Benefizanthologie

Hervorgehoben

Like a (bad) Dream: Benefizanthologie von [DeWinter, Carmilla, Annette Juretzki, Svea Lundberg, Thomas Pregel, S. B. Sasori, Dima von Seelenburg, Dennis Stephan, J. Walther, Elea Brandt, Barbara Corsten, Jona Dreyer, Jobst Mahrenholz, Tanja Meurer, Jannis Plastargias, Chris P. Rolls, Elisa Schwarz, Juliane Seidel, T. A. Wegberg]

Letztes Jahr fragte die zauberhafte Juliane Seidel, ob ich eine Geschichte für eine Anthologie spenden möchte. Anlässlich des 18. Bloggeburtstags von Like a dream sollte es 18 Geschichten unter dem Motto „Albträume“ oder „Ab 18“ geben.

Herausgekommen ist eine Sammlung von teils traurigen, teils spannenden, teils grusligen und manchmal süßen Geschichten. Happy End nicht garantiert.

Passenderweise gehen die Einnahmen an vielbunt e.V. in Darmstadt. Leider hat ja nicht jede queere Geschichte ein Happy End, und dieser Verein hier kümmert sich — wie so viele andere — darum, dass es ein paar mehr sind.

Mein Beitrag heißt „Baum und Brunnen“.

Sollte Chris schreiend davonrennen? Andererseits würde ihn kaum jemand vermissen, falls der Wassermann dem Klischee entsprach und ihn zu sich in sein dunkles Reich zog. Das kam davon, wenn man sich aus privatem Frust in die Arbeit vergrub.

Was der Wassermann in dem Teich tut und wer hier wessen (Alb-)Traum ist, möchte das geneigte Publikum bitte selbst nachlesen.

Zu kaufen beim großen, bösen A.

 

Mittsommerabend (fast)

Sonnenuntergang - panoramio - Augenstein

Es hat 15,5 Grad Celsius, und es hat fast den ganzen Tag über geregnet. In den satt grünen, engen Schwarzwaldtälern hängt der Nebel wie aus der Zeit gefallene Elfenschleier.

Aus den Wiesen steigt Dunst, das Gras hat sich von der Feuchtigkeit niedergelegt — vor Dank? Ab morgen solle es heißt werden. Die hellen Blüten von Klee und Schafgarbe leuchten im Zwielicht, als wollten sie den Mond ersetzen. Die leichten Turnschuhe saugen sich voll auf dem Weg um das Rückhaltebecken.

Im Wald zwitschern die Vögel, während im Nordwesten die untergehende Sonne Lachsrosa-Pfirsichtöne hinter die grauen Wolkenfetzen wirft. Wasser tropft schwer von nassen Buchenblättern und von Fichtentrieben. Nein, das ist kein neuer Schauer, obwohl es fast so klingt. Von oben durchnässt es den Scheitel. Ob da eine Dryade am Werk war? Diesem Abend ist alles zuzutrauen.

Auf dem Heimweg ruft das Käuzchen, als würde es schon die kürzer werdenen Tage betrauern.

 

 

 


 

Bild: Augenstein [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D

Online und Offline, oder: Kognitive Dissonanzen

„The Discourse“ auf tumblr, das ist eine anhaltende Diskussion zwischen Menschen aus dem asexuellen Spektrum und Menschen aus dem klassischen SchwuLesBi-schen Bereich, wo es darum geht, ob Aces echt „queer“ sind, wer „queer“ verwenden darf und ob irgendwelche Wortschöpfungen irgen20180708_114448dwen diskriminieren. Menschen reiben sich daran auf.

Das Internet ist meines Erachtens ein Verstärker für sämtliche Eigenschaften, gute wie schlechte, und hier verstärkt tumblr die Neigung, Linien im Sand zu ziehen und Wir-Die-Dynamiken aufzumachen.

Außerhalb von tumblr ist die Welt anders. Bei WordPress ist die Welt anders, und offline sieht die Welt noch einmal anders aus.

Neugierige Menschen aus der queeren Community fragen Vorträge an. (Und zwar so viele, dass AktivistA nicht alle Wünsche erfüllen kann.) Sie buhen mich nicht aus, wenn sie mir auf einem Szene-Vernetzungstreffen begegnen und lassen sich Infomaterial mitgeben. Menschen bei der AIDS-Hilfe freuen sich über Flyer. Mehr als ein Vorfall von „Unterdrückungs-Olympiade“ von einem Menschen, von dem ich es nicht erwartet hätte, ist mir seit 2012 nicht untergekommen. (Die Infostände sind außen vor, da treffe ich nicht nur Aktivist:innen.)

Das führt zu einer Art kognitiven Dissonanz zwischen denen, die da draußen mit potentiellen Verbündeten reden, und denen, die sich hauptsächlich im Internet aufhalten. Sie leben in komplett anderen Welten. Wir reden manchmal über völlig andere Dinge und haben eine völlig andere Meinung darüber, wo wir willkommen sind.

(Und manchmal, tja. Da überlege ich mir Folgendes: Ich habe keine Zeit, mich im Netz mit ignoranten Menschen zu streiten, ich muss nämlich Blogposts verteilen und Veranstaltungen vorbereiten und Mails wegen Vorträgen schreiben und so. Neben dem anderen Kram, den das Leben halt so erfordert, wie essen, schlafen und Geld verdienen. Der Schluss, dass es den netten Aktivist*innen häufig ähnlich geht, liegt nahe. So Leute haben einfach keine Zeit, ihren Hass über anderen auszukippen, und sind dafür auch viel zu menschenfreundlich. Was Internettrolle zu einer Truppe macht, die ich tatsächlich vor allem bemitleide.)

 

6. Juni. Saarbrücken. Lesung.

cover jinntoechter

Noch gibt es kein offizielles Plakat, aber ich kündige trotzdem mal an:

Mich, die bezaubernde Germaine Paulus und die fantastische Isa Theobald hören Sie

am 6. Juni 2019

um 20 Uhr

beim Unterdeck in der Nautilus Bar, Saarbrücken.

 

In den USA ist Pride Month, daher wird es von mir was in die Richtung. Plus Fantasy.

(Also das, was ich am besten kann.)

Die-A-Karte-Kuchen-und-Sauf-Tour

640

Wer meine A-Karte gelesen hat, weiß, dass alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen beabsichtigt sind. Für Auswärtige weniger offensichtlich ist, dass einige der erwähnten Gaststätten nicht frei erfunden sind, sondern mit offizieller Genehmigung erwähnt wurden.

Wir können also jetzt, wo bald das Wetter besser wird, eine Kuchen-und-Sauf-Tour durch Karlsruhe vorbereiten. (Alle Meinungen über die Örtlichkeiten und deren Angebot sind meine eigenen. Ich bekomme kein Geld dafür.)

Ein Umweg über ein lauschiges Café, eine heiße Schokolade zum Aufwärmen und etwas Leckeres zu lesen, das wäre jetzt nicht verkehrt. Einerseits … ich blickte zum wolkenverhangenen Himmel, dann auf die Uhr. Halb zwölf mittags. Eigentlich sollte ich mich in Richtung der Wohnung meiner neuen Zielperson schwingen und diese ausspionieren. Die Zeit drängte, etc.

Das Café bleibt namenlos. Die mondänere Option ist das Max im Prinz-Max-Palais. Hier gibt es die verspielteren Alkoholika und mehr „was Richtiges“ lies, Warmes zum lecker essen, auch für Leute, die vegetarisch leben.

Die etwas weniger offensichtliche Option ist das derzeitige Stammlokal des echten Karlsruher Ace-Stammtischs: Café Palaver. Lauschig in einem Innenhof gelegen und mit nicht so furchtbar gegenderten Toiletten wartet es hauptsächlich mit Frühstück, Maultaschen, Salat und Kuchen auf. Die Wahrscheinlichkeit, ein veganes Gericht auf der Karte zu finden, ist hier höher.

Es ging tiefer in die Oststadt, offensichtlich vom Handy navigiert, bis wir nach einer viertel Stunde Spaziergang ein hipsterüberladenes Café namens Gold erreichten. Drinnen waren alle Tische besetzt. Auf einem davon stand eine Spardose in Form eines Kuchenstücks, und auf diese steuerte meine Zielperson zu.

Das Gold ist einer meiner Lieblingsläden und hat das beste vegetarische Burgerpatty, das mir je begegnet ist. Die Cocktailauswahl ist ebenfalls nicht zu verachten, Kuchen ist auch immer vorrätig, manchmal gibt es auch vegane Muffins. Einziger Wermutstropfen für mich ist nicht der Wermut, sondern dass es keinen Cidre/Cider gibt.

Den Mittwoch über tat meine Zielperson nichts Außergewöhnliches bei der Arbeit, aber der pünktliche Rückweg führte uns über eine der zahlreichen Dönerbuden zum PRINZs, einer Szenebar. Also eigentlich der Szenebar, denn die schwule Szene in Karlsruhe war überschaubar.

Auch das PRINZs war so freundlich, seinen Namen zu leihen. Es ist eine Szenebar, geführt von zwei sehr unterschiedlich aussehenden, aber herzlichen Herren. Und es gibt Cocktails, oh ja. Über die Bierauswahl kann ich nicht so viel sagen, da ich kein Bier trinke. Angeblich gibt’s auch Kuchen, aber wen interessiert das bei den Cocktails?

Weißt du was“, sagte ich, „um den Schreck wiedergutzumachen, könnte ich dich ausführen.“

Er legte den Kopf schräg.

Samstagabend ins L’Aubergine?“ Ein gay-freundliches, gehobenes Lokal.

Der Laden existiert nicht, Anspielungen auf das zu unanständigen Zwecken genutzte Auberginen-Emoji sind selbstverständlich reiner Zufall. Leider hatte das Speisehaus Gurke, das als Vorbild diente, zum Zeitpunkt meiner „Darf ich euch namentlich erwähnen?“-Runde auf unbestimmte Zeit wegen Umbau geschlossen.

Richtig viel Geld ausgeben können nicht-vegetarische Menschen im japanischen Lokal Kaiseki, das auch mit zwei lauschigen Ecken aufwartet.

Gruppe asKA

Jonah:

Laut Umfrage ist ja nächsten Samstag der Stammtisch. Wir treffen uns wie immer um 14 Uhr, diesmal im MultiKulti, damit Maike mit ihrem Rollstuhl auch teilnehmen kann.

Das MultiKulti, dekorativ am Schlossplatz gelegen, wartet mit lecker Kuchen, einem schönen Biergarten und barrierefreiem Zugang auf.

Nachteil ist, dass das auch andere Leute wissen, weshalb es an Wochenenden im liebevoll dekorierten Inneren ganz schön laut werden kann.

In der dritten REM-Phase kamen wir mit verheulten Augen aus dem Kino (…) Bemerkenswert, dass ihn der Film genauso gebeutelt hatte wie mich. Er zog mich an sich und drückte mich eine Weile, mitten vor dem Kino auf dem Gehsteig, benieselt von kühlem Winterregen. Ich bugsierte uns zum benachbarten Lokal, das eine kleine, aber feine Karte hatte, bestellte Oliven mit Brot und zwei Wodka Lemon, die wir schweigend leerten.

Leute, die sich auskennen, wissen, dass ich mit „Kino“ die Schauburg meine und dass sich nebenan das Soul befindet. Ich weiß nicht mehr, ob wirklich Wodka Lemon auf der Karte steht, aber selbige kann sich sehen lassen. Sehr klein, eher ausgefallen, aber lecker.

Andreas:

Syrisch?

Benedikt:

Gibt’s hier in der Stadt? Haben die Tamarindenlimo?

Andreas:

Haben sie. <Sonnenbrillensmiley 😎> Ein Mann mit oder nach meinem Geschmack. 18 Uhr an der Haltestelle Herrenstraße?

Lose Patenschaft für das Al Ouard stand das La Rose, wo es tatsächlich Tamarindenlimo zu kaufen gibt. Sieht wegen der braunen Fetzen drin gewöhnungsbedürftig aus, schmeckt aber sehr bekömmlich. Wer auf syrisch-libanesisches Fastfood steht, ist hier richtig.

Um fünf hatte ich aufgegeben, mich mit Eis über das andauernde Schweigen hinweggetröstet und dann, ganz im Sinne einer ausgewogenen Ernährung, auf dem Heimweg einen Döner hinterhergeschoben.

Bei Pierod gibt es Eiscreme. Schon beim Zugucken könnten manche in den Überzucker rutschen, aber was soll’s. Salzkaramell und so was. Wer fragt da noch nach Zuckergehalt und Laktosetoleranz?

Gruppe asKA

Jonah:

Irgendwer Biergarten heute Abend?

Sanja:

Gern. Halb acht?

Benedikt:

Klingt gut.

DasKris:

Ihr könnt geiles Zeug machen, ich muss arbeiten. Dabei wäre doch bestes Wetter für ein Date?

Biergarten, ja. Außer dem Gold und dem La Rose haben alle erwähnten Cafés einen nicht zu verachtenden Biergarten. (Das Kaiseki ist kein Café.) Im Gold und beim La Rose kann man auch draußen sitzen, aber es fühlt sich nicht nach Biergarten an. Wer noch woanders hin will, bewegt sich entweder zur Kippe 23, der Studentenkneipe schlechthin (günstiges warmes Essen, Kuchen noch nie probiert) oder zu Im Schlachthof. Auch deren Kuchen habe ich noch nie probiert, aber das warme Angebot kann sich sehen lassen, wenn’s nicht vegan sein soll. Menschen, die Whiskey mögen, können sich hier die Birne wegpusten, in der Kippe 23 würde ich eher zu den Cocktails raten, um diesen Zweck zu erreichen.

Vor dem Haus blieben wir stehen. „Burger“, sagte ich.

Gern“, sagte er.

Wir schlenderten, uns verstohlene Blicke zuwerfend, bis zu dem stylischen Burgerladen am Kreisverkehr.

Der Burgerladen, den ich meinte, hat im Spätjahr 2017 dicht gemacht, an seiner Stelle ist mit dem Oxford Café Ost ein Ersatz getreten, der nicht ganz so übertrieben stylisch eingerichtet ist. Da ich sehr viele vegetarische lebende Menschen kenne und selbst auch nicht viel tote Tiere esse, bin ich dort noch nie eingekehrt. Auch hier gibt es einen Biergarten.

Wer nach dieser Tour nicht überfressen und angeschickert ist, dem kann ich auch nicht helfen.

Visibility is a trap

Geiler Scheiß wie immer von Coyote.

The Ace Theist

[Note: This post has been crossposted to Pillowfort.]

This is a post about „visibility“ as the name of (and approach toward) a type of primary community goal. While in the drafting stages, I had considered naming this post something more simple, like „on visibility“ — but it occurred to me that a potential reader just might think this was simply yet another post on „why visibility is important,“ and it is not. This post is not pro-visibility. This is a post inviting the reader to consider the potential for visibility to become a trap.


Ursprünglichen Post anzeigen 1.501 weitere Wörter

Captain ohne (gescheite) Fanfiction

Mit einiger Verspätung habe ich am Freitag „Captain Marvel“ gesehen.

Ich war hin und weg und, ganz Fangirl, suchte am selben Abend noch nach Fanfiction — die USA hatten ja durchaus schon mehr als fünf Wochen Zeit, selbige zu produzieren.

Und nun schreibe ich hier über das, was nicht geschrieben wird.

Auf Archive of Our Own (AO3) gab es am Samstag um 0:15 266’464 Werke zum Thema „Marvel Cinematic Universe“ (kurz MCU). Damit ist das MCU eins der produktivsten Fandoms. „Captain Marvel“ ist der neueste Film aus dieser Filmreihe.

Ich musste auf die zweite Seite der Ergebnisse blättern, um eine Fanfiction zu finden, die „Captain Marvel (2019)“ getaggt hatte. Insgesamt findet AO3 546 Werke (0,2%). Davon enthält mehr als die Hälfte eine Romanze zwischen zwei Frauen („F/F“), was Fandom-Rekord sein dürfte. (14’665 MCU-F/F-Fictions zum Zeitpunkt des Nachschauens, macht 5,5%).

Das „Captain-Marvel (2019)“-Fandon enthält außerdem etwa zu einem Viertel eine Romanze mit einer Frau und einem Mann („M/F“). Das entspricht etwa dem MCU- und damit dem Gesamtdurchschnitt für Fanfiction bei AO3. (Das lesen Sie richtig. Im Gegensatz zu jeder anderen Art von Geschichten sind die Heten hier in der Unterzahl.)

Die F/M-Romanzen für Captain Marvel finde ich sehr schräg, da die Heldin, Carol Danvers, keine Chemie mit irgendeiner männlich konnotierten Figur hat. Und auch für das F/F-Gedöns muss ich echt die Augen zusammenkneifen und eine Lupe zur Hand nehmen.

Marvel versucht ausnahmsweise nicht einmal, uns von einer Romanze zu überzeugen. Und das tun sie ja gern, ohne dass die Figuren irgendeine Chemie entwickeln. (Ich sag nur, Steve/Sharon. Glaubt das irgendwer? Ehrlich? Loki und Iron Man haben mehr Chemie, trotz des Fensters. Und die Steve/Bucky-Fans muss man gar nicht erst fragen.)

Nein, wir haben hier erstaunlicherweise eine Heldin, deren Lebenstraum es ist, richtig schnell durch die Gegend zu zischen. Sehnsucht nach einem Mann oder Familie? Sehen wir nicht. Tatsächlich vergeht sogar der halbe Film, bis die Heldin mal entspannt lächelt.

Die Frau hat ein Resting Bitch Face, und der einzige Typ, der das kommentiert, bekommt das Motorrad gestohlen. Das finde ich sagenhaft geil.

Wir sehen aber auch eine Figur, die am Ende des Films halbwegs stabil und mit einer Lebensaufgabe rauskommt. Da hat sie quasi sämtlichen anderen Figuren mit eigenen Filmen außer Ant-Man und Dr. Strange was voraus. Carol Danvers ist kein gequälter Typ, der gemobbt wurde/den sein Vater gehasst hat/dessen Eltern gestorben sind/der auf der Flucht ist/gefoltert wurde/unter Depressionen oder PTSD leidet. (Mix’n’Match für Iron Man, Captain America, Thor, Loki, Bucky Barnes, Natasha Romanov, T’Challa, Spiderman und Bruce Banner. Und Hawkeye, laut den Comics.)

Solche ungequälten Figuren laden nicht dazu ein, ihnen die Welt besser zu schreiben.

Offenbar ist es aber auch hier in 75% der Fälle unmöglich, sich die Figur ohne Romanze zu denken. Die Tags „asexual character“ und „aromantic“ werden daher mit Stand vom Samstag nur je zweimal benutzt, in insgesamt zwei Geschichten von derselben Autor*in.

Wahrscheinlich finden nur andere Menschen aus dem asexuellen oder aromantischen Spektrum es seltsam, dass der Frau ohne Flirt so viele Romanzen angedichtet werden.

 

 

 

 

 

Gender kon-formen

193px-Hop_a_gauche

In der letzten Zeit habe ich einige Arbeiten aus den Sozialwissenschaften gelesen. Diese erwähnen immer wieder, dass Kinder, die nicht zu den sozialen Normen des ihnen zugewiesenen Geschlechts passen, von ihrem gesamten Umfeld Druck bekommen, sich anzupassen: „Da ist die Schublade, zwäng dich rein oder ertrage die Konsequenzen.“

Entweder sie können/tun es, verbiegen sich und werden wahrscheinlich unglücklich, oder sie können/tun es nicht, bekommen mehr Druck und werden wahrscheinlich unglücklich.

Heiter scheitern tun wohl die wenigsten, auch wenn es sich in manchen Fällen wohl lohnen würde. (Wenn man nicht dafür umgebracht wird oder ins Gefängnis muss oder enterbt wird oder …)

Und wie das so ist, wenn eins über solche Informationen stolpert: Ich frage mich, inwieweit ich ermutigt wurde, mein Geschlecht/Gender zu performen, und ob ich jemals getadelt wurde, weil ich es nicht tat.

Verkompliziert wird es durch folgende Dinge: Ich bin introvertiert und bin dank einer Mischung aus Erziehung und Genen eher pflichtbewusst. Konflikte zu vermeiden oder sie passiv-aggressiv auszutragen ist meine Art des Energiesparens. Ich werde eher selten laut, ich schalte dafür auf Durchzug.

Obwohl meine Frau Mama eine ist, die sich viel darum Gedanken macht, was die Nachbarn sagen könnten und ob unerwarteter Besuch die Bude unordentlich findet, hat sie mir trotzdem nicht das Gefühl vermittelt, dass ich mit Puppen spielen muss oder dass ich die Puppenküche öfter benutzen sollte als den Kaufladen. Über meine ausgeprägte, mädchenklischeehafte Pferde-Faszination verdrehte sie die Augen. Sie drängte mich auch nur in einer Handvoll Fälle, mich mädchenhaft zu kleiden, wenn ich nicht wollte. Als Resultat verbrachte ich mein elftes bis vierzehntes Lebensjahr vor allem in unförmigen Pullis und T-Shirts. (Ich mein, Mädchensein in dieser Gesellschaft ist oft kacke, und noch beschissener, wenn das Gehirn bei der Information, dass der Körper dazu begehrenswert ist, nur „iiiihp, Error, 404“ macht.)

Klamottentechnisch habe ich seitdem einiges ausprobiert, und wenn es neben „Jeans und T-Shirt mit oder ohne Kapuzenjacke“ einen DeWinter-Style gibt, dann ist er entweder übertrieben feminin („femme„) oder ein mehr oder wenig gezielter Mix aus maskulin und feminin kodierter Kleidung. Außerdem kann es sein, dass ich zu einem Essen oder Kulturtermin aus rein wetterbedingter Verzweifung mit Anzug und Krawatte auftauche. Ich bin eitel, aber nicht auf eine Art, die Komplimente fürs Hübschsein einfahren will. Das irritiert manche Leute. Denen merkt man an, dass sie nicht wissen, was sie dazu sagen sollen, und statt dass sie gar nichts sagen, äußern sie lieber einen gestelzten Kommentar.

Jedenfalls habe ich als Kind hauptsächlich Kritik geerntet, weil ich „zu leise“/zurückgezogen oder „zu dick“ war. (Beide Statements habe ich mir zu sehr zu Herzen genommen.)

Mittlerweile bin ich eindeutig immer noch introvertiert und zur Not passiv-aggressiv, aber nicht mehr schüchtern.

Außerdem erntete ich (und ernte immer noch) Reaktionen, wenn meine Neigung zum Sarkasmus und trockenem Humor oder mein Bedürfnis nach Abstand oder meine Meinungsstärke oder mein Hang zum Besserwissen das Liebsein schlägt.

Ja, ich trete manchmal einen Schritt zurück, wenn andere Leute mir ihren Mundgeruch ins Gesicht hauchen. Auch wenn es sich dabei um Kundschaft oder um Autoritätspersonen handelt.

Meine Mimik entgleist manchmal, wenn jemand etwas sagt, das ich sehr seltsam finde oder über menschliches Verhalten stolpere, das mich wundert. (Sollte es nicht, ich weiß, weil: Menschen. Viele davon essen Spaghetti mit Ketchup und gehen automatisch davon aus, dass ich mein Bett mit einem Typen teilen möchte und so.)

Wenn eine andere angestellte Person Kritik an den Cheffitäten übt, sollte ich wohl eher beschwichtigen, als nur trocken „Ja“ zu sagen. Gelegentlich überrasche ich mich selbst und bin sogar halbwegs schlagfertig.

Ich bin in der Lage, Kritik sachlich zu äußern. Angelegentlich tue ich es auch. Manche Menschen irritiert es, wenn ich ihre Meinungen nicht unwidersprochen stehenlasse.

Wenn ich mich recht entsinne, meinte eine Bekannte, dass das ein gelegentlich etwas ruppiger Auftritt ist.

Seh ich so brav aus, dass sie andere das auf den ersten Blick nicht von mir vermuten? Oder nicht vermuten, dass ich das mehr als einmal tue und es mehr als einmal kommentieren? Anscheinend.

Und manchmal frage ich mich, ob die auf mich auch so verständnislos reagieren würden, wenn ich ein Mann wäre.

 

 

 

Triggerwarnungen-Bandwagon

censorship-1315071_640

In der letzten Zeit ist da an anderen Stellen ziemlich was hochgekocht. Vor allem bei Facebook war’s in manchen Threads von Leuten, die ich mag, echt nicht mehr feierlich. Und ich hatte das unschöne Vergnügen, bei diesem Steit voll auf dem Zaun zu sitzen.

Auf der einen Seite diejenigen, die Inhaltswarnungen komplett kacke finden. Immer. Egal ob sie für Blogtexte, Filme oder Bücher sind: Diese Mimosen sollen sich nicht so haben. Erwachsene sind für sich selbst verantwortlich. Sie können sich gefälligst vorher informieren, statt alle Infos in vorauseilendem Gehorsam hinterhergetragen zu bekommen. Außerdem kannst du es damit nie allen recht machen.

Auf der anderen Seite diejenigen, die so hyperbesorgt sind, dass sie lieber ihre eigenen Romane für alle auf der zweiten Seite spoilern würden.

Und ich sitze so in der Mitte. Ich weiß beispielsweise auch gern, ob sexualisierte Gewalt in einem Text vorkommt — die Chance, dass sie verherrlicht oder verharmlost wird, ist dann nämlich recht hoch.

Wobei es traurig, aber wahr ist, dass manche Menschen, die sexualisierte Gewalt schreiben, gar nicht merken, was sie da tun und das für eine obersexy Liebesszene halten. Mein Problem ist dann mit der Message, die über Männer und Frauen verbreitet wird: eher mit dem Wie als mit dem Was.

Kein Schwein kann mich vor dem Leben und vor gedankenlosen Autor*innen beschützen. Und auch nicht vor Verlagen, bei denen im Lektorat niemandem auffällt, welche vorgestrigen Stereotype ihre Schreibenden so bemühen, weil es bei der Bis(s)-Reihe und „Shades of Grey“ ja auch niemanden gestört hat.

Wir alle brauchen mehr Feminismus, um die giftigen Botschaften, die uns tagtäglich begegnen, tatsächlich als solche zu erkennen.

Und damit zu meinen Texten: Warnung oder nicht?

Bei meinen Texten weiß man spätestens am Ende der Leseprobe, wo die Reise in etwa hingeht, daher weigere ich mich, Einzelheiten ins Buch selbst zu schreiben. Ich mag auch keine Altersangaben für Texte machen, die nicht für Kinder sind. Zumindest bei meinen Werken ist es so: Bis das eher verstörende Zeug auftaucht, haben die meisten ungeübten Lesenden die Segel gestrichen, und wer es bis dahin geschafft hat, wird wahrscheinlich auch mit dem eher verstörenden Zeug zurechtkommen.

Und wenn jemand eine echte Schwierigkeit hat: Die Person ist erwachsen, für sich selbst verantwortlich und kann mich, zur Not mit einer Wegwerf-Mailaddi, anschreiben. Oder eine Pseudomailadresse dahin schreiben, wo die Kommentarfunktion eine erwartet. (Ehrlich, das geht.)

Trotzdem habe ich eine Liste mit Triggern beziehungsweise Inhaltswarnungen gemacht. Warum? Weil ich es interessant finde, das mal in geballter Form zu sehen. Was ist das Zeug, das mich beschäftigt? Was sind die giftigen Botschaften, mit denen ich mich auseinandersetze und die meine Figuren (und damit auch ich) verinnerlicht haben? Hier habe ich es hellgrau auf schwarz.

Wie erwähnt sagt eine Inhaltswarnung nichts darüber aus, wie ich mit dem Thema dann umgehe. Ob ich die sexualisierte Gewalt sexy scheinen lasse — oder ob Marron seine Essstörungen deswegen hat, weil er mit seiner Rolle als Opfer und Täter nicht zurechtkommt? Oder als wie normal Gewalt gegen Kinder behandelt wird. Und so weiter.

Vor dem „Wie“ kann mich keine Triggerwarnung der Welt retten, denn die Perspektive derjenigen, die schreiben, ist wie meine eigene notwendigerweise beschränkt.

Wer sehr spezifische Probleme hat, wird daher selbst mit meiner Liste nicht um eine direkte Frage herumkommen.


Bildquelle: Pixabay, https://pixabay.com/de/zensur-unterdr%C3%BCckung-schweigen-1315071/