Über Carmilla DeWinter

Carmilla DeWinter schreibt Phantastik und verque(e)re Texte.

„Beim Märtyrer“, oder: kurzer Blick auf ein phantastisches Symbol

Weil ich grade wegen des neuen Lockdowns noch sprachlos bin und angesichts von Anschlägen und der Wahl in den USA sowieso nur hilflos mit den Armen rudere: Ein Posting über einen Fantasy-Fluch. Immerhin benutze ich selbst gern „zum Henker“.

Im September habe ich mir innerhalb von zwei Abenden „Carnival Row“ gesuchtet. Das ist eine Amazon-Serie mit derzeit einer Staffel, die acht Folgen hat. (Nur auf Englisch geschaut, bitte verzeihen Sie eventuelle Fehlübersetzungen.)

Interessierte sollten über 16 sein, graphische, aber realistische Gewaltdarstellungen, Leichen und Sexszenen abkönnen. In jeder Folge ungefähr zwei, was wohl eher ein Verkaufsargument sein soll als tatsächlich dem Plot dient. Dem hätten die gewonnenen Minuten zur Figurenschärfung durchaus gutgetan.

Die Prämisse ist folgende: Vor nur einigen Jahrzehnten wurde der Kontinent Tirnanoc von den Menschen entdeckt. Dort leben in diversen Staaten Fabelwesen. Unter anderem Zentauren, Faune, und die mit Libellenflügeln ausgestatteten Elfen.

Wie das halt so bei „Neuentdeckungen“ ist, ziehen die Menschen los, um sich Tirnanoc untertan zu machen. Vor allem beteiligt sind die großen Staaten „The Burgue“ (wie die gleichnamige Stadt) und „The Pact“/der Pakt. Aus dem Wettlauf um Kolonien zieht sich The Burgue nach einem grausamen Krieg zurück. Da der Pakt offenbar grausamer mit den Feen-Untergebenen umgeht als The Burgue, fliehen die Feen in großer Zahl in diesen London nachempfundenen Stadtstaat.

Mich interessiert hier aber weniger die etwas plakative, aber wirksame Prämisse der Serie noch der hübsch aufgebaute Kriminalfall, der die Handlung so richtig ins Rollen bringt, sondern die Gottheit, in deren Namen The Burgue flucht: „Beim Märtyrer.“ „Beim gehängten Märtyrer.“ „God’s Noose — Gottes Galgenschlinge.“

Eine Bilderfolge aus der Serie ist hier: https://imgur.com/gallery/FrNKBtE

Irgendwann vor 600 bis 700 Jahren ist da ein „Märtyrer“ namens Hosea erhängt worden. Ob er ein Prophet war, wissen wir nicht, dürfen es aber annehmen.

Und daher ist das religiöse Symbol dieser Stadt ein halbnackter Mann, der an einer Schlinge von einem Galgen baumelt. Religiöse Menschen tragen kleinere Schlingen, Mönche einen dicken Galgenstrick um den Hals. Religiös bewegte malen sich eine Schlinge auf die Brust.

Das ist nicht nur auf den ersten Blick ein wenig verstörend.

Was es damit eindrücklich schafft, ist die Wirkung des Kreuzes als religiöses Symbol in dessen Anfangszeit nachzubilden. Wir erinnern uns: Die frühen Christ*innen haben sich ein Folter- und Hinrichtungsinstrument als Symbol ausgesucht. Damals so verstörend wie heute ein Galgen oder eine Guillotine wäre.

Das ist für viele von uns Nachgeborenen trotz diverser Historienfilme kaum noch nachzuvollziehen. Ich habe keine Ahnung, ob und welche religiöse Intention seitens des Drehbuchautors dahintersteckt, aber zumindest die erste Schockwirkung dürfte eine ähnliche sein wie sie damals das Christentum verursachte. Und selbst wenn nur die das Ziel war, muss ich da echt für diese Wirkung mit einfachen Mitteln den Hut ziehen.

Bildchen wie so häufig: Clker-Free-Vector-Images from Pixabay

Ace Community Survey 2020 – Ankündigung — The Asexual Census

Es ist wieder so weit! Wir sind auf der Suche nach Menschen, die an der Ace Community Survey teilnehmen möchten.  Die Ace Community Survey sammelt wichtige Informationen zur Demographie und den Erfahrungen der Ace Community (“ace” als zusammenfassender Begriff für Menschen, die sich als asexuell, demisexuell, grau-asexuell oder einer anderen Orientierung des asexuellen Spektrums identifizieren). […]

Ace Community Survey 2020 – Ankündigung — The Asexual Census

Reblog. Was der Text sagt. Die Umfrage steht auch Menschen offen, die sich nicht auf dem a_sexuellen Spektrum verorten.

Gelesen: „Ace“ von Angela Chen

Vor einem guten Monat erschien auf Englisch ein Buch von Angela Chen namens „Ace – What Asexuality Reveals About Desire, Society and the Meaning of Sex“ (Beacon Press Boston, ISBN 978-0-8070-1379-3).

Da ich mir ja zur Aufgabe gemacht habe, beim Thema Asexualität wenigstens halbwegs auf de aktuellen Stand zu sein, habe ich es gekauft, und als Abschluss der Ace Week für euch eine Meinung dazu verfasst.

Wobei ich sagen muss, dass mich sonst das Cover mit diesen Flecken (Buntpapierfetzen wie früher im Kunstunterricht?) ein wenig abgeschreckt hätte. Mit dem Inhalt hat es jedenfalls erst nach einer Pause zum Nachdenken zu tun.

Kurze Inhaltsübersicht

Der Text liest sich sehr flüssig. Ausgehend von eigenen Erfahrungen hat Angela Chen einige Dutzend andere Aces interviewt und deren Geschichten in Fragestellungen an die US-Gesellschaft verwandelt:

Schadet die allgemeine Erwartung, dass Männer immer super versessen auf Sex seien, genau dieser Personengruppe?

Hat uns die sexuelle Befreiung uns wirklich freier gemacht?

Inwieweit haben wir Überschneidungen mit Vorurteilen gegenüber rassifizierten Menschen, Menschen mit BeHinderung, und religiösen Stereotypen?

Was bedeutet eigentlich „romantisch“? Wo ist die Grenze zwischen Romanzen und Frenudschaft? Und wieso ist Sex ein Maßstab bei der Bewertung, wie wichtig eine Beziehung sein darf?

Was ist „compulsory sexuality“ (Sexnormativität) und was ist hermeneutische Ungerechtigkeit? Wie verhindern unsere Vorstellungen von Sex und dem, was Menschen wollen, dass Menschen eben nicht das tun (oder lassen), was sie möchten?

Das alles bereitet Chen informativ und verständlich auf.

Sehr tröstlich ist auch die Einflechtung der verschiedenen Lebensgeschichten. Obwohl ich genug Aces kenne, tut es immens gut, ein paar Fragen und Probleme gespiegelt zu sehen, die ich auch schon hatte.

Mehr Kompendium als Erleuchtung

Der Witz ist, dass ich dieses Buch nicht unbedingt gebraucht hätte, und da werden manche ähnlich empfinden. Was Angela Chen zusammengetragen hat, wissen halbwegs aufmerksame Beobachtende der asexy Blogosphäre schon.

Ich selbst fand also in dem Buch sehr wenig neue Anstöße, sondern eher eine Zusammenfassung von klugen Gedanken, die ich bei oder dank der Asexual Agenda schon gelesen habe. Damit will ich Angela Chens Fähigkeit, pointierte Fragen zu stellen und Dinge zu beobachten, gar nicht in Abrede stellen. Es wird Menschen im asexuellen Spektrum geben, die diese Diskussionen nicht so genau mitverfolgt haben oder viel später dazugestoßen sind, und die dieses Buch dann umso mehr schätzen werden. Außerdem hat eine gedruckte, zitierfähige Zusammenfassung von Online-Diskussionen immensen Wert.

Was ist eigentlich die Zielgruppe?

Einerseits steht das erklärte Ziel des Buchs schon auf dem Cover: Wie können die Lebensgeschichten asexueller Menschen helfen, besser zu verstehen, wie die westlichen Gesellschaften in Bezug auf Sex ticken? Was können wir alle gewinnen, wenn wir Dinge aus einer asexuellen Perspektive betrachten?

Das heißt, die Zielgruppe sind vornehmlich Menschen, die sich nicht als ace begreifen.

Andererseits bin ich mir nicht sicher, ob es gelungen ist, diese Zielgruppe anzusprechen.

Was es aber zu tun scheint, und da sind Sara von the notes which do not fit und ich einer Meinung mit diversen Menschen, die bei Amazon Rezensionen hinterlassen haben: Es ist hilfreich für unentschlossene Menschen und solche, die ein nagendes Unbehagen mit den Erwartungen spüren, die uns die Sexnormativität aufbürdet.

Brauche ich das?

Kommt drauf an.

Wer sowieso schon alles zum Thema gelesen hat und sich mit der eigenen Selbstbeschreibung als ace wohlfühlt, braucht es nicht unbedingt und folge weiterhin den relevanten Blogs.

Wer einen kurzen und knackigen Einstieg in die aktuellen Debatten sucht, ist hier genau richtig.

Ebenfalls sehr sinnvoll erscheint es für jene, die überlegen, ob sie sich ins asexuelle Spektrum verorten sollen oder wollen. Wir finden hier all die Selbstzweifel und Einwände, die in dieser Findungsphase am drängendsten sind.

Insofern hat Angela Chen auf jeden Fall etwas getan, das mich das Hütchen lüpfen lässt: Ein Ratgeberbuch verfasst, ohne einen einzigen Ratschlag zu verteilen.

Eine etwas andere Meinung zum Thema hat Ace Admiral.

Crosspost bei carmilladewinter.com, aktivista.net und Amazon.

A_sexualität, Videos, Schon wieder die

Falls irgendwer nachschauen will, ich war letzte Woche im Livestream von 100 % Mensch:

Teil 1 bei Youtube

Teil 2 bei Youtube

Unter der Ankündigung meckerte eine Person, dass da ja schon wieder die Carmilla DeWinter zu sehen sei.

Entgegen aller anderslautenden Gerüchte bin ich nicht so furchtbar scharf darauf, vor Kameras zu sitzen. Allerdings werde ich verhältnismäßig häufig drum gebeten. Was halt passiert, wenn eine zufällig in einem Verein im Vorstand ist, der sich als einziger in Deutschland ums Thema Asexualität kümmert.

Ich hätte gern mehr Leute in diesem Verein, die ich zu so was schicken kann, und die nicht schon mit fünf anderen, ebenfalls wichtigen Vereinen beschäftigt sind, und die keine 500 Kilometer Anfahrt haben. Auch Männer und/oder welche mit Neopronomen. Nicht immer nur die selben drei bis fünf Leute/Frauen. (Wie immer handelt es sich hier ja um eine geringe Anzahl von Menschen, die Zeugs machen, und eine sehr viel größere Anzahl von Menschen, die erwarten oder hoffen, dass andere Zeugs machen.)

Ich fände es auch geil, wenn es einen separaten Verein gäbe, der sich um a_sexuelle Menschen kümmert und in die Communities wirkt, statt „Bildung und Aufklärung“ zu betreiben. Und/oder eine Truppe, die nach dem Vorbild von Aces NRW hauptsächlich Institutionen wegen Fehldarstellungen anschreibt. Und/oder Stammtische mit soliden Ansprechpartner*innen bzw. welche, die zuverlässig über queere Zentren erreichbar sind, statt sich in Foren oder Discord zu verabreden/verabreden zu müssen. Und/oder …?

Aber so weit sind wir halt noch nicht.

Wenn 50% aller Aces nicht bei ihren Eltern und nur etwa 75% bei ihren Lieblingsmenschen geoutet sind, dann weiß ich auch, warum wir da noch Geduld haben müssen. Weil Öffentlichkeitsarbeit ein Coming-out erfordert. Aber die Reaktionen sind halt oft negativ, insofern beißt sich da die sprichwörtliche Katze in den Schwanz.

Mit bleibt weiterhin die Bitte an alle, die es sich leisten können, mutig zu sein.

„Das asexuelle Spektrum“: Cover!

Aus Vernunftgründen haben wir die Expedition rausgelassen und „Das asexuelle Spektrum“ in die obere Zeile geholt.

Ich bin zufrieden, jetzt muss ich nur nochmal den Text an die neuesten Gegebenheiten anpassen und dann kann’s losgehen.

Unterstriche und andere Neuschöpfungen

Derletzt stolperte ich über eine Meinung bei AcesNRW, die mich etwas befremdete. Da der Blogtext aber zu einem komplett anderen (und wichtigen) Thema ging, wollte ich keine Diskussion in den Kommentaren anfangen. Außerdem verlinkt es sich in echten Beiträgen besser.

200px-Asexual_flag.svgA_sexualität als Kurzform für „asexuelles Spektrum“. Woher kommt das?

Zeit für eine kleine Geschichtsstunde für Menschen, die erst nach 2015 auf Ace-Communities gestoßen sind.

Das erste Mal gesehen habe ich das bei Andrzej Profus. Andrzej hatte die „Wer A sagt, muss nicht B sagen“-Zines zusammengestellt, angefangen 2013. Damals war ich recht irritiert davon, dass die erste Ausgabe im Untertitel „zine über a_sexualität“ stehen hatte.

Auf meine Nachfrage erklärte Andrzej, der Unterstrich solle verdeutlichen, dass es Asexualität vielfältig sei und dass es keine klar zu ziehende Grenze zwischen Asexualität und Sexualität gebe. (Also quasi der graue Flaggenbalken in Schriftform.) Damals, in den schlechten alten Zeiten, gab es „allo“ ja noch gar nicht, und eins sprach eben von Asexualität und Sexualität als Gegensatz.

Danach dümpelte die Idee so zwei Jahre rum, bis Annika Spahn sie aufnahm, sie bei einer der kleinen Ace-Konferenzen in Stuttgart verwendete und sie so beim Verein AktvistA n.e.V. landete. (Nicht wundern, damals wollte die Software sich mit den Sternchen nicht so richtig vertragen.)

Unabhängig davon, ob das mit dem Unterstrich in fünf oder zehn Jahren noch sinnvoll ist, stammt die Idee also von einer der ersten, aber mittlerweile leider verschollenen Ace-Aktivist*innen und damit aus der Community.

Und was meine ich jetzt mit der anderen Neuschöpfung?

Ich selbst bin eine von denen, die „aspec“ als eine Kombi von aromantischem und asexuellen Spektrum extrem seltsam finden. Allosexuelle aromantische Menschen und alloromantische asexuelle Menschen haben sehr andere Erfahrungen. Das alles unter einen Begriff packen zu wollen, finde ich wenig sinnhaft, grade weil allosexuelle Aros noch weniger gesehen werden als Aroaces.

Das wird mich jetzt aber nicht daran hindern, mich beim Label „aspec“ angesprochen zu fühlen. Bloß verwenden mag ich’s nicht.

Harry Potter und die Filterblasen von Hogwarts

Bild von Waldo Miguez via Pixabay.

Ich habe weiter über J. K. Rowling und Harry Potter nachgedacht — wahrscheinlich zu viel, aber eventuell hilft es mir oder anderen beim Schreiben.

Um zu beweisen, dass es sich lohnt, Dinge fertigzudenken, muss ich ausholen.

Innerhalb des Potter-Fandoms gibt es einige Leute, die Dumbledore nicht mögen — seine Herangehensweise an Harry Potters unausweichlichen Konflikt mit Voldemort ist, sagen wir mal so, menschlich wie pädagogisch eine Katastrophe. Jede andere Person wäre wegen Gefährdung des Kindeswohls schon vor Harrys Einschulung vom Posten des Schulleiters entfernt worden.

Seltener hört eins, dass an Hogwarts selbst etwas faul ist. Aber je länger ich drüber nachdenke, desto gruseliger ist das Prinzip. Hogwarts ist keine Schule, auf die ich ein Kind meiner Bekanntschaft schicken wollte.

Warum finde ich Hogwarts problematisch?

Da werden Elfjährige in Häuser sortiert. Und zwar nicht nach Gesichtspunkten, ob sie sich vorher schon kennen oder ob sie dadurch zu möglichst mündigen, selbstständigen Menschen werden, sondern nach Charakter. Die Ehrgeizigen nach Slytherin, die Mutigen nach Gryffindor, die Wissbegierigen nach Ravenclaw und die sozial Eingestellten nach Hufflepuff.

Innerhalb mancher Familien wird erwartet, dass die Kinder in bestimmte Häuser sortiert werden, sonst droht das soziale Aus.

Jedenfalls sorgt derlei dafür, dass nicht nur ein (recht ungesunder) Wettbewerb zwischen den vier Häusern stattfindet, sondern auch, dass nach Meinungen gefiltert wird. Anders ausgedrückt:

The students were grouped by their ‚houses‘, color-coded and expected to act in the common interest of their team. Red marked the reckless, like Albus; yellow were the ones that were absolutely not dark witch/wizard material; blue marked the smartafts; green were the purebloods that didn’t fit anywhere else and halfbloods with an ambition.

Man sortierte die Schüler nach ihren „Häusern“, versah sie mit einem Farbcode und erwartete, dass sie im Sinne ihres Teams handelten. Rot markierte die Waghalsigen, wie Albus [Dumbledore, d.Ü.]; Gelb waren diejenigen, die überhaupt nicht das Zeug zu Dunkler Magie hatten; Blau markierte die Klugscheißer und Grün die Reinblütigen, die nirgendwo anders hinpassten, und Halbblütige mit Ambitionen.

So nachzulesen bei Defence Professor Wohl, ein Fanfic von DarthKrande und NeverBeyondRedemption.

Die Kompormissbereiten kommen selten in Kontakt mit denen, die über Leichen zu gehen bereit wären — die beiden Gruppen werden dazu noch aktiv dazu angehalten, zu konkurrieren. Diejenigen, die sehr viel darauf halten, sich nach oben zu arbeiten und sich nach „unten“ (zu den Muggelstämmigen) abzugrenzen, haben wenig Kontakt zu denen, die nicht so sehr auf derlei achten, die Intellektuellen haben wenig Chancen, die Übermütigen zu bremsen und von denen wiederum aus dem Elfenbeinturm geholt zu werden … und so weiter.

Man könnte fast meinen, man wäre bei uns, wo die Kinder bitteschön aufs Gymnasium sollen, am besten in einer „guten Gegend“, wo nicht so viele Kinder mit fremdländisch klingenden Nachnamen unterwegs sind …

Insofern sind die Häuser von Hogwarts Filterblasen.

Eine Aufteilung von Kindern nach vermeintlich angeborenen Eigenschaften, die dann über schulische und sportliche Leistungen gegeneinandert ausgespielt werden, behindert aktiv eine versöhnliche Kommunikation. Damit hat JKR Filterblasen geschaffen, und zwar noch bevor das Wort in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist — der erste Potter-Band erschien etwa sieben Jahre vor der Gründung von Facebook, und etwa zu der Zeit, als die Google-Suchmaschine online ging.

Der Witz ist nun, dass dieses System zumindest im Ansatz geschlagen werden kann. Harry beweist das, denn der semi-sentiente Hut, der die Kinder sortiert, bietet ihm Slytherin und Gryffindor an, und Harry entscheidet sich für Gryffindor. Trotzdem ist er halt elf und hat Ron, den Magie-Chauvi, als besten Kumpel, also verbringt er danach viel Zeit damit, auf das Haus, in dem er beinahe gelandet wäre, herabzusehen.

Der Witz geht aber noch weiter: J. K. Rowling plädiert in ihren Texten oft für weniger Vorurteile, mehr Toleranz, für rechtliche Gleichstellung von Menschen unterschiedlicher Herkunft und einen rücksichtsvollen Umgang miteinander. Warum hat sie dann das Häuser-System erfunden, wo Menschen nach angeblich angeborenen Eigenschaften sortiert werden? Und exakt das Gegenteil von dem tun, was sie sich wünscht?

Obwohl sie also theoretisch weiß, dass die Häuser-Aufteilung schlechte Pädagogik ist, ist sie nicht in der Lage, dieses Konzept nachhaltig zu unterlaufen.

Das ist vielleicht dem Zeitgeist geschuldet. Oder andersrum: Ist mit dem „Mein Haus ist besser als deins“-Getue und „ich bin dir moralisch überlegen, weil ich in Gryffindor bin“ nicht eine komplette Generation aufgewachsen? Genau die, die sich nachher zuerst auf Facebook, Twitter, tumblr und so weiter rumgetrieben und damit eventuell den Umgangston nachhaltig beeinflusst haben.

Diese Fragen überlasse ich der Soziologie und der Kulturwissenschaft.

Ich weiß nur, dass Rowlings Erzählweise durchaus vereinnahmend ist. Ich bin da auch zuerst drauf reingefallen, bis ich geblickt habe, was da eigentlich abläuft.

Und was habe ich nun daraus gelernt?

Erstens: Am Ende mag JKRs Aufbau von Hogwarts ein weiteres Licht darauf werfen, warum sie mit trans Personen solche Probleme hat. Immerhin weigern die sich, eine vermeintlich angeborene Eigenschaft hinzunehmen und hinterfragen damit die Sortierung in die beiden Häuser „männlich“ und „weiblich“.

Zweitens: Narrative können erstaunlich verführerisch sein. Insofern ist es wichtig, Geschichten zu erschaffen, in denen nicht willkürlich Linien gezogen werden oder in denen das allgegenwärtige moralische Auftrumpfen unterlaufen wird.

Drittens: Für mich als Schriftstellerin ist es eine Ermahnung, die Grenzen zu beobachten, die ich in meinen Texten ziehe und mich zu fragen, warum sie existieren.

The split attraction model does not harm questioning youth

Reminder: „We are always trying to build resources and do better, but I think some people fall through the cracks, encountering people who don’t give them space to explore, the space to be safely wrong.“

The Asexual Agenda

This article is part of a series in which I address criticisms of the Split Attraction Model (or SAM). See the masterpost for my reasons writing this series, and a brief discussion of my issues with the phrase “split attraction model”. In this article, I address one of the most common arguments, which is that the Split Attraction Model is harmful to youth who are still exploring their identities.

Commonly this argument is expressed in the form of an anecdote, saying that when they were younger they were convinced that they were such-and-such-romantic and such-and-such-sexual, and it really messed them up. I’ll take these anecdotes at face value–perhaps these people were on Tumblr when they were teens, and were reading Tumblr advice blogs, which had a known tendency to impose prescriptive identities on askers, much to our dismay. That sucks and I’m sorry to hear about it.

I know…

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Frau. (Rowling, zum Zweiten.)

Ich bin mit J. K. Rowling noch nicht durch, fürchte ich. Zu sehr beschäftigt mich die Diskrepanz von Werk und Twitter-Verlauf.

Poetin_von_Pompeji

Zunächst möchte ich auf ein paar interessante Text zur Debatte verweisen.

Die großartige Laurie Penny zerlegte mit einem langen (und logischerweise englischen) Text das britische Problem mit den trans-exkludierenden radikalen Feministinnen (TERFs).  (Merci an fink für den Hinweis!)

Is womanhood a social construct, a personal identity or a material form of oppression based in biological reproductive difference? The answer is yes. The answer is all of the above.

Ist Frausein ein soziales Konstrukt, eine Selbstbeschreibung oder eine materielle Form der Unterdrückung, die auf einem biologischen reproduktiven Unterschied gründet? Die Antwort ist Ja. Die Antwort ist „alles davon“.

Dass J. K. Rowling jemanden als „tapfere Feministin“ bezeichnet, die offenbar regelmäßig andere auf Twitter mit groben Flüchen überzog, und sich auch die Studienlage nach Gusto zurechtbiegt, beweist Brie Hanrahan in mühevoller Kleinarbeit.

(Grundsätzlich sollten Flüche und Schimpfwörter in Online-Debatten etwas wohldosierter eingesetzt werden, als es derzeit der Fall ist. Egal, worum es geht, und wenn die andere Person noch so rechtsaußen/wasweißich argumentiert.)

Zur Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland und den zugehörigen Verteilungskämpfen um Aufmerksamkeit hier Dorothee Markert über die Eroberung des Ehrentitels „Frau“.

Antje Schrupp bezieht sich bei ihrer Frage „Was ist eine Frau?“ dann darauf und zerlegt ebenfalls die Bedeutungsebenen von Biologie, sozialer und politischer Kategorie.

An Brillianz kaum zu überbieten ist Antje Schrupp aber bei der FAZ: Gibt es Frauen und Männer überhaupt?

Das feministische Projekt, das heute ansteht, bestünde hingegen darin, genau diese Personen – Menschen mit Uterus, die Kinder gebären (möchten) – als politische Subjekte zu positionieren, deren Interessen, Anliegen und Bedürfnisse nicht länger missachtet werden dürfen.

Das ist es nämlich. Menschen, die Kinder gebären (können), sind halt auch Menschen und keinesfalls nur die Ressource, als die sie der Rest der Menschheit lange genug behandelt hat.

Nach dieser ausstehenden Revolution hätte die Menschheit zwar immer noch genug Baustellen, aber eventuell wäre dann auch das mit der Transfeindlichkeit durch, da sich dann aufgrund des Geschlechts keine Hierarchien mehr bilden würden.

Auf der Suche nach einem Wort war ich übrigens auch schon, 2011: Kein Fräuleinwunder.

Denn sowohl „Mädchen“ als auch „Frau“ greifen für ihre Definition auf Sex und Ehe zurück, und mit diesen Konzepten kann ich nunmal persönlich eben wenig anfangen.

Als Jugendliche habe ich mit dem Frausein gehadert, denn das Erwachsenwerden als Menschenweibchen kommt eben mit der Erwartung, dass eins hinterher eine Frau zu sein habe. Damals war das für mich eine ominöse und kaum durchdringbare Mischung aus biologisch bedingter Zuschreibung, dem daraus folgenden Imperativ (Du wirst Kinder haben! Du sollst Kinder haben wollen!) und sozialer Kategorie (sei begehrenswert und verhalte dich auf eine bestimmte Weise, damit du einen guten Mann findest, mit dem du dann die Kinder hast, die du haben wollen wirst).

Dass diese Mischung aus Biologie und sozialer Kategorie auch für die meisten Erwachsenen kaum durchdringbar ist, hätte ich damals nicht vermutet.

Jedenfalls erwartet die zukünftige Frau (oder jemand, der dafür gehalten wird) ein ganzer Schwall von Mist, den, wie J. K. Rowling und auch schon Simone de Beauvoir treffend bemerkten, kein Mensch braucht und der bei vielen Jugendlichen eine verständliche Abwehrhaltung hervorruft.

Ich hatte also nie ein Problem mit meinen Teilen (außer als Jugendliche mit der monatlichen Nerverei, da schmerzhaft), sondern damit, wie diese Teile von anderen wahrgenommen werden.

Mittlerweile habe ich mit „Frau“ Frieden gemacht.

Frau also. Ein Menschenweibchen, das aufgrund dieser Biologie derzeit sozial als „Frau“ verortet wird und sich mit dem Geschlecht „weiblich“ beschreibt, obwohl etymologisch betrachtet „Frau“ weiterhin keinen Sinn für mich ergibt. Bin weder von Adel noch verheiratet, nicht wahr? Gelegentlich eigne ich mir die mittlerweile despektierliche Bezeichnung „Weib“ an, mit dem sächlichen Pronomen und allem.

Aufgrund meiner Sozialisation als zukünftige Frau habe ich unter anderem gelernt, meine Leistungen permanent kleinzureden und mich als impertinent zu fühlen, wo ich es gar nicht bin.

Weil ich möchte, dass es weniger Erwartungshaltungen an Menschen gibt, was ihr Fortpflanzungs- und Geschlechtsrollenverhalten angeht (das allen schadet), und weil ich den noch zu benamsenden Menschen mit der Fähigkeit, Kinder auszutragen, den ganzen Sumpf an Stereotypen ersparen möchte, durch den ich gewatet bin, um jetzt hier zu sein, deswegen bin ich „Frau“ derzeit vor allem als politische Kategorie. Das mag sich ändern und es war nicht immer der Fall.

Andere sind aus anderen Gründen „Frau“. Wäre ich jetzt eine TERF, würde ich meinen, dass mir jemand damit etwas wegnehmen will. Das wäre aber genauso unsinnig wie darauf zu bestehen, dass alle a_sexuellen Menschen gefälligst exakt den gleichen Weg wie ich zur Selbstbeschreibung „a_sexuell“ hinlegen und die gleichen Gründe dafür haben sollen. Ein Ding der Unmöglichkeit, eine verengte Sichtweise.

Sinnvoller wäre es dann doch, den Schulterschluss zu suchen und gegen all die Widerstand zu leisten, die die Durchsetzung Frauen- und Transrechte weltweit behindern oder den hiesigen Zustand zur Gesetzeslage der 1950er oder noch früher zurückdrehen möchten. Solidarität statt Verteilungskampf, sozusagen.

 

Bildquelle: Poetin von Pompeji, By Unknown, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32186465