Lesungsvideo!

Es gibt dieser Tage einige Neuigkeiten. Ich eröffne mit einem Video, das im Livestream der Tübinger TolkienTage entstanden ist.

Ich hatte Spaß mit einer nächtlichen Ruhestörung und darf nun außerdem eine meiner Lieblingswortschöpfungen aus Lokis Fesseln aufgezeichnet wissen. (Tipps bitte in den Kommentaren abgeben.) Interessierte wandeln hinüber zu YouTube.

Eine gute Stunde später gab es außerdem ein Panel über Diversity, bei dem ihr unter anderem Pia Backmann hören könnt, deren Elbischen Patienten ich vor einigen Jahren lektorieren durfte. Ich selbst muss noch mindestens das Panel über „Urban Fantasy going fat nachhören“ … geschweige denn ein halbes Dutzen Lesungen.

QUEER gelesen – dieses Jahr mit Loki

Nach der Corona-Zwangspause kehrt dieses Jahr das Lesefestival QUEER gelesen nach Mainz zurück.

Ich konnte mich in der Bewerbungsrunde unterbringen, aber ich bin nicht das einzige Highlight, das euch am 27.und 28. August in der Bar jeder Sicht erwartet. Jennifer Hauff (die mit dem brillianten Thriller) hat sich auch angesagt, außerdem Tanja Meurer, Juliane Seidel und mir nur leidlich bekannte Namen wie Georgie Severin, Michael Bohl, Sabine Brandl, Talia May und Verena Fries.

Da freue ich mich also auf eine Horizonterweiterung – neben dem Publikum, natürlich.

Alle Infos zum Programm und zur Anfahrt gibt es auf der offiziellen Veranstaltungswebseite.

Daumendrücken angesagt: Lesung in Stuttgart

Sofern ich mir gestern beim Iron-Maiden-Konzert in Stuttgart kein nerviges Virus eingefangen habe, gastiere ich am Dienstag, 19.7.2022 ebenfalls in Stuttgart. Allerdings nicht auf dem Cannstatter Wasen, sondern im Zentrum Weissenburg (Weissenburgstr. 28a, 70180 Stuttgart).

Beginn ist um 19 Uhr, Eintritt ist frei.

(Aber, für manche Gänsehautmomente nehm sogar ich ein Risiko auf mich.)

Loki: Die Vorher-Nachher-Show

Wie schon das eine oder andere Mal vorher wollte ich euch einen Einblick in das geben, was Überarbeitungen und professionelles Feedack von Lektorinnen am Rande der Verzweiflung so können.

Für die rein sprachlichen Änderungen habe ich keine Fußnoten ergänzt, denn es geht, wie sich das gehört, um ein zentrales Thema beim Erzählen: Konflikte. (Mal wieder.)

Früheste bequem auffindbare Rohversion („v6“, Februar 2020):

Loki und Vali mussten (1) drei Runden durch den dunklen Park schlendern, bevor Jör sich näherte. Falls sich sonst irgendwer an diesem sehr frühen Samstagmorgen hier herumdrückte, entdeckte Loki niemanden davon, was auch Valis ungetarnter Anwesenheit geschuldet sein mochte. Normalerweise achtete Vali darauf, sich wie ein Hund zu geben – nur das Kläffen hatte er sich nicht angewöhnt. Und normalerweise sorgte das Halsband mit dem Runenzauber dafür, dass die Leute ein gezähmtes Haustier mit Dackelblick statt eines echten Wolfs wahrnahmen.

Schließlich harrten sie an der Anlegestelle aus, bis bei beginnender Dämmerung Jörmungands stacheliger Drachenkopf aus dem Wasser tauchte.

Loki blieb fast das Herz stehen, als hätte sie den sichtbaren Beweis gebraucht, um es zu glauben. Ihre Hände krallten sich in ihre Kapuzenjacke, und sie konnte sich nicht rühren. Wieso hatte Jör von allen Wesen nach ihr gerufen, die es am wenigsten verdient hatte?

Das Wasser ist anders dreckig als früher, bemerkte Jör scheinbar unbeeindruckt von Lokis Schweigen, hievte sich über die niedrige Kaimauer und watschelte auf seinen kurzen Beinen an Land: Ein vier Meter langes, oberschenkeldickes Wesen mit einem beeindruckendem Gebiss und sturmfarbenen Schuppen. Schmeckt weniger nach Scheiße und mehr nach Steinöl und Seife. Er schüttelte sich.

Vali sprang auf ihn zu und leckte ihm die Schnauze ab.

Hei, hei, kleiner Bruder. Endlich treffe ich dich. Das letzte Mal, als ich dich gespürt habe, warst du eine Kaulquappe in Vaters Bauch. Eine gespaltene Zunge gab die Begrüßung zurück. Dir geht’s gut, hm?

Valis Schwanz wedelte so sehr, dass Loki befürchtete, er würde sich die Hüften auskugeln. Aber statt das Kind zu beruhigen oder irgendetwas anderes zu tun oder auch nur zu sagen, schluckte Loki um einen Kloß in ihrem Hals.

Die beiden beschnüffelten sich noch eine Weile. Endlich wandte Jör seinen Drachenblick aus schlitzförmigen Pupillen Loki zu.

Vater. Ich sollte Wergeld von dir fordern.

Nichts mehr mit Papa, was auch zu erwarten gewesen war. „Sohn.“ Lokis schlechtes Gewissen wich insoweit, dass sie trotz der Drohung die paar Schritte zu Jör machen konnte und vor ihm ins Gras auf die Knie sank.

Du erwartest doch nicht einfach so Vergebung?, meinte Jör. Nur, weil wir verwandt sind? Ein Kind, das zu schnell hatte erwachsen werden müssen. Seine Nüstern stießen fast gegen Lokis Stirn, er roch nach Salzwasser und Tang. Du hast Mutter betrogen und uns an deinen Blutsbruder verraten. (2)

Ich weiß. Loki schluckte. Jahrhunderte hatte sie Zeit gehabt, sich Vorwürfe zu machen und über dem „Was wäre wenn?“ zu brüten. Die Nochehefrau hatte ihr diesbezüglich oft genug Vorträge gehalten. (3) Es tut mir leid. Alles tat ihr leid. Es war keine Floskel diesmal.

Gut.

Loki senkte den Kopf, obwohl sie sich lieber zusammenkrümmen wollte. Aber das war es eben, was Jör von den gläubigen Christen trennte, die Loki begegnet waren: Die Vergebung erfolgte nicht automatisch. Man konnte ihm nicht einreden, dass es seine Schuldigkeit sei, auf eine Bitte um Verzeihung diese auch zu gewähren. Zu einem Friedensschluss gehörten Gaben oder Taten. (4)

Etwas Kühles streift Lokis Nase.

Bei passender Gelegenheit werde ich dich um Wiedergutmachung bitten, sagte Jör.

Danke. Das war mehr, als Loki hätte hoffen sollen. Sie hob die Hand, und Jör ließ sich die Stacheln seiner Halskrause streicheln. Vali drängelte sich dazu.

Lange hatte Loki sich nicht mehr so warm gefühlt. Die Nornen hatten doch manchmal ein Einsehen. (5)

Irgendwann zuckten Valis Ohren.

Da kommt wer angerannt, stellte Jör fest. Kein Krieger.

„Jogger?“, fragte Loki.

Vali neigte den Kopf in Zustimmung.

„Die Menschen hier rennen als reines Freizeitvergnügen“, sagte Loki. Sie fand das immer noch seltsam. Ein wenig Dauerlauf in Rüstung war sicherlich sinnvoll, um als Krieger in Form zu bleiben, aber einfach aus reinem Spaß an der Freude rennen? (6) „Wir sollten sowieso erst einmal nach Hause. Essen und schlafen. Und dann müssen wir uns überlegen, wie du weniger auffällst, Jör.“

Sie können mich nicht sehen, wenn ich es nicht will.

Vali machte ein kleines, neidisches Geräusch.

„Aber sie können über dich stolpern.“

Das ist wahr. Mit einem Schnaufen schrumpfte Jör auf die handlichere Länge von einem Meter und kletterte Lokis Arm hinauf, ringelte sich um ihren Hals. Die Stacheln verfingen sich in Lokis schulterlangen Locken und zogen Strähnen aus dem Zopf. Ein paar Haare rissen auch aus, aber sie ließ sich die Schmerzen nicht anmerken.

Eigentlich hätte Jörmungand leicht sein sollen, doch Loki wankte, als sie aufstand. Da ruhten sowohl ein kleiner Drache als auch die Weltenschlange selbst auf ihren nicht allzu breiten Schultern.

Odin schuldet mir mindestens die Fähigkeit, als Zweibeiner aufzutreten, merkte Jör an, der natürlich wusste, wie viel er wog, und was er Loki aufbürdete.

Auf dem Heimweg (7) ernteten sie trotz Jörs Unsichtbarkeit ein paar schiefe Blicke in Valis Richtung. Loki hätte das Halsband mit den Runen einpacken sollen.

Anmerkungen zur Rohversion – Logik

(1) Warum „mussten“? Dass Loki die Füße schlecht stillhalten kann, ist nicht offensichtlich.

(3) Was hat Sigyn noch mal mit Lokis Fehlern zu tun? Da musste eine Änderung her.

(4) Nicht der richtige Platz, um den Monotheismus zu bashen, oder?

(6) Ich weiß nicht mehr, was ich da geraucht habe. Falls es eine zweite Auflage gibt, fliegen Lokis Kommentare übers Joggen komplett raus.

Anmerkungen zur Rohversion – Konflikt

(2) Das musste etwas ausführlicher werden. Immerhin ist Jörmungands Problem mit Loki der Konflikt, der Loki zwingt, einigen Dingen nicht mehr auszuweichen.

(5) Geht das nur der Lektorin so, oder ist das zu wenig Drama dafür, dass ich ein Familiendrama angekündigt habe?

(7) Der Lektorin war auch das zu wenig Drama. Und mir fiel auf, dass ich das mit dem Gastrecht für Edda-Noobs vielleicht noch mal erklären sollte.

Ein paar sprachliche Ungereimtheiten und nötige Pointierungen waren mir bereits aufgefallen. Die Betas hatten an der Szene erstaunlich wenig zu kritisieren, weshalb das meiste auf Anraten meiner Lektorin ausgebessert wurde. Unter anderem wanderte die Erklärung für das Halsband an eine andere Stelle.

Fertige Printversion (Seite 12 ff):

Loki und Váli drehten aus Langeweile drei Runden durch den dunklen Park, bevor Jör sich näherte. Niemand begegnete ihnen an diesem sehr frühen Samstagmorgen. Vielleicht, weil Váli ungetarnt als Wolf an Lokis Seite lief.
Zuletzt harrten sie an der Anlegestelle aus, bis bei beginnender Dämmerung Jörmungands stacheliger Drachenkopf aus dem Wasser tauchte.
Loki blieb fast das Herz stehen, als hätte sie den sichtbaren Beweis gebraucht, um an die Rückkehr ihres Sohnes zu glauben. Ihre Hände krallten sich in ihre Kapuzenjacke. Sie konnte sich nicht rühren. Wieso hatte Jör von allen Wesen nach ihr gerufen, nach ihr, die es am wenigsten verdient hatte?
Das Flusswasser hat sich verändert, bemerkte Jör scheinbar unbeeindruckt von Lokis Schweigen, hievte sich über die niedrige Kaimauer und schlängelte auf seinen kurzen Beinen an Land: Ein vier Meter langes, oberschenkeldickes Wesen mit fingerlangen Reißzähnen und sturmgrauen Schuppen. Schmeckt weniger nach Kacke und mehr nach Steinöl und Seife. Er schüttelte sich.
Váli sprang auf ihn zu und leckte ihm die Schnauze ab.
Hei, hei, kleiner Bruder. Endlich treffe ich dich. Das letzte Mal, als ich dich gespürt habe, warst du eine Kaulquappe in Vaters Bauch. Jörs gespaltene Zunge tanzte über Vális Nase. Dir geht’s gut, hm?
Vális Schwanz wedelte so sehr, dass Loki befürchtete, er würde sich die Hüften auskugeln. Aber anstatt das Kind zu beruhigen oder irgendetwas anderes zu tun oder auch nur zu sagen, schluckte Loki gegen den Kloß in ihrem Hals. Den Nornen sei Dank, dass Jör nicht eifersüchtelte.
Die beiden beschnüffelten sich noch eine Weile. Schließlich wandte Jör seinen Blick aus schlitzförmigen Pupillen Loki zu.
Vater. Ich sollte eine Mutsühne von dir fordern.
Kein Papa mehr, was vorherzusehen gewesen war. »Sohn.« Lokis Erstarrung löste sich insoweit, dass sie trotz der Drohung die paar Schritte zu Jör machen konnte und vor ihm ins Gras auf die Knie sank.
Du erwartest doch nicht einfach so Vergebung?, meinte Jör. Nur, weil wir verwandt sind? Seine Nüstern stießen fast gegen Lokis Stirn, er roch nach Salzwasser und Tang. Du hast Mutter betrogen und uns deinem Blutsbruder ausgeliefert. Wenn du uns nicht verlassen hättest, wer weiß, ob Odin und seine ach so heldenhaften Asen uns dann überfallen hätten. Deinetwegen stecken meine Geschwister in Helheim und auf einer felsigen Insel fest. Selbst ich muss mich glücklich schätzen, dass ich überhaupt aus dem Wasser steigen kann.
Ich weiß. Loki schluckte. Obgleich sie nicht zur Grübelei neigte, hatte sie in all den Jahrhunderten genug Zeit gehabt, über dem »Was wäre wenn?« zu brüten. Auch wenn es zu nichts führte, mit dem Schicksal zu hadern, das die Nornen webten. Allerhöchstens sorgte es dafür, Fehler nicht zu wiederholen: Schlussendlich hatte Loki in einem Anfall von geistiger Umnachtung einmal zu oft Odins Ratschlüssen vertraut. Es tut mir leid. Alles tat ihr leid. Sie sich selbst am allermeisten. Es war keine Floskel.
Gut.
Loki senkte den Kopf, obwohl sie sich lieber zusammenkrümmen wollte. Sie hätte es ahnen sollen, denn sie hatte dieses Kind aufgezogen. Jör vergab ihr nicht automatisch. Zu einem Friedensschluss brauchte es Gaben oder Taten. In jedem anderen Zusammenhang wäre sie vor Stolz geplatzt, ein Kind zu haben, das für sich einstand.
Etwas Kühles streifte Lokis Nase. Bei passender Gelegenheit werde ich die
Wiedergutmachung fordern,
beschied Jör ihr.
Dass Jör einen Friedensschluss in Erwägung zog, war mehr, als Loki erhofft hatte. Dennoch hätte sie seine Bedingungen lieber gleich gehört. Konnte sie ihn überreden, schneller eine Entscheidung diesbezüglich zu treffen? Sie hob die Hand, und Jör ließ sich die Stacheln seiner Halskrause streicheln. Váli drängelte sich dazu.
Lange hatte Loki sich nicht mehr so warm gefühlt. Wenn es Jör ähnlich ging, könnte sie …
Vális Ohren zuckten.
Da kommt jemand angerannt, stellte Jör fest. Kein Krieger.
»Jogger?«, fragte Loki.
Váli neigte den Kopf in Zustimmung.
»Die Menschen hier rennen zum puren Freizeitvergnügen.« Ein wenig Dauerlauf half, um als Krieger in Form zu bleiben, aber als erwachsene Person einfach aus Spaß an der Freude zu rennen, fand Loki seltsam. Wie auch immer, es war der falsche Ort, um Jör Zugeständnisse abzuringen. »Wir sollten erst einmal nach Hause. Essen und schlafen. Du bist mein Gast, Jör. Und dann müssen wir uns überlegen, wie du weniger auffällst.«
Sie können mich nicht sehen, wenn ich es nicht will.
Váli machte ein leises, neidisches Geräusch.
»Aber sie können über dich stolpern.«
Das ist wahr. Mit einem Schnaufen schrumpfte Jör auf die Länge von einem Meter, kletterte Lokis Arm hinauf und ringelte sich um ihren Hals. Die Stacheln verfingen sich in Lokis Haaren und zogen Strähnen aus ihrem Zopf. Dabei riss er ihr ein paar Locken aus, aber sie ließ sich die Schmerzen nicht anmerken.
Bei dieser Größe hätte Jörmungand keine zehn Kilo wiegen dürfen, doch Loki wankte, als sie aufstand. Da ruhten sowohl ein kleiner Drache als auch die Weltenschlange selbst auf ihren nicht allzu breiten Schultern.
Odin schuldet mir mindestens die Fähigkeit, als Zweibeiner aufzutreten, merkte Jör an, der natürlich wusste, wie viel er wog und was er Loki aufbürdete.
»Und was schulde ich dir?«, fragte sie.
Jör rupfte ihr mehr Haare aus, als er ihr aus zwei Zentimetern Entfernung ins Auge sah. Du hättest wohl gern, dass alles abgegolten ist, wenn du mir ein Obdach bietest und ein paar Erklärungen zu dem, was sich in den letzten Jahrhunderten geändert hat? Das täte dazu passen, dass du seit meiner Verbannung ganze drei Mal mit mir geredet hast.
Damals hatte Loki Jör von den neuesten Entwicklungen zu berichten versucht. Zu diesen Gelegenheiten war ihr nur stumme Wut entgegengeschlagen, was jegliche Aussprache verhinderte. Im Vergleich dazu benahm Jör sich heute manierlich.
Dass ich dir helfe, ist selbstverständlich. Aber irgendetwas musst du dir doch wünschen.
Jör schniefte. Darüber werde ich nachdenken. Derweil bin ich dein Gast. Wie du gesagt hast.
Jör meinte wahrscheinlich, dass er würdevoll klang, und erinnerte sie doch nur an den Teenager, den die »Kaulquappe« in Lokis Bauch so fasziniert hatte, wie ihn der Streit seiner Eltern verwirrte. Sie unterdrückte ein Seufzen und winkte Váli.
Auf dem Heimweg ernteten sie ein paar schiefe Blicke in Vális Richtung. Loki hätte doch das Runenhalsband einpacken sollen.


Loki- Lesepröbchen

Längst überfällig: Ein kleiner Romanexzerpt.

PROLOG

Tief im Süden der Welt war Eis mürbe geworden. Unter jahrzehntelanger Wärme hatte sich eine tiefe Spalte ins Schelf gegraben. Es löste seine frostige Umklammerung um ein Wesen, das gleichzeitig sehr groß, sehr klein, und nicht da war. Ebenso wenig wäre auf naturwissenschaftlichem Wege zu ermitteln gewesen, seit wann das Wesen dort schlief.

Schließlich brach das Eis. Ein Eisberg, fast siebenmal so groß wie Berlin, trieb ins antarktische Meer hinaus, nervös beobachtet von den Menschen. Elektronische Augen am Himmel halfen ihnen, den Fortgang der Ereignisse zu vermessen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit kitzelte nun eine Strömung die Nase des Wesens. Es blinzelte, züngelte. Der Geschmack frischen Salzwassers war ihm aus Vorzeiten bekannt. Langsam wurden seine Gedanken geschmeidiger.

Aus Träumen, da es sich bei seiner Schwester wähnte, geliebt und aufgehoben im Nebel am Ende aller Dinge, erwachte es in Kälte und ungewohntem Lärm. Um das Wesen herum ratterte und dröhnte es. Aber sollte sein Schädel nicht schmerzen? Das war das Letzte, woran das Wesen sich erinnerte: ein Stechen im Gaumen und dann ein Schlag auf den Kopf.

Nein, das stimmte nicht, denn zum Schluss hatte Schwärze es umfangen. Kurz davor hatte es nach dem einen Lebewesen gerufen, von dem die meisten menschlichen und von menschlichem Denken beeinflussten Geschöpfe annehmen, dass es sie ohne Wenn und Aber beschützen wird.

Auch jetzt rief das neu erwachte Wesen.

Mama?

Aber die Mutter rührte sich nicht, wie sie sich auch die letzten Male nicht gerührt hatte.

Blieb eine zweite Möglichkeit, obwohl das Wesen diesbezüglich noch weniger Hoffnung hegte.

Vater?

Irgendwo fuhr jemand aus dem Schlaf hoch. Daher bekam es lediglich ungeordnete Silben zur Antwort.

Vater!, rief das Wesen wieder.

Dabei erschreckte es ein paar Wale.

Deren verwirrte Lieder hörten zwar ein paar Menschen, aber sie wussten sie nicht zu deuten. Und selbst wenn sie die Sprache der Wale verstanden hätten, so hätten sie die Neuigkeiten doch nicht geglaubt.

Jörmungand, die Midgardschlange, schüttelte sich einen Rest Eis vom Körper und schwamm zielstrebig in die Richtung, in der er seinen Vater vermutete. Mit dem hatte er ohnehin noch eine Rechnung offen.

Weiterlesen

Loki-Lesetermine

Da die „Termine“-Spalte ja nicht viel informativen Inhalt zulässt, hier eine vollständige Liste von Gelegenheiten, zu denen ich, so Corona, Zar Vlad der Blutige und andere höhere Gewalten es erlauben, aus Lokis Fesseln lesen werde.

Am Mittwoch, 11. Mai, werde ich ab 20 Uhr beim Drachenhort-Stream lesen. Da meines Wissens nach der Verleger höchselbst hostet, werden wir nicht nur aus dem Nähkästchen plaudern, sondern vielleicht auch ein bisschen was diskutieren können. Heidentum? Mythologie und Queerness oder … ? Wer sich bei Twitch anmeldet, kann Fragen in den Chat werfen.

Am Freitag, den 20. Mai, erleben Sie mich nicht nur live und in Farbe, sondern tatsächlich offline ab 19 Uhr in der Nordstadt Buchhandlung in Pforzheim. Mein sehr sympathischer Schreibkollege Fred Keller wird seine frisch geschlüpfte Kurzgeschichtensammlung voller Zwerge präsentieren, während ich für alte Gottheiten zuständig bin — es gibt Loki und eine kleine Gemeinheit als Rausschmeißer. Die Veranstaltung kostet weder Ein- noch Austritt. Anmeldungen hingegen werden unter 07231 5891965 vom Gastgeber und Buchhändler gern entgegengenommen.

lesungsplakat 2022-05-20 v3

Ich habe ein Lesungsplakat entworfen. Stolz, oder so.

Und gleich am Sonntag darauf, den 22. Mai, bin ich bei der Zoom-Lesung von #allabendlichqueer eingeplant. Los geht es wie immer 19.30 Uhr (Einlass 19.20 Uhr) über diesen Link:

https://us02web.zoom.us/j/87067127177?pwd=ejk4cjRyOGsrT3dQcTFlYXd1WnE0UT09

Meeting-ID: 870 6712 7177 — Kenncode: 051461 

Jetzt vorbestellbar: Lokis Fesseln (mit Teaser)

Nachdem der Verlag und ich hätten ahnen sollen, dass ein Loki drin ist, wo Loki draufsteht, erscheint mit knapp sechs Wochen Verspätung Lokis Fesseln offiziell am 1. Mai diesen Jahres.

Die geneigten Lesenden treffen Loki, eine nordische Gottheit mit wechselnden Pronomen, einigen von Lokis Nachwuchs (darunter die Weltenschlange Jörmungand), Lokis Noch-Ehefrau, einen von Lokis Exen und eine postmoderne Heidin, denn Loki benötigt ganz dringend eine Chauffeuse zum Polarkreis, um da ein paar wichtige Runensteine in Sicherheit zu bringen. Es folgt daraufhin etwas, was der Verlagschef in einem Gespräch als „aberwitziges Roadmovie“ bezeichnete. Nicht zu Unrecht.

Ich selbst bevorzuge „Nordisches Familiendrama in fünf Akten“ als Untertitel.

Zu bestellen beim Verlag, beim großen bösen A oder einer Buchhandlung Ihres Vertrauens, beispielsweise zu finden bei Genialokal.

Und damit das geneigte Publikum eine Ahnung hat, was der Verleger meinte, hier ein kleiner Teaser:

Einige Zeit später schubste Váli Loki mit der Schulter gegen das Bein, wie um sie aufzufordern, sich nicht zu verstecken.
»Ist das ein Delphin?«, fragte eine kratzige Stimme, die aus ein paar Metern Entfernung zu ihnen herüber klang.
Loki hob den Kopf. Delphin in der Ostsee? Nein. Auch Schweinswale zeigten sich heute keine. Nur Jörs Rücken tauchte gelegentlich zwischen den Wellen auf, und Jör wusste seine Sichtbarkeit für Menschen gezielt zu steuern.
Die kratzige Stimme gehörte einem älteren Herrn. Er war mit einigen anderen Menschen gesetzteren Alters nähergetreten. Loki meinte, sie einem Reisebus aus München zuordnen zu können, der direkt vor ihnen an Bord gefahren war.
»Ich weiß nicht, was das für ein Tier ist«, sagte eine grauhaarige Dame und linste durch ihre Goldrandbrille. Eine zweite Dame hatte ein Smartphone gezückt und versuchte wohl, besagtes Tier zu fotografieren.
Wovon reden die? Jör hob den Kopf aus den Fluten. Er hatte noch einmal an Größe zugelegt und hätte locker ein Motorrad samt Biker verschlingen können.
»Jesses Maria«, sagte die Dame mit der Goldrandbrille. »Allmächtiger.«
Die älteren Herrschaften wichen als Traube von der Reling zurück und diskutierten aufgeregt, was das für ein Tier sei. Und ob eine Gefahr von ihm ausging.
»Whoa, geil, Seeschlange!«, brüllte ein Jugendlicher vom Oberdeck.
Jör riss die Augen auf und starrte Loki an.
Die können mich sehen.
Loki starrte zurück. Unmöglich. Jör war ein mächtiger Zauberer.
Das ist keine Absicht, ergänzte Jör.
»Scheiße«, fluchte Jasna.
»Los, mach dich klein und warte in Rødby«, befahl Loki.
Jörs Kopf tauchte unter die Wellen. Schon glaubte Loki, dass er gehorcht hatte, da tauchte er wieder auf. Würde ich, wenn ich könnte. Aber jemand lässt mir keine Wahl, weder mit der Größe noch mit der Entfernung zu … dir. Bist du sicher, dass du nichts angestellt hast?
Jasna und Váli musterten Loki aus schmalen Augen. Als könnte es nicht genauso gut Jör sein, der ihnen allen einen bösen Streich spielte.

… den offiziellen Klappentext finden Sie auf der passenden Unterseite dieses Blogs.

Keine Sexgeschichten

Aus gegebenem Anlass — dem irritierten Blick einer Person im Skype-Call nämlich — muss ich mal was klarstellen: In der Regel enttäusche ich journalistisch Tätige, weil ich zwar gern über das asexuelle Spektrum aufkläre und Fragen über gesellschaftliche Zusammenhänge stelle, meine eigene Sexualhistorie aber nicht detailliert wiedergebe.

Dekobild: Mensch mit Bart, Grimasse und Lupe

Ich finde die Frage, ob da schon mal aus einvernehmlichen Gründen ein Penis drin war, nicht besonders relevant für das, was ich bin und tue. Es interessiert mich auch nicht, ob andere weibliche und weiblich gelesene Menschen in heterosexistischen Zusammenhängen als jungfräulich gelten. Das hat ja keinen Einfluss darauf, ob die Person kluge Dinge zu sagen hat, zum Ladendiebstahl neigt, mir sympathisch ist oder sonstige menschlich relevante Eigenschaften besitzt. (Ich winke mal allen, denen solche Fragen auch schon gestellt wurden.)

Mir ist klar, dass in manchen Zusammenhängen über Sex geredet werden muss — aber in Medienberichten über asexuelle Menschen verharrt dieses Reden oft in einer Pose, wo eine Person sich der Neugier der Mehrheitsgesellschaft preisgibt. Im Namen der Aufklärung und Information, natürlich.

Irgendwie war mir mit diesem Argument der Information nie ganz wohl. So neugierig ich bin (grauenvoll neugierig), manche Fragen stelle ich doch nicht. Wer mir im Vertrauen etwas erzählen will, gern. Wahrscheinlich erzähle ich etwas zurück. Aber das ist ein Unterschied zu einer Information, die für den öffentlichen Konsum bereitgestellt wird.

Und dann fiel ich in anderem Zusammenhang über einen Aufsatz von Ely Przybylo. Darin geht es unter anderem um die Logik von Sexualität. Przybylo beruft sich auf Foucault: Sexualität sei ein Wissensbereich, der entwickelt wurde, um die Bevölkerungsentwicklung zu beeinflussen. Natürlich geschah diese Entwicklung nicht von einer einzelnen Stelle, sondern irgendwer merkte, dass irgendein Wissen praktisch war, andere bekamen Wind davon, daraufhin wurde die Wissensproduktion gefördert, etc. Und auf einmal sind wir heute, wo Sexualität nicht mehr als Maßstab eines gesunden, glücklichen Lebens wegzudenken ist.

Zur Logik der Wissensproduktion über Sexualität gehöre demnach das öffentliche Geständnis. Aus dem, was wie geschildert wird, lernt die Öffentlichkeit, was erwünscht und normal ist. Und wenn etwas als unnormal markiert wird, kann sich die Öffentlichkeit dank des Vergleichs darin sonnen, wie normal sie doch ist.

Heißt, wenn ich etwas erzähle, das als unnormal markiert ist — und sobald es darum geht, dass ich in meiner Eigenschaft als Ace und damit Minderheit befragt werde, bin ich markiert — dann dient sämtliche Beantwortung intimer Fragen hauptsächlich dazu, 99 Prozent der Lesenden in ihrer Normalität zu bestätigen.

Dabei wird diese Bestätigung mir außerdem keinen Dank einbringen, wie Kübra Gümüşay in ihrem Buch Sprache und Sein bemerkt. Die Mehrheitsgesellschaft beruft sich zunächst auf ein Recht darauf zu erfahren, wie oft, warum und ob die portraitierte Person was getan hat. Wer sich aber dem Geständnisdruck beugt, gibt zu, unnormal zu sein und eine Maßregelung zu benötigen. Ob diese sich dann in der Herablassung der Fragenden und/oder später in der Kommentarspalte äußert, ist unerheblich.

Was ich also wusste, aber nicht erklären konnte, haben Przybolo und Gümüşay in klare Worte gefasst.

Ich mag „normal“ als Wort nur, wenn es um Blutdruck, Serumspiegel und so was geht. Wo ein unnormaler Wert eben kurz- bis langfristig Menschen ins Krankenhaus oder in den Sarg befördern kann. Ansonsten gibt es keine Veranlassung, „normal“ zu verwenden und sich noch was drauf einzubilden.

Und daher möchte ich auch weiterhin nicht dazu beitragen, dass irgendwer das eigene normale Ego streichelt.


Referenzen/Weiterlesen:

Ela Przybylo, Crisis and safety: The asexual in sexusociety, Sexualities 2011 14: 444, https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/1363460711406461

Kübra Gümüşay, Sprache und Sein, ISBN 978 3 442 77125 7

Bildquelle: Image by Tumisu, please consider ☕ Thank you! 🤗 from Pixabay

#Bücherhamstern, zum Zweiten

Neben einer Heft-Edition folgt nun die Edition Rechts der Mitte.

Noch nicht gekauft, da hoffentlich signiert zu erwerben, ist Eine Socke namens Rechts von Christian von Aster und Sabine Klotzsche. (Was soll ich sagen? Ja, schon wieder von Aster. Denn: Asti macht geilen Scheiß.)

Ein Interview in der Siegessäule machte mich auf Tobias Ginsburgs Die letzten Männer des Westens aufmerksam. Auch das werde ich wohl kaufen und dann allen geben, die es brauchen können. Wobei Männlichkeitskult, Heldentum und Faschisten bzw. Diktatoren, die nicht zugeben würden, dass sie Faschisten oder Diktatoren oder sogar beides in Personalunion sind, zumindest für meineeine bereits zusammenhängen — einer von denen hat zwei Grenzen weiter eine Invasion vom Zaun gebrochen, die seine Untertanen nicht „Krieg“ nennen dürfen. (Theoretisch wären es ja russische Staatsbürger*innen, aber Vlad the Bloody II. Putin hätte wahrscheinlich nichts dagegen, zum Zar ernannt zu werden. Ein wenig in die ähnliche Richtung argumentiert das Nollendorfblog: „Warum Europas Freiheit am Tampon-Behälter im Männerklo verteidigt wird“)

Apropos Bücher brauchen.

Der weiße Fleck

Bereits verliehen ist Der weiße Fleck von Mohamed Amjahid, nachdem sich eine Person meines Vertrauens ungläubig zum ZDF-Film über die Wannsee-Konferenz äußerte. Wie Menschen andere so entmenschlichen könnten. Ich hatte mich nicht gewundert, was einerseits einem gewissen Zynismus geschuldet sein dürfte, zum anderen der Tatsache, dass ich den von dieser Person regelmäßig ausgeliehenen FOCUS mehr deswegen lese, um zu wissen, für wie politisch mittig sich der Mainstream hält. (Antwort: Sehr. Aber ist er es auch?)

Ins selbe Horn tuten Anne Ottos Woher kommt der Hass? (sind wir nicht alle ein bisschen autoritär?) und zumindest auch dem Titel nach der leider nicht mehr bespielte Gjallarhorn-Weblog bzw. Odins Auge des Nornirs Aett.

#Bücherhamstern, zum Ersten

Ich bin an diesem Nicht-so-richtig-Buchmesse-Samstag hoffentlich viel unterwegs, daher also ein wenig früher:

Weil ich schon immer Probleme hatte, mich an Vorgaben zu halten (vor allem im Kunstunterricht), geht mein erstes #bücherhamstern-Posting gar nicht zu Büchern, sondern zu Heften.

hefte_hamstern_2022

MaroHefte Nummern 2 und 1 von links. Freiwillig zensiert, obwohl eigentlich nichts zu sehen wäre, das irgendwie pornös ist.

Der MaroVerlag macht nämlich nicht nur Bücher, sondern seit Kurzem auch zweimal jährlich schicke Hefte mit einem Essay und passender Kunst dazu.

Empfehlen kann ich vor allem die Nummer 2: „Das Jungfernhäutchen gibt es nicht“ und nicht nur wegen des genialen Titels die Nummer 1: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe das erste Quinoa-Bällchen“.

Zwei völlig verschiedene Themen, beide aber zum Nachdenken. In einem Fall über den eigenen Sprachgebrauch — nicht nur über Jungfern und Jungfrauen und angeblich zugehörige Häute, sondern auch über die Frage, wie viel Scham in die Anatomie des menschlichen Schritts gehört.

Im anderen Fall hinterfragt eins hoffentlich später das eigene „ökige“ Konsumverhalten — und den Kapitalismus im Allgemeinen.