Gelesen: „Ace“ von Angela Chen

Vor einem guten Monat erschien auf Englisch ein Buch von Angela Chen namens „Ace – What Asexuality Reveals About Desire, Society and the Meaning of Sex“ (Beacon Press Boston, ISBN 978-0-8070-1379-3).

Da ich mir ja zur Aufgabe gemacht habe, beim Thema Asexualität wenigstens halbwegs auf de aktuellen Stand zu sein, habe ich es gekauft, und als Abschluss der Ace Week für euch eine Meinung dazu verfasst.

Wobei ich sagen muss, dass mich sonst das Cover mit diesen Flecken (Buntpapierfetzen wie früher im Kunstunterricht?) ein wenig abgeschreckt hätte. Mit dem Inhalt hat es jedenfalls erst nach einer Pause zum Nachdenken zu tun.

Kurze Inhaltsübersicht

Der Text liest sich sehr flüssig. Ausgehend von eigenen Erfahrungen hat Angela Chen einige Dutzend andere Aces interviewt und deren Geschichten in Fragestellungen an die US-Gesellschaft verwandelt:

Schadet die allgemeine Erwartung, dass Männer immer super versessen auf Sex seien, genau dieser Personengruppe?

Hat uns die sexuelle Befreiung uns wirklich freier gemacht?

Inwieweit haben wir Überschneidungen mit Vorurteilen gegenüber rassifizierten Menschen, Menschen mit BeHinderung, und religiösen Stereotypen?

Was bedeutet eigentlich „romantisch“? Wo ist die Grenze zwischen Romanzen und Frenudschaft? Und wieso ist Sex ein Maßstab bei der Bewertung, wie wichtig eine Beziehung sein darf?

Was ist „compulsory sexuality“ (Sexnormativität) und was ist hermeneutische Ungerechtigkeit? Wie verhindern unsere Vorstellungen von Sex und dem, was Menschen wollen, dass Menschen eben nicht das tun (oder lassen), was sie möchten?

Das alles bereitet Chen informativ und verständlich auf.

Sehr tröstlich ist auch die Einflechtung der verschiedenen Lebensgeschichten. Obwohl ich genug Aces kenne, tut es immens gut, ein paar Fragen und Probleme gespiegelt zu sehen, die ich auch schon hatte.

Mehr Kompendium als Erleuchtung

Der Witz ist, dass ich dieses Buch nicht unbedingt gebraucht hätte, und da werden manche ähnlich empfinden. Was Angela Chen zusammengetragen hat, wissen halbwegs aufmerksame Beobachtende der asexy Blogosphäre schon.

Ich selbst fand also in dem Buch sehr wenig neue Anstöße, sondern eher eine Zusammenfassung von klugen Gedanken, die ich bei oder dank der Asexual Agenda schon gelesen habe. Damit will ich Angela Chens Fähigkeit, pointierte Fragen zu stellen und Dinge zu beobachten, gar nicht in Abrede stellen. Es wird Menschen im asexuellen Spektrum geben, die diese Diskussionen nicht so genau mitverfolgt haben oder viel später dazugestoßen sind, und die dieses Buch dann umso mehr schätzen werden. Außerdem hat eine gedruckte, zitierfähige Zusammenfassung von Online-Diskussionen immensen Wert.

Was ist eigentlich die Zielgruppe?

Einerseits steht das erklärte Ziel des Buchs schon auf dem Cover: Wie können die Lebensgeschichten asexueller Menschen helfen, besser zu verstehen, wie die westlichen Gesellschaften in Bezug auf Sex ticken? Was können wir alle gewinnen, wenn wir Dinge aus einer asexuellen Perspektive betrachten?

Das heißt, die Zielgruppe sind vornehmlich Menschen, die sich nicht als ace begreifen.

Andererseits bin ich mir nicht sicher, ob es gelungen ist, diese Zielgruppe anzusprechen.

Was es aber zu tun scheint, und da sind Sara von the notes which do not fit und ich einer Meinung mit diversen Menschen, die bei Amazon Rezensionen hinterlassen haben: Es ist hilfreich für unentschlossene Menschen und solche, die ein nagendes Unbehagen mit den Erwartungen spüren, die uns die Sexnormativität aufbürdet.

Brauche ich das?

Kommt drauf an.

Wer sowieso schon alles zum Thema gelesen hat und sich mit der eigenen Selbstbeschreibung als ace wohlfühlt, braucht es nicht unbedingt und folge weiterhin den relevanten Blogs.

Wer einen kurzen und knackigen Einstieg in die aktuellen Debatten sucht, ist hier genau richtig.

Ebenfalls sehr sinnvoll erscheint es für jene, die überlegen, ob sie sich ins asexuelle Spektrum verorten sollen oder wollen. Wir finden hier all die Selbstzweifel und Einwände, die in dieser Findungsphase am drängendsten sind.

Insofern hat Angela Chen auf jeden Fall etwas getan, das mich das Hütchen lüpfen lässt: Ein Ratgeberbuch verfasst, ohne einen einzigen Ratschlag zu verteilen.

Eine etwas andere Meinung zum Thema hat Ace Admiral.

Crosspost bei carmilladewinter.com, aktivista.net und Amazon.

A_sexualität, Videos, Schon wieder die

Falls irgendwer nachschauen will, ich war letzte Woche im Livestream von 100 % Mensch:

Teil 1 bei Youtube

Teil 2 bei Youtube

Unter der Ankündigung meckerte eine Person, dass da ja schon wieder die Carmilla DeWinter zu sehen sei.

Entgegen aller anderslautenden Gerüchte bin ich nicht so furchtbar scharf darauf, vor Kameras zu sitzen. Allerdings werde ich verhältnismäßig häufig drum gebeten. Was halt passiert, wenn eine zufällig in einem Verein im Vorstand ist, der sich als einziger in Deutschland ums Thema Asexualität kümmert.

Ich hätte gern mehr Leute in diesem Verein, die ich zu so was schicken kann, und die nicht schon mit fünf anderen, ebenfalls wichtigen Vereinen beschäftigt sind, und die keine 500 Kilometer Anfahrt haben. Auch Männer und/oder welche mit Neopronomen. Nicht immer nur die selben drei bis fünf Leute/Frauen. (Wie immer handelt es sich hier ja um eine geringe Anzahl von Menschen, die Zeugs machen, und eine sehr viel größere Anzahl von Menschen, die erwarten oder hoffen, dass andere Zeugs machen.)

Ich fände es auch geil, wenn es einen separaten Verein gäbe, der sich um a_sexuelle Menschen kümmert und in die Communities wirkt, statt „Bildung und Aufklärung“ zu betreiben. Und/oder eine Truppe, die nach dem Vorbild von Aces NRW hauptsächlich Institutionen wegen Fehldarstellungen anschreibt. Und/oder Stammtische mit soliden Ansprechpartner*innen bzw. welche, die zuverlässig über queere Zentren erreichbar sind, statt sich in Foren oder Discord zu verabreden/verabreden zu müssen. Und/oder …?

Aber so weit sind wir halt noch nicht.

Wenn 50% aller Aces nicht bei ihren Eltern und nur etwa 75% bei ihren Lieblingsmenschen geoutet sind, dann weiß ich auch, warum wir da noch Geduld haben müssen. Weil Öffentlichkeitsarbeit ein Coming-out erfordert. Aber die Reaktionen sind halt oft negativ, insofern beißt sich da die sprichwörtliche Katze in den Schwanz.

Mit bleibt weiterhin die Bitte an alle, die es sich leisten können, mutig zu sein.

„Das asexuelle Spektrum“: Cover!

Aus Vernunftgründen haben wir die Expedition rausgelassen und „Das asexuelle Spektrum“ in die obere Zeile geholt.

Ich bin zufrieden, jetzt muss ich nur nochmal den Text an die neuesten Gegebenheiten anpassen und dann kann’s losgehen.

Unterstriche und andere Neuschöpfungen

Derletzt stolperte ich über eine Meinung bei AcesNRW, die mich etwas befremdete. Da der Blogtext aber zu einem komplett anderen (und wichtigen) Thema ging, wollte ich keine Diskussion in den Kommentaren anfangen. Außerdem verlinkt es sich in echten Beiträgen besser.

200px-Asexual_flag.svgA_sexualität als Kurzform für „asexuelles Spektrum“. Woher kommt das?

Zeit für eine kleine Geschichtsstunde für Menschen, die erst nach 2015 auf Ace-Communities gestoßen sind.

Das erste Mal gesehen habe ich das bei Andrzej Profus. Andrzej hatte die „Wer A sagt, muss nicht B sagen“-Zines zusammengestellt, angefangen 2013. Damals war ich recht irritiert davon, dass die erste Ausgabe im Untertitel „zine über a_sexualität“ stehen hatte.

Auf meine Nachfrage erklärte Andrzej, der Unterstrich solle verdeutlichen, dass es Asexualität vielfältig sei und dass es keine klar zu ziehende Grenze zwischen Asexualität und Sexualität gebe. (Also quasi der graue Flaggenbalken in Schriftform.) Damals, in den schlechten alten Zeiten, gab es „allo“ ja noch gar nicht, und eins sprach eben von Asexualität und Sexualität als Gegensatz.

Danach dümpelte die Idee so zwei Jahre rum, bis Annika Spahn sie aufnahm, sie bei einer der kleinen Ace-Konferenzen in Stuttgart verwendete und sie so beim Verein AktvistA n.e.V. landete. (Nicht wundern, damals wollte die Software sich mit den Sternchen nicht so richtig vertragen.)

Unabhängig davon, ob das mit dem Unterstrich in fünf oder zehn Jahren noch sinnvoll ist, stammt die Idee also von einer der ersten, aber mittlerweile leider verschollenen Ace-Aktivist*innen und damit aus der Community.

Und was meine ich jetzt mit der anderen Neuschöpfung?

Ich selbst bin eine von denen, die „aspec“ als eine Kombi von aromantischem und asexuellen Spektrum extrem seltsam finden. Allosexuelle aromantische Menschen und alloromantische asexuelle Menschen haben sehr andere Erfahrungen. Das alles unter einen Begriff packen zu wollen, finde ich wenig sinnhaft, grade weil allosexuelle Aros noch weniger gesehen werden als Aroaces.

Das wird mich jetzt aber nicht daran hindern, mich beim Label „aspec“ angesprochen zu fühlen. Bloß verwenden mag ich’s nicht.

Vorankündigung: Expedition Unsichtbar

Expedition Unsichtbar …

Eine Erkundungstour in die Welt des asexuellen Spektrums.

dr dewinter in heroischer pose

In erster Linie ist diese Tour gedacht für die unsichtbaren Menschen aus dem asexuellen Spektrum, die dringend etwas brauchen, um vorzuführen, dass das kein Internethype ist. (…) Ihr seid nicht allein.

Einige interessieren sich vielleicht auch dafür, warum manche Dinge so sind, wie sie sind. Viele Neulinge wissen nicht mehr, woher die Flagge und verschiedene Begriffe kommen, oder warum manche alten Häsinnen bestimmte Ermahnungen wiederholen.

Dieses Buch ist für allosexuelle Menschen – solche, die nicht zum asexuellen Spektrum gehören. Einige von Ihnen haben Angehörige oder Lieblingsmenschen aus dem asexuellen Spektrum, und Sie interessieren sich für deren Lebensrealitäten. Sie sind mit Ihren Fragen, Bedenken und Sorgen ebenfalls nicht allein.

Dieses Buch ist für Menschen, die in der Aufklärungsarbeit und Sichtbarmachung aktiv sind, Menschen, die lieber ein Buch lesen, statt hundert Internetadressen zu wälzen. Abgesehen davon lassen sich Bücher einfach besser zitieren.

Es ist für Menschen, die im Berufsalltag mit Asexualität zu tun haben: Für andere Schreibende als Recherchewerkzeug, für Menschen in der Psychotherapie und anderen Heilberufen als Handreichung für das Basiswissen.

Und zuletzt freue ich mich über alle, die das Buch einfach so lesen, weil sie Interesse am Thema haben.

Ab dem 28.06.2020 im Buchhandel, wenn alles so klappt wie geplant.

Warum kräht die Frau Autorin nicht früher? Bücher schreiben kostet Zeit, ich habe jetzt gewiss nicht dieses Frühjahr 200 Seiten aus dem Ärmel geschüttelt.

Grund: der Aberglaube, dass eins sich nicht zu früh freuen soll. Und ein wenig Skepsis.

Es ist schon eine gute Weile her, da zerbrachen sich der wunderbare T. A. Wegberg und ich den Kopf, welcher Verlag denn eine Übersetzung von „The Invisible Orientation“ machen könnte.

Es nutzte nichts, niemand wollte. „Kein Markt.“ Und eine Übersetzung ist teuer.

Also überlegte ich, dass es billiger ist, was Einheimisches zu verlegen, und fing an zu schreiben. Außerdem war „The Invisible Orientation“ schon ein paar Jahre alt, es hatte sich viel getan seitdem.

Das war im Herbst 2018.  Im Frühsommer 2019 bat ich einige nette Menschen um Rückmeldungen, und dann suchte ich einen Verlag, fand nach einigen Absagen einen …

… Und dann kam der Lockdown. Alles war schon wieder unsicher.

Aber jetzt gibt es einen Termin, und ich bin super gespannt auf das Cover, das ich auch noch nicht kenne.

Hibbel!

Hier sind die wichtigsten Infos bei Marta Press, die übrigens kaum Wünsche offen lassen, wenn es um feministischen und antifaschistische Diskurse und gesellschaftskritische Themen geht.

 

 

 

Aces, Zitate und seltsame Startseiten …

… oder: Die DeWinter prokrastiniert.

In den letzten zwei Tage ist meine asexy Facebook-Blase voll von Werbung für eine neue Partnerbörse names Acedate.de.

Eine Person meines Vertrauens hatte sich die Startseite angeschaut und eine Ungereimtheit gefunden, und da ich es gerade vermeide, an meinem neuen Roman weiterzuschreiben, habe ich mal genauer hingeschaut.

Am Anfang klingt das natürlich geil: Eine neue, kostenlose Singlebörse für Menschen aus dem asexuellen Spektrum! Und sogar aromantische Leute sollen sich da wohlfühlen. Wow.

Ist natürlich werbefinanziert, deshalb muss die angemeldete Person ihre Daten von Google Analytics analysieren lassen.

Ein wenig seltsam auch, wenn man weiterscrollt:

screenshot Acedate cropped

„Acedate ist eine seriöse und 100% kostenlose Dating und Partnersuche Plattform für Menschen mit Depression, Phobien oder Burnout Syndrom, Sowie Menschen mit Beziehungsangst und psychisch stabilen Menschen für die besagte Erkrankungen kein Beziehungs-Hindernis darstellen.“

Abgesehen von der grausigen Verwendung und Unterlassung von korrekten Kommas und anderen Satzzeichen klingt das nun nicht besonders, als seien a_sexuelle Menschen angesprochen.

Oder wendet sich das an die Leute, die glauben, dass wir Aces alle einen an der Waffel haben? Nach dem Motto: „Wir wissen ja, dass a_sexuelle Menschen gar nicht existieren und dass die unterliegende Schwierigkeiten haben, die sie nur nicht zugeben wollen. Wenn Sie normal sind und Ihnen das nichts ausmacht, können Sie sich trotzdem umtun.“

Die Person meines Vertrauens meinte, es sei nur schlecht abgeschrieben, oder dass da eigentlich was anderes hingehört.

Was es nach einer Copy-Paste-Suchmaschinennutzung ohne die ersten Worte auch tatsächlich tut.

Ein wenig hat wer dann doch mitgedacht, denn es erscheint, wenn wir den „Mehr“-Button drücken:

„Acedate.de ist eine kostenlose Dating und Kennenlern Plattform, die sich an Menschen im asexuellen Spektrum richtet. Acedate versucht hierbei eine Anlaufstelle zu sein, für asexuelle Singles mit Wunsch nach Partnerschaft und/oder evtl. Kinderwunsch sofern vorhanden. Dar Asexualität wenn überhaupt dann nur bedingt auf konventionellen Partnersuche Seiten berücksichtigt wird, freut es uns ebenjene Lücke zu füllen und Menschen auf der Suche nach einer Beziehung behilflich zu sein, wo anderenorts Asexualität als widriger Umstand empfunden und behandelt wird. Ebenso sind gerne Angehörige oder Interessierte willkommen, die sich über die Themen Asexualität, Aromantik, Demisexualität oder Greysexualität erkundigen wollen, da Acedate ebenso über ein Forum zwecks Wissenstransfer verfügt. Eben genannte Ausprägungen der Asexualität werden zum Zeitpunkt dieser Niederschrift von Acedate unerstützt und können auf der persönlichen Profilseite ausgewählt werden. Sämtliche Nutzungsfunktionen von Acedate sind und bleiben kostenfrei. Uns würde es freuen Asexuelle Menschen mit dem Wunsch nach Liebe, Beziehung und Familie zusammenzuführen.“

Das ist jetzt, lassen wir die Rechtschreibung, das Überangebot an fetter Schrift und die weiterhin kreative Anwendnung von Leerzeichen beiseite, eigentlich ein ganz nettes Statement über die Mission.

Scrollen wir nach Klicken des „Mehr“-Buttons weiter, finden wir Links zu schlecht lesbaren Informationen über Asexualität (ohne Quellenangabe von Wikipedia und Anthropedia kopiert, wie man problemlos an den Fußnoten erkennen kann) und Demisexualität, das ohne Quellenangabe bei GoFeminin kopiert wurde.

Es wäre jetzt nicht das erste Medium, das fremde Texte über Demisexualität kopiert. (Ich finde den Link auf Anhieb nicht mehr, aber ihr wisst, wer ihr seid.) Und während ich bei meinen Webtexten und Wikipedia zumeist umgänglich sind, ist das ungefragte Klauen bei einer kommerziellen Seite jetzt vielleicht nicht ganz so klug.

Bei Greysexualität kommen wir an einem Artikel über Depression raus. Das nährt den Verdacht, dass es schlecht abschrieben/adaptiert wurde, aber wenigstens hat der Artikel  eine Quellenangabe.

Dennoch ist es so absurd, dass ich nicht umhin kam, diese Kopie davon bei der Wayback-Machine zu speichern. (Das geht. Wenn Sie seltsame Sachen im Netz finden, können Sie diese zu Beweiszwecken dort speichern lassen, falls es noch nicht getan wurde.)

Der Text über Aromantik ist ohne Quellenangabe beim Asex-Wiki kopiert.

Also, da hat offenbar jemand etwas sehr schnell aus dem Boden gestampft. Und mit Urheberrecht haben die es auch nicht so, aber ehh. Was ist schon ein ordentliches Zitat?

 

 

Wortloser Wälzer: „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Es gibt so Dinge: Je länger man über sie nachdenkt, desto gruseliger werden sie.

Mir geht es so mit dem viel gelobten Roman „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara.

Und damit zunächst eine Inhaltswarnung: Ich muss für meine Überlegungen spoilern —

— und wer komplett überrascht werden will, muss jetzt wegklicken —

— ehrlich —

Ein wenig Leben

— und daher erwähne ich sexualisierte Gewalt, Selbstverletzungen, Ace-Feinlichkeit und Selbsttötung.

Worum geht es?

Wie verfolgen eine Gruppe von vier Freunden in einem New York, das wie in der Zeit eingefroren scheint. Weder gesellschaftspolitisch noch technologisch tut sich in den erzählten fünfzig Jahren viel. Zwei von diesen Freunden, Will und Jude, kommen sich langsam näher, beginnen eine romantisch-sexuelle Beziehung. Diese droht daran zu scheitern, dass Jude Sex absolut nichts abgewinnen kann. Weil er mit Will nicht darüber sprechen kann/will, ritzt er und landet schließlich nach einem Selbsttötungsversuch im Krankenhaus. Erst danach einigen die beiden sich auf eine halboffene Beziehung.

Warum schweigt Jude?

Jude ist eine Waise, der erst in dem Kloster, in dem er aufwuchs, sexuell missbraucht wurde und auch danach immer wieder an Täter geriet, ob auf einem Fluchtversuch oder in einem anderen Waisenhaus. Bei einer solchen Flucht vor einem Täter wird Jude von diesem angefahren und hat seitdem eine Gehbehinderung.

Jude sucht den Fehler immer bei sich, zumal die Täter ja auch immer bequemerweise behaupten, dass er als Opfer schuld ist. Er bekommt es in seinem ganzen Leben nicht hin, über seine Erfahrungen zu sprechen.

Kaum sieht alles halbwegs gut aus mit Judes Leben, stirbt Will bei einem Unfall. Jude hat nach diversen Selbsttötungsversuchen endlich den gewünschten Erfolg.

Und damit zum ersten Problem:

Schon anhand dieser Kurzbeschreibung wird klar: Der Text drückt heftigst auf die Tränendrüsen. Und zwar, wenn man Äußerungen der Autorin glauben darf, mit voller Absicht. Ob eine derartige extreme emotionale Achterbahnfahrt dazu beiträgt, die Message rüberzubringen, sofern man eine hat, lasse ich mal dahingestellt. (Siehe dazu eine andere Kritik.) 

Man will Jude abwechselnd knuddeln, schütteln und feiert jeden seiner Schritte in Richtung Vertrauen zu guten Menschen. Bis zum Ende hofft man, dass dieser Mensch doch noch die Kurve kriegt.

Tatsächlich beschreibt der Roman in teilweise grausam genauen Details nicht nur Misshandlungen, sondern vor allem die Selbstbeschuldigungen im Gehirn eines Opfers von sexualisierter Gewalt und die Katastrophenspiralen, die depressive und PTSD-Gehirne so gerne verfolgen.

Aber: Wir hören diese Worte nicht. PTSD. Depression. Katastrophieren. Wir hören nicht einmal, dass es Worte für diese Phänomene gibt. Dass das bekannte Mechanismen sind, mit denen Gehirne sich aus einer grausamen Welt einen Sinn zusammenreinem, der ihnen am Ende selbst schadet.

Manche Lesende mögen sich in diesen Denkmustern wiedererkennen, aber was tun sie, wenn sie die Worte nicht haben? Werden sie über ihre Gedanken und Gefühle sprechen, statt wie Jude, der sich in all seinem Selbsthass manchmal zum Märtyrer stilisiert, weiterhin ihre Trauer und ihre Wut an sich selbst auszulassen?

Andere, die das Glück hatten, weder Opfer noch depressiv zu sein, werden vielleicht nie merken, dass diese Beobachtungen eine gewisse Allgemeingültgkeit haben. Oder sie werden glauben, dass all diese Katastrophengedanken und Selbstbeschuldigungen erst entstehen, wenn eine Person so (literarisch übertrieben?) leidet wie Jude.

Als Autorin hätte ich da wenigstens ein entsprechendes Nachwort angefügt. Nennen Sie es mein vielleicht zu hoch entwickeltes Verantwortungsbewusstsein, aber ich kenne einfach zu viele Menschen mit Narben an den Armen. (Jeder Mensch ist einer zu viel. Hi! <3 ) Und in der weiteren Familiengeschichte sind ein Paar Tote, über deren Depressionen nur noch spekuliert werden kann. (Aber prinzipiell stürzen sich wenige geistig stabile Personen von Scheunen, wenn sie die Herzallerliebste nicht heiraten dürfen.)

Ob all dies Leid durch einen Roman mit den richtigen Worten vermeidbar gewesen wäre – wer weiß das schon.

Aber wenn in der Zukunft nur eine einzige Person sich Hilfe sucht oder endlich für ihre Erfahrungen einen Kontext hat, dann lohnt es sich, sie mit Worten zu versorgen.

Und dann noch mein zweites Problem.

Jude findet Sex grauenhaft. Da Jude nicht gern drüber nachdenkt und nie darüber redet, kriegen wir (und er) nie heraus, ob das eine Spätfolge seiner Erfahrungen ist oder ob er zufällig auch asexuell ist. Er selbst erwähnt „Asexualität“ mit keinem Wort.

Umso gruseliger ist es, dass Will und die anderen beiden wichtigen Figuren darüber spekulieren, weil Jude nie Verabredungen hat oder flirtet. Und dass Will es dann nicht hinkriegt, Jude auf das Thema anzusprechen, als es aktuell wird.

Also: Ein Typ, der vermutet, dass sein Partner asexuell ist, merkt, dass dieser Partner mit Sex Geduld braucht, aber darüber ungern redet bzw. keine Worte für seine Probleme hat. Und dann spricht der Typ seinen Partner nicht auf diese Vermutungen an und unterlässt es mehr oder weniger absichtlich, seinen Partner mit vielleicht dringend benötigtem Kontext zu versorgen.

Aus Angst, dass der andere das bestätigt und es dann keinen Sex mehr gibt? (Dabei gibt es auch Aces, die Sex haben. Und es gibt je nach Beteiligten kreative Lösungen. Aber dafür braucht es Kontext.)

Jedenfalls: Aua. Consent geht anders.

Keine Ahnung, ob die Autorin darüber nachgedacht hat. Sie verfolgt den Faden, der ja durchaus einiges an der Handlung hätte anders laufen lassen können, nicht weiter. Weil? Tja.

Wenn ich das wüsste.

Hat das Bingo zugeschlagen?

Immerhin: Die Hauptfigur hat ein sexuelles Trauma, ist depressiv und körperlich behindert.

Eins von drei reicht üblicherweise aus, um damit die Selbstbeschreibung einer Person als asexuell zu entwerten.

Wenn die Figur noch von Männern sexualisierte Gewalt erfahren hat und zufällig schwul wäre, dann ergäbe sich daraus die Schlussfolgerung, dass sie da was verdrängt. Oder so.

Wie gesagt, nichts Genaues erfährt man nicht.

Nun mag es sein, dass Erfahrungen sexualisierter Gewalt und Asexualität für manche a_sexuellen Menschen unaufdröselbar verbunden sind. Wenn jemand sagt: „Ich bin ace und das hat den und den Grund“ – wer will sich anmaßen, hier die Identitätspolizei zu spielen?

Aber dazu braucht es Wörter, nicht wahr.

Und wenn wir ein einziges Mal in dem gesamten Text das Wort „asexuell“ für eine Figur hören, die vier Bingofelder bedient, aber sich selbst nur mit „keine Ahnung“ äußert, dann ist das, so aus dem Blickwinkel der Repräsentation, nur so mittelgut.

Unlustige Pointe:

Laut einem Interview, das ich via SpON in der Welt gefunden habe, geht es Hanya Yanagihara bei ihrem Wälzer um Männerfreundschaften auch um Folgendes:

… dass Gefühle wie Liebe oder Angst von den meisten Männern auf vollkommen andere Weise zum Ausdruck gebracht werden als von Frauen, die diese Gefühle direkt ansprechen oder einander einfach nur umarmen. Viel von dem, was meine Figuren im Laufe ihrer jahrzehntelangen Freundschaft sagen, heißt kurz gefasst: „Ich kann darüber nicht sprechen. Ich habe dafür kein Vokabular.“

Nu ja.

Knapp tausend Seiten auf Deutsch, und trotzdem, meiner unbescheidenen Meinung nach, hat sie ein paar echt hilfreiche Wörter vergessen.

Kein Vokabular eben.

Aber auf eine Weise, die mich mal wieder darüber ranten lässt, dass Geschichten niemals im leeren Raum stehen und dass Geschichtenerzählende durchaus so etwas haben wie Verantwortung.

 


 

Wo wir’s grade von Depressionen haben, mein Hirn ist letzten Mittwoch aufgegangen.

Ist halt immer die Frage, wie schlimm es ist, und wenn eine durchschläft, nicht aus Überforderung anfängt zu weinen und jeden Morgen freiwillig aufsteht, isses wohl nicht ganz so heftig.

Aber: Auf einmal bin ich wieder motiviert und so. Muss trotzdem auf mich aufpassen.

Online und Offline, oder: Kognitive Dissonanzen

„The Discourse“ auf tumblr, das ist eine anhaltende Diskussion zwischen Menschen aus dem asexuellen Spektrum und Menschen aus dem klassischen SchwuLesBi-schen Bereich, wo es darum geht, ob Aces echt „queer“ sind, wer „queer“ verwenden darf und ob irgendwelche Wortschöpfungen irgen20180708_114448dwen diskriminieren. Menschen reiben sich daran auf.

Das Internet ist meines Erachtens ein Verstärker für sämtliche Eigenschaften, gute wie schlechte, und hier verstärkt tumblr die Neigung, Linien im Sand zu ziehen und Wir-Die-Dynamiken aufzumachen.

Außerhalb von tumblr ist die Welt anders. Bei WordPress ist die Welt anders, und offline sieht die Welt noch einmal anders aus.

Neugierige Menschen aus der queeren Community fragen Vorträge an. (Und zwar so viele, dass AktivistA nicht alle Wünsche erfüllen kann.) Sie buhen mich nicht aus, wenn sie mir auf einem Szene-Vernetzungstreffen begegnen und lassen sich Infomaterial mitgeben. Menschen bei der AIDS-Hilfe freuen sich über Flyer. Mehr als ein Vorfall von „Unterdrückungs-Olympiade“ von einem Menschen, von dem ich es nicht erwartet hätte, ist mir seit 2012 nicht untergekommen. (Die Infostände sind außen vor, da treffe ich nicht nur Aktivist:innen.)

Das führt zu einer Art kognitiven Dissonanz zwischen denen, die da draußen mit potentiellen Verbündeten reden, und denen, die sich hauptsächlich im Internet aufhalten. Sie leben in komplett anderen Welten. Wir reden manchmal über völlig andere Dinge und haben eine völlig andere Meinung darüber, wo wir willkommen sind.

(Und manchmal, tja. Da überlege ich mir Folgendes: Ich habe keine Zeit, mich im Netz mit ignoranten Menschen zu streiten, ich muss nämlich Blogposts verteilen und Veranstaltungen vorbereiten und Mails wegen Vorträgen schreiben und so. Neben dem anderen Kram, den das Leben halt so erfordert, wie essen, schlafen und Geld verdienen. Der Schluss, dass es den netten Aktivist*innen häufig ähnlich geht, liegt nahe. So Leute haben einfach keine Zeit, ihren Hass über anderen auszukippen, und sind dafür auch viel zu menschenfreundlich. Was Internettrolle zu einer Truppe macht, die ich tatsächlich vor allem bemitleide.)