Über Carmilla DeWinter

Carmilla DeWinter schreibt Phantastik und verque(e)re Texte.

Ende einer Ära

Ich hab’s ja nie fertiggebracht, dir einen Namen zu geben. Andere hießen Julia oder Dinmikkit, du warst sehr prosaisch, aber liebevoll „der Karren“ oder „die Karre“, je nach Laune.

Wir sind ungefähr 150’000 Kilometer in sechzehn Jahren zusammen gefahren, haben drei Umzüge, drei Konferenzen und fünfzehn Infostände zusammen gewuppt. Wir waren sogar zusammen im Fernsehen! Du hast sämtliche Macken, Dellen und zwei kaputte Stoßstangen, diverse Dekorationen aus Window Color und Aufklebern klaglos hingenommen, obwohl der Decepticon auf der rechten und der „Ich will nur das Eine: Kuchen“ auf der linken Hinterbacke für manches Publikum echt gewöhnungsbedürftig war.

Wir sind ungezählte Male quer durch Süd- und Mitteldeutschland Leute besuchen gefahren und haben auch sonst eine Menge Zeug und Personen transportiert. Außerdem sehr selten Hunde und öfter Katzen. Letzere haben auch schon mal aus lauter Protest ihren Korb in Stinkbomben verwandelt.

Mehr als einmal hatten wir liebe Mitmenschen, die auf dem Beifahrersitz eingeschlafen sind. Das mit der Beinfreiheit im gesamten Auto war für meine hochgewachsenen Bekannten immer eine Wohltat.

Ich hatte gehofft, dass wir das mit dem H-Kennzeichen hinkriegen. Immerhin tratest du 1997 als Mutters Familienkutsche in mein Leben.

Dann kam dieser Sommer und die Zündung wollte nicht mehr so richtig. Zeitweise tuckerten wir auf drei Zylindern. Das vierte Zündkabel war durchgeschmurgelt, und niemand konnte so recht sagen, warum. Es ist Rost im Auspuff, der Keilriemen fast durch, und das mit der Gangschaltung — der erste und der Rückwärtsgang brauchen an manchen Tagen gutes Zureden. Mehr als einmal krachte es im Getriebe, weil ich das beim Anfahren nicht rechtzeitig bemerkt hatte. Dass die Zentralverriegelung an der Volkswagenkrankheit leidet, hatte ich schon vor Jahren akzeptiert, aber es war trotzdem nervig, dass sie nur tat, wenn ich die Fernbedienung nicht benutzte.

Jedenfalls: Ich hab dich gestern ungern hergegeben, aber es ging nicht anders. Dich durch den zehnten TÜV zu bekommen, hätte mich ein Drittel der Neuanschaffung und mindestens das Doppelte deines Restwertes gekostet.

Du kommst hoffentlich zu irgendeinem Menschen, der dich fachgerecht zerlegt und damit andere stolze Besitzer*innen deiner Baureihe noch eine Weile glücklich macht.

RIP, Schätzchen.

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Bald weihnachtet es.

Und daher ist beim Himmelstürmer-Verlag das Buch „Pink Christmas 8“ erschienen.

Es ist eine Story von mir drin: „Raue Nächte“.

Weder mein Titel noch der Inhalt passen so richtig zum Cover. Da mir kein rosa Flausch einfiel, entstand eine nachdenklich-düstere fantastische Story, die, Eigenlob, bei den Rezensent*innen ganz gut ankam. (Und ein Ace enthält. Wie könnte es anders sein.)

Der Hund schoss davon, bellte, dass seine Stimme fast überschlug, und verschwand auf den Waldweg hinter dem Haus, bevor Micha sich wieder aus dem feuchten Gras aufgerappelt hatte.
Die Welt schwankte ein wenig, als er ihr hinterherstapfte. „Buffy!“, brüllte er. „Du Dreckstöle! Komm sofort wieder her!“
Das half natürlich alles nichts. Buffy bellte weiter, die fremden Köter kläfften, dazu wieherte ein Pferd.
Welcher verfluchte Idiot ritt bei diesem Wetter im Wald?
Micha hätte Buffy entgegen aller Ermahnungen einfach in den Garten pinkeln lassen sollen.
Er beschleunigte, um den Hund einzufangen. Wenigstens gab sie Laut und trug das Leuchthalsband.
Kaum, dass er den Waldrand erreichte, verklang das Bellen der fremden Hunde. Selbst der Wind brauste nicht mehr so grauenvoll. Nur Buffy kläffte aus unmittelbarer Nähe. Als Micha dem Weg um ein Brombeerdickicht folgte, fand er sie auch schon. Sie und eine Person auf dem Boden.
Er eilte dazu und ging neben dem Mann in die Hocke. Der Typ trug einen dunklen Rauschebart, lange Haare und ein beschissenes Wikingerkostüm. An dem Helm fehlten bloß noch die Hörner, um das Klischee perfekt zu machen.
„Hallo“, sagte Micha. Rüttelte den Fremden an der Schulter, was dieser mit einem Stöhnen quittierte. Immerhin lebendig und nicht bewusstlos.
Irgendeiner dieser heidnischen Spinner, der heute Nacht was auch immer im Wald getrieben hatte? Vielleicht vom Pferd gefallen war?
Und Micha hatte das Handy im Haus gelassen. Ganz prima.
Wieder rüttelte er den Fremden an der Schulter. „Können Sie mich hören?“
Der Fremde drehte den Kopf und blinzelte Micha an. Selbst im Licht des LED-Halsbandes erkannte Micha bezaubernd grüne Augen und ein seliges Lächeln.
Hübscher Kerl unter dem Bart und dem Dreck.
Etwas stach ihn ins Herz: Das, was ihn anzog, war genau das, was er auch an Luca begehrt hatte.

Verteilungskämpfe

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Oder: Warum meine neusten Figuren unverbesserliche Hipster ohne eigene Autos sind anhand aktueller Beispiele.

Landtagswahlen in Bayern und Hessen sind rum. Am letzten Sonntagmorgen kam im Radio eine Meldung, dass die CSU jetzt genau analysieren will, warum die Leute zur AfD und den Grünen abgewandert sind. Außerdem noch eine Meldung, dass die SPD wieder ihre Arbeitspolitik in den Vordergrund rücken möchte, um damit Stimmen zurückzuholen.

Ich habe auch irgendwo gelesen, dass Arbeit eben nicht das Thema der Zeit sei, sondern Migration, und dass die diametral gegensätzlichen Positionen eben von AfD und Grünen bedient würden, und sie deshalb so viel Zulauf hätten.

Und ich denke … hmm. Jein.

Seien wir mal ehrlich: Sehr viele Leute reißen sich den Arsch auf, damit ihre Kinder es mal besser haben als sie.

Frage: Was ist eine bessere Zukunft?

Ist ein Skiurlaub in einem für Pisten zur Unkenntlichkeit zerstörten Gebirge plus zwei Flugreisen im Jahr „besser“? Ist ein eigenes Auto für den im Haus lebenden Sprössling „besser“? Wie viele Schränke voll Klamotten zählen als „besser“? Wieso füllen manche Ein-Personen-Haushalte monatlich mehr als einen halben gelben Sack mit Plastikmüll? Ist ein neues Smartphone alle zwei Jahre notwendig oder pervers? Wieso halten die Teile eigentlich auch nicht viel länger, ohne rumzumucken?

Wieso ist es billiger, eine neues Waschmaschine zu kaufen, als die alte zu reparieren?

Ab welchem Grad leben wir über die ökologisch sinnvollen Verhältnisse? Und zwar so, dass wir absehen können, dass die Enkel oder Urenkel es eben nicht besser haben werden, sondern mit Pech eine postapokalyptische Welt besiedeln?

Und zwar ganz ohne Zombies und Nuklearkatastrophe, sondern nur mit verändertem Klima? Also, so die richtige A-Karte …

Dazu müssen wir folgende Fakten rechnen: Eine Welt, in der es seit Jahren auf dem Sparkonto fast keine Zinsen mehr gibt. Eine Welt, in der Leute sagenhaft billige Kredite aufnehmen können, um Wohneigentum zu finanzieren, aber gleichzeitig um ihre Jobs bangen.

Ein mir bekannter Buchhaltungsexperte hat sich aus seiner eigenen Firma wegrationalisiert, indem er ein neues Computerprogramm implementiert hat.

So was blüht angeblich einem Haufen Arbeitsplätzen in den nächsten Jahren. Es gibt Leute, die durch Big Data und künstliche Intelligenz ein Wegsterben von 30% oder mehr aller Arbeitsplätze prophezeihen.

Gleichzeitig sind Arbeitsplätze, die wirklich wichtig sind und nicht ersetzt werden können — in der Pflege, beispielsweise — schlecht angesehen und/oder mies bezahlt und/oder haben offen gesagt beschissene Bedingungen. Wie ein befreundeter Arzt in etwa meinte: „Ich arbeite derzeit um die 52 Stunden die Woche, obwohl ich mir nach Nachtdiensten den Tag freinehmen muss. Ich würde mit Kusshand in einem echten Schichtdienst arbeiten, wenn ich dann tatsächlich eine 40-Stunden-Woche hätte und meine Kinder öfter sehen könnte.“ (Pflegekräften geht’s ähnlich, nur mit weniger Geld, weniger Anerkennung und mehr Rückenbeschwerden.)

Die sogenannte Mittelschicht jedenfalls sieht ihre Privilegien und Felle davonschwimmen — der sinnfreie SUV für die Zone 30 dient dann wohl auch dazu, darzustellen, dass eine sich keine Sorgen machen muss. Während Leute wie ich schon lange damit abgeschlossen haben, dass sie nie den Wohlstand erreichen werden, den ihre Eltern zu den besten Zeiten genossen haben.

Respektive könnte ich es schon versuchen: Als selbstständige Apothekerin mit 60-Stunden-Woche und mit Pech ohne Urlaub. Dazu mangelt es mir aber an dem Willen, Leuten unnötigen Scheiß in Plastikverpackungen und Aluminium zu verkaufen.

Und ehrlich: Wozu? Zumal das entscheidende Wörtchen „versuchen“ heißt. Garantiert ist bei den derzeitigen Marktbedingungen nichts außer Stress. Und, mit sehr viel Pech, siehe oben, apokalyptische Zustände, bei denen ich an die illegal in die Schweiz geschaffte Kohle eh nicht mehr rankomme.

Bei der derzeitigen Aussicht beschließen denn manche mit sozioökomisch niedrigem Status, dass sie gleich fragwürdig wenig Grundsicherung beziehen können, statt für fragwürdig wenig Mindestlohn zu malochen und sich dann eine Wohnung in einer Metropolregion doch nicht leisten zu können. „Hartz Vier und der Tag gehört dir“, um eine Bekannte zu zitieren.

Der Kapitalismus frisst seine Kinder

Dauerwachstum funktioniert ab einem gewissen Grad eben nicht mehr.

Es ist also ein gewisses Unbehagen in der Kultur, behaupte ich mal. Weil halbwegs aufmerksame Personen ahnen, dass viele von uns gerade wie die Haute Volée auf der Titanic feiern, obwohl das Schiff den Eisberg schon gerammt hat.

Es gibt einen Grund, warum Dystopien en vogue sind unter den Jugendlichen. Und es gibt einen Grund, warum Thanos, der Titan, bei Marvel nicht mehr die Dame Tod umwirbt, sondern eine Umweltkatastrophe galaktischen Ausmaßes verhindern möchte.

Die AfD behauptet, dass dieses Unbehagen verschwinden würde, wenn wir alle rauswerfen, die nicht arisch genug aussehen, wenn jede Frau wieder mindestens drei Kinder hat und nicht mehr arbeiten geht, wenn Menschen gleichen Geschlechts nicht heiraten dürfen und wir die Unterstützung für Alleinerziehende genauso kappen wie sämtliche Ziele, den CO2-Ausstoß zu verringern.

Die Grünen behaupten in etwa das Gegenteil: Wir besteuern unnötigen Scheiß, schränken die wüstesten Auswüchse des Kapitalismus ein und haben hoffentlich eine Welt, in der Kinder jedweder Hautfarbe auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik einigermaßen gut leben können. Außerdem wissen sie, dass das Wetter sich einen Scheiß um Landesgrenzen kümmert.

Dieses Gegenteil erfordert aber den Griff an die eigene Nase und davor fünf Minuten Nachdenken, was erklärt, warum die Grünen bei Wahlen nicht so viel besser abschneiden, wie nachdenkende Personen sich das vielleicht wünschen würden.

Ich glaube nicht, dass ich die erste Person bin, die diese Beobachtungen gemacht hat und einen Zusammenhang sieht. Und das mit dem Grundeinkommen nicht so doof findet. Ich würde nämlich gern mehr soziales Ehrenamt, aber das hindert eine so am Geldverdienen.

Da ich keine Politikerin bin, schreibe ich halt über Hipster, die völlig unironisch kein Auto besitzen und Jutebeutel benutzen.

Jedenfalls: Irgendwer muss doch Arsch genug in der Hose haben, mit den Leuten mal Tacheles zu reden, statt ihnen vorzugaukeln, dass die Party ewig so weitergehen kann?

N bissl Kitsch für zwischendurch: Die A-Karte

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Worum geht’s?

Wie soll man als Inkubus einen asexuellen Juristen verführen? Es ist nicht ganz einfach, im Auftrag der höllischen Heerscharen einen Spitzel fürs Bundesverfassungsgericht zu werben, wenn die betreffende Zielperson so gar kein Interesse an den Avancen eines Dämons zeigt. Um diese sprichwörtliche A-Karte in einen Trumpf zu verwandeln, muss der Inkubus Andreas seine Methoden hinterfragen und seine lang verdrängte romantische Ader wieder ausgraben.
Eine queer-romantische Fantasykomödie nicht nur für Nerds.

Zu kaufen derzeit nur bei den Kollegen vom Versandhandel (TM).

Wie unten ersichtlich, handelt es sich nicht nur um eine Komödie, sondern auch um Spaß mit Formaten. Weil ein Printsatz daher doch ein bisschen aufwendig ist, ist der für den Januar projektiert, wenn die Kindle-Select-Sache ausläuft und ich festgestellt habe, dass das Interesse groß genug ist.

Leseprobe:

Sonntag, 7. Mai 2017

Kühl und regnerisch

„Die Unten trauen dir nichts zu“, raunte Ulrich vom anderen Sessel her. „Meine Zielperson ist wenigstens glücklich verheiratet.“

Ich, meines Zeichens Inkubus im Dienste der höllischen Heerscharen, blätterte demonstrativ eine Seite weiter in der Akte über besagte neue Zielperson und widmete dem neidischen Kommentar meines Kollegen keine Aufmerksamkeit.

Luzia Morgenstern, unsere Vorgesetzte, zog es wie immer vor, die Stichelei zu überhören, und nahm einen Schluck von ihrem Mokka.

Tatsächlich schien dieser Benedikt Niehaus laut Akte ein leichter Fang für die Firma: Mitte dreißig, neu in der Stadt, Single. Sein extravaganter Kleidungsstil – grauer Anzug, gelbes Hemd, schmale Krawatte mit eingewebtem Lurex – wies darauf hin, dass er wohl eher einen Mann denn eine Frau suchte. Trotz der Hipsterhornbrille mit passendem Undercut trug er keinen Bart, was ich sehr angenehm fand.

Typischerweise hatte es die Rechercheabteilung aber beim Nötigsten belassen und delegierte den Rest an das Bodenpersonal. Die Unten wussten wohl, dass es sonst noch langweiliger wäre.

„Gibt es noch Unklarheiten, meine Herren?“ Luzias völlig schwarze Augen blickten mich über den Rand ihrer Mokkatasse hinweg an und schienen direkt in meine Seele zu schauen – oder in das, was eben stattdessen in meinem Inneren vorhanden war, denn die Seele hatte ich bei meiner ersten Begegnung mit Luzia vor knapp vierhundert Jahren verkauft. Oder besser gesagt, ich hatte sie an den Boss verpfändet.

„Gibt es ein Zeitfenster?“, fragte Ulrich. Der machte den Job sogar noch länger als ich und brauchte sowohl den Druck als auch den Wettbewerb, um seine Arbeit interessant zu finden. In seiner Freizeit frönte er mehreren gefährlichen Hobbys, unter anderem Basejumping.

Um Luzias Augen kräuselte sich die Haut zu einem winzigen Lächeln. Natürlich wusste sie, was wir dachten. „Ich meine, das ergibt sich von selbst.“

Ulrich nickte. Was auch immer in der Akte stand: Er strahlte, als hätte Luzia eigens für ihn einen neuen Extremsport erfunden. Auch ich fand mein Zeitfenster logisch: Sinnvollerweise sollte ich den jungen Mann umgarnen, bevor er hier in der Stadt Anschluss fand.

„Also dann. Bis nächsten Sonntag, meine Herren.“

Damit löste sich Luzia samt Mokkatasse in schwarzen Rauch und Schwefelgestank auf.

Ich verpackte die Akte über Benedikt Niehaus in meinen Rucksack, während Ulrich seine demonstrativ liegen ließ und sich gleich aus dem niedrigen Ledersessel wuchtete. „Kollege“, sagte er und tippte sich an die Stirn. Mit etwas gutem Willen konnte ich das als einen Salut statt einer Beleidigung auslegen.

Kindereien eben.

Ich folgte Ulrich aus dem Büro in einen hell erleuchteten Flur und von da aus auf die Straße. Der Kollege hatte sein hochgetuntes Motorrad wie immer direkt vor dem Haus im Parkverbot abgestellt. Ich hingegen hatte wegen des Regens auf mein Fahrrad verzichtet und schlenderte mit Schirm zur nächsten Straßenbahnhaltestelle.

Zwei Minuten später röhrte Ulrich entgegen der Einbahnstraße an mir vorbei, ohne Helm selbstverständlich.

Der Ärmste.

Zwar lästerte er immer über die mir zugewiesenen Aufgaben und überhäufte mich auch sonst mit Sticheleien, aber das war nur der Neid. In meinem Vertrag gab es nämlich eine Klausel über die Auflösung desselben. Dass die Bedingung eintreten würde, war unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto, aber immerhin: Ohne meine blauen Augen hätte mich Luzia nicht so dringend bei den Heerscharen haben wollen, dass sie sich auf so etwas einließ. Angeblich waren Blauäugige vom Schicksal begünstigt und seltener verbittert genug, um ihre Seele dem Teufel zu verschreiben. Und ihnen wurde mehr Glauben geschenkt.

Mein Telefon pingte dezent. Ich grub es aus meiner Hosentasche. Werbung für preisreduzierte E-Bücher von den Kollegen aus dem Versandhandel. Unter den Vorschlägen war ausnahmsweise Science Fiction, die interessant klang, also lud ich die Kurzgeschichte herunter.

Ein Umweg über ein lauschiges Café, eine heiße Schokolade zum Aufwärmen und etwas Leckeres zu lesen, das wäre jetzt nicht verkehrt. Einerseits … ich blickte zum wolkenverhangenen Himmel, dann auf die Uhr. Halb zwölf mittags. Eigentlich sollte ich mich in Richtung der Wohnung meiner neuen Zielperson schwingen und diese ausspionieren. Die Zeit drängte, etc.

Andererseits waren zehntausend Wörter in einer guten halben Stunde gelesen, und Singles saßen bekanntlich alle sonntags einsam in ihren Wohnungen. Ob ich den Benedikt Niehaus um zwölf oder um eins bei seinem Wochenendblues erwischte, war gleichgültig.

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Gruppe asKA

Jonah:

Hiermit will ich Benedikt willkommen heißen. :)

 

Benedikt:

Vielen Dank für die Aufnahme. ^^

 

Sanja:

Huhu! Wie schön. <Kuchenstück >

Wo wir gerade bei ungesunden Kalorien sind: Kuchen im Gold irgendwer?

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Benedikt Niehaus lebte im vierten Stock eines stylischen Neubaus, dessen südliche Fensterfront auf ein ebenso ultramodernes und ultraökologisches neues Viertel der ehrwürdigen Fächerstadt Karlsruhe blickte. Auf der erhöhten Promenade hinter dem Haus, von der Stadt und Architekten behaupteten, es sei eine Esplanade, flanierten daher trotz des Wetters zahlreiche Hipster.

Bei der Wohnung meiner Zielperson handelte es sich um einen Glaskäfig mit kleinem Balkon, dessen Tür offenstand. Da drin herrschte anscheinend jeden Tag Tropenfeeling. Entsprechend kühl fiel die Einrichtung aus: weiße Wände, weiße Bücherregale und, sehr sympathisch, ein Poster mit Captain Picard von der Enterprise.

Damit war klar, wohin uns das erste nächtliche Treffen führen würde.

Plötzlich trat Benedikt Niehaus höchstselbst auf den Balkon, weshalb ich den Kopf senkte und ihn nur noch aus dem Augenwinkel beobachtete. Er trug das kanariengelbe Hemd, in dem ihn die Rechercheabteilung erwischt hatte, ein dunkelgraues Sakko und einen Trilby in der passenden Farbe. Roger Cicero sei Dank, der kleine Hüte aus der modischen Versenkung geholt hatte. Benedikt Niehaus schaute zum Himmel, zuckte mit der Nase, spielte mit seinem Handy und verschwand dann nach drinnen, um die Balkontür mit einem endgültigen Geräusch zu schließen. Jemand hatte wohl eine Verabredung.

Gut? Schlecht?

Ich stand auf und nahm die nächste Möglichkeit, um die Nordseite des Blocks zu erreichen. Als Benedikt Niehaus, beschützt von einem antiquierten Stockschirm, an der nächsten Ampel die Kriegsstraße überquerte, schlenderte ich hinterher. Da er recht groß war und dank seiner Erscheinung auffiel, hätte ich ihn selbst in einer völlig überlaufenen Fußgängerzone an einem Samstagmittag gut verfolgen können.

Es ging tiefer in die Oststadt, offensichtlich vom Handy navigiert, bis wir nach einer viertel Stunde Spaziergang ein hipsterüberladenes Café namens Gold erreichten. Drinnen waren alle Tische besetzt. Auf einem davon stand eine Spardose in Form eines Kuchenstücks, und auf diese steuerte meine Zielperson zu. Das kitschige Porzellanteil schien als Lotse zu fungieren. Zwei Leute erhoben sich, als sie die Annäherung bemerkten. Eine der beiden trug … etwas Flatteriges.

Mit einem „Nett, Sie kennenzulernen“-Lächeln schüttelte Benedikt Niehaus beiden die Hand. Wenigstens war es kein romantisches Date. Oder? Heutzutage konnte man sich da auf nichts mehr verlassen.

Weil ich unentschlossen vor der Glastür stand, warf mir eine Bedienung einen fragenden Blick zu. Sollte ich mich hineinwagen?

Aber drinnen lief Musik, außerdem müsste ich mich an denselben Tisch setzen, wenn ich über all den anderen Gesprächen etwas Verwertbares erfahren wollte. Lieber drehte ich eine Runde um die nächste Ecke und kehrte unsichtbar wieder zurück.

Jetzt konnte ich mir ungestört an der Scheibe die Nase platt drücken.

Mittlerweile nippten die drei an ihren Getränken. Es war eine recht bemerkenswerte Runde. Neben Benedikt in seinem schnieken gelben Hemd gab es eben das Wesen mit dem pastellig-feenhaften Flatterkleid. Die junge Frau trug ein hennarotes Rattennest auf dem Kopf und zahlreiche Armreifen mit keltischen Knotenmotiven. Sie gestikulierte viel und ausladend.

Der andere junge Mann, mittelgroß und mit beginnender Plauze, wirkte dagegen unscheinbar in schwarzen Hosen und ebensolchem Band-T-Shirt. Dazu eine Nerdbrille. Obwohl seine Kringellocken darauf hinwiesen, dass er einen Schwarzen Menschen in der näheren Ahnenlinie hatte, wirkte er blass. Er hatte seine Haare zu einem kurzen Zopf im Nacken zusammengebunden, lies: Ich habe keine Lust, mich um das Gestrüpp zu kümmern. Dieser Mann machte sicher irgendwas mit Computern und ernährte sich todsicher von zu viel Pizza.

Das Gespräch schien recht angeregt zu verlaufen, entgegen der Erwartungen, die man an eine solch gemischte Gruppe haben sollte. Irgendetwas wurde auf einem Telefon herumgezeigt. Eine Runde Kuchen folgte, der unter Grinsen fotografiert wurde, bevor die drei sich darauf stürzten.

Erst nach fast vier Stunden zahlten sie. Das Mädchen im Flatterkleid umarmte beide Männer und entschwebte zu einem Fahrrad. Als sie an mir vorbeiging, hörte ich ihre Armreifen klimpern.

Die beiden Männer schlenderten, einträchtig nebeneinander unter dem altmodischen Schirm, in Richtung des KIT, der durch den MIT-ähnlichen Titel upgegradeten Universität. Fetzen einer Lästerei über den letzten Star-Wars-Film wehten zu mir herüber. An der Haltestelle südlich des Campus stieg der Mann in Schwarz in eine Straßenbahn, und meine Zielperson trat wiederum einen vom Handy navigierten Fußmarsch nach Hause an.

Worüber hatten Menschen vier Stunden lang zu reden, die sich noch nie getroffen hatten? Außer Star Wars?

Andererseits war die moderne Welt ein seltsamer Ort – wer wusste, ob sie sich nicht im Internet verabredet hatten. Ob der genaue Treffpunkt ein Online-Bonsaiclub, ein Fetischforum oder eine Literaturgruppe gewesen war, sah man den Leuten aus der Ferne selten an.

Meine Zielperson jedenfalls kaufte sich passend zum Outfit Sushi zum Mitnehmen und verschwand in ihrer Wohnung.

Da mich meine klamme Kleidung mittlerweile unangenehm an Dinge erinnerte, die ich lieber vergessen wollte, nahm ich die nächste Straßenbahn zu meiner Wohnung auf der anderen Seite der Innenstadt.

Dort holte ich selbstgemachte Lasagne aus dem Tiefkühlfach und warf die Mikrowelle an, um sie aufzutauen.

Gegen halb elf machte ich es mir auf meinem Sitzsack bequem, schloss die Augen und suchte die Träume des Benedikt Niehaus.

Überraschung zur Asexual Awareness Week 2018

Dieses Jahr beginnt die Asexual Awareness Week am Sonntag, den 21. Oktober.

Exakt an dem Tag sollte bei den Kollegen vom Versandhandel (TM) ein farblich und thematisch passendes Schätzchen online gehen:

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Wenn ich präsentieren darf: Die A-Karte. Eine queer-romantische Fantasykomödie nicht nur für Nerds.

Wie soll man als Inkubus einen asexuellen Juristen verführen? Es ist nicht ganz einfach, im Auftrag der höllischen Heerscharen einen Spitzel fürs Bundesverfassungsgericht zu werben, wenn die betreffende Zielperson so gar kein Interesse an den Avancen eines Dämons zeigt. Um diese sprichwörtliche A-Karte in einen Trumpf zu verwandeln, muss der Inkubus Andreas seine Methoden hinterfragen und seine lang verdrängte romantische Ader wieder ausgraben.

Ganz Eilige können schon mal vorbestellen. Menschen, die ein Print haben wollen oder nicht bei den Kollegen vom Versandhandel (TM) lesen möchten, müssen hoffen, dass meine Coverkosten wieder reinkommen und, für den Fall, dass dies eintritt, sich 90 Tage gedulden, danach wird das Schätzchen aus dem Kindle-Select-Programm fallen.

Bei so was fühlt sich eine dann doch, als hätte sie einen Vertrag in Blut unterschreiben … ist halt ein Experiment. Also das mit dem Kindle Select, dem Vertrag mit den Kollegen vom Versandhandel (TM) und dem Inhalt.

Kleine aktuelle Stunde

 

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Derzeit arbeite ich neben Lektoraten fremder Bücher auch an etwas, das hoffentlich im Laufe der Asexual Awareness Week das Licht der Welt erblickt und zunächst bei den Kollegen vom Versandhandel erhältlich sein wird. Nebenbei zerbreche ich mir den Kopf über den Klappentext.

Sämtliches amtliches Gedöns findet sich auch beim Weihnachtsmarkt des Bundesamts für magische Wesen.

Geburtshelferin war ich übrigens bei diesem Projekt hier. Wenn also wer Lust auf eine nicht so heterosexuelle Detektivin und ein paar Werwölfe hat …

Außerdem sind drei Anthologien mit Beiträgen von mir in der Mache, Näheres jeweils bei Erscheinen im Dezember respektive Frühjahr.

 

 

Rechts und Links im Buchhandel – Vom Platzen der Filterblase

Filterblasen, auf den Punkt beobachtet.

Lesen... in vollen Zügen

Zum Tag der Deutschen Einheit gibt es heute von mir einmal einen fast schon politischen Beitrag.
Ich habe dieses Thema lange mit mir herumgetragen und mich gefragt, ob ich wirklich darüber schreiben soll, denn mir ist klar, daß es stark polarisieren kann.
Sollte es also Diskussionsbedarf geben bitte ich Euch nur um eins: bleibt höflich und aufgeschlossen.

2010 erschien Thilo Sarrazins vieldiskutiertes Buch „Deutschland schafft sich ab“, das monatelang die Spiegel-Bestsellerliste anführte.
Die Wochen nachdem das Buch auf den Markt gekommen war, waren eine Zeit, in der ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht wirklich gerne in die Arbeit gegangen bin.
Denn plötzlich hatte ich das Gefühl, auf einem Schlachtfeld der Ideologien zu stehen… Fast täglich wurde ich wütend angeknurrt, was ich für ein Mensch sei, daß ich so einen Dreck verkaufen würde, andere fragten mich mit glänzenden Augen, ob ich es denn auch schon gelesen hätte und wenn…

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„Wir, die Anderen und die Neurobiologie“

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Die Sache mit den markierten Gruppen lässt mich nicht los, daher an anderer Stelle die ausführliche Niederschrift eines Vortrags, den ich gehalten habe – darüber, warum menschliche Gehirne so anfällig sind für Gruppen- und Lagerbildung, und welchen Einflüssen sie so auf den Leim gehen, wenn eins nicht aufpasst.

Teilnehmende für Umfrage gesucht – Thema Sprachrassismus

Signal Boost.

Nora Bendzko - Autorin, Sängerin & Lektorin

Wenn ich nicht schreibe und singe, munkelt man, dass ich auch noch studiere. Aktuell schreibe ich an meiner zweiten und damit letzten Bachelor-Arbeit. Thema: »›Hier spricht man so nicht.‹ – Sprachrassistische Erfahrungen von Schüler*innen mit Migrationshintergrund in deutschsprachigen Schulen und die Konsequenzen fürs Deutschlernen«.

Das klingt sehr wissenschaftlich, ist aber eigentlich einfach. Ich muss mindestens 100 Leute für meine Umfrage finden, die:

  • in eine deutschsprachige Schule gegangen sind (also in Deutschland, Österreich, Schweiz, etc).
  • einen Migrationshintergrund haben, heißt: Sie sind selbst eingewandert, ein Elternteil ist eingewandert oder beide Eltern sind eingewandert.
  • eine andere Muttersprache als Deutsch sprechen oder zweisprachig / mehrsprachig mit Deutsch aufgewachsen sind.

Anhand der Antworten untersuche ich, ob diese Menschen wegen ihrer Muttersprachen und/oder Dialekte diskriminiert werden und wie sich ihre Erfahrungen auf das Deutschlernen auswirken.

Du erfüllst alle genannten Kriterien? Genial!

Ich würde mich riesig freuen, wenn du mich bei meiner Bachelor-Arbeit unterstützen und meine Umfrage…

Ursprünglichen Post anzeigen 63 weitere Wörter

Wort zum Sonntag/Tanz-Teaser

jinntöchter in tanzklamotten_klein

Anlässlich einer kurzen Spontanlesung bei einem Tanzklamotten-Basar gestern:

… Nachdem die Diener eine letzte Runde Tee aufgetragen hatten, rief Gahif nach Tanz, also trommelten immer zwei von ihnen, während die Dritte tanzte.

Oh, ich sehe schon, wie einige von Euch genauso anfangen zu sabbern wie Gahif und seine Gäste. Es ist schon sehr lange her, dass der Tanz aus dem Osten reine Frauensache war, etwas, das die Frauen unter sich taten, um den Göttinnen zu huldigen und sich die Geburt zu erleichtern. Ganz davon abgesehen, dass dieses Gewackel mit dem Hintern grauenvoll schwierig ist.

Ja? Versuch du mal, mit den Schultern zu rütteln und deine Hüfte dabei still zu halten. Oder mit dem Hintern zu wackeln, dabei elegant zu laufen und gleichzeitig mit dem Oberkörper einen Kreis zu beschreiben.

Geht nicht?

Geht schon. Siehst du?

Aber ein Mensch muss lange dafür üben. Wenn ihr also irgendwann eine Dame den Tanz aus dem Osten vorführen seht, dann wisst ihr jetzt, woran ihr erkennen könnt, ob sie weiß, was sie da tut.

 

… So viel zu: Oh, du schreibst was, das nach „Tausend und einer Nacht“ klingt. Da kannst du ja was mit orientalischem Tanz reinpacken!

Ich wollte es erst aus reinem Trotz weglassen. So, wie ich auf die fliegenden Teppiche und die drei Wünsche verzichtet habe.

Aber dann bot sich die Gelegenheit bei dieser Szene, und zu dem Zeitpunkt hatte ich genug Geschichten von mir bekannten Tänzerinnen beisammen, um die mysteriöse Exotik des Ambientes hoffentlich konsequent wegzupflücken.

Kurz: Ich beneide keine der Tänzerinnen, die tatsächlich vor einem Publikum tanzen (müssen), das keine Distanz hält. Und selbst mit räumlicher Distanz ist eine vor blöden Sprüchen nicht sicher.

Die Klamotten, die eine Person trägt, oder auch nicht trägt, sollten sich nicht auf den Respekt auswirken, der ihr entgegengebracht wird

Ich habe was gegen Kleidervorschriften, die nicht mit Hygiene und Arbeitssicherheit zu tun haben.

Jedenfalls, zum Beweis, wie schwierig dieses „Gewackel“ ist, und dass es nicht immer neckische Erotik sein muss: Einmal Trommelsolo eher klassisch von Jillina (Maya wird so tanzen, mit mehr Kleidern und weniger Artistik) und einmal Tribal Style von Rachel Brice.