Distanzen und Romanzen

Dies ist eine etwas umständliche und ausschweifende Betrachtung über Juliane Seidels „Nachtschatten: unantastbar“, auf das ich durch einen Buchtausch gekommen bin.

Nachtschatten01

Marcus Johanus meint, dass eine romantische Liebesgeschichte jeden Plot besser macht, und in einem hat er recht: Menschen machen sich selten so angreifbar in ihren Wünschen, Hoffnungen und Unsicherheiten wie in einer romantisch-sexuellen Paarbeziehung.

Das funktioniert natürlich nur, wenn die Leser*innen diese Unsicherheiten auch spüren können, sonst bleibt es bei einer Behauptung. Ich, in deren Kopf Sex und Romanze weitgehend getrennt voneinander funktionieren, bin wahrscheinlich noch einmal schwerer zu überzeugen als andere.

Außerdem reagiere ich ziemlich empfindlich auf die allgegenwärtige Verwechslung von Liebe und Begehren. Wenn ich Liebesschwüre als reines Resultat von Hormonen wahrnehme, habe ich meistens wenig Geduld für das betreffende Paar.

Damit stecke ich in der Bewertung mancher Bücher in einer Zwickmühle, so auch bei Juliane Seidels Roman.

Worum geht’s?

Lily kann die Schutzengel aller Menschen und Wesen sehen, mit ihnen kommunizieren und mit ihrem Schutzengel, Adrian, die Plätze tauschen. Im Auftrag des „Rates“ betätigt sie sich daher unter Anleitung ihrer Patentante Alina als Jägerin von Wesen (Vampire und Werwölfen beispielsweise), die den Frieden zwischen den verschiedenen Völkern stören oder den völlig ahnunglosen unmagischen Menschen etwas von den übersinnlichen Dingen verraten könnten.

Nachdem Lily einen Neuling beim Rat trifft, den geheimnisvollen Magier Silas, scheinen alle plötzlich Geheimnisse vor ihr zu haben – oder besser: noch mehr Geheimnisse als sonst. Zwischen Mordkomplotten und fiesen Oberzauberern entspinnt sich eine Romanze zwischen Lily und Silas.

Wieso glaube ich die Romanze nicht?

Ich fühlte mich ein wenig an die Welt von Buffy erinnert, ohne dass Juliane Seidel bei Joss Whedons Serie abgeschrieben hätte: Sehr angenehm. Allerdings bin ich Team Spike, nicht Team Angel, und Silas mit seiner brütenden Aura und den braunen Haaren erinnert an Angel …

Unsinn.

Vor allem krankt die Liebesgeschichte für mich ein wenig an Überstürztheit. Das hat mit meinen eigenen Hang-ups von oben zu tun (Hormone!), aber auch mit der Wahl von Stil und Erzählperspektive, denn eigentlich haben Silas und Lily viel Zeit, nämlich zweihundert Seiten, um sich näher zu kommen.

Um mal zwei Beispiele zu zitieren, was ich mit Stil meine:

„Im fahlen Licht des Mondes leuchteten seine verlängerten Eckzähne weiß auf, verliehen seinem Gesicht eine gefährliche Attraktivität, die Lily sowohl ängstigte als auch faszinierte.“

„Sein jugendliches Gesicht war hübsch, aber ausgemergelt …“

Hier treffen wir auf Wertungen, beziehungsweise bekommen wir erzählt statt gezeigt. Das ist nicht verboten, aber in manchen Fällen unpraktisch, da so etwas eine recht große Distanz zwischen Figur und Leser*in schafft. Und mit einer solchen Distanz ist es schwierig, das verletzliche „Umf“-Moment einer Romanze einzufangen. Ich jedenfalls habe diesbezüglich keinen entsprechenden emotionalen Schlag in die Magengrube verpasst bekommen. Wir werden sehen, ob sich das im zweiten Band ändert.

Und sonst?

Außer einer für mich etwas missglückten Romanze bekommen wir auch: Einen verliebten schwulen Schutzengel – und das dürfte es nicht geben. Lesbische Werwölfinnen. Eine Heldin, die außen etwas schluffig und innen zu neugierig ist. Eine angenehme Beiläufigkeit, was zahlreiche Nicht-Hetero-Paarungen angeht. Ein origineller Weltenbau mit einem mir bis dato nicht bekannten Konzept von den Ursprüngen der Magie. Eine spannende Story, deren Ende ich unbedingt kennen möchte.

Insofern bereue ich meinen Ausflug in die Young Adult Urban Fantasy auf keinem Meter und verlinke hiermit zur PDF-Leseprobe.

Alben?

albenbrut_button2-schwarzer-hintergrundNun habe ich vier Geschichten mit diesen Wesen im Titel geschrieben, aber erst eine Beta für Albenzauber hat mich indirekt gefragt: Was sind das eigentlich für Wesen? Warum nicht einfach Elfen oder Elben bemühen? Bei denen kann sich eins wenigstens was vorstellen.

Eben.

Um eine Figur zu zitieren, die ihr noch nicht kennt:

Da begegnete ich mit knapp vierhundert zum ersten Mal in meinem Leben einem Elfen – und dann war es einer, der fast allen Klischees den Mittelfinger zeigte. Kein klangvoller Name mit „el“ drin, kein mystisch aussehender Schmuck, keine beeindruckenden Kleider. Nur die spitzen Ohren und die Arroganz, die passten.

Tja. Wer mich kennt, weiß, dass ich die Klischeekiste gerne mal umstürze, um zu gucken, was noch so rauspurzelt.

Sich auf eine neblige Insel, die vom Golfstrom begünstigt ist, berufen, kann jede*r. Aber Geschichten von Feen und Elfen bzw. ihren Verwandten gibt es überall in Europa. Auch im Alpenraum, und da hatte ich zufälligerweise Platz und Verwendung für ein Niemandsland bzw. gut verborgenes Albenreich.

Leider habe ich die Website verlegt, von der ich einen Haufen Geschichten aus den Dolomiten und dem Trentino zusammenkopiert habe. Die Verantwortlichen jener Seite hatten allerdings fleißig unter anderem hier abgeschrieben:

Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897

Hier erschreckt ein Orco übermütige Wanderer oder hetzt sie gleich zu Tode. Bräute namens Tarandina oder vom Volk der Gannes bleiben so lange bei einem Mann, wie er eine bestimmte Handlung nicht ausführt. Berüchtigte Zaubermeister, vielleicht mit dem sorbischen Krabat verwandt, können sich in jegliches Tier verwandeln.

Arme Salvans und Salvanels bitten bei den Menschen um Essen, bestrafen aber Neckereien mit bösen Streichen. Diese Wilden Leute, oder vielleicht sind es auch Zwerge, jedenfalls leben sie häufig in Höhlen, können auch Felsen aufhellen, bis sie leuchten wie der Mond. Wohingegen der Zwergenkönig Laurin seiner Angebeteten einen ganzen geheimen Rosengarten an die Hänge pflanzte.

Mein Alben (auch Fatai genannt) können aber keine jener launenhaften, undurchschaubaren Naturgeister sein, nach denen in Deutschland mehrere Flüsse und zwei Gebirge heißen. Wenn auch ihr Ruf mehr mit dem gefürchteten Mann mit dem Distelflaumhaar aus Jonathan Strange & Mr Norrell zu tun hat als mit Tolkiens Elben, haben sie doch wenigstens nachvollziehbare Motive.

Für eine unterhaltsame Geschichte von Romanlänge, in der sie Protagonistin und Antagonistin stellen, sind derlei nachvollziehbare Motive unerlässlich, wie uns jeder Schreibratgeber verraten wird. (Nicht nachvollziehbare Motive überlasse ich jenen Autor*innen, denen ihre Sprache wichtiger ist als die Geschichte, die sie zu erzählen haben.)

Wenn ich das alles nun verkuddele, kommt selbiges Volk dabei heraus:

Humanoid, spitzohrig, im Schnitt kürzer gewachsen als Menschen. Meine Alben haben es darauf angelegt, bei selbigen als keinesfalls nette Geistererscheinung durchzugehen. Also genau als die Wesen, die das Albdrücken verursachen, ihre Brut oder Wechselbälger zu den Menschen schicken, um Unheil zu stiften, oder mit dem titelgebenden Albenzauber jemanden komplett um den freien Willen bringen.

Wie ihre hiesigen Verwandten vertragen meine Alben Eisen und eisenhaltige Legierungen äußerst schlecht. Manch eine*r wird deshalb hier wie da mit einem Hufeisen über der Tür versuchen, das Schöne Volk vom Betreten des Hauses abzuhalten.

Achtung vor dem Plotkaninchen

The American pet stock standard of perfection and official guide to the American fur fanciers' association (1915) (17539427083)

Ich so: Ich hab keinen Bock mehr auf Kerls, und schon gar nicht gay, ich mach dann als nächstes (zensiert).

Ein Plotbunny hoppelt vorbei, sieht eine achtlos rumliegende Möhre, auch bekannt als „Das Inkubus-Thema ist noch nicht voll ausgereizt, außerdem braucht Urban Fantasy nicht so viel Recherche wie (zensiert), das geht quasi nebenher“. Das Bunny frisst die Möhre, mutiert zum Monsterkarnickel und zeigt mir böse grinsend den Mittelfinger.

Tja … dreimal darf das werte Publikum raten, was ich gestern Abend nach der  Queer Gelesen gemacht habe, statt die Ereignisse in Wiesbaden (und die netten Leute dazu) gemütlich sacken zu lassen.

Antwort: Recherche und Plotplanung.

Aargh./Freu.

Zur Konzeption von Homophobie in „Albenerbe“

Meineeine knobelt immer noch am Klappentext rum, aber das Nixblix ist mit einem Schreibblog neu am Start und hat sich auf eins meiner Postings berufen, also bekommt das geschätzte Publikum jetzt ein veritables Monster über einen Teil meines Weltenbaus.

Sexismus = Homophobie?

(tw: sexualisierte Gewalt)

Irgendwann habe ich mal Spekulationen gelesen, dass der hiesige Hass auf Männer, die Sex mit Männern haben, einiges mit Sexismus zu tun hätte, und dass sich Frauen und solche, die dafür gehalten werden, am besten mit schwulen Männern verbünden sollten.

Die Probleme sind eindeutig assoziiert – historisch gesehen haben diejenigen Männer, die Bottoms sind oder als solche bzw. als feminin wahrgenommen werden, mit mehr schlechten Meinungen zu kämpfen als Tops.

Klassiche Nonsens-Frage daher: „Welcher von euch ist die Frau?“

Ein anderer assoziativer Ansatz ist der Ableismus: Du verhältst dich anders, also musst du krank sein, also therapieren wir dich. Im Zweifelsfall, bis du als Gemüse rauskommst oder aus Verzweiflung Selbstmord begehst.

Vor derlei Vorurteilen sind auch Fantasy- und SF-Autor*innen nicht gefeit – wir können immer nur in einem gewissen Rahmen spekulieren und reflektieren grundsätzlich die Gesellschaft, in der wir leben. Wir extrapolieren immer vom Status Quo, enweder nach vorne oder seitwärts. Weiterlesen

Zickenterror?

In meinem kleinen Bericht von der BuchBerlin hatte ich ja schon angekündigt, dass ich das Panel „Wer liest und schreibt Gay Romance?“ ein bisschen auseinandernehmen wollte.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/b/b1/Straight_Ally_flag.svg/320px-Straight_Ally_flag.svg.png

Allein unter Heten (oder solchen, die ich dafür hielt)

Oben auf dem Podium saßen also ein Heteromann (Respekt) und sechs Menschen mit weiblichen Pronomen, ergo Frauen (oder wenn nicht, dann haben sie diesbezüglich nichts gesagt), die auch oder ausschließlich auf Männer stehen.

Logischerweise wurde denn auch gefragt, was die Kolleginnen dazu bewegt, „Gay“ zu schreiben. Neben dem Zufall und schwulen Bekannten spielte da der Sexiness-Faktor  eine nicht unerhebliche Rolle. Außerdem kamen sie alle überein, dass es irgendwie einfacher und interessanter sei, über Männer zu schreiben. Oder dass sie einfach keine Frauen schreiben könnten.

Ja. Richtig gelesen.

Da dachte ich zunächst: Mädels, was habt ihr für eine Vorstellung von euren Leidensgenossinnen? Wieso macht ihr euch auch hier gegenseitig runter? Reicht es nicht, wenn wir über A’s Klamotten, B’s Figur und C’s Zickenterror lästern? Ist das ein weiterer Beweis für internalisierten Sexismus?

Und: Wieso hatte ich noch nie Probleme mit weiblichen Figuren?

Dann wurde ausgeführt: Es gäbe bei Pärchen aus Männern weniger Stereotypen (je älter das Genre wird, desto fraglicher) und frau müsste sich nicht mit der Dame des Pärchens identifizieren, da selbige ja nicht vorhanden ist.

Schlussendlich stellte eine dieser Kolleginnen im privaten Gespräch fest, dass es dabei hauptsächlich um Schwierigkeiten mit Frauen in Pärchen geht. Figuren, die zufällig Frauen sind und ansonsten ihr Ding machen, scheinen weniger betroffen.

Also geht’s um Stereotypen in Liebesromanen.

In diesem Genre gibt es anscheinend nur zwei Varianten von Frauen:

1. Gutherzige Exemplare, die einen starken Mann zum Anlehnen brauchen und gerettet werden müssen: Diese werden von den Autorinnen für ihre Schwäche verachtet.

2. Erfolgreiche Powerfrauen, die jeden haben könnten und unter dem weiblichen Publikum vor allem Neid schüren.

Ich lese keine klassischen Hetero-Liebesromane und hege eine gewisse Abneigung gegen romantische Komödien, insofern kann ich nicht behaupten, dass ich weiß, inwieweit diese zwei Varianten den Markt dominieren. Ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht wissen und rege mich lieber über den Mangel an komplexen weiblichen Figuren in den Marvel-Filmen auf, wo zumeist Typ 2 auffindbar ist.

Jedenfalls scheinen die meisten echten weiblichen Wesen sich zwischen den beiden Polen oder gar jenseits davon aufzuhalten.

Angelernte Denkbeschränkungen?

Wir sind Schriftstellerinnen. Wir denken uns von Berufs wegen Zeugs aus.

Trotzdem gibt’s ja nicht nur von den Podiumsdikutantinnen, sondern auch von sehr vielen anderen weiblichen Schreibenden nicht viel Neues bezüglich des heteronormativen Wahns: Wenn die Prinzessin nicht im Turm sitzt, muss sie Lara Croft (oder Black Widow)  sein, also sich wie Rambo mit Brüsten verhalten.

Wieso sind so viele uns nicht in der Lage, die Klischees zu umschiffen, zu brechen oder ihnen einfach mal den Mittelfinger zu zeigen?

Da ich vor allem Figuren schreibe, die zufällig Frauen sind, kenne ich offensichtlich das Problem nicht. Allerdings hatte ich trotzdem schon mit internalisiertem Sexismus zu tun und erwische mich manchmal immer noch dabei, dass ich denke „Frauen sind immer x und sollten nicht dies oder jenes tun, Männer sind immer y und sollten nicht dies oder jenes tun“, was gequirlter Bockmist ist.

Ich behaupte mal, dass die patriarchale Indoktrination bei den meisten von uns hervorragend gewirkt hat.

Crosspost: Workshop A_sexuelles Erzählen

Da von der Vereinsseite kein Reblog möglich ist, bekommt ihr einfach einen Crosspost:
A lady writing at a deskDie Ergebnisse unten sind so wichtig, dass ich sie gerne auf zwei Kanälen in die Welt pusten möchte.

Von „langweilig“ zu „neuer Trend“ …

Nachdem wir vorher etwas zur Darstellung asexueller Figuren gehört hatten, begann ich meinen eigenen Vortrag/Workshop mit zwei Zitaten, um die Angelegenheit von der handwerklichen Seite zu beleuchten.

Das erste ist von 2012, und stammt von Steven Moffat – jenem Autor, der den BBC Sherlock maßgeblich mit zu verantworten hat.

Dies ist der (gekürzte) Originalwortlaut:

„There’s no indication in the original stories that he was asexual or gay. He actually says he declines the attention of women because he doesn’t want the distraction. (…) It’s the choice of a monk, not the choice of an asexual. If he was asexual, there would be no tension in that, no fun in that – it’s someone who abstains who’s interesting.“

Auf Deutsch:

„In den Originalgeschichten gibt es keine Hinweise, dass er asexuell oder schwul war. Er sagt ausdrücklich, dass er die Aufmerksamkeit von Frauen meidet, weil er die Ablenkung nicht wünscht. (…) Es ist die Wahl eines Mönchs, nicht die Wahl eines Asexuellen. Wenn er asexuell wäre, läge darin keine Spannung, es würde keinen Spaß machen – es sind die, die auf etwas freiwillig verzichten, die interessant sind.“

Moffat verrät damit ein besorgniserregendes Konzept von A_sexualität oder, dass er sich mit der Materie gar nicht auskennt, obwohl er eine Figur geschrieben hat, in der sich viele a_sexuelle Menschen wiederfinden können.

Andererseits scheint es mittlerweile ein Trend, in der M/M-Liebesliteratur (also Liebesromane mit zwei Männern als Hauptfiguren, zu deutsch auch „Gay Romance“) asexuelle Figuren auftreten zu lassen.

Hierzu mein Verlagskollege T.A. Wegberg von Dead Soft über einen Vortrag bei einer Convention:

„Die Popularität dieses Subgenres werde aber, so war zu erfahren, in den USA bereits übertroffen von „Asexual Romance“, also Liebesgeschichten mit allem Drum und Dran, aber ohne den Wunsch eines oder beider Partner nach einer sexuellen Beziehung. Wir können davon ausgehen, dass auch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt künftig mehr davon zu lesen sein wird.“

Offenbar bahnt sich eine 180-Grad-Wende an.

Ziel des Workshops war nun, zu erkunden, was Autor*innen eigentlich „interessant“ finden. Wie konstruieren wir Geschichten? (Notiz: Wir reden hier von handelsüblichen Geschichten, die sich tatsächlich auch verkaufen und nicht nur für ein Publikum aus Kritiker*innen interessant sind.)

Und dann freie Bahn für Diskussionen: Was finden wir als a_sexuelle Menschen interessant? Worüber möchten wir lesen? Was könnte für ein allosexuelles (= nicht-a_sexuelles) Publikum interessant sein?

Warum erzählen Menschen Geschichten?

Geschichten sind zunächst mündlich, später schriftlich aufbewahrte Lebenserfahrung. Was tue ich, wenn der Säbelzahntiger im Gras raschelt? Wie überliste ich einen Feind? Wie überlebe ich ein Familientreffen/die Zombieapokalypse?

Geschichten erzielen einen Lerneffekt, indem sie Menschen mit den Figuren der Geschichte mitleiden lassen.

Außerdem vermitteln sie Bedeutung: Den Ereignisse der Geschichte wird durch das Erzählen Wichtigkeit verliehen, sie interpretiert und deutet die erzählten Ereignisse. Und Menschen sind in der Regel sehr hungrig nach Deutungen und nach Bedeutung in dieser chaotischen Welt.

Was braucht eine Geschichte?

Der Lerneffekt entsteht durch Mitleiden – das Publikum wird in einen „fiktionalen Traum“ versetzt. Dazu benötige ich eine Hauptfigur, die zur Identifikation dient.

Die Ereignisse sollten in einer logischen Reihenfolge stattfinden: aus A folgt B, aus Aktion folgt Reaktion, aus der schlechten Kindheit des Protagonisten folgt … etc. Bei den Ereignissen in logischer Reihenfolge handelt es sich um diese ominöse Sache namens Plot.

Um den Lerneffekt vollständig zu machen und der ganzen Sache eine Bedeutung zu verleihen, muss die Geschichte ein Ende haben, das sozusagen eine Schlussfolgerung über die erzählten Ereignisse erlaubt.

Da eine Figur, die leicht durch’s Leben spaziert, nicht von Interesse ist, zwingt eine gute Geschichte sie von ihrem üblichen Pfad. Die Figur baut einen inneren Widerstand gegen die Kraft auf, die sie von ihrem Pfad zwingt: Das ist der erste Konflikt der Geschichte.

Für eine Story brauchen wir dann noch mehr von diesen Konflikten: Jede Figur der Geschichte vermutet ihr Lebensglück in einer anderen Richtung. Die Interessen der Figuren kollidieren, sie reiben sich aneinander, die Konflikte schaukeln sich auf bis zum Showdown, in dem der wichtigste Konflikt der Geschichte gelöst werden sollte.

Durch die Konflikte verändert sich nicht nur der Lebensweg der Figur, sie muss auch Entscheidungen treffen, die sie zu einer inneren Veränderung zwingen.

Frei nach Lisa Cron (s.u.) erzählt also eine Geschichte, wie sich eine Figur durch die Ereignisse der Geschichte verändert.

Fragen für die Diskussion:

Welche Geschichten über a_sexuelle Figuren kennt ihr?

Was hat euch daran gefallen oder gestört?

Welche Geschichten wollt ihr sehen/lesen?

Was daran wäre für ein allosexuelles Publikum interessant?

Gibt es Konflikte, die nur a_sexuelle Menschen/Figuren erleben können, und wenn ja, welche sind das?

 

Ideen aus der Diskussion:

Gesehen und nicht für gut befunden wurden Narrative, die sich über die „Seltsamkeit“ von a_sexuellen Menschen lustig machen.

Desgleichen gibt es Geschichten über a_sexuelle Figuren, in denen Sex in einer (romantischen) Beziehung als unabdingbar notwendig dargestellt wird. Auf die a_sexuelle Figur wird dann ein emotionaler Druck aufgebaut, bis sie „nachgibt“. Dies kommt einer Nötigung gleich, wird aber offenbar nur von a_sexuellen Menschen als verstörend wahrgenommen.

Gewünscht werden daher auch Geschichten, die eine Anleitung geben, wie über solche Konflikte gesprochen werden kann, sodass hinterher alle Beteiligten (und nicht nur der allosexuelle Teil) zufrieden sind. Dass eine zufriedenstellende Lösung auch eine einvernehmliche Trennung sein kann, kam ebenfalls zur Sprache.

Von schlechter Gay Romance kamen wir so auf den Roman „How to Be a Normal Person“, worüber die Meinungen geteilt waren. Einerseits wurde der offene Umgang mit dem Thema A_sexualität gewürdigt. Allerdings wird auch hier versucht, die Hauptfigur, Gus, zur „normalisieren“, inklusive einmal ungebetenen Hanfkonsums per Keks.

Der Wunsch nach glücklichen a_sexuellen Figuren wurde geäußert. Also nicht solche, die generell glücklich sind, denn die taugen wenig als Hauptfiguren, sondern solche, die a_sexuell sind und statt diesbezüglicher Ängste einfach die üblichen Probleme haben: Zombies, böse Magier*innen, Mörder*innen, kaputte Waschmaschinen etc. Die sexuelle Orientierung der Figur sollte erwähnt werden, um Ratespiele zu vermeiden, darf aber anderweitig kein Thema sein oder in einem Subplot (=Nebengeschichte) abgehandelt werden.

Geschichten, die ich nur über a_sexuelle Menschen erzählen kann, wären die o.g. Verhandlungen und Geschichten, wie eine Person auf das Wort „Asexualität“ stößt und sich damit in einem Findunsprozess identifiziert. Auch das Thema Kinderwunsch könnte eine Rolle spielen, denn der ist für a_sexuelle Paare nicht immer ganz einfach zu erfüllen. Andere Ideen: Eine Welt mit vorwiegend a_sexuellen Bewohnern, oder vielleicht nur eine WG aus Personen im a_sexuellen Spektrum, die nun mit einem nicht-asexuellen Mitbewohner zurande kommen müssen.

Insgesamt braucht es mehr Abbildungen, um Schablonen wie dem „asexuellen Junggesellen“ Sherlock entgegenzuwirken. Wir haben ein Spektrum!

Eine Teilnehmerin schlug vor, autobiographische Statements zu sammeln, sodass die Vielfalt sichtbar wird. Die Vortragende selbst hofft auf/plant eine Kurzgeschichtensammlung.

Kritisiert wurde, dass vielfach eine Romanze als Subplot dient, die anscheinend die Figuren menschlicher machen soll, „im wildesten Kugelhagel“ aber eher unglaubwürdig bleibt bzw. für a_sexuelle und/oder a_romantische Menschen zusammenhanglos im Raum steht, also eher als Plotloch empfunden wird denn als Bereicherung.

Insgesamt wird auch gehofft, dass die a_sexuellen Abwesenheiten besser benannt werden. Neben Fernsehserien wie Sherlock und The Big Bang Theory wurde Gaming genannt: Bei manchen Spielen kann eine sexuelle Orientierung der Spielerfigur angegeben/ausgewählt werden, aber nicht A_sexualität, sodass diese zwar aus Handlungen lesbar wäre, aber letztlich unsichtbar bleibt. Denn für Abwesenheiten und „Nein“ kann es viele Gründe geben.

Nebenbei wurde die Vortragende noch nach ihren Schreibgewohnheiten und Veröffentlichungen gefragt. Eine prominente a_sexuelle Figur (ace/aro und genderqueer) findet sich in Heilika in der „Albenbrut“-Duologie, wo sie die drittwichtigste Person ist.

Schlussendlich noch zwei Literaturhinweise zur Schreibtheorie:

Lisa Cron: „Wired for Story“ und der Klassiker von James N. Frey: „How to write a damn good novel“/“Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“

Plot und Konflikt: Die Vorher-Nachher-Schau

Wie schon vor zwei Jahren wollte ich diejenigen, die es interessiert, an einem Teil meines Überarbeitungsprozesses teilhaben lassen. Diesmal beweise ich anhand eines Auszugs aus Albenerbe – Das Blut von Königen, was ein paar gezielte Ergänzungen und Streichungen alles können.

Da das ziemlich lang wird, bitte hier klicken … Weiterlesen

Lernen aus Lesungen

Ich habe ja nun schon des öfteren vorgelesen, zuletzt bei einem Event, das nicht nur kostenlos war, sondern wo auch das Publikum nicht unbedingt kam, um mich persönlich zu hören.

Rückschlüsse:

  1. Derartiges Laufpublikum ist besser mit Kurzgeschichten bei der Stange zu halten. Zweite Wahl sind Romananfänge. Romanausschnitte sollten tunlichst unterlassen werden.
  2. Laufpublikum hat’s nicht mit High-Fantasy-Welten.
  3. Laufpublikum will sich unterhalten können und erträgt maximal zwei mal 15 Minuten Leseblöcke, selbst wenn zwischendrin Musik kommt.
  4. Heißt, nach 30 Minuten verschwindet die Hälfte, auch wenn danach noch zwei Leute vorlesen.
  5. Tragisch ist es dann, wenn’s nicht mal die eigenen Literaturvereinsmitglieder schaffen, die zweite halbe Stunde auszuhalten.
  6. Zu lange Pausen zwischen den Leseblöcken sind aber auch nichts, weil sich die Leute so lange auch wieder nicht gedulden.
  7. Zuhören ist eine Kunst.

A_sexuelles Erzählen oder: Philosophie gegen Neurowissenschaft

oder: „Making Something out of Nothing“ gegen mein gesammeltes Wissen aus „Wired for Story“ und als eine, die Romane lieber schreibt statt analysiert.

 

Andrea Mantegna 017

Im Gegensatz zu St. Lukas bin ich keine Heilige und kann auch nicht mit einer Feder schreiben

Ich las also die verlinkte Dissertation, die behauptet, dass Asexualität als „Nicht-Erfahrung sexueller Anziehung“ und die klassische Form des Erzählens diametrale Gegensätze seien.

Ich versuche mal, die Argumente nachzuvollziehen.

1) Geschichten sind gerichtete Bewegungen

Dem will ich nicht widersprechen. Seit Aristoteles wissen wir: die Menschheit bevorzugt Geschichten, die einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben. Ohne selbiges Ende stünden ja der Anfang und die Mitte einfach so im Raum herum, und, noch schlimmer, die Leute hätten sich emotional für etwas engagiert, das zu keinem Abschluss kommt, ihnen also Zeit und Aufwand gestohlen hat, die sie besser für etwas anderes eingesetzt hätten.

Sich emotional für eine Story zu engagieren, macht ja gerade den Reiz an der Sache aus. Im Grunde ist dieses Mitfühlen und Miterleben für das menschliche Hirn eine Probe für den Ernstfall – Was tun bei einer Zombieapokalypse? Wie überstehe ich eine Entführung oder ein Familientreffen mit Leiche?

Deswegen mögen die meisten Leute gerne Geschichten.

2) Asexualität ist nicht zielgerichtet

Zumindest, was die sexuelle Anziehung angeht, so ominös das Konzept auch manchen erscheinen mag, zeigen Asexuelle in keine Richtung.

Manchen Leuten fällt es schwer zu begreifen, dass Leute, die keinen Sex wollen oder keine Menschen begehren, trotzdem andere Dinge wollen können, und dabei 100% nachvollziehbare Motive haben.

Weil a_sexuelle Menschen ja „no fun“ sind, bestreitet Stephen Moffat, dass Sherlock aus der BBC-Serie ace ist.

Jedenfalls: Manche Leute finden a_sexuelle Menschen undurchsichtig oder langweilig – dabei entsteht nur die Hälfte der Spannung „Sex & Crime“ durch Sex ;)

3) Romane dienen der Enthüllung, und A_sexuelle haben nichts zu enthüllen

Mein Vorstoß in diese Richtung wurde letzte Woche von gleich zwei Menschen elegant außer Kraft gesetzt, daher: Es gibt einen Haufen Dinge über Menschen und die Gesellschaft zu enthüllen, und nicht alle haben mit Sex zu tun, vielen Dank.

4) Geschichten sind erotonormativ und stehen daher im Widerspruch zu Asexualität

Jetzt wird es wild. Also, Geschichten haben ein Ende, es sei denn, es handelt sich um eine seit zehn Jahren laufende Seifenoper oder gewisse Fanfictions, die genauso funktionieren und schon fünf Millionen Wörter in 768 Kapiteln haben.

Weil dieses Ende also ein unvermeidliches Ziel des Erzählens ist und zumeist dazu dient, die Zuhörer*innen bzw. Leser*innen befriedigt zurückzulassen, können wir es mit gutem Hetero-Sex vergleichen, und weil es danach nicht weitergeht, also mit dessen „natürlichen“ Ende, dem männlichen Orgasmus. Daher der Begriff „erotonormativ“, analog „heteronormativ“.

Gesetzt den Fall, der Vergleich ist legitim und das klassische Geschichtenerzählen tatsächlich ein Fall von patriarchaler Struktur, dann wirkt A_sexualität quasi wie ein fehlendes Rädchen im Getriebe: Wo keine Richtung, da keine natürlich fließende Story zu einem natürlichen Ende.

A_sexualität könnte also eventuell dazu dienen, die Erwartungen an eine solcherart patriarchale Erzählweise zu queeren, aber wie?

5) Die Autorin unterließ es aus Protest gegen die Erotonormativität, eine Schlussfolgerung zu schreiben.

6) Eigenes Fazit

Durchaus eine interessante Theorie. Allerdings, aus Sicht der Handwerkerin: Die Leute hören nicht gern zu bzw. sind verärgert, wenn sie wissen bzw. merken, dass alle Spannung keine Lösung hat, und sie hören überhaupt nicht zu, wenn sie nicht wissen wollen, wie es weitergeht.

So viel zu weiteren Gemeinsamkeiten mit Sex. Im Gegensatz zu Sex ist die Spannung in Stories aber immer künstlich erzeugt, genau wie der Anfang und das Ende der Story. Die Kunst der Erzählens liegt auch darin, die Leute vergessen zu lassen, dass sie einem Kunstprodukt zum Opfer gefallen sind. James N. Frey spricht hier von fiktionalen Träumen, die Schreibende und Lesende gemeinsam erzeugen.

Nur, weil das nachher organisch wirkt, sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Anfang und das Ende im Idealfall sehr willkürlich gewählt sind, und zwar, um die beste Story zu erzählen, die sich aus einem gewissen Material erschaffen lässt.

Keine Story hat ein „natürliches“ Ende – höchstens eines, das sich natürlich anfühlt.

Anstatt also die Leute mit Werken zu quälen, die sie sowieso nicht lesen würden, schreibe ich dann also doch lieber Stories mit einem Ende. Das heißt aber nicht, dass ich dabei die (heteronormativen) Erwartungen des Publikums nicht queeren kann.

Nicht alle Paare müssen heiraten oder in den Sonnenuntergang reiten oder mit Kindern glücklich sein, es muss nicht mal ein Paar sein, und Sex? Sex muss in der Beziehungsfindung auch keine Rolle spielen, sofern ich nicht alles auf dem Kopf stelle und das glückliche Ungebundensein oder eine erfolgreiche Entliebung zum Ende erhebe.

#HydraCap oder: Enthüllungen

Das Marvel-Fandom ist ein wenig in Aufruhr, da sich in der neuesten Auflage des Captain America-Comics Steve Rogers als ein Hydra-Anhänger entpuppt. Damit gehört er also zu jenen bösen Nazis, die er ursprünglich bekämpft hat. (Alle Informationen aus zweiter Hand, denn ich lese keine Comics.)

Aus diesem PR-Disaster lässt sich etwas lernen für’s eigene Schreiben.

Wenn ich so lausche, sind die viele Fans enttäuscht bzw. extrem verärgert, weil Steve Rogers als irischer Einwanderer von zwei jüdischen Künstlern entworfen wurde, und damals irische Einwanderer in den USA als Ethnie wenig besser als Kakerlaken angesehen wurden. Der blonde, blauäugige Hüne, der da seine Probleme mit der Befehlskette hat, lief somit als ein metaphorischer ausgestreckter Mittelfinger an alles Nazi-Übermenschentum.

Es wird mitunter dazu aufgerufen, die weitere Comicserie zu boykottieren, und ehrlich, ich kann das verstehen. Aber nicht, weil das ein Verrat an der Figur ist, sondern weil es sich dabei höchstwahrscheinlich um mieses Geschichtenerzählen handelt. Zwar behauptet einer der zuständigen Redakteure, dass das seit zwei Jahren in Planung war, aber offensichtlich haperte es mit den Hinweisen bis dorthin so, dass die Wendung selbst treue Leser*innen aus dem toten Winkel überrollt hat. Die beste Intention, Amerikas Chauvinismus einen Spiegel vorzuhalten, nützt dann auch nichts mehr.

Stellen wir uns das in Romanform vor: Ein Epos von 1000 Seiten. Auf Seite 500 entpuppt sich die überaus liebenswerte Hauptfigur als Agentin des Erzschurken (TM). Keiner wusste davon, es ist eine absolute Überraschung, vor allem für die Leser*innen.

Die Leser*innen sind enttäuscht und verärgert, es hagelt miese Kritiken, die Autorin ist entsetzt, dass keine*r ihre Große Enthüllung zu schätzen weiß. Falls ein Verlag das Werk unter Vertrag hat, ist er selbst schuld, denn das Lektorat hat gepennt.

Warum?

Als Autorin weiß ich von Seite 1 an, dass meine Hauptfigur für den Gegner arbeitet, also muss alles, was sie tut, egal wie tief Undercover sie ist, von diesem Wissen beeinflusst sein. Die Hauptfigur wartet vielleicht auf ein Signal des Erzschurken (TM) oder versucht, an eine gewisse Information zu gelangen. Sie wird darüber nachdenken. Tatsächlich wird sie einen Großteil ihrer Denkkapazität darauf verwenden, nicht enttarnt zu werden. Eventuell plagen sie Gewissensbisse etc.

Wenn ich aus Sicht der Figur erzähle, egal ob in der ersten, zweiten oder dritten Person, und keinen einzigen Hinweis auf den bevorstehenden Verrat gebe, sind die ersten 500 Seiten des Romans absolut unglaubwürdig und bar jeder Bedeutung für den Rest der Story.

(Ähnlich rechnet hier Alena Coletta einen Plot-Twist in „Magisterium“ durch, nur, dass dort nur 39 Seiten verschwendet wurden.)

Im Fall einer absoluten Überraschung verfehlt die Figur außerdem den „Würde X wirklich …?“-Test, den James N. Frey empfiehlt, um die Handlungen von Figuren zu hinterfragen, und den auch Leser*innen unbewusst auf alles anwenden, was in einer Geschichte passiert.

Di*er Autor*in hat ihr Publikum demnach so sehr verarscht, dass es sich weigert, ihr/ihm die Entwicklung abzukaufen – so etwas sollte ich nur tun, wenn ich das Publikum verarschen möchte und es mir völlig egal ist, dass hinterher keiner mehr etwas von mir lesen will.

Als Autor*in lebe ich nämlich davon, dass die Leute mir glauben, also sich auf den fiktionalen Traum einlassen und mit den Figuren mitleiden. Dazu muss ich ihnen versprechen, dass alles, was ich geschrieben habe, eine Bedeutung hat, und dass ich die Zeit meiner Leser*innen nicht verschwende. „Unglaubwürdig“ ist das Todesurteil jeder Geschichte.

Außerdem verschenke ich massenweise Spannung. All die inneren Konflikte, all die äußeren Konflikte, von denen nur die Hauptfigur ahnt? Wieso sollte ich dieses Potential für 500 Seiten bedeutungsloses Geplänkel unterschlagen?

Aber, mag wer einwerfen, was ist mit unzuverlässigen Erzählstimmen?

So etwas gibt es, ja. Aber: Die funktionieren auch nur, wenn ich sie als solche markiere. Meine Fiammetta in Albensilber ist beispielsweise dank ihrer Jugend eine unzuverlässige Erzählerin. Andere Beispiele wären eine Person mit Lernbehinderung oder eine, die sehr eindeutige Meinungen zu gewissen Bevölkerungsgruppen hat. Outet sich meine Hauptfigur innerhalb der ersten Seite durch einen Kommentar als homophob, können wir davon ausgehen, dass sie nicht ehrlich ist, wenn es um Schwule geht.

Fazit:

Große Enthüllungen müssen gut vorbereitet sein – das Publikum muss eine faire Chance haben, sich die Hinweise wenigstens im Nachhinein zusammenzusuchen, selbst wenn sie quasi nebenbei eingestreut sind und völlig bedeutungslos erscheinen.

Andernfalls ist es das gute Recht des Publikums, dem/der Autor*in mangelnde Erzählkunst vorzuwerfen, denn diese*r hat eine gute Geschichte einem „Ällabätsch, guckt mal, wie clever ich bin“-Moment geopfert.

Und sagen wir mal so: In einem riesigen Fandom wie Captain America ist das jetzt keine allzu brilliante Idee.