor Stein, der an künstlicher Intelligenz forscht. Und parallel dazu (und 200 Jahre vorher) schreibt Mary Shelley „Frankenstein“. (Siehe 2019.) Man weiß nicht so recht, wo der Traum anfängt und die Realität aufhört, und dass die Autorin auf Anführungszeichen verzichtet, ist dann so konsequent wie hinderlich.

Irgendwie soll es wohl darum gehen, was Intelligenz ohne Körper und Körper ohne Intelligenz bedeuten, und dass das größte Monster immer noch der Mensch ist. (Und Byron ein Arschloch war.) Gefühlt ist das alles aber trotz seiner teils schönen, beißenden Ironie etwas verzettelt, nur bei Kenntnis aller Anspielungen zu genießen und mit Symbolen überladen. Keine niedrigschwellige Herangehensweise ans Thema. BoobBooks haben eine etwas andere Meinung dazu. Dass die dortige Autorin Mary Shelleys Ich-Perspektive feiert, ich die aber als normal hinnehme, zeigt vielleicht, dass ich von meinem Fanfiction- und eher frauenlastigen Fantasy-Konsum nachhaltig positiv verdorben verdorben bin.

Oscar Wilde: The Importance of Being Ernest — Theaterstück. Oscar Wilde zieht die Oberflächlichkeit seiner Figuren in voller Konsequenz durch und schafft es trotzdem, Einsichten in die englische „bessere Gesellschaft“ im Besonderen und die Menschheit im Allgemeinen auf eine extrem komische Art zu präsentieren. The truth is rarely pure and never simple. („Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach.“ Passt.)

Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandschaften — Roman von 1809. Ein verheiratetes Paar reicher Leute, zwei „Störfaktoren“, in die sie sich jeweils verlieben. Eigentlich könnte man sich unter der Hand oder mit einer Scheidung einigen und zu zwei Pärchen neu sortieren. Aber die Entstehungszeit macht den vier (wie auch Effi Briest) zu schaffen. Also sind am Ende die „unkeuscheren“ beiden (sie haben sich geküsst) tot, außerdem muss ein Kind ertrinken. Es endet mit der Verklärung einer toten jungen Frau zur Wallfahrtsheiligen. Ob die beiden Überlebenden noch zueinander finden, bleibt offen.

Aus Lektorinnensicht hätte ich Herrn von Goethe einige ominöse Tagebucheinträge gekürzt und ihn gebeten, sich das mit dem Gleichnis aus der Chemie noch mal zu überlegen, zumal er es nicht bis zum Ende durchhält. Ansonsten ist der Roman auch formal seiner Entstehungszeit verhaftet, ergeht sich also schwelgerisch in Landschaftsbeschreibungen, Abendunterhaltungen und allerlei mehr. Nichts für Ungeduldige. Wer mit dem Thema etwas anfangen kann und nicht lieber auf moderne Texte zum Thema Polyamorie setzt, bekommt ein romantisches Melodrama und Sittenbild des frühen 19. Jahrhunderts.

Unbekannt: Die Götterlieder der Älteren Edda (einmal übertragen von Wilhelm Jordan, 1889, einmal von Arnulf Krause, 2001) und Die Heldenlieder der Älteren Edda (übertragen von Arnulf Krause, 2001) — Altnordische Mythologie, und daher aus Prinzip so cool wie fesselnd. Statt Simrock gelesen, bzw. zusätzlich. Dabei ist der Krause einfacher zu lesen und die Anmerkungen sind auch für Uneingeweihte aufschlussreich. Außerdem wirft er nicht nach Gutdünken Strophen raus bzw. sortiert welche vom einen Text in den anderen wie Wilhelm Jordan. Sprachlich ist der Jordan etwas beeindruckender, weil er penibel auf den Stabreim achtet, und mit dessen Beherrschung der Autor denn auch im Vorwort angibt.

Roman Rausch: Die letzte Jüdin von Würzburg — Historischer Roman. Passend zu Corona, denn wir treffen Jaelle, die Anfang 1349 knapp dem Pogrom in Straßburg entkommt und sich nach Würzburg begibt, um dort nach Verwandtschaft zu suchen. Als junger Mann verkleidet kommt sie mit Michael de Leone in Kontakt, einem wichtigen Beamten. Als Schreiber soll sie in dessen Haus für den Würzburger Rabbi spionieren, denn die Pest breitet sich in Süddeutschland aus, und es gehen Gerüchte um, dass die Juden die Brunnen vergiften würden. Was planen der Fürstbischof und der Stadtrat deswegen zu unternehmen?

Obwohl ich dank etwas Geschichtskunde, zumal mit Würzburg-Erfahrung, genau weiß, wo mal das jüdische Viertel war (heute steht die Marienkappelle drauf) und bereits diesbezüglich recherchiert hatte, bleibt der Roman bis zur letzten Seite fesselnd. Ein von mir bemerkter Missgriff ist eine Vokalisierung von JHWH, die man einer jüdischen Figur nicht unterjubeln sollte. Jüdische Lesende dürften daher noch über mehr Dinge stolpern, die nicht passen. (Merke: Sensitivity Reading ist nützlich.)

Wir stellen angesichts der Corona-Krise fest (gerade ist April 2020), dass das mit dem Rassismus noch nicht durch ist, auch wenn noch nirgends die Bewohner:innen einer Chinatown niedergemetzelt wurden. Und Verschwörungstheorien feiern auch seit dem Mittelalter fröhliche Urständ. Wo früher Juden die Brunnen vergifteten oder Hexen das Vieh krank machten, will heute offenbar eine ominöse Verschwörung Menschen per Impfung Chips unterjubeln. (Dass kleine Spendenaffären ans Licht kommen, tausende Verschwörer aber allesamt die Klappe eisern halten, egal, ob es um Impfungen, Chemtrails oder sonst was geht und es einen Sauhaufen Kohle zu verdienen gäbe, wenn sie damit an die Öffentlichkeit gingen — Leute. Logik. Wo ist eure?)

Klopapier hingegen scheint der neue Fetisch gegen Viren zu sein. Ansonsten sollten wir uns wohl nicht zu sehr über den Aberglauben der Altvorderen und die Menschen auf dem Wildtiermarkt in Wuhan erheben. Nur weil die einen an Tigerpenisse und Schuppentierreste glauben und Teile meiner Kundschaft an Belladonna in zwölf mal 50’000facher Verdünnung, heißt nicht, dass nicht beides Zauberei ist. (Ich hab nix gegen Zauberei. Ich hab nur was dagegen, wenn jemand behauptet, es sei Naturwissenschaft. Und Tiere dafür töten … meh. Da die meisten nicht wie Thors Ziegen einfach nach der Mahlzeit wieder aufstehen, sollten man meiner Meinung nach echt zweimal überlegen, ob und wofür man Tiere tötet.)

Isa Theobald, Christian von Aster und Cora Linez: Tintenphönix — wunderschön illuminierter Text bzw. Bilderbuch für ausgewachsene und größtenteils ausgewachsene Menschen. Isa Theobald und Christian von Aster setzen sich jeweils auf ihre Art mit dem Leben und Erzählen von Lebensgeschichte auseinander. Sehr berührend und eine Einladung zum Erzählen und Erzählenlassen, bevor es zu spät ist.

Christian von Aster und benSwerk: Felix oder: Früher hießen Tauben anders — eine wie gehabt eigenwillig-sympathisch illustrierte Geschichte über Felix, der wie eine Taube aussieht, aber in Wahrheit eine Fledermaus ist. Und ein Plädoyer auf die Selbstbestimmung, denn: Wenn man erst einmal wusste, wer oder was man war, dann war man das. Ohne dass irgendjemand drüber abstimmen musste.

Ein Satz, den gewisse Kreise durchaus mal verinnerlichen könnten. (Oder: Wie wäre es mal, nicht über die Pronomen einer trans Person zu diskutieren? Oder ob sich irgendwer „queer“ nennen darf, oder … ?) Die Person, die das ausgelesene Buch zum siebten Geburtstag erhielt, hatte jedenfalls einige gute Fragen diesbezüglich.

Bernhard Stäber: Wächter der Weltenschlange I — Jörmungands Erbe — Urbane Phantastik. Der 15-jährige Rune kentert mit seinem Ruderboot auf einem norwegischen See und wird von dessen Geist, Nyk, vor dem Ertrinken gerettet. Allerdings zu einem Preis: Die Schlange im See hat ein einziges Ei gelegt, und er muss es zum Eismeer bringen, sonst stirbt er. Blöderweise sind drei Disen, weibliche Schutzgeister von Midgard, hinter dem Ei her, denn sie behaupten, es sei Jörmungands Erbe, der Ragnarök mit auslösen wird. In die Auseinandersetzung wird die Hauptfigur, Runes ältere Schwester Malin, mit hineingezogen, aber wir müssen bis zum Ende des ersten Bands warten, um zu erfahren, warum sie mehr Seiten erhält als ihr Bruder.

Auch ansonsten wartet der Text mit einem Haufen schöner Haken, brillianter Einfälle und einer glaubwürdigen Figurenzeichnung zweier mutterloser Jugendlicher auf. Aber dass Bernd Stäber Jugendliche ohne Süßholzraspel kann, hat er schon mit Feuermuse bewiesen. Ich freue mich auf die Fortsetzung. Einziger Haken, außer dass es die Serie noch nicht fertig zu kaufen gibt: Ein paar Zeichenfehler, die meinereiner sofort ins Auge sprangen, weil ich für so was bezahlt werde, dem Restpublikum aber nicht auffallen dürften.

Günter Huth: Der Schoppenfetzer und die Silvanerleiche — Würzburger Lokalkrimi. Der Aufbau ist ordentlich und hält die Spannung bis zum Schluss, der Stil liest sich äußerst flüssig. Im Vergleich zu Claudia Konrads hiesigen Lokalkrimis vermisse ich ein wenig, dass man den Dialogen „des Frängische“ nicht anmerkt. In den Dialogen ist kein einziges „fei/frei“! Eine Romanze ist allerdings angenehm abwesend. Ansonsten: Wäre ich Krimi-Fan, würde ich den nächsten Band auch lesen wollen.

Tina Skupin: Valkyrie — Zurück ins Jetzt — Urbane Fantasy. Der Weltenbau geht davon aus, dass alle Gestalten der nordischen Mythologie und skandinavischen Volkssagen „norsische Völker“ sind, die einst über die Menschen herrschten. So auch die Walküre Frida, unsere Ich-Erzählerin. Nachdem sie für ihren Herrn und Gebieter Odin einen Stamm Varäger/Werwölfe verflucht hat, fällt sie in Ohnmacht und wacht tausend Jahre später wieder auf, im Umland des heutigen Stockholm. Asgard ist nirgends zu finden, dafür leben die Norsen jetzt verborgen unter den Menschen. Auf der Suche nach einem Weg zurück nach Asgard stolpert Frida von einem Missgeschick ins nächste.

Ein wenig hätte die Autorin aus Fridas Kulturfremdheit mehr Humor generieren können als aus den zahlreichen popkulturellen Anspielungen, und manchmal fehlte mir der Suspense, der entsteht, wenn ich eindeutig mehr weiß als die Hauptfigur. Ansonsten  besticht der Weltenbau mit seiner Originalität, die vielen Figuren sind trotzdem vielschichtig, die Wendungen wissen in ihrer Unvorhersehbarkeit zu gefallen, und die Auflösung ist schlicht, aber es wird genial davon abgelenkt. Ich bin eindeutig gespannt, was weiter passiert.

Jodi Taylor: Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv — Zeitreise-SF. In einer nicht näher bezifferten, aber nicht allzu weit entfernten Zukunft wird die Archäologin „Max“ Maxwell von einem speziellen und gut verborgenen Institut engagiert, um historische Fakten per (gut geheim gehaltener) Zeitreise zu verifizieren. Logischerweise haben einige Menschen im Institut mehr Geheimnisse als andere, außerdem gibt es wohl Konkurrenz aus der Zukunft, die sich einen Dreck um die oberste Regel schert: Verändere niemals die Zeitlinie. (Die nächstwichtige Regel lautet: Hole die Batterie aus dem Rauchmelder, damit das ständige Gepiepse nicht alle nervt.)

Jodi Taylor hat hier ein solide konstruiertes Rätsel aufgebaut, dessen Lösung noch zwei Bände dauert. Hinter all den romantischen Verwirrungen und einer unnötig detaillierten Sexszene tritt der eigentliche Weltenbau leider etwas zurück. Amerika hat seine Grenzen dichtgemacht. Faschisten wurden gewaltsam aus Cardiff vertrieben. Was da wohl passiert ist seit heute? Viel Tiefgang darf eins hier jedenfalls nicht erwarten, dafür wie gesagt gute Unterhaltung.

Isa Theobald und David Gray: Requiem für Miss Artemisia Jones — Horrorkomödie. Die jungfräuliche Bibliothekarin Artemisia Jones wird auf einen einsamen Adelssitz gelockt, wo sie vorgeblich die Bibliothek ordnen soll. Tatsächlich aber braucht eine Bande Satanisten sie als Opfer. Satan, der Jungfrauenopfer sonst reichlich dröge findet, wird von seinen Finsterlingen darauf aufmerksam gemacht, dass diesmal ein „potentiell nerviges irdisches Phänomen“ daraus entstehen könnte. Er und seine beste Freundin Asrael, der Todesengel, beschließen, die Gentlemansatanisten mit ihrer Anwesenheit zu beehren.

Trotz aller ekligen Todesarten und abscheulichen Menschen besticht dieses Buch mit einigen wunderbaren Einsichten: Es gibt nichts besseres, als mit einer sozusagen charaktermäßigen Faulheit gesegnet zu sein. Wer faul ist, der ist nämlich auch gelassen (…). Und vor eurer Gelassenheit hat der Alte so richtig Angst. Die passt ihm nicht, weil gelassene Wesen sich nämlich hin und wieder Zeit zum Nachdenken nehmen und seinem Bluff (…) auf die Schliche kommen könnten.

Dieses Zitat gilt übrigens nicht nur für die Kirche, sondern auch für alle anderen, die hoffen, dass eins in blinder Panik ihre hasserfüllten Parolen nachplappert.

Dazu detailverliebte Schilderungen englischer Landhäuser, okkulter Bücher und einer Hölle, wie Sie sie noch nicht gesehen haben. Ein wenig erinnert das alles an Good Omens, auch vom Tonfall her, ist aber weniger jugendfreundlich. In einem Rutsch weggelesen. Ich freue mich auf die Fortsetzung.

Claudia Speer: Der Normanne und die belagerte Stadt — historischer Roman, dritter in der Reihe, die ich Anfang letzten Jahres las. Der Humor ist hier etwas zurückgeschraubt, im Vergleich zu den Vorgängern. Dafür wuchern Ränke und Intrigen aus jeder Ecke, während Guy of Gisborne, sein Knappe Jakob und die schöne Heilerin Miriam versuchen, das Schwert Excalibur zu Richard Löwenherz zu tragen, damit Guy endlich nach England heimkehren darf.

Auch aufmerksamere Lesende als ich dürften sich in den verschiedenen Fäden verheddern und einige Überraschungen erleben — ich brauchte vor dem letzten Drittel eine Pause, weil mir das zwischendrin echt zu anstrengend wurde. Andere dürfte es eher dazu verleiten, den Roman durchzusuchten.

Neben einigen übriggebliebenen Kommafehlern finden wir hier ein Sittengemälde, das wohl allen Mittelalter-Romantiker*innen die Sehnsucht nach der guten alten Zeit austreiben dürfte.

Joachim Sohn: Sunnie & Pollis Meistererzählungen: Band 1: Aufregung in Dampfstadt — absurde Katzendetektivkomödie mit Steampunkiger SF-Note. Ausführliche Rezension in einem eigenen Artikel.

Christian von Aster mit benSwerk: Der Wasserspeier Fledermeier — illustriertes Buch nicht nur für Kinder. Wie immer gewohnt herzig, und wie immer nicht für Menschen illustriert, die es zuckrig mögen. Über das Angsthaben und das Mitfühlen mit Menschen, die anders aussehen als du.

Christian von Aster: Boar Boys — illustrierte Erzählung über einen Haufen krimineller Leprechauns. Ausgeliehen bei DasNixblix, die das Crowdfunding unterstützte und daher an eins der limitierten Exemplare gelangte.  Trotz oder wegen der Panzerfäuste eine wunderschöne und saukomische Ode an die Freundschaft.

Oscar Wilde: The Happy Prince and other stories — Kurzgeschichten, wie der Titel schon sagt. Ein Mix aus Erbaulichem, Traurigem und Gesellschaftskritik. (Nicht, dass die Kritisierten in den Geschichten etwas lernen würden, aber das ist ja leider öfter der Fall, vor allem im realen Leben.) Schönes Englisch mit exzellent ausgeführten allwissenden Erzählenden, wie von Wilde gewohnt.

Queer*Welten, Ausgabe 1/2020 — ein neues Magazin über Queerfeminismus und spekulative Fiktion bzw. phantastische Literatur. Die erste Ausgabe lässt sich mit drei Kurzgeschichten, sehr amüsanter Lyrik und einem Aufsatz über Rassismus bei Tolkien sehr gut an, sodass ich mir sicher die nächste Ausgabe ebenfalls gönnen werde.

Franz Kafka: Die Verwandlung — phantastische Erzählung. Aus mir nicht bekannten Gründen ist Kafka in der Schule genauso an mir vorbeigegangen wie Herrmann Hesse. Diese Erzählung über einen jungen Mann, der eines Morgens als riesiges „Ungeziefer“ aufwacht (wir müssen uns wohl eine Art Assel oder Tausendfüßler vorstellen), gefällt mir bis auf ihr Ende ausnehmend gut. Laut Nachwort war Franz Kafka mit dem Ende ebenfalls nicht zufrieden, aber er hatte wohl kein ordentliches Lektorat, das ihm da unter die Arme greifen konnte.

Diese Geschichte, in der sich immer weiter herausstellt, wie sehr die restliche Familie den Gregor Samsa ausgenutzt hat und wie sie darauf reagiert, dass er auf einmal nicht mehr nützlich ist, kann als Parabel auf allerlei gelesen werden, ob es nun ein Minderheitendasein an sich ist oder auch ganz schlicht darauf, wie eine Familie mit einer Suchterkrankung oder einer Depression umgeht. Weniger als die zahlreichen Beinchen des Gregor Samsa jagt die aus allen Löchern sickernde Lieblosigkeit in dieser Wohnung mir Schauer über den Rücken.

 

 

Sachtexte/Biographien (Auswahl):

Anna Wimschneider: Herbstmilch — Autobiographie. Eindringlich trotz oder wegen der einfachen Sprache. Gedanken dazu anderorts.

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. — Das feminisische Grundlagenwerk. Enthält mir insgesamt zu viel Psychoanalyse, ansonsten aber einige nachdrückliche und vor allem sehr kluge Einsichten in die hiesige Gesellschaftsordnung.

Andreas Mang: Aufgeklärtes Heidentum — eine kritische Betrachtung der Begriffe Religion, Gott, Glaube und von allerlei mehr. Erste, noch selbstverlegte Ausgabe. Fazit: Über die Natur von Gottheiten lässt sich trefflich streiten, insofern unterlässt eins das besser. Es hat dadurch schon genug Glaubenskriege gegeben. Die Orthodoxie, also den Glauben wichtiger als die Befolgung der Rituale zu finden, ist übrigens eine Erfindung des Monotheismus. Und: Selbst Odin hätte wohl Probleme mit Nazidenke. (Immerhin ist sein Pferd das Kind seines Blutsbruders.) Und Hitler war schwammig evangelisch und fand Heidentum abgeschmackt.

Anne Otto: Woher kommt der Hass? Über die psychologischen Hintergründe von Rechtsruck und Rassismus. — Eine Tour de Force durch Erkenntnisse zu autoritärem Denken, wie Staat und neoliberale Wirtschaft es befördern (Agenda 2010, irgendwer?), die Medien mit der Suche nach Empörungs-Likes die Sache nicht besser machen, und wo sich alle an die eigene Nase fassen müssen. Keine seelische Streicheleinheit, wie lieb und gut die Lesenden doch sind. Dafür extrem klug. Notiz: Ein zweites Mal lesen und dann ein eigenes Posting dazu.

 

Beruflich gelesen:

Kirsten Klein: Jaspers Lächeln — Psychothriller mit Heidelberg als Kulisse. Wer auf Thriller steht, findet hier Hochspannung ohne großen Ekelfaktor.

(Die anderen Texte sind für das zweite Halbjahr geplant. Nicht nur wegen Corona.)

Dazu wie immer unglaublich viel Fanfiction.

 

Unzivilisiertes Volk.

Nach der Schule kam die Meieredermutter, um mir das Kochen beizubringen. In meinem Beisein sagte der Vater, wenn sich’s das Dirndl nicht merkt, haust du ihr eine runter, da merkt sie es sich am schnellsten.

 

Diese Raufereien wurden auch unter den Burschen auf dem Tanzboden ausgetragen. (…) Damals kam es auch oft zu Messerstechereien, jedes Mannsbild trug damals ein feststehendes Messer mit sich.

 

Einmal schaute der Herr Pfarrer alle Kinder durch, ob sie auch ihr Gebet- und Gesangbuch dabeihatten. Er kam zu mir und erkannte sofort, dass ich ein anderes, ein kleineres Buch hatte. Ich musste zu ihm kommen, er sah es an und (…) schlug mich mit seinen schweren Händen links und rechts so ins Gesicht, dass mir der Hut vom Kopf flog.

 

Am nächsten Sonntag kam auch schon der nächste Haufen Wäsche, und wenn ich nicht alles fertig hatte, beschimpften mich die Brüder. Oft stand ich in der Ecke, und ein jeder kam her und schlug mich ins Gesicht.

 

Nach den Ungarn kamen dann Sudetendeutsche, die wollten nur kurze Zeit bei uns bleiben, weil ihnen neue Häuser versprochen worden waren (…). Bald aber zogen sie nach Hessen, weil bei uns die Wohnung zu schlecht war und in Hessen Bekannte waren. Nach kurzer Zeit kamen sie wieder zu uns zurück, weil man in Hessen die Wildsäu [Bayern, Anm. d. Blogerin] und die Flüchtlinge nicht leiden konnte.

 

Die Mutter sagte, wir haben gar nichts zum Essen, geh doch wieder hin, vielleicht wird er doch noch gescheiter. Da ging sie wieder. Am nächsten Tag machte er das gleiche, und weil sie keinen anderen Ausweg wusste, gab sie nach. Nun war sie ihm ausgeliefert, und oft hat sie geweint. Wegen dem bisschen Essen machte der Hammel mit ihr, was er wollte. (…) Das ging gut ein Jahr, dann sagte sie zum ihm, Bauer, ich bin schwanger! Da wurde er ganz narrisch und schrie, aber nicht von mir! Du Hure! (…) Sie sagte es der Bäuerrin. Da halfen der Bauer und die Bäuerin zusammen und jagten die Magd vom Hof. Ihr bisschen Gewand haben sie ihr über die Stiege nachgeworfen.

 

Eine Auswahl aus „Herbstmilch — Lebenserinnerungen einer Bäuerin“ von Anna Wimschneider. Erschienen 1984. In meiner Generation oder jünger dürften das nicht so viele gelesen haben.

Diese Geschehnisse haben sich alle zwischen etwa 1925 und 1955 in Niederbayern zugetragen, sind also noch nicht so lange her.

Zitat Wikipedia: „1980 wurde die Prügelstrafe an Schulen auch in Bayern abgeschafft.“ Seit 2000 dürfen Eltern (und andere) Kinder auch daheim nicht mehr schlagen.

Wie fortschrittlich.

Wobei, Kanada und die USA haben es immer noch nicht so richtig gerafft, dass geprügelte Kinder eher gewalttätig werden als welche, die gewaltfrei aufwachsen.

Nur mal für Leute, die immer noch glauben, dass „die Muslime“ oder „die Flüchtlinge“ ja ach so furchtbar altmodisch sind und Frauen verachten und sich prügeln und sich Messerstechereien liefern.

„Altmodisch“ ist sehr, sehr relativ.

Die Prügeleien und die Sachbeschädigungen von Stuttgart sind natürlich verwerflich. Wir brauchen unter anderem Präventionsmaßnahmen, Chancengleichheit und müssen offensichtlich an die Planung für einen Lockdown anders herangehen, selbst wenn wir es bis dahin (utopischerweise) hinbekommen, arme und völlig mittellose Menschen nicht zusammenzupferchen.

Und die Sozialen Medien erweisen sich mal wieder als asoziale Empörungs- und Like-Tretmühlen.

Ich möchte hiermit also darauf hinweisen, dass der Firnis dünn ist und die Nationalität der Hälfte der in jener Nacht festgenommenen Täter*innen ein größerer und vor allem ein zeitbedingterer Zufall ist, als eins auf dem hohen Ross der Selbstgefälligkeit annehmen sollte.

Kater auf Lachgas

Im Zuge des Drachennestfestes, das aus der Corona-Not geboren wurde, gewann ich den ersten Band von Joachim Sohns Sunnie & Pollis Meistererzählungen: Aufregung in Dampfstadt.

Ich versprach, einen eigenen Artikel mit Rezension zu schreiben — und das ist auch nötig, denn das Buch spottet jeder Beschreibung, die sich auf drei Absätze beschränken will.

Zunächst muss ich eine Warnung aussprechen: Dies ist ein illustriertes Buch für Menschen, die lange Sätze verstehen und seltenere Wörter mit den zugehörigen Anspielungen kennen. Also eher nicht für Kinder unter 12 und mehr so Geburtsdatum vor 1995. Lassen Sie sich von den putzigen Katern mit den schrägen Outfits auf dem Cover nicht täuschen.

Worum geht’s?

Die Kater Sunnie (Brille, schwarz-weiß gefleckt) und Polli (getigert, mit Schirmmütze) werden von dem schwarzen Kater Kiri O’City (mit Zylinder) genötigt, nach Dampfstadt zu reisen, um dort ein seltsames Phänomen aufzuklären.

Schon bei der ersten Begegnung mit Menschen aus Dampfstadt fällt ihnen auf, dass die alle so blöd grinsen. Sie vermuten eine Überdosis Lachgas. Und das scheint ihnen ein viel größeres Problem als dasjenige, das der Bürgermeister ihnen schildert. Obwohl der Bürgermeister und Kiri O’City ein straffes Programm für sie zusammengestellt haben, das ihnen bei der Lösung des bürgermeisterlichen Problems behilflich sein soll — unter anderem sollen sie eine Talkshow aufhübschen — machen sie sich an die Lösung des tatsächlichen Rätsels. Und helfen gleichzeitig einem TV-Laufburschen in Liebesnöten.

Und, wie ist es so?

In kurz: Sehr, sehr Meta, vor allem, was Medien und Konsum angeht. Und, wie schon im Klappentext steht: „Nicht für Klimawandelleugner geeignet!“

Was man bekommt:

Dampfbetriebene Science Fantasy.

Das Buch besteht den Bechdel-Test nicht (nur eine einzige ausführlichere Frauenrolle, die auch noch hinterher eine Typen abbekommt), aber die Holmes-und-Watson-ähnliche Symbiose der beiden Kater, die gefühlt nur pro forma Pronomen haben, entschädigt dafür.

Ein Paar Meisterdetektive, die selten mit- aber nie ohneeinander können. Und die trotz ihrer extrem schrägen Logik Fälle lösen.

Polli stieß diese Aufdringlichkeit übel auf, aber als tüchtiger Meisterdetektiv inspizierte er die Grinserei natürlich genau, indem er abwechselnd schnell das eine, dann das andere Auge zukniff, um nicht beim Beobachten durch das Gegenüber ertappt zu werden. Wie konnte dieser ihm so schon nachweisen, mit welchem Auge er ihn tatsächlich gerade ansah?

Insgesamt ein Plädoyer dafür, die richtigen Fragen zu stellen und sich ein bisschen über alltäglich Geglaubtes zu wundern.

Eine Detektivgeschichte mit einer halben Auflösung — welche Ursache das bürgermeisterliche Problem hat, bleibt vorerst offen. Dafür finden sich massenweise doppelte Böden, die für mich ein paar (nicht zu viele) Seiten mehr vertragen hätten, damit das Miträtseln für die geneigten Krimifans ein bisschen ertragreicher ist.

Ich bin mir im Übrigen sicher, dass ich nicht alle dieser doppelten Böden gefunden habe.

Selbige doppelte Böden und Erzählerkommentare von der Meta-Ebene machen eine Menge Spaß, vorausgesetzt, man kann so was ab. Wer sich schon am Anfang fragt, warum die beiden Kater in einer Spirale nach Hause wandern und Kiri O’City unvermittelt in HipHop-Moves ausbricht, hat keinen Spaß an der Geschichte.

Für Experimentierfreudige mit etwas Küchenerfahrung gibt es außerdem ein Rezept für eine Süßspeise zum Nachkochen.

 

 

Pride Month 2020

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Pride Month also. Ist halb durch. Hier in Deutschland wird das ja nicht so publiziert wie in den USA. Der Stonewall-Aufstand war im Juni, also ist dort der gesamte Monat Anlass, sich mit den Rechten der diversen Buchstaben-Menschen auseinanderzusetzen.

Als einige europäische Länder gerade eben so zögerlich darüber nachdachten, dass man ja Männer, die Männer lieben, nicht unbedingt einsperren muss, gab es in New York City sowohl eine sehr hohe Dichte an queerem Volk als auch eine repressive Gesetzgebung. Bei einer Razzia im Stonewall Inn hatten ein paar Menschen endgültig genug, von der Polizei gegängelt zu werden, es folgten einige Tage Unruhen.

Überrascht es, dass da weniger die Polohemd tragenden netten weißen Kerls von nebenan auf die Barrikaden gingen, sondern trans Frauen und Menschen in Drag? Ein Haufen junge Leute zudem, die kaum Geld hatten und oft keine feste Adresse?

Aber ohne feste Adresse ist es schwierig, sich zu organisieren, und die Organisationen, die es gab und die die Aufstände in politisches Kapital verwandelten, waren nicht besonders gut darin, Personen of Color, von den Eltern rausgeworfene Jugendliche und Leute einzubinden, die das Bild des braven schwulen Nachbarn mit ihrer Feminität und ihren Fummeln störten.

(Nachzulesen unter anderem in „Stonewall“ von David Carter.)

Jetzt ist wieder Pride Month, und in den USA hat sich ein neuerlicher Aufstand etwas beruhigt, aber der Aufstand fand aus anderen Gründen statt. Oder aus ähnlichen? Ist ja nicht so, als hätten nicht wenige weiße Buchstabenmenschen egal welcher Nationalität ein Problem mit Rassismus.

(Wir müssen uns daran erinnern, dass der Vorwurf von Homosexualität bereits erfolgreich von Faschisten verwendet wurde, um die Morde an anderen Faschisten zu rechtfertigen. Übrigens hat das restriktive Waffengesetz der Bundesrepublik seine Wurzeln wohl mit im Naziregime — sollten also tatsächlich in den USA Faschisten an die Macht kommen, täte sich die NRA wohl wundern, wer auf einmal alles überprüft wird, bevor sie eine Waffe rumtragen dürfen.)

Das ist der Witz an solchen Verwerfungen: Es gibt sehr viele. Und während manche Menschen es einfach halten und alles verachten, was nicht weiß, mindestens Kleinbürgertum, cis-männlich, gesund, able-bodied und heterosexuell ist, haben wir alle unsere Vorurteile aufgesaugt. Frausein schützt unter keinen Umständen vor Frauenverachtung, Rassismus, Hass auf queere Menschen, Klassismus oder Behindertenfeindlichkeit.

Homo- wie Heterosexuelle üben sich in Bifeindlichkeit. Und so weiter. Und so weiter.

Die a_sexuelle Community leidet übrigens unter einem eklatanten Mangel an gut sichtbaren Menschen, die nicht weiß sind.

(Aber das weiterzuverfolgen, ist hier nicht zielführend, zumal ich noch keine Ideen diesbezüglich habe.)

Zwar bringt es die Menschheit in ihrer derzeitigen Situation nicht weiter, immer „Wir“ und „Die“ gegeneinanderzusetzen (kein Planet B und so). Aber über Jahrhunderte eingeübte Verhaltensweisen und liebgewonnene Glaubenssätze legen sich nicht so schnell ab, wie es nötig wäre.

Und wenn schon der bewohnbare Teil des Planeten langsam in den schmelzenden Eismassen von den Polen versinkt, ist es wohl tröstlich, sich an Etiketten zu klammern. In der Hoffnung, dass die schwimmen?

Enttäuschende Aufsätze von Bestsellerautorinnen

CN: Mäander über Transfeindlichkeit mit Erwähnungen sexueller Gewalt

File:Transgender Pride flag.svg

 

Also, J. K. Rowling, die Frau, die Harry Potter erfunden hat, bekommt seit einiger Zeit Internet-Gegenwind wegen Transfeindlichkeit.

Gegen den Gegenwind schrieb sie einen langen Text. Sie sei gar nicht transfeindlich! Aber sie habe halt Bedenken.

Am Anfang klingt der Text vernünftig, zumal sie einen verständnisvollen, ruhigen Ton anschlägt. Frau gerät so ins Mitnicken, und wenn eine mal das Mitnicken angefangen hat, findet sie da selten schnell wieder raus. (Menschen sind halt so. Dreimal zugestimmt, da ist es echt schwierig, beim vierten Argument zu sagen: „Halt mal …“)

Trans für Dummies

Grundlage für den Streit ist Folgendes:

Bestimmen die Geschlechtsteile, die Menschen haben, automatisch deren Geschlecht? Also, ob sie Männer oder Frauen sind?

Oder ist das Geschlecht, das Menschen in ihrem Kopf und Herz haben (das Ich-Geschlecht, wie es eine großartige Person nennt), ausschlaggebend?

Je nach Standpunkt haben wir dann bei trans Menschen entweder Männer und Frauen, die einen an der Waffel haben und deswegen Namensänderungen, Hormone und/oder Operationen wünschen,

oder

Menschen, denen es in ihren Körpern und/oder den ihnen von der Gesellschaft zugewiesenen Rollen nicht gut geht und die daran dann verständlicherweise etwas ändern wollen.

(Inter* Menschen kommen in der ersten Meinungskette wohl nicht vor.)

J. K. Rowling gehört zu der Fraktion Biologie = Geschlecht.

Ich nicht.

Trotzdem kam ich bei ihrer Verteidigung ins Mitnicken, was sie zu einer großartigen Autorin, macht, aber nicht unbedingt zu einem großartigen Menschen. Aber daran habe ich schon seit Dumbledore und vor allem seit Ron Weasley im Epilog von Band 7 gezweifelt.

Sezieren wir die Argumentationskette von JKRs Aufsatz mal.

Teil 1: Trans Männer

  • Sogenannte trans-ausschließende Feminist*innen würden sich um alle Menschen kümmern, die als Frauen geboren seien, auch um trans Männer, also würden sie gar nicht grundsätzlich trans Menschen ausschließen.
    • Was hat das mit dem Thema zu tun?
  • Sie macht sich Sorgen um junge Menschen. Es gibt einen nachweislich zu verzeichnenden Anstieg von jungen Menschen, denen bei der Geburt das Geschlecht „weiblich“ zugeordnet wurde, und die eine Transition anstreben. Angeblich sei das in manchen Freundinnenkreisen regelrecht ansteckend, wie Magersucht wohl manchmal. Und was ist dann mit Mädchen, die merken, dass sie nur angesteckt wurden, aber schon mit Hormonen oder Operationen ihren Körper unwiederbringlich verändert haben? (Text zu dem von JKR erwähnten Artikel samt Streit im englischen Wikipedia hier.)
    • Das ist eine einzige Studie über die Befragung von Eltern, die sehr häufig als letzte eingeweiht werden.
  • Trans Aktivist*innen würden behaupten, dass der Hauptgrund für die überdurchschnittlich vielen Suizide junger trans Menschen daran läge, dass man sie von der Transition abhalte.
    • Ich halte das für eine fehlerhafte Behauptung. Wie viel Schaden richtet es an, wenn sich das Umfeld weigert, einen anderen Namen und Pronomen zu benutzen? Wenn das Umfeld mit Aggression auf die Überschreitung der derzeit geltenden Geschlechtsnormen reagiert? Wahrscheinlich mehr als die Frage, ob Hormone zur Pubertätsblockade verschrieben werden oder nicht.
  • Also was ist nun mit den Leuten, die voreilig Hormone und OPs bekommen?
    • Wie viele sind das, mal ehrlich, bei den derzeitigen Zuständen im deutschen und englischen Gesundheitssystem? Letzteres ist ja bekanntlich seit Jahren überfordert, mit allem.
  • Und außerdem, wenn JKR sich so anschaut, was junge trans Männer so schreiben, dann erkennt sie sich als junger Mensch wieder. Vielleicht hätte sie sich auch eine Transition gewünscht, wenn sie heute geboren wäre? Immerhin sei es eine große Verlockung, dem Frausein permanent zu entkommen, und sie habe damit als Jugendliche gehadert.
  • Also: Wie viele junge trans Männer kommen zustande, weil die Gesellschaft so beschissen frauenfeindlich ist?
    • Eine Antwort darauf habe ich nicht. Diesbezüglich habe ich aber etwas Ähnliches über nichtbinäre Menschen gehört, die in JKRs Text gar nicht vorkommen, die aber in meinem aktivistischen Bekanntenkreis viel häufiger sind als trans Männer. Aber wenn ich überlege, dass eine Transition mit mehr Hindernissen verbunden ist als feministischer Aktivismus, holpert das irgendwie.

 

Widersprüchliches Fazit 1:

JKR unterstützt als Feministin trans Männer, auch wenn das ihrer Meinung nach zu 60 bis 90% Frauen sind, die einfach keinen Bock mehr haben, vom Patriarchat unterdrückt zu werden.

 

Teil 2: Trans Frauen

  • Trans Frauen und cis Frauen haben unterschiedliche biologische Wirklichkeiten. Mit diesen biologischen Wirklichkeiten wird Politik gemacht. Es wird unterdrückt und dagegen gekämpft.
    • Ja.
  • Es könnte sein, dass der Kampf gegen die Unterdrückung aufweicht, wenn wir aufzeigen, dass das biologische und das Ich-Geschlecht nicht unbedingt was miteinander zu tun hat.
    • Den Vorwurf, dass trans Menschen den Feminismus unterhöhlen würden, habe ich bereits gehört und für Unfug befunden. Nur weil eine Person trans ist, heißt das ja nicht, dass Menschen, die das nicht akzeptieren, selbige nicht als Frauen und damit minderwertig behandeln. Insofern ist Feminismus quasi ein Mitinteresse jeder halbwegs mitdenkenden trans Person.
  • Die Entscheidung, bei machen Themen beispielsweise von „Menschen, die menstruieren“ statt von „Frauen“ zu sprechen, ist für manche inkludierend und für andere befremdlich.
    • Kann sein. Neue Sachen sind für viele Leute befremdlich.
  • Frauen werden sehr häufig aufgrund biologischer Gegebenheiten beleidigt, es sei also abwertend, biologische Gegebenheiten als Beschreibung zu verwenden.
    • Blicke ich nicht. Man könnte sich die auch zurückerobern? Und halt mal nicht hinter vorgehaltener Hand rumflüstern, dass „Erdbeerwoche“ sei.
  • JKR hat sexuelle Gewalt überlebt und immer noch mit den Folgen zu kämpfen.
    • Wo ist der Typ, damit ich ihn umbringen kann? Und wieso verknacken wir eigentlich nicht alle Täter sexueller Gewalt lebenslänglich, um weitere Menschen vor ihnen zu schützen? Es handelt sich nachweislich bei fast allen um Serientäter.
  • Trans Frauen verdienen mehr Sicherheit. Cis Frauen und Mädchen verdienen aber auch mehr Sicherheit. Sie will nicht, dass ihre Töchter das mitmachen, was sie erlebt hat.
    • Wieso schließt sich das aus?
  • Es gibt Pläne, dass in Schottland zur Personenstandsänderung bald nur noch eine einfache Erklärung nötig ist. Also muss jetzt ein Typ nur noch hingehen, behaupten, dass er eine Frau sei, und auf einmal habe er Zugang zu Räumen, die sonst nur Frauen offen sind.
  • Täter könnten das ausnutzen!
    • Äh. Okay. Also, die Kerle, die in Südkorea Kameras auf Damentoiletten installieren, können das prima ohne wechselnden Geschlechtseintrag. JKR glaubt doch nicht ernsthaft, dass ein potentieller Täter erst mal über eine bürokratische Hürde springt, um an nicht von Putzpersonal beaufsichtigten Orten (egal ob Klos, Umkleiden, Parks, Clubs oder daheim) Frauen zu vergewaltigen? Und was ist mit den trans Personen, die in Toiletten beschimpft, verprügelt oder vergewaltigt werden, weil sie irgendeiner übergriffigen, transfeindlichen cis Person nicht passen?

 

Widersprüchliches Fazit 2:

JKR akzeptiert trans Frauen und will sie beschützen, aber im Grunde verdächtigt sie alle trans Frauen, potentielle Täter für sexuelle Gewalt zu sein.

 

Ende

Und das, meine lieben Mitmenschen, ist dann in gleich zwei Varianten transfeindlich. Aber halt echt verdammt gut versteckt.

Mist verfluchter

Also, erster Mist: Das Sachbuch — Expedition Unsichtbar — ist vom Verlag auf September verschoben.

Corona und so. Unpraktisch für Autorinnen wie mich, die schon Werbung gemacht haben.

Muss ich erst mal verdauen.

Zweiter Mist: WordPress hat mir eine knappe Stunde Arbeit geklaut. Ein Artikelentwurf bezüglich J. K. Rowling ist verschwunden. Obwohl die Seite behauptete, dass es gespeichert sei. 400 Wörter für den Arsch.

Und davor den neuen Editor probiert: Einmal zu oft auf den Pfeil nach links geklickt (den Lösch-Pfeil), da waren 100 Wörter weg. Das Teil speichert offenbar nicht so oft zwischen wie der alte es (angeblich) tut.

Graaaah.

Also wieder altmodisch den ganzen Kack in OpenOffice entwerfen.

(Und wer sich jetzt über meine Flüche aufregt, das F*-Wort müssen sich meine Kolleginnen live öfter anhören als ihr.)

 

 

USA. Pressefreiheit. Polizeigewalt.

Zitat

über Support the Fight Against Inequality: Resources and Ways to Act

Eine Liste von Organisationen, die Spenden und Unterschriften sammeln, hat wer bei WordPress zusammengestellt. (Falls Sie sich wundern, warum ich hier eine Seite habe und nicht umziehe, auch deshalb.)

Währenddessen unkt Sascha Lobo, dass Trump einen Staatsstreich vorbereitet. Soweit die gesammelten Informationen reichen: Zuzutrauen ist es dem Mann mit der seltsamen Frisur allemal, mit dieser für ihn (und für viele Autoritäre) charakteristischen Mischung von Größen- und Verfolgungswahn.

Pandemie-Erinnerungen

Oder: Kleine Zeitreise vor die Blogkarriere

Erinnert sich noch wer, dass 2009 schon mal Pandemie war? Schweinegrippe, neues H1N1.

chicago day1 - 07

2009 war keine Reisebeschränkung. Ich und andere Touris bei Regenwetter vor Chicagos Cloud Gate — ein Tor zu den Wolken, an dem Tag mehr als anderen.

Ende Juni 2009 war ich in Chicago. Und wen in Toledo, Ohio, besuchen. Weil der zweite Transformers-Film anlief, und wir zwei Irren beschlossen hatten, am ersten Wochenende gemeinsam ins Kino zu gehen.

Die Freundschaft mit kaydeeblu hat sich mittlerweile verlaufen.

Ich hatte wegen der besorgten Verwandtschaft Tamiflu mitgenommen und nicht gebraucht. Es war dann abgelaufen und entsorgt, bevor ich es anno 2015 gebraucht hätte. (Damals kam ich gar nicht auf die Idee, dass ich das ja nehmen könnte. Ob ich es mit dem Medikament vielleicht doch zur Messe geschafft hätte? Ohne die Bronchitis hinterher?)

Von der ganzen Eierei um die 2009er Grippe-Pandemie war nur in den Kommentaren der Leute hierzulande was zu spüren. Masken und so gab es weder hier wie dort.

Ich habe mich dann im Herbst 2009 mit Pandemrix impfen lassen. Der Arm tat kaum weh, dafür hatte ich etwa 24 Stunden lang etwas wie einen Schwips: leichter Kopf und beim Treppensteigen etwas Schwindel. Bloß ohne das nette Rauschgefühl vom Alkohol dazu.

Ich war trotzdem zehn Stunden damit arbeiten.

chicago day3 - 25

Und Chicago ohne Regenwetter. Downtown hat teilweise sehr hübsche Architektur zu bieten, wenn eins Wolkenkratzern nicht abgeneigt ist.

Ach so: Das hier ist keine Verteidigung oder Verurteilung von Maßnahmen. Dass die 2009er-Influenza recht milde verlaufen sollte, wusste ich bereits, als ich in den Flieger stieg. Menschen mit meinem Jahrgang, die ohne ersichtlichen Grund nach zwei Tagen mit 43°C nicht senkbarem Fieber verstarben, gab es da nicht, und H1N1 hat auch nicht einen der bekanntesten evangelischen Pfarrer meiner Stadt ins Grab gebracht.