Über Carmilla DeWinter

Carmilla DeWinter schreibt Phantastik und verque(e)re Texte.

An Menschen, die bloggen

Eine Momentaufnahme in Berlin: Ich gehe in die Markthalle, kaufe beim Wurststand Salami am Stück. Der Verkäufer, der mir sehr freundlich mein Rückgeld gibt, hat asiatische Augen. Die Steinpilze beim Gemüsehändler bekomme ich von einem offensichtlich türkischen Mitbürger. Die Bäckereiverkäuferin antwortet mir in breitestem Schwäbisch. Nachher ruhe ich mich im Café aus. Dort sitzen an […]

über Schreiben gegen Rechts – ein Buch der Zuversicht! — Bunt und farbenfroh …

Ich selbst habe noch keine zündende Idee, aber hier schon mal de Aufruf zum Mitmachen und Weiterverteilen.

 

Wer darf eigentlich in der Öffentlichkeit über (die eigene) Asexualität sprechen und wer entscheidet darüber?

Niemand ist frei von Stereotypen. Auch Medienschaffende nicht. Wie sehr wir gewohnt sind, geanderten Menschen die Deutungshoheit über ihr Leben zu nehmen, lesen Sie hier.
Ich bitte um Vergleiche mit der Behauptung, dass Schwule ja nur der Homo-Propaganda aufgesessen seien. Oder mit der Behauptung, dass Frauen, die nach pränataldiagnostischen Maßnahmen abtreiben, vom Neoliberalismus beeinflusst seien. Oder mit der Behauptung, dass Schwarze Menschen kindhaft seien und daher in Sklaverei besser aufgehoben. Siehe auch Kopftuch-Debatte etc.
Die Methode, zu behaupten, dass Leute in Outgroups bzw. Minderheiten nicht wissen, was sie tun, hat seit Jahrhunderten System.

Nixblix´ simple Sicht der Dinge

Diese Frage stellte sich mir jüngst, nachdem ich mich auf eine Interviewanfrage gemeldet habe, in der es darum ging, dass Asexuelle über ihre Entwicklung berichten, wann und wie sie den Begriff „Asexualität“ für sich fanden und was Intimität für sie bedeutet. Und vor allem, wie sie Intimität in einer Liebesbeziehung leben, wenn die gesellschaftliche Erwartungshaltung darin besteht, dass diese Art von Beziehungen nur dann als legitim betrachtet werden, wenn Intimität in ihnen körperlich und vor allem sexuell ausgedrückt wird.

Nun habe ich zwar mit Anfang Zwanzig körperliche Nähe im Sinne von Kuscheln, Küssen und Streicheln erst mühsam lernen müssen, da dies aber meine Form der Sexualität darstellt, nach der ich mich seit der Pubertät gesehnt habe, dachte ich mir, ein Versuch könnte nicht schaden, und meldete mich auf die Anfrage. Zumal ich seit meiner Selbstfindung im vergangenen Jahr mit Hilfe meines besten Freundes dabei bin, mir meine eigene Sexualität Stück…

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Instrumentalisiert …

… kommt sich eine gelegentlich vor, wenn die eigene Minderheit mal wieder als Beweis dafür dienen soll, was mit queeren Bewegungen im Besonderen und der Gesellschaft im Allgemeinen nicht stimmt.

SW Testbild

Als die Welt noch einfacher war: Schwarz/Weiß-Testbild

Feddersen war es, der in der taz über sämtliche Wörter herzog, deren Einführung nach 2000 datiert. Gleich im Titel bezeichnet er das Buchstabensuppenkürzel (LSBTTIQAPetc.) als „breitgetretenen Quark“. (Wer den teilweise beleidigenden Unfug komplett lesen will, benutze eine Suchmaschine.)

Nun mag dieses Buchstabenkürzel vom LSBTTIQAPetc. nicht unbedingt handlich sein, und manchmal eine Gemeinschaft vorspiegeln, die es so nicht gibt, oder besser gesagt, bei der es sich eher um eine Zwangsgemeinschaft handelt. Aber wir alle haben eine Gemeinsamkeit: Wir stören die Leute dabei, sich ihre Welt eindeutig in männlich und weiblich, „normal“ und „unnormal“ zurechtlügen zu können. Daher möchten wir bitteschön zu Hause bleiben, uns was schämen und bloß nicht darüber reden, dass alles ein bisschen komplizierter ist, als mensch so annimmt.

Die wenigsten schaffen es übrigens zu sehen, dass das, was sie kritisieren, wenn es ihnen widerfährt, genau das ist, was sie anderen antun. (Ich will mich hierbei nicht ausnehmen.)

In der Schwulst-Ausgabe vom Sommer 2017 schreibt die altgediente Stuttgarter Travestiekünstlerin Frl. Wommy Wonder:

„… ihm fehlen halt treuen Herzens und in beneidenswerter Naivität all die vielen vielen (viel zu vielen) Unterbegriffe und Nebenschubladen, in die man heutzutage alles unterteilt …“

Satire? Nicht so gemeint? Keine Ahnung. Zäumt das Pferd jedenfalls von hinten auf und schlägt in eine Kerbe, die eigentlich schon tief genug ist. Neue Wörter entstehen, weil plötzlich über Dinge nachgedacht wird, die im wahrsten Sinne des Wortes vorher unsagbar waren. Das hat erstmal wenig mit Unterteilung zu tun, auch wenn’s von außen vielleicht so aussieht. Sollte ein*e Kabarettist*in aus der Buchstabensuppe eigentlich wissen, auch wenn ich Frl. Wonders Texte sonst sehr zu schätzen weiß.

Der neueste diesbzügliche Artikel stammt von heise.de/Telepolis, und ich habe nicht mal die gerinste Ahnung, was die Ätzerei eigentlich bezwecken soll. So viel habe ich mitgenommen: Hipster sind total lächerlich, weil sie alle voll individuell sein wollen, es aber nicht sind.

Diese Erkenntnis ist nun nicht so brandneu, da über Hipster und ihre Brillen/Frisurem/Karohemden/Jutetaschen/etc. schon seit Jahren gewitzelt wird. Gefühlt gab es sogar zuerst den Hipsterwitz und dann den Hipster.

Was irgendjemandes sexuelle Orientierung damit zu tun hat, bleibt mir allerdings auch nach der vierten Seite Text schleierhaft.

Offensichtlich ist der sehr wahrscheinlich heterosexuelle Autor einer vorurteilsbedingten Falle erlegen, die ich oben schon angerissen habe: Wer sich nämlich nicht brav für das eigene (Anders-)Sein schämt, muss ja ganz offensichtlich auffallen wollen. Anstatt, mensch glaube es nicht, einfach nur (mit einem passenden Begriff für die eigenen Empfindungen) zu sein.

Dass eins mit dem passenden Begriff gleichzeitig darauf hinweist, dass die säuberliche Sortierung nach männlich/weiblich, „normal“/“unnormal“ völliger Unsinn ist und nur im Kopf derjenigen existiert, die diese Sortierung vornehmen, ist quasi Bonus. Auch wenn die Leute selten merken, dass sie ihren eigenen Vorurteilen über die Menschheit erlegen sind und stattdessen lieber die Schuld bei den vermeintlichen Störenfrieden suchen.

Linkspämmchen

Zur Überbrückung meiner überstundenbedingten Sendepause ein paar Kleinigkeiten zum Stöbern.

Mit der Religion hab ich’s ja schon öfter gehabt, hier ist auf Englisch eine Argumentationshilfe, wenn ein religiöses Cleverle mal wieder „aber wenn du glaubst, wirst du nichts verloren haben“ bemüht.

Bei Belles Lettres gibt es eine extrem hilfreiche Erklärung des Konjunktivs im Deutschen. Besser als jeder Deutschunterricht an meinem Gymnasium, der konnte mir das nämlich nicht vermitteln.

Und ein Video auf Englisch: „Sag die Wahrheit!/Tell the Truth!“ von Jordan Peterson – ein Argument gegen den Nihilismus und für’s Maul Aufreißen.

Was denn auch @handyfeuer regelmäßig tut: Ein neues Video über A_sexualität.

 

 

 

Jinntöchter: Teaser Trailer und Perspektive

Vor einigen Wochen habe ich den Verlagsvertrag für ein Projekt unterschrieben, über das ich vor längerer Zeit schon einmal Gedanken geäußert habe.

Die Jinntöchter dürfen also die Edition Roter Drache beehren. Unten ein Häppchen, und, zu Erbauungszwecken, das ganze dann nochmal in der Sicht einer relativ flachen Figur. Aus meinem Verein von Schreibenden gab es Hausaufgaben, für die ich diese Szene rausgepickt habe, und das Ergebnis finde ich gar nicht so schlecht.

marokko 2011 431 - fes

Das sagt die Erzählerin:

Während Fayruza also schmollte, war Sintram mit seiner Zeichnung des seltsamen Musters im Sand durch ganz Taqat gelaufen. Morgens hatte er nach Gotliebs Schreiber einen jener Fliesenmacher aufgesucht, die Mosaike herstellten, und war von diesem an den besten Kalligraphen der Stadt verwiesen worden …

Weiterlesen

Klassentreffen?

In der Siegessäule vom Juli 2017 postuliert Dirk Ludigs, dass diejenigen, die sich zur LSBTTIQAetc.-Buchstabensuppe gehörig fühlen, eine Familie seien – nicht ausgesucht, sich nicht immer grün, verschiedenartig und verschiedener Meinungen sowieso, aber doch mit der Gemeinsamkeit, dass wir alle als Minderheiten oftmals damit zu kämpfen haben, dass unsere Blutsverwandschaft das mit dem Minderheitenstatus nicht nachvollziehen kann (anders beispielsweise als bei Marginalisierung aufgrund von Rassismus oder Klassismus, aber ähnlich wie Marginalisierung aufgrund von Ableismus).

dr dewinter in heroischer pose

Ich persönlich finde, dass sich CSD wie Klassentreffen anfühlt. Eins sucht sich ja die Klasse nicht aus, sondern wird einsortiert – in der Schule wie mit der LSBTTIQAetc.-Sache.

Die Gesellschaft hat irgendwann beschlossen, was die Norm sei, und unsereins landet dann in der Out-Group, bei den „Anderen“ aufgrund von sehr ähnlichen Vorstellungen. Also, normal sei, dass es zwei Geschlechter, nämlich Männer und Frauen, aber nichts anderes gäbe, diejenigen hätten einen von zwei festgelegten Chromosomensätzen und äußerliche Merkmale und müssten zwingend das jeweils andere Geschlecht sexuell begehren und mit diesem dauerhafte monogame Partnerschaften eingehen wollen (vulgo „Heteronormativität“).

Fällst du aus diesen Annahmen raus, bist du nicht mehr normal. Aufgrund der Tatsache, dass die Menschheit für alles Ungewöhnliche eine Erklärung sucht, wird es als gegeben und gutes Recht angesehen, dass dieses Nicht-Normal-Sein bemerkt, hinterfragt und gegebenenfalls abgestraft wird.

An eine als Out-Group markiert bzw. geanderte Gruppe werden immer andere Maßstäbe angelegt als an die nicht weiter bemerkenswerte Mehrheit. Sobald du als anders markiert bist, kannst du machen was du willst, du hast schon verloren, egal ob du dich outest oder nicht, egal was du anziehst, egal ob du Fragen nett oder gar nicht beantwortest, egal ob du behauptest, du seist so geboren oder hättest dir es ausgesucht, egal ob du CSD feierst oder nicht. (Dazu später mal mehr.)

Diese Klassifizierung geschieht im gesellschaftlichen Konsens, diese Anderung hat sich das LSBTTIQAetc.-Volk nicht ausgesucht. Genauso wie eins sich die Klasse nicht aussucht.

Und wie es bei Klassen so ist – manche cliquen gleich zusammen, manche können sich  nicht riechen, und um schlimmsten Falle wird auch schon mal gemobbt, gern, um die eigene Unsicherheit zu überspielen.

Ähnlich mit Klassentreffen: Manche kommen immer, andere finden das Konzept nicht gut bzw. ihnen kann der Rest der Klasse gestohlen bleiben, manche haben auch nach Jahren nichts miteinander zu reden, einige streiten sich immer noch, andere verstehen sich erstaunlich gut.

Und ähnlich wie bei Klassen auch – manche heulen rum, dass sie lieber mit der Kindergartenbekanntschaft in der Parallelklasse gelandet wären. Bringt aber nichts, die Heulerei. Die da draußen haben dich sortiert. Einzige Lösung ist, mal mit dem Rest des Haufens zu reden. Eventuell ergeben sich ungeahnte Gelegenheiten.

Daher der Vergleich mit dem Klassentreffen. Bloß ist ein CSD größer, lauter und bunter und hat mit einen sehr viel grimmigeren Hintergrund als Abi 2001.

 

Dear Chester Bennington,

when I drafted this piece, I was crying on a train after listening to One More Light the first time after learning about your death. I don’t know and don’t care if anyone noticed.

The album felt, in retrospect, like a farewell note combined with a „last lecture“ type of thing. Also in retrospect, I could see where the big black dog of depression reared its ugly head in the lyrics.

It’s almost exactly ten years that Linkin Park and your lyrics became a part of my life, when I saw Transformers and was totally captivated by What I’ve Done. I bought Minutes to Midnight, listened closely, then decided Linkin Park was my new favorite band, because that album resonated with me in a way that my old faves hadn’t managed in a while.

At the time, I had a few things going on.

One were ten year old regrets – there were dead people. One whom I wished I had asked questions, much like, ironically, people will now wish they asked you the right questions. Also, I’d lost all my remaining grandparents without standing up to my Nazi grandmother, without asking what my grandfathers had seen and done in WWII. (I will likely never get rid of these issues.)

Second, I’d just decided that I would sacrifice a considerable part of my income for my dream, some might say pipe dream, of working on a writing career that is, at the moment, still not what most people would consider a career. (But: I’ve had people find words like asexuality, aromanticism, genderqueerness. I’d like to think I’ve made a few lives better or richer, so, there. That’s all I can ask.)

Third, I was coming to the sneaking suspicion that the heterosexual norm for a woman my age – marriage, two point five children and a white picket fence – were neither what I wanted from life nor was it something that I would actively be able to stomach, on account of me probably not being heterosexual.

All these insecurities, regrets, vulnerabilies and also the anger (how dare people tell me I’m less because I don’t conform) seemed poured into Minutes to Midnight and into any other Linkin Park album I’ve listened to since then.

I adored the beats and the lyrics. Songs about being betrayed by someone close to you or marginalized by society at large. The strength in admitting to being hurt, vulnerable, angry and the strength of continuing despite these things.

In all this, these songs never seemed to have the context of romantic-sexual relationships – looking back on your history, I see why. It’s also what allows me to adore these songs to tiny little pieces. I do not have to reimagine myself into a heteronormative context to feel them.

Whether it was intentional or not, your songs are a respite from the heterosexuality present in a lot of other music, where, depending on my mood, it is sometimes very jarring to realize that someone created art that was never meant for me.

So. Thanks for creating an oasis.

Thanks for creating theme songs for many of my stories and characters. I believe my writing would have been different without your music.

I hope you’re in a place now where the weight on your shoulders is gone and where the demons didn’t follow.

 

Was man noch sagen darf

Derletzt habe ich mich mit einem befreundeten Autoren über folgende Phrase diskutiert: „aber das darf man heutzutage ja nicht mehr sagen“.

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Andere haben diese Phrase an anderen Stellen oft genug zerlegt, aber ich plane, die werten Kolleg*innen zu pieksen, von denen ich „aber das darf man ja nicht mehr sagen“ schon oft genug lesen musste.

Und ausgerechnet von Autor*innen finde ich das eine äußerst peinliche und kurzsichtige Form der Selbstbeweihräucherung.

Aber von vorne.

Ursachen

Wir stellen fest, dass heutzutage die Debattenkultur sehr zu wünschen übrig lässt. Derzeit sind Shitstorms, Mobbing und Beschimpfungen in fast jeder Nische von Social Media nicht mehr wegzudenken. Und live sieht es manchmal nicht viel besser aus.

Meine Lieblingsschrifstellerin N.K. Jemisin hat wohl aus solchen Gründen große Teile ihres Blogs verschwinden lassen, was sehr schade ist, denn sie hat viele kluge Dinge über Rassismus in Büchern geschrieben.

Aufgrund dieser kommunikativen Schieflage ensteht der Eindruck, dass manche Meinungen es mit mehr Widersprüchen zu tun bekommen als andere.

Konkret scheinen es häufiger die eher konservativen Menschen zu sein, die mit Vorwürfen von Rassismus, Homophobie, Tierquälerei und sonstigem überhäuft werden, je nachdem, wo sie ihre Meinung äußern. Das ist nicht schön, Leute werden mehr oder weniger grundlos verletzt, und es hilft der Diskussion nicht weiter.

Wer dann nicht nachdenkt, findet, dass „aber das darf man ja nicht mehr sagen“ ganz prima diesen Sachverhalt der Totschlagargumentation zum Ausdruck bringt und schreibt die Phrase einfach mal ab.

Wie verquer diese Denkweise ist, zeigt sich spätestens daran, dass diejenigen ihre kontroverse oder vermeintlich kontroverse Meinung ja eben doch in die Welt hinausposaunt haben, und zwar, ohne staatliche Zensur oder gar eine Verhaftung befürchten zu müssen.

Da also der Blockwart nicht die Gestapo gerufen hat und eins selbst unbehelligt weiter schreibt/spricht, ist der Inhalt der Phrase „aber das darf man ja heutzutage nicht mehr sagen“ sachlich falsch, sobald über die deutsche Gesellschaft gesprochen wird.

Damit beißt sich die Katze in den Schwanz:

Ohne die heutige Meinungsfreiheit hätten wir das Problem mit der Debattenkultur gar nicht: Alle dürfen die eigene Meinung öffentlich äußern (mit kleinen Einschränkungen, Aufrufe zum Mord beispielsweise werden nicht gern gesehen) und dazu gehört dann eben auch, dass ich Meinungen anderer Leute öffentlich als Mist bezeichnen darf.

Wir müssen also damit leben, dass andere unsere Meinungen mistig finden und uns das auch mitteilen

Aber das ist halt sehr unerotisch. Lieber behaupte ich, dass meine Meinung unterdrückt wird. Dann kann ich sicher sein, dass mich irgendwer bemitleidet und es ganz super findet, wie mutig ich meine Meinung gesagt habe.

Mut ist was Anderes. Tut mir leid, Leute.

Daher also mein Vorwurf der peinlichen Selbstbeweihräucherung.

Die Geister, die ich rief …

Nun ist es aber so: Indem zahlreiche Menschen fälschlicherweise behaupten, sie würden unterdrückt, entsteht eine Atmosphäre der Bedrohung. Manche Leute überlegen sich dann tatsächlich, was sie noch sagen dürfen. Und sie werden diejenigen hassen, die sie vermeintlich unterdrücken.

Furcht führt zu Hass. Das wussten schon die Jedi, aber die Botschaft ist noch nicht angekommen.

Es besteht Grund zur Annahme, dass manche Kräfte die Spaltung dieser Gesellschaft anhand von unversöhnlichen Meinungen voranzutreiben wünschen, und die monierte Phrase ist da eine erstklassige Möglichkeit.

Divide et impera – teile und herrsche – ist als Weisheit sogar noch älter als Star Wars.

Glücklicherweise gibt es aber Parteien, deren Wahlprogramme direkt oder indirekt davon sprechen, wieder mehr Ordnung und Sicherheit und Höflichkeit und gesunden Menschenverstand und Einigkeit in Deutschland fördern zu wollen.

Klingt auch erstmal ganz toll, nicht wahr?

… die werd ich nicht mehr los?

Bis dann die beispielsweise die AfD meint, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nahelegen zu müssen, dass das Idealbild einer deutschen Frau ist, drei Kinder zu haben, und dieses Idealbild auch schön immer gezeigt werden solle.

Und, sagen wir mal, in letzter Konsequenz würden dann meine Romane nicht mehr gedruckt, weil die ganz offensichtlich von der Genderlobby und der homosexuellen Weltverschwörung gefördert wurden, um die Jugend zu verderben.

Und eben nicht nur meine Romane. Wie lange würde es dauern, bis z.B. Amazon seine Regeln akzeptabler Texte in vorauseilendem Gehorsam einschränkt?

Wie lange bis zur echten Zensur,

… wenn wir weiter ohne Grund Furcht verbreiten, die Spaltung vorantreiben und zu viele Leute sich davon kopfscheu machen lassen?

Im einig Vaterland wird der Herrscher bejubelt, und sonst regiert die Grabesstille. Heißt, diejenigen, die nicht jubeln, werden schon mal einen Kopf kürzer gemacht.

Hatten wir schon mal, inklusiver Verbrennung nicht genehmer Bücher. Brauchen wir nicht wieder.

Und daher also mein Vorwurf der Kurzsichtigkeit, werte Kolleg*innen.

Ich hätte da wirklich Besseres von euch erwartet.

 


Bildquelle: Pixabay, https://pixabay.com/de/zensur-unterdr%C3%BCckung-schweigen-1315071/

Nicht zum Prekariat …

… gehört meineeine.

Ich weiß auch nicht, ob diejenige freischaffende Journalistin, die mich am letzten Samstag besuchen sollte, und das zugehörige Kamerateam sich zu den prekär arbeitenden Menschen zählen.

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Aber fest steht, dass die drei oben genannten Menschen sich einen Tag reserviert hatten, um Aufnahmen von mir zu machen und ein Interview mit mir zu führen. Die Journalistin hatte für ein längeres Vorgespräch mit mir telefoniert, Flugtickets bzw. Bahnkarten gekauft, mit dem Kamerateam die Logistik besprochen … dienstags und mittwochs.

Am Donnerstag fiel dann dem ZDF bzw. einer von diesem beauftragten Produktionsfirma ein (die Quelle war hier leider nicht sehr genau), dass das doch nichts wird mit dem Thema, und stattdessen ein anderes gesellschaftspolitisches Thema drankommt (ich weiß leider nicht, was, und ob ich die Aufmerksamkeit gerne abtrete).

Donnerstags also die Absage. Zwei Tage vor einem Termin, der seit zwei Wochen feststeht, und der, wohlgemerkt, recht eilig gemacht wurde. Also Juli ginge auf keinen Fall mehr, das sei zu spät, sagte die Dame von der Produktionsfirma.

Nun ja. Ich hoffe, irgendwer muss die eigenen Worte (also, den Bullshit) essen, wie das auf Englisch so schön heißt.

Den monetären Verlust, den ich durch einige Stunden Vorbereitung  hatte, durch zwei längere Telefonate und die erforderliche Kommunikation mit der Tanztruppe, die ebenfalls erscheinen sollte, kann ich nicht beziffern, da ich als Autorin nicht nach Stunden bezahlt werde.

Fest steht: Ich hätte in den geschätzten drei bis vier Stunden Vorbereitung auch mindestens drei bis vier Normseiten Roman tippen können. Oder mich um diesen Blog und/oder das Marketing bereits erschienener Romane kümmern können.

Das Kamerateam und die Journalistin, die von solchen Aufträgen tatsächlich leben müssen, wissen sicher besser, wie viel Geld sie verloren haben, und ich hoffe, dass in ihrem Vertrag eine Klausel steht, die derartige kurzfristige Absagen wenigstens etwas abmildert.

Trotzdem: Eine sollte meinen, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender nicht nur sendungsbewusst tut, sondern seiner gesellschaftlichen Verantwortung auch sonst etwas gerechter wird.

Mal wieder übersexualisiert

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Derletzt wurde ich zu meinem ehrenamtlichen Thema per Telefon befragt, und da fiel dann mal wieder diese Phrase von der übersexualisierten Gesellschaft. Leider kam dann das Gespräch wie so häufig auf mein Privatleben (es lebt, danke …) statt auf diese Theorie, dass in der Öffentlichkeit zu viel Sex sei.

Ich mag sie nicht. Oder besser: Ich glaube, sie schießt am Ziel vorbei.

Einige Beobachtungen zum Thema Sex

Stellen wir fest: Sex ist offensichtlich ein interessantes Thema. Die Menschheit zerreißt sich darüber den Mund, seit sie existiert.

Stellen wir weiterhin fest: Grundsätzlich muss ich nicht mit Details aus anderer Leute Intimleben an jeder x-beliebigen Ecke überfallen werden, aber ich finde es sehr in Ordnung, wenn ich an x-beliebigen Ecken erfahren kann, was es alles gibt und wo sich die Details verstecken. Ein solches, möglichst vorurteilsfreies, Grundrauschen an Information ist meines Erachtens diesbezüglich notwendig.

Wenn ich weiß, was es alles gibt, kann ich über mein Leben ein wenig besser entscheiden, als wenn ich nur hinter vorgehaltener Hand Halbwahrheiten und Gerüchte zu hören bekomme, während im Vordergrund irgendetwas von vaterländischer Pflicht, Gottesfurcht oder derlei gesalbadert wird.

Die sogenannten „besorgten Eltern“ sind gegen diese Art von informativem Grundrauschen, das macht sie mir sehr suspekt.

Mir fällt aber auch auf: Mit dem Versprechen des Begehrtwerdens wird heute ein Haufen Werbung gemacht. Begehrenswert sein stellt zwar schon immer einen Wert dar, aber früher gab es nicht so viele Kanäle, auf denen nackte Haut versendet werden konnte.

„Begehrt werden“ wird schon lange mit „geliebt werden“ verwechselt (siehe all die „amore“ aus den Mozartopern)  und mittlerweile auch mit Glücklichsein. Somit ähnelt das „Begehrenswert sein“ einer Karotte an einer Angel, die immer knapp außerhalb der Reichweite des Pferdes der Verbraucher*innen baumelt, denn der perfekte Body in der perfekten Verpackung ist schon per Definition außer Reichweite.

Mir fällt auch auf: Was eins im Bett mit einer oder mehreren anderen Personen treibt, wird nicht ausschließlich als eine Frage des persönlichen Geschmacks wahrgenommen, sondern als Ausdruck der Persönlichkeit, der den echten, wahren Wesenskern eines Menschen freilegt.

Nazis und Kommunist*innen können gleichermaßen gern, sagen wir, schwarze Oliven oder Sushi mögen, und niemand wird behaupten, dass sich das widerspricht.

Reden wir aber von Fesselspielen, bei denen so viel Einverständnis wie möglich zwischen den Beteiligten herrscht … dann sieht es anders aus. So jemand muss doch progressiv sein und auf Gleichberechtigung überall stehen? Oder?

Wie kann eine Frau, die mit einer Frau zusammenlebt, AfD-Spitzenkandidatin werden? Wieso ist eine Autorin, die über schwule Paare schreibt, krass rassistisch? Wieso vertreten nicht alle a_sexuellen Menschen queerfeministische Positionen?

Das passt doch nicht zusammen? Oder?

Allgegenwart plus (Über)bewertung gibt?

Aus dem Wunsch nach Begehrtwerden und dem Mythos vom echten, wahren Persönlichkeitskern bauen wir neue Normen auf, die nirgends stehen und deswegen umso perfider wirken. Hier steht kein schwarzberockter Pfaffe mehr auf der Kanzel und predigt wider die Unzucht (und setzt dabei wenigstens klare Grenzen), sondern Schreibende stellen Listen auf von Dingen, die mensch unbedingt mal getan haben muss, Gesundheitsmagazine trompeten hinaus, dass Sex gesund sei und welche Stellung wie viel Kalorien frisst, Frauenzeitschriften ergötzen sich an Frauen, die ohne BDSM nicht existieren können (statt es nur mal voll progressiv ausprobiert zu haben) und irgendwo verläuft immer noch die magische Grenze zwischen einer voll aufgeklärten, lebenslustigen Frau und der vielgefürchteten Schlampe.

Aber niemand verrät dir, wo diese Grenze genau verläuft, und wie sehr sie von Dingen abhängt, die du nicht beeinflussen kannst. (Wo du aufgewachsen bist, welche Farbe deine Haut hat, wie viel Geld deine Eltern hatten …)

Es gibt auch die Grenze zwischen „langweilig“ und „normal“ oder „normal“ und „schwanzgesteuert“ und noch mehr Grenzen zwischen „normal“ und etwas anderem, aber wer weiß schon, wie viel ich mit wem wie tun muss, um normal und voll aufgeklärt zu sein und auch hier meine politischen Ansichten widerzuspiegeln …

Alles in allem hat unsere ach so fortschrittliche Post-68er-Gesellschaft einen eher unentspannten Umgang mit dem Thema Sex. Obwohl das Thema quasi überall ist. Und das finde ich so was von 19. Jahrhundert.

Für Leute, die Englisch können, gibt es „The Sex Myth“ zum Weiterlesen.