Instrumentalisiert …

… kommt sich eine gelegentlich vor, wenn die eigene Minderheit mal wieder als Beweis dafür dienen soll, was mit queeren Bewegungen im Besonderen und der Gesellschaft im Allgemeinen nicht stimmt.

SW Testbild

Als die Welt noch einfacher war: Schwarz/Weiß-Testbild

Feddersen war es, der in der taz über sämtliche Wörter herzog, deren Einführung nach 2000 datiert. Gleich im Titel bezeichnet er das Buchstabensuppenkürzel (LSBTTIQAPetc.) als „breitgetretenen Quark“. (Wer den teilweise beleidigenden Unfug komplett lesen will, benutze eine Suchmaschine.)

Nun mag dieses Buchstabenkürzel vom LSBTTIQAPetc. nicht unbedingt handlich sein, und manchmal eine Gemeinschaft vorspiegeln, die es so nicht gibt, oder besser gesagt, bei der es sich eher um eine Zwangsgemeinschaft handelt. Aber wir alle haben eine Gemeinsamkeit: Wir stören die Leute dabei, sich ihre Welt eindeutig in männlich und weiblich, „normal“ und „unnormal“ zurechtlügen zu können. Daher möchten wir bitteschön zu Hause bleiben, uns was schämen und bloß nicht darüber reden, dass alles ein bisschen komplizierter ist, als mensch so annimmt.

Die wenigsten schaffen es übrigens zu sehen, dass das, was sie kritisieren, wenn es ihnen widerfährt, genau das ist, was sie anderen antun. (Ich will mich hierbei nicht ausnehmen.)

In der Schwulst-Ausgabe vom Sommer 2017 schreibt die altgediente Stuttgarter Travestiekünstlerin Frl. Wommy Wonder:

„… ihm fehlen halt treuen Herzens und in beneidenswerter Naivität all die vielen vielen (viel zu vielen) Unterbegriffe und Nebenschubladen, in die man heutzutage alles unterteilt …“

Satire? Nicht so gemeint? Keine Ahnung. Zäumt das Pferd jedenfalls von hinten auf und schlägt in eine Kerbe, die eigentlich schon tief genug ist. Neue Wörter entstehen, weil plötzlich über Dinge nachgedacht wird, die im wahrsten Sinne des Wortes vorher unsagbar waren. Das hat erstmal wenig mit Unterteilung zu tun, auch wenn’s von außen vielleicht so aussieht. Sollte ein*e Kabarettist*in aus der Buchstabensuppe eigentlich wissen, auch wenn ich Frl. Wonders Texte sonst sehr zu schätzen weiß.

Der neueste diesbzügliche Artikel stammt von heise.de/Telepolis, und ich habe nicht mal die gerinste Ahnung, was die Ätzerei eigentlich bezwecken soll. So viel habe ich mitgenommen: Hipster sind total lächerlich, weil sie alle voll individuell sein wollen, es aber nicht sind.

Diese Erkenntnis ist nun nicht so brandneu, da über Hipster und ihre Brillen/Frisurem/Karohemden/Jutetaschen/etc. schon seit Jahren gewitzelt wird. Gefühlt gab es sogar zuerst den Hipsterwitz und dann den Hipster.

Was irgendjemandes sexuelle Orientierung damit zu tun hat, bleibt mir allerdings auch nach der vierten Seite Text schleierhaft.

Offensichtlich ist der sehr wahrscheinlich heterosexuelle Autor einer vorurteilsbedingten Falle erlegen, die ich oben schon angerissen habe: Wer sich nämlich nicht brav für das eigene (Anders-)Sein schämt, muss ja ganz offensichtlich auffallen wollen. Anstatt, mensch glaube es nicht, einfach nur (mit einem passenden Begriff für die eigenen Empfindungen) zu sein.

Dass eins mit dem passenden Begriff gleichzeitig darauf hinweist, dass die säuberliche Sortierung nach männlich/weiblich, „normal“/“unnormal“ völliger Unsinn ist und nur im Kopf derjenigen existiert, die diese Sortierung vornehmen, ist quasi Bonus. Auch wenn die Leute selten merken, dass sie ihren eigenen Vorurteilen über die Menschheit erlegen sind und stattdessen lieber die Schuld bei den vermeintlichen Störenfrieden suchen.

Linkspämmchen

Zur Überbrückung meiner überstundenbedingten Sendepause ein paar Kleinigkeiten zum Stöbern.

Mit der Religion hab ich’s ja schon öfter gehabt, hier ist auf Englisch eine Argumentationshilfe, wenn ein religiöses Cleverle mal wieder „aber wenn du glaubst, wirst du nichts verloren haben“ bemüht.

Bei Belles Lettres gibt es eine extrem hilfreiche Erklärung des Konjunktivs im Deutschen. Besser als jeder Deutschunterricht an meinem Gymnasium, der konnte mir das nämlich nicht vermitteln.

Und ein Video auf Englisch: „Sag die Wahrheit!/Tell the Truth!“ von Jordan Peterson – ein Argument gegen den Nihilismus und für’s Maul Aufreißen.

Was denn auch @handyfeuer regelmäßig tut: Ein neues Video über A_sexualität.

 

 

 

Crosspost: Workshop A_sexuelles Erzählen

Da von der Vereinsseite kein Reblog möglich ist, bekommt ihr einfach einen Crosspost:
A lady writing at a deskDie Ergebnisse unten sind so wichtig, dass ich sie gerne auf zwei Kanälen in die Welt pusten möchte.

Von „langweilig“ zu „neuer Trend“ …

Nachdem wir vorher etwas zur Darstellung asexueller Figuren gehört hatten, begann ich meinen eigenen Vortrag/Workshop mit zwei Zitaten, um die Angelegenheit von der handwerklichen Seite zu beleuchten.

Das erste ist von 2012, und stammt von Steven Moffat – jenem Autor, der den BBC Sherlock maßgeblich mit zu verantworten hat.

Dies ist der (gekürzte) Originalwortlaut:

„There’s no indication in the original stories that he was asexual or gay. He actually says he declines the attention of women because he doesn’t want the distraction. (…) It’s the choice of a monk, not the choice of an asexual. If he was asexual, there would be no tension in that, no fun in that – it’s someone who abstains who’s interesting.“

Auf Deutsch:

„In den Originalgeschichten gibt es keine Hinweise, dass er asexuell oder schwul war. Er sagt ausdrücklich, dass er die Aufmerksamkeit von Frauen meidet, weil er die Ablenkung nicht wünscht. (…) Es ist die Wahl eines Mönchs, nicht die Wahl eines Asexuellen. Wenn er asexuell wäre, läge darin keine Spannung, es würde keinen Spaß machen – es sind die, die auf etwas freiwillig verzichten, die interessant sind.“

Moffat verrät damit ein besorgniserregendes Konzept von A_sexualität oder, dass er sich mit der Materie gar nicht auskennt, obwohl er eine Figur geschrieben hat, in der sich viele a_sexuelle Menschen wiederfinden können.

Andererseits scheint es mittlerweile ein Trend, in der M/M-Liebesliteratur (also Liebesromane mit zwei Männern als Hauptfiguren, zu deutsch auch „Gay Romance“) asexuelle Figuren auftreten zu lassen.

Hierzu mein Verlagskollege T.A. Wegberg von Dead Soft über einen Vortrag bei einer Convention:

„Die Popularität dieses Subgenres werde aber, so war zu erfahren, in den USA bereits übertroffen von „Asexual Romance“, also Liebesgeschichten mit allem Drum und Dran, aber ohne den Wunsch eines oder beider Partner nach einer sexuellen Beziehung. Wir können davon ausgehen, dass auch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt künftig mehr davon zu lesen sein wird.“

Offenbar bahnt sich eine 180-Grad-Wende an.

Ziel des Workshops war nun, zu erkunden, was Autor*innen eigentlich „interessant“ finden. Wie konstruieren wir Geschichten? (Notiz: Wir reden hier von handelsüblichen Geschichten, die sich tatsächlich auch verkaufen und nicht nur für ein Publikum aus Kritiker*innen interessant sind.)

Und dann freie Bahn für Diskussionen: Was finden wir als a_sexuelle Menschen interessant? Worüber möchten wir lesen? Was könnte für ein allosexuelles (= nicht-a_sexuelles) Publikum interessant sein?

Warum erzählen Menschen Geschichten?

Geschichten sind zunächst mündlich, später schriftlich aufbewahrte Lebenserfahrung. Was tue ich, wenn der Säbelzahntiger im Gras raschelt? Wie überliste ich einen Feind? Wie überlebe ich ein Familientreffen/die Zombieapokalypse?

Geschichten erzielen einen Lerneffekt, indem sie Menschen mit den Figuren der Geschichte mitleiden lassen.

Außerdem vermitteln sie Bedeutung: Den Ereignisse der Geschichte wird durch das Erzählen Wichtigkeit verliehen, sie interpretiert und deutet die erzählten Ereignisse. Und Menschen sind in der Regel sehr hungrig nach Deutungen und nach Bedeutung in dieser chaotischen Welt.

Was braucht eine Geschichte?

Der Lerneffekt entsteht durch Mitleiden – das Publikum wird in einen „fiktionalen Traum“ versetzt. Dazu benötige ich eine Hauptfigur, die zur Identifikation dient.

Die Ereignisse sollten in einer logischen Reihenfolge stattfinden: aus A folgt B, aus Aktion folgt Reaktion, aus der schlechten Kindheit des Protagonisten folgt … etc. Bei den Ereignissen in logischer Reihenfolge handelt es sich um diese ominöse Sache namens Plot.

Um den Lerneffekt vollständig zu machen und der ganzen Sache eine Bedeutung zu verleihen, muss die Geschichte ein Ende haben, das sozusagen eine Schlussfolgerung über die erzählten Ereignisse erlaubt.

Da eine Figur, die leicht durch’s Leben spaziert, nicht von Interesse ist, zwingt eine gute Geschichte sie von ihrem üblichen Pfad. Die Figur baut einen inneren Widerstand gegen die Kraft auf, die sie von ihrem Pfad zwingt: Das ist der erste Konflikt der Geschichte.

Für eine Story brauchen wir dann noch mehr von diesen Konflikten: Jede Figur der Geschichte vermutet ihr Lebensglück in einer anderen Richtung. Die Interessen der Figuren kollidieren, sie reiben sich aneinander, die Konflikte schaukeln sich auf bis zum Showdown, in dem der wichtigste Konflikt der Geschichte gelöst werden sollte.

Durch die Konflikte verändert sich nicht nur der Lebensweg der Figur, sie muss auch Entscheidungen treffen, die sie zu einer inneren Veränderung zwingen.

Frei nach Lisa Cron (s.u.) erzählt also eine Geschichte, wie sich eine Figur durch die Ereignisse der Geschichte verändert.

Fragen für die Diskussion:

Welche Geschichten über a_sexuelle Figuren kennt ihr?

Was hat euch daran gefallen oder gestört?

Welche Geschichten wollt ihr sehen/lesen?

Was daran wäre für ein allosexuelles Publikum interessant?

Gibt es Konflikte, die nur a_sexuelle Menschen/Figuren erleben können, und wenn ja, welche sind das?

 

Ideen aus der Diskussion:

Gesehen und nicht für gut befunden wurden Narrative, die sich über die „Seltsamkeit“ von a_sexuellen Menschen lustig machen.

Desgleichen gibt es Geschichten über a_sexuelle Figuren, in denen Sex in einer (romantischen) Beziehung als unabdingbar notwendig dargestellt wird. Auf die a_sexuelle Figur wird dann ein emotionaler Druck aufgebaut, bis sie „nachgibt“. Dies kommt einer Nötigung gleich, wird aber offenbar nur von a_sexuellen Menschen als verstörend wahrgenommen.

Gewünscht werden daher auch Geschichten, die eine Anleitung geben, wie über solche Konflikte gesprochen werden kann, sodass hinterher alle Beteiligten (und nicht nur der allosexuelle Teil) zufrieden sind. Dass eine zufriedenstellende Lösung auch eine einvernehmliche Trennung sein kann, kam ebenfalls zur Sprache.

Von schlechter Gay Romance kamen wir so auf den Roman „How to Be a Normal Person“, worüber die Meinungen geteilt waren. Einerseits wurde der offene Umgang mit dem Thema A_sexualität gewürdigt. Allerdings wird auch hier versucht, die Hauptfigur, Gus, zur „normalisieren“, inklusive einmal ungebetenen Hanfkonsums per Keks.

Der Wunsch nach glücklichen a_sexuellen Figuren wurde geäußert. Also nicht solche, die generell glücklich sind, denn die taugen wenig als Hauptfiguren, sondern solche, die a_sexuell sind und statt diesbezüglicher Ängste einfach die üblichen Probleme haben: Zombies, böse Magier*innen, Mörder*innen, kaputte Waschmaschinen etc. Die sexuelle Orientierung der Figur sollte erwähnt werden, um Ratespiele zu vermeiden, darf aber anderweitig kein Thema sein oder in einem Subplot (=Nebengeschichte) abgehandelt werden.

Geschichten, die ich nur über a_sexuelle Menschen erzählen kann, wären die o.g. Verhandlungen und Geschichten, wie eine Person auf das Wort „Asexualität“ stößt und sich damit in einem Findunsprozess identifiziert. Auch das Thema Kinderwunsch könnte eine Rolle spielen, denn der ist für a_sexuelle Paare nicht immer ganz einfach zu erfüllen. Andere Ideen: Eine Welt mit vorwiegend a_sexuellen Bewohnern, oder vielleicht nur eine WG aus Personen im a_sexuellen Spektrum, die nun mit einem nicht-asexuellen Mitbewohner zurande kommen müssen.

Insgesamt braucht es mehr Abbildungen, um Schablonen wie dem „asexuellen Junggesellen“ Sherlock entgegenzuwirken. Wir haben ein Spektrum!

Eine Teilnehmerin schlug vor, autobiographische Statements zu sammeln, sodass die Vielfalt sichtbar wird. Die Vortragende selbst hofft auf/plant eine Kurzgeschichtensammlung.

Kritisiert wurde, dass vielfach eine Romanze als Subplot dient, die anscheinend die Figuren menschlicher machen soll, „im wildesten Kugelhagel“ aber eher unglaubwürdig bleibt bzw. für a_sexuelle und/oder a_romantische Menschen zusammenhanglos im Raum steht, also eher als Plotloch empfunden wird denn als Bereicherung.

Insgesamt wird auch gehofft, dass die a_sexuellen Abwesenheiten besser benannt werden. Neben Fernsehserien wie Sherlock und The Big Bang Theory wurde Gaming genannt: Bei manchen Spielen kann eine sexuelle Orientierung der Spielerfigur angegeben/ausgewählt werden, aber nicht A_sexualität, sodass diese zwar aus Handlungen lesbar wäre, aber letztlich unsichtbar bleibt. Denn für Abwesenheiten und „Nein“ kann es viele Gründe geben.

Nebenbei wurde die Vortragende noch nach ihren Schreibgewohnheiten und Veröffentlichungen gefragt. Eine prominente a_sexuelle Figur (ace/aro und genderqueer) findet sich in Heilika in der „Albenbrut“-Duologie, wo sie die drittwichtigste Person ist.

Schlussendlich noch zwei Literaturhinweise zur Schreibtheorie:

Lisa Cron: „Wired for Story“ und der Klassiker von James N. Frey: „How to write a damn good novel“/“Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“

A Writer’s Manifest

Poetin_von_Pompeji

Vor der ganzen Köln-bedingten Aufregung  kam via der Trippmadam  ein Link zu einer „Provokation“ daher, die Joanne Harris beim Manchester Literature Festival im Oktober zum Besten gab (English).

Ich schwanke so zwischen „recht hat sie“, wenn es um zu zahlende Rechnungen (TANSTAAFL°) geht, die meisten ihrer vierzehn Punkte unten im verlinkten Text und darüber, dass es nicht der Job einer Autorin ist, allen dauernd zu gefallen.

Ich will unterhalten, klar. Aber (mag sein, dass das jetzt sehr dünkelhaft klingt) am Ende sollten die Leser*innen gern noch einen Nachhall mitnehmen, oder eine Herausforderung zum Nachdenken, oder … Sagen wir, im Idealfall bringt mein Weltenbau die Leute dazu, ihr Weltbild ein wenig zu erweitern.

 

Und dann denke ich wieder: „Worüber beklagt die sich eigentlich?“

Als gerade-noch-so Digital Native ist mir das Meckern über Tags fremd: Schlagwörter zur Inhaltsbeschreibung finde ich eine gute Sache, um Texte zu finden, die mich interessieren, die z.B. aber gerade nicht auf der Amazon Bestenliste stehen, und „Content Warnings“/Triggerwarnungen können manchen Menschen sehr nützlich sein.

Heißt natürlich nicht, dass Autor*innen verpflichtet werden sollten, Tags und Warnungen zu benutzen. Keine Warnung ist auch eine Aussage: „Sie lesen auf eigene Gefahr.“ Und das ist so lange akzeptabel, wie die Leute nicht zum Lesen verpflichtet sind. (Insofern sollte Pflichtlektüre in der Schule und an der Uni wahrscheinlich anders behandelt werden.)

 

Wo mir dann endgültig die Augenbrauen in den Haaransatzt rutschen, ist aber, als sie Forderungen nach besserer Repräsentation von Minderheiten mit der Forderung nach Gratisexemplaren gleichsetzt. Das finde ich dann doch, mit Verlaub, ziemlich schräg.

 


 

° There ain’t no such thing as a free lunch. = Es gibt niemals ein wirklich kostenloses Mittagessen.

Bild: „Poetin von Pompeji“, Wikimedia Commons

Bürger*innenrechte: Theorie vs. Praxis

Ich hatte kürzlich zum Thema internalisierter Sexismus geschrieben.

In eine andere Richtung von Unterdrückung geht mein jetziger Post, nämlich Rassismus. (Dementsprechend die zitierte Sprache.)

Dennoch demonstriere ich hoffentlich, dass alle Theorie manchmal nicht so furchtbar viel nützt.

Meine Alphaleserin hatte mir „Ein Doppelleben im Kosmos“ von Robert A. Heinlein ausgeliehen. Original als „Double Star“ 1956 erschienen. (Ein Band von nur 200 Seiten, damit kommen heutige SciFi-Autor*innen selten durch.)

Worum geht’s in „Double Star“?

Ein erfolgloser Schauspieler wird überredet, den ehemaligen Ministerpäsidenten des Sonnensystems und Vorsitzenden der Expansionspartei zu mimen. Selbiger Bonforte ist auf dem Mars verschwunden, kurz vor einer Zeremonie, die für den Frieden im „Imperium“ von äußerster Wichtigkeit ist.

Der Expansionspartei geht es darum, den Weltraum firiedlich zu besiedeln und den fremden Zivilisationen mit Respekt zu begegnen. Im Gegensatz dazu steht die Menschheitspartei.

Okay, kapiert. Kolonial = böse. Wieso geht’s hier noch weiter?

Noah Sow definiert Rassismus in etwa: Rassismus ist der Glaube, dass es Menschenrassen gibt, oder ausführlicher: „der Glaube, dass Menschen aufgrund ihrer genetisch bedingten und als ethnisch interpretierbaren Merkmale bestimmte Prädispositionen (Veranlagungen) jedweder Art haben“. (Kursiv von der Autorin, zitiert aus „Deutschland Schwarz Weiß“, z.B. bei Amazon.)

Heißt, auch wenn wer bewundernd sagt: „Die Afrikaner*innen haben halt einfach den Rhythmus im Blut“? Dann ist das rassistisch.

Denn: Weiße Deutsche haben genausowenig angeborene Gründlichkeit wie Schwarze Menschen aus dem Senegal von Natur aus gut tanzen können. Beides ist ein Verhalten, und Verhalten wird häufiger gelernt als die meisten Leute glauben.

Soweit also zur Begriffsbestimmung.

Predigen ist einfach …

Jetzt lässt Heinlein seinen Bonforte folgende Worte sprechen:

„Aber, so hält mein Opponent dagegen, wir haben doch immerhin das gottgegebene Mandat, Licht in die dunkle Galaxis zu bringen und unsere eigene, ach so wertvolle Zivilisation zu den armen Wilden da draußen zu tragen. Diese Schule kennen wir zu genüge: der brave, kleine Schwarze, der singend seiner Arbeit nachgeht und dankbar an den Lippen des „guten Massa“ hängt, der ihm die Erleuchtung bringt! Es ist ein wunderschönes Bild, aber der Rahmen ist zu klein; er zeigt nicht mehr die Peitsche, den Sklavenblock – und den Sklavenmarkt!“

Wir dürfen davon ausgehen, dass Heinlein damit unter anderem die Bürgerrechtsbewegung der USA kommentierte – z. B. wurde Rosa Parks am 1. Dezember 1955 verhaftet, weil sie sich weigerte, ihren Platz im Bus für einen Weißen zu räumen. Zu diesem Zeitpunkt war auch Indien erst neun Jahre lang wieder ein eigener Staat, nach knapp zweihundert Jahren britischer Unterdrückung. Das Kolonialherrengebaren zumeist europäischer Staaten war daher den Leser*innen weitaus besser präsent als heute, wo es nur noch wenige Kolonien gibt, die aber mittlerweile anders heißen

Soweit die Theorie: „Double Star“ kann unter anderem als ein Unterfangen verstanden werden, für mehr Toleranz und gleiche Rechte zu werben.

… viel schwieriger ist es, Predigten umzusetzen.

In dem ganzen Text hat nur ein benamster Marsianer eine Sprechrolle, und er wird auf Seite 25 getötet. (Siehe auch das TV Trope: Black Dude Dies First – Der Schwarze Typ stirbt zuerst)

Wir sehen außerdem keine Wesen von Mars, Venus oder sonstwoher, die im „Imperium“, also in der Verwaltung des Sonnensystems, irgendeine Rolle spielen – nicht mal im Hintergrund beim Hofstaat oder irgendwo im Sekretariat oder am Empfang.

Heinlein erwähnt nur von einem einzigen Menschen die Hautfarbe: Selbiger „Jimmy Washington“ arbeite in Bonfortes Stab und wird als „Mulatte“ bezeichnet. Bei einer zweiten Person (Nachname Pateel) wird eine Herkunft aus Indien impliziert.

Insofern dürfen wir davon ausgehen, dass alle anderen namentlich erwähnten Menschen weiß sind.

Was lernen wir daraus?

Heinlein wusste, dass Schwarzen Menschen die gleichen Rechte zustehen wie allen anderen auch, obwohl er selbst von Kind an etwas anderes gelernt hatte. Die deutsche Wikipedia sagt, dass er für seinen Militarismus und seinen Hang zu autoritären Figuren kritisiert wird, aber nicht für seinen Rassismus, auf Englisch bekommen wir einen kleinen Aufsatz geliefert, wobei die Resultate nicht eindeutig scheinen. Offenbar hatte er mit Schwarzen Menschen weniger Probleme als mit Asiat*innen.

Warum er in „Double Star“ nicht die zur Predigt passenden Konsequenzen gezogen hat? Keine Ahnung.

Schlussfolgerung für Autor*innen:

Macht- und Denkstrukturen fressen sich so fest, dass sie nur mit äußerster Mühe und viel Rostentferner gelöst werden können.

Ob ich besser bin? Ich hoffe es, aber am Ende kann ich nur erst nachdenken, dann Schreiben, auf die Kritik warten, und dieser auch lauschen.

Hebammenfreuden

Ich muss jetzt mal wieder quietschen.

Vor einer seehr langen Weile wurde ich von einer losen Bekannten in Alaska gebeten, für eine ihrer Freundinnen etwas gegenzulesen. Sie selbst habe es nicht so mit Fantasy und weil ich doch eine vage Ahnung von europäischer Mythologie und Geschichte hätte, und mein Englisch außerdem nicht so grauenvoll schlecht sei, könnte ich da doch aushelfen.

Ich half aus, und der Job war damals schon ein Vergnügen. Nach nunmehr zwei Überarbeitungen ist der Text jetzt mit einem wirklich ansehnlichen Cover bei Amazon im E-Buch-Selbstverlag erschienen.

„Lindorm Kingdom“ ist Fantasy aus einem fiktiven hohen Norden. Ein Lindorm (ein Drache ohne Flügel, wie Fafnir einstmals ein Mensch) bedroht das Königreich. Dieser Lindorm kann allein durch eine Hochzeit mit einer Frau von seinem Fluch erlöst werden.

Die erste Braut landet allerdings im Schlund des Drachens. Linnea ist nicht ganz freiwillig die nächste Auserwählte – aber als unverheiratete Teenagermutter mit Gehbehinderung jemand, auf den das Königreich verzichten zu können meint. Allerdings stellt sich bald heraus, dass die anstehende Hochzeit für mehrere Parteien von Interesse ist, die alles daransetzen, ihre Geheimnisse zu bewahren …

Zwischen den Stühlen

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Vom Gaybook-Flamewar

Vor einigen Wochen wurde mir durch eine Diskussion über Gay Romance auf Facebook in Erinnerung gerufen, dass ich zwischen den Stühlen sitze. An der Diskussion selbst, die von einem anderen Ort in die von mit frequentierte Gruppe geschwappt war, habe ich mich selbst nicht beteiligt – das Thema ist zu komplex für die kurzen Texte, die beim Fratzenbuch als Antworten noch lesbar sind (und gelesen werden?).

Die Argumente hingegen haben mich absolut nicht überrascht, aber am Ende hat es eine Weile gebraucht, aus meinen Gedanken dazu einen Text zu machen, der auch les- und nachvollziehbar ist. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen oder mich unbeliebt zu machen …

Grob verhandelte die Diskussion, die mich nachdenklich machte, ob frau* Gay-Literatur schreiben darf oder nicht. Die Frage, so gestellt, ist natürlich Blödsinn, genauso wie die Frage, ob allosexuelle (1) Menschen über Asexuelle schreiben dürfen.

Zur weiteren Referenzierung hier zwei Links, einmal Fiammetta auf Deutsch über die Bedeutung queerer Literatur für queeres Volk und einmal Anagnori auf Englisch über Asexualität in der Fiktion.

Logischerweise geht es hier auch nicht um Recht und Gesetz, sondern um moralische Gesichtspunkte.

Grundsätzlich ist es jedoch kritisch, über Frauen*, Schwule, Allo- oder Asexuelle als homogene Gruppen zu sprechen.

 

Es kann niemals darum gehen, ob Frauen* über Schwule schreiben dürfen.

Aber die Frage stellt sich nach dem Umgangston, den Motiven, und der, meiner unbescheidenen Meinung nach, bestehenden Verantwortung von Schriftsteller*innen, keinen gesundheitsschädlichen Bockmist zu verzapfen.

Letzteres sollte selbsterklärend sein. Wer jetzt Schwierigkeiten hat, möge sich bitte über STIs und die Verträglichkeit von Kondomen mit Paraffinölen etc. informieren.

 

Aber warum schreiben Frauen* über Schwule?

Als asexuelle Person sitze ich gelegentlich auf der falschen Seite von fragwürdigen Gründen, Geschichten zu schreiben. Diverse Personen vor allem im englischsprachigen Netz betrachten Asexualität nämlich als eine verschärfte Form von Jungfräulichkeit, oder des „kink:virginity“, und schreiben dann Fanfiction darüber, wie beispielsweise Sherlock endlich „auftaut“ und auf einmal Spaß an Sex hat.

Damit dient eine einzelne Eigenschaft einer Figur dazu, Porno zu schreiben. Und dann auch noch respektlosen Porno, der beweist, dass di*erjenige Autor*in von der fetischierten Eigenschaft keine Ahnung hat. Oder, schlimmer, eine Ahnung hat, aber es di*em Schreiberling scheißegal ist, was si*er da tut.

In diesem Fall vermittelt di*er Schreibende den Eindruck, dass Asexuelle „geheilt“ werden können, und zwar durch die magischen Kräfte der Geschlechtsteile di*er Partner*in.

Das ist grober Blödsinn. Entweder, eins stößt im realen Leben auf eine der eher raren Personen, die asexuell sind, aber Sex nicht abgeneigt. Oder die Person ist indifferent bis abgeneigt, was sehr viel häufiger ist, und dann geht halt nix im Bett.

Sollte sich ein solches Paar finden, wäre die „Vorbildung“ eines*r allosexuellen Partner*in per Ace-Porno extrem gefährlich, weil sie im Extremfall zu einer Korrektiv-Vergewaltigung führen könnte, ohne dass di*er allosexuelle Partner*in sich dessen bewusst ist.

Aber, sagt eins nun, das sind ja nur eine Handvoll Texte.

Klar. Aber:

 

Es ist alles eine Frage des Verhältnisses

Wir müssen uns bewusst sein, dass wir bei Fiktion über Asexuelle a) wir über ein geschätztes Prozent der Bevölkerung reden,  und b) nicht in einem Prozent aller Geschichten explizit asexuelle Personen vorkommen, sondern in sehr viel weniger.

Archive of Our Own listet im Dezember 2014 knappe 2400 Fan-Werke mit dem ensprechenden Tag – von mehr als 1,3 Millionen. 1% wären 13’000 plus, für mathematisch anspruchslose Personen. Das Verhältnis in derzeitiger Original-Fiktion, also den Texten, die über Buchhändler zu bekommen sind, ist meines Wissens noch schlechter. Auf BooRix gibt es eine Geschichte mit dem Tag „Asexualität.“

Heißt: Jeder schlechte Text über Asexuelle verschiebt das Verhältnis in größeren Ausmaßen, als, sagen wir mal, ein Text, in dem alle blonden Menschen böse sind, gegenüber allen Texten, in denen blonde Menschen vorkommen.

Dito fällt das Verhältnis von Literatur, in der Schwule eine Hauptrolle haben, zu der, in der sie bestenfalls eine Nebenrolle spielen, eklatant zugunsten der Heten aus.

Und nun schreibt ein Haufen Heten, oder zumindest Personen, die ich wegen ihrer Äußerungen über ihr Privatleben und Männernacktfotos dafür halten muss, Texte über Schwule.

 

Hier schreibt eine Mehrheit über eine marginalisierte Gruppe.

Dies mit Gusto, und, sagen wir mal, mit einigen eindeutigen Schwerpunkten, die ein selektives Bild der marginalisierten Gruppe vermitteln. Kein falsches Bild, aber ein selektives.

Grundsätzlich gibt es sehr wenige Texte, in denen irgendwer zufällig Bi oder Schwul oder Asexuell ist, und als Held*in Arsch tritt, sondern entweder kommen queere Figuren gar nicht vor, oder die queere Identität trägt überwiegend zum Plot bei. Schwule Kerls haben entweder Liebesgeschichten, Probleme oder sie existieren als Randfiguren/bester schwuler Freund/Mensch mit gebrochenem Handgelenk. (2)

 

Schon die Wahl, welche Geschichten erzählt werden, definiert die Gruppe, über die erzählt wird.

Queeres Volk hat hier eine, vorsichtig ausgedrückt, echt miese Auswahl.  Liebesgeschichte, Problemgeschichte oder … öhm. (3)

(Andere Gruppen haben das Problem auch, ich weiß. Irgendwer schonmal die Avengers angeschaut und festgestellt: 1 weiße Frau, 5 weiße Kerls. Mein derzeitiges Lieblingsfandom ist zum Verzweifeln, wie so viele andere auch.)

Wenn dann einer denkt, „Sch…, nicht schon wieder Romance von einer Frau“, kann ich das verstehen. Denn ein Haufen Frauen* sieht nunmehr Schwule, oder was sie dafür halten, durch die Brille anderer Frauen, und nicht mehr durch eine schwule Brille.

Damit wird im schlechtesten Fall einer marginalisierten Gruppe die Deutungshoheit über die eigene Identität genommen. Oder: Die Gruppe mit der größeren Öffentlichkeit nimmt der Gruppe mit der kleineren Öffentlichkeit die Macht zur Selbstdefinition.

Das heißt jetzt nicht, dass alle sofort aufhören sollen, Gay Romance zu schreiben. Ich für meinen Teil hab vorerst genug, auch wenn ich auf Figuren aus dem queeren Bereich kaum verzichten werde. Insofern:

 

Das hier ist ein Plädoyer, andere Geschichten zu erzählen.

Ein Plädoyer, nicht bis Band 7 einer Reihe zu warten, um eine der wichtigen Nebenfiguren sich als verkehrtrum outen zu lassen. Dumbledore als explizit in Grindelwald verliebt zu schreiben, statt sich in vagsten Andeutungen zu ergehen. Die Tony Starks dieser Welt mit allen flirten zu lassen, die als genormt attraktiv durchgehen, statt nur mit genormt schönen Frauen.

Und so weiter.

Eigentlich, eigentlich ist das gar nicht so schwierig …

(1) allosexuell – Ich habe aufgegeben, und verwende nunmehr „allosexuell“ für Menschen, die sich außerhalb des asexuellen Spektrums verorten.

(2) Ja, ich weiß. Ich kann auch anders, Baby.

(3) Mit der Lupe zu suchen, aber ein paar hab ich glücklicherweise. Dazu mehr in einem späteren Post.

Links!

Ich bin zweimal fremdgegangen:

Druckfrisch beim preziösen Blog eine Antwort auf die Frage: „Warum ausgerechnet Gay Fantasy?“

Das Bundesamt für magische Wesen hat ein Update in Sachen Funkgerätepflicht für magische Pilot*innen. (Was soll ich sagen? Nonsens ist meine zweite Heimat.)

Ansonsten:

Auf meinem anderen Blog habe ich eine Übersetzung einer Fabel von The Dragon and the Fox, über Drachen, die Füchsen den Pelz versengen können, obwohl sie keine Schätze wollen und keinen Hort haben. Für alle zum Weiterverlinken, deren Identität irgendwann mal bestritten wurde. Oder für Leute, die Bingospieler*innen die Lächerlichkeit ihres Unterfangens klarmachen möchten.

Via drop the thought ein interessantes Interview (Englisch) über Diversität in Fantasy- und SciFi-Hollywoodblockbustern, und das zugehörige Formular zur Beurteilung von Geschichten. „Albenbrut“ hat eine ziemlich gute 2, weil der Bechdel-Test flachfällt. (Heilika ist keine Frau, aber Alea ist ein PoC, falls es irgendwem entgangen sein sollte.)

 

 

Pars pro toto

Oder: allgemeine Gedanken zu Repräsentation, Teil 2

Ich hatte ja schon darüber geschrieben, wie das ist, wenn mensch sich nicht in Mainstreammedien wiederfindet, und mir überlegt, wie ich Diversität abbilden kann und auf was ich dabei achten muss.

Abgesehen von den Stolperfallen und Fettnäpfen, in die mensch dabei als Autor*in treten kann, ist auch das Publikum trotz bester Bemühungen seitens der Autor*innen in Lage, Annahmen zu machen und zwar, wie der Titel schon sagt, vom Besonderen auf das Allgemeine zu schließen.

Die Sache hat drei Aspekte.

Erstens, Personen, die sich zu einem Thema äußern, werden als Sprachrohr einer Gruppe angesehen, zu der sie nicht gehören.

Eine derartige Verwechslung kommt nicht all zu häufig vor. Berühmtestes Beispiel: Mag Präsident Obama auch gewitzelt haben, als er Lady Gaga eine Anführerin der Schwulenbewegung nannte, so waren die Reaktionen der solcherart „Angeführten“ nicht ausnahmslos begeistert.

Zweitens, Personen, die zu einer Subgruppe gehören, werden als Sprachrohr derselben angesehen, obwohl sie es nicht sind, und auch nie behauptet haben, es zu sein.

So hat, wieder in Zusammenhang mit Lady Gaga, Ex-*NSYNCer Lance Bass hier kurz angerissen, warum er sein Outing auf einem Magazintitel nicht so toll fand: „…because it was the exact thing I didn’t want at the time, which was to be the next „face of gay.““ (… weil es genau das war, was ich zu der Zeit überhaupt nicht wollte, nämlich, das nächste „Gesicht der Schwulen“ zu sein.“)

Einen Artikel über das Youtube-Video über Cho Chang hatte ich bereits verlinkt. Reni Eddo-Lodge geht dabei auch ausführlich darauf ein, dass die Vloggerin …

“ … is aware that by speaking up she’s considered a deviation from the norm of whiteness and maleness, consequentially reducing her very distinctive and individual voice into some of sort of Asian women’s hegemonic hive mind.“

(„… sich bewusst ist, dass sie, sobald sie öffentlich spricht, als eine Abweichung von der weißen und männlichen Norm wahrgenommen wird, was in der Konsequenz ihre sehr eigene, individuelle Stimme reduziert auf eine Äußerung des alles beherrschenden Schwarmgehirns Asiatischer Frauen.“)

Nicht einmal Angela Merkel kann behaupten, das deutsche Schwarmgehirn zu vertreten, und die Kanzlerin ist gewählt worden. Denn: so etwas wie ein deutsches Schwarmgehirn existiert nicht.

Drittens, von der medialen Präsenz einer Einzelperson, die zu einer Gruppe gehört, wird auf Meinungen, Verhalten und Erscheinungsbild der gesamten Gruppe geschlossen.

Zum Beispiel …

Schwule erscheinen in den Nachrichten häufig nur im Zusammenhang mit CSDs, vulgo „Schwulenparaden“. Weil manche Bilder mehr Eindruck machen als andere, werden jedes Jahr vor allem gezeigt: Männer* in Drag oder sehr knappen Outfits. So was gräbt sich ein. Sofern mensch keine geouteten Bekannten hat, kann es schon vorkommen, dass mensch glaubt, keine Schwulen im weiteren Umfeld zu haben. Dummerweise lispeln die nicht alle, und nur wenige leiden am Syndrom des gebrochenen Handgelenks.

Diese bunten Bilder haben auch zur Folge, dass aus einer Demo für LesBiSchwule- und trans*-Rechte eine „Schwulenparade“ wird.

Genau diese Art mediale Präsenz erklärt aber auch, warum manche Leute sich zwar dem erweiterten Buchstabensalat QUILTBAGPIPE (oder GSRMs – gender, sexuelle und romantische Minderheiten) zuordnen, sich aber nicht auf CSDs vertreten fühlen oder vertreten sehen wollen. In der asexy Ecke des Internets wird zu Beginn jeder CSD-Saison diskutiert, und über gegenseitiges Augenrollen doch nicht hinausgekommen.

Im letzten Post war ich auch bei Sherlock und Sheldon. Beide werden in der Community als potentiell asexuell gehandelt, über Sherlock gibt es eine Menge Fanfiction diesbezüglich. Andere beliebte fandom-„Opfer“ sind Enjolras und der Doktor aus Dr. Who. Im Gegensatz zu Enjolras aus Les Misérables und dem literarischen Sherlock Holmes sind bei Sherlock und Sheldon die jeweiligen TV-Serienväter noch anzusprechen, und beide Figuren sind, im Gegensatz zum Doktor, keine Aliens. Nun weigern die Serienväter sich aber, eindeutige Aussagen zu treffen, oder dementieren grundsätzlich.

Nebenher gab es mal bei House ein asexuelles Paar, das sich aber nach ausführlicher Betrachtung als entweder krank oder als Lügner*in erwies.

Wie haben also einige kleinere Fernsehauftritte, über die ich mich nicht äußern kann, weil ich sie nicht kenne. Und wir haben: Eine Person, die lügt. Eine Person, die krank ist. Sowie, vielleicht, mit vielen Abstrichen, zwei sehr dünne, große Männer mit überdurschnittlichem IQ, aber so wahnsinnigen Schwierigkeiten, mit anderen Leuten zurechtzukommen, dass einer von John Watson als Person mit „Asperger“ fremddiagnostiziert wird („Hound of Baskerville“, Sherlock, Staffel 2, Episode 2). Was exakt den Reaktionen entspricht, mit denen ein*e Asexuelle*r sich bei einem Coming-out herumschlagen muss.

Meine Albenbrut hat ebenfalls eine asexuelle Figur. Wegen der genannten Gründe äußerte eine Beta-Leserin Besorgnis, dass nun alle meinen könnten, Asexuelle seien so wie Heilika. Und auch meine Frau Mama, die den Text kennt, äußerte den Verdacht, dass Heilika ich sein könnte. Weil wir zufällig beide ace/aro sind, schloss sie aus mir unerfindlichen Gründen daraus, dass ich auch genderqueer bin, und es bloß besser verberge. (Ähh, was?)

Dabei haben Heilika und ich, außer den weiblichen Pronomen und einer schon beinahe obsessiven Liebe zum geschriebenen Wort, nicht grauenvoll viele Gemeinsamkeiten. (Meine guten wie schlechten Eigenschaften sind gerecht auf meine Protags und Heilika verteilt, dankeschön.) Warum zur Hölle darf ich heterosexuelle Männer schreiben, wie ich es schon häufig getan habe, ohne dass irgendwer Schlüsse auf mich zieht, aber sobald eine Figur zwei Identitäten mit mir teilt, wird angenommen, dass ich über mich schreibe? /grummel ende.

Fazit: Die Leserschaft neigt zum Verallgemeinern, vor allem, wenn es um Menschen geht, die im öffentlichen Straßenbild, beziehungsweise der Medienlandschaft, nicht oder kaum sichtbar werden. Dadurch stehe ich als Autorin vor der undankbaren Aufgabe, nicht einfach Leute schreiben zu können, die zufällig ace/aro, oder bi, oder blind, oder weiß ich was sind, sondern ich muss mich damit auseinandersetzen, in welchem Kontext ich sie präsentiere, und was Leser*innen daraus im schlechtesten Fall extrapolieren.

Wenn ich es nicht tue, trage ich zur weiteren Marginalisierung von an den Rand gedrängten Gruppen bei.

Womit sich der Kreis schließt.

ass+u+me

Oder: Einige Gedanken über Repräsentation, zum Ersten

Über das Entwickeln und Beschreiben von Figuren gibt es Hilfestellungen und Überlegungen wie Sand am Meer. Wir sollen uns überlegen, wie sie aussehen, was sie wollen, was ihre Fehler sind. Sie sollen möglichst dreidimensional sein, aber nicht so widersprüchlich wie echte Menschen, etc.

Was geschieht, wenn mensch das Aussehen einer Figur nicht rechtzeitig erwähnt, will ich an einer Anektdote ausführen. Ich hatte Barbara Hambly’s „Schwestern des Raben“ irgendwo auf einem Wühltisch gefunden, und inhaliert.

An die Welt, die sie aufbaut, muss mensch sich zunächst gewöhnen: Wüste (auch in diesem Zusammenhang ist die Coverillustration eine Katastrophe), eine Kultur, die mir sehr mittelasiatisch beeinflusst scheint. Jedenfalls gibt Hambly wenig Hinweise darauf, wie die Figuren aussehen. Und so malte ich mir eben eine Welt aus, in der vor allem Leute rumlaufen, die wie durschnittliche Usbek_inn_en oder Tadschik_inn_en aussehen: Dunkle Haare, zumeist braune Augen, und, da Wüstenumfeld, gewiss nicht blass.

Als dann nach Ewigkeiten jemandes Blondhaar erwähnt wurde, fiel ich aus allen Wolken. Jedenfalls habe ich mich damals davon nicht weiter stören lassen, aber ja länger ich darüber nachdenke, desto bemerkenswerter scheint mir diese Denkfalle.

Also: Hambly geht offensichtlich davon aus, das ihre Figuren weiß sind, und davon, dass ihre Leser_innen das ebenfalls tun, so dass sie sich über diese nachgereichte Beschreibung nicht wundern. Wobei Namen wie Raeshaldis, Taras und Oryn (für Männer*), Sommerkonkubine, Melonenmädchen und Gefleckte Schlangenfrau (für Frauen*) jetzt nicht gerade zu einer mir bekannten Sprachfamilie gehören. Sie klingen weder romanisch, noch germanisch, noch semitisch, und bestenfalls ein winziges bisschen nach einer Mischung aus keltisch und griechisch.

Aber wie war das noch so? „Assume makes an ass of you and me.“ Annahmen machen sowohl dich wie auch mich zum A…, ehm, Esel.

Automatisch gehen wir davon aus, dass eine Person …

… weiß ist, es sei denn, di_e_r Autor_in stößt eine_n mit der Nase drauf, oder schafft per Setting und Namensgebung das entsprechende Umfeld, um keine weiteren Erklärungen geben zu müssen.

… keine sichtbaren oder unsichtbaren Behinderungen hat.

… heterosexuell ist.

… sich eine romantische Paarbeziehung wünscht.

… dem gängigen Schönheitsideal entspricht.

… cisgender ist.

… (was hab ich vergessen?)

Sobald eine Figur aus diesen Kategorien rausfällt, muss mensch darauf aufmerksam machen. Wenn also Dumbledore schwul ist, dann muss ich das in den Kanon einfließen lassen und sollte das nicht nebenbei in einem Interview erwähnen, denn:

Alles, was ich nicht sehen kann, existiert nicht. Die Botschaft an Personen, die sich nicht sehen können, ist dementsprechend, dass sie nicht zu existieren haben.

Die Botschaft an Personen, die sich sehen können, ist, dass sie die gesamte mediale Aufmerksamkeit verdienen, nicht nur ihren statistischen Anteil daran, und es keinen Grund gibt, auch nur einen Halbsatz davon abzutreten.

Was geschieht, wenn sie doch Aufmerksamkeit abtreten sollen, lässt sich schön an der Petition gegen den neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg sehen: Panikmache, Morddrohungen und Entmenschlichung. Bequemerweise unterschlägt der erste zitierte Link, dass feministische Bloger_innen regelmäßig mit Gewaltandrohungen zu kämpfen haben.

Solange ich die Differenzen nicht erwähne, selbst wenn sie in meinem Kopf vorkommen, dann bleiben diese Differenzen zum Bild des Mehrheitsmenschen unsichtbar. Das heißt, ich unterschlage Differenzen zu denjenigen Personen, die sowieso schon am häufigsten sind oder am meisten Macht haben.

Das gilt auch und gerade für Fantasy. Die Texte, die es in die Buchhandlungen schaffen, sind selten ein Musterbeispiel für Diversität.

Wie frustrierend das ist, merkt mensch erst, wenn si_er diesem Mehrheitsmenschen nicht entspricht, und sich außerstande sieht, in den Medien Leute wie mensch selbst zu finden. Oder diejenigen, die so ähnlich sind wie mensch selbst, schreiben Stereotype fort, sind Witzfiguren, unsympathisch, sozial inkompetent, oder gleich die Bösen.

Nebenher drücken sich einige Autor_inn_en um eine exakte Benamsung der Differenzen selbst bei zeitgenössischen Figuren, was zu Spekulationen zum Beispiel über Sheldon und Sherlock führt: Aspergers, schwul, asexuell, oder was? Die paar Angehörigen von Minderheiten, die den Autoren (seien wir ehrlich, Moffat etc. sind alles Kerls*) für eine eindeutige Aussage die Füße küssen würden, wiegen offensichtlich nicht so schwer wie die Angst, dass die durschnittlichen Zuschauer_innen sich nicht genug in einen eindeutig nicht heterosexuellen Mann* einfühlen könnten.

Für mich als Autorin entstehen somit Schwierigkeiten. Anders als Hollywood gehe ich davon aus, dass meine Leser_innen durchaus in der Lage sind mit Personen mitzufühlen, die nicht so sind wie sie selbst – sonst würden sie sowieso keine Fiktion lesen. Andererseits ist diese oben ausgeführte Blaupause eine wahnsinnig bequeme Abkürzung, das heißt, ich muss nur das erwähnen, was anders ist.

Wenn ich es nicht erwähne, aus Bequemlichkeit, oder weil ich nicht darüber nachgedacht habe, trage ich zur weiteren Marginalisierung von Menschen bei, die sowieso schon zu wenig öffentlichen Raum einnehmen.

Derzeit angestrebter Mittelweg:

Wenn meine Figur nicht in die Schablone passt, erwähne ich das, auch, und gerade wenn es für deren Charakter oder die Geschichte von untergeordneter Bedeutung ist.

Ich mache mich über den Minoritätenstatus nicht lustig – was manchmal schwierig ist, da Figuren häufig von anderen Figuren beschrieben werden, und auch die sind Menschen, die nach unten treten, egal, wie tief auf der sozialen Leiter sie selbst stehen.

Ich erschaffe keine benachteiligten Nebenfiguren, die nur existieren, um gerettet zu werden oder die Toleranz/Großzügigkeit einer Hauptfigur zu beweisen.

Ich versuche, mir der Stereotype bewusst zu sein.

Ich versuche, nicht für Menschen zu sprechen, von deren Schwierigkeiten ich keine Ahnung habe.

Wahrscheinlich, nein, sicher, ist auch bei mir diverses *fail zu finden. Vor allem in den letzten beiden Punkten.

Aber: Wenn ich aus Angst vor einem Fehler die Klappe halte, dann haben nur diejenigen was davon, die sowieso schon überall vorkommen. Ich meine daher, dass Schweigen in manchen Fällen eben kein Gold ist.