#Bücherhamstern, zum Ersten

Ich bin an diesem Nicht-so-richtig-Buchmesse-Samstag hoffentlich viel unterwegs, daher also ein wenig früher:

Weil ich schon immer Probleme hatte, mich an Vorgaben zu halten (vor allem im Kunstunterricht), geht mein erstes #bücherhamstern-Posting gar nicht zu Büchern, sondern zu Heften.

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MaroHefte Nummern 2 und 1 von links. Freiwillig zensiert, obwohl eigentlich nichts zu sehen wäre, das irgendwie pornös ist.

Der MaroVerlag macht nämlich nicht nur Bücher, sondern seit Kurzem auch zweimal jährlich schicke Hefte mit einem Essay und passender Kunst dazu.

Empfehlen kann ich vor allem die Nummer 2: „Das Jungfernhäutchen gibt es nicht“ und nicht nur wegen des genialen Titels die Nummer 1: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe das erste Quinoa-Bällchen“.

Zwei völlig verschiedene Themen, beide aber zum Nachdenken. In einem Fall über den eigenen Sprachgebrauch — nicht nur über Jungfern und Jungfrauen und angeblich zugehörige Häute, sondern auch über die Frage, wie viel Scham in die Anatomie des menschlichen Schritts gehört.

Im anderen Fall hinterfragt eins hoffentlich später das eigene „ökige“ Konsumverhalten — und den Kapitalismus im Allgemeinen.

Gelesen 2021

Die alljährliche Aufstellung, falls wer noch Impulse abseits der Auslagen in großen Buchläden sucht.

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Pirate Aba: The Wandering Inn 1 & 2The Wandering Inn ist eine Webserie, die noch nicht beendet wurde. Die fertigen Staffeln gibt es auch als E-Bücher, was nett ist, wenn eine nicht am leuchtenden Bildschirm lesen möchte. Die Grundidee ist genial: Eine Gruppe Magier holt Menschen aus der uns bekannten Welt in eine Welt voller Level. Und so wird Erin, die Protagonistin, einfach nur dadurch [Innkeeper Level 1], indem sie in einem verlassenen Wirtshaus die Tische abwischt. Nebenbei gibt es noch Skills/besondere Fähigkeiten zu erwerben. Der erste Teil liest sich locker weg, obwohl er zwischen mehreren Ich-Erzählstandpunkten und mehr oder weniger Allwissender Perspektive hin und her schwankt. Bei Teil 2 stört mich die Serien- und Compterspieltendenz zu noch größeren und gemeineren Schurken/Gefahren, die ohne schönes Foreshadowing auftauchen, außerdem schwankt die Autorin zwischen teilweise extemer Ernsthaftigkeit und dann wieder völliger Albernheit. Nichts gegen Comic Relief, aber so ein bisschen sollte es dann doch zusammenpassen. Daher Teil 2 nicht beendet, obwohl die Antinium das interessanteste „Volk“ sind, das mit seit Langem in der Fantasy begegnet ist.


Diverse/Unbekannt, herausgegeben und übersetzt von Rudolf Simek et al.: Sagas aus der Vorzeit – Von Wikingern, Berserkern, Untoten und Trollen, Band 1: Heldensagas und Band 2: Wikingersagas. — Eine Übersetzung altnordischer Sagas, die vom 12. bis zum 14. Jahrhundert enstanden sind. Mit Unterbrechungen gut lesbar.

Dass altnordische Helden sich einen Namen mit Plünderungen und Kriegen gegen andere Kleinkönige machen und häufig unter dramatischen Umständen sterben, weil sie sich zwischen zwei Verpflichtungen aufreiben, passt nicht zum heutigen Bild von Heldentum. Als Zeitzeugnisse und Hinweise auf die damalige Mentalität (und darauf, was im skandinavischen Hochmittelalter als eine gute Geschichte galt), sind die Heldensagas äußerst interessant. Für Suspense taugen sie in der Postmoderne kaum — am Ende sind alle tot. Diesbezüglich am spannendsten ist die Völsungensaga, und deren Ende war mir leider bereits bekannt. Ansonsten: Hätten Sie’s gewusst? Siegfried der Drachentöter hat dunkle Locken und starke Wangenknochen. Und über Ivar „den Knochenlosen“ darf zumindest als Sagafigur spekuliert werden, ob er ein Ace war.


Jennifer Hauff: Verschnitt — Medizinthriller. Ein alternder Medizinprofessor leidet unter seltsamen Krankheitszeichen. Ein Grund für ihn, seine Forschungen weiter zu forcieren: Geschlecht sei reine Erziehungssache. Das will er mit „Vereindeutigungs“-Operationen und Hormongaben an Kindern mit Intersexualität beweisen. Eine OP-Assistentin kreidet ihm den Verlust ihrer geliebten Schwester an — vergiftet sie ihn? Und wieso hat der Bruder der OP-Assistentin noch eine Rechnung mit ihr und dem Prof offen? Die drei Fäden sind dicht verwoben, bis zum spannenden und nicht vorhersehbaren Schluss.


Wendelgard von Staden: Nacht über dem Tal. Eine Jugend in Deutschland — Autobiographie einer Landadeligen von quasi gleich um die Ecke, oder, um mit den Worten meiner Mutter zu sprechen: „Hast du gewusst, dass in Vaihingen ein KZ war?“ (Vahingen/Enz, und ja, das wusste ich schon vorher, man begegnet auf dem Weg zum Bahnhof den Wegweisern zur Gedenkstätte). Sprachlich schlicht, aber nachdrücklich berichtet die Autorin von 1940 bis 1946. (Siehe auch zugehöriger Blogpost.)


Mithu Sanyal: Identitti — ein Roman über Identitäten und Rassismus mit einem Klecks Phantastik. So saugeil, dass ich nur wortlos und begeistert mit den Armen rudern kann. Das Buch ist mit Post-its versorgt und wird sicher noch einmal gelesen — wozu ich als Erwachsene sonst selten den Drang verspüre.


Christian von Aster: Die wahrhaft unglaublichen Abenteuer des jüdischen Meisterdetektivs Shylock Holmes und seines Assistenden Dr. Wa’tsun — eine Conan-Doyle-Pastiche, die es nur für die Startnext-Finanzierenden gab. Äußerst unterhaltsam, dabei lebensklug und mit mehr Überraschungen, als ein Kampfkrake Arme hat.


Saxo Grammaticus: Gesta danorum/Die Geschichte der Dänen — was auf dem Titel steht. Übersetzt von Paul Herrmann und Carl Knabe. Im zweiten Anlauf diesen eher unübersichtlichen und schwerfällig erzählten Mix aus Mythologie, Sagastoffen und etwas echter Geschichtsschreibung geschafft. Aber was will eine von einem mittelalterlichen Mönch, der schon in der Einleitung schreibt, dass er eigentlich keinen Bock drauf hat, weil er so was nicht kann? Notiert unter Zeugs, das der damalige Bischof wohl besser an wen anders delegiert hätte.


Joanne M. Harris: Runemarks — dystopische Fantasy. Wir sind in England, fünfhundert Jahre nach Ragnarök. Eine neue Gesellschaft hat sich aus den Ruinen der Neuzeit erhoben, das Technologielevel ist etwa auf dem Stand unseres 17. Jahrhunderts. Die vierzehnjährige Maddy ist mit einer „Runemark“ geboren und hat einen guten Draht zu Magie und Übernatürlichem, weshalb sie den restlichen Dorfbewohnenden suspekt ist. Und dem „Order“ sowieso. Dessen nummerierte Agenten vertreten die neue Staatsreligion. Dazu noch ist Maddy mit dem Landstreicher Old One-Eye befreundet. Als der beschließt, mit Maddys Hilfe den Schatz unter einem Hügel im Umkreis des Dorfes zu heben, kommt es zu einer Konfrontation zwischen alten und neuen Gottheiten — Ragnarök ist vielleicht noch lange nicht zu Ende.

Spannend und wendungsreich nutzt die Autorin Ideen aus der nordischen Mythologie. Gute Unterhaltung, die aber bei mir keinen nachhaltigen philosophischen Eindruck hinterließ.


Patrick Geary: Europäische Völker im Mittelalter. Zur Legende vom Werden der Nationen — ein Sachbuch, das enthält, was draufsteht. Der Autor, ein Historiker für Spätantike und frühes Mittelalter, untersucht den Begriff des „Volks“ von Herodot bis Karl dem Großen. Und stellt fest, dass sich unter dem gleichen Namen (wie „Franken“) über die Zeit verschiedenste Konzepte und Menschen verbergen. Falls also wieder irgendwer behauptet, dass „die Deutschen“ seit Jahrhunderten, wenn nicht seit der Antike irgendwie die gleichen Menschen mit den gleichen Idealen sind: Dieser Text beweist das Gegenteil.

Bevor die Quellen editiert werden konnten, musste man einen Kanon jener überlieferten Aufzeichnungen erstellen, die tatsächlich als Quellen deutscher Geschichte gelten konnten. Das heißt, man musste definieren, was „Deutschland“ in der Vergangenheit bedeutete, und diese Vergangenheit als Vor- und Frühgeschichte deklarieren. Die Herausgeber der Monumenta erfüllten diese Aufgabe, indem sie sämtliche Texte aus oder über Regionen erfassten, in denen germanisch sprechende Völker gesiedelt oder geherrscht hatten.

Es hätte somit auch anders ausgehen können mit dem Deutschtum …


Ben Aaronovitch: What Abigail Did That Summer — Urbane Fantasy, Kurzroman. Hier channelt der Autor auf sehr sympathische Weise eine dreizehnjährige, nerdige „mixed-race“ Besserwisserin und schickt sie mit sprechenden Füchsen auf die Suche nach einigen vermissten Teenagern. Wie alles von Ben Aaronovitch spannend, unterhaltsam, mit unaufgeregter LGBTIA+-Repräsentation und auf eine angenehme Weise die Sehgewohnheiten hinterfragend.


Johannes Kram: Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber … — das Sachbuch beschäftigt sich damit, wie Schwulen- und Homosexuellenfeindlichkeit im 21. Jahrhundert aussieht, und wie sie sich in der Frage „Was wollt ihr denn noch alles?“ manifestiert. Als sei es der Job sexueller Minderheiten, für jeden Klecks menschenwürdiger Behandlung dankbar zu sein.


Anja Bagus: Die Zeitarbeiterin — episodenhaft erzählter Roman um eine Studentin, die aus Geldnot bei einer Zeitarbeitsfirma anheuert und dadurch den merkwürdigsten Menschen begegnet. Außer ihrem einen Kollegen, den findet sie vielleicht etwas zu gut.

Diese autobiographisch angehauchte Erzählung ist leider viel zu schnell rum, denn Mia und ihre Kolleg*innen sind zumindest mir sehr ans Herz gewachsen, von denen hätte ich noch fünfzig Seiten mehr vertragen.


Isa Theobald: Anouk 2 – Sterben bringt Glück. — Zweiter Teil der Urban-Fantasy-Serie um Anouk, Sukkubus und Vollstreckerin des Kuratoriums. Zwischen dem unvermeidbaren Haufen Sexszenen drückt Isa Theobald gehörig aufs Tempo und schafft einen Pageturner mit interessantem Weltenbau und einem Haufen sympathischer, aber teilweise undurchsichtiger Figuren. Es lohnt also, den etwas holprigeren ersten Teil der Serie zu lesen. Der ist, wie bereits erwähnt, ebenfalls zum Wegsuchten, aber die Exposition hat eine kleine Lücke.


Bernhard Stäber: Wächter der Weltenschlange – Midgards Schild. — Zweiter Teil der letztes Jahr begonnenen Urban-Fantasy-Duologie. Wir folgen Malin und Rune, die den letzten Nachkommen der Weltenschlangen zum Nordkap bringen müssen. Dabei werden sie weiterhin von drei Disen verfolgt, die den Weltenbrand zu verhindern suchen. Außerdem ist noch mindestens eine weitere Partei an dieser Reise interessiert.

Mit diesem Buch hat die Duologie einen würdigen und sehr stäber-esken Abschluss bekommen: Wer offene Fragen nicht mag und gern romantische Klischees bedient sieht, wird mit dem Text nicht glücklich. Alle anderen erleben einen zauberhaften Streifzug durch die Mythen und Sagen der Norweger und Saami und müssen sich Fragen nach Schicksal, Vorbestimmung und freien Entscheidungen stellen.


Anette Juretzki: Sternenbrand (1: Blind und 2: Blau) — Space Opera in zwei Teilen. Dass mir Deutschsprachiges begegnet, das wie Albenbrut aus Platznot in zwei Teilen erscheint, kommt auch selten vor. In Sternenbrand treffen wir eine Söldnercrew auf der Suche nach Hinweisen auf den Verbleib der rätselhaften „Phantome“, die vor hundertfünfzig Jahren beinahe die Galaxis verwüstet hätten.

Neben einer verwickelten Liebes-Dreiecksgeschichte um drei männliche Wesen serviert die Autorin einen schönen Weltenbau und einige Wendungen, die ich so nicht erwartet hätte. Grundsätzlich ist es aber noch M/M bzw. „Gay“, daher für Menschen nicht zu empfehlen, die ihre SF lieber ohne viel Liebesgeschichte haben.


N. K. Jemisin: The City We Became — der Auftakt zu einer neuen phantastischen Serie, wobei ein Argument zu führen wäre, dass es sich um Horrorliteratur im besten Sinne handelt. Diesmal entführt uns N. K. Jemisin ins heutige New York City. Das wird gerade zu einer eigenständigen Entität und sucht Avatare. Doch eigenständige Städte bedrohen ihre Gegenstücke in den Paralleluniversen, daher fährt die „Frau in Weiß“ ihre Tentakel aus, um die Stadtwerdung zu verhindern …

Ganz wie bei dieser Schrifstellerin zu erwarten, treffen wir hier keine einfache Urban Fantasy mit den üblichen Versatzstücken wie Werwesen, Blutsauger*innen und dämonischer Unterwelt, sondern ein Problem auf einer weit kosmischeren Skala mit einigen Lovecraft-Anleihen. Wobei sie hier beweist, dass, egal wie schräg die nicht-euklidische Geometrie wird, die ganz normalen menschlichen Abgründe weitaus gruseliger sind.


Dana Brandt: Die Hüterin – Scheiß auf Schicksal — Urbane Fantasy. Eine junge Frau in wirtschaftlichen Nöten findet einen Ring, der sie zur Hüterin der Magie Europas macht. Und hat erst mal keine Lust auf diese Halluzination …

Neben einer erfrischend fluchenden Heldin, die keine sein will, und einigen wirklich charmanten Nebenfiguren (unter anderem Bäume, die beim Kartenspiel schummeln), treffen wir auf einen interessanten Weltenbau. Sich erneuernde Magie, Zaubereibegabte, die mit den Magiewesen im Clinch liegen und alles tun würden, um die neue Hüterin klein zu halten … Wer keinen allzu großen Wert auf wenig Flüche und makellose Grammatik legt, ist hier sehr gut unterhalten.


Lee Bardugo: Shadow and Bone, Siege and Storm, Ruin and Rising (erste GrishaVerse-Trilogie) — Lee Bardugo sagt von sich selbst, dass sie „Tsarpunk“ (im Vergleich zu Steampunk) verfasst hätte, was ungefähr passt. Wir treffen russische Einflüsse (von der Gesellschaft bis zu einigen Märchen-, Geschichten- und historischen Anleihen wie Rasputin) in einer einnehmenden High-Fantasy-Welt, in die einst ein mächtiger Grisha (Zauberer) ein Loch aus Dunkelheit gerissen hat. Dort vernichten drachenartige Wesen jedes Leben, und der Riss breitet sich zudem immer weiter aus.

Hoffnung auf ein Ende dieser Plage keimt im Zarenhaus auf, als sich die junge Soldatin Alina als Sonnenbeschwörerin herausstellt. Sie wird aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen und soll nun im Palast der Grisha ihre Kunst perfektionieren. Doch so einfach ist das alles nicht, denn sowohl der oberste Grisha als auch ein undurchsichtiger Priester am Zarenhof haben eigene Pläne.

Die Trilogie liest sich dank eines meisterhaft gesetzten Tempos und konstant gehaltener Spannung ratzfatz weg. Obwohl es „Young Adult“ ist, sind die moralischen Fragen, vor denen Alina steht, alterslos.


H. P. Lovecraft: diverse Versuche mit Kurzgeschichten und Schatten über Innsmouth (nicht beendet). — Eventuell bekomme ich noch raus, was außer dem Konzept von kosmischen Tentakelpriestern an Lovecraft so toll sein soll. Die Weite des Weltalls find ich offenbar nicht gruselig genug. Und über den aus jeder Zeile tropfenden Mittelschicht-Chauvinismus mit extra viel Rassismus kann ich mich zwar gruseln, aber ich habe das genug in live (siehe AfD-Wahlplakate), und so schön ist die Sprache dann doch nicht, dass ich darüber hinwegsehen kann.


Mary Renault: The Charioteer — schwules Coming-of-Age im Weltkrieg. The Charioteer ist ein Klassiker der schwulen Literatur und erstmals 1953 erschienen. Wir treffen den kriegsversehrten Laurie, der sich in einen Kriegsdienstverweigerer verliebt, der im Militärkrankenhaus Pflege-Ersatzdienst ableistet. Nebenbei trifft Laurie einen alten Schulkameraden wieder, für den er vor Jahren geschwärmt hatte. Wen Laurie hinterher abkriegt, wird nicht verraten, aber es gibt ein Happy End — eine Seltenheit für schwule Literatur aus der Zeit.

Der Roman hätte ein typisches Melodrama von einer Dreiecksgeschichte werden können, aber dafür setzt Mary Renault die Akzente zu dezidiert auf die Frage nach Identität und Community. Eine gemeinsame Verfolgung und/oder eine gemeinsame Marginalisierung wirft uns mit allerlei Menschen in eine Gruppe, mit denen wir sonst keine Gemeinsamkeiten haben. Egal um welche Minderheit es sich handelt. Inwieweit muss/will eins solidarisch sein? Muss ich diese Leute mögen? Muss ich mich zuerst als Teil der Minderheit verstehen und dann als etwas anderes? Und was unterscheidet eine beliebige ausgegrenzte Gruppe von einer Community? Diese Fragen sind, wie sich zeigt, zeitlos. (Referenz auch dazu die Talk-Serie Community, quo vadis? von 100 % Mensch.)


Ria Winter: Der Feuervogel von Istradar — Slavic Fantasy. Eine Diebin mit Meinungen zur Politik und eine Palastwächterin in Istradar begegnen sich, als die Diebin versucht, im Palast etwas zu stehlen. Der berühmte Feuervogel von Istradar ist jedoch schon Monate vor dem Einbruch aus der Schatzkammer verschwunden. Weil die Wächterin meint, dass die Diebin etwas darüber weiß, spioniert sie ihr hinterher. Aber der Feuervogel ist unauffindbar und die politsche Lage spitzt sich zu — ohne Feuervogel keine Allianz mit dem Zaren. Damit ist Istradar von einem Krieg bedroht. Nebenbei kommen sich die beiden Frauen langsam näher.

Der Roman ist spannend und liest sich schnell. Neben dem überzeugenden Weltenbau, der mit seinen slawischen Einflüssen für die hier stilbildende angloamerikanische Fantasy eher rar ist, bestechen vor allem die liebenswerten, runden Nebenfiguren und die zahlreichen hübschen Wendungen.


Christian von Aster und Holger Much: Das Koboltikum — Illustrierte phantastische Anthologie. Christian von Aster hat hier einige Kurzgeschichten und Balladen über Kobolde versammelt. Die sind oft schräg — sonst wäre es nicht von Aster — manchmal fies, manchmal komisch und manchmal liebenswert. Dazu hat Holger Much die Kobolde, wie immer detailverliebt und zauberhaft, illustriert.


Alice Oseman: Loveless — Coming-of-age/Young Adult. Die achtzehnjährige Georgia ist zum Schulabschluss noch ungeküsst und will im ersten Semester an der Uni dringend etwas daran ändern. Schließlich möchte sie nicht Loveless sein — ohne Liebe. Dazu bittet sie ihre feierfreudige Mitbewohnerin Rooney um Rat. Alles gerät außer Kontrolle, als Rooney auffällt, dass Georgias bester Kumpel in sie verliebt ist, und Georgia ermuntert, da etwas draus zu machen.

Es folgt eine asexuelle Selbstfindung mit Irrungen fast Shakespear’schem Ausmaßes, viel Humor, klugen Gedanken über die Liebe und einem völlig unromantischem Happy End, das ich totzdem zum Seufzen schön finde. Der Stil ist locker-flockig, Oseman beherrscht ihre Spannungsbögen, und zeichnet außerdem liebevoll runde Figuren, die ich einfach umarmen will.


Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit — kongeniale Aufbereitung der Menschheitsgeschichte. Von der Sprache über die Religion zum Ackerbau bis zum Kapitalismus: Harari zeigt Entwicklungen auf, die mein Geschichtsunterricht nie so thematisiert hat und befragt moderne Mythen auf ihren Gehalt. Was bietet eigentlich der Monotheismus für Vorteile, wenn Sie ihn nicht als gläubige Person verteidigen? Sind Nationalstaaten wirklich eine Errungenschaft, wie ich es noch in den späten 1990ern gelernt habe? (Siehe auch Geary oben.) Wie groß ist der Unterschied zwischen Religionen und Ideologien tatsächlich? Warum funktionieren Staaten heute anders als Imperien im Altertum? Ist ein naturnahes Leben in einem Stammesverband wirklich gewaltloser und erstrebenswert? Etc.

Wir reden noch immer von „ursprünglichen“ Kulturen, aber wenn wir mit „ursprünglich“ etwas meinen, das sich unabhängig entwickelt hat, uralte regionale Traditionen verkörpert und nicht von außen beeinflusst wurde, dann gibt es das heute nicht mehr. In den vergangenen Jahrhunderten haben sich sämtliche Kulturen unter einer Flut globaler Einflüsse bis zur Unkenntlichkeit verändert.


Askin-Hayat Dogan und Sarah Stoffers (Hg.): Urban Fantasy going queer — Kurzgeschichtensammlung. Die Herausgebenden baten 23 offen queere Schreibende deutschsprachiger Fantasy um eine Kurzgeschichte. Urban sollte es sein, und am besten noch aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreifen. Daher dreht sich in dem Sammelband nicht alles um Queerness. Was der Qualität der Geschichten aber keinen Abbruch tut. Zwischen klassischen Werwolf-Krimis und richtig originellem Zeug, mal mit gutem, mal mit fiesem Ende bewegen sich sehr unterhaltsame und oft nachdenkliche Geschichten.


Kübra Gümsay: Sprache und Sein — ein Versuch, die Grenzen der Sprache auszuloten. Was bedeuten bestimmte Perspektiven? Wo errichtet die Sprache der Mehrheit Wände für Minderheiten? Wo hindert uns Sprache am Sein, wo ermöglicht sie es erst? Was bedeutet es, durch Sprache in eine Objektposition gedrängt zu sein? Und wie erreichen wir, dass alle frei sprechen können?

Ein kluger Text über Ausgrenzung und Teilhabe, den ich nur weiterempfehlen kann. Und den ich wahrscheinlich des Öfteren zitierenn werde, denn auch an pointierter Formulierkunst mangelt es keineswegs.


… und wie immer kam dazu ein Haufen Fanfiction. Manche davon sehr klug. Hauptsächlich diente selbige Lektüre der Realitätsflucht in den stimmungsmäßig miesen Phasen: Kein Corona, wenig Heten, Happy End garantiert.

Ansonsten ist einiges angefangen, aber noch nicht fertig. Im Gegensatz zu 2021. Guten Rutsch also.

 

Gelesen 2020 – Erstes Halbjahr

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Lockdown-bedingt habe ich mehr gelesen als erwartet, daher eine Teilung zur hoffentlich besseren Übersicht.

G. K. Chesterton: The man who was Thursday — gelesen im englischen Original. Leicht absurder Roman mit für mich enttäuschend christlich-moralisierendem Ende, aber damit hätte ich bei Chesterton wohl rechnen müssen. Inhalt: Ein Poet, der aus Hass auf die Anarchisten (die waren zum Entstehungszeitpunkt 1908 ein echter politischer Aufreger) Polizist geworden ist, kann sich zu einer geheimen Versammlung von Anarchisten schleichen. Dort lässt er sich zu „Thursday“ wählen, einem von sieben Vertretern im Hohen Anarchistenrat. Ein Verwirrspiel mit zahlreichen Maskeraden entspinnt sich bis zum erwähnten Vollwertkost-Ende. Trotzdem: Das mehr als 100 Jahre alte Englisch liest sich flüssig, der Autor wartet mit einigen sehr eindrücklichen Sprachbildern auf, und der Weisheit: Die einzig mögliche Rebellion gegen die Rebellion ist die Vernunft.

Jeanette Winterson: Frankissstein — „Eine Liebesgeschichte“ steht als Untertitel drunter. Ry Shelley, trans Mann und Arzt, trifft Victor Stein, der an künstlicher Intelligenz forscht. Und parallel dazu (und 200 Jahre vorher) schreibt Mary Shelley „Frankenstein“. (Siehe 2019.) Man weiß nicht so recht, wo der Traum anfängt und die Realität aufhört, und dass die Autorin auf Anführungszeichen verzichtet, ist dann so konsequent wie hinderlich.

Irgendwie soll es wohl darum gehen, was Intelligenz ohne Körper und Körper ohne Intelligenz bedeuten, und dass das größte Monster immer noch der Mensch ist. (Und Byron ein Arschloch war.) Gefühlt ist das alles aber trotz seiner teils schönen, beißenden Ironie etwas verzettelt, nur bei Kenntnis aller Anspielungen zu genießen und mit Symbolen überladen. Keine niedrigschwellige Herangehensweise ans Thema. BoobBooks haben eine etwas andere Meinung dazu. Dass die dortige Autorin Mary Shelleys Ich-Perspektive feiert, ich die aber als normal hinnehme, zeigt vielleicht, dass ich von meinem Fanfiction- und eher frauenlastigen Fantasy-Konsum nachhaltig positiv verdorben verdorben bin.

Oscar Wilde: The Importance of Being Ernest — Theaterstück. Oscar Wilde zieht die Oberflächlichkeit seiner Figuren in voller Konsequenz durch und schafft es trotzdem, Einsichten in die englische „bessere Gesellschaft“ im Besonderen und die Menschheit im Allgemeinen auf eine extrem komische Art zu präsentieren. The truth is rarely pure and never simple. („Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach.“ Passt.)

Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandschaften — Roman von 1809. Ein verheiratetes Paar reicher Leute, zwei „Störfaktoren“, in die sie sich jeweils verlieben. Eigentlich könnte man sich unter der Hand oder mit einer Scheidung einigen und zu zwei Pärchen neu sortieren. Aber die Entstehungszeit macht den vier (wie auch Effi Briest) zu schaffen. Also sind am Ende die „unkeuscheren“ beiden (sie haben sich geküsst) tot, außerdem muss ein Kind ertrinken. Es endet mit der Verklärung einer toten jungen Frau zur Wallfahrtsheiligen. Ob die beiden Überlebenden noch zueinander finden, bleibt offen.

Aus Lektorinnensicht hätte ich Herrn von Goethe einige ominöse Tagebucheinträge gekürzt und ihn gebeten, sich das mit dem Gleichnis aus der Chemie noch mal zu überlegen, zumal er es nicht bis zum Ende durchhält. Ansonsten ist der Roman auch formal seiner Entstehungszeit verhaftet, ergeht sich also schwelgerisch in Landschaftsbeschreibungen, Abendunterhaltungen und allerlei mehr. Nichts für Ungeduldige. Wer mit dem Thema etwas anfangen kann und nicht lieber auf moderne Texte zum Thema Polyamorie setzt, bekommt ein romantisches Melodrama und Sittenbild des frühen 19. Jahrhunderts.

Unbekannt: Die Götterlieder der Älteren Edda (einmal übertragen von Wilhelm Jordan, 1889, einmal von Arnulf Krause, 2001) und Die Heldenlieder der Älteren Edda (übertragen von Arnulf Krause, 2001) — Altnordische Mythologie, und daher aus Prinzip so cool wie fesselnd. Statt Simrock gelesen, bzw. zusätzlich. Dabei ist der Krause einfacher zu lesen und die Anmerkungen sind auch für Uneingeweihte aufschlussreich. Außerdem wirft er nicht nach Gutdünken Strophen raus bzw. sortiert welche vom einen Text in den anderen wie Wilhelm Jordan. Sprachlich ist der Jordan etwas beeindruckender, weil er penibel auf den Stabreim achtet, und mit dessen Beherrschung der Autor denn auch im Vorwort angibt.

Roman Rausch: Die letzte Jüdin von Würzburg — Historischer Roman. Passend zu Corona, denn wir treffen Jaelle, die Anfang 1349 knapp dem Pogrom in Straßburg entkommt und sich nach Würzburg begibt, um dort nach Verwandtschaft zu suchen. Als junger Mann verkleidet kommt sie mit Michael de Leone in Kontakt, einem wichtigen Beamten. Als Schreiber soll sie in dessen Haus für den Würzburger Rabbi spionieren, denn die Pest breitet sich in Süddeutschland aus, und es gehen Gerüchte um, dass die Juden die Brunnen vergiften würden. Was planen der Fürstbischof und der Stadtrat deswegen zu unternehmen?

Obwohl ich dank etwas Geschichtskunde, zumal mit Würzburg-Erfahrung, genau weiß, wo mal das jüdische Viertel war (heute steht die Marienkappelle drauf) und bereits diesbezüglich recherchiert hatte, bleibt der Roman bis zur letzten Seite fesselnd. Ein von mir bemerkter Missgriff ist eine Vokalisierung von JHWH, die man einer jüdischen Figur nicht unterjubeln sollte. Jüdische Lesende dürften daher noch über mehr Dinge stolpern, die nicht passen. (Merke: Sensitivity Reading ist nützlich.)

Wir stellen angesichts der Corona-Krise fest (gerade ist April 2020), dass das mit dem Rassismus noch nicht durch ist, auch wenn noch nirgends die Bewohner:innen einer Chinatown niedergemetzelt wurden. Und Verschwörungstheorien feiern auch seit dem Mittelalter fröhliche Urständ. Wo früher Juden die Brunnen vergifteten oder Hexen das Vieh krank machten, will heute offenbar eine ominöse Verschwörung Menschen per Impfung Chips unterjubeln. (Dass kleine Spendenaffären ans Licht kommen, tausende Verschwörer aber allesamt die Klappe eisern halten, egal, ob es um Impfungen, Chemtrails oder sonst was geht und es einen Sauhaufen Kohle zu verdienen gäbe, wenn sie damit an die Öffentlichkeit gingen — Leute. Logik. Wo ist eure?)

Klopapier hingegen scheint der neue Fetisch gegen Viren zu sein. Ansonsten sollten wir uns wohl nicht zu sehr über den Aberglauben der Altvorderen und die Menschen auf dem Wildtiermarkt in Wuhan erheben. Nur weil die einen an Tigerpenisse und Schuppentierreste glauben und Teile meiner Kundschaft an Belladonna in zwölf mal 50’000facher Verdünnung, heißt nicht, dass nicht beides Zauberei ist. (Ich hab nix gegen Zauberei. Ich hab nur was dagegen, wenn jemand behauptet, es sei Naturwissenschaft. Und Tiere dafür töten … meh. Da die meisten nicht wie Thors Ziegen einfach nach der Mahlzeit wieder aufstehen, sollten man meiner Meinung nach echt zweimal überlegen, ob und wofür man Tiere tötet.)

Isa Theobald, Christian von Aster und Cora Linez: Tintenphönix — wunderschön illuminierter Text bzw. Bilderbuch für ausgewachsene und größtenteils ausgewachsene Menschen. Isa Theobald und Christian von Aster setzen sich jeweils auf ihre Art mit dem Leben und Erzählen von Lebensgeschichte auseinander. Sehr berührend und eine Einladung zum Erzählen und Erzählenlassen, bevor es zu spät ist.

Christian von Aster und benSwerk: Felix oder: Früher hießen Tauben anders — eine wie gehabt eigenwillig-sympathisch illustrierte Geschichte über Felix, der wie eine Taube aussieht, aber in Wahrheit eine Fledermaus ist. Und ein Plädoyer auf die Selbstbestimmung, denn: Wenn man erst einmal wusste, wer oder was man war, dann war man das. Ohne dass irgendjemand drüber abstimmen musste.

Ein Satz, den gewisse Kreise durchaus mal verinnerlichen könnten. (Oder: Wie wäre es mal, nicht über die Pronomen einer trans Person zu diskutieren? Oder ob sich irgendwer „queer“ nennen darf, oder … ?) Die Person, die das ausgelesene Buch zum siebten Geburtstag erhielt, hatte jedenfalls einige gute Fragen diesbezüglich.

Bernhard Stäber: Wächter der Weltenschlange I — Jörmungands Erbe — Urbane Phantastik. Der 15-jährige Rune kentert mit seinem Ruderboot auf einem norwegischen See und wird von dessen Geist, Nyk, vor dem Ertrinken gerettet. Allerdings zu einem Preis: Die Schlange im See hat ein einziges Ei gelegt, und er muss es zum Eismeer bringen, sonst stirbt er. Blöderweise sind drei Disen, weibliche Schutzgeister von Midgard, hinter dem Ei her, denn sie behaupten, es sei Jörmungands Erbe, der Ragnarök mit auslösen wird. In die Auseinandersetzung wird die Hauptfigur, Runes ältere Schwester Malin, mit hineingezogen, aber wir müssen bis zum Ende des ersten Bands warten, um zu erfahren, warum sie mehr Seiten erhält als ihr Bruder.

Auch ansonsten wartet der Text mit einem Haufen schöner Haken, brillianter Einfälle und einer glaubwürdigen Figurenzeichnung zweier mutterloser Jugendlicher auf. Aber dass Bernd Stäber Jugendliche ohne Süßholzraspel kann, hat er schon mit Feuermuse bewiesen. Ich freue mich auf die Fortsetzung. Einziger Haken, außer dass es die Serie noch nicht fertig zu kaufen gibt: Ein paar Zeichenfehler, die meinereiner sofort ins Auge sprangen, weil ich für so was bezahlt werde, dem Restpublikum aber nicht auffallen dürften.

Günter Huth: Der Schoppenfetzer und die Silvanerleiche — Würzburger Lokalkrimi. Der Aufbau ist ordentlich und hält die Spannung bis zum Schluss, der Stil liest sich äußerst flüssig. Im Vergleich zu Claudia Konrads hiesigen Lokalkrimis vermisse ich ein wenig, dass man den Dialogen „des Frängische“ nicht anmerkt. In den Dialogen ist kein einziges „fei/frei“! Eine Romanze ist allerdings angenehm abwesend. Ansonsten: Wäre ich Krimi-Fan, würde ich den nächsten Band auch lesen wollen.

Tina Skupin: Valkyrie — Zurück ins Jetzt — Urbane Fantasy. Der Weltenbau geht davon aus, dass alle Gestalten der nordischen Mythologie und skandinavischen Volkssagen „norsische Völker“ sind, die einst über die Menschen herrschten. So auch die Walküre Frida, unsere Ich-Erzählerin. Nachdem sie für ihren Herrn und Gebieter Odin einen Stamm Varäger/Werwölfe verflucht hat, fällt sie in Ohnmacht und wacht tausend Jahre später wieder auf, im Umland des heutigen Stockholm. Asgard ist nirgends zu finden, dafür leben die Norsen jetzt verborgen unter den Menschen. Auf der Suche nach einem Weg zurück nach Asgard stolpert Frida von einem Missgeschick ins nächste.

Ein wenig hätte die Autorin aus Fridas Kulturfremdheit mehr Humor generieren können als aus den zahlreichen popkulturellen Anspielungen, und manchmal fehlte mir der Suspense, der entsteht, wenn ich eindeutig mehr weiß als die Hauptfigur. Ansonsten  besticht der Weltenbau mit seiner Originalität, die vielen Figuren sind trotzdem vielschichtig, die Wendungen wissen in ihrer Unvorhersehbarkeit zu gefallen, und die Auflösung ist schlicht, aber es wird genial davon abgelenkt. Ich bin eindeutig gespannt, was weiter passiert.

Jodi Taylor: Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv — Zeitreise-SF. In einer nicht näher bezifferten, aber nicht allzu weit entfernten Zukunft wird die Archäologin „Max“ Maxwell von einem speziellen und gut verborgenen Institut engagiert, um historische Fakten per (gut geheim gehaltener) Zeitreise zu verifizieren. Logischerweise haben einige Menschen im Institut mehr Geheimnisse als andere, außerdem gibt es wohl Konkurrenz aus der Zukunft, die sich einen Dreck um die oberste Regel schert: Verändere niemals die Zeitlinie. (Die nächstwichtige Regel lautet: Hole die Batterie aus dem Rauchmelder, damit das ständige Gepiepse nicht alle nervt.)

Jodi Taylor hat hier ein solide konstruiertes Rätsel aufgebaut, dessen Lösung noch zwei Bände dauert. Hinter all den romantischen Verwirrungen und einer unnötig detaillierten Sexszene tritt der eigentliche Weltenbau leider etwas zurück. Amerika hat seine Grenzen dichtgemacht. Faschisten wurden gewaltsam aus Cardiff vertrieben. Was da wohl passiert ist seit heute? Viel Tiefgang darf eins hier jedenfalls nicht erwarten, dafür wie gesagt gute Unterhaltung.

Isa Theobald und David Gray: Requiem für Miss Artemisia Jones — Horrorkomödie. Die jungfräuliche Bibliothekarin Artemisia Jones wird auf einen einsamen Adelssitz gelockt, wo sie vorgeblich die Bibliothek ordnen soll. Tatsächlich aber braucht eine Bande Satanisten sie als Opfer. Satan, der Jungfrauenopfer sonst reichlich dröge findet, wird von seinen Finsterlingen darauf aufmerksam gemacht, dass diesmal ein „potentiell nerviges irdisches Phänomen“ daraus entstehen könnte. Er und seine beste Freundin Asrael, der Todesengel, beschließen, die Gentlemansatanisten mit ihrer Anwesenheit zu beehren.

Trotz aller ekligen Todesarten und abscheulichen Menschen besticht dieses Buch mit einigen wunderbaren Einsichten: Es gibt nichts besseres, als mit einer sozusagen charaktermäßigen Faulheit gesegnet zu sein. Wer faul ist, der ist nämlich auch gelassen (…). Und vor eurer Gelassenheit hat der Alte so richtig Angst. Die passt ihm nicht, weil gelassene Wesen sich nämlich hin und wieder Zeit zum Nachdenken nehmen und seinem Bluff (…) auf die Schliche kommen könnten.

Dieses Zitat gilt übrigens nicht nur für die Kirche, sondern auch für alle anderen, die hoffen, dass eins in blinder Panik ihre hasserfüllten Parolen nachplappert.

Dazu detailverliebte Schilderungen englischer Landhäuser, okkulter Bücher und einer Hölle, wie Sie sie noch nicht gesehen haben. Ein wenig erinnert das alles an Good Omens, auch vom Tonfall her, ist aber weniger jugendfreundlich. In einem Rutsch weggelesen. Ich freue mich auf die Fortsetzung.

Claudia Speer: Der Normanne und die belagerte Stadt — historischer Roman, dritter in der Reihe, die ich Anfang letzten Jahres las. Der Humor ist hier etwas zurückgeschraubt, im Vergleich zu den Vorgängern. Dafür wuchern Ränke und Intrigen aus jeder Ecke, während Guy of Gisborne, sein Knappe Jakob und die schöne Heilerin Miriam versuchen, das Schwert Excalibur zu Richard Löwenherz zu tragen, damit Guy endlich nach England heimkehren darf.

Auch aufmerksamere Lesende als ich dürften sich in den verschiedenen Fäden verheddern und einige Überraschungen erleben — ich brauchte vor dem letzten Drittel eine Pause, weil mir das zwischendrin echt zu anstrengend wurde. Andere dürfte es eher dazu verleiten, den Roman durchzusuchten.

Neben einigen übriggebliebenen Kommafehlern finden wir hier ein Sittengemälde, das wohl allen Mittelalter-Romantiker*innen die Sehnsucht nach der guten alten Zeit austreiben dürfte.

Joachim Sohn: Sunnie & Pollis Meistererzählungen: Band 1: Aufregung in Dampfstadt — absurde Katzendetektivkomödie mit Steampunkiger SF-Note. Ausführliche Rezension in einem eigenen Artikel.

Christian von Aster mit benSwerk: Der Wasserspeier Fledermeier — illustriertes Buch nicht nur für Kinder. Wie immer gewohnt herzig, und wie immer nicht für Menschen illustriert, die es zuckrig mögen. Über das Angsthaben und das Mitfühlen mit Menschen, die anders aussehen als du.

Christian von Aster: Boar Boys — illustrierte Erzählung über einen Haufen krimineller Leprechauns. Ausgeliehen bei DasNixblix, die das Crowdfunding unterstützte und daher an eins der limitierten Exemplare gelangte.  Trotz oder wegen der Panzerfäuste eine wunderschöne und saukomische Ode an die Freundschaft.

Oscar Wilde: The Happy Prince and other stories — Kurzgeschichten, wie der Titel schon sagt. Ein Mix aus Erbaulichem, Traurigem und Gesellschaftskritik. (Nicht, dass die Kritisierten in den Geschichten etwas lernen würden, aber das ist ja leider öfter der Fall, vor allem im realen Leben.) Schönes Englisch mit exzellent ausgeführten allwissenden Erzählenden, wie von Wilde gewohnt.

Queer*Welten, Ausgabe 1/2020 — ein neues Magazin über Queerfeminismus und spekulative Fiktion bzw. phantastische Literatur. Die erste Ausgabe lässt sich mit drei Kurzgeschichten, sehr amüsanter Lyrik und einem Aufsatz über Rassismus bei Tolkien sehr gut an, sodass ich mir sicher die nächste Ausgabe ebenfalls gönnen werde.

Franz Kafka: Die Verwandlung — phantastische Erzählung. Aus mir nicht bekannten Gründen ist Kafka in der Schule genauso an mir vorbeigegangen wie Herrmann Hesse. Diese Erzählung über einen jungen Mann, der eines Morgens als riesiges „Ungeziefer“ aufwacht (wir müssen uns wohl eine Art Assel oder Tausendfüßler vorstellen), gefällt mir bis auf ihr Ende ausnehmend gut. Laut Nachwort war Franz Kafka mit dem Ende ebenfalls nicht zufrieden, aber er hatte wohl kein ordentliches Lektorat, das ihm da unter die Arme greifen konnte.

Diese Geschichte, in der sich immer weiter herausstellt, wie sehr die restliche Familie den Gregor Samsa ausgenutzt hat und wie sie darauf reagiert, dass er auf einmal nicht mehr nützlich ist, kann als Parabel auf allerlei gelesen werden, ob es nun ein Minderheitendasein an sich ist oder auch ganz schlicht darauf, wie eine Familie mit einer Suchterkrankung oder einer Depression umgeht. Weniger als die zahlreichen Beinchen des Gregor Samsa jagt die aus allen Löchern sickernde Lieblosigkeit in dieser Wohnung mir Schauer über den Rücken.

 

 

Sachtexte/Biographien (Auswahl):

Anna Wimschneider: Herbstmilch — Autobiographie. Eindringlich trotz oder wegen der einfachen Sprache. Gedanken dazu anderorts.

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. — Das feminisische Grundlagenwerk. Enthält mir insgesamt zu viel Psychoanalyse, ansonsten aber einige nachdrückliche und vor allem sehr kluge Einsichten in die hiesige Gesellschaftsordnung.

Andreas Mang: Aufgeklärtes Heidentum — eine kritische Betrachtung der Begriffe Religion, Gott, Glaube und von allerlei mehr. Erste, noch selbstverlegte Ausgabe. Fazit: Über die Natur von Gottheiten lässt sich trefflich streiten, insofern unterlässt eins das besser. Es hat dadurch schon genug Glaubenskriege gegeben. Die Orthodoxie, also den Glauben wichtiger als die Befolgung der Rituale zu finden, ist übrigens eine Erfindung des Monotheismus. Und: Selbst Odin hätte wohl Probleme mit Nazidenke. (Immerhin ist sein Pferd das Kind seines Blutsbruders.) Und Hitler war schwammig evangelisch und fand Heidentum abgeschmackt.

Anne Otto: Woher kommt der Hass? Über die psychologischen Hintergründe von Rechtsruck und Rassismus. — Eine Tour de Force durch Erkenntnisse zu autoritärem Denken, wie Staat und neoliberale Wirtschaft es befördern (Agenda 2010, irgendwer?), die Medien mit der Suche nach Empörungs-Likes die Sache nicht besser machen, und wo sich alle an die eigene Nase fassen müssen. Keine seelische Streicheleinheit, wie lieb und gut die Lesenden doch sind. Dafür extrem klug. Notiz: Ein zweites Mal lesen und dann ein eigenes Posting dazu.

 

Beruflich gelesen:

Kirsten Klein: Jaspers Lächeln — Psychothriller mit Heidelberg als Kulisse. Wer auf Thriller steht, findet hier Hochspannung ohne großen Ekelfaktor.

(Die anderen Texte sind für das zweite Halbjahr geplant. Nicht nur wegen Corona.)

Dazu wie immer unglaublich viel Fanfiction.

 

Kater auf Lachgas

Im Zuge des Drachennestfestes, das aus der Corona-Not geboren wurde, gewann ich den ersten Band von Joachim Sohns Sunnie & Pollis Meistererzählungen: Aufregung in Dampfstadt.

Ich versprach, einen eigenen Artikel mit Rezension zu schreiben — und das ist auch nötig, denn das Buch spottet jeder Beschreibung, die sich auf drei Absätze beschränken will.

Zunächst muss ich eine Warnung aussprechen: Dies ist ein illustriertes Buch für Menschen, die lange Sätze verstehen und seltenere Wörter mit den zugehörigen Anspielungen kennen. Also eher nicht für Kinder unter 12 und mehr so Geburtsdatum vor 1995. Lassen Sie sich von den putzigen Katern mit den schrägen Outfits auf dem Cover nicht täuschen.

Worum geht’s?

Die Kater Sunnie (Brille, schwarz-weiß gefleckt) und Polli (getigert, mit Schirmmütze) werden von dem schwarzen Kater Kiri O’City (mit Zylinder) genötigt, nach Dampfstadt zu reisen, um dort ein seltsames Phänomen aufzuklären.

Schon bei der ersten Begegnung mit Menschen aus Dampfstadt fällt ihnen auf, dass die alle so blöd grinsen. Sie vermuten eine Überdosis Lachgas. Und das scheint ihnen ein viel größeres Problem als dasjenige, das der Bürgermeister ihnen schildert. Obwohl der Bürgermeister und Kiri O’City ein straffes Programm für sie zusammengestellt haben, das ihnen bei der Lösung des bürgermeisterlichen Problems behilflich sein soll — unter anderem sollen sie eine Talkshow aufhübschen — machen sie sich an die Lösung des tatsächlichen Rätsels. Und helfen gleichzeitig einem TV-Laufburschen in Liebesnöten.

Und, wie ist es so?

In kurz: Sehr, sehr Meta, vor allem, was Medien und Konsum angeht. Und, wie schon im Klappentext steht: „Nicht für Klimawandelleugner geeignet!“

Was man bekommt:

Dampfbetriebene Science Fantasy.

Das Buch besteht den Bechdel-Test nicht (nur eine einzige ausführlichere Frauenrolle, die auch noch hinterher eine Typen abbekommt), aber die Holmes-und-Watson-ähnliche Symbiose der beiden Kater, die gefühlt nur pro forma Pronomen haben, entschädigt dafür.

Ein Paar Meisterdetektive, die selten mit- aber nie ohneeinander können. Und die trotz ihrer extrem schrägen Logik Fälle lösen.

Polli stieß diese Aufdringlichkeit übel auf, aber als tüchtiger Meisterdetektiv inspizierte er die Grinserei natürlich genau, indem er abwechselnd schnell das eine, dann das andere Auge zukniff, um nicht beim Beobachten durch das Gegenüber ertappt zu werden. Wie konnte dieser ihm so schon nachweisen, mit welchem Auge er ihn tatsächlich gerade ansah?

Insgesamt ein Plädoyer dafür, die richtigen Fragen zu stellen und sich ein bisschen über alltäglich Geglaubtes zu wundern.

Eine Detektivgeschichte mit einer halben Auflösung — welche Ursache das bürgermeisterliche Problem hat, bleibt vorerst offen. Dafür finden sich massenweise doppelte Böden, die für mich ein paar (nicht zu viele) Seiten mehr vertragen hätten, damit das Miträtseln für die geneigten Krimifans ein bisschen ertragreicher ist.

Ich bin mir im Übrigen sicher, dass ich nicht alle dieser doppelten Böden gefunden habe.

Selbige doppelte Böden und Erzählerkommentare von der Meta-Ebene machen eine Menge Spaß, vorausgesetzt, man kann so was ab. Wer sich schon am Anfang fragt, warum die beiden Kater in einer Spirale nach Hause wandern und Kiri O’City unvermittelt in HipHop-Moves ausbricht, hat keinen Spaß an der Geschichte.

Für Experimentierfreudige mit etwas Küchenerfahrung gibt es außerdem ein Rezept für eine Süßspeise zum Nachkochen.

 

 

Gelesen 2019

literature_by_ylanite kloppens auf pixybay

Bild von Ylanite Koppens auf Pixabay — Aziraphale/Erziraphael würde angesichts dieser Gefahr für arglose Bücher wohl verärgert die Lippen zusammenkneifen.

Hier handelt es sich um meine jährliche Auflistung an gelesenen fiktionalen Texten samt Kritiken und Meinungen. Statt Jahresrückblick. Nicht alle Bücher habe ich selbst gekauft, da sie mir geliehen oder geschenkt wurden. Geld oder andere Gegenleistungen erhalte ich nicht für derlei öffentliche Meinungsäußerungen, ich habe einfach so Spaß am Loben oder Zerfleddern.

Wie immer war die Sachliteratur sehr zahlreich und ich habe keine Liste erstellt.

Eine meiner neuen Arbeitsstellen können Sie sich unten per Google erschließen. Ich bin tatsächlich auf 450-Euro-Basis angestellte Lektorin, und das komplett ohne Germanistikstudium.

U-Literatur

Akram El-Bahay: Bücherstadt und Bücherkönig. Teil 1 und 2 einer Trilogie, die 2019 ihren Abschluss finden wird. Epische Fantasy, und zwar wortwörtlich, denn es geht um Fabelwesen und nichts weniger als das Schicksal der Menschheit. Ein Dieb, der keiner mehr sein will, begegnet in der riesigen unterirdischen Bibliothek Paramythia einem geflügelten Fabelwesen und beginnt zu ermitteln. Was hat die geheimnisvolle Beraterin des Königs damit zu tun?

Eine Geschichte, die von Beginn an mit mehr Action als Figurenzeichnung aufwartet, weshalb die Gewissensbisse des Helden Samir und seine Romanze mit der vermeintlichen Dienerin Kani zeitweilig wie Behauptungen auf mich wirken. Dafür bestechen die Romane mit einem ausgeklügelten Weltenbau jenseits des europäischen Pseudomittelalters und halten durchwegs bei hohem Tempo und schönen Wendungen die Spannung.

Claudia Speer: Der Auftrag des Normannen und Der Normanne, der Knappe und das verschenkte Schwert. Historische Romane, Teil 1 und 2 einer noch nicht beendeten Reihe. Die mir gut bekannte Kollegin hat sich mit Guy of Gisborne einen der Schurken aus dem Geschichtenkreis um Robin Hood gegriffen und selbigen nach Richard Löwenherz‘ Rückkehr von seiner Heimatinsel verbannt. Im ersten Band soll er für Richards Mutter im Schwarzwald einen unehelichen Spross des deutschen Kaisers finden. Doch schon am ersten Tag der Ermittlungen geschieht ein Mord. Guy und sein Übersetzer, der vierzehnjährige Jakob, stolpern von da an von einem Missgeschick ins nächste.

Die beiden recht schmalen Bände habe ich wegen Krankheit innerhalb von zwei Tagen in einem Rutsch durchgelesen. Trotz der hohen Geschwindigkeit gelingt es der Autorin, Guys menschliche Seiten zu zeigen (soweit bei diesem launischen Kerl möglich), und das Abenteuer mit exakt so viel Buddy-Komödien-Elementen und Seifenoperflocken aufzulockern, dass man den dritten Band gespannt erwartet.

Sophie Hénaff: Kommando Abstellgleis und Das Revier der schrägen Vögel — Krimis mit einer ordentlichen Portion Komik. Es heißt ja, in Tragödien scheitern die Figuren am Leben, in Komödien scheitert das Leben an den Figuren. Hier ist ein schönes Beispiel für diese Weisheit. Eine Horde in Ungnade gefallener Polizist*innen in Paris muss sich als Brigade für ungelöste Fälle zusammenraufen.

Zwischen genauer Beobachtungsgabe und brilliant ausgeführtem Slapstik bewegen sich die Figuren trotz ihrer tragischen Backstorys mit einer solchen Würde, dass man sie einfach lieben muss. Die Rätsel geraten da fast in den Hintergrund.

Dorothe Reimann: Elegie des Großen Krieges — Dabei handelt es sich um ein recht kurzes Weltkriegsdrama mit zwei Fäden: Einmal schreibt ein deutscher Soldat an der Somme Briefe, die er nicht abschickt, an eine ferne Angebetete. Zum Zweiten erleben wir in einem manchmal ins Allessehende wackelnden personalen Erzähler einen jungen Engländer auf der direkt gegenüberliegenden Seite der Stacheldrahtverhaue und Granatentrichter.

Die Toten des Ersten Weltkriegs, den hungrigen Alltag im Graben, die in Abgestumpftheit und Hass umschlagende Euphorie stellt die Autorin sehr drastisch und gewiss keinesfalls übertrieben dar. Ein Manko ist der sehr abrupte Schluss, der eine halbe Seite länger (aber keinesfalls mehr) hätte ausfallen dürfen. Wer auf glückliche oder wenigstens hoffnungsvolle Enden steht, sollte einen Bogen um den Text machen, alle anderen essen den fragwürdigen Eintopf mit und fragen sich, wie wir das überhaupt hingekriegt haben mit der EU.

Diverse: Basement Tales Vol. 2: Sperrgebiet — Sammlung mit fünf Kurzgeschichten, die ich gewonnen habe. Der Verlag The Dandy is Dead bietet hier eine Reminiszenz an die „Groschenhefte“ alter Zeiten, wobei hier die Gestaltung einen dezidiert künstlerischen Anspruch verfolgt und mit zwei Postern aufwartet, die beidseitig bedruckt vier von fünf Geschichten in Szene setzen.

Christoph Marzi wartet mit trashigem Monsterhorror auf, Diana Kinnes Zimmer 10 hätte für ein echt überraschendes Ende ein paar mehr Zeilen vertragen können, Christian Endres baut eine faszierende Dystopie auf, deren unoriginell motivierter Bösewicht jedoch enttäuscht. „Ist halt irre und hat Spaß am töten“ kommt nicht so häufig vor wie Psychothriller vermitteln, daher finde ich das so unglaubwürdig wie langweilig. Die letzten beiden Stories von Norman Liebold (Parzifal) und Isa Theobald (Im Kerker) dagegen sind echte Highlights, die plastische Beschreibungen und wunderbar überraschende Wendungen aufweisen und dabei das ganz alltägliche Grauen, das mehr oder minder wohlmeinende „Normalos“ fabrizieren, gezielt aufs Korn nehmen.

Benedict Jacka: Das Labyrinth von London — Urban Fantasy. Nicht beendet, da mich der Ich-Erzähler in seiner besserwisserischen Art irgendwie nervt, obwohl die Idee und der Weltenbau echt faszinierend sind.

Hanya Yanagihara: Ein bisschen Leben — Drama mit einem Hauch magischem Realismus. Vor Lesebeginn ist unbedingt zu überprüfen, ob genug Taschentücher im Haus sind. Ich habe über etwa ein Drittel der gut 900 Seiten geflennt. Neben einer dicken Triggerwarnung (Details bitte erfragen, da Spoiler) kann es durchaus sein, dass man beim Lesen eine gewisse Wut entwickelt. Man möchte Jude St. Francis und/oder dessen Umfeld schütteln und diverse andere Figuren töten und gleichzeitig das System einreißen, das so viele Machtgefälle produziert, und das immer noch funktioniert. Ich habe mich so aufgeregt, dass ich ausführlich wurde.

Laila Lailami: The Moor’s Account — historischer Roman. Eine kastilische Expedition aus Soldaten und Siedlern von 300 Menschen landet im 16. Jahrhundert an der Küste Floridas und begibt sich auf die Suche nach dem sagenhaften Gold der Apalachen. Doch die Geschichte vom Gold erweist sich als aufgebauscht. Plündernd zieht die Truppe durchs unbekannte Land, verirrt sich und wird von den Ureinwohnern, Alligatoren und Krankheiten aufgerieben, bis nur noch vier übrig bleiben: Drei spanische Edelmänner und ein Sklave des einen, „Estebanico“ aus Azemmour, heute in Marokko, damals von den Portugiesen besetzt. (Unterschätzen Sie nie den Anteil der portugiesischen und spanischen Händler am weltweiten Sklavenhandel.)

So weit die tatsächlichen Ereignisse. In den offiziellen (und sicher geschönten) Quellen kommen natürlich nur die Edelleute zu Wort, der „Mohr“ wird in gerade mal einem Satz erwähnt. Laila Lailami gibt diesem „Mohren“ einen Namen und eine Stimme und fragt in einer bis zur letzten Seite spannenden und bewegenden Geschichte nach Gier, Freiheit und diesem lästigen Ding namens Hoffnung.

Christian von Aster: Der letzte Schattenschnitzer — urbane Phantastik. Auch wenn weder das Cover noch der Klappentext darauf hinweisen, handelt es sich hierbei um Urban Fantasy für Menschen ab 14, und keinesfalls für Kinder. Der Weltenbau ist faszinierend, da hier Menschen über Schatten gebieten (oder auch nicht), und Christian von Aster gewohnt liebevoll und detailreich eine ganze Historie (samt erfundener, zitierter Quellen) aufbaut. Insgesamt hätte die Geschichte ein bisschen mehr Substanz vertragen, sie ist mir einfach zu kurz und hält außer ihrer Spannung häufig mehr Distanz als nötig.

Tilman Spreckelsen: Gralswunder und Drachentraum — Ein Streifzug durch die Artuswelt. Der Autor stellt ausgewählte Figuren mittelalterlicher deutscher Romane in literatischen und oftmals pointierten Kurzportraits vor. In einer Grauzone zwischen Sachbuch und Fanfiction entsteht damit ein so amüsantes wie faszinierendes Panorama von Figuren, die einst die Gemüter Europas bewegt haben.

Diverse: Dunkle Ziffern — Eine Anthologie zugunsten Dunkelziffer e.V.. Realistische und fantastische Kurzgeschichten beleuchten Dinge, die oft wenig Beachtung finden, und bei denen man lieber wegschaut. Die meisten beschäftigen sich mit sexueller Gewalt (häufig an Kindern), dazu gibt es ein Märchen über Depression, eine Geschichte über Zeugenschaft und eine sehr schöne Geschichte über Trauer. Trotz der bedrückenden Thematik verstehen sich alle Geschichten als eine Botschaft: Dass man nicht allein mit diesen Erlebnissen ist und dass die Schuld allein beim Täter liegt (wo es einen Täter gibt). Diese Dinge passieren nicht einfach, nein, jemand trifft die Entscheidung, einem anderen Menschen dies anzutun.

Einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben Boot Hill – Hügel der Stiefel von David Gray und Tom Dauts Schweigen für ihre beklemmende Atmosphäre, Pasch von Fräulein Spiegel für den Weltenbau und ein überzeugendes Dilemma, Rot von Germaine Paulus für seinen rätselhaften Minimalismus, Sehnsucht von Isa Theobald wegen seiner Bildgewalt, BKA vs. King von Theresa Hannig und Alt + Entf. von Nina George für diverse Überraschungen, und Angeleckt von Luci van Org für die Dame in Rot. Absolute Lieblinge sind Christian von Asters Der letzte Eindruck wegen seines unvergleichlichen, warmen Humors und Ungeliebt von Sonja Rüther, die der Schuld eine Stimme gibt — aber nicht die, die man erwartet.

Klara Bellis: Die Kaiserin der ewigen Nacht — Urbane Fantasy. Aus einem elfischen Gewächshaus entkommt eine blutsaugende Pfanze und taucht in der Welt der Menschen unter. Die Elfe Trywwidt wird geschickt, um sie zurückzuholen, doch schon vom ersten Moment an geht alles bei der Mission schief.

Ich habe hier ungefähr bei einem Fünftel aufgehört zu lesen. Die Handlung kommt recht gemächlich in Gang, ein ausführlicher Subplot ist (zunächst) nur sehr lose mit dem Hauptgeschehen verknüpft, und die wahrscheinlich komisch gemeinte extreme Überzeichnung der Charaktere ist mir zu unglaubwürdig und für mich eher herablassend als komisch.

Saxo Grammaticus: Gesta Danorum, Übertragung ins Deutsche von Paul Hermann 1901. — Die ultimative, halbmythische Geschichte der Dänen, erstellt im 12. Jahrhundert. Angefangen habe ich es, um noch ein paar Hinweise auf die vorchristliche Götterwelt zu erhaschen, was dazu führte, dass ich nach den ersten gefühlt ziemlich sinnfreien Kriegszügen und Heldentaten sagenhafter Könige die Suchfunktion bemühte, um Othins oft  recht wankelmütige Unterstützung seiner Anhänger zu verfolgen.

Marie Brennan: Im Labyrinth der Draken und Im Refugium der Schwingen. Mehr naturhistorisch geprägte alternative Phantastik. Mit ein bisschen Romanze. In den letzten beiden Bänden der Serie um Lady Trents Memoiren wartet die Autorin noch mit ein paar wunderbaren Wendungen auf, sodass ich sehr glücklich mit diesem würdigen Abschluss bin.

Terry Pratchett und Neil Gaiman: Good Omens — humorvolle Fantasy im Englischen Original. Nachdem ich die Amazon-Serie gesuchtet hatte, war ein drittes Mal lesen angesagt. Wir haben es mit Aziraphale, einem Engel, zu tun, der höflich, aber ein bisschen ein Arsch ist, und einem unhöflichen, aber eigentlich ziemlich mitfühlenden (und saumäßig kreativen) Dämon namens Crowley. Beide sind seit 6000 Jahren auf der Erde stationiert, haben sich angefreundet (oder pflegen eine romantisch-nichtsexuelle Beziehung ???) und setzen daher alles daran, um die drohende Apokalypse abzuwenden.

Die ersten beiden Lesedurchgänge fanden um 2003 und 2005(?) statt. Damals fand ich das Buch saumäßig lustig, außerdem bin ich immer für zivilen Ungehorsam und die Hinterfragung von „es steht geschrieben“. Die Crowley-Aziraphale-Dynamik hatte damals genug Schwung, um mich ein wenig Fanfic suchen zu lassen — in den meisten Fällen hatten die zwei dann irgendwann Sex.

Beim dritten Lesen stieß mir der herablassende Tonfall gegenüber manchen Nebenfiguren auf. Und die Serie, die Serie gefällt mir besser. (Sie hat mein Gehirn gefressen, um genau zu sein, siehe unten.) Weil der Tonfall nicht so herablassend ist, weil Crowley trotz einiger Vorkommnisse seinen Mut zusammenkratzt und nicht handelt, weil er Optimist ist. Weil Aziraphale in Gabriel einen verflucht gruseligen Endgegner hat. Und weil der Cast echt saumäßig gut spielt. — Jedenfalls ist es wohl sinnvoll, Buch und Serie als zwei verschiedene Werke zu betrachten, die sich in der Handlung ähneln, aber wo der Plot (also die Gründe für die Handlung) unterschiedlich ist.

Lili S. McDeath: The Price of Normal — Eine englischsprachige, zeitgenössische Novelle, die noch kürzer ist als meine A-Karte. Nachdem Dominic einen Nervenzusammenbruch hat, weil seine Noch-Ehefrau ihn zu Sex überredet hat, organisieren seine drei Kinder und sein Bruder eine nächtliche Fahrt zu einem alten Bekannten, der vielleicht helfen kann.

An einem bösen Schnitzer merkt man, dass die Autorin Deutsch als Muttersprache hat, ansonsten ist der Stil gefühlt etwas ungelenk (die Autorin sucht ihre Stimme wohl noch), aber flüssig lesbar. Die Geschichte an sich ist spannend, leider fehlt gefühlt das letzte Drittel bzw. galoppiert sie auf der zweiten Hälfte, sodass Dominics Figurenentwicklung ein wenig zu kurz kommt. Nachteilig finde ich auch, dass in fünfzehn Kapiteln sechs (!) Ich-Erzählende zu Wort kommen, sodass man die erste halbe Seite jeweils damit beschäftigt ist herauszufinden, wer nun eigentlich gerade spricht. Ein bisschen mehr Text hätte der Geschichte gut getan.

Luci van Org: Vagina Dentata — Eine feministische Fantasy-Komödie, die aber nicht männerfeindlich ist. So beschrieb die Autorin ihr erklärtes Ziel auf einer Lesung, die ich besucht habe. Es ist ihr gelungen, das umzusetzen. Und es ist saumäßig lustig, egal ob sie sich nun Diskussionen über Feminismus, Empowerment-Seminare, schönheitschirurgische Auswüchse der Mode oder Mandarinen vornimmt.

Christian von Aster und benSwerk: Der kleine Golem — Ein bebildertes Buch nicht nur für Kinder über Bücher und Freundschaft. Herzerwärmender kleiner Text, den ich hinterher an ein Kind verschenkt habe. Ich würde fast so weit gehen, von einem im wahrsten Sinne des Wortes illuminierten Text zu sprechen.

Laetizia Colombi: Der Zopf — gesellschaftskritischer Roman, gelesen auf Empfehlung der fabelhaften Nixblix. Die französische Autorin verflicht geschickt drei Frauenschicksale auf drei Kontinenten: Eine Dalit, die für Almosen anderer Leute Plumpsklos reinigt, die Miterbin der letzten Perückenknüpferei von Palermo und eine erfolgreiche Anwältin im Quebec. Über einen Zopf sind die drei miteinander verbunden und wir begleiten sie einen kurzen Teil ihres Weges zu mehr Selbstbestimmung.

Obwohl die Sprache oft schlicht wirkt, entwickelt die Geschichte einen unglaublichen Sog, und ich für mein Teil war traurig, die drei ziehen lassen zu müssen.

Claudia Konrad: Schwarze Villa — Regionalkrimi mit einer Extraportion Schauerroman. Meine Kollegin verwurstete die Sarow’sche Kunstaktion, eine Gründerzeitvilla über Nacht komplett schwarz anzumalen, mit der Erlaubnis des Künstlers. Das Ergebnis ist gruselig, spannend und dort, wo alte Familiengeschichten aufs Tapet kommen, sehr bewegend, hätte aber diesbezüglich noch ein bisschen emotionaler sein können.

Der fortgesponnenen Liebesgeschichte des kauzigen Ermittlers mit seiner Lebensgefährtin hingegen merkt man ein bisschen an, dass die halt rein musste,  die Autorin aber nicht so recht Lust drauf hatte. Die resultierende unsexy Sexszene und einiges an Geturtel hätte ich der Kollegin denn auch als Lektorin gestrichen und sie noch einmal auf Subplotsuche geschickte. Ein wenig befremdlich mutet auch der indirekt wiedergegeben innere Monolog im Präsens an. Egal: An einem Abend in einem Rutsch verschlungen.

Mary Wollstonecraft (Godwin) Shelley: Frankenstein, or The Modern Prometheus — Klassiker der (Schauer-)Literatur im englischen Original. Nach etwa einem Drittel kurzfristig unterbrochen und ehrlich überlegt, ob ich mir den Rest gebe. Hamlet fand ich schon nervig, ab selbst der hat an selbsmitleidiger Rumnölerei nix gegen den jungen Werther (nie fertiggelesen) und Victor Frankenstein. Letzerer nölt nicht nur rum, sondern legt sich lieber mit Nervenfieber ins Bett, als sich um den Mist zu kümmern, den er verursacht hat.

Zugegeben, der Konflikt Kreatur/Schöpfer entwickelt dann doch noch eine gewisse Spannung, aber ingesamt ist nicht das Monster gruselig, sondern die Hauptfigur, die getrieben von ihrem Ambitionen zu spät so etwas wie Verantwortungsbewusstsein entwickelt. Wir stellen außerdem fest, dass dieses Zeugnis der Kritik an Ehrgeiz, der das Hirn ausschaltet, der Menschheit wenig dort in Erinnerung geblieben ist, wo es nötig gewesen wäre.

Außerdem wie immer (zu) viel Fanfiction. Nachdem Marvels Endgame mit einigen Figurenentwicklungen sehr enttäuschte, kam mir das Good-Omens-Fandom als neue Obsession gerade recht.

Profi-Gelesenes:

Hier habe ich Geld fürs Lesen und Lektorieren erhalten. Aber nicht, um diese Liste zu erstellen.

Renate Schostack: Fräulein Ava Laurin — autobiographisch angehauchter, zeitgeschichtlicher Roman. Posthum und daher mit Fingerspitzengefühl und gelegentlichem sorgenvollem Bauchgrimmen bearbeitet.

Uschi Gassler: Biographie des Tötens — Spionage/Thriller mit einer hinreißenden Familiengeschichte im Hintergrund.

Eva Klingler: Erinnerung an einen Tod — Regionalkrimi, der auf dem Fall Hau in Baden-Baden basiert, mit humoristischem Einschlag.

Tatjana Gelwig: Flüstern um Mitternacht — Gay Fantasy/Yaoi mit Werwölfen. Wer gern viel Sex in seinen Geschichten hat, ist hier richtig.

Pia Backmann: Der Elbische Patient — Fantasy-Liebesdrama mit unschlagbarer Frauenquote.

(Zwei davon wurden schon 2018 bearbeitet, sind aber erst 2019 erschienen. Dafür einen Haufen Sachliteratur, zwei Zeitschriften, einen Kurzroman und diverse Ausstellungskataloge und so was korrigiert. Und Kram lektoriert, der erst 2020 erscheinen wird.)

Wortloser Wälzer: „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Es gibt so Dinge: Je länger man über sie nachdenkt, desto gruseliger werden sie.

Mir geht es so mit dem viel gelobten Roman „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara.

Und damit zunächst eine Inhaltswarnung: Ich muss für meine Überlegungen spoilern —

— und wer komplett überrascht werden will, muss jetzt wegklicken —

— ehrlich —

Ein wenig Leben

— und daher erwähne ich sexualisierte Gewalt, Selbstverletzungen, Ace-Feinlichkeit und Selbsttötung.

Worum geht es?

Wie verfolgen eine Gruppe von vier Freunden in einem New York, das wie in der Zeit eingefroren scheint. Weder gesellschaftspolitisch noch technologisch tut sich in den erzählten fünfzig Jahren viel. Zwei von diesen Freunden, Will und Jude, kommen sich langsam näher, beginnen eine romantisch-sexuelle Beziehung. Diese droht daran zu scheitern, dass Jude Sex absolut nichts abgewinnen kann. Weil er mit Will nicht darüber sprechen kann/will, ritzt er und landet schließlich nach einem Selbsttötungsversuch im Krankenhaus. Erst danach einigen die beiden sich auf eine halboffene Beziehung.

Warum schweigt Jude?

Jude ist eine Waise, der erst in dem Kloster, in dem er aufwuchs, sexuell missbraucht wurde und auch danach immer wieder an Täter geriet, ob auf einem Fluchtversuch oder in einem anderen Waisenhaus. Bei einer solchen Flucht vor einem Täter wird Jude von diesem angefahren und hat seitdem eine Gehbehinderung.

Jude sucht den Fehler immer bei sich, zumal die Täter ja auch immer bequemerweise behaupten, dass er als Opfer schuld ist. Er bekommt es in seinem ganzen Leben nicht hin, über seine Erfahrungen zu sprechen.

Kaum sieht alles halbwegs gut aus mit Judes Leben, stirbt Will bei einem Unfall. Jude hat nach diversen Selbsttötungsversuchen endlich den gewünschten Erfolg.

Und damit zum ersten Problem:

Schon anhand dieser Kurzbeschreibung wird klar: Der Text drückt heftigst auf die Tränendrüsen. Und zwar, wenn man Äußerungen der Autorin glauben darf, mit voller Absicht. Ob eine derartige extreme emotionale Achterbahnfahrt dazu beiträgt, die Message rüberzubringen, sofern man eine hat, lasse ich mal dahingestellt. (Siehe dazu eine andere Kritik.) 

Man will Jude abwechselnd knuddeln, schütteln und feiert jeden seiner Schritte in Richtung Vertrauen zu guten Menschen. Bis zum Ende hofft man, dass dieser Mensch doch noch die Kurve kriegt.

Tatsächlich beschreibt der Roman in teilweise grausam genauen Details nicht nur Misshandlungen, sondern vor allem die Selbstbeschuldigungen im Gehirn eines Opfers von sexualisierter Gewalt und die Katastrophenspiralen, die depressive und PTSD-Gehirne so gerne verfolgen.

Aber: Wir hören diese Worte nicht. PTSD. Depression. Katastrophieren. Wir hören nicht einmal, dass es Worte für diese Phänomene gibt. Dass das bekannte Mechanismen sind, mit denen Gehirne sich aus einer grausamen Welt einen Sinn zusammenreinem, der ihnen am Ende selbst schadet.

Manche Lesende mögen sich in diesen Denkmustern wiedererkennen, aber was tun sie, wenn sie die Worte nicht haben? Werden sie über ihre Gedanken und Gefühle sprechen, statt wie Jude, der sich in all seinem Selbsthass manchmal zum Märtyrer stilisiert, weiterhin ihre Trauer und ihre Wut an sich selbst auszulassen?

Andere, die das Glück hatten, weder Opfer noch depressiv zu sein, werden vielleicht nie merken, dass diese Beobachtungen eine gewisse Allgemeingültgkeit haben. Oder sie werden glauben, dass all diese Katastrophengedanken und Selbstbeschuldigungen erst entstehen, wenn eine Person so (literarisch übertrieben?) leidet wie Jude.

Als Autorin hätte ich da wenigstens ein entsprechendes Nachwort angefügt. Nennen Sie es mein vielleicht zu hoch entwickeltes Verantwortungsbewusstsein, aber ich kenne einfach zu viele Menschen mit Narben an den Armen. (Jeder Mensch ist einer zu viel. Hi! <3 ) Und in der weiteren Familiengeschichte sind ein Paar Tote, über deren Depressionen nur noch spekuliert werden kann. (Aber prinzipiell stürzen sich wenige geistig stabile Personen von Scheunen, wenn sie die Herzallerliebste nicht heiraten dürfen.)

Ob all dies Leid durch einen Roman mit den richtigen Worten vermeidbar gewesen wäre – wer weiß das schon.

Aber wenn in der Zukunft nur eine einzige Person sich Hilfe sucht oder endlich für ihre Erfahrungen einen Kontext hat, dann lohnt es sich, sie mit Worten zu versorgen.

Und dann noch mein zweites Problem.

Jude findet Sex grauenhaft. Da Jude nicht gern drüber nachdenkt und nie darüber redet, kriegen wir (und er) nie heraus, ob das eine Spätfolge seiner Erfahrungen ist oder ob er zufällig auch asexuell ist. Er selbst erwähnt „Asexualität“ mit keinem Wort.

Umso gruseliger ist es, dass Will und die anderen beiden wichtigen Figuren darüber spekulieren, weil Jude nie Verabredungen hat oder flirtet. Und dass Will es dann nicht hinkriegt, Jude auf das Thema anzusprechen, als es aktuell wird.

Also: Ein Typ, der vermutet, dass sein Partner asexuell ist, merkt, dass dieser Partner mit Sex Geduld braucht, aber darüber ungern redet bzw. keine Worte für seine Probleme hat. Und dann spricht der Typ seinen Partner nicht auf diese Vermutungen an und unterlässt es mehr oder weniger absichtlich, seinen Partner mit vielleicht dringend benötigtem Kontext zu versorgen.

Aus Angst, dass der andere das bestätigt und es dann keinen Sex mehr gibt? (Dabei gibt es auch Aces, die Sex haben. Und es gibt je nach Beteiligten kreative Lösungen. Aber dafür braucht es Kontext.)

Jedenfalls: Aua. Consent geht anders.

Keine Ahnung, ob die Autorin darüber nachgedacht hat. Sie verfolgt den Faden, der ja durchaus einiges an der Handlung hätte anders laufen lassen können, nicht weiter. Weil? Tja.

Wenn ich das wüsste.

Hat das Bingo zugeschlagen?

Immerhin: Die Hauptfigur hat ein sexuelles Trauma, ist depressiv und körperlich behindert.

Eins von drei reicht üblicherweise aus, um damit die Selbstbeschreibung einer Person als asexuell zu entwerten.

Wenn die Figur noch von Männern sexualisierte Gewalt erfahren hat und zufällig schwul wäre, dann ergäbe sich daraus die Schlussfolgerung, dass sie da was verdrängt. Oder so.

Wie gesagt, nichts Genaues erfährt man nicht.

Nun mag es sein, dass Erfahrungen sexualisierter Gewalt und Asexualität für manche a_sexuellen Menschen unaufdröselbar verbunden sind. Wenn jemand sagt: „Ich bin ace und das hat den und den Grund“ – wer will sich anmaßen, hier die Identitätspolizei zu spielen?

Aber dazu braucht es Wörter, nicht wahr.

Und wenn wir ein einziges Mal in dem gesamten Text das Wort „asexuell“ für eine Figur hören, die vier Bingofelder bedient, aber sich selbst nur mit „keine Ahnung“ äußert, dann ist das, so aus dem Blickwinkel der Repräsentation, nur so mittelgut.

Unlustige Pointe:

Laut einem Interview, das ich via SpON in der Welt gefunden habe, geht es Hanya Yanagihara bei ihrem Wälzer um Männerfreundschaften auch um Folgendes:

… dass Gefühle wie Liebe oder Angst von den meisten Männern auf vollkommen andere Weise zum Ausdruck gebracht werden als von Frauen, die diese Gefühle direkt ansprechen oder einander einfach nur umarmen. Viel von dem, was meine Figuren im Laufe ihrer jahrzehntelangen Freundschaft sagen, heißt kurz gefasst: „Ich kann darüber nicht sprechen. Ich habe dafür kein Vokabular.“

Nu ja.

Knapp tausend Seiten auf Deutsch, und trotzdem, meiner unbescheidenen Meinung nach, hat sie ein paar echt hilfreiche Wörter vergessen.

Kein Vokabular eben.

Aber auf eine Weise, die mich mal wieder darüber ranten lässt, dass Geschichten niemals im leeren Raum stehen und dass Geschichtenerzählende durchaus so etwas haben wie Verantwortung.

 


 

Wo wir’s grade von Depressionen haben, mein Hirn ist letzten Mittwoch aufgegangen.

Ist halt immer die Frage, wie schlimm es ist, und wenn eine durchschläft, nicht aus Überforderung anfängt zu weinen und jeden Morgen freiwillig aufsteht, isses wohl nicht ganz so heftig.

Aber: Auf einmal bin ich wieder motiviert und so. Muss trotzdem auf mich aufpassen.

Silvester/ Gelesen 2018

Wie im letzten Jahr auch: Ein Rückblick in Büchern.

Meine stressbedingte Beinahe-Depression vom Frühjahr habe ich bemerkt insofern, als dass ich mich weniger auf neue Texte eingelassen habe und stattdessen letzten Winter und im Frühling lieber Fanfiction neben den Korrektoraten für Jinntöchter und das Albenerbe wälzte. Mittlerweile habe ich den Job gewechselt und es geht mir wieder besser, aber ich war schon mal stärker belastbar.

Egal, wie 2018 für euch alle war: Ich hoffe, 2019 wird besser. Guten Rutsch und so.

Und damit zu den Büchern und den Meinungen dazu.

Das habe ich verursacht:

Ich muss gestehen, auf Die A-Karte und Jinntöchter bin ich stolzer als auf Albenherz, weil ich da am Ende hauptsächlich froh war, dass ich es fertig hatte und es trotzdem Sinn ergab. Eindeutiges Zeichen, dass ich mit diesen Jungs erstmal durch bin.

Das habe ich gelesen:

Ältere Edda — Diverse Unbekannte: Nachdem ich genug Thor-Fanfiction und etwas Sekundärliteratur (Bonnetain: Loki, Beweger der Geschichten, unbedingte Empfehlung für Interessierte) konsumiert hatte, im zweiten Anlauf durchgelesen. Tatsächlich eröffnet ein Blick in die Sekundärliteratur einige mögliche Deutungsweisen vor allem der Götterlieder. Ohne das Wissen um die langen Nächte im winterlichen Skandinavien kann eins das alles aber auf keinen Fall durchblicken, meine ich.

The Dark Forest — Liu Cixin: Gelesen mit einer Unterbrechung, denn der zweite Teil dieser Zukunftsvision nimmt in der ersten Hälfte nur langsam Fahrt auf. Dafür endet er aber mit einem umso größeren Knalleffekt. Wiederum besticht der Autor mit klugen Beobachtungen und deren Extrapolation in eine nahe bis fernere Zukunft. Das Ende ist aber so passend, dass ich nicht weiß, ob ich den dritten Band auch noch lesen will. Und ich weiß nicht mehr, ob ich will, dass uns jemand da draußen hört.

Lagoon — Nnedi Okorafor: Was würdest du tun, wenn plötzlich ein Alien mit deinem Präsidenten sprechen möchte? Eine kluge Betrachtung über Menschen (und wie sie mit Veränderungen umgehen) im Allgemeinen und über die Menschen von Lagos, Nigeria, im Besonderen. Außerdem eine Liebeserklärung an selbige Stadt.

Die Buchmagier — Jim C. Hines: Rasantes Nerdabenteuer mit überraschenden Wendungen. Positiv zu vermerken: Der Autor macht sich Gedanken über die Neigung anderer Männer, Frauen als Objekte zu sehen. Eine Beziehung zwischen zwei Frauen und eine angedeutete schwule Liebe werden mit angenehm wenig Aufhebens behandelt.

Gylfaginning/Gylfis Täuschung — Snorri Sturluson: Ein Wettstreit um zu beantwortende Fragen, wie sie schon in der Älteren Edda vorkommen. Dabei füllt Snorri Sturluson die Lücken zwischen dem einen oder anderen sogenannten Götterlied der Älteren Edda (s.o.). Das reicht von einer Aufzählung von Fakten und Namen bis zu ausführlichen Geschichten, wobei die Berichterstattung durchaus als tendenziös erkennbar ist, also christlich eingefärbt.

I Bring the Fire 1: Wolves — C. Gockel: Für Kenner:innen als Verwurstung einer Loki/Darcy-MCU-Fanfic noch erkennbar. Teil 1 ist kostenlos, der Rest dann zahlungspflichtig. Ich bin in Teil 1 bis zur Hälfte gekommen. Ohne die zufällig ins Bild fahrende Protagonistin mit extremer Oberweite wäre die Story wohl temporeicher ausgefallen. Was interessiert mich eine Studentin der Tiermedizin, wenn Loki seine Söhne retten muss?

Der Weg nach Vinland Margaret Elphinstone: Historischer Roman anhand einiger isländischer Sagas, wie meine Jinntöchter verschachtelt als Geschichte in der Geschichte. Eine alte isländische Pilgerin erzählt einem jungen Mönch, wie sie wegen der sie umgebenden Mannsbilder erst nach Grönland kam und es sie dann für drei Jahre nach Vinland (also heute Neufundland, Kanada) verschlug. Gut recherchiert und spannend, obwohl wir wissen, dass sie heil heimgefunden hat.

Die Naturgeschichte der Drachen (Lady Trents Memoiren 1) — Marie Brennan: Die alte Lady Trent aus einer Alternativwelt mit völlig anderer Geographie erzählt in ihren Memoiren, wie ihre Begeisterung für Drachen sich entwickelte und wie ihre erste Forschungsexpedition verlief. Ähnlich wie Naomi Novik schlägt Marie Brennan hier absolut gekonnt einen altertümlichen Tonfall an. Auch zu erwähnen: Dieser Text ist wegen seines Settings und der Drachen Phantasitk — aber der Fokus liegt tatsächlich auf Naturgeschichte, was einen besonderen Reiz entwickelt. Wer allerdings Elfen, Zauberei und dergleichen erwartet, muss woanders hingehen.

Der Wunschtraum — Dana Brandt: Dana Brandt verehrte mir eine Druckausgabe ihrer Weihnachtsgeschichte 2017. Die ist kurz und so herzerwärmend, dass ich über die Kommafehler locker hinweglas.

Aussen – Asgard – Tag (Die unverfilmten Drehbücher von Loki & Thor) — Axel Hildebrandt: Zwischen Schenkelklopfern und feiner Beobachtungsgabe angesiedelte Szenen zweier heidnischer Gottheiten, die sich mit dem modernen Leben herumschlagen. Hab mich im Zug kringelig gelacht.

Geistkrieger — Sonja Rüther: Ein Alternativwelt, in der Nordamerika nie Kolonie war, also von den First Nations selbst verwaltet wird. Ein schottischer Zuwanderer, der in einer Polizeieinheit für spirituellen Missbrauch landet, gerade, als eine unappetitliche Mordserie beginnt. Eine spannende Was-wäre-wenn-Geschichte, die leider nicht komplett in sich abgeschlossen ist beziehungsweise mit einem recht offenen Ende aufwartet. Würde sich prima für eine Mystery-Crime-Serie bei Netflix eignen. Ansonsten haben wir es eher mit einem handlungs- als einem figurenbezogenen Plot zu tun. Ein bisschen sauer stößt mir auf, dass europäischer Rassismus eher so ein Rand-Ding ist und die Story daher nicht ausreicht, unsereins einen Spiegel vorzuhalten.

Boschs Vermächtnis — Christian von Aster (Hrsg.): Eine Sammlung Kurzgeschichten zu dem opulenten wie rätselhaften „Garten der Lüste„. Wie immer bei so etwas gibt es Geschichten, die mich berührt haben und welche, bei denen ich mich am Kopf kratzte. Um den Platz als Liebling streiten: Luci van Orgs „Vogeltränke“, „Spannerhase“ von Sonja Rüther, „Flügel“ von Tom Daut und „Nachtmahr“ von Robin Gates. Ansonsten empfehlen kann ich „Azurit“, „Serge wohnt hier nicht mehr“, „Dem Berg die Buße“, „Die Muse des Meisters“, „Am Baum der Erkenntnis fault die Frucht“, „Damenwahl“, „Der wilde Hannes“, „Die Krüppel von Burgos“, „Fliegenfische“ und „Die Parabel vom Zwielicht.“ Also: Wenig Ausfälle dabei, vor allem nicht, wenn eins sich auf Nicht-Phantastisches und waschechten Horror einlassen kann.

The Girl on the Train — Paula Hawkins: Gelesen im englischen Original und sehr schnell weggeputzt, da dieser hochspannende Psychothriller wirklich meisterhaft gleich drei unzuverlässige Ich-Erzählerinnen im Tagebuchstil verwebt. Es hat einen Grund, warum die drei Erzählerinnen unzuverlässig sind, aber den zu verraten wäre spoilern. Nebenbei watscht die Autorin ganz locker aus dem Handgelenk den alltäglichen Sexismus ab.

Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten — Becky Chambers: Eine Space Opera im wahrsten Sinne des Wortes: Weltraum und Beziehungen. Statt viele Explosionen treffen wir eine ehrlich diverse Multi-Spezies-Crew und den am wenigsten machohaften Captain, der mir je begegnet ist. Wie diese Truppe sich immer wieder zusammenrauft und ihre mehr oder weniger alltäglichen Probleme bewältigt, ist verflucht sehens- und liebenswert.

Verdrängter Verdacht — Mary Westmacott (Agatha Christie): Ein nicht besonders hoffnungsvoller Gesellschaftsroman, der es schafft, so spannend zu sein wie jeder Krimi der Grand Dame desselben. Eine in der Wüste festsitzende Reisende hat viel Zeit zum Nachdenken über Mann und Nachwuchs. Dabei fördert sie Erstaunliches zutage. Nebenbei ein treffend böses Sittengemälde der späten 1930er Jahre. Erschienen 1944, deutsche Übersetzung von 1988.

S. (oder: Das Schiff des Theseus) — JJ Abrams und Doug Dorst: Ohne die Randbemerkungen wäre „V.M. Strakas“ Romantext nur eine surreal anmutende Betrachtung von Identität, denn einen Mann ohne Erinnerungen verschlägt es auf ein Albtraumschiff und zu einer selbstgewählten, grimmigen Aufgabe. Aber ein Doktorand stiehlt ein Exemplar des Romans aus einer Bibliothek und macht am Rand Notizen. Eine Studentin findet das Buch, fügt ihre eigenen Notizen hinzu und gibt es zurück. Das Resultat ist eine meisterlich nicht linear erzählte Schnitzeljagd nach V.M. Strakas Identität, dem S., der Übersetzerin F.X. Caldeira und der Frage, was ich von einer Person wissen muss, um sie zu lieben. Zu empfehlen ist, sich ein leeres Wochenende dafür vorzunehmen, denn wer lange unterbricht, verliert den Faden. Sollte außerdem nicht im Bett, bei starkem Wind, im Zug oder auf dem Klo gelesen werden.

Fiese Deals — Claudia Konrad (mit Ernst Merz und Uschi Gassler): Eine Sammlung von zehn Lokal-Kurzkrimis und drei Gedichten. Ein paar Fälle machen wirklich Spaß bzw. warten mit originellen Täter*innen auf, vor allem die vier Joint Ventures mit Uschi Gassler, außerdem „Peractum est“ und „Chemie“. „Wahlkampf“ hätte eine pointierte Betrachtung der hiesigen Politik sein können, versteigt sich dann aber in den Giftanschlag einer schizophrenen Migrantin, was doch eher sauer aufstößt. Genauso wird in einem anderen Fall ausgerechnet die einzige Person of Colour zum Täter.

Ich habe ihn getötet — Keigo Higashino: Wie bei Paula Hawkins oben lesen wir in diesem Krimi drei unzuverlässige Ich-Erzählende. Das Verwirrspiel um den Tod eines menschlich unzulänglichen Autors ist schnell und spannend, wartet aber mit keiner klaren Lösung auf — dazu braucht es die Anleitung am Ende des Buchs. Ein Mitratekrimi auf hohem Niveau, der trotz aller menschlichen Abgründe aber nicht an Hawkins‘ Geniestreich heranreicht. Vielleicht auch, weil er sehr typenzentriert ist.

Perfect Rhythm — Jae: Lesbischer Liebesroman, solide Unterhaltung. Rezension ist beim Verein.

Der Wendekreis der Schlangen (Lady Trents Memoiren 2) und Die Reise der Basilisk (Lady Trents Memoiren 3) — Marie Brennan: Die Autorin versteht weiterhin rein naturgeschichtlich zu unterhalten und besticht mit zielgenauen Beobachtungen über (Forschungs-)Reisende im Besonderen, Menschen und ihre Kulturen im Allgemeinen und ihrem steampunkig angehauchten Einfallsreichtum. Die Spannung hält sie aufrecht mithilfe von Andeutungen und wohldosierten Erkenntnissen aus der Archäolgie und der Biologie von Drachen. Kein Gekloppe um Throne, kein fieser Endgegner-Bösewicht, sondern Wissenschaft als Mittel zum Suspense. Das ist etwas, das muss man Marie Brennan erstmal nachmachen. Andererseits ist es halt eine Serie, also sind die Texte alle typähnlich.

Der Orkfresser — Christian von Aster: Keine Ahnung, wie dieser Roman zu seinem Titel gekommen ist. Es handelt sich durchaus um Phantastik, aber die Orks dienen als Aufhänger, nicht als Gegner. Einige ausführliche Gedanken dazu hatte ich schon. Die Nachtbibliothek ist jedenfalls ein Ort, den muss ich mal suchen gehen.

Und hier war ich Hebamme/Lektorin:

Die Schleier der Welt — R. A. Prum und S. C. Kreuer: Das geneigte Publikum trifft eine bisexuelle, mäßig erfolgreiche Privadetektivin, die eine verschwundene junge Frau sucht und dabei über ein gefährliches Geheimnis samt einiger Werwölfe stolpert.

Einen Rosengarten versprach ich nie — Diverse/Bundesamt für magische Wesen (Hrsg.): Hier habe ich „Stadt, Land, Jinn“ beigesteuert und mich ansonsten als Lektorin betätigt. Herausgekommen ist eine meiner Ansicht nach runde Mischung zum Thema „Liebe“. Leider reichte bei der einzigen lesbischen Einsendung die Qualität nicht.

 

Wohlbekömmlich?/Vorsätze

Falls noch wer was zum Lesen für zwischen den Jahren sucht: Christian von Aster hat da was geschrieben.

Nehmen wir den Erfolgsautor einer Fantasy-Reihe. Selbiger mit seinem eigenen Schaffen unzufriedener Autor legt sich auf der Buchpremiere mit einigen Orks an. Ein Foto der Prügelei landet in der Zeitung, und auf einmal reiht sich eine absurde Begebenheit an die andere. Dies führt zu Begegnungen mit Menschen, die auf den ersten Blick Stereotype sind und auf den zweiten eben Menschen. Und zwar solche, die sich noch daran erinnern, dass Geschichtenerzählen „zärtliches Lügen“ ist.

Dazwischen: Anspielungen auf großartige Literatur und archetypische Figuren. Anregungen, was mensch noch lesen könnte. Bösartige bis feinsinnig-nachsichtige, aber immer treffende Beobachtungen der Welt im Allgemeinen und des Buchmarkts im Besonderen. Und Batman, der vielleicht alles richten könnte, lässt auf sich warten.

Außerdem fand ich in „Der Orkfresser“ folgendes Zitat:

Laut lesend blättere ich weiter und merke, wie beängstigend gut dieses Buch funktioniert. Die Geschichte ist unterhaltsam, brennt sich ein, macht neugierig und gewinnt, kaum dass man zu lesen gewinnt, so schnell an Fahrt, dass man förmlich hineingesogen wird und ich mich wieder erinnere, warum sich diese Mischung aus Engel-SM, Zombieselbstfindung und ätherischer Wunderlanddystopie derart gut verkauft: weil sie in aller Überfülle an Motiven, Symbolen und Gleichnissen so sackdumm und leer ist, dass ein Leser am Ende dieses Buchs noch hungriger ist als am Anfang. Das ist es vermutlich, was ein erfolgreiches Buch dieser Tage schaffen muss …

So etwas macht schon mal nachdenklich.

Das erinnerte mich an einen Kommentar von einer guten Freundin über die Bis(s)-Reihe:

Das ist wie Serie gucken. Du weißt genau, dass es bescheuert ist, aber du kannst nicht aufhören.

Es gibt ja durchaus Texte, die sind ultraspannend, und darüber merkt mensch nicht, dass sie völlig hohl sind. Es sind Geschichten, die keinerlei Bedeutung zu haben scheinen oder keine Aussage über das menschliche Dasein treffen. Und trotzdem verkaufen sie sich wie geschnitten Brot und werden sogar verfilmt. (Hust, Illuminati, hust. Dabei sind Verschwörungstheorien so was von Hexenverfolgung und Nationalsozialismus.)

Es gibt Geschichten, die sauge ich auf und nehme mir darauf gleich die nächste vor. Es gibt auch Geschichten, die lese ich und brauche hinterher erst mal eine Pause, weil ich sie verdauen muss. Oder weil ich mir an die eigene Nase zu fassen habe.

Beides hat wohl seine Berechtigung, ja nachdem, was mensch von einer Geschichte erwartet. Einfach mal nicht da sein müssen? Erkenntnisse über sich selbst und das Leben? Beides gleichzeitig?

So etwas geht, der Herr von Aster hat es mir vorgemacht.

Nun mag ein Text für die eine Person flache, wenn auch gut gemachte Unterhaltung sein, für die andere hingegen eine tiefere Wahrheit enthalten, die sie die gleiche Geschichte lieben lässt. (Meine „Albenbrut“ scheint so ein Text zu sein.) Einige haben Trost-Geschichten, die sie zum x-ten Mal lesen, wenn’s grade draußen hart auf hart kommt. Individuen sind da sehr verschieden gestrickt. Glücklicherweise.

Trotzdem lässt „Der Orkfresser“ mich mit einem gewissen Ehrgeiz zurück, Geschichten zu verfassen, an denen Menschen ein bisschen was zu kauen haben, ohne dass es schwer im Magen liegt.

So weit also zu guten Vorsätzen. Egal, ob sich die Mitlesenden hier etwas für das Neue Jahr vornehmen wollen oder nicht: Ich wünsche geruhsame Tage und einen guten Rutsch nach 2019.

 

Distanzen und Romanzen

Dies ist eine etwas umständliche und ausschweifende Betrachtung über Juliane Seidels „Nachtschatten: unantastbar“, auf das ich durch einen Buchtausch gekommen bin.

Nachtschatten01

Marcus Johanus meint, dass eine romantische Liebesgeschichte jeden Plot besser macht, und in einem hat er recht: Menschen machen sich selten so angreifbar in ihren Wünschen, Hoffnungen und Unsicherheiten wie in einer romantisch-sexuellen Paarbeziehung.

Das funktioniert natürlich nur, wenn die Leser*innen diese Unsicherheiten auch spüren können, sonst bleibt es bei einer Behauptung. Ich, in deren Kopf Sex und Romanze weitgehend getrennt voneinander funktionieren, bin wahrscheinlich noch einmal schwerer zu überzeugen als andere.

Außerdem reagiere ich ziemlich empfindlich auf die allgegenwärtige Verwechslung von Liebe und Begehren. Wenn ich Liebesschwüre als reines Resultat von Hormonen wahrnehme, habe ich meistens wenig Geduld für das betreffende Paar.

Damit stecke ich in der Bewertung mancher Bücher in einer Zwickmühle, so auch bei Juliane Seidels Roman.

Worum geht’s?

Lily kann die Schutzengel aller Menschen und Wesen sehen, mit ihnen kommunizieren und mit ihrem Schutzengel, Adrian, die Plätze tauschen. Im Auftrag des „Rates“ betätigt sie sich daher unter Anleitung ihrer Patentante Alina als Jägerin von Wesen (Vampire und Werwölfen beispielsweise), die den Frieden zwischen den verschiedenen Völkern stören oder den völlig ahnunglosen unmagischen Menschen etwas von den übersinnlichen Dingen verraten könnten.

Nachdem Lily einen Neuling beim Rat trifft, den geheimnisvollen Magier Silas, scheinen alle plötzlich Geheimnisse vor ihr zu haben – oder besser: noch mehr Geheimnisse als sonst. Zwischen Mordkomplotten und fiesen Oberzauberern entspinnt sich eine Romanze zwischen Lily und Silas.

Wieso glaube ich die Romanze nicht?

Ich fühlte mich ein wenig an die Welt von Buffy erinnert, ohne dass Juliane Seidel bei Joss Whedons Serie abgeschrieben hätte: Sehr angenehm. Allerdings bin ich Team Spike, nicht Team Angel, und Silas mit seiner brütenden Aura und den braunen Haaren erinnert an Angel …

Unsinn.

Vor allem krankt die Liebesgeschichte für mich ein wenig an Überstürztheit. Das hat mit meinen eigenen Hang-ups von oben zu tun (Hormone!), aber auch mit der Wahl von Stil und Erzählperspektive, denn eigentlich haben Silas und Lily viel Zeit, nämlich zweihundert Seiten, um sich näher zu kommen.

Um mal zwei Beispiele zu zitieren, was ich mit Stil meine:

„Im fahlen Licht des Mondes leuchteten seine verlängerten Eckzähne weiß auf, verliehen seinem Gesicht eine gefährliche Attraktivität, die Lily sowohl ängstigte als auch faszinierte.“

„Sein jugendliches Gesicht war hübsch, aber ausgemergelt …“

Hier treffen wir auf Wertungen, beziehungsweise bekommen wir erzählt statt gezeigt. Das ist nicht verboten, aber in manchen Fällen unpraktisch, da so etwas eine recht große Distanz zwischen Figur und Leser*in schafft. Und mit einer solchen Distanz ist es schwierig, das verletzliche „Umf“-Moment einer Romanze einzufangen. Ich jedenfalls habe diesbezüglich keinen entsprechenden emotionalen Schlag in die Magengrube verpasst bekommen. Wir werden sehen, ob sich das im zweiten Band ändert.

Und sonst?

Außer einer für mich etwas missglückten Romanze bekommen wir auch: Einen verliebten schwulen Schutzengel – und das dürfte es nicht geben. Lesbische Werwölfinnen. Eine Heldin, die außen etwas schluffig und innen zu neugierig ist. Eine angenehme Beiläufigkeit, was zahlreiche Nicht-Hetero-Paarungen angeht. Ein origineller Weltenbau mit einem mir bis dato nicht bekannten Konzept von den Ursprüngen der Magie. Eine spannende Story, deren Ende ich unbedingt kennen möchte.

Insofern bereue ich meinen Ausflug in die Young Adult Urban Fantasy auf keinem Meter und verlinke hiermit zur PDF-Leseprobe.