Über Carmilla DeWinter

Carmilla DeWinter schreibt Phantastik und verque(e)re Texte.

Visibility is a trap

Geiler Scheiß wie immer von Coyote.

The Ace Theist

[Note: This post has been crossposted to Pillowfort.]

This is a post about „visibility“ as the name of (and approach toward) a type of primary community goal. While in the drafting stages, I had considered naming this post something more simple, like „on visibility“ — but it occurred to me that a potential reader just might think this was simply yet another post on „why visibility is important,“ and it is not. This post is not pro-visibility. This is a post inviting the reader to consider the potential for visibility to become a trap.


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Captain ohne (gescheite) Fanfiction

Mit einiger Verspätung habe ich am Freitag „Captain Marvel“ gesehen.

Ich war hin und weg und, ganz Fangirl, suchte am selben Abend noch nach Fanfiction — die USA hatten ja durchaus schon mehr als fünf Wochen Zeit, selbige zu produzieren.

Und nun schreibe ich hier über das, was nicht geschrieben wird.

Auf Archive of Our Own (AO3) gab es am Samstag um 0:15 266’464 Werke zum Thema „Marvel Cinematic Universe“ (kurz MCU). Damit ist das MCU eins der produktivsten Fandoms. „Captain Marvel“ ist der neueste Film aus dieser Filmreihe.

Ich musste auf die zweite Seite der Ergebnisse blättern, um eine Fanfiction zu finden, die „Captain Marvel (2019)“ getaggt hatte. Insgesamt findet AO3 546 Werke (0,2%). Davon enthält mehr als die Hälfte eine Romanze zwischen zwei Frauen („F/F“), was Fandom-Rekord sein dürfte. (14’665 MCU-F/F-Fictions zum Zeitpunkt des Nachschauens, macht 5,5%).

Das „Captain-Marvel (2019)“-Fandon enthält außerdem etwa zu einem Viertel eine Romanze mit einer Frau und einem Mann („M/F“). Das entspricht etwa dem MCU- und damit dem Gesamtdurchschnitt für Fanfiction bei AO3. (Das lesen Sie richtig. Im Gegensatz zu jeder anderen Art von Geschichten sind die Heten hier in der Unterzahl.)

Die F/M-Romanzen für Captain Marvel finde ich sehr schräg, da die Heldin, Carol Danvers, keine Chemie mit irgendeiner männlich konnotierten Figur hat. Und auch für das F/F-Gedöns muss ich echt die Augen zusammenkneifen und eine Lupe zur Hand nehmen.

Marvel versucht ausnahmsweise nicht einmal, uns von einer Romanze zu überzeugen. Und das tun sie ja gern, ohne dass die Figuren irgendeine Chemie entwickeln. (Ich sag nur, Steve/Sharon. Glaubt das irgendwer? Ehrlich? Loki und Iron Man haben mehr Chemie, trotz des Fensters. Und die Steve/Bucky-Fans muss man gar nicht erst fragen.)

Nein, wir haben hier erstaunlicherweise eine Heldin, deren Lebenstraum es ist, richtig schnell durch die Gegend zu zischen. Sehnsucht nach einem Mann oder Familie? Sehen wir nicht. Tatsächlich vergeht sogar der halbe Film, bis die Heldin mal entspannt lächelt.

Die Frau hat ein Resting Bitch Face, und der einzige Typ, der das kommentiert, bekommt das Motorrad gestohlen. Das finde ich sagenhaft geil.

Wir sehen aber auch eine Figur, die am Ende des Films halbwegs stabil und mit einer Lebensaufgabe rauskommt. Da hat sie quasi sämtlichen anderen Figuren mit eigenen Filmen außer Ant-Man und Dr. Strange was voraus. Carol Danvers ist kein gequälter Typ, der gemobbt wurde/den sein Vater gehasst hat/dessen Eltern gestorben sind/der auf der Flucht ist/gefoltert wurde/unter Depressionen oder PTSD leidet. (Mix’n’Match für Iron Man, Captain America, Thor, Loki, Bucky Barnes, Natasha Romanov, T’Challa, Spiderman und Bruce Banner. Und Hawkeye, laut den Comics.)

Solche ungequälten Figuren laden nicht dazu ein, ihnen die Welt besser zu schreiben.

Offenbar ist es aber auch hier in 75% der Fälle unmöglich, sich die Figur ohne Romanze zu denken. Die Tags „asexual character“ und „aromantic“ werden daher mit Stand vom Samstag nur je zweimal benutzt, in insgesamt zwei Geschichten von derselben Autor*in.

Wahrscheinlich finden nur andere Menschen aus dem asexuellen oder aromantischen Spektrum es seltsam, dass der Frau ohne Flirt so viele Romanzen angedichtet werden.

 

 

 

 

 

Benefizanthologie

Hervorgehoben

Like a (bad) Dream: Benefizanthologie von [DeWinter, Carmilla, Annette Juretzki, Svea Lundberg, Thomas Pregel, S. B. Sasori, Dima von Seelenburg, Dennis Stephan, J. Walther, Elea Brandt, Barbara Corsten, Jona Dreyer, Jobst Mahrenholz, Tanja Meurer, Jannis Plastargias, Chris P. Rolls, Elisa Schwarz, Juliane Seidel, T. A. Wegberg]

Letztes Jahr fragte die zauberhafte Juliane Seidel, ob ich eine Geschichte für eine Anthologie spenden möchte. Anlässlich des 18. Bloggeburtstags von Like a dream sollte es 18 Geschichten unter dem Motto „Albträume“ oder „Ab 18“ geben.

Herausgekommen ist eine Sammlung von teils traurigen, teils spannenden, teils grusligen und manchmal süßen Geschichten. Happy End nicht garantiert.

Passenderweise gehen die Einnahmen an vielbunt e.V. in Darmstadt. Leider hat ja nicht jede queere Geschichte ein Happy End, und dieser Verein hier kümmert sich — wie so viele andere — darum, dass es ein paar mehr sind.

Mein Beitrag heißt „Baum und Brunnen“.

Sollte Chris schreiend davonrennen? Andererseits würde ihn kaum jemand vermissen, falls der Wassermann dem Klischee entsprach und ihn zu sich in sein dunkles Reich zog. Das kam davon, wenn man sich aus privatem Frust in die Arbeit vergrub.

Was der Wassermann in dem Teich tut und wer hier wessen (Alb-)Traum ist, möchte das geneigte Publikum bitte selbst nachlesen.

Zu kaufen beim großen, bösen A.

 

Gender kon-formen

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In der letzten Zeit habe ich einige Arbeiten aus den Sozialwissenschaften gelesen. Diese erwähnen immer wieder, dass Kinder, die nicht zu den sozialen Normen des ihnen zugewiesenen Geschlechts passen, von ihrem gesamten Umfeld Druck bekommen, sich anzupassen: „Da ist die Schublade, zwäng dich rein oder ertrage die Konsequenzen.“

Entweder sie können/tun es, verbiegen sich und werden wahrscheinlich unglücklich, oder sie können/tun es nicht, bekommen mehr Druck und werden wahrscheinlich unglücklich.

Heiter scheitern tun wohl die wenigsten, auch wenn es sich in manchen Fällen wohl lohnen würde. (Wenn man nicht dafür umgebracht wird oder ins Gefängnis muss oder enterbt wird oder …)

Und wie das so ist, wenn eins über solche Informationen stolpert: Ich frage mich, inwieweit ich ermutigt wurde, mein Geschlecht/Gender zu performen, und ob ich jemals getadelt wurde, weil ich es nicht tat.

Verkompliziert wird es durch folgende Dinge: Ich bin introvertiert und bin dank einer Mischung aus Erziehung und Genen eher pflichtbewusst. Konflikte zu vermeiden oder sie passiv-aggressiv auszutragen ist meine Art des Energiesparens. Ich werde eher selten laut, ich schalte dafür auf Durchzug.

Obwohl meine Frau Mama eine ist, die sich viel darum Gedanken macht, was die Nachbarn sagen könnten und ob unerwarteter Besuch die Bude unordentlich findet, hat sie mir trotzdem nicht das Gefühl vermittelt, dass ich mit Puppen spielen muss oder dass ich die Puppenküche öfter benutzen sollte als den Kaufladen. Über meine ausgeprägte, mädchenklischeehafte Pferde-Faszination verdrehte sie die Augen. Sie drängte mich auch nur in einer Handvoll Fälle, mich mädchenhaft zu kleiden, wenn ich nicht wollte. Als Resultat verbrachte ich mein elftes bis vierzehntes Lebensjahr vor allem in unförmigen Pullis und T-Shirts. (Ich mein, Mädchensein in dieser Gesellschaft ist oft kacke, und noch beschissener, wenn das Gehirn bei der Information, dass der Körper dazu begehrenswert ist, nur „iiiihp, Error, 404“ macht.)

Klamottentechnisch habe ich seitdem einiges ausprobiert, und wenn es neben „Jeans und T-Shirt mit oder ohne Kapuzenjacke“ einen DeWinter-Style gibt, dann ist er entweder übertrieben feminin („femme„) oder ein mehr oder wenig gezielter Mix aus maskulin und feminin kodierter Kleidung. Außerdem kann es sein, dass ich zu einem Essen oder Kulturtermin aus rein wetterbedingter Verzweifung mit Anzug und Krawatte auftauche. Ich bin eitel, aber nicht auf eine Art, die Komplimente fürs Hübschsein einfahren will. Das irritiert manche Leute. Denen merkt man an, dass sie nicht wissen, was sie dazu sagen sollen, und statt dass sie gar nichts sagen, äußern sie lieber einen gestelzten Kommentar.

Jedenfalls habe ich als Kind hauptsächlich Kritik geerntet, weil ich „zu leise“/zurückgezogen oder „zu dick“ war. (Beide Statements habe ich mir zu sehr zu Herzen genommen.)

Mittlerweile bin ich eindeutig immer noch introvertiert und zur Not passiv-aggressiv, aber nicht mehr schüchtern.

Außerdem erntete ich (und ernte immer noch) Reaktionen, wenn meine Neigung zum Sarkasmus und trockenem Humor oder mein Bedürfnis nach Abstand oder meine Meinungsstärke oder mein Hang zum Besserwissen das Liebsein schlägt.

Ja, ich trete manchmal einen Schritt zurück, wenn andere Leute mir ihren Mundgeruch ins Gesicht hauchen. Auch wenn es sich dabei um Kundschaft oder um Autoritätspersonen handelt.

Meine Mimik entgleist manchmal, wenn jemand etwas sagt, das ich sehr seltsam finde oder über menschliches Verhalten stolpere, das mich wundert. (Sollte es nicht, ich weiß, weil: Menschen. Viele davon essen Spaghetti mit Ketchup und gehen automatisch davon aus, dass ich mein Bett mit einem Typen teilen möchte und so.)

Wenn eine andere angestellte Person Kritik an den Cheffitäten übt, sollte ich wohl eher beschwichtigen, als nur trocken „Ja“ zu sagen. Gelegentlich überrasche ich mich selbst und bin sogar halbwegs schlagfertig.

Ich bin in der Lage, Kritik sachlich zu äußern. Angelegentlich tue ich es auch. Manche Menschen irritiert es, wenn ich ihre Meinungen nicht unwidersprochen stehenlasse.

Wenn ich mich recht entsinne, meinte eine Bekannte, dass das ein gelegentlich etwas ruppiger Auftritt ist.

Seh ich so brav aus, dass sie andere das auf den ersten Blick nicht von mir vermuten? Oder nicht vermuten, dass ich das mehr als einmal tue und es mehr als einmal kommentieren? Anscheinend.

Und manchmal frage ich mich, ob die auf mich auch so verständnislos reagieren würden, wenn ich ein Mann wäre.

 

 

 

Triggerwarnungen-Bandwagon

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In der letzten Zeit ist da an anderen Stellen ziemlich was hochgekocht. Vor allem bei Facebook war’s in manchen Threads von Leuten, die ich mag, echt nicht mehr feierlich. Und ich hatte das unschöne Vergnügen, bei diesem Steit voll auf dem Zaun zu sitzen.

Auf der einen Seite diejenigen, die Inhaltswarnungen komplett kacke finden. Immer. Egal ob sie für Blogtexte, Filme oder Bücher sind: Diese Mimosen sollen sich nicht so haben. Erwachsene sind für sich selbst verantwortlich. Sie können sich gefälligst vorher informieren, statt alle Infos in vorauseilendem Gehorsam hinterhergetragen zu bekommen. Außerdem kannst du es damit nie allen recht machen.

Auf der anderen Seite diejenigen, die so hyperbesorgt sind, dass sie lieber ihre eigenen Romane für alle auf der zweiten Seite spoilern würden.

Und ich sitze so in der Mitte. Ich weiß beispielsweise auch gern, ob sexualisierte Gewalt in einem Text vorkommt — die Chance, dass sie verherrlicht oder verharmlost wird, ist dann nämlich recht hoch.

Wobei es traurig, aber wahr ist, dass manche Menschen, die sexualisierte Gewalt schreiben, gar nicht merken, was sie da tun und das für eine obersexy Liebesszene halten. Mein Problem ist dann mit der Message, die über Männer und Frauen verbreitet wird: eher mit dem Wie als mit dem Was.

Kein Schwein kann mich vor dem Leben und vor gedankenlosen Autor*innen beschützen. Und auch nicht vor Verlagen, bei denen im Lektorat niemandem auffällt, welche vorgestrigen Stereotype ihre Schreibenden so bemühen, weil es bei der Bis(s)-Reihe und „Shades of Grey“ ja auch niemanden gestört hat.

Wir alle brauchen mehr Feminismus, um die giftigen Botschaften, die uns tagtäglich begegnen, tatsächlich als solche zu erkennen.

Und damit zu meinen Texten: Warnung oder nicht?

Bei meinen Texten weiß man spätestens am Ende der Leseprobe, wo die Reise in etwa hingeht, daher weigere ich mich, Einzelheiten ins Buch selbst zu schreiben. Ich mag auch keine Altersangaben für Texte machen, die nicht für Kinder sind. Zumindest bei meinen Werken ist es so: Bis das eher verstörende Zeug auftaucht, haben die meisten ungeübten Lesenden die Segel gestrichen, und wer es bis dahin geschafft hat, wird wahrscheinlich auch mit dem eher verstörenden Zeug zurechtkommen.

Und wenn jemand eine echte Schwierigkeit hat: Die Person ist erwachsen, für sich selbst verantwortlich und kann mich, zur Not mit einer Wegwerf-Mailaddi, anschreiben. Oder eine Pseudomailadresse dahin schreiben, wo die Kommentarfunktion eine erwartet. (Ehrlich, das geht.)

Trotzdem habe ich eine Liste mit Triggern beziehungsweise Inhaltswarnungen gemacht. Warum? Weil ich es interessant finde, das mal in geballter Form zu sehen. Was ist das Zeug, das mich beschäftigt? Was sind die giftigen Botschaften, mit denen ich mich auseinandersetze und die meine Figuren (und damit auch ich) verinnerlicht haben? Hier habe ich es hellgrau auf schwarz.

Wie erwähnt sagt eine Inhaltswarnung nichts darüber aus, wie ich mit dem Thema dann umgehe. Ob ich die sexualisierte Gewalt sexy scheinen lasse — oder ob Marron seine Essstörungen deswegen hat, weil er mit seiner Rolle als Opfer und Täter nicht zurechtkommt? Oder als wie normal Gewalt gegen Kinder behandelt wird. Und so weiter.

Vor dem „Wie“ kann mich keine Triggerwarnung der Welt retten, denn die Perspektive derjenigen, die schreiben, ist wie meine eigene notwendigerweise beschränkt.

Wer sehr spezifische Probleme hat, wird daher selbst mit meiner Liste nicht um eine direkte Frage herumkommen.


Bildquelle: Pixabay, https://pixabay.com/de/zensur-unterdr%C3%BCckung-schweigen-1315071/

 

Lesung am 13. März in Karlsruhe

Es gibt Kuchen für auf die Ohren.

Weil ich das PRINZs in Karlsruhe in „Die A-Karte“ erwähnt habe, wurde ich zum Lesen geladen. Und sie haben mir ein echt hübsches Banner dafür machen lassen:

Bild könnte enthalten: 1 Person, Hut und Text

Kann also nur gut werden.

Mittwoch, 13. März 2019, 20 Uhr

PRINZs, Zähringer Straße 15, Karlsruhe

Kostet keinen Eintritt. Zugang nur mit Stufen.

Wer kommt zuhören?

 

Werbebanner Lesung 2019-03-13

 

Gutaussehend?

Oder: Wenn die minderheitenbedingte Wahrnehmung das Schreiben beeinträchtigt.

Anderswo sagte DasTenna, dass sie keine Ahnung hat, was es bedeuten soll, wenn jemand eine andere Person als „gutaussehend“ beschreibt.

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Dieser Typ ist wahrscheinlich nicht nur gutaussehend, sondern auch sexy.

Ich kann das nachvollziehen. „Gutaussehend.“ Was soll ich mir da drunter vorstellen? Ich weiß ja nicht, was die andere Person denkt. Vielleicht ist „konventionell gutaussehend“ gemeint? Oder auch nicht — die in der Fanfiction verbreitete Sitte, über die Wangenknochen diverser Schauspieler zu seufzen, verstehe nicht nur ich nicht. Oder wenn ich in einem vollen Café eine Frau finden soll, die „blond und gutaussehend“ ist — das ist schon ein sehr weites Feld.

Ich kann zwar aus dem, was Leute sagen und schreiben, herausfiltern, was üblicherweise als „gutaussehend“ gilt. Oft meinen sie damit wohl „sexy“ — und ich habe nur eine vage Ahnung, was „sexy“ im Kopf von allosexuellen Menschen bedeutet.

„Gutaussehend“ ist für meine Minderheit noch ungenauer als für den Rest der Welt.

Ungenauigkeit ist üblicherweise der Feind der Erzählenden, weil sie die Vorstellungskraft behindern kann: Zu wenige Details sind genauso schädlich wie zu viele.

Zu viele Details behindern den Lesefluss: Dann wissen die Lesenden nicht, wo sie zuerst hinschauen sollen und vergessen vor lauter Klein-Klein, dass da auch eine Handlung ist. (Letztere Unsitte hat mich einst davon abgehalten, „Der Turm“ fertigzulesen. Zu viel Beschreibung geht mir auf die Nerven, wenn sie von außen gesehen keinem weiteren Zweck dient, als sprachlich schön zu sein.)

Zu wenige Details sind Stolperfallen. „Ein großes Haus“? Ist das die dreistöckige Gründerzeitvilla oder ein moderner Bau mit geschwungener Fensterfront? Oder ein Wohnblock aus den Siebzigern mit fünfzig Parteien? Wehe, die einen stellen sich das erste vor und landen in der zweiten oder gar der dritten Möglichkeit: Dann ist erstmal Blinzeln und ein mühseliger Neuaufbau des fiktionalen Traums angesagt. Das wird auf die Dauer lästig. Das mag mit einer Augenfarbe, die erst spät im Text erwähnt wird, noch angehen, aber größere Stolperer können den Lesenden durchaus den Spaß verderben.

Oder: Wie unordentlich ist unordentlich? Muss die Kommisarin über Stapel alter Zeitungen am Boden steigen oder hat der Ermordete nur sein Bett nicht gemacht?

(Hier kann ich sowohl die Person, die die Unordnung verursacht hat, als auch die beobachtende Person charakterisieren. Was fällt wem auf?)

Hässlich. Gutaussehend. Wie bei jedem Klischee und Allgemeinplätzen: Ein Etikett drauf und fertig. Gedanken um Grübchen oder sonst was überflüssig. Faulheit, sagen die einen. Praktisch, die anderen.

Ich hänge schreibtechnisch irgendwo dazwischen: Ich kann verstehen, warum viele Leute „gutaussehend“ ein praktisches Wort finden.

Das liegt daran, dass ich Liebesromane (oder wenigstens Liebesgeschichten) geschrieben habe. Viele Lesende dieses Genres möchten sich diesen oder jenen Typen halt gern so vorstellen, wie sie sich „gutaussehend“ und damit sicher auch „sexy“ definieren. Heißt: Die Autorin stellt Haarfarbe, Augenfarbe, die ungefähre Größe und ungefähre Figur zur Verfügung und verzichtet auf genauere Angaben. Details wie ein ausgeprägtes Kinn könnten hinderlich sein, weil manche Lesenden das vielleicht als unsexy empfinden.

Ist das auch der Grund, warum so oft fliegende Oberkörper auf M/M-Romance-Texten sind? Damit alle sich nach Geschmack ein Gesicht dazu denken können?

Ich gehe davon aus.

Schmonzelach Un Tinef

In meiner Blase reden grade unglaublich viele Leute über Marie Kondo und ihre Aufräumvideos. Dass wir alle zu viel Kram besitzen würden und dass der belastet etc.
Was aber, wenn ein Mensch gern passenden Kram hätte, aber keinen kriegt, weil die Mehrheitsgesellschaft in dieser Person keine Zielgruppe sieht?

Davidssplitter

Es ist hier. Es ist da. Das Große, an dem ich seit einiger Zeit mit Hingabe arbeite. Aber der Reihe nach:

Vor einiger Zeit habe ich den Text Gimme the Kitsch! geschrieben, in dem ich meiner Frustration darüber Ausdruck verliehen habe, dass es um Dezember herum Unmengen an Weihnachtsdekoration und kitschigem XMas-Nippes gibt, aber Channukkah einerseits in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vorhanden ist und es andererseits auch keine große Auswahl an schöner und kreativer jüdischer Deko und Kleinzeug in Österreich gibt. Einige von euch werden auch wissen, dass ich derzeit arbeitslos bin und mich nach der doch längeren Zeit im interreligiösen Dialog neu orientieren will. Anfang Dezember sind dank eines Berufsorientierungsworkshops diese beiden Faktoren kollidiert. Die Ausgeburt dieses Urknalls könnt ihr in diesem Video sehen:

Links: StartNextSchmonezalchuntinef.com, Facebook, Instagram

Die Finanzierungsphase läuft bis 20. Februar 2019.

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Frauen lesen?!

Via Geschichten und Meer kam eine Blogparade zu mir: 1. Frauenleserin Blogparade zum Jahresende

Initiiert wurde es von der Frauenleserin Kerstin Herbert, in diesem Posting.

bucheulen

Nun ist das ja eher ein Schreib- und kein Leseblog. Die meisten Schreibenden, die ich kenne, lesen weniger, als sie gerne würden, weil irgendwo muss ja das Geld herkommen, das der Brötchenberuf nicht abwirft. Dito. Meistens versacke ich doch mit Fanfiction statt mit anspruchsvoller Lektüre. (Andere lesen ehrliche Liebesromane, ich weiß, ich weiß, aber lasst mich doch wenigstens eine Sache in Ruhe suchten, wenn ich schon kaum Serien schaue.)

Ansonsten klaue ich hier einmal die Fragen direkt aus dem OP:

  • Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Ich habe laut meiner Aufstellung von Belletristik 20 Romane oder Anthologien fertiggelesen.

Davon wurden 11 hauptsächlich oder ganz von Frauen verfasst.

Rechnen wir die Lektorate und die Fanfiction hinzu, die größtenteil Frauendomäne ist (oder von Menschen verfasst wird, die andere Leute für Frauen halten), dann komme ich wohl auf eine Quote von über 80 Prozent.

Als klassische Genreleserin habe ich es offenbar leichter, am Feuilleton vorbeizuoperieren.

  • Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)

Ich kann mich nicht zwischen Lagoon von Nnedi Okorafor, Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten von Becky Chambers und The Girl on the Train von Paula Hawkins entscheiden. Alle drei sind erstklassig erzählt und öffnen neue Horizonte (und wenn’s nur in den Garten an einer Bahnlinie ist).

  • Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?

Muss ich mich schon wieder entscheiden. Aargh. Also, bei Nnedi Okorafor beeindruckt mich ihre nigerianisch beeinflusste Sicht der Dinge bei gleichzeitiger fantasievoller Fabulierlust. Sie schreibt SF nicht von alten weißen Herren ab, die das Genre geprägt haben, sondern macht was Neues. Dito Becky Chambers, die so locker Nebensätze mit „meine Daddies“ aus dem Handgelenk schüttelt, dass es eine wahre Freude ist.

  • Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)

Da ich bei einer Veranstaltung zum Thema Frauenwahlrecht gebeten wurde, Marie Juchacz‘ erste Rede vor dem Deutschen Parlament anno 1919 vorzulesen, schaute ich mir auch ihre Biographie ein bisschen an, die mit eingescannt war. Eine Kurzversion ist bei Wikipedia einzusehen. Jedenfalls: Was für eine Energie. Wow.

  • Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?

Der SuB (Stapel ungelesener Bücher) enthält unter anderem zwei Krimis von Sophie Hénaff und A. S. Schmidts Codex Villalobos. Wenn dann noch Zeit ist, wird’s wohl mehr von Nnedi Okorafor, Becky Chambers, eventuell Aliette de Bodard, und eventuell noch The Moor’s Account von Laila Lalami.

 

ETA: Hintergrund des ganzen Zirkusses bzw. der Blogparade.

Lesung!

Wer rechts geschaut hat, hat schon einen Hinweis:

Meine Kollegin Claudia Speer und ich werden in einem Joint Venture ihre historischen Romane und meine Jinntöchter präsentieren.

Das Motto ist „(K)EIN MÄRCHEN“, denn ich fabuliere zwar munter drauflos, aber nicht ohne Sinn und Zweck, und historische Texte sind immer erfunden, aber deswegen nicht unbedingt weniger wahr. Oder ist beides eine zärtliche Lüge, frei nach Christian von Aster?

Wann? 1. Februar 2019, 19 Uhr

Wo? Nordstadtbuchhandlung, Hohenzollernstr. 23, 75177 Pforzheim

ETA, wie immer erstmal vergessen: Der Eintritt ist frei.

Zugang nur über eine Treppe möglich.