„Beim Märtyrer“, oder: kurzer Blick auf ein phantastisches Symbol

Weil ich grade wegen des neuen Lockdowns noch sprachlos bin und angesichts von Anschlägen und der Wahl in den USA sowieso nur hilflos mit den Armen rudere: Ein Posting über einen Fantasy-Fluch. Immerhin benutze ich selbst gern „zum Henker“.

Im September habe ich mir innerhalb von zwei Abenden „Carnival Row“ gesuchtet. Das ist eine Amazon-Serie mit derzeit einer Staffel, die acht Folgen hat. (Nur auf Englisch geschaut, bitte verzeihen Sie eventuelle Fehlübersetzungen.)

Interessierte sollten über 16 sein, graphische, aber realistische Gewaltdarstellungen, Leichen und Sexszenen abkönnen. In jeder Folge ungefähr zwei, was wohl eher ein Verkaufsargument sein soll als tatsächlich dem Plot dient. Dem hätten die gewonnenen Minuten zur Figurenschärfung durchaus gutgetan.

Die Prämisse ist folgende: Vor nur einigen Jahrzehnten wurde der Kontinent Tirnanoc von den Menschen entdeckt. Dort leben in diversen Staaten Fabelwesen. Unter anderem Zentauren, Faune, und die mit Libellenflügeln ausgestatteten Elfen.

Wie das halt so bei „Neuentdeckungen“ ist, ziehen die Menschen los, um sich Tirnanoc untertan zu machen. Vor allem beteiligt sind die großen Staaten „The Burgue“ (wie die gleichnamige Stadt) und „The Pact“/der Pakt. Aus dem Wettlauf um Kolonien zieht sich The Burgue nach einem grausamen Krieg zurück. Da der Pakt offenbar grausamer mit den Feen-Untergebenen umgeht als The Burgue, fliehen die Feen in großer Zahl in diesen London nachempfundenen Stadtstaat.

Mich interessiert hier aber weniger die etwas plakative, aber wirksame Prämisse der Serie noch der hübsch aufgebaute Kriminalfall, der die Handlung so richtig ins Rollen bringt, sondern die Gottheit, in deren Namen The Burgue flucht: „Beim Märtyrer.“ „Beim gehängten Märtyrer.“ „God’s Noose — Gottes Galgenschlinge.“

Eine Bilderfolge aus der Serie ist hier: https://imgur.com/gallery/FrNKBtE

Irgendwann vor 600 bis 700 Jahren ist da ein „Märtyrer“ namens Hosea erhängt worden. Ob er ein Prophet war, wissen wir nicht, dürfen es aber annehmen.

Und daher ist das religiöse Symbol dieser Stadt ein halbnackter Mann, der an einer Schlinge von einem Galgen baumelt. Religiöse Menschen tragen kleinere Schlingen, Mönche einen dicken Galgenstrick um den Hals. Religiös bewegte malen sich eine Schlinge auf die Brust.

Das ist nicht nur auf den ersten Blick ein wenig verstörend.

Was es damit eindrücklich schafft, ist die Wirkung des Kreuzes als religiöses Symbol in dessen Anfangszeit nachzubilden. Wir erinnern uns: Die frühen Christ*innen haben sich ein Folter- und Hinrichtungsinstrument als Symbol ausgesucht. Damals so verstörend wie heute ein Galgen oder eine Guillotine wäre.

Das ist für viele von uns Nachgeborenen trotz diverser Historienfilme kaum noch nachzuvollziehen. Ich habe keine Ahnung, ob und welche religiöse Intention seitens des Drehbuchautors dahintersteckt, aber zumindest die erste Schockwirkung dürfte eine ähnliche sein wie sie damals das Christentum verursachte. Und selbst wenn nur die das Ziel war, muss ich da echt für diese Wirkung mit einfachen Mitteln den Hut ziehen.

Bildchen wie so häufig: Clker-Free-Vector-Images from Pixabay

Harry Potter und die Filterblasen von Hogwarts

Bild von Waldo Miguez via Pixabay.

Ich habe weiter über J. K. Rowling und Harry Potter nachgedacht — wahrscheinlich zu viel, aber eventuell hilft es mir oder anderen beim Schreiben.

Um zu beweisen, dass es sich lohnt, Dinge fertigzudenken, muss ich ausholen.

Innerhalb des Potter-Fandoms gibt es einige Leute, die Dumbledore nicht mögen — seine Herangehensweise an Harry Potters unausweichlichen Konflikt mit Voldemort ist, sagen wir mal so, menschlich wie pädagogisch eine Katastrophe. Jede andere Person wäre wegen Gefährdung des Kindeswohls schon vor Harrys Einschulung vom Posten des Schulleiters entfernt worden.

Seltener hört eins, dass an Hogwarts selbst etwas faul ist. Aber je länger ich drüber nachdenke, desto gruseliger ist das Prinzip. Hogwarts ist keine Schule, auf die ich ein Kind meiner Bekanntschaft schicken wollte.

Warum finde ich Hogwarts problematisch?

Da werden Elfjährige in Häuser sortiert. Und zwar nicht nach Gesichtspunkten, ob sie sich vorher schon kennen oder ob sie dadurch zu möglichst mündigen, selbstständigen Menschen werden, sondern nach Charakter. Die Ehrgeizigen nach Slytherin, die Mutigen nach Gryffindor, die Wissbegierigen nach Ravenclaw und die sozial Eingestellten nach Hufflepuff.

Innerhalb mancher Familien wird erwartet, dass die Kinder in bestimmte Häuser sortiert werden, sonst droht das soziale Aus.

Jedenfalls sorgt derlei dafür, dass nicht nur ein (recht ungesunder) Wettbewerb zwischen den vier Häusern stattfindet, sondern auch, dass nach Meinungen gefiltert wird. Anders ausgedrückt:

The students were grouped by their ‚houses‘, color-coded and expected to act in the common interest of their team. Red marked the reckless, like Albus; yellow were the ones that were absolutely not dark witch/wizard material; blue marked the smartafts; green were the purebloods that didn’t fit anywhere else and halfbloods with an ambition.

Man sortierte die Schüler nach ihren „Häusern“, versah sie mit einem Farbcode und erwartete, dass sie im Sinne ihres Teams handelten. Rot markierte die Waghalsigen, wie Albus [Dumbledore, d.Ü.]; Gelb waren diejenigen, die überhaupt nicht das Zeug zu Dunkler Magie hatten; Blau markierte die Klugscheißer und Grün die Reinblütigen, die nirgendwo anders hinpassten, und Halbblütige mit Ambitionen.

So nachzulesen bei Defence Professor Wohl, ein Fanfic von DarthKrande und NeverBeyondRedemption.

Die Kompormissbereiten kommen selten in Kontakt mit denen, die über Leichen zu gehen bereit wären — die beiden Gruppen werden dazu noch aktiv dazu angehalten, zu konkurrieren. Diejenigen, die sehr viel darauf halten, sich nach oben zu arbeiten und sich nach „unten“ (zu den Muggelstämmigen) abzugrenzen, haben wenig Kontakt zu denen, die nicht so sehr auf derlei achten, die Intellektuellen haben wenig Chancen, die Übermütigen zu bremsen und von denen wiederum aus dem Elfenbeinturm geholt zu werden … und so weiter.

Man könnte fast meinen, man wäre bei uns, wo die Kinder bitteschön aufs Gymnasium sollen, am besten in einer „guten Gegend“, wo nicht so viele Kinder mit fremdländisch klingenden Nachnamen unterwegs sind …

Insofern sind die Häuser von Hogwarts Filterblasen.

Eine Aufteilung von Kindern nach vermeintlich angeborenen Eigenschaften, die dann über schulische und sportliche Leistungen gegeneinandert ausgespielt werden, behindert aktiv eine versöhnliche Kommunikation. Damit hat JKR Filterblasen geschaffen, und zwar noch bevor das Wort in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist — der erste Potter-Band erschien etwa sieben Jahre vor der Gründung von Facebook, und etwa zu der Zeit, als die Google-Suchmaschine online ging.

Der Witz ist nun, dass dieses System zumindest im Ansatz geschlagen werden kann. Harry beweist das, denn der semi-sentiente Hut, der die Kinder sortiert, bietet ihm Slytherin und Gryffindor an, und Harry entscheidet sich für Gryffindor. Trotzdem ist er halt elf und hat Ron, den Magie-Chauvi, als besten Kumpel, also verbringt er danach viel Zeit damit, auf das Haus, in dem er beinahe gelandet wäre, herabzusehen.

Der Witz geht aber noch weiter: J. K. Rowling plädiert in ihren Texten oft für weniger Vorurteile, mehr Toleranz, für rechtliche Gleichstellung von Menschen unterschiedlicher Herkunft und einen rücksichtsvollen Umgang miteinander. Warum hat sie dann das Häuser-System erfunden, wo Menschen nach angeblich angeborenen Eigenschaften sortiert werden? Und exakt das Gegenteil von dem tun, was sie sich wünscht?

Obwohl sie also theoretisch weiß, dass die Häuser-Aufteilung schlechte Pädagogik ist, ist sie nicht in der Lage, dieses Konzept nachhaltig zu unterlaufen.

Das ist vielleicht dem Zeitgeist geschuldet. Oder andersrum: Ist mit dem „Mein Haus ist besser als deins“-Getue und „ich bin dir moralisch überlegen, weil ich in Gryffindor bin“ nicht eine komplette Generation aufgewachsen? Genau die, die sich nachher zuerst auf Facebook, Twitter, tumblr und so weiter rumgetrieben und damit eventuell den Umgangston nachhaltig beeinflusst haben.

Diese Fragen überlasse ich der Soziologie und der Kulturwissenschaft.

Ich weiß nur, dass Rowlings Erzählweise durchaus vereinnahmend ist. Ich bin da auch zuerst drauf reingefallen, bis ich geblickt habe, was da eigentlich abläuft.

Und was habe ich nun daraus gelernt?

Erstens: Am Ende mag JKRs Aufbau von Hogwarts ein weiteres Licht darauf werfen, warum sie mit trans Personen solche Probleme hat. Immerhin weigern die sich, eine vermeintlich angeborene Eigenschaft hinzunehmen und hinterfragen damit die Sortierung in die beiden Häuser „männlich“ und „weiblich“.

Zweitens: Narrative können erstaunlich verführerisch sein. Insofern ist es wichtig, Geschichten zu erschaffen, in denen nicht willkürlich Linien gezogen werden oder in denen das allgegenwärtige moralische Auftrumpfen unterlaufen wird.

Drittens: Für mich als Schriftstellerin ist es eine Ermahnung, die Grenzen zu beobachten, die ich in meinen Texten ziehe und mich zu fragen, warum sie existieren.

Enttäuschende Aufsätze von Bestsellerautorinnen

CN: Mäander über Transfeindlichkeit mit Erwähnungen sexueller Gewalt

File:Transgender Pride flag.svg

 

Also, J. K. Rowling, die Frau, die Harry Potter erfunden hat, bekommt seit einiger Zeit Internet-Gegenwind wegen Transfeindlichkeit.

Gegen den Gegenwind schrieb sie einen langen Text. Sie sei gar nicht transfeindlich! Aber sie habe halt Bedenken.

Am Anfang klingt der Text vernünftig, zumal sie einen verständnisvollen, ruhigen Ton anschlägt. Frau gerät so ins Mitnicken, und wenn eine mal das Mitnicken angefangen hat, findet sie da selten schnell wieder raus. (Menschen sind halt so. Dreimal zugestimmt, da ist es echt schwierig, beim vierten Argument zu sagen: „Halt mal …“)

Trans für Dummies

Grundlage für den Streit ist Folgendes:

Bestimmen die Geschlechtsteile, die Menschen haben, automatisch deren Geschlecht? Also, ob sie Männer oder Frauen sind?

Oder ist das Geschlecht, das Menschen in ihrem Kopf und Herz haben (das Ich-Geschlecht, wie es eine großartige Person nennt), ausschlaggebend?

Je nach Standpunkt haben wir dann bei trans Menschen entweder Männer und Frauen, die einen an der Waffel haben und deswegen Namensänderungen, Hormone und/oder Operationen wünschen,

oder

Menschen, denen es in ihren Körpern und/oder den ihnen von der Gesellschaft zugewiesenen Rollen nicht gut geht und die daran dann verständlicherweise etwas ändern wollen.

(Inter* Menschen kommen in der ersten Meinungskette wohl nicht vor.)

J. K. Rowling gehört zu der Fraktion Biologie = Geschlecht.

Ich nicht.

Trotzdem kam ich bei ihrer Verteidigung ins Mitnicken, was sie zu einer großartigen Autorin, macht, aber nicht unbedingt zu einem großartigen Menschen. Aber daran habe ich schon seit Dumbledore und vor allem seit Ron Weasley im Epilog von Band 7 gezweifelt.

Sezieren wir die Argumentationskette von JKRs Aufsatz mal.

Teil 1: Trans Männer

  • Sogenannte trans-ausschließende Feminist*innen würden sich um alle Menschen kümmern, die als Frauen geboren seien, auch um trans Männer, also würden sie gar nicht grundsätzlich trans Menschen ausschließen.
    • Was hat das mit dem Thema zu tun?
  • Sie macht sich Sorgen um junge Menschen. Es gibt einen nachweislich zu verzeichnenden Anstieg von jungen Menschen, denen bei der Geburt das Geschlecht „weiblich“ zugeordnet wurde, und die eine Transition anstreben. Angeblich sei das in manchen Freundinnenkreisen regelrecht ansteckend, wie Magersucht wohl manchmal. Und was ist dann mit Mädchen, die merken, dass sie nur angesteckt wurden, aber schon mit Hormonen oder Operationen ihren Körper unwiederbringlich verändert haben? (Text zu dem von JKR erwähnten Artikel samt Streit im englischen Wikipedia hier.)
    • Das ist eine einzige Studie über die Befragung von Eltern, die sehr häufig als letzte eingeweiht werden.
  • Trans Aktivist*innen würden behaupten, dass der Hauptgrund für die überdurchschnittlich vielen Suizide junger trans Menschen daran läge, dass man sie von der Transition abhalte.
    • Ich halte das für eine fehlerhafte Behauptung. Wie viel Schaden richtet es an, wenn sich das Umfeld weigert, einen anderen Namen und Pronomen zu benutzen? Wenn das Umfeld mit Aggression auf die Überschreitung der derzeit geltenden Geschlechtsnormen reagiert? Wahrscheinlich mehr als die Frage, ob Hormone zur Pubertätsblockade verschrieben werden oder nicht.
  • Also was ist nun mit den Leuten, die voreilig Hormone und OPs bekommen?
    • Wie viele sind das, mal ehrlich, bei den derzeitigen Zuständen im deutschen und englischen Gesundheitssystem? Letzteres ist ja bekanntlich seit Jahren überfordert, mit allem.
  • Und außerdem, wenn JKR sich so anschaut, was junge trans Männer so schreiben, dann erkennt sie sich als junger Mensch wieder. Vielleicht hätte sie sich auch eine Transition gewünscht, wenn sie heute geboren wäre? Immerhin sei es eine große Verlockung, dem Frausein permanent zu entkommen, und sie habe damit als Jugendliche gehadert.
  • Also: Wie viele junge trans Männer kommen zustande, weil die Gesellschaft so beschissen frauenfeindlich ist?
    • Eine Antwort darauf habe ich nicht. Diesbezüglich habe ich aber etwas Ähnliches über nichtbinäre Menschen gehört, die in JKRs Text gar nicht vorkommen, die aber in meinem aktivistischen Bekanntenkreis viel häufiger sind als trans Männer. Aber wenn ich überlege, dass eine Transition mit mehr Hindernissen verbunden ist als feministischer Aktivismus, holpert das irgendwie.

 

Widersprüchliches Fazit 1:

JKR unterstützt als Feministin trans Männer, auch wenn das ihrer Meinung nach zu 60 bis 90% Frauen sind, die einfach keinen Bock mehr haben, vom Patriarchat unterdrückt zu werden.

 

Teil 2: Trans Frauen

  • Trans Frauen und cis Frauen haben unterschiedliche biologische Wirklichkeiten. Mit diesen biologischen Wirklichkeiten wird Politik gemacht. Es wird unterdrückt und dagegen gekämpft.
    • Ja.
  • Es könnte sein, dass der Kampf gegen die Unterdrückung aufweicht, wenn wir aufzeigen, dass das biologische und das Ich-Geschlecht nicht unbedingt was miteinander zu tun hat.
    • Den Vorwurf, dass trans Menschen den Feminismus unterhöhlen würden, habe ich bereits gehört und für Unfug befunden. Nur weil eine Person trans ist, heißt das ja nicht, dass Menschen, die das nicht akzeptieren, selbige nicht als Frauen und damit minderwertig behandeln. Insofern ist Feminismus quasi ein Mitinteresse jeder halbwegs mitdenkenden trans Person.
  • Die Entscheidung, bei machen Themen beispielsweise von „Menschen, die menstruieren“ statt von „Frauen“ zu sprechen, ist für manche inkludierend und für andere befremdlich.
    • Kann sein. Neue Sachen sind für viele Leute befremdlich.
  • Frauen werden sehr häufig aufgrund biologischer Gegebenheiten beleidigt, es sei also abwertend, biologische Gegebenheiten als Beschreibung zu verwenden.
    • Blicke ich nicht. Man könnte sich die auch zurückerobern? Und halt mal nicht hinter vorgehaltener Hand rumflüstern, dass „Erdbeerwoche“ sei.
  • JKR hat sexuelle Gewalt überlebt und immer noch mit den Folgen zu kämpfen.
    • Wo ist der Typ, damit ich ihn umbringen kann? Und wieso verknacken wir eigentlich nicht alle Täter sexueller Gewalt lebenslänglich, um weitere Menschen vor ihnen zu schützen? Es handelt sich nachweislich bei fast allen um Serientäter.
  • Trans Frauen verdienen mehr Sicherheit. Cis Frauen und Mädchen verdienen aber auch mehr Sicherheit. Sie will nicht, dass ihre Töchter das mitmachen, was sie erlebt hat.
    • Wieso schließt sich das aus?
  • Es gibt Pläne, dass in Schottland zur Personenstandsänderung bald nur noch eine einfache Erklärung nötig ist. Also muss jetzt ein Typ nur noch hingehen, behaupten, dass er eine Frau sei, und auf einmal habe er Zugang zu Räumen, die sonst nur Frauen offen sind.
  • Täter könnten das ausnutzen!
    • Äh. Okay. Also, die Kerle, die in Südkorea Kameras auf Damentoiletten installieren, können das prima ohne wechselnden Geschlechtseintrag. JKR glaubt doch nicht ernsthaft, dass ein potentieller Täter erst mal über eine bürokratische Hürde springt, um an nicht von Putzpersonal beaufsichtigten Orten (egal ob Klos, Umkleiden, Parks, Clubs oder daheim) Frauen zu vergewaltigen? Und was ist mit den trans Personen, die in Toiletten beschimpft, verprügelt oder vergewaltigt werden, weil sie irgendeiner übergriffigen, transfeindlichen cis Person nicht passen?

 

Widersprüchliches Fazit 2:

JKR akzeptiert trans Frauen und will sie beschützen, aber im Grunde verdächtigt sie alle trans Frauen, potentielle Täter für sexuelle Gewalt zu sein.

 

Ende

Und das, meine lieben Mitmenschen, ist dann in gleich zwei Varianten transfeindlich. Aber halt echt verdammt gut versteckt.

Ehrfurcht/Freiheit

In den letzten Monaten durfte ich via meines Schreibvereins einen Herrn näher kennenlernen. Er heißt Mazen Arafeh, ist gesetzteren Alters und war vor dem Bürgerkrieg in Syrien ein Direktor der Nationalbibliothek in Damaskus.

Seine Frau und Kinder flohen schon 2011 von dort nach hier. Er ist erst vorletztes Jahr nachgekommen. Wenn ich ihn richtig verstanden habe (er hat sich innerhalb dieser zwei Jahre Deutschkenntnisse Stufe B1 angeeignet), ging es ihm darum, Dokumente über den Krieg zu sammeln. Hinschauen, Zeuge sein.

Dabei hätte er wohl damals schon politisches Asyl bekommen können. Er hatte zu dem Zeitpunkt einen Roman veröffentlicht, der sich kritisch mit der Diktatur in Syrien auseinandersetzte. Seitdem hat er sich noch öfter mit dem Islamismus und der arabischen Mentalität befasst und einmal dezidiert die Diktatoren muslimischer Länder aufs Korn genommen:

https://www.goldstadt-autoren.de/wp-content/uploads/2019/05/Cover_Die-Riffreiher_GA.jpg

Das ist keine Pflanze, das sind Hüte.

Seine neueste Veröffentlichung erfolgte erst vor ein paar Wochen.

Die neueren Romane sind im Libanon erschienen und in Syrien und anderen arabischen Ländern verboten. Sie enthalten wohl zu viel Kritik an Religion, Sexualmoral und Obrigkeit.

Und dieser freundliche, fröhliche, überschwängliche Mensch also sitzt an einem sonnigen Samstag neben mir (und überfordert mich in meiner beginnenden Tief-Phase ein bisschen*) , albert mit mir und anderen herum und findet es gut, dass ich eine Regenbogenflagge am Handgelenk trage als Zeichen der Solidarität mit sexuellen Minderheiten. Und dass ich über so etwas schreibe.

Und dann sagt er: „Schreiben bedeutet Freiheit für dich.“

Das ist wahr. Einmal ganz wörtlich: Wenn ich nicht schreiben kann, mich die Umstände davon abhalten (oder ich mich selbst), dann fühle ich mich eingeengt, zuweilen sogar fremdgesteuert, und werde sehr unleidlich. **

Im übertragenen Sinne ist es auch wahr.

In einem anderen Land als diesem könnte ich vielleicht schreiben, was ich schreibe, aber ich müsste vorsichtig sein, wem ich es zeige.

Und ob ich den Kontext gefunden hätte, den ich gebraucht habe, um zu schreiben, was ich geschrieben habe? Wer weiß. Ganz so sehr Nonkonformistin, wie ich mir gern einbilde, bin ich nicht. Ich hätte niemals alle Gedanken, die ich bei der Mädchenmannschaft, beim Zaunfink, bei der Asexual Agenda und zahllosen anderen gefunden habe, selbst denken können. Ganz zu schweigen von jenen Büchern, die wohl ebenfalls verboten wären. Hätte ich jemals J. K. Rowling, Terry Pratchett, Douglas Adams, N.K. Jemisin, Madeleine L’Engle, Tamora Pierce, Ray Bradbury, Neil Gaiman, Tad Williams und Michael Ende zu lesen bekommen?

Mein Horizont wäre enger, denke ich.

Ich schreibe außerdem manchmal, um über Freiheit nachzudenken. Ich bin nicht so sehr Nonkonformistin, wie ich mir gerne einbilde. Ich weiß sehr genau, wie Gedanken das Selbst einsperren können. Oft merkt man ja nicht einmal, dass man sich mit dem Glauben an angeblich allgemeingültige Wahrheiten selbst schadet. Ganz zu schweigen von sich verselbstständigenden Gedanken wie beispielsweise bei einer Depression oder posttraumatischen Belastungsstörung.***

Und so sind meine Figuren oft nicht nur von äußeren Umständen, sondern auch von Gedanken und dem Glauben an scheinbar allgemeingültige Wahrheiten eingeschränkt. Sie stecken in Gedankengefängnissen, und mit ihnen schäle ich mich hinaus zu größeren Möglichkeitsräumen.

Ja. Schreiben ist Freiheit für mich.

Dass das ausgerechnet jemand erkennt, dessen Lebenslauf Ehrfurcht fühlen lässt, und der sich so lange schon mit Einschränkungen von außen beschäftigt: Ist das nun Zufall? Oder zwingend logisch?

 


* Falls sich übrigens wer wundert, warum ich nicht so regelmäßig da bin: Das liegt eben an der Tief-Phase. Es geht mir noch nicht mies genug, und das noch nicht lange genug, dass es für eine diagnostizierbare Depression jeglicher Form reicht, aber alles ist gerade ein bisschen anstrengender als sonst, weshalb ich Unmengen soziale Interaktionen vor mir herschiebe. (Und nein, ich möchte keine Tipps, und bleiben Sie mir bitte mit Homöopathie weg.)

** Diese Tief-Phasen haben also die Neigung, zu spiralen. Weniger Antrieb führt zu weniger Geschreibsel führt zu mehr Selbst-Flagellation, weil ich wieder nix geschafft habe … ****

*** Nein, es wird nicht besser, wenn ich mich nur mehr zusammenreiße.

**** Dabei habe ich schon einen Haufen geschafft. Im Zweifelsfalle wär’s zwar traurig, wenn mich ein Klavier erschlägt, aber ich hätte keinen Grund, über einen mangelnden geistigen Nachlass rumzuheulen.

Die-A-Karte-Kuchen-und-Sauf-Tour

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Wer meine A-Karte gelesen hat, weiß, dass alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen beabsichtigt sind. Für Auswärtige weniger offensichtlich ist, dass einige der erwähnten Gaststätten nicht frei erfunden sind, sondern mit offizieller Genehmigung erwähnt wurden.

Wir können also jetzt, wo bald das Wetter besser wird, eine Kuchen-und-Sauf-Tour durch Karlsruhe vorbereiten. (Alle Meinungen über die Örtlichkeiten und deren Angebot sind meine eigenen. Ich bekomme kein Geld dafür.)

Ein Umweg über ein lauschiges Café, eine heiße Schokolade zum Aufwärmen und etwas Leckeres zu lesen, das wäre jetzt nicht verkehrt. Einerseits … ich blickte zum wolkenverhangenen Himmel, dann auf die Uhr. Halb zwölf mittags. Eigentlich sollte ich mich in Richtung der Wohnung meiner neuen Zielperson schwingen und diese ausspionieren. Die Zeit drängte, etc.

Das Café bleibt namenlos. Die mondänere Option ist das Max im Prinz-Max-Palais. Hier gibt es die verspielteren Alkoholika und mehr „was Richtiges“ lies, Warmes zum lecker essen, auch für Leute, die vegetarisch leben.

Die etwas weniger offensichtliche Option ist das derzeitige Stammlokal des echten Karlsruher Ace-Stammtischs: Café Palaver. Lauschig in einem Innenhof gelegen und mit nicht so furchtbar gegenderten Toiletten wartet es hauptsächlich mit Frühstück, Maultaschen, Salat und Kuchen auf. Die Wahrscheinlichkeit, ein veganes Gericht auf der Karte zu finden, ist hier höher.

Es ging tiefer in die Oststadt, offensichtlich vom Handy navigiert, bis wir nach einer viertel Stunde Spaziergang ein hipsterüberladenes Café namens Gold erreichten. Drinnen waren alle Tische besetzt. Auf einem davon stand eine Spardose in Form eines Kuchenstücks, und auf diese steuerte meine Zielperson zu.

Das Gold ist einer meiner Lieblingsläden und hat das beste vegetarische Burgerpatty, das mir je begegnet ist. Die Cocktailauswahl ist ebenfalls nicht zu verachten, Kuchen ist auch immer vorrätig, manchmal gibt es auch vegane Muffins. Einziger Wermutstropfen für mich ist nicht der Wermut, sondern dass es keinen Cidre/Cider gibt.

Den Mittwoch über tat meine Zielperson nichts Außergewöhnliches bei der Arbeit, aber der pünktliche Rückweg führte uns über eine der zahlreichen Dönerbuden zum PRINZs, einer Szenebar. Also eigentlich der Szenebar, denn die schwule Szene in Karlsruhe war überschaubar.

Auch das PRINZs war so freundlich, seinen Namen zu leihen. Es ist eine Szenebar, geführt von zwei sehr unterschiedlich aussehenden, aber herzlichen Herren. Und es gibt Cocktails, oh ja. Über die Bierauswahl kann ich nicht so viel sagen, da ich kein Bier trinke. Angeblich gibt’s auch Kuchen, aber wen interessiert das bei den Cocktails?

Weißt du was“, sagte ich, „um den Schreck wiedergutzumachen, könnte ich dich ausführen.“

Er legte den Kopf schräg.

Samstagabend ins L’Aubergine?“ Ein gay-freundliches, gehobenes Lokal.

Der Laden existiert nicht, Anspielungen auf das zu unanständigen Zwecken genutzte Auberginen-Emoji sind selbstverständlich reiner Zufall. Leider hatte das Speisehaus Gurke, das als Vorbild diente, zum Zeitpunkt meiner „Darf ich euch namentlich erwähnen?“-Runde auf unbestimmte Zeit wegen Umbau geschlossen.

Richtig viel Geld ausgeben können nicht-vegetarische Menschen im japanischen Lokal Kaiseki, das auch mit zwei lauschigen Ecken aufwartet.

Gruppe asKA

Jonah:

Laut Umfrage ist ja nächsten Samstag der Stammtisch. Wir treffen uns wie immer um 14 Uhr, diesmal im MultiKulti, damit Maike mit ihrem Rollstuhl auch teilnehmen kann.

Das MultiKulti, dekorativ am Schlossplatz gelegen, wartet mit lecker Kuchen, einem schönen Biergarten und barrierefreiem Zugang auf.

Nachteil ist, dass das auch andere Leute wissen, weshalb es an Wochenenden im liebevoll dekorierten Inneren ganz schön laut werden kann.

In der dritten REM-Phase kamen wir mit verheulten Augen aus dem Kino (…) Bemerkenswert, dass ihn der Film genauso gebeutelt hatte wie mich. Er zog mich an sich und drückte mich eine Weile, mitten vor dem Kino auf dem Gehsteig, benieselt von kühlem Winterregen. Ich bugsierte uns zum benachbarten Lokal, das eine kleine, aber feine Karte hatte, bestellte Oliven mit Brot und zwei Wodka Lemon, die wir schweigend leerten.

Leute, die sich auskennen, wissen, dass ich mit „Kino“ die Schauburg meine und dass sich nebenan das Soul befindet. Ich weiß nicht mehr, ob wirklich Wodka Lemon auf der Karte steht, aber selbige kann sich sehen lassen. Sehr klein, eher ausgefallen, aber lecker.

Andreas:

Syrisch?

Benedikt:

Gibt’s hier in der Stadt? Haben die Tamarindenlimo?

Andreas:

Haben sie. <Sonnenbrillensmiley 😎> Ein Mann mit oder nach meinem Geschmack. 18 Uhr an der Haltestelle Herrenstraße?

Lose Patenschaft für das Al Ouard stand das La Rose, wo es tatsächlich Tamarindenlimo zu kaufen gibt. Sieht wegen der braunen Fetzen drin gewöhnungsbedürftig aus, schmeckt aber sehr bekömmlich. Wer auf syrisch-libanesisches Fastfood steht, ist hier richtig.

Um fünf hatte ich aufgegeben, mich mit Eis über das andauernde Schweigen hinweggetröstet und dann, ganz im Sinne einer ausgewogenen Ernährung, auf dem Heimweg einen Döner hinterhergeschoben.

Bei Pierod gibt es Eiscreme. Schon beim Zugucken könnten manche in den Überzucker rutschen, aber was soll’s. Salzkaramell und so was. Wer fragt da noch nach Zuckergehalt und Laktosetoleranz?

Gruppe asKA

Jonah:

Irgendwer Biergarten heute Abend?

Sanja:

Gern. Halb acht?

Benedikt:

Klingt gut.

DasKris:

Ihr könnt geiles Zeug machen, ich muss arbeiten. Dabei wäre doch bestes Wetter für ein Date?

Biergarten, ja. Außer dem Gold und dem La Rose haben alle erwähnten Cafés einen nicht zu verachtenden Biergarten. (Das Kaiseki ist kein Café.) Im Gold und beim La Rose kann man auch draußen sitzen, aber es fühlt sich nicht nach Biergarten an. Wer noch woanders hin will, bewegt sich entweder zur Kippe 23, der Studentenkneipe schlechthin (günstiges warmes Essen, Kuchen noch nie probiert) oder zu Im Schlachthof. Auch deren Kuchen habe ich noch nie probiert, aber das warme Angebot kann sich sehen lassen, wenn’s nicht vegan sein soll. Menschen, die Whiskey mögen, können sich hier die Birne wegpusten, in der Kippe 23 würde ich eher zu den Cocktails raten, um diesen Zweck zu erreichen.

Vor dem Haus blieben wir stehen. „Burger“, sagte ich.

Gern“, sagte er.

Wir schlenderten, uns verstohlene Blicke zuwerfend, bis zu dem stylischen Burgerladen am Kreisverkehr.

Der Burgerladen, den ich meinte, hat im Spätjahr 2017 dicht gemacht, an seiner Stelle ist mit dem Oxford Café Ost ein Ersatz getreten, der nicht ganz so übertrieben stylisch eingerichtet ist. Da ich sehr viele vegetarische lebende Menschen kenne und selbst auch nicht viel tote Tiere esse, bin ich dort noch nie eingekehrt. Auch hier gibt es einen Biergarten.

Wer nach dieser Tour nicht überfressen und angeschickert ist, dem kann ich auch nicht helfen.

Captain ohne (gescheite) Fanfiction

Mit einiger Verspätung habe ich am Freitag „Captain Marvel“ gesehen.

Ich war hin und weg und, ganz Fangirl, suchte am selben Abend noch nach Fanfiction — die USA hatten ja durchaus schon mehr als fünf Wochen Zeit, selbige zu produzieren.

Und nun schreibe ich hier über das, was nicht geschrieben wird.

Auf Archive of Our Own (AO3) gab es am Samstag um 0:15 266’464 Werke zum Thema „Marvel Cinematic Universe“ (kurz MCU). Damit ist das MCU eins der produktivsten Fandoms. „Captain Marvel“ ist der neueste Film aus dieser Filmreihe.

Ich musste auf die zweite Seite der Ergebnisse blättern, um eine Fanfiction zu finden, die „Captain Marvel (2019)“ getaggt hatte. Insgesamt findet AO3 546 Werke (0,2%). Davon enthält mehr als die Hälfte eine Romanze zwischen zwei Frauen („F/F“), was Fandom-Rekord sein dürfte. (14’665 MCU-F/F-Fictions zum Zeitpunkt des Nachschauens, macht 5,5%).

Das „Captain-Marvel (2019)“-Fandon enthält außerdem etwa zu einem Viertel eine Romanze mit einer Frau und einem Mann („M/F“). Das entspricht etwa dem MCU- und damit dem Gesamtdurchschnitt für Fanfiction bei AO3. (Das lesen Sie richtig. Im Gegensatz zu jeder anderen Art von Geschichten sind die Heten hier in der Unterzahl.)

Die F/M-Romanzen für Captain Marvel finde ich sehr schräg, da die Heldin, Carol Danvers, keine Chemie mit irgendeiner männlich konnotierten Figur hat. Und auch für das F/F-Gedöns muss ich echt die Augen zusammenkneifen und eine Lupe zur Hand nehmen.

Marvel versucht ausnahmsweise nicht einmal, uns von einer Romanze zu überzeugen. Und das tun sie ja gern, ohne dass die Figuren irgendeine Chemie entwickeln. (Ich sag nur, Steve/Sharon. Glaubt das irgendwer? Ehrlich? Loki und Iron Man haben mehr Chemie, trotz des Fensters. Und die Steve/Bucky-Fans muss man gar nicht erst fragen.)

Nein, wir haben hier erstaunlicherweise eine Heldin, deren Lebenstraum es ist, richtig schnell durch die Gegend zu zischen. Sehnsucht nach einem Mann oder Familie? Sehen wir nicht. Tatsächlich vergeht sogar der halbe Film, bis die Heldin mal entspannt lächelt.

Die Frau hat ein Resting Bitch Face, und der einzige Typ, der das kommentiert, bekommt das Motorrad gestohlen. Das finde ich sagenhaft geil.

Wir sehen aber auch eine Figur, die am Ende des Films halbwegs stabil und mit einer Lebensaufgabe rauskommt. Da hat sie quasi sämtlichen anderen Figuren mit eigenen Filmen außer Ant-Man und Dr. Strange was voraus. Carol Danvers ist kein gequälter Typ, der gemobbt wurde/den sein Vater gehasst hat/dessen Eltern gestorben sind/der auf der Flucht ist/gefoltert wurde/unter Depressionen oder PTSD leidet. (Mix’n’Match für Iron Man, Captain America, Thor, Loki, Bucky Barnes, Natasha Romanov, T’Challa, Spiderman und Bruce Banner. Und Hawkeye, laut den Comics.)

Solche ungequälten Figuren laden nicht dazu ein, ihnen die Welt besser zu schreiben.

Offenbar ist es aber auch hier in 75% der Fälle unmöglich, sich die Figur ohne Romanze zu denken. Die Tags „asexual character“ und „aromantic“ werden daher mit Stand vom Samstag nur je zweimal benutzt, in insgesamt zwei Geschichten von derselben Autor*in.

Wahrscheinlich finden nur andere Menschen aus dem asexuellen oder aromantischen Spektrum es seltsam, dass der Frau ohne Flirt so viele Romanzen angedichtet werden.

 

 

 

 

 

Triggerwarnungen-Bandwagon

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In der letzten Zeit ist da an anderen Stellen ziemlich was hochgekocht. Vor allem bei Facebook war’s in manchen Threads von Leuten, die ich mag, echt nicht mehr feierlich. Und ich hatte das unschöne Vergnügen, bei diesem Steit voll auf dem Zaun zu sitzen.

Auf der einen Seite diejenigen, die Inhaltswarnungen komplett kacke finden. Immer. Egal ob sie für Blogtexte, Filme oder Bücher sind: Diese Mimosen sollen sich nicht so haben. Erwachsene sind für sich selbst verantwortlich. Sie können sich gefälligst vorher informieren, statt alle Infos in vorauseilendem Gehorsam hinterhergetragen zu bekommen. Außerdem kannst du es damit nie allen recht machen.

Auf der anderen Seite diejenigen, die so hyperbesorgt sind, dass sie lieber ihre eigenen Romane für alle auf der zweiten Seite spoilern würden.

Und ich sitze so in der Mitte. Ich weiß beispielsweise auch gern, ob sexualisierte Gewalt in einem Text vorkommt — die Chance, dass sie verherrlicht oder verharmlost wird, ist dann nämlich recht hoch.

Wobei es traurig, aber wahr ist, dass manche Menschen, die sexualisierte Gewalt schreiben, gar nicht merken, was sie da tun und das für eine obersexy Liebesszene halten. Mein Problem ist dann mit der Message, die über Männer und Frauen verbreitet wird: eher mit dem Wie als mit dem Was.

Kein Schwein kann mich vor dem Leben und vor gedankenlosen Autor*innen beschützen. Und auch nicht vor Verlagen, bei denen im Lektorat niemandem auffällt, welche vorgestrigen Stereotype ihre Schreibenden so bemühen, weil es bei der Bis(s)-Reihe und „Shades of Grey“ ja auch niemanden gestört hat.

Wir alle brauchen mehr Feminismus, um die giftigen Botschaften, die uns tagtäglich begegnen, tatsächlich als solche zu erkennen.

Und damit zu meinen Texten: Warnung oder nicht?

Bei meinen Texten weiß man spätestens am Ende der Leseprobe, wo die Reise in etwa hingeht, daher weigere ich mich, Einzelheiten ins Buch selbst zu schreiben. Ich mag auch keine Altersangaben für Texte machen, die nicht für Kinder sind. Zumindest bei meinen Werken ist es so: Bis das eher verstörende Zeug auftaucht, haben die meisten ungeübten Lesenden die Segel gestrichen, und wer es bis dahin geschafft hat, wird wahrscheinlich auch mit dem eher verstörenden Zeug zurechtkommen.

Und wenn jemand eine echte Schwierigkeit hat: Die Person ist erwachsen, für sich selbst verantwortlich und kann mich, zur Not mit einer Wegwerf-Mailaddi, anschreiben. Oder eine Pseudomailadresse dahin schreiben, wo die Kommentarfunktion eine erwartet. (Ehrlich, das geht.)

Trotzdem habe ich eine Liste mit Triggern beziehungsweise Inhaltswarnungen gemacht. Warum? Weil ich es interessant finde, das mal in geballter Form zu sehen. Was ist das Zeug, das mich beschäftigt? Was sind die giftigen Botschaften, mit denen ich mich auseinandersetze und die meine Figuren (und damit auch ich) verinnerlicht haben? Hier habe ich es hellgrau auf schwarz.

Wie erwähnt sagt eine Inhaltswarnung nichts darüber aus, wie ich mit dem Thema dann umgehe. Ob ich die sexualisierte Gewalt sexy scheinen lasse — oder ob Marron seine Essstörungen deswegen hat, weil er mit seiner Rolle als Opfer und Täter nicht zurechtkommt? Oder als wie normal Gewalt gegen Kinder behandelt wird. Und so weiter.

Vor dem „Wie“ kann mich keine Triggerwarnung der Welt retten, denn die Perspektive derjenigen, die schreiben, ist wie meine eigene notwendigerweise beschränkt.

Wer sehr spezifische Probleme hat, wird daher selbst mit meiner Liste nicht um eine direkte Frage herumkommen.


Bildquelle: Pixabay, https://pixabay.com/de/zensur-unterdr%C3%BCckung-schweigen-1315071/

 

Gutaussehend?

Oder: Wenn die minderheitenbedingte Wahrnehmung das Schreiben beeinträchtigt.

Anderswo sagte DasTenna, dass sie keine Ahnung hat, was es bedeuten soll, wenn jemand eine andere Person als „gutaussehend“ beschreibt.

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Dieser Typ ist wahrscheinlich nicht nur gutaussehend, sondern auch sexy.

Ich kann das nachvollziehen. „Gutaussehend.“ Was soll ich mir da drunter vorstellen? Ich weiß ja nicht, was die andere Person denkt. Vielleicht ist „konventionell gutaussehend“ gemeint? Oder auch nicht — die in der Fanfiction verbreitete Sitte, über die Wangenknochen diverser Schauspieler zu seufzen, verstehe nicht nur ich nicht. Oder wenn ich in einem vollen Café eine Frau finden soll, die „blond und gutaussehend“ ist — das ist schon ein sehr weites Feld.

Ich kann zwar aus dem, was Leute sagen und schreiben, herausfiltern, was üblicherweise als „gutaussehend“ gilt. Oft meinen sie damit wohl „sexy“ — und ich habe nur eine vage Ahnung, was „sexy“ im Kopf von allosexuellen Menschen bedeutet.

„Gutaussehend“ ist für meine Minderheit noch ungenauer als für den Rest der Welt.

Ungenauigkeit ist üblicherweise der Feind der Erzählenden, weil sie die Vorstellungskraft behindern kann: Zu wenige Details sind genauso schädlich wie zu viele.

Zu viele Details behindern den Lesefluss: Dann wissen die Lesenden nicht, wo sie zuerst hinschauen sollen und vergessen vor lauter Klein-Klein, dass da auch eine Handlung ist. (Letztere Unsitte hat mich einst davon abgehalten, „Der Turm“ fertigzulesen. Zu viel Beschreibung geht mir auf die Nerven, wenn sie von außen gesehen keinem weiteren Zweck dient, als sprachlich schön zu sein.)

Zu wenige Details sind Stolperfallen. „Ein großes Haus“? Ist das die dreistöckige Gründerzeitvilla oder ein moderner Bau mit geschwungener Fensterfront? Oder ein Wohnblock aus den Siebzigern mit fünfzig Parteien? Wehe, die einen stellen sich das erste vor und landen in der zweiten oder gar der dritten Möglichkeit: Dann ist erstmal Blinzeln und ein mühseliger Neuaufbau des fiktionalen Traums angesagt. Das wird auf die Dauer lästig. Das mag mit einer Augenfarbe, die erst spät im Text erwähnt wird, noch angehen, aber größere Stolperer können den Lesenden durchaus den Spaß verderben.

Oder: Wie unordentlich ist unordentlich? Muss die Kommisarin über Stapel alter Zeitungen am Boden steigen oder hat der Ermordete nur sein Bett nicht gemacht?

(Hier kann ich sowohl die Person, die die Unordnung verursacht hat, als auch die beobachtende Person charakterisieren. Was fällt wem auf?)

Hässlich. Gutaussehend. Wie bei jedem Klischee und Allgemeinplätzen: Ein Etikett drauf und fertig. Gedanken um Grübchen oder sonst was überflüssig. Faulheit, sagen die einen. Praktisch, die anderen.

Ich hänge schreibtechnisch irgendwo dazwischen: Ich kann verstehen, warum viele Leute „gutaussehend“ ein praktisches Wort finden.

Das liegt daran, dass ich Liebesromane (oder wenigstens Liebesgeschichten) geschrieben habe. Viele Lesende dieses Genres möchten sich diesen oder jenen Typen halt gern so vorstellen, wie sie sich „gutaussehend“ und damit sicher auch „sexy“ definieren. Heißt: Die Autorin stellt Haarfarbe, Augenfarbe, die ungefähre Größe und ungefähre Figur zur Verfügung und verzichtet auf genauere Angaben. Details wie ein ausgeprägtes Kinn könnten hinderlich sein, weil manche Lesenden das vielleicht als unsexy empfinden.

Ist das auch der Grund, warum so oft fliegende Oberkörper auf M/M-Romance-Texten sind? Damit alle sich nach Geschmack ein Gesicht dazu denken können?

Ich gehe davon aus.

Frauen lesen?!

Via Geschichten und Meer kam eine Blogparade zu mir: 1. Frauenleserin Blogparade zum Jahresende

Initiiert wurde es von der Frauenleserin Kerstin Herbert, in diesem Posting.

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Nun ist das ja eher ein Schreib- und kein Leseblog. Die meisten Schreibenden, die ich kenne, lesen weniger, als sie gerne würden, weil irgendwo muss ja das Geld herkommen, das der Brötchenberuf nicht abwirft. Dito. Meistens versacke ich doch mit Fanfiction statt mit anspruchsvoller Lektüre. (Andere lesen ehrliche Liebesromane, ich weiß, ich weiß, aber lasst mich doch wenigstens eine Sache in Ruhe suchten, wenn ich schon kaum Serien schaue.)

Ansonsten klaue ich hier einmal die Fragen direkt aus dem OP:

  • Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Ich habe laut meiner Aufstellung von Belletristik 20 Romane oder Anthologien fertiggelesen.

Davon wurden 11 hauptsächlich oder ganz von Frauen verfasst.

Rechnen wir die Lektorate und die Fanfiction hinzu, die größtenteil Frauendomäne ist (oder von Menschen verfasst wird, die andere Leute für Frauen halten), dann komme ich wohl auf eine Quote von über 80 Prozent.

Als klassische Genreleserin habe ich es offenbar leichter, am Feuilleton vorbeizuoperieren.

  • Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)

Ich kann mich nicht zwischen Lagoon von Nnedi Okorafor, Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten von Becky Chambers und The Girl on the Train von Paula Hawkins entscheiden. Alle drei sind erstklassig erzählt und öffnen neue Horizonte (und wenn’s nur in den Garten an einer Bahnlinie ist).

  • Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?

Muss ich mich schon wieder entscheiden. Aargh. Also, bei Nnedi Okorafor beeindruckt mich ihre nigerianisch beeinflusste Sicht der Dinge bei gleichzeitiger fantasievoller Fabulierlust. Sie schreibt SF nicht von alten weißen Herren ab, die das Genre geprägt haben, sondern macht was Neues. Dito Becky Chambers, die so locker Nebensätze mit „meine Daddies“ aus dem Handgelenk schüttelt, dass es eine wahre Freude ist.

  • Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)

Da ich bei einer Veranstaltung zum Thema Frauenwahlrecht gebeten wurde, Marie Juchacz‘ erste Rede vor dem Deutschen Parlament anno 1919 vorzulesen, schaute ich mir auch ihre Biographie ein bisschen an, die mit eingescannt war. Eine Kurzversion ist bei Wikipedia einzusehen. Jedenfalls: Was für eine Energie. Wow.

  • Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?

Der SuB (Stapel ungelesener Bücher) enthält unter anderem zwei Krimis von Sophie Hénaff und A. S. Schmidts Codex Villalobos. Wenn dann noch Zeit ist, wird’s wohl mehr von Nnedi Okorafor, Becky Chambers, eventuell Aliette de Bodard, und eventuell noch The Moor’s Account von Laila Lalami.

 

ETA: Hintergrund des ganzen Zirkusses bzw. der Blogparade.

Wohlbekömmlich?/Vorsätze

Falls noch wer was zum Lesen für zwischen den Jahren sucht: Christian von Aster hat da was geschrieben.

Nehmen wir den Erfolgsautor einer Fantasy-Reihe. Selbiger mit seinem eigenen Schaffen unzufriedener Autor legt sich auf der Buchpremiere mit einigen Orks an. Ein Foto der Prügelei landet in der Zeitung, und auf einmal reiht sich eine absurde Begebenheit an die andere. Dies führt zu Begegnungen mit Menschen, die auf den ersten Blick Stereotype sind und auf den zweiten eben Menschen. Und zwar solche, die sich noch daran erinnern, dass Geschichtenerzählen „zärtliches Lügen“ ist.

Dazwischen: Anspielungen auf großartige Literatur und archetypische Figuren. Anregungen, was mensch noch lesen könnte. Bösartige bis feinsinnig-nachsichtige, aber immer treffende Beobachtungen der Welt im Allgemeinen und des Buchmarkts im Besonderen. Und Batman, der vielleicht alles richten könnte, lässt auf sich warten.

Außerdem fand ich in „Der Orkfresser“ folgendes Zitat:

Laut lesend blättere ich weiter und merke, wie beängstigend gut dieses Buch funktioniert. Die Geschichte ist unterhaltsam, brennt sich ein, macht neugierig und gewinnt, kaum dass man zu lesen gewinnt, so schnell an Fahrt, dass man förmlich hineingesogen wird und ich mich wieder erinnere, warum sich diese Mischung aus Engel-SM, Zombieselbstfindung und ätherischer Wunderlanddystopie derart gut verkauft: weil sie in aller Überfülle an Motiven, Symbolen und Gleichnissen so sackdumm und leer ist, dass ein Leser am Ende dieses Buchs noch hungriger ist als am Anfang. Das ist es vermutlich, was ein erfolgreiches Buch dieser Tage schaffen muss …

So etwas macht schon mal nachdenklich.

Das erinnerte mich an einen Kommentar von einer guten Freundin über die Bis(s)-Reihe:

Das ist wie Serie gucken. Du weißt genau, dass es bescheuert ist, aber du kannst nicht aufhören.

Es gibt ja durchaus Texte, die sind ultraspannend, und darüber merkt mensch nicht, dass sie völlig hohl sind. Es sind Geschichten, die keinerlei Bedeutung zu haben scheinen oder keine Aussage über das menschliche Dasein treffen. Und trotzdem verkaufen sie sich wie geschnitten Brot und werden sogar verfilmt. (Hust, Illuminati, hust. Dabei sind Verschwörungstheorien so was von Hexenverfolgung und Nationalsozialismus.)

Es gibt Geschichten, die sauge ich auf und nehme mir darauf gleich die nächste vor. Es gibt auch Geschichten, die lese ich und brauche hinterher erst mal eine Pause, weil ich sie verdauen muss. Oder weil ich mir an die eigene Nase zu fassen habe.

Beides hat wohl seine Berechtigung, ja nachdem, was mensch von einer Geschichte erwartet. Einfach mal nicht da sein müssen? Erkenntnisse über sich selbst und das Leben? Beides gleichzeitig?

So etwas geht, der Herr von Aster hat es mir vorgemacht.

Nun mag ein Text für die eine Person flache, wenn auch gut gemachte Unterhaltung sein, für die andere hingegen eine tiefere Wahrheit enthalten, die sie die gleiche Geschichte lieben lässt. (Meine „Albenbrut“ scheint so ein Text zu sein.) Einige haben Trost-Geschichten, die sie zum x-ten Mal lesen, wenn’s grade draußen hart auf hart kommt. Individuen sind da sehr verschieden gestrickt. Glücklicherweise.

Trotzdem lässt „Der Orkfresser“ mich mit einem gewissen Ehrgeiz zurück, Geschichten zu verfassen, an denen Menschen ein bisschen was zu kauen haben, ohne dass es schwer im Magen liegt.

So weit also zu guten Vorsätzen. Egal, ob sich die Mitlesenden hier etwas für das Neue Jahr vornehmen wollen oder nicht: Ich wünsche geruhsame Tage und einen guten Rutsch nach 2019.