I survived Pride Cologne 2018

 

DasTenna hat darüber in Farben gedichtet.

Ich hab hier ein paar Bilder von der Parade und in der oberen Reihe vom Warten darauf. @aces_NRW und ein paar Leute vom Bonner Stammtisch hatten Schilder vorbereitet und die Truppe angemeldet. Zuerst brutzelten wir als Nummer 110 von 133 an der Deutzer Freiheit drei bis vier Stunden in der Sonne (je nach Zeitpunkt des Eintreffens), bis das Ende vom Zug sich endlich in Bewegung setzte. Dann schlängelten wir uns fast vier Stunden lang durch die Kölner Innenstadt, immer beschallt von den „Jecke People zeigen Flagge“. Trotz des Lärm eine nette Truppe, die diverse Mitlaufende und ihre Wagenengel mit Wasser versorgte.

Wir verteilten Flyer an Menschen mit fragenden Blicken und an einige quietschende Aces im Publikum auch Aufkleber. Haben für zahlreiche Fotos posiert.

Wir hatten Unterstützung von vier Allys, von denen trotz der Hitze drei bis zum Schluss durchhielten.

Fazit: Es war schön, aber anstrengend, und eine Freude, so viele nette Leute kennenzulernen.

 

 

Der Kuchen und die Identität

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Ich habe erst gestern ein paar Sätze von mir in einem Buch gefunden, in dem ich sie nicht erwartet hätte. Das Buch heißt „Feministisch streiten“. Es ist eine Aufsatzsammlung aus dem Querverlag. (Ich finde deren Sachbücher manchmal sehr nett, auch wenn sie noch nix über Asexualität machen wollen.)

Ich zitiere aus der Einführung von Koschka Linkerhand über „Das politische Subjekt Frau“, Seite 37/38 der ersten Auflage:

Der stetige, unreflektierte Wechsel von Identitätskritik und alternativer Identitätsfindung führt dazu, dass eine entlastende, nachsichtige, auch humorvolle Distanz zur eigenen Identität kaum mehr möglich ist. Identitäten müssen hautnah sitzen oder ausgewechselt werden. Das zeigt sich beispielhaft im Glossar von AVEN, eine Plattform für Asexuelle. Dort heißt es zum Begriff Kuchen (…) als asexuelles Symbol (…): „Entstanden aus dem Witz, dass Asexuelle lieber Kuchen als Sex mögen. Deswegen sollte sich aber niemand genötigt fühlen, Kuchen zu essen. Es gibt auch Asexuelle, die keinen Kuchen mögen.“

Zur Sicherheit: Gut, dass es AVEN gibt und dass Asexuelle hier Austausch finden. Aber bedenklich ist, dass ernstlich ausgeführt werden muss, dass ein zufälliges und ironisches subkulturelles Symbol nicht zum bezeichnenden Inhalt der asexuellen Identität gehört. Das heißt, es gehört durchaus dazu — aber es kann in bestimmten Einzelfällen davon abgesehen werden, ohne dass die asexuelle Identität komplett infrage gestellt wird.

Also, das Zitat im Zitat stammt aus der alten Broschüre von AktivistA und ist in der neuen wieder aufgelegt. Bei der Neuformulierung des FAQs 2012/13 kam die Idee auf, für Neulinge ein paar Insidersachen zu erklären, die zu diversen Witzen und Blognamen geführt haben. Ich habe diese Sätze damals geschrieben.

Logisch hätte ich es bei der Erklärung des Witzes belassen können, aber ich fand den Hinweis „nicht alle Asexuellen mögen Kuchen“ damals ganz witzig, da ich ja wusste, wie viel Kuchen ich seit meiner Anmeldung im AVEN-Forum konsumierte: Auch nicht mehr als vorher.

Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, dass irgendwer das Symbol als Aufforderung nehmen könnte, grundsätzlich mehr süßes Gebäck zu konsumieren. Oder sich gar seltsam zu fühlen, weil derjenigen Person Salzstangen viel besser schmecken als Torte oder sie gar: keine Meinung dazu hatte.

Ich könnte das Missverständnis jetzt witzig finden — meine humorvolle Distanz zu einem zufälligen Symbol und damit der eigenen Identität wird als Beispiel genommen, dass solche Distanz nicht mehr möglich ist.

Nun ist es aber so, dass vor ein paar Jahren eine Diskussion hochkochte, was eigentlich „asexuelle Kultur“ sei. Und wie manche Leute diverse Serien als Bestandteil derselben vorschlugen, wohingegen andere protestierten, dass sie sich aus der Community ausgeschlossen fühlten, weil sie weder zu Sherlock noch Doctor Who eine Meinung hatten.

Drücken wir es mal so aus: Serien ohne explizit asexuelle Figur als Teil der asexuellen Kultur (sofern diese überhaupt existiert) hochzuhalten, ist schon reichlich wagemutig. Andere von oben herab zu behandeln, weil sie ebenjene Serien nicht kannten, mochten, keinen Zugriff darauf hatten: Was zum Henker geht in manchen Leuten vor?

Ich konnte mich anno 2015 nur am Kopf kratzen, dass das überhaupt diskutiert wurde, und fühlte mich mit meinen damals 34 auf einmal sehr alt. Es erinnerte mich an die Leserbriefe in der Rock Hard von 2000, ob nun jemand, der nur zu einem Konzert Kutte und Band-T-Shirts trägt, ein echter Metalhead sei oder „fake“. Mit neunzehn hatte ich dazu noch eine Meinung, wenn auch keine Kutte, mittlerweile störe ich mich an derartigem tribalistischem Gedöns ums „wahre Fan“-Sein. Wobei das Wort „Fan“ hier gerne durch jeden anderen Identitätsbegriff ersetzt werden darf.

Anscheinend herrschte in Falle der „asexuellen Kultur“ eine „Ganz oder gar nicht“-Mentalität, oder ein Glaube, dass, wenn wir schon alle so verschieden sind, dass manche Leute hundert Wörter für die Nuancen brauchen, wir wenigstens das gleiche Zeug mögen müssen.

Völlig Banane, um einen Lieblingsspruch meines damaligen Co-Autors zu zitieren.

Aber offensichtlich ein Problem.

Nun gibt es ja Leute, die Identität überhaupt doof finden und bei jeder passenden Gelegenheit über trans mit Sternchen und so was lästern und eine jederzeit ermahnen, das mit der „(Selbst-)Bezeichnung“ aus dem Sprachgebrauch zu streichen.

Die Argumentation geht irgendwie in folgende Richtung und kommt aus der Semiotik, also der Zeichenlehre:

Beschreibe ich mich selbst als asexuell, ist das eben eine Beschreibung, die mich mit anderen Dingen eben beschreibt (wie „Schriftstellerin“, „färbt sich die Haare rot“ etc.).

Bezeichne ich mich, markiere ich mich damit selbst als zur geanderten Gruppe gehörig und mache mich damit den anderen so Bezeichneten gleich. Dadurch müsste ich mit dem kompletten Konvolut der Identität/Subkultur leben, die dann eine eindeutige Postionierung zum Thema Kuchen und Doctor Who erforderlich machen würden.

Andererseits kommen wir bei der Formierung von Gruppen, die politsch etwas bewirken wollen, nicht um eine Identität herum. Ich rücke eine gemeinsame Eigenschaft zahlreicher Individuen in den Vordergrund. Ich führe aus, welche Ausschlusserfahrungen und Abwertungen diese Menschen aufgrund dieser Eigenschaft gemeinsam haben. Ich arbeite daran, andere Menschen darauf hinzuweisen, dass Ausschlussmechanismen und Abwertungen existieren und im zweiten Schritt diese Mechanismen zu verringern.

Und nun kommt der Witz: Ich verstehe die ganze Aufregung nicht so richtig, weil Identität für mich doch ein bisschen komplexer ist. Nämlich eine Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ Und damit kann sie sich im Laufe der Zeit ändern.

Die Antwort enthält sowohl politische Identifizierungen wie „Frau“, „asexuell“, „mit Gesundheitsberuf“, „Schriftstellerin“ (ja, ja, das ist politisch, nicht zuletzt wegen des „-in“ am Wortende), als auch Selbstbeschreibungen, die teilweise mit den politischen Identifizierungen überlappen. Weil sie beschreiben, wie ich andere Menschen betrachte, worauf ich achte, womit sich ein Großteil meiner Gedanken beschäftigen, wo ich mich in dieser Gesellschaft einordne.

Ich finde es schon reichlich seltsam, wenn irgendwer glaubt, aus meinen politischen Identifizierungen darauf zu schließen, dass ich daraus meine komplette Identität ziehen muss. Oder dass ich anderen Leuten vorschreiben will, wie deren Ausdruck einer gleichlautenden Identität auszusehen habe.

Aber es gibt offenbar Leute, für die es einen größeren Widerspruch darstellt, wenn sich Teile der Selbstbeschreibung und der eigenen Erfahrungen mit den (vorgeblichen) Forderungen der politischen Identifizierung nicht decken. Egal, ob dieser „Makel“ bei ihnen oder bei anderen festzustellen ist.

Erklärt mir jemand, wie wir aus diesem Dilemma wieder rausfinden?


 

Für diejenigen, die sich für die Mindestanforderungen für Asexualtiät interessieren:

  1. Asexuelle Menschen empfinden keine sexuelle Anziehung und/oder kein Verlangen nach sexueller Interaktion.
  2. Asexuell ist, wer sich selbst so beschreibt.

Heißt: Fremddiagnosen sind nicht zulässig, auch wenn Punkt 1 objektiv auf eine Person zutrifft. Genauso darf eine Person sich als asexuell beschreiben, obwohl Punkt 1 nicht exakt zutrifft.

Der Kuchen stammt von Galadnilien.

Demnächst ist Asexual Awareness Week!

Ungewohnt hierzulande: Die AAW beginnt sonntags.

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Vom 22. bis zum 28. Oktober sind Aces und Organisationen, die sich mit Buchstabensuppen-Menschen beschäftigen, aufgerufen, Dinge zu tun, die die Bekanntheit von A_sexualität steigern und dafür sorgen, dass unsereins mit dem Respekt behandelt wird, den wir verdienen.

Ich liebäugele gerade mit einem Gewinnspiel für Prints von Albenzauber.

Für Menschen, die ebenfalls Lust haben, sich zu beteiligen, aber keine Bücher zu verlosen haben, gibt es ebenfalls Möglichkeiten.

Ihr könntet …

… die Unibliothek Eures Vertrauens um die Anschaffung von Literatur über A_sexualität bitten. “Understanding Asexuality” von Anthony F. Bogaert sollte in keiner Sammlung zu Sexologie fehlen.

… den Link zu dieser Doku über Asexualität verschicken, um Zweifelnde und Kritiker*innen aufzuklären, oder einfach nur auszuloten, was eure Bekannten so über A_sexualität denken.

… euch eine Teerose oder sonst etwas in Flaggenfarben basteln.

… als ganz subtiler Wink AktivistA bei Facebook liken.

… darüber twittern, bloggen, oder in sonst welchen Medien entsprechende Links und Bilder teilen. Optionen finden sich beim Verein eures Vertrauens.

 

Instrumentalisiert …

… kommt sich eine gelegentlich vor, wenn die eigene Minderheit mal wieder als Beweis dafür dienen soll, was mit queeren Bewegungen im Besonderen und der Gesellschaft im Allgemeinen nicht stimmt.

SW Testbild

Als die Welt noch einfacher war: Schwarz/Weiß-Testbild

Feddersen war es, der in der taz über sämtliche Wörter herzog, deren Einführung nach 2000 datiert. Gleich im Titel bezeichnet er das Buchstabensuppenkürzel (LSBTTIQAPetc.) als „breitgetretenen Quark“. (Wer den teilweise beleidigenden Unfug komplett lesen will, benutze eine Suchmaschine.)

Nun mag dieses Buchstabenkürzel vom LSBTTIQAPetc. nicht unbedingt handlich sein, und manchmal eine Gemeinschaft vorspiegeln, die es so nicht gibt, oder besser gesagt, bei der es sich eher um eine Zwangsgemeinschaft handelt. Aber wir alle haben eine Gemeinsamkeit: Wir stören die Leute dabei, sich ihre Welt eindeutig in männlich und weiblich, „normal“ und „unnormal“ zurechtlügen zu können. Daher möchten wir bitteschön zu Hause bleiben, uns was schämen und bloß nicht darüber reden, dass alles ein bisschen komplizierter ist, als mensch so annimmt.

Die wenigsten schaffen es übrigens zu sehen, dass das, was sie kritisieren, wenn es ihnen widerfährt, genau das ist, was sie anderen antun. (Ich will mich hierbei nicht ausnehmen.)

In der Schwulst-Ausgabe vom Sommer 2017 schreibt die altgediente Stuttgarter Travestiekünstlerin Frl. Wommy Wonder:

„… ihm fehlen halt treuen Herzens und in beneidenswerter Naivität all die vielen vielen (viel zu vielen) Unterbegriffe und Nebenschubladen, in die man heutzutage alles unterteilt …“

Satire? Nicht so gemeint? Keine Ahnung. Zäumt das Pferd jedenfalls von hinten auf und schlägt in eine Kerbe, die eigentlich schon tief genug ist. Neue Wörter entstehen, weil plötzlich über Dinge nachgedacht wird, die im wahrsten Sinne des Wortes vorher unsagbar waren. Das hat erstmal wenig mit Unterteilung zu tun, auch wenn’s von außen vielleicht so aussieht. Sollte ein*e Kabarettist*in aus der Buchstabensuppe eigentlich wissen, auch wenn ich Frl. Wonders Texte sonst sehr zu schätzen weiß.

Der neueste diesbzügliche Artikel stammt von heise.de/Telepolis, und ich habe nicht mal die gerinste Ahnung, was die Ätzerei eigentlich bezwecken soll. So viel habe ich mitgenommen: Hipster sind total lächerlich, weil sie alle voll individuell sein wollen, es aber nicht sind.

Diese Erkenntnis ist nun nicht so brandneu, da über Hipster und ihre Brillen/Frisurem/Karohemden/Jutetaschen/etc. schon seit Jahren gewitzelt wird. Gefühlt gab es sogar zuerst den Hipsterwitz und dann den Hipster.

Was irgendjemandes sexuelle Orientierung damit zu tun hat, bleibt mir allerdings auch nach der vierten Seite Text schleierhaft.

Offensichtlich ist der sehr wahrscheinlich heterosexuelle Autor einer vorurteilsbedingten Falle erlegen, die ich oben schon angerissen habe: Wer sich nämlich nicht brav für das eigene (Anders-)Sein schämt, muss ja ganz offensichtlich auffallen wollen. Anstatt, mensch glaube es nicht, einfach nur (mit einem passenden Begriff für die eigenen Empfindungen) zu sein.

Dass eins mit dem passenden Begriff gleichzeitig darauf hinweist, dass die säuberliche Sortierung nach männlich/weiblich, „normal“/“unnormal“ völliger Unsinn ist und nur im Kopf derjenigen existiert, die diese Sortierung vornehmen, ist quasi Bonus. Auch wenn die Leute selten merken, dass sie ihren eigenen Vorurteilen über die Menschheit erlegen sind und stattdessen lieber die Schuld bei den vermeintlichen Störenfrieden suchen.

Linkspämmchen

Zur Überbrückung meiner überstundenbedingten Sendepause ein paar Kleinigkeiten zum Stöbern.

Mit der Religion hab ich’s ja schon öfter gehabt, hier ist auf Englisch eine Argumentationshilfe, wenn ein religiöses Cleverle mal wieder „aber wenn du glaubst, wirst du nichts verloren haben“ bemüht.

Bei Belles Lettres gibt es eine extrem hilfreiche Erklärung des Konjunktivs im Deutschen. Besser als jeder Deutschunterricht an meinem Gymnasium, der konnte mir das nämlich nicht vermitteln.

Und ein Video auf Englisch: „Sag die Wahrheit!/Tell the Truth!“ von Jordan Peterson – ein Argument gegen den Nihilismus und für’s Maul Aufreißen.

Was denn auch @handyfeuer regelmäßig tut: Ein neues Video über A_sexualität.

 

 

 

Mal wieder übersexualisiert

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Derletzt wurde ich zu meinem ehrenamtlichen Thema per Telefon befragt, und da fiel dann mal wieder diese Phrase von der übersexualisierten Gesellschaft. Leider kam dann das Gespräch wie so häufig auf mein Privatleben (es lebt, danke …) statt auf diese Theorie, dass in der Öffentlichkeit zu viel Sex sei.

Ich mag sie nicht. Oder besser: Ich glaube, sie schießt am Ziel vorbei.

Einige Beobachtungen zum Thema Sex

Stellen wir fest: Sex ist offensichtlich ein interessantes Thema. Die Menschheit zerreißt sich darüber den Mund, seit sie existiert.

Stellen wir weiterhin fest: Grundsätzlich muss ich nicht mit Details aus anderer Leute Intimleben an jeder x-beliebigen Ecke überfallen werden, aber ich finde es sehr in Ordnung, wenn ich an x-beliebigen Ecken erfahren kann, was es alles gibt und wo sich die Details verstecken. Ein solches, möglichst vorurteilsfreies, Grundrauschen an Information ist meines Erachtens diesbezüglich notwendig.

Wenn ich weiß, was es alles gibt, kann ich über mein Leben ein wenig besser entscheiden, als wenn ich nur hinter vorgehaltener Hand Halbwahrheiten und Gerüchte zu hören bekomme, während im Vordergrund irgendetwas von vaterländischer Pflicht, Gottesfurcht oder derlei gesalbadert wird.

Die sogenannten „besorgten Eltern“ sind gegen diese Art von informativem Grundrauschen, das macht sie mir sehr suspekt.

Mir fällt aber auch auf: Mit dem Versprechen des Begehrtwerdens wird heute ein Haufen Werbung gemacht. Begehrenswert sein stellt zwar schon immer einen Wert dar, aber früher gab es nicht so viele Kanäle, auf denen nackte Haut versendet werden konnte.

„Begehrt werden“ wird schon lange mit „geliebt werden“ verwechselt (siehe all die „amore“ aus den Mozartopern)  und mittlerweile auch mit Glücklichsein. Somit ähnelt das „Begehrenswert sein“ einer Karotte an einer Angel, die immer knapp außerhalb der Reichweite des Pferdes der Verbraucher*innen baumelt, denn der perfekte Body in der perfekten Verpackung ist schon per Definition außer Reichweite.

Mir fällt auch auf: Was eins im Bett mit einer oder mehreren anderen Personen treibt, wird nicht ausschließlich als eine Frage des persönlichen Geschmacks wahrgenommen, sondern als Ausdruck der Persönlichkeit, der den echten, wahren Wesenskern eines Menschen freilegt.

Nazis und Kommunist*innen können gleichermaßen gern, sagen wir, schwarze Oliven oder Sushi mögen, und niemand wird behaupten, dass sich das widerspricht.

Reden wir aber von Fesselspielen, bei denen so viel Einverständnis wie möglich zwischen den Beteiligten herrscht … dann sieht es anders aus. So jemand muss doch progressiv sein und auf Gleichberechtigung überall stehen? Oder?

Wie kann eine Frau, die mit einer Frau zusammenlebt, AfD-Spitzenkandidatin werden? Wieso ist eine Autorin, die über schwule Paare schreibt, krass rassistisch? Wieso vertreten nicht alle a_sexuellen Menschen queerfeministische Positionen?

Das passt doch nicht zusammen? Oder?

Allgegenwart plus (Über)bewertung gibt?

Aus dem Wunsch nach Begehrtwerden und dem Mythos vom echten, wahren Persönlichkeitskern bauen wir neue Normen auf, die nirgends stehen und deswegen umso perfider wirken. Hier steht kein schwarzberockter Pfaffe mehr auf der Kanzel und predigt wider die Unzucht (und setzt dabei wenigstens klare Grenzen), sondern Schreibende stellen Listen auf von Dingen, die mensch unbedingt mal getan haben muss, Gesundheitsmagazine trompeten hinaus, dass Sex gesund sei und welche Stellung wie viel Kalorien frisst, Frauenzeitschriften ergötzen sich an Frauen, die ohne BDSM nicht existieren können (statt es nur mal voll progressiv ausprobiert zu haben) und irgendwo verläuft immer noch die magische Grenze zwischen einer voll aufgeklärten, lebenslustigen Frau und der vielgefürchteten Schlampe.

Aber niemand verrät dir, wo diese Grenze genau verläuft, und wie sehr sie von Dingen abhängt, die du nicht beeinflussen kannst. (Wo du aufgewachsen bist, welche Farbe deine Haut hat, wie viel Geld deine Eltern hatten …)

Es gibt auch die Grenze zwischen „langweilig“ und „normal“ oder „normal“ und „schwanzgesteuert“ und noch mehr Grenzen zwischen „normal“ und etwas anderem, aber wer weiß schon, wie viel ich mit wem wie tun muss, um normal und voll aufgeklärt zu sein und auch hier meine politischen Ansichten widerzuspiegeln …

Alles in allem hat unsere ach so fortschrittliche Post-68er-Gesellschaft einen eher unentspannten Umgang mit dem Thema Sex. Obwohl das Thema quasi überall ist. Und das finde ich so was von 19. Jahrhundert.

Für Leute, die Englisch können, gibt es „The Sex Myth“ zum Weiterlesen.

Vortrag in Frankfurt

(crosspost mit aktivista.net und Der Torheit Herberge.)

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Ich werde am Dienstag, den 24. Januar, in Frankfurt am Main zu Gast sein.

Geplant ist ein Vortrag über „Asexualität und das a_sexuelle Spektrum: Vom Versuch, die Vielfalt einer Abwesenheit sichtbar zu machen“ im Rahmen der Queeren Ringvorlesung. Ich werde zunächst darauf eingehen, was A_sexualität ist, ein paar Vokabeln und die zugehörigen Spektren erörtern. Danach plane ich, von den Vorurteilen auf die Schwierigkeiten der Sichtbarmachung von A_sexualität einzugehen. Außerdem ist viel Platz für Fragen und Diskussion eingeplant.

Ich bin sehr neugierig, was mich erwartet, habe ich doch das letzte Mal 2006 eine Uni im Vorlesungskontext besucht … und damals durfte ich auch bequem zuhören.

Los geht’s um 18 Uhr im Seminarhaus 0.101, Campus Westend.

Sex ist eben nicht überall

Siegelmarke Der Rath zu Dresden Direktion der Fleischbeschau W0323469Nachdem ich mir „Fleischmarkt“ von Laurie Penny zugelegt habe und beinahe zum zweiten Mal durch bin, kann ich nun eine Frage differenzierter beantworten, die mir schon häufiger gestellt wurde.

Es wird ja behauptet, dass Sex überall sei – in der Werbung, in Zeitschriften, in Filmen, Büchern, etc. Wie gehst du als a_sexuelle Person damit um? Findest du das nicht eklig?? Stört dich das nicht???

Ich war dann immer ein wenig verwirrt, denn Bilder von halbnackten Frauen an jeder Ecke stören mich schon, aber nicht, weil ich sie eklig finde.

Die kurze Antwort lautet: Sex ist eben nicht überall.

Auch wenn sehr viele Leute das glauben, und nicht zu wenige anti-sex Aces, Medienvertreter*innen und konservative Populist*innen dieser Verwechslung aufgesessen sind.

Was überall ist, ist Erotik, die einmal von allem organischem Material befreit wurde. Mit der Andeutung von Sex, anzüglichen Witzchen und/oder dem Versprechen auf orgasmisches Vergnügen wird ein Haufen Zeugs verkauft. Deos, Damenrasierer, Pralinen, Autoreifen, etc. Dass dieses Versprechen niemals eingehalten werden kann, ist klar, denn die gephotoshoppten Bilder von weißen Frauen mit Schlafzimmerblick haben mit Schleim, Schweiß und Spucke von echtem Sex ungefähr so viel zu tun wie ein Mittelaltermarkt mit Köln anno 1250.

Was mich also stört, ist, dass cis-weibliche Körper dazu genutzt werden, uns Zeugs zu verkaufen. Gleichzeitig vermitteln sie uns, welchem unerreichbaren Ideal wir hinterherstreben sollen. Weiß, schlank, sauber, immer feminin konnotiert angezogen, rasierte Beine, perfekte Frisur, bloß nicht fordernd, etc pp.

Mich stört, dass du in dieser Gesellschaft als Frau, oder ein Mensch, der dafür gehalten wird, immer perfekt, und damit erotisch sein musst, um anerkannt zu werden, aber dabei niemals billig wirken darfst. Du sollst tanzen können wie eine Stripperin, aber wehe, du strippst tatsächlich für Geld.

Aargh.

Was mich außerdem stört, ist, dass zu viele dieses Märchen glauben. Dass zu viele diese Grundsätze so verinnerlicht haben, sodass sie über (andere) Frauen, und solche, die sie dafür halten, lästern, wenn diese das Ideal nicht erfüllen. Was dann andere wieder dazu zwingt, sich zehnmal zu überlegen, ob sie ihre Beine nicht doch rasieren sollen, aus Angst, zu unsexy zu wirken, selbst, wenn ihr*e Partner*in dazu keine Meinung hat.

Manche quälen sich durch Fitnesskurse (kosten Zeit und Geld), futtern Tabletten gegen sogenannte überflüssige Pfunde (kosten Geld und taugen nichts) und kaufen all das andere Zeug, das sie angeblich brauchen, um dem Ideal nahe zu kommen.

Gelegentlich haben ich den Eindruck, dass ich nur genug von den richtigen Sachen kaufen muss, um eine richtige Frau zu sein …

Diese Ansprüche fühlen sich an wie ein modernes Korsett – und sollen wohl eins sein, denn wenn mehr Frauen, und solche, die dafür gehalten werden, mehr Energie in den gesellschaftlichen Wandel, in die Forderung nach gleicher Arbeit etc. stecken würden … dann wäre schön was los. (Hoffe ich wenigstens.) Immerhin kaufen wir angeblich 80% des Zeugs, das produziert wird.

Im Gegensatz dazu habe ich mit beziehungsratgebenden oder sexspielzeugtestenden Zeitschriften und (gut) geschriebenen, ehrlichen Sexszenen sehr viel weniger Probleme. Auch wenn ich letztere lieber nicht selbst produziere und sie ohnehin selten zu finden sind. Für den mies geschriebenem Sex gibt’s einen „Zurück“-Button oder eine Scrollfunktion.

(Andere a_sexuelle Menschen gehen Sexszenen und explizitem Material aber lieber ganz aus dem Weg, was völlig legitim ist.)

In diesem Sinne: Riot, don’t diet.

 

A_sexuelles Erzählen oder: Philosophie gegen Neurowissenschaft

oder: „Making Something out of Nothing“ gegen mein gesammeltes Wissen aus „Wired for Story“ und als eine, die Romane lieber schreibt statt analysiert.

 

Andrea Mantegna 017

Im Gegensatz zu St. Lukas bin ich keine Heilige und kann auch nicht mit einer Feder schreiben

Ich las also die verlinkte Dissertation, die behauptet, dass Asexualität als „Nicht-Erfahrung sexueller Anziehung“ und die klassische Form des Erzählens diametrale Gegensätze seien.

Ich versuche mal, die Argumente nachzuvollziehen.

1) Geschichten sind gerichtete Bewegungen

Dem will ich nicht widersprechen. Seit Aristoteles wissen wir: die Menschheit bevorzugt Geschichten, die einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben. Ohne selbiges Ende stünden ja der Anfang und die Mitte einfach so im Raum herum, und, noch schlimmer, die Leute hätten sich emotional für etwas engagiert, das zu keinem Abschluss kommt, ihnen also Zeit und Aufwand gestohlen hat, die sie besser für etwas anderes eingesetzt hätten.

Sich emotional für eine Story zu engagieren, macht ja gerade den Reiz an der Sache aus. Im Grunde ist dieses Mitfühlen und Miterleben für das menschliche Hirn eine Probe für den Ernstfall – Was tun bei einer Zombieapokalypse? Wie überstehe ich eine Entführung oder ein Familientreffen mit Leiche?

Deswegen mögen die meisten Leute gerne Geschichten.

2) Asexualität ist nicht zielgerichtet

Zumindest, was die sexuelle Anziehung angeht, so ominös das Konzept auch manchen erscheinen mag, zeigen Asexuelle in keine Richtung.

Manchen Leuten fällt es schwer zu begreifen, dass Leute, die keinen Sex wollen oder keine Menschen begehren, trotzdem andere Dinge wollen können, und dabei 100% nachvollziehbare Motive haben.

Weil a_sexuelle Menschen ja „no fun“ sind, bestreitet Stephen Moffat, dass Sherlock aus der BBC-Serie ace ist.

Jedenfalls: Manche Leute finden a_sexuelle Menschen undurchsichtig oder langweilig – dabei entsteht nur die Hälfte der Spannung „Sex & Crime“ durch Sex ;)

3) Romane dienen der Enthüllung, und A_sexuelle haben nichts zu enthüllen

Mein Vorstoß in diese Richtung wurde letzte Woche von gleich zwei Menschen elegant außer Kraft gesetzt, daher: Es gibt einen Haufen Dinge über Menschen und die Gesellschaft zu enthüllen, und nicht alle haben mit Sex zu tun, vielen Dank.

4) Geschichten sind erotonormativ und stehen daher im Widerspruch zu Asexualität

Jetzt wird es wild. Also, Geschichten haben ein Ende, es sei denn, es handelt sich um eine seit zehn Jahren laufende Seifenoper oder gewisse Fanfictions, die genauso funktionieren und schon fünf Millionen Wörter in 768 Kapiteln haben.

Weil dieses Ende also ein unvermeidliches Ziel des Erzählens ist und zumeist dazu dient, die Zuhörer*innen bzw. Leser*innen befriedigt zurückzulassen, können wir es mit gutem Hetero-Sex vergleichen, und weil es danach nicht weitergeht, also mit dessen „natürlichen“ Ende, dem männlichen Orgasmus. Daher der Begriff „erotonormativ“, analog „heteronormativ“.

Gesetzt den Fall, der Vergleich ist legitim und das klassische Geschichtenerzählen tatsächlich ein Fall von patriarchaler Struktur, dann wirkt A_sexualität quasi wie ein fehlendes Rädchen im Getriebe: Wo keine Richtung, da keine natürlich fließende Story zu einem natürlichen Ende.

A_sexualität könnte also eventuell dazu dienen, die Erwartungen an eine solcherart patriarchale Erzählweise zu queeren, aber wie?

5) Die Autorin unterließ es aus Protest gegen die Erotonormativität, eine Schlussfolgerung zu schreiben.

6) Eigenes Fazit

Durchaus eine interessante Theorie. Allerdings, aus Sicht der Handwerkerin: Die Leute hören nicht gern zu bzw. sind verärgert, wenn sie wissen bzw. merken, dass alle Spannung keine Lösung hat, und sie hören überhaupt nicht zu, wenn sie nicht wissen wollen, wie es weitergeht.

So viel zu weiteren Gemeinsamkeiten mit Sex. Im Gegensatz zu Sex ist die Spannung in Stories aber immer künstlich erzeugt, genau wie der Anfang und das Ende der Story. Die Kunst der Erzählens liegt auch darin, die Leute vergessen zu lassen, dass sie einem Kunstprodukt zum Opfer gefallen sind. James N. Frey spricht hier von fiktionalen Träumen, die Schreibende und Lesende gemeinsam erzeugen.

Nur, weil das nachher organisch wirkt, sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Anfang und das Ende im Idealfall sehr willkürlich gewählt sind, und zwar, um die beste Story zu erzählen, die sich aus einem gewissen Material erschaffen lässt.

Keine Story hat ein „natürliches“ Ende – höchstens eines, das sich natürlich anfühlt.

Anstatt also die Leute mit Werken zu quälen, die sie sowieso nicht lesen würden, schreibe ich dann also doch lieber Stories mit einem Ende. Das heißt aber nicht, dass ich dabei die (heteronormativen) Erwartungen des Publikums nicht queeren kann.

Nicht alle Paare müssen heiraten oder in den Sonnenuntergang reiten oder mit Kindern glücklich sein, es muss nicht mal ein Paar sein, und Sex? Sex muss in der Beziehungsfindung auch keine Rolle spielen, sofern ich nicht alles auf dem Kopf stelle und das glückliche Ungebundensein oder eine erfolgreiche Entliebung zum Ende erhebe.

Eine Frage der Nomenklatur

Ich hatte ja schon zu verschiedenen Anlässen über Coming-outs geschrieben.

Was ich noch nicht öffentlich getan habe: Mir die Ironie dieses Begriffs bezüglich Asexualität auf der Zunge zergehen zu lassen.

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Im Grunde ist das nämlich ein Widerspruch der allerschönsten Sorte, worauf mich Elizabeth Hanna Hansons Arbeit über A_sexuelle Erzählen hinwies.

Was heißt eigentlich „Coming-out“?

Die komplette Phrase auf Englisch heißt „coming out of the closet“ – aus dem Schrank kommen. Es muss sich um denselben Schrank handeln, in dem die Briten ihre Skelette aufbewahren – die lassen nämlich ebenerdig „skeletons in the closet“ statt ihre Leichen wie vernünftige Leute im Keller unterzubringen.

Gemeint ist, dass Leute eine Wahrheit über sich irgendwo in ihrem geistigen Hinterstübchen so tief verstecken, dass sie manchmal nicht wissen, dass sie etwas verstecken. Und wenn sie das realisieren, es erst vor sich selbst und später vor anderen zugeben, dann kriechen sie aus dem Schrank.

Also geht es um Dinge, die versteckt werden müssen. Das wäre in diesem Fall meist das, was als „Schweinekram“ gelistet ist – also Wahrheiten über das eigene Begehren und dessen Auslebung, die gesellschaftlich nicht anerkannt oder geächtet sind.

Im Übrigen scheint die Menschheit seit der Populärwerdung Freud’scher Psychoanalyse davon auszugehen, dass jede*r einen Schrank hat, in dem sich irgendwelcher Schweinekram sexueller Natur versteckt, und dass es sich dabei nicht um eine Wahrheit sondern um Die Wahrheit (TM) über die Person handelt.

Paradox:

Egal in welcher Ausprägung der Definition haben A_sexuelle keine geheimen Wünsche zu beichten. „Kein Verlangen nach sexueller Interaktion“ oder die „Nichterfahrung von sexueller Anziehung“: Wir tun in der Regel nix, wir wollen bloß Kuchen essen/lesen/kuscheln/Serien gucken (Unzutreffendes bitte streichen).

Ich bin, in dieser einen Hinsicht, reine Oberfläche ohne irgendwelche Türen, die zu unentdeckten Schränken führen.

Zu beichten, dass es nichts zu beichten gibt, ist reichlich widersinnig.

Trotzdem angebracht?

Wahrscheinlich werden diese Überlegungen an der Sprache nicht viel ändern. Wir haben zwar keine (oder wenige) Geheimnisse sexueller Natur, aber die Angst, die mit einem Gespräch über den eigenen sexuellen Minderheitenstatus einhergeht, bleibt ähnlich.

Denn zu eröffnen, dass eine*r fundamental anders tickt als die wichtige Person, die zuhört: Das kann durchaus dazu führen, dass Freund*innenschaften zerbröseln oder eine*r ausziehen muss.