Jungfrau, Mutter, Vettel, Ass?

Ich war im Juli in der Medienlandschaft präsent. (SpOn, Baby.)

CH-NB-Kartenspiel mit Schweizer Ansichten-19541-page057Jedenfalls wurde ich mal wieder danach gefragt, was ich in den vergangenen zwanzig Jahren sexuell so erlebt habe, und ich habe wie immer keine detaillierte Antwort gegeben.

Andere interviewte Menschen aus dem asexuellen Spektrum mögen das anders sehen (winkt), aber von mir gibt es prinzipiell keine Detailauskünfte. Vielleicht habe ich auf einem Konzert mit wem rumgemacht, vielleicht auch nicht. Vielleicht habe ich mich auf einer Fete aus Neugier betrunken abschleppen lassen, vielleicht auch nicht. Vielleicht habe ich nichts zu berichten, vielleicht auch nicht. Vielleicht hab ich etwas getan, auf das ich nicht besonders stolz bin, vielleicht aber auch nicht.

Es sollte eigentlich egal sein.

Oder? Es ist 2018.

Wenn wer freiwillig aus seiner/ihrer sexuellen Vergangenheit erzählt, dann finde ich das völlig in Ordnung und teils sogar bewundernswert. Denn einige sind mit Details großzügig, um unsicheren und fragenden Menschen zu versichern, dass das nicht nur ihnen so geht/ging.

Und wenn eine nicht mit Details rausrückt?

Dann sollte eins nicht danach fragen. Weil’s den Rest der Welt nichts angeht. Was ich getan oder nicht getan habe, ist sowieso je nach Gusto der Lesenden entweder zu viel, um noch als asexuell durchzugehen, oder zu wenig, um zu beweisen, dass ich versucht habe, „normal“ zu sein.

Abgesehen davon scheint es mir, dass Frauen mehr diesbezügliche Dinge gefragt werden. Mag auch daran liegen, dass in einschlägigen Interviews meistens Frauen  zu Wort kommen.

Insgesamt aber habe ich das nagende Gefühl, dass diese Gesellschaft sich immer noch auf einem geradezu mittelalterlichen Niveau dafür interessiert, ob, wie oft, wie und mit wem Menschen mit Gebärmutter ihre Geschlechtsteile benutzen. Um dann zu bewerten, ob es zu oft, zu selten, mit der richtigen Person (Notiz: es darf nur eine gleichzeitig sein) und in einer derzeit akzeptablen Weise stattfindet und ob zu wenige oder zu viele Kinder dabei rausgekommen sind.

Dabei leben wir nicht mehr im Mittelalter.

Es gibt mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Welt. Wir könnten im Grunde ein paar weniger gebrauchen, vor allem von denen, die per Gewohnheitsrecht jede noch so kurze Strecke mit dem Auto fahren, täglich tote Viecher essen und jedes Jahr mindestens eine Flugreise unternehmen. (Eigene Nase? Ich? Wo? … Habe außerdem den nagenden Verdacht, dass die Verfechter:innen des herbeifantasierten „reinen deutschen Blutes“ sowas ahnen und auch deswegen gegen Schulaufklärung sind.)

Die Menschheit stirbt nicht mehr aus, wenn ein paar gebärfähige Menschen gar nicht oder nur zum Vergnügen poppen und keine Kinder haben.

Ehrlich nicht.

Ob’s nun aus Profession Neugierige sind oder der Rest der Republik, der beleidigt ist, wenn wer nicht mit den Infos rausrückt, und auf jeden Fall die, die meinen, ein Recht darauf zu haben, über fremde Gebärmuttern zu bestimmen: Entspannt euch mal.

Der Kuchen und die Identität

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Ich habe erst gestern ein paar Sätze von mir in einem Buch gefunden, in dem ich sie nicht erwartet hätte. Das Buch heißt „Feministisch streiten“. Es ist eine Aufsatzsammlung aus dem Querverlag. (Ich finde deren Sachbücher manchmal sehr nett, auch wenn sie noch nix über Asexualität machen wollen.)

Ich zitiere aus der Einführung von Koschka Linkerhand über „Das politische Subjekt Frau“, Seite 37/38 der ersten Auflage:

Der stetige, unreflektierte Wechsel von Identitätskritik und alternativer Identitätsfindung führt dazu, dass eine entlastende, nachsichtige, auch humorvolle Distanz zur eigenen Identität kaum mehr möglich ist. Identitäten müssen hautnah sitzen oder ausgewechselt werden. Das zeigt sich beispielhaft im Glossar von AVEN, eine Plattform für Asexuelle. Dort heißt es zum Begriff Kuchen (…) als asexuelles Symbol (…): „Entstanden aus dem Witz, dass Asexuelle lieber Kuchen als Sex mögen. Deswegen sollte sich aber niemand genötigt fühlen, Kuchen zu essen. Es gibt auch Asexuelle, die keinen Kuchen mögen.“

Zur Sicherheit: Gut, dass es AVEN gibt und dass Asexuelle hier Austausch finden. Aber bedenklich ist, dass ernstlich ausgeführt werden muss, dass ein zufälliges und ironisches subkulturelles Symbol nicht zum bezeichnenden Inhalt der asexuellen Identität gehört. Das heißt, es gehört durchaus dazu — aber es kann in bestimmten Einzelfällen davon abgesehen werden, ohne dass die asexuelle Identität komplett infrage gestellt wird.

Also, das Zitat im Zitat stammt aus der alten Broschüre von AktivistA und ist in der neuen wieder aufgelegt. Bei der Neuformulierung des FAQs 2012/13 kam die Idee auf, für Neulinge ein paar Insidersachen zu erklären, die zu diversen Witzen und Blognamen geführt haben. Ich habe diese Sätze damals geschrieben.

Logisch hätte ich es bei der Erklärung des Witzes belassen können, aber ich fand den Hinweis „nicht alle Asexuellen mögen Kuchen“ damals ganz witzig, da ich ja wusste, wie viel Kuchen ich seit meiner Anmeldung im AVEN-Forum konsumierte: Auch nicht mehr als vorher.

Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, dass irgendwer das Symbol als Aufforderung nehmen könnte, grundsätzlich mehr süßes Gebäck zu konsumieren. Oder sich gar seltsam zu fühlen, weil derjenigen Person Salzstangen viel besser schmecken als Torte oder sie gar: keine Meinung dazu hatte.

Ich könnte das Missverständnis jetzt witzig finden — meine humorvolle Distanz zu einem zufälligen Symbol und damit der eigenen Identität wird als Beispiel genommen, dass solche Distanz nicht mehr möglich ist.

Nun ist es aber so, dass vor ein paar Jahren eine Diskussion hochkochte, was eigentlich „asexuelle Kultur“ sei. Und wie manche Leute diverse Serien als Bestandteil derselben vorschlugen, wohingegen andere protestierten, dass sie sich aus der Community ausgeschlossen fühlten, weil sie weder zu Sherlock noch Doctor Who eine Meinung hatten.

Drücken wir es mal so aus: Serien ohne explizit asexuelle Figur als Teil der asexuellen Kultur (sofern diese überhaupt existiert) hochzuhalten, ist schon reichlich wagemutig. Andere von oben herab zu behandeln, weil sie ebenjene Serien nicht kannten, mochten, keinen Zugriff darauf hatten: Was zum Henker geht in manchen Leuten vor?

Ich konnte mich anno 2015 nur am Kopf kratzen, dass das überhaupt diskutiert wurde, und fühlte mich mit meinen damals 34 auf einmal sehr alt. Es erinnerte mich an die Leserbriefe in der Rock Hard von 2000, ob nun jemand, der nur zu einem Konzert Kutte und Band-T-Shirts trägt, ein echter Metalhead sei oder „fake“. Mit neunzehn hatte ich dazu noch eine Meinung, wenn auch keine Kutte, mittlerweile störe ich mich an derartigem tribalistischem Gedöns ums „wahre Fan“-Sein. Wobei das Wort „Fan“ hier gerne durch jeden anderen Identitätsbegriff ersetzt werden darf.

Anscheinend herrschte in Falle der „asexuellen Kultur“ eine „Ganz oder gar nicht“-Mentalität, oder ein Glaube, dass, wenn wir schon alle so verschieden sind, dass manche Leute hundert Wörter für die Nuancen brauchen, wir wenigstens das gleiche Zeug mögen müssen.

Völlig Banane, um einen Lieblingsspruch meines damaligen Co-Autors zu zitieren.

Aber offensichtlich ein Problem.

Nun gibt es ja Leute, die Identität überhaupt doof finden und bei jeder passenden Gelegenheit über trans mit Sternchen und so was lästern und eine jederzeit ermahnen, das mit der „(Selbst-)Bezeichnung“ aus dem Sprachgebrauch zu streichen.

Die Argumentation geht irgendwie in folgende Richtung und kommt aus der Semiotik, also der Zeichenlehre:

Beschreibe ich mich selbst als asexuell, ist das eben eine Beschreibung, die mich mit anderen Dingen eben beschreibt (wie „Schriftstellerin“, „färbt sich die Haare rot“ etc.).

Bezeichne ich mich, markiere ich mich damit selbst als zur geanderten Gruppe gehörig und mache mich damit den anderen so Bezeichneten gleich. Dadurch müsste ich mit dem kompletten Konvolut der Identität/Subkultur leben, die dann eine eindeutige Postionierung zum Thema Kuchen und Doctor Who erforderlich machen würden.

Andererseits kommen wir bei der Formierung von Gruppen, die politsch etwas bewirken wollen, nicht um eine Identität herum. Ich rücke eine gemeinsame Eigenschaft zahlreicher Individuen in den Vordergrund. Ich führe aus, welche Ausschlusserfahrungen und Abwertungen diese Menschen aufgrund dieser Eigenschaft gemeinsam haben. Ich arbeite daran, andere Menschen darauf hinzuweisen, dass Ausschlussmechanismen und Abwertungen existieren und im zweiten Schritt diese Mechanismen zu verringern.

Und nun kommt der Witz: Ich verstehe die ganze Aufregung nicht so richtig, weil Identität für mich doch ein bisschen komplexer ist. Nämlich eine Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ Und damit kann sie sich im Laufe der Zeit ändern.

Die Antwort enthält sowohl politische Identifizierungen wie „Frau“, „asexuell“, „mit Gesundheitsberuf“, „Schriftstellerin“ (ja, ja, das ist politisch, nicht zuletzt wegen des „-in“ am Wortende), als auch Selbstbeschreibungen, die teilweise mit den politischen Identifizierungen überlappen. Weil sie beschreiben, wie ich andere Menschen betrachte, worauf ich achte, womit sich ein Großteil meiner Gedanken beschäftigen, wo ich mich in dieser Gesellschaft einordne.

Ich finde es schon reichlich seltsam, wenn irgendwer glaubt, aus meinen politischen Identifizierungen darauf zu schließen, dass ich daraus meine komplette Identität ziehen muss. Oder dass ich anderen Leuten vorschreiben will, wie deren Ausdruck einer gleichlautenden Identität auszusehen habe.

Aber es gibt offenbar Leute, für die es einen größeren Widerspruch darstellt, wenn sich Teile der Selbstbeschreibung und der eigenen Erfahrungen mit den (vorgeblichen) Forderungen der politischen Identifizierung nicht decken. Egal, ob dieser „Makel“ bei ihnen oder bei anderen festzustellen ist.

Erklärt mir jemand, wie wir aus diesem Dilemma wieder rausfinden?


 

Für diejenigen, die sich für die Mindestanforderungen für Asexualtiät interessieren:

  1. Asexuelle Menschen empfinden keine sexuelle Anziehung und/oder kein Verlangen nach sexueller Interaktion.
  2. Asexuell ist, wer sich selbst so beschreibt.

Heißt: Fremddiagnosen sind nicht zulässig, auch wenn Punkt 1 objektiv auf eine Person zutrifft. Genauso darf eine Person sich als asexuell beschreiben, obwohl Punkt 1 nicht exakt zutrifft.

Der Kuchen stammt von Galadnilien.

Vom Ende der Revolution. Oder so.

Les Fouetteuses Révolution française

Während ich meiner Frau Mama das Missy Magazine ausleihe, erhalte ich von ihr in regelmäßigen Abständen den Focus, meist zwei bis vier Wochen nach dessen Erscheinungsdatum.

Die Focus-Redaktion hat’s nicht so mit dem Feminismus. Und so enthielt die Ausgabe 51/2017 eine Klage, die einen Abgesang auf die Freiheit der Kunst darstellt: Feministisch motivierte Proteste gegen eine Ausstellung und ein Gedicht auf einer Hauswand werden als Beispiele herangezogen, dass heutzutage persönliche Befindlichkeiten bevorzugt würden gegenüber der Freiheit von Kunstschaffenden, die Gesellschaft zu provozieren.

Und dann zieht der Autor noch das Awareness-Team bei der Besetzung der Berliner Volksbühne als Beispiel heran. Die von den Protestierenden geforderte Freiheit der Kunst und die Sorge um die schwächeren Mitglieder ihrer Gruppe schlössen sich gegenseitig aus. (Zu Sinn und Unsinn der Besetzung selbst habe ich keine Meinung, da ich darüber nicht gut genug informiert bin.)

Er trauert zudem den damals nicht kritisierten Brüsten von Uschi Obermaier nach (es sind hübsche Brüste, ja) und lobte ein Happening, in dem noch so richtig provoziert wurde, wo also Künstler öffentlich onanierten und im Hörsaal ihre Notdurft auf einer Nationalflagge verrichteten.

Zwischendrin beklagt der Autor, dass ältere Quellen mit heutigen Maßstäben beurteilt und daraufhin verworfen würden. Da fragen eben Feministinnen: Wie viel taugt beispielsweise eine philosophische Betrachtung, wenn sie auf dem Mist eines Mannes gewachsen ist, der gleichzeitig rassistische Positionen vertreten hat?

Der Text über die künstlerische Freiheit enthält einige gute Fragen, aber ich habe den Eindruck, dass da auf einer fundamentalen Ebene aneinander vorbeidebattiert wird. Der Text ist außerdem von einem weißen Mann mittleren Alters verfasst, also von einem Menschen, wie sie häufig in Talkshows als Meinungshaber eingeladen werden, was mich irgendwie nicht erstaunt. (Über die gesamte Person möchte ich bitten, nicht den Stab zu brechen, denn eine Pauschalverurteilung hat niemand verdient.)

Mittlerweile finden wir entblößte Brüste auf vielen Theaterbühnen (ihr Sinn erschließt sich mir nicht immer) und in ausreichend Bildmaterial, und wir brauchen für sichtbar verrichtete Notdurft keine Happenings mehr, denn es gilt Regel 34: Es gibt Porno davon im Internet.

Videos und Schriften beispielsweise zum Thema „watersports“ sollten sich demnach ausreichend finden lassen. Die Schriftstücke werden wahrscheinlich zu einem großen Teil von Frauen verfasste Fanfiction sein und auch von Frauen konsumiert werden. (Ja, gell. Und wenn ihr wissen wollt, wie Pornos für Frauen aussehen sollen, lest mehr Fanfiction.)

Ich sehe daher keinen weiteren Grund, unschuldige Hörsäle damit zu behelligen. Ich frage mich außerdem: Wer hat die Scheiße anno 1968 weggeputzt? Die Künstler oder eine unterbezahlte Reinigungskraft?

Abgesehen von diesem Exkurs über die Lebensrealitäten computeraffiner Englischkönnerinnen erkenne ich zwar, welche Phänomene der Verfasser bedenklich findet, halte es aber für voreilig, das Ende der Freiheit auszurufen.

Ich glaube nicht, dass ich ein Geheimnis verrate, wenn ich feststelle:

Wir suchen hier gerade nach neuen Umgangsformen, nach gerechter Einteilung der Redezeit, nach Ausdrucksweisen, die ohne die Herabsetzung anderer auskommen. Wir suchen nach Kunst, die marginalisierte Gruppen weder instrumentalisiert noch entwertet.

Das beinhaltet aber auch, dass manchmal wer die Klappe halten muss, der (meistens der, seltener die) vorher überall um eine Meinung gebeten und entsprechend hofiert wurde. Das bedeutet eine Machtverschiebung, mithin ist da eine Revolution in vollem Gange. Bloß halt nicht die 68er-Revolution.

Wir suchen nach Räumen, in denen alle sein können und müssen feststellen, dass das nicht immer funktioniert, weil verschiedene Menschen verschiedene Ansprüche an Sicherheit haben.

Wir müssen uns damit herumschlagen, dass Menschen mit klugen Ideen trotzdem im Denken ihrer Zeit verhaftet waren bzw. sind, auch wir. Wir wissen aber auch, dass es nicht immer einfach ist, sich zum Zwecke der Bildung durch Konvolute zu quälen, die Salz in die Fleischwunde reiben.

Wir bekommen das mit der Suche nach sicheren Räumen und neuen Umgangsformen nicht reibungslos hin. Uns fällt es manchmal unerhört schwer, mit der Tatsache umzugehen, dass es keine absolut sicheren Räume geben kann.

Wir fetzen uns über Dinge, die von außen lächerlich anmuten, und ums Rechthaben oder Bessere-Feministin-Sein. Wir fallen wegen gefühlter oder echter Kleinigkeiten übereinander her und machen uns gegenseitig das Leben zur Hölle, statt konstruktiv zu diskutieren.  Manchmal gerät ein Streit so sehr außer Kontrolle, dass interessante Stimmen das Handtuch werfen und keinen Bock mehr haben.

Zu viele von uns bekommen schon beim Wort „Evolution“ einen Ausschlag, weil sie nur wissen, wie der Begriff gegen sie verwendet wurde. (Das heißt, dass der Biologieunterricht seine Aufgabe nur bedingt erfüllt.)

Wir sehen manchmal Herabsetzungen, wo vielleicht keine sind (manchmal wegen der Fleischwunden) und schießen mit unserer Kritik über das Ziel hinaus.

Hier wie überall gibt es innerhalb der Gruppe Machtkämpfe. Das Internet macht die Sache nicht leichter, denn es verführt dazu, einen zivilen Umgangston außen vor zu lassen. Zusammenrotten und immer feste druff ist online zu einfach, und zu schnell wird aus einer Kritik an einer Äußerung eine oben genannte Pauschalverurteilung. (Und wir sind nach mindestens fünfzehn Jahren Shitstorms und Cyberstalking immer noch nicht weiter mit einer echten Netiquette. Evolution?)

Trotz dieser regelmäßigen Querelen will ich die Erkenntnisse der mitgelesenen und mitgeführten Diskussionen nicht missen, so als Kunstschaffende.

An jeder Ecke stoße ich auf Fragen, auch in der verlinkten Klage um die Freiheit der Kunst.

Was ist Provokation?

Muss Kunst provozieren? Jahrhundertelang war es doch eher ihre Aufgabe, diejenigen zu loben, die für sie bezahlten.

Und wenn Kunst denn provozieren muss, wen muss sie provozieren?

Muss Kunst gruppenbezogen provozieren, also „das Bürgertum“, das „Establishment“, „die Frauen“, die Weißichwas?

Wer ist das Establishment anno 2018?

Wie kann Kunst stattdessen Menschen mit gewissen Denkweisen und Vorstellungen provozieren?

Wie sinnvoll ist es, marginalisierte Gruppen zu provozieren, die sowieso jeden Tag einen Spießrutenlauf hinlegen müssen? Und von deren Schwierigkeiten ich als Mehrheitsmensch keine Ahnung habe?

(Wieso ist es einfacher, über vegan lebende Menschen Witze zu reißen als über solche, die ihr täglich Fleisch aus Massentierhaltung für ein gottgegebenes Recht halten?)

Wenn eine Missy-Autorin einen Mösenmonat ausruft, wieso ist der okay? Wenn dafür aber nackte Brüste in satirischen Kontexten kritisiert werden?

Wann kommt es nicht nur auf das Ob an, sondern auch auf das Wie?

Will ich wirklich wieder einen feminin wirkenden Schurken schreiben (hab schon einen, der muss reichen) oder noch einen bösen, muslimischen Ehemann, der hinter einem Cover mit verschleierter Frau lauert?

Merke ich, wie ich in meinen Denkmustern und Wahrnehmungsverzerrungen verhaftet bin?

Will ich ewig diese gleichen Muster reproduzieren? Oder will ich lieber mit meinen Leser*innen neue Pfade beschreiten? So ganz im Sinne der Spekulativen Fiktion?

Und (wie) funktioniert das?

Fragen über Fragen.

Wie gut, dass ich als Romanautorin meinen Job auch darin sehe, meine Fragen unterhaltsam zu stellen. Antworten mögen, wie in der Philosophie, alle für sich selbst finden.

(Pingback.)

Gender hinterfragen

Aiga toilets inv

Am letzten Wochenende habe ich einen interessanten Vortrag über Transsexualität und die Beratung von transsexuellen Menschen gehört habe. Ein Fakt: Väter haben meistens mehr Probleme mit ihren transsexuellen Kindern als Mütter. Nebenbei führte ich diesbezügliche Gespräche und bekam dann noch bei Facebook eine Frage dazu, also blubbert es gerade in mir.

Verwiesen sei auch auf einen Post von Ozymandias über „cis by default“.

Jedenfalls stellen wir fest: Es gibt Menschen, die nie über ihr Geschlecht bzw. Gender nachdenken mussten. Sie passen in die bei der Geburt aufgemachte Schublade und erfüllen die Standards, welche die Gesellschaft ihnen auferlegt, ohne sich dafür innerlich oder äußerlich verbiegen zu müssen.

Ozymandias vermutet, dass darunter Menschen sind, die keine besonders ausgeprägte Form von Geschlechtsidentität kennen, den Wunsch nach einer Transition deshalb nicht verstehen können und daher trans*-feindliche Sprüche ablassen.

Jedenfalls gab es eine Zeit, als ich mir die Frage stellte, ob ich nicht besser als Junge rausgekommen wäre. Das auszupuzzeln dauerte ein wenig, da über so was in meinem Umfeld wenig gesprochen wurde und ich in der Steinzeit noch kein Internet zur Verfügung hatte  (Mitte der Neunziger).

Ich konnte die Frage dann mit einem klaren Nein beantworten: Ich hatte und habe kein Problem damit, weiblich zu sein. Ich habe aber ein Problem damit, wie Frauen und solche, die dafür gehalten werden, angeschaut werden.

Ich spekuliere einfach mal, dass Leute, die ihr Geschlecht hinterfragen mussten, generell gegenüber transsexuellen und transgender Menschen aufgeschlossener sind, weil sie die Fragen kennen, wenn auch die Antworten sehr anders ausfallen.

Ich spekuliere weiterhin, dass mehr cis-weibliche Menschen solche Fragen stellen, weil sie in einer Gesellschaft leben, in der es immer noch diejenigen einfacher haben, die als Mann angesehen zu werden.

Ich spekuliere noch weiter, dass deswegen Mütter weniger Probleme mit ihrem transsexuellem Nachwuchs haben als Väter.

Nur so. Kann sein, dass das völliger Unsinn ist. Meinungen?

Sex ist eben nicht überall

Siegelmarke Der Rath zu Dresden Direktion der Fleischbeschau W0323469Nachdem ich mir „Fleischmarkt“ von Laurie Penny zugelegt habe und beinahe zum zweiten Mal durch bin, kann ich nun eine Frage differenzierter beantworten, die mir schon häufiger gestellt wurde.

Es wird ja behauptet, dass Sex überall sei – in der Werbung, in Zeitschriften, in Filmen, Büchern, etc. Wie gehst du als a_sexuelle Person damit um? Findest du das nicht eklig?? Stört dich das nicht???

Ich war dann immer ein wenig verwirrt, denn Bilder von halbnackten Frauen an jeder Ecke stören mich schon, aber nicht, weil ich sie eklig finde.

Die kurze Antwort lautet: Sex ist eben nicht überall.

Auch wenn sehr viele Leute das glauben, und nicht zu wenige anti-sex Aces, Medienvertreter*innen und konservative Populist*innen dieser Verwechslung aufgesessen sind.

Was überall ist, ist Erotik, die einmal von allem organischem Material befreit wurde. Mit der Andeutung von Sex, anzüglichen Witzchen und/oder dem Versprechen auf orgasmisches Vergnügen wird ein Haufen Zeugs verkauft. Deos, Damenrasierer, Pralinen, Autoreifen, etc. Dass dieses Versprechen niemals eingehalten werden kann, ist klar, denn die gephotoshoppten Bilder von weißen Frauen mit Schlafzimmerblick haben mit Schleim, Schweiß und Spucke von echtem Sex ungefähr so viel zu tun wie ein Mittelaltermarkt mit Köln anno 1250.

Was mich also stört, ist, dass cis-weibliche Körper dazu genutzt werden, uns Zeugs zu verkaufen. Gleichzeitig vermitteln sie uns, welchem unerreichbaren Ideal wir hinterherstreben sollen. Weiß, schlank, sauber, immer feminin konnotiert angezogen, rasierte Beine, perfekte Frisur, bloß nicht fordernd, etc pp.

Mich stört, dass du in dieser Gesellschaft als Frau, oder ein Mensch, der dafür gehalten wird, immer perfekt, und damit erotisch sein musst, um anerkannt zu werden, aber dabei niemals billig wirken darfst. Du sollst tanzen können wie eine Stripperin, aber wehe, du strippst tatsächlich für Geld.

Aargh.

Was mich außerdem stört, ist, dass zu viele dieses Märchen glauben. Dass zu viele diese Grundsätze so verinnerlicht haben, sodass sie über (andere) Frauen, und solche, die sie dafür halten, lästern, wenn diese das Ideal nicht erfüllen. Was dann andere wieder dazu zwingt, sich zehnmal zu überlegen, ob sie ihre Beine nicht doch rasieren sollen, aus Angst, zu unsexy zu wirken, selbst, wenn ihr*e Partner*in dazu keine Meinung hat.

Manche quälen sich durch Fitnesskurse (kosten Zeit und Geld), futtern Tabletten gegen sogenannte überflüssige Pfunde (kosten Geld und taugen nichts) und kaufen all das andere Zeug, das sie angeblich brauchen, um dem Ideal nahe zu kommen.

Gelegentlich haben ich den Eindruck, dass ich nur genug von den richtigen Sachen kaufen muss, um eine richtige Frau zu sein …

Diese Ansprüche fühlen sich an wie ein modernes Korsett – und sollen wohl eins sein, denn wenn mehr Frauen, und solche, die dafür gehalten werden, mehr Energie in den gesellschaftlichen Wandel, in die Forderung nach gleicher Arbeit etc. stecken würden … dann wäre schön was los. (Hoffe ich wenigstens.) Immerhin kaufen wir angeblich 80% des Zeugs, das produziert wird.

Im Gegensatz dazu habe ich mit beziehungsratgebenden oder sexspielzeugtestenden Zeitschriften und (gut) geschriebenen, ehrlichen Sexszenen sehr viel weniger Probleme. Auch wenn ich letztere lieber nicht selbst produziere und sie ohnehin selten zu finden sind. Für den mies geschriebenem Sex gibt’s einen „Zurück“-Button oder eine Scrollfunktion.

(Andere a_sexuelle Menschen gehen Sexszenen und explizitem Material aber lieber ganz aus dem Weg, was völlig legitim ist.)

In diesem Sinne: Riot, don’t diet.

 

Kirche in Logik-Not

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/10/Feeding_demonic_imps.jpg

Hexe füttert Kleindämonen, die später den Queerfeminismus verbreiten sollen. (Quelle: Wikimedia, Common Domain)

Statt Jahresrückblick:

Eine Abrechnung, stellvertretend für allen Unfug, der mir dieses Jahr unter die Augen gekommen ist.

Meine Frau Mama überreichte mir einen Glaubens-Kompass, den sie in ihrem Gemeindezentrum aufgelesen hatte: „Kirche in Not“ schreibt über „Gender-Ideologie“.

Wer bezüglich Begriffen wie „Transsexualität“ und dem Konzept Ideologie informiert ist, wird schon auf Seite 2 das große Gruseln bekommen, daher der Link nur zu Beweiszwecken für Hartgesottene.

Wird die christliche deutsche Kleinfamilie verfolgt?

„Kirche in Not“ kümmert sich ursprünglich um verfogte Christ*innen in aller Welt. Was ich nicht verstehe, ist, dass eine solche Organisation Pamphlete über Diskussionen herausgibt, die in einem Land stattfinden, das von allen Getauften Kirchensteuer erhebt und den Besuch des Religionsunterrichts verlangt.

In diesem Falle geht es um sprachliche Gerechtigkeit und die rechtliche Gleichbehandlung von Personen, die nicht ins Kleinfamilienschema passen (können). Zwei Dinge übrigens, die nicht unmittelbar miteinander zusammenhängen – die sogenannte Homoehe findet auch in Ländern mit generischem Maskulinum statt, beispielsweise Frankreich und Spanien.

Wir haben es also mit einer Vermischung von Konzepten zu tun. Diese Mischung wird bemüht, um den Befürworter*innen einer oder beider Konzepte zu unterstellen, sie betrieben die „Zerstörung der bislang gültigen familiären Ordnung“ (S. 2)

Jemand reiche mir den goldenen Aluhut für Verschwörungstheorien!

Trotz monatelangen Mitlesens bei der Mädchenmannschaft ist mir noch kein Masterplan zur Zerstörung der Ordnung untergekommen. Nur der Zaunfink hat etwas über die schwule Weltverschwörung läuten gehört. (Achtung: Ironie.)

Liebe Redaktion von Glaubens-Kompässen: Beweise sind das A und O einer gelungenen Argumentation

Zunächst sollten Sie erklären, warum die Ehe unter gleichgeschlechtlichen Paaren die „Zerstörung der Ordnung“ bedeutet und nicht etwa die Erweiterung eines Konzepts, das über die Jahrtausende zahlreiche Umdeutungen erfahren hat – zuletzt in 19./20. Jahrhundert durch Aufkommen der Liebesheirat.

Ich verstehe auch immer noch nicht, warum die sog. Gender-Ideologen überhaupt ein Interesse an der „völligen Auswechselbarkeit von Mann und Frau“ (S. 5) haben sollten.

Damit ich meinen Leser*innen nicht all zu viel Zeit raube, will ich an zwei Exempeln statuieren, warum es sich ordentliche Beweisketten lohnen.

Pschyrembel vs. Pseudowissenschaft

Auf Seite 4 des Pamphlets wird als Erklärung für Intersexualität geliefert: „nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuzuordnen“.

Mein Pschyrembel Klinisches Wörterbuch, 259. Auflage, sagt Ähnliches:

„Störung der sexuellen Differenzierung, bei der sich innere und äußere Geschlechtsorgane in unterschiedl. starker Ausprägung im Widerspruch zum chromosomalen Geschlecht entwickeln. (…) Häufigkeit 1:500 (…)“

Da diese eine Person von 500 nicht wirklich krank ist, sondern nur ungewöhnlich aussieht, ist die Frage, ob mensch hier tatsächlich von einer Störung sprechen möchte, aber das ist eine andere Diskussion.

Wikipedia ist sehr viel ausführlicher und gibt eine seltenere Häufigkeit an. Mindestens 1:5000, maximal 1:1500. Das sind, umgerechnet auf eine Stadt mit 100’000 Einwohner*innen immer noch 20 bis 67 Personen.

Stellen wir also fest, dass die Wissenschaft bewiesen hat, dass in meiner Heimatstadt zwischen 20 und 200 Personen weder als Mann noch als Frau geschaffen wurden.

Halten wir ein Zitat von S. 12 dagegen:

„Allerdings stellt die Genderforschung ihre angebliche ‚Wissenschaftlichkeit‘ von vornherein selbst infrage, indem sie die Erkenntnisse der Naturwissenschaften vielfach ignoriert.“

Fassen Sie sich bitte zunächst an die eigene Nase: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Gott dem Menschen eben nicht nur als „Mann und Frau“ ein „Geschlecht zuteilt“. (S.13 f)

Außerdem: “Biologen konnten nachweisen, dass Männer und Frauen in bestimmten Bereichen grundverschieden sind.“ (S.12)

Stimmt. XX-Menschen und XY-Menschen sind im Durchschnitt verschieden. Als XX-Mensch mit daher relativ viel Fettanteil bin ich zum Beispiel sehr viel schneller betrunken als ein durchschnittlicher XY-Mensch.

Diese Verschiedenartigkeit sagt allerdings nichts darüber aus, warum es für „Männer“ im betrunkenen Zustand entschuldbar ist, „Frauen“ zu betatschen, denn die Männer sind ja betrunken und enthemmt und können deswegen nichts dafür. Aber „Frauen“, die betrunken sind, sind immer selbst schuld, wenn „Männer“, betrunken oder nicht, sie betatschen oder vergewaltigen.

Irgendwas passt da nicht zusammen, egal wie sehr beteuert wird, dass „Männer und Frauen (…) gleichwertig und ebenbürtig“ sind. (S.13)

Belege sind sowieso ein Problem

Ich fragte Google, was es mit den „Verhaftungen“ während der „Manif pour Tous“ auf sich hatte, wegen T-Shirts mit Logo (S.2)? Außer auf den einschlägigen Seiten von Gabriele Kuby et altera konnte ich noch bei Queer.de etwas finden, und dann hier noch. Dabei wäre ein verbürgte Festnahme von Kindern mindestens dem konservativen Focus gewiss eine Schlagzeile wert gewesen.

Warum die Dämonisierung?

… Und dann noch auf so nachweisbar plumpe Weise.

Ist da jemand neidisch, dass die steuerlichen Privilegien jetzt auch zwei Männern oder zwei Frauen zugute kommen sollen?

Neid ist im Übrigen eine der Sieben Todsünden.

Selbst bei viel gutem Willen schrammt die eine oder andere Behauptung und Begriffsdefinition nur knapp an der Lüge vorbei, oder es werden nicht die nötigen Konsequenzen aus nachprüfbaren Fakten gezogen.

War da nicht irgendwas mit: „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen“?

Von wegen unausweichlich, oder: Internalisierter Sexismus

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Wie logisch ist es eigentlich, dass eine Figur mit weiblichen Pronomen von sich sagt, sie sei froh, kein Mädchen zu sein? (Band 1, Seite 271 in der Printausgabe.)

Wieso nehmen sogar viele Frauen immer noch an, feminin/weiblich sei nicht so gut wie männlich? Schlechter bewertet mag etwas sein, aber macht das etwas an sich schlechter?

Wieso ist „kreischt wie ein Mädchen“ eine Beleidigung? Wieso verwenden Frauen*, die fiktionale Texte schreiben, derlei Vergleiche? Und wieso lassen wir uns das durchgehen?

Wie logisch ist es eigentlich, dass in einer Welt, in der Leute zaubern können, immer Männer an der Macht sind?

Wieso sollte eine Frau, die zaubern kann, sich von einem Mann, der es nicht kann, irgendetwas sagen lassen? Würde es in einer solchen Welt sexualisierte Gewalt geben, und wenn ja, wie sähe sie aus? Wer würde wem warum auf der Straße anzügliche Sprüche hinterherrufen?

Wieso sollte es in einer Welt, die eine Heilerzunft/-gilde/-weißichwas hat, nicht möglich sein, die Verwandtschaft von Personen festzustellen? Braucht es in einer solchen Welt Frauen, die unberührt in die Ehe gehen? Müsste überhaupt irgendwer in die Ehe gehen? Wie würde sich Prostitution in einer solchen Welt darstellen, und wäre „Hure“ eine Beleidigung?

Wie funktioniert Schwulenhass, wenn er nicht auf Frauenverachtung basiert? Kann eine solches Konstrukt dann überhaupt existieren?*

Fragen über Fragen.

Es ist bezeichnend, dass viele sich solche Fragen gar nicht stellen. Dass ich mich jahrelang als Feministin bezeichnet habe und trotzdem nicht auf die Idee kam, solche Fragen zu stellen. Dass ich 2009 eine fiktive Landkarte zeichnete und automatisch annahm, dass das alles Königreiche sind.

Manchmal finde ich es erschreckend, wie sehr wir alle in unseren Denkmustern gefangen sind. Sogar solche, die sich gern als freie Denker*innen gerieren.

*Das mit der Homophobie geht im Übrigen schon, aber ich musste erst recherchieren und dann nachdenken. Ergebnisse hoffentlich 2016 in Romanform.

„Angst(mache) mit System“ – Eine Analyse konservativer Manipulation und Rhetorik

Köln 2013 182

Ausgehend auch von Antje Schmelchers Pädophilie-Vorwürfen rollt im Zuge der Debatten um den Bildungsplan Baden-Württemberg eine Welle von Falschmeldungen über Deutschland hinweg: LSBTTIQ-Menschen wollten Kinder verwirren und homosexuell machen, der „Genderismus“ plane den Verfall der deutschen Sprache, etc.

Zahlreiche Leser_innen glauben die Argumente. Warum sie so gut funktionieren und was eins entgegnen kann, haben Jürgen Kaufmann und ich im Auftrag des LSBTTIQ-Netzwerkes Baden-Württemberg aufgeschlüsselt.

Da die besprochenen Manipulationstechniken nicht nur in der Bildungsplandebatte auftauchen, sondern auch in Bezug auf z.B. „Homo-Ehe“ und Inklusiondebatten, möchten wir das Paper auch für Menschen bereitstellen, die nicht zum Netzwerk gehören.

Hier geht’s zum Download der PDF-Datei: angst-mache- mit system

#BloGeHa: „Genderisierung“ für Dummies

https://dertorheitherberge.files.wordpress.com/2013/06/tcsd-2013-impression1.jpg?w=537&h=207

Sarah Maria rief zum Bloggen gegen den Hass auf. Weil ich schon viel rumgewettert habe über Repäsentation und hier besser über das „jüdisch-christliche Abendland“ gelästert wird als ich es jemals könnte (1), werde ich mich meinem Beinahe-Spezialgebiet Feminismus zuwenden.

 

Es gibt ein Positionspapier der Pegida …

Da wollte ich ein paar Punkte näher betrachten (gefunden hier):

10. PEGIDA ist FÜR den Widerstand gegen eine frauenfeindliche, gewaltbetonte politische Ideologie aber nicht gegen hier lebende, sich integrierende Muslime!

12. PEGIDA ist FÜR sexuelle Selbstbestimmung!

Also, die bösen Muslime sind frauenfeindlich, weil ihre Frauen im Schleier rumlaufen müssen und grundsätzlich zwangsverheiratet werden. Deswegen ist Pegida für sexuelle Selbstbestimmung.

Feminist*innen sind auch für sexuelle Selbstbestimmung. Denn die Kurzfassung von Feminismus geht nach Caitlin Moran so: Du bist feministisch, wenn du eine Vagina hast und selbst darüber bestimmen möchtest, was du damit tust.

 

Soweit finden wir keinen Widerspruch.

Irgendwann ist den Feminist*innen aber aufgefallen, dass es in der deutschen Sprache ein generisches Maskulinum gibt. Das bedeutet: Wenn 99 Frauen* in einem Raum sind um einen Vortrag zu hören, und ein Mann* dazukommt, dann sind das alles „Zuhörer“, und nicht mehr „Zuhörerinnen“, weil der eine Mann* ist offensichtlich wichtiger als die 99 Frauen*.

Zugegeben, das Gesetz sieht das heutzutage in Deutschland nicht mehr so, aber das war mal anders.

Jedenfalls finden es die meisten Feminist*innen ungerecht, dass jeder Mann* sich darüber empören darf, wenn wer „Zuhörerin“ zu ihm sagt, aber dass Frauen* geschmeichelt sein sollen, wenn sie „Zuhörer“ sein dürfen.

Das ist schon seltsam, nicht wahr?

Tatsächlich begreifen das nicht alle, das mit dem generischen Maskulinum.

Kleine Kinder können das beispielsweise nicht verstehen. Wenn eins denen sagt, „wir gehen zum Bäcker“, dann stellen sie sich einen Mann in einem weißen Kittel und Bäckermütze vor, nehmen das also wörtlich. Sie kommen gar nicht auf die Idee, dass auch Bäckerinnen mitgemeint sein könnten, obwohl daheim immer die Mama den Kuchen bäckt. (2)

Und ganz ehrlich: Wenn ich sage, „da haben sich Autoren getroffen“, und die geschätzten Leser*innen schließen die Augen und stellen sich selbige „Autoren“ um einen Tisch versammelt vor: Wie viele Frauen oder Personen nicht-binären Genders sitzen vor dem inneren Auge am Tisch?

In unserem Inneren sind viele von uns noch kleine Kinder.

Deswegen hängt für Feminist*innen die sexuelle Selbstbestimmung und die Sache mit den Lücken oder Sternchen zusammen. Diese schrechlichen Stilmittel, die unsere schöne deutsche Sprache so verunstalten. (3)

17. PEGIDA ist GEGEN dieses wahnwitzige “Gender Mainstreaming”, auch oft “Genderisierung” genannt, die nahezu schon zwanghafte, politisch korrekte Geschlechtsneutralisierung unserer Sprache! 

 

Aber jetzt kommt der Witz:

Wenn eins denkt, dass „Mann=wichtiger“, dann ist es nicht mehr weit hin zu „Mann=Bestimmer über Frauen“.

Und deswegen kriegt eins wahrscheinlich mehr sexuelle Selbstbestimmung, wenn diese böse, böse Lücke sich ausbreitet.

Wir fassen also zusammen: Pegida ist für sexuelle Selbstbestimmung, aber bloß nicht zu viel, sonst werden die Weiber frech und verlangen, dass mann tatsächlich sein (Sprach-)Verhalten ändert.

Und jetzt spekuliere ich: Also, die Frauen sollen heiraten dürfen, wen sie möchten. Aber sie sollen bitteschön heiraten, und zwar einen Mann, und mit dem viele blonde Kinder zeugen, deren Anzahl dann das sogenannte Abendland vor dem Untergang retten wird.

 

Was will eins darauf noch antworten?

Dazu möchte ich Terry Pratchett paraphrasieren: Traue keinen mit zu vielen Ausrufezeichen. (4)

 

 

(1) Auch wenn es nicht korrekt ist, dass die Christ*innen den römischen Staat an die Wand gefahren haben. Weiterlesen: Peter Heather, „Der Untergang des römischen Weltreichs“

(2) Schnerring, Verlan: „Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“

(3) Das ist alles eine Frage der Gewöhnung, ehrlich. Ich wundere mich mittlerweile immer über Sachtexte ohne Binnen-I, _, * oder Ähnliches. Es sage keiner*r, ich lerne nicht dazu.

(4) Prattchett: „Maskerade“, deutsch: „Mummenschanz“

Gelesen: 5 + 1 Buch(serien) 2014

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Bei Geteiltes Blut gab es ein Fazit über Lieblingsbücher 2014. Das ist eine gute Idee, die ich aufgegriffen hätte, wenn ich mir gemerkt hätte, welches Buch ich wann gelesen habe. Bei den Downloads wäre es noch nachzuvollziehen, aber manche gedruckten Werke lagen kurzzeitig auf meinem Stapel ungelesener Bücher, weshalb ich keine Ahnung mehr habe, in welchen Monat ein Text fällt.

Außerdem von Nachteil: Nicht in jedem Monat stieß ich auf ein potentielles Lieblingsbuch, dafür war beispielsweise der Juni extrem ergiebig.

Um ein bisschen Ordnung ins Chaos zu bringen, habe ich mir aus der Welt der Fanfiction das „5 plus 1“ Konzept geliehen. Dabei handelt es sich in der Regel um nicht all zu lange Texte, die beispielsweise folgendes behandeln: Fünfmal, als Person X die Person Y gerettet hat, und einmal, als Y X rettete. Fünfmal, dass Z einen Heiratsantrag machte, und einmal, als Z einen Antrag bekam. Etc. pp.

Bei Büchern wäre das in meinem Falle: Fünf erzählende Texte und ein Sachtext, die ich zum Niederknien gut finde. Wie gehabt, betrachte ich die Texte aus zwei Winkeln: Erstens queer/feministisch, und zweitens als Fantasyautorin.

1

Richard Morgan: A Land Fit For Heroes – Trilogie, bestehend aus: „The Steel Remains„, „The Cold Commands„, „The Dark Defiles

Auf Deutsch: „Glühender Stahl„, „Das kalte Schwert„, dritter Band noch nicht übersetzt.

Über die ersten beiden Bände dieser Buchserie habe ich mich anderswo bereits enthusiastisch ausgelassen. Die drei reichlich desillusionierten Held*innen, die es mit einer übernatürlichen Bedrohung aufnehmen müssen, sind mir sehr ans Herz gewachsen. Genau aus diesem Grunde ist Teil Drei mit Vorsicht zu genießen. Wer sich in der Vorstellung eines Happy Ends ergehen möchte, mache nach Band 2 Schluss.

Für Feminist*innen: Leichte Männerübermacht, dafür angenehm nicht-eurozentrischer Weltenbau. Gute Beobachtungen, was Macht(dynamiken) angeht, und explizit queere Figuren.

Für Autor*innen: Morgan mag Rückblenden. Die funktionieren zu etwa fünfzig Prozent, aus den anderen fünfzig Prozent kann eins lernen, wie eins es nicht machen sollte und wann es zu viel ist. Was vor allem in den ersten beiden Bänden einen Tipp an den Hut verdient: Wie Morgan die Hintergrundinfos häppchenweise verteilt.

2

N. K. Jemisin: The Dreamblood Duology, bestehend aus „The Killing Moon“, „The Shadowed Sun“

Auf Deutsch: Nicht erhältlich.

In Gujaareh stammt alle Magie aus Träumen. Mächtigster Traumsaft ist das Traumblut (daher der Titel der Duologie). Meistens stammt das Traumblut von Spendern, die friedvoll ins Jenseits finden wollen, aber manchmal, wenn der Frieden in Gefahr ist, werden die Sammler ausgeschickt, um die Bedrohung zu eliminieren. Bei einer solchen Mission kommt der Sammler Ehiru einer Verschwörung auf die Schliche, an der auch jemand im Palast beteiligt scheint …

Für Feminist*innen: Ein Weltenbau, der ohne die Konzepte Hetero- und Homosexualität auskommt, daher ist ein junger Mann, der Männer bevorzugt, nur vorsichtig als queer einzustufen. Im zweiten Teil schafft es die weibliche Hauptfigur, stark zu sein, ohne dabei klassiche Männlichkeitsideale zu bestätigen.

Für Autor*innen: Ein Setting, das sich am alten Ägypten orientiert und ein Magiekonzept trifft, das auf C. G. Jungs kollektivem Unterbewussten basiert: Schauen Sie einer Meisterin des Weltenbaus bei der Arbeit zu.

3

G. Willow Wilson: Alif the Unseen

Auf deutsch: Nicht erhältlich.

Dem Hacker Alif ist die Obrigkeit des Emirats auf der Spur, und seine Liebste Intisar hat ihn zugunsten einer politisch opportunen Verlobung abserviert. Als Intisar Alif ein geheimnisvolles Buch zuspielt, ist der Geheimdienst auch offline hinter Alif her. Alif und eine Bekannte, die unfreiwillig in die Geschehnisse verwickelt wird, müssen herausfinden, was es mit den „Geschichten aus Tausend und einem Tag“ auf sich hat …

Für Feminist*innen: Fast jede wichtige männliche Rolle hat ein weibliches Gegenstück, wobei eine weibliche Figur nur als „die Konvertitin“ bezeichnet wird. Dank des Settings in einem namenlos bleibenden Emirat sehr unqueer – die männlichen Figuren beschimpfen sich gegenseitig bevorzugt als schwul. Interessante Einsichten ins moderne Arabien von einer Autorin, die dort gelebt hat.

Für Autor*innen: Eine Fantasygeschichte, die einen einzigen personalen Erzähler hat und damit auskommt, obwohl der Plot an Komplexität nichts vermissen lässt. Außerdem der Beweis, dass arabische Djinn und Elektronik sich nicht gegenseitig ausschließen müssen.

4

Carolin Emcke: Wie wir begehren

Autobiographische Notizen einer Reporterin, die Frauen liebt. Ausgehend von Schuldgefühlen über den Freitod eines vermutlich schwulen Bekannten aus ihrer Jugendzeit zeichnet sie ihren Weg von ihrer Kinderzeit über ihr Outing bis heute nach.

Für Feminist*innen: Emckes Begehren entzieht sich jedem Versuch, fremddefiniert zu werden, und befindet sich außerhalb bekannter Schubladen. Anekdotisch beweist sie, wie heteronormativ unsere Gesellschaft ist, und wie hilflos viele Leute reagieren, wenn sie auf Menschen außerhalb sauberer Kategorien treffen. Ein Text, von dem ich mir gewünscht hätte, dass er an manchen Stellen noch ein bisschen tiefer gräbt.

Für Autor*innen: „Wie wir begehren“ beweist, wie wichtig es ist, genau zu beobachten.

5

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

Auf deutsch: „Americanah“

Ifemelu und Obinze treffen sich im Lagos der Neunziger, und führen eine beinahe perfekte Beziehung, bis Ifemelu ein Stipendium für eine amerikanische Universität erhält und ihren Liebsten in Nigeria zurücklassen muss …

Für Feminist*innen: Wertvolle Einsichten in die amerikanische Seele und westlichen Rassismus von einer nicht-amerikanischen Autorin.

Für Autor*innen: Schauen Sie einer Meisterin der Rückblende bei der Arbeit zu. Außerdem ist Adichie eine gestochen scharfe Beobachterin, die ehrlich ist, ohne viel zu urteilen. (Nicht zu urteilen ist ein Ding der Unmöglichkeit.)

+ 1

Hanne Blank: Straight

Auf deutsch: Nicht erhältlich.

Eine Untersuchung, wie das Konzept „Heterosexualität“ in die Welt kam, und was es anrichtete. Der Beweis, dass die häufig unumstößlich wirkende Einteilung der Menschheit in zwei anscheinend klare Kategorien gar nicht so alt ist, und wie viel Macht über unser Denken Konstrukte wie die sexuelle Orientierung entwickeln.