Exotenstatus oder: Wie schreibe ich über Minderheiten? – Teil 3

Ace_Visi_Bi_litiy_jj_linkIn Teil 1 dieses Grundkurses hatte ich davon geschrieben, dass manche Menschen einem anderen Bewertungsmaßstab unterliegend als anderen, und in Teil 2, welche Konsequenzen diese Art Doppelmoral auf das Leben der Menschen mit den markierten Eigenschaften hat. Hier zeige ich (wie immer nach Julia Serano) einige Mechanismen der Entwertung auf, und versuche, ein paar Hinweise zu deren Vermeidung zu geben.

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Exotenstatus oder: Wie schreibe ich über Minderheiten? Teil 2

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Double Binds oder: Zwickmühlen für Fortgeschrittene

In Teil 1 dieses Grundkurses hatte ich über Wahrnehmungsverzerrungen geschrieben, die dazu führen, dass wir häufig unsinnigen Täuschungen über unsere Mitmenschen erliegen. Hier geht es nun darum, auszuloten, welche sozialen Konsequenzen es hat, zu einer geanderten und damit stigmatisierten Gruppe zu gehören.

Die schlechte Nachricht zuerst: Du kannst nicht gewinnen.

Deswegen schreibt Julia Serano eben von „Double Binds“ oder zu Deutsch: Zwickmühlen. (Und hier wieder auch der Hinweis, dass ich das Untenstehende gern erfunden hätte, aber in Wahrheit nur geschickt zusammenfasse.)

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Exotenstatus oder: Wie schreibe ich über Minderheiten? – Teil 1

Dies ist ein Text, den ich den letzten beiden Wochen ausgebrütet habe, daher das weitreichende Schweigen.

Vorgeschichte: Der Gay-Romance-Fail

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Es war einmal ein Online-Magazin, bei dem erschien die Rezension nebenstehender Sammlung von Gay(-Romance)-Kurzgeschichten. Ein Troll hatte nichts Besseres zu tun, als einen Kommentar zu posten, in dem es darum ging, dass hier rechtschreibschwache weibliche Wesen pornösen Schund für „frustrierte Hausfrauen“ produziert hatten.

Abgesehen davon, dass ich mir als Seitenbetreiber*in diese und andere Äußerungen verbeten hätte, produzierte der Kommentar eine mittlere Krise in der Gay-Romance-Szene.

Ich bin der Meinung, dass das Drama etwas kleiner ausgefallen wäre, hätte der Troll nicht ein „Hetentussen“ in den Raum geworfen.

An der Anthologie hatten sich nämlich neben Autoren (also mit männlichen Pronomen) auch Autorinnen beteiligt, deren einige nun aber nicht hetero waren. Und auf einmal kloppten sich die Liebesromanautorinnen mit den echten und eingebildeten Schreibenden von „Literatur“, die Männer mit den Frauen und die Heten mit dem lsbttiqa*ect Volk. [1] Nicht nur in der betreffenden Kommentarspalte, sondern mindestens auch in diversen Gruppen und Profilen bei Facebook.

Ich gehe davon aus, dass die Wortwahl des Trolls pure Berechnung war, um das größtmögliche Chaos zu verursachen.

Im Folgenden werde ich länger ausholen und erklären, warum das so gut funktioniert hat.

Nebenbei dient diese Serie von Postings als Anleitung, Minderheiten und marginalisierte Gruppen besser zu verstehen und besser zu schreiben. Formuliert ist dieser Crashkurs anhand dreier Kapitel aus Julia Seranos „Excluded“, das ein verflucht gutes Buch ist und hiermit allen englischkönnenden Menschen ans Herz gelegt sei.

Wie kommen Minderheiten zustande?

Wenn ich mit einer blauen Bluse rumlaufe, werde ich in der Regel nicht beachtet. Benutze ich dazu einen blauen Lippenstift, werde ich beachtet – die Tatsache „blauer Lippenstift“ wird als bemerkens-wert erachtet (heißt, es werden Bemerkungen darüber gemacht), während die blaue Bluse dazu auf dem gewöhnlichen mitteleuropäischen Radar zum Hintergrundrauschen gehört.

Der blaue Lippenstift ist somit für meine provinzstädtische bis dörfliche Umgebung eine als besonders gekennzeichnete, also markierte Eigenschaft, die Bluse nicht. Es werden, wie gesagt, Bemerkungen gemacht, ich werde gefragt, warum und wieso – die Eigenschaft ist somit frag-würdig, und mir wird unterstellt, mit meiner Farbwahl etwas bezwecken zu wollen.

In einer Großstadt wie Berlin, beim Clubben oder auf einer Halloween-Party fällt ein blauer Lippenstift dagegen weniger auf.

Das beweist, dass eine markierte (und damit bemerkenswerte) Eigenschaft immer von der Situation und vor allem von derjenigen Person abhängt, die diese Eigenschaft betrachtet.

Es werden aber nicht nur blaue Lippenstifte markiert, sondern auch Körperformen („fett“), Kleidungsstücke (Kopftuch, „Mann in Frauenkleidern“), Hautfarbe („farbig“), Geschlecht („Frau“) und allerlei mehr. Eins ist irgendwie „normal“, und das andere fällt auf.

Heißt zum Beispiel, in Mitteleuropa sind Männer (und solche, die dafür gehalten werden) auf der Straße nicht bemerkens-wert, es sei denn, sie sind anderweitig markiert („in Frauenkleidern“, Dreadlocks, Trachten jeder Art außerhalb spezieller Feste etc.). Wohingegen Frauen (und solche, die dafür gehalten werden) häufig einem Strom von Blicken und Bemerkungen ausgesetzt sind („die hat aber stramme Oberschenkel“, „Grüß Gott, schöne Frau“, Pfeifen, Hupen im Vorbeifahren …).

Wen bemerken wir wie?

Wahrnehmungsverzerrung: Ingroup/Outgroup

Wir bemerken eher Menschen, die wir als nicht zu unserer Gruppe gehörig empfinden.

Obwohl es eigentlich bekannt sein sollte, dass keine zwei Menschen exakt gleich sind, neigen Menschen dazu, sich in Gruppen einzuteilen. Eine Gruppe ist die eigene Gruppe (Ingroup), zu der ich gehöre bzw. zu der ich mich zähle, und die zweite Gruppe, zu der ich mich nicht zähle, ist die Outgroup. Die Anderen, eben

Mitglieder der Ingroup werden wohlwollender betrachtet und behandelt als Mitglieder der Outgroup. Tatsächlich werden Mitglieder der Outgroup nicht nur negativer beurteilt, sondern mensch neigt dazu, diese Mitglieder auch als uniforme Masse mit den gleichen, negativ behafteten Eigenschaften zu betrachten.

Ob eine Ingroup/Outgroup-Situation vorliegt, erkennt eins meistens am „die“. „Wir“ sondern uns von „denen“ Besonderen ab.

Das reicht von eher harmlosen Verallgemeinerungen („Die Amis haben ein echt schräges Verhältnis zu Krankenversicherungen.“) bis hin zu bösartigen, diskriminierenden Vorurteilen („Die dürfen nicht in den Laden, die klauen doch alle.“).

Wahrnehmungsverzerrung: Unerwartet = Schlecht

Über den Hang der Menschheit, auf unerwartete Ereignisse mit Stress zu reagieren, habe ich bereits andernorts geschrieben. In den meisten von uns sind noch jene unserer Vorfahren tief verankert, die in jedem Hinweis auf ein Raubtier oder Krankheiten eine Lebensgefahr für ihre Gruppe wittern mussten.

Aber – was ist nun unerwartet?

Leider ist das immer im Kopf der Betrachtenden. Unerwartet heißt, wir nehmen an, dass es sehr selten ist. Oder wir nehmen an, dass es einer Norm oder einem Gesetz widerspricht, die wir für allgemeingültig halten. Und/oder es widerspricht einem Stereotyp oder einer Annahme, die wir von einem bestimmen Menschen haben.

Wir stellen also fest, dass sich hier die Katze teilweise in den Schwanz beißt: Ich laufe herum, sehe Menschen, und nehme an, dass die alle heterosexuell sind – was Unfug ist, denn wir haben geschätzte fünf Prozent Nicht-Heten. In der Regel fallen diese schwulen, lesbischen, bi-, pan-, a_sexuellen Menschen aber nicht auf (ich falle auch nicht deswegen auf), sodass ich meine Annahme „alle sind heterosexuell“ quasi bestätigt finde, bis mir das Gegenteil bewiesen wird.

Pakte

Diese zweite Verzerrung des „Unerwartet = Schlecht“ erklärt allerdings nicht, warum wir die Eigenschaft „Frau“ markiert haben, denn Frauen stellen etwa 50% der Bevölkerung. Also gibt es neben „ist unerwartet“ in Bezug auf die Outgroupbildung bzw. Markierung noch andere Einflussfaktoren, zum Beispiel eine stillschweigende gesellschaftliche Übereinkunft.

Julia Serano nennt als Beispiel einer solchen Übereinkunft auch das Beispiel „Wirtschaftsprüfung“ versus „Sexarbeit“ – wir sind nicht überrascht, wenn uns eine Wirtschaftsprüferin auf einer Party begegnet, wohingegen wir überrascht sind (und es für bemerkens-wert erachten), wenn wir einer Sexarbeiterin begegnen, obwohl in den USA prozentual gesehen (und geschätzt) in etwa so viele Menschen als zertifizierte Wirtschaftsprüfer*in tätig wie in der Sexarbeit aktiv sind.

Über Ursachen dieser gesellschaftlichen Pakte werde ich nicht referieren, dazu bemühen Sie bitte eine Suchmaschine Ihrer Wahl und die Anderungsform Ihrer Wahl (z.B. Frauenhass/Misogynie, Behindertenfeindlichkeit, etc.)

Allgemeine Konsequenzen des Markiertseins

Ganz gleich, wie nun die Markierung zustande kam: Wir finden es natürlich, diese markierte Eigenschaft eines anderen Menschen zu bemerken, zu kommentieren, zu hinterfragen und negativer zu beurteilen als eine erwartete Eigenschaft.

Und wir finden es auch natürlich, wenn andere Leute das tun, selbst, wenn wir keine besondere Meinung zu der Eigenschaft haben – vorausgesetzt, wir sind Teil der Übereinkunft, dass eine Eigenschaft markiert ist.

Eine Person mit einer (bekannten) markierten Eigenschaft sieht sich dementsprechend häufig Bemerkungen und Fragen ausgesetzt, denn ihre Eigenschaft ist nun mal als frag-würdig akzeptiert.

Und damit eben auch fragwürdig, also eben auch zweifelhaft und verdächtig. Für die markierte Eigenschaft muss es also ein Motiv geben, oder mindestens einen Grund.

Notiz: „Es ist eben so“ ist nur ein akzeptabler Grund, wenn es um die unmarkierte Eigenschaft geht.

Unmarkiert ist normal, alles andere ist unnormal, unnatürlich, abnorm, vielleicht sogar krank?

Unmarkiert ist normal, die Standard-Erfahrung, damit maßgeblich und objektiv. Erfahrungen markierter Menschen sind immer subjektiv und ein Einzelfall.

Unmarkiert ist alltäglich. Markiert ist exotisch, anders – mal aufregend, mal mysteriös, aber immer undurchschaubar und mit verborgenen Beweggründen.

Markiert ist mal glamourös, mal stigmatisiert, und häufig mit einem Werturteil verbunden.

Daraus folgt, dass eine markierte Eigenschaft ein Grund ist, Menschen anders zu beurteilen als solche mit unmarkierter Eigenschaft – an die geanderte Gruppe wird ein anderer und meist strengerer Maßstab angelegt als an die vermeintlichen „Normalen“: ein Double Standard bzw. zu Deutsch eben die Doppelmoral.

Und hieraus erschließt sich dann, warum wir mit Minderheiten und Gruppen mit markierten Eigenschaften so umgehen, wie wir umgehen.

Weil wir also mit zweierlei Maß messen, ergeben sich für geanderte Gruppen regelmäßig soziale Zwickmühlen, von denen ich in Teil 2 schreibe.

 


[1] Lsbttiqa*etc ist immer ein Adjektiv und kurz für „lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell, queer, a_sexuell und alles andere, das wir gerade nicht auf dem Schirm haben“.

Instrumentalisiert …

… kommt sich eine gelegentlich vor, wenn die eigene Minderheit mal wieder als Beweis dafür dienen soll, was mit queeren Bewegungen im Besonderen und der Gesellschaft im Allgemeinen nicht stimmt.

SW Testbild

Als die Welt noch einfacher war: Schwarz/Weiß-Testbild

Feddersen war es, der in der taz über sämtliche Wörter herzog, deren Einführung nach 2000 datiert. Gleich im Titel bezeichnet er das Buchstabensuppenkürzel (LSBTTIQAPetc.) als „breitgetretenen Quark“. (Wer den teilweise beleidigenden Unfug komplett lesen will, benutze eine Suchmaschine.)

Nun mag dieses Buchstabenkürzel vom LSBTTIQAPetc. nicht unbedingt handlich sein, und manchmal eine Gemeinschaft vorspiegeln, die es so nicht gibt, oder besser gesagt, bei der es sich eher um eine Zwangsgemeinschaft handelt. Aber wir alle haben eine Gemeinsamkeit: Wir stören die Leute dabei, sich ihre Welt eindeutig in männlich und weiblich, „normal“ und „unnormal“ zurechtlügen zu können. Daher möchten wir bitteschön zu Hause bleiben, uns was schämen und bloß nicht darüber reden, dass alles ein bisschen komplizierter ist, als mensch so annimmt.

Die wenigsten schaffen es übrigens zu sehen, dass das, was sie kritisieren, wenn es ihnen widerfährt, genau das ist, was sie anderen antun. (Ich will mich hierbei nicht ausnehmen.)

In der Schwulst-Ausgabe vom Sommer 2017 schreibt die altgediente Stuttgarter Travestiekünstlerin Frl. Wommy Wonder:

„… ihm fehlen halt treuen Herzens und in beneidenswerter Naivität all die vielen vielen (viel zu vielen) Unterbegriffe und Nebenschubladen, in die man heutzutage alles unterteilt …“

Satire? Nicht so gemeint? Keine Ahnung. Zäumt das Pferd jedenfalls von hinten auf und schlägt in eine Kerbe, die eigentlich schon tief genug ist. Neue Wörter entstehen, weil plötzlich über Dinge nachgedacht wird, die im wahrsten Sinne des Wortes vorher unsagbar waren. Das hat erstmal wenig mit Unterteilung zu tun, auch wenn’s von außen vielleicht so aussieht. Sollte ein*e Kabarettist*in aus der Buchstabensuppe eigentlich wissen, auch wenn ich Frl. Wonders Texte sonst sehr zu schätzen weiß.

Der neueste diesbzügliche Artikel stammt von heise.de/Telepolis, und ich habe nicht mal die gerinste Ahnung, was die Ätzerei eigentlich bezwecken soll. So viel habe ich mitgenommen: Hipster sind total lächerlich, weil sie alle voll individuell sein wollen, es aber nicht sind.

Diese Erkenntnis ist nun nicht so brandneu, da über Hipster und ihre Brillen/Frisurem/Karohemden/Jutetaschen/etc. schon seit Jahren gewitzelt wird. Gefühlt gab es sogar zuerst den Hipsterwitz und dann den Hipster.

Was irgendjemandes sexuelle Orientierung damit zu tun hat, bleibt mir allerdings auch nach der vierten Seite Text schleierhaft.

Offensichtlich ist der sehr wahrscheinlich heterosexuelle Autor einer vorurteilsbedingten Falle erlegen, die ich oben schon angerissen habe: Wer sich nämlich nicht brav für das eigene (Anders-)Sein schämt, muss ja ganz offensichtlich auffallen wollen. Anstatt, mensch glaube es nicht, einfach nur (mit einem passenden Begriff für die eigenen Empfindungen) zu sein.

Dass eins mit dem passenden Begriff gleichzeitig darauf hinweist, dass die säuberliche Sortierung nach männlich/weiblich, „normal“/“unnormal“ völliger Unsinn ist und nur im Kopf derjenigen existiert, die diese Sortierung vornehmen, ist quasi Bonus. Auch wenn die Leute selten merken, dass sie ihren eigenen Vorurteilen über die Menschheit erlegen sind und stattdessen lieber die Schuld bei den vermeintlichen Störenfrieden suchen.

Mal wieder übersexualisiert

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Derletzt wurde ich zu meinem ehrenamtlichen Thema per Telefon befragt, und da fiel dann mal wieder diese Phrase von der übersexualisierten Gesellschaft. Leider kam dann das Gespräch wie so häufig auf mein Privatleben (es lebt, danke …) statt auf diese Theorie, dass in der Öffentlichkeit zu viel Sex sei.

Ich mag sie nicht. Oder besser: Ich glaube, sie schießt am Ziel vorbei.

Einige Beobachtungen zum Thema Sex

Stellen wir fest: Sex ist offensichtlich ein interessantes Thema. Die Menschheit zerreißt sich darüber den Mund, seit sie existiert.

Stellen wir weiterhin fest: Grundsätzlich muss ich nicht mit Details aus anderer Leute Intimleben an jeder x-beliebigen Ecke überfallen werden, aber ich finde es sehr in Ordnung, wenn ich an x-beliebigen Ecken erfahren kann, was es alles gibt und wo sich die Details verstecken. Ein solches, möglichst vorurteilsfreies, Grundrauschen an Information ist meines Erachtens diesbezüglich notwendig.

Wenn ich weiß, was es alles gibt, kann ich über mein Leben ein wenig besser entscheiden, als wenn ich nur hinter vorgehaltener Hand Halbwahrheiten und Gerüchte zu hören bekomme, während im Vordergrund irgendetwas von vaterländischer Pflicht, Gottesfurcht oder derlei gesalbadert wird.

Die sogenannten „besorgten Eltern“ sind gegen diese Art von informativem Grundrauschen, das macht sie mir sehr suspekt.

Mir fällt aber auch auf: Mit dem Versprechen des Begehrtwerdens wird heute ein Haufen Werbung gemacht. Begehrenswert sein stellt zwar schon immer einen Wert dar, aber früher gab es nicht so viele Kanäle, auf denen nackte Haut versendet werden konnte.

„Begehrt werden“ wird schon lange mit „geliebt werden“ verwechselt (siehe all die „amore“ aus den Mozartopern)  und mittlerweile auch mit Glücklichsein. Somit ähnelt das „Begehrenswert sein“ einer Karotte an einer Angel, die immer knapp außerhalb der Reichweite des Pferdes der Verbraucher*innen baumelt, denn der perfekte Body in der perfekten Verpackung ist schon per Definition außer Reichweite.

Mir fällt auch auf: Was eins im Bett mit einer oder mehreren anderen Personen treibt, wird nicht ausschließlich als eine Frage des persönlichen Geschmacks wahrgenommen, sondern als Ausdruck der Persönlichkeit, der den echten, wahren Wesenskern eines Menschen freilegt.

Nazis und Kommunist*innen können gleichermaßen gern, sagen wir, schwarze Oliven oder Sushi mögen, und niemand wird behaupten, dass sich das widerspricht.

Reden wir aber von Fesselspielen, bei denen so viel Einverständnis wie möglich zwischen den Beteiligten herrscht … dann sieht es anders aus. So jemand muss doch progressiv sein und auf Gleichberechtigung überall stehen? Oder?

Wie kann eine Frau, die mit einer Frau zusammenlebt, AfD-Spitzenkandidatin werden? Wieso ist eine Autorin, die über schwule Paare schreibt, krass rassistisch? Wieso vertreten nicht alle a_sexuellen Menschen queerfeministische Positionen?

Das passt doch nicht zusammen? Oder?

Allgegenwart plus (Über)bewertung gibt?

Aus dem Wunsch nach Begehrtwerden und dem Mythos vom echten, wahren Persönlichkeitskern bauen wir neue Normen auf, die nirgends stehen und deswegen umso perfider wirken. Hier steht kein schwarzberockter Pfaffe mehr auf der Kanzel und predigt wider die Unzucht (und setzt dabei wenigstens klare Grenzen), sondern Schreibende stellen Listen auf von Dingen, die mensch unbedingt mal getan haben muss, Gesundheitsmagazine trompeten hinaus, dass Sex gesund sei und welche Stellung wie viel Kalorien frisst, Frauenzeitschriften ergötzen sich an Frauen, die ohne BDSM nicht existieren können (statt es nur mal voll progressiv ausprobiert zu haben) und irgendwo verläuft immer noch die magische Grenze zwischen einer voll aufgeklärten, lebenslustigen Frau und der vielgefürchteten Schlampe.

Aber niemand verrät dir, wo diese Grenze genau verläuft, und wie sehr sie von Dingen abhängt, die du nicht beeinflussen kannst. (Wo du aufgewachsen bist, welche Farbe deine Haut hat, wie viel Geld deine Eltern hatten …)

Es gibt auch die Grenze zwischen „langweilig“ und „normal“ oder „normal“ und „schwanzgesteuert“ und noch mehr Grenzen zwischen „normal“ und etwas anderem, aber wer weiß schon, wie viel ich mit wem wie tun muss, um normal und voll aufgeklärt zu sein und auch hier meine politischen Ansichten widerzuspiegeln …

Alles in allem hat unsere ach so fortschrittliche Post-68er-Gesellschaft einen eher unentspannten Umgang mit dem Thema Sex. Obwohl das Thema quasi überall ist. Und das finde ich so was von 19. Jahrhundert.

Für Leute, die Englisch können, gibt es „The Sex Myth“ zum Weiterlesen.

Zur Konzeption von Homophobie in „Albenerbe“

Meineeine knobelt immer noch am Klappentext rum, aber das Nixblix ist mit einem Schreibblog neu am Start und hat sich auf eins meiner Postings berufen, also bekommt das geschätzte Publikum jetzt ein veritables Monster über einen Teil meines Weltenbaus.

Sexismus = Homophobie?

(tw: sexualisierte Gewalt)

Irgendwann habe ich mal Spekulationen gelesen, dass der hiesige Hass auf Männer, die Sex mit Männern haben, einiges mit Sexismus zu tun hätte, und dass sich Frauen und solche, die dafür gehalten werden, am besten mit schwulen Männern verbünden sollten.

Die Probleme sind eindeutig assoziiert – historisch gesehen haben diejenigen Männer, die Bottoms sind oder als solche bzw. als feminin wahrgenommen werden, mit mehr schlechten Meinungen zu kämpfen als Tops.

Klassiche Nonsens-Frage daher: „Welcher von euch ist die Frau?“

Ein anderer assoziativer Ansatz ist der Ableismus: Du verhältst dich anders, also musst du krank sein, also therapieren wir dich. Im Zweifelsfall, bis du als Gemüse rauskommst oder aus Verzweiflung Selbstmord begehst.

Vor derlei Vorurteilen sind auch Fantasy- und SF-Autor*innen nicht gefeit – wir können immer nur in einem gewissen Rahmen spekulieren und reflektieren grundsätzlich die Gesellschaft, in der wir leben. Wir extrapolieren immer vom Status Quo, enweder nach vorne oder seitwärts. Weiterlesen