Exotenstatus oder: Wie schreibe ich über Minderheiten? – Teil 3

Ace_Visi_Bi_litiy_jj_linkIn Teil 1 dieses Grundkurses hatte ich davon geschrieben, dass manche Menschen einem anderen Bewertungsmaßstab unterliegend als anderen, und in Teil 2, welche Konsequenzen diese Art Doppelmoral auf das Leben der Menschen mit den markierten Eigenschaften hat. Hier zeige ich (wie immer nach Julia Serano) einige Mechanismen der Entwertung auf, und versuche, ein paar Hinweise zu deren Vermeidung zu geben.

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Exotenstatus oder: Wie schreibe ich über Minderheiten? Teil 2

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Double Binds oder: Zwickmühlen für Fortgeschrittene

In Teil 1 dieses Grundkurses hatte ich über Wahrnehmungsverzerrungen geschrieben, die dazu führen, dass wir häufig unsinnigen Täuschungen über unsere Mitmenschen erliegen. Hier geht es nun darum, auszuloten, welche sozialen Konsequenzen es hat, zu einer geanderten und damit stigmatisierten Gruppe zu gehören.

Die schlechte Nachricht zuerst: Du kannst nicht gewinnen.

Deswegen schreibt Julia Serano eben von „Double Binds“ oder zu Deutsch: Zwickmühlen. (Und hier wieder auch der Hinweis, dass ich das Untenstehende gern erfunden hätte, aber in Wahrheit nur geschickt zusammenfasse.)

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Achtung vor dem Plotkaninchen

The American pet stock standard of perfection and official guide to the American fur fanciers' association (1915) (17539427083)

Ich so: Ich hab keinen Bock mehr auf Kerls, und schon gar nicht gay, ich mach dann als nächstes (zensiert).

Ein Plotbunny hoppelt vorbei, sieht eine achtlos rumliegende Möhre, auch bekannt als „Das Inkubus-Thema ist noch nicht voll ausgereizt, außerdem braucht Urban Fantasy nicht so viel Recherche wie (zensiert), das geht quasi nebenher“. Das Bunny frisst die Möhre, mutiert zum Monsterkarnickel und zeigt mir böse grinsend den Mittelfinger.

Tja … dreimal darf das werte Publikum raten, was ich gestern Abend nach der  Queer Gelesen gemacht habe, statt die Ereignisse in Wiesbaden (und die netten Leute dazu) gemütlich sacken zu lassen.

Antwort: Recherche und Plotplanung.

Aargh./Freu.

So langsam heiße Phase …

Also, das Albenerbe 2 ist bei der Sprach-Beta, danach bekommt’s der Verlag zur Ansicht.

Der Albenzauber ist in der Lektorats- bzw. Beta-Phase, siehe Bild. Nebenher muss ich gucken, dass das Teil ein Cover bekommt und einen Klappentext hat (graus-horror-schreck). … Merkt noch wer, wie gerne ich Klappentexte verfasse? Exposé geht ja noch, das sieht nur der Verlag, aber Klappentexte? Graaahhh.

Bin fest entschlossen, dass das Teil in der Woche vor Ostern unters Volk soll. Zwei Monate also, um den Text auf sprichwörtlichen Hochglanz zu polieren. Er ist lesbar, hat aber eben noch Schönheitfehler.

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Zickenterror?

In meinem kleinen Bericht von der BuchBerlin hatte ich ja schon angekündigt, dass ich das Panel „Wer liest und schreibt Gay Romance?“ ein bisschen auseinandernehmen wollte.

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Allein unter Heten (oder solchen, die ich dafür hielt)

Oben auf dem Podium saßen also ein Heteromann (Respekt) und sechs Menschen mit weiblichen Pronomen, ergo Frauen (oder wenn nicht, dann haben sie diesbezüglich nichts gesagt), die auch oder ausschließlich auf Männer stehen.

Logischerweise wurde denn auch gefragt, was die Kolleginnen dazu bewegt, „Gay“ zu schreiben. Neben dem Zufall und schwulen Bekannten spielte da der Sexiness-Faktor  eine nicht unerhebliche Rolle. Außerdem kamen sie alle überein, dass es irgendwie einfacher und interessanter sei, über Männer zu schreiben. Oder dass sie einfach keine Frauen schreiben könnten.

Ja. Richtig gelesen.

Da dachte ich zunächst: Mädels, was habt ihr für eine Vorstellung von euren Leidensgenossinnen? Wieso macht ihr euch auch hier gegenseitig runter? Reicht es nicht, wenn wir über A’s Klamotten, B’s Figur und C’s Zickenterror lästern? Ist das ein weiterer Beweis für internalisierten Sexismus?

Und: Wieso hatte ich noch nie Probleme mit weiblichen Figuren?

Dann wurde ausgeführt: Es gäbe bei Pärchen aus Männern weniger Stereotypen (je älter das Genre wird, desto fraglicher) und frau müsste sich nicht mit der Dame des Pärchens identifizieren, da selbige ja nicht vorhanden ist.

Schlussendlich stellte eine dieser Kolleginnen im privaten Gespräch fest, dass es dabei hauptsächlich um Schwierigkeiten mit Frauen in Pärchen geht. Figuren, die zufällig Frauen sind und ansonsten ihr Ding machen, scheinen weniger betroffen.

Also geht’s um Stereotypen in Liebesromanen.

In diesem Genre gibt es anscheinend nur zwei Varianten von Frauen:

1. Gutherzige Exemplare, die einen starken Mann zum Anlehnen brauchen und gerettet werden müssen: Diese werden von den Autorinnen für ihre Schwäche verachtet.

2. Erfolgreiche Powerfrauen, die jeden haben könnten und unter dem weiblichen Publikum vor allem Neid schüren.

Ich lese keine klassischen Hetero-Liebesromane und hege eine gewisse Abneigung gegen romantische Komödien, insofern kann ich nicht behaupten, dass ich weiß, inwieweit diese zwei Varianten den Markt dominieren. Ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht wissen und rege mich lieber über den Mangel an komplexen weiblichen Figuren in den Marvel-Filmen auf, wo zumeist Typ 2 auffindbar ist.

Jedenfalls scheinen die meisten echten weiblichen Wesen sich zwischen den beiden Polen oder gar jenseits davon aufzuhalten.

Angelernte Denkbeschränkungen?

Wir sind Schriftstellerinnen. Wir denken uns von Berufs wegen Zeugs aus.

Trotzdem gibt’s ja nicht nur von den Podiumsdikutantinnen, sondern auch von sehr vielen anderen weiblichen Schreibenden nicht viel Neues bezüglich des heteronormativen Wahns: Wenn die Prinzessin nicht im Turm sitzt, muss sie Lara Croft (oder Black Widow)  sein, also sich wie Rambo mit Brüsten verhalten.

Wieso sind so viele uns nicht in der Lage, die Klischees zu umschiffen, zu brechen oder ihnen einfach mal den Mittelfinger zu zeigen?

Da ich vor allem Figuren schreibe, die zufällig Frauen sind, kenne ich offensichtlich das Problem nicht. Allerdings hatte ich trotzdem schon mit internalisiertem Sexismus zu tun und erwische mich manchmal immer noch dabei, dass ich denke „Frauen sind immer x und sollten nicht dies oder jenes tun, Männer sind immer y und sollten nicht dies oder jenes tun“, was gequirlter Bockmist ist.

Ich behaupte mal, dass die patriarchale Indoktrination bei den meisten von uns hervorragend gewirkt hat.

Crosspost: Workshop A_sexuelles Erzählen

Da von der Vereinsseite kein Reblog möglich ist, bekommt ihr einfach einen Crosspost:
A lady writing at a deskDie Ergebnisse unten sind so wichtig, dass ich sie gerne auf zwei Kanälen in die Welt pusten möchte.

Von „langweilig“ zu „neuer Trend“ …

Nachdem wir vorher etwas zur Darstellung asexueller Figuren gehört hatten, begann ich meinen eigenen Vortrag/Workshop mit zwei Zitaten, um die Angelegenheit von der handwerklichen Seite zu beleuchten.

Das erste ist von 2012, und stammt von Steven Moffat – jenem Autor, der den BBC Sherlock maßgeblich mit zu verantworten hat.

Dies ist der (gekürzte) Originalwortlaut:

„There’s no indication in the original stories that he was asexual or gay. He actually says he declines the attention of women because he doesn’t want the distraction. (…) It’s the choice of a monk, not the choice of an asexual. If he was asexual, there would be no tension in that, no fun in that – it’s someone who abstains who’s interesting.“

Auf Deutsch:

„In den Originalgeschichten gibt es keine Hinweise, dass er asexuell oder schwul war. Er sagt ausdrücklich, dass er die Aufmerksamkeit von Frauen meidet, weil er die Ablenkung nicht wünscht. (…) Es ist die Wahl eines Mönchs, nicht die Wahl eines Asexuellen. Wenn er asexuell wäre, läge darin keine Spannung, es würde keinen Spaß machen – es sind die, die auf etwas freiwillig verzichten, die interessant sind.“

Moffat verrät damit ein besorgniserregendes Konzept von A_sexualität oder, dass er sich mit der Materie gar nicht auskennt, obwohl er eine Figur geschrieben hat, in der sich viele a_sexuelle Menschen wiederfinden können.

Andererseits scheint es mittlerweile ein Trend, in der M/M-Liebesliteratur (also Liebesromane mit zwei Männern als Hauptfiguren, zu deutsch auch „Gay Romance“) asexuelle Figuren auftreten zu lassen.

Hierzu mein Verlagskollege T.A. Wegberg von Dead Soft über einen Vortrag bei einer Convention:

„Die Popularität dieses Subgenres werde aber, so war zu erfahren, in den USA bereits übertroffen von „Asexual Romance“, also Liebesgeschichten mit allem Drum und Dran, aber ohne den Wunsch eines oder beider Partner nach einer sexuellen Beziehung. Wir können davon ausgehen, dass auch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt künftig mehr davon zu lesen sein wird.“

Offenbar bahnt sich eine 180-Grad-Wende an.

Ziel des Workshops war nun, zu erkunden, was Autor*innen eigentlich „interessant“ finden. Wie konstruieren wir Geschichten? (Notiz: Wir reden hier von handelsüblichen Geschichten, die sich tatsächlich auch verkaufen und nicht nur für ein Publikum aus Kritiker*innen interessant sind.)

Und dann freie Bahn für Diskussionen: Was finden wir als a_sexuelle Menschen interessant? Worüber möchten wir lesen? Was könnte für ein allosexuelles (= nicht-a_sexuelles) Publikum interessant sein?

Warum erzählen Menschen Geschichten?

Geschichten sind zunächst mündlich, später schriftlich aufbewahrte Lebenserfahrung. Was tue ich, wenn der Säbelzahntiger im Gras raschelt? Wie überliste ich einen Feind? Wie überlebe ich ein Familientreffen/die Zombieapokalypse?

Geschichten erzielen einen Lerneffekt, indem sie Menschen mit den Figuren der Geschichte mitleiden lassen.

Außerdem vermitteln sie Bedeutung: Den Ereignisse der Geschichte wird durch das Erzählen Wichtigkeit verliehen, sie interpretiert und deutet die erzählten Ereignisse. Und Menschen sind in der Regel sehr hungrig nach Deutungen und nach Bedeutung in dieser chaotischen Welt.

Was braucht eine Geschichte?

Der Lerneffekt entsteht durch Mitleiden – das Publikum wird in einen „fiktionalen Traum“ versetzt. Dazu benötige ich eine Hauptfigur, die zur Identifikation dient.

Die Ereignisse sollten in einer logischen Reihenfolge stattfinden: aus A folgt B, aus Aktion folgt Reaktion, aus der schlechten Kindheit des Protagonisten folgt … etc. Bei den Ereignissen in logischer Reihenfolge handelt es sich um diese ominöse Sache namens Plot.

Um den Lerneffekt vollständig zu machen und der ganzen Sache eine Bedeutung zu verleihen, muss die Geschichte ein Ende haben, das sozusagen eine Schlussfolgerung über die erzählten Ereignisse erlaubt.

Da eine Figur, die leicht durch’s Leben spaziert, nicht von Interesse ist, zwingt eine gute Geschichte sie von ihrem üblichen Pfad. Die Figur baut einen inneren Widerstand gegen die Kraft auf, die sie von ihrem Pfad zwingt: Das ist der erste Konflikt der Geschichte.

Für eine Story brauchen wir dann noch mehr von diesen Konflikten: Jede Figur der Geschichte vermutet ihr Lebensglück in einer anderen Richtung. Die Interessen der Figuren kollidieren, sie reiben sich aneinander, die Konflikte schaukeln sich auf bis zum Showdown, in dem der wichtigste Konflikt der Geschichte gelöst werden sollte.

Durch die Konflikte verändert sich nicht nur der Lebensweg der Figur, sie muss auch Entscheidungen treffen, die sie zu einer inneren Veränderung zwingen.

Frei nach Lisa Cron (s.u.) erzählt also eine Geschichte, wie sich eine Figur durch die Ereignisse der Geschichte verändert.

Fragen für die Diskussion:

Welche Geschichten über a_sexuelle Figuren kennt ihr?

Was hat euch daran gefallen oder gestört?

Welche Geschichten wollt ihr sehen/lesen?

Was daran wäre für ein allosexuelles Publikum interessant?

Gibt es Konflikte, die nur a_sexuelle Menschen/Figuren erleben können, und wenn ja, welche sind das?

 

Ideen aus der Diskussion:

Gesehen und nicht für gut befunden wurden Narrative, die sich über die „Seltsamkeit“ von a_sexuellen Menschen lustig machen.

Desgleichen gibt es Geschichten über a_sexuelle Figuren, in denen Sex in einer (romantischen) Beziehung als unabdingbar notwendig dargestellt wird. Auf die a_sexuelle Figur wird dann ein emotionaler Druck aufgebaut, bis sie „nachgibt“. Dies kommt einer Nötigung gleich, wird aber offenbar nur von a_sexuellen Menschen als verstörend wahrgenommen.

Gewünscht werden daher auch Geschichten, die eine Anleitung geben, wie über solche Konflikte gesprochen werden kann, sodass hinterher alle Beteiligten (und nicht nur der allosexuelle Teil) zufrieden sind. Dass eine zufriedenstellende Lösung auch eine einvernehmliche Trennung sein kann, kam ebenfalls zur Sprache.

Von schlechter Gay Romance kamen wir so auf den Roman „How to Be a Normal Person“, worüber die Meinungen geteilt waren. Einerseits wurde der offene Umgang mit dem Thema A_sexualität gewürdigt. Allerdings wird auch hier versucht, die Hauptfigur, Gus, zur „normalisieren“, inklusive einmal ungebetenen Hanfkonsums per Keks.

Der Wunsch nach glücklichen a_sexuellen Figuren wurde geäußert. Also nicht solche, die generell glücklich sind, denn die taugen wenig als Hauptfiguren, sondern solche, die a_sexuell sind und statt diesbezüglicher Ängste einfach die üblichen Probleme haben: Zombies, böse Magier*innen, Mörder*innen, kaputte Waschmaschinen etc. Die sexuelle Orientierung der Figur sollte erwähnt werden, um Ratespiele zu vermeiden, darf aber anderweitig kein Thema sein oder in einem Subplot (=Nebengeschichte) abgehandelt werden.

Geschichten, die ich nur über a_sexuelle Menschen erzählen kann, wären die o.g. Verhandlungen und Geschichten, wie eine Person auf das Wort „Asexualität“ stößt und sich damit in einem Findunsprozess identifiziert. Auch das Thema Kinderwunsch könnte eine Rolle spielen, denn der ist für a_sexuelle Paare nicht immer ganz einfach zu erfüllen. Andere Ideen: Eine Welt mit vorwiegend a_sexuellen Bewohnern, oder vielleicht nur eine WG aus Personen im a_sexuellen Spektrum, die nun mit einem nicht-asexuellen Mitbewohner zurande kommen müssen.

Insgesamt braucht es mehr Abbildungen, um Schablonen wie dem „asexuellen Junggesellen“ Sherlock entgegenzuwirken. Wir haben ein Spektrum!

Eine Teilnehmerin schlug vor, autobiographische Statements zu sammeln, sodass die Vielfalt sichtbar wird. Die Vortragende selbst hofft auf/plant eine Kurzgeschichtensammlung.

Kritisiert wurde, dass vielfach eine Romanze als Subplot dient, die anscheinend die Figuren menschlicher machen soll, „im wildesten Kugelhagel“ aber eher unglaubwürdig bleibt bzw. für a_sexuelle und/oder a_romantische Menschen zusammenhanglos im Raum steht, also eher als Plotloch empfunden wird denn als Bereicherung.

Insgesamt wird auch gehofft, dass die a_sexuellen Abwesenheiten besser benannt werden. Neben Fernsehserien wie Sherlock und The Big Bang Theory wurde Gaming genannt: Bei manchen Spielen kann eine sexuelle Orientierung der Spielerfigur angegeben/ausgewählt werden, aber nicht A_sexualität, sodass diese zwar aus Handlungen lesbar wäre, aber letztlich unsichtbar bleibt. Denn für Abwesenheiten und „Nein“ kann es viele Gründe geben.

Nebenbei wurde die Vortragende noch nach ihren Schreibgewohnheiten und Veröffentlichungen gefragt. Eine prominente a_sexuelle Figur (ace/aro und genderqueer) findet sich in Heilika in der „Albenbrut“-Duologie, wo sie die drittwichtigste Person ist.

Schlussendlich noch zwei Literaturhinweise zur Schreibtheorie:

Lisa Cron: „Wired for Story“ und der Klassiker von James N. Frey: „How to write a damn good novel“/“Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“

Plot und Konflikt: Die Vorher-Nachher-Schau

Wie schon vor zwei Jahren wollte ich diejenigen, die es interessiert, an einem Teil meines Überarbeitungsprozesses teilhaben lassen. Diesmal beweise ich anhand eines Auszugs aus Albenerbe – Das Blut von Königen, was ein paar gezielte Ergänzungen und Streichungen alles können.

Da das ziemlich lang wird, bitte hier klicken … Weiterlesen

A_sexuelles Erzählen oder: Philosophie gegen Neurowissenschaft

oder: „Making Something out of Nothing“ gegen mein gesammeltes Wissen aus „Wired for Story“ und als eine, die Romane lieber schreibt statt analysiert.

 

Andrea Mantegna 017

Im Gegensatz zu St. Lukas bin ich keine Heilige und kann auch nicht mit einer Feder schreiben

Ich las also die verlinkte Dissertation, die behauptet, dass Asexualität als „Nicht-Erfahrung sexueller Anziehung“ und die klassische Form des Erzählens diametrale Gegensätze seien.

Ich versuche mal, die Argumente nachzuvollziehen.

1) Geschichten sind gerichtete Bewegungen

Dem will ich nicht widersprechen. Seit Aristoteles wissen wir: die Menschheit bevorzugt Geschichten, die einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben. Ohne selbiges Ende stünden ja der Anfang und die Mitte einfach so im Raum herum, und, noch schlimmer, die Leute hätten sich emotional für etwas engagiert, das zu keinem Abschluss kommt, ihnen also Zeit und Aufwand gestohlen hat, die sie besser für etwas anderes eingesetzt hätten.

Sich emotional für eine Story zu engagieren, macht ja gerade den Reiz an der Sache aus. Im Grunde ist dieses Mitfühlen und Miterleben für das menschliche Hirn eine Probe für den Ernstfall – Was tun bei einer Zombieapokalypse? Wie überstehe ich eine Entführung oder ein Familientreffen mit Leiche?

Deswegen mögen die meisten Leute gerne Geschichten.

2) Asexualität ist nicht zielgerichtet

Zumindest, was die sexuelle Anziehung angeht, so ominös das Konzept auch manchen erscheinen mag, zeigen Asexuelle in keine Richtung.

Manchen Leuten fällt es schwer zu begreifen, dass Leute, die keinen Sex wollen oder keine Menschen begehren, trotzdem andere Dinge wollen können, und dabei 100% nachvollziehbare Motive haben.

Weil a_sexuelle Menschen ja „no fun“ sind, bestreitet Stephen Moffat, dass Sherlock aus der BBC-Serie ace ist.

Jedenfalls: Manche Leute finden a_sexuelle Menschen undurchsichtig oder langweilig – dabei entsteht nur die Hälfte der Spannung „Sex & Crime“ durch Sex ;)

3) Romane dienen der Enthüllung, und A_sexuelle haben nichts zu enthüllen

Mein Vorstoß in diese Richtung wurde letzte Woche von gleich zwei Menschen elegant außer Kraft gesetzt, daher: Es gibt einen Haufen Dinge über Menschen und die Gesellschaft zu enthüllen, und nicht alle haben mit Sex zu tun, vielen Dank.

4) Geschichten sind erotonormativ und stehen daher im Widerspruch zu Asexualität

Jetzt wird es wild. Also, Geschichten haben ein Ende, es sei denn, es handelt sich um eine seit zehn Jahren laufende Seifenoper oder gewisse Fanfictions, die genauso funktionieren und schon fünf Millionen Wörter in 768 Kapiteln haben.

Weil dieses Ende also ein unvermeidliches Ziel des Erzählens ist und zumeist dazu dient, die Zuhörer*innen bzw. Leser*innen befriedigt zurückzulassen, können wir es mit gutem Hetero-Sex vergleichen, und weil es danach nicht weitergeht, also mit dessen „natürlichen“ Ende, dem männlichen Orgasmus. Daher der Begriff „erotonormativ“, analog „heteronormativ“.

Gesetzt den Fall, der Vergleich ist legitim und das klassische Geschichtenerzählen tatsächlich ein Fall von patriarchaler Struktur, dann wirkt A_sexualität quasi wie ein fehlendes Rädchen im Getriebe: Wo keine Richtung, da keine natürlich fließende Story zu einem natürlichen Ende.

A_sexualität könnte also eventuell dazu dienen, die Erwartungen an eine solcherart patriarchale Erzählweise zu queeren, aber wie?

5) Die Autorin unterließ es aus Protest gegen die Erotonormativität, eine Schlussfolgerung zu schreiben.

6) Eigenes Fazit

Durchaus eine interessante Theorie. Allerdings, aus Sicht der Handwerkerin: Die Leute hören nicht gern zu bzw. sind verärgert, wenn sie wissen bzw. merken, dass alle Spannung keine Lösung hat, und sie hören überhaupt nicht zu, wenn sie nicht wissen wollen, wie es weitergeht.

So viel zu weiteren Gemeinsamkeiten mit Sex. Im Gegensatz zu Sex ist die Spannung in Stories aber immer künstlich erzeugt, genau wie der Anfang und das Ende der Story. Die Kunst der Erzählens liegt auch darin, die Leute vergessen zu lassen, dass sie einem Kunstprodukt zum Opfer gefallen sind. James N. Frey spricht hier von fiktionalen Träumen, die Schreibende und Lesende gemeinsam erzeugen.

Nur, weil das nachher organisch wirkt, sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Anfang und das Ende im Idealfall sehr willkürlich gewählt sind, und zwar, um die beste Story zu erzählen, die sich aus einem gewissen Material erschaffen lässt.

Keine Story hat ein „natürliches“ Ende – höchstens eines, das sich natürlich anfühlt.

Anstatt also die Leute mit Werken zu quälen, die sie sowieso nicht lesen würden, schreibe ich dann also doch lieber Stories mit einem Ende. Das heißt aber nicht, dass ich dabei die (heteronormativen) Erwartungen des Publikums nicht queeren kann.

Nicht alle Paare müssen heiraten oder in den Sonnenuntergang reiten oder mit Kindern glücklich sein, es muss nicht mal ein Paar sein, und Sex? Sex muss in der Beziehungsfindung auch keine Rolle spielen, sofern ich nicht alles auf dem Kopf stelle und das glückliche Ungebundensein oder eine erfolgreiche Entliebung zum Ende erhebe.

Die Mär vom unpolitischen Schreiben

Hypermnestre écrivant BnF Français 874 fol. 175v

 

Via #schreibengegenrechts, geriet ich an eine Handvoll Blogposts von anderen Schreibenden. Also von solchen Menschen, die außer Blogposts noch andere Texte verfassen, ob fiktionale Prosa oder Poesie.

Zwei merkenswerte, die diesen Artikel mitverursacht haben, möchte ich hier verlinken, nämlich Matthias Engels darüber, wie mit der derzeitigen Lage umzugehen sei, und davon ausgehend Wolfgang Schnier über Freiheit.

Jedenfalls hielten einige dieser Autor*innen ihr Schreiben bis dato für unpolitisch.

Ja.

Ehrlich.

Ich finde das eine recht befremdliche Aussage von Menschen, die Geschichten erzählen, die nachher von anderen gelesen werden sollen.

Aber, werden manche einwenden, ich habe noch nie mit einem Gedicht gegen den Kapitalismus gewettert, oder noch nie einen Blogpost zum Klimawandel geschrieben, und noch nie in einer Geschichte eine politische Partei erwähnt.

Mag sein. Ich habe bis Mitte 2011 auch nicht politisch gebloggt. Trotzdem habe ich mir nur im Teeniealter den Luxus geleistet, zu glauben, meine Fiktion sei unpolitisch.

Irgendwann habe ich nämlich Folgendes begriffen, noch bevor Lisa Cron mit ihrem Schreibratgeber daherkam: Menschen leiten aus Geschichten Aussagen über die Natur des Menschen und der Welt her.

Stories erzielen einen Lerneffekt durch Mitleiden. Deswegen stehen die meisten von uns so auf Fiktion.

Schreibe ich zum Beispiel über Echte Kerle (TM), die den Tag retten, während ihre Treuen Frauen (TM) daheim auf sie warten, ist das eine politische Aussage. Sie bedeutet, dass ich nur Echten Kerlen (TM) zutraue, den Tag zu retten, und dass ich von deren Frauen erwarte, treu daheim zu bleiben und den Haushalt zu erledigen.

Eine einzelne solche Story mag ja nicht viel Gewicht haben, aber irgendwie … sind sie überall. Seit Jahrtausenden.

Logischerweise leitet sich dank reiner Masse das Publikum die Aussage her, dass Frauen und solche, die dafür gehalten werden, nicht so wichtig sind wie Männer und solche, die dafür gehalten werden.

Doch politische Aussagen finden auch subtilere Wege:

Hat das zerstrittene, gut situierte Ehepaar 50+ in meinem Gesellschaftsroman eine Reinigungskraft? Wie heißt die? Verdient sie in der Story überhaupt einen Namen? Woher kommt sie? Wieso geht sie putzen, obwohl sie mal in Irkutsk Kinderkrankenpflegerin war? Ist sie angemeldet?

Wieso erzähle ich überhaupt von einem zerstrittenen deutschen Ehepaar 50+ statt über Inna, die kürzlich ihren Mann verlassen hat und außerdem nicht weiß, wie sie ihrer begabten Tochter weiter den Gesangsunterricht finanzieren soll?

Schon mit der Wahl, über ein gut situiertes Ehepaar zu schreiben statt über eine Reinigungskraft, bewerte ich die Verhältnisse in diesem Staat. Reich = wichtig. Nicht sozialversicherte Putze = uninteressant.

Auch das ist eine politische Aussage. Und vielleicht ist sie gefährlicher als ein mies gereimter Protestsong, denn die Botschaft fällt ja nicht auf, sondern versteckt sich unter einem Haufen Ehedrama.

Selbiges funktioniert im übrigen auch mit Fantasy. Ist eigentlich schon mal wem aufgefallen, dass Harry Potter keine Fremdsprache in der Schule lernen muss, sich aber über die Aktzente der Schüler*innen aus Beauxbatons und Durmstrang lustig machen darf? (Aber wenigstens kommen die Hauselfen zu ihrem Recht …)

Insofern ist es durchaus angebracht, als Autor*in zu überlegen, welche Macht ich habe, und wie ich sie nutze.

A Writer’s Manifest

Poetin_von_Pompeji

Vor der ganzen Köln-bedingten Aufregung  kam via der Trippmadam  ein Link zu einer „Provokation“ daher, die Joanne Harris beim Manchester Literature Festival im Oktober zum Besten gab (English).

Ich schwanke so zwischen „recht hat sie“, wenn es um zu zahlende Rechnungen (TANSTAAFL°) geht, die meisten ihrer vierzehn Punkte unten im verlinkten Text und darüber, dass es nicht der Job einer Autorin ist, allen dauernd zu gefallen.

Ich will unterhalten, klar. Aber (mag sein, dass das jetzt sehr dünkelhaft klingt) am Ende sollten die Leser*innen gern noch einen Nachhall mitnehmen, oder eine Herausforderung zum Nachdenken, oder … Sagen wir, im Idealfall bringt mein Weltenbau die Leute dazu, ihr Weltbild ein wenig zu erweitern.

 

Und dann denke ich wieder: „Worüber beklagt die sich eigentlich?“

Als gerade-noch-so Digital Native ist mir das Meckern über Tags fremd: Schlagwörter zur Inhaltsbeschreibung finde ich eine gute Sache, um Texte zu finden, die mich interessieren, die z.B. aber gerade nicht auf der Amazon Bestenliste stehen, und „Content Warnings“/Triggerwarnungen können manchen Menschen sehr nützlich sein.

Heißt natürlich nicht, dass Autor*innen verpflichtet werden sollten, Tags und Warnungen zu benutzen. Keine Warnung ist auch eine Aussage: „Sie lesen auf eigene Gefahr.“ Und das ist so lange akzeptabel, wie die Leute nicht zum Lesen verpflichtet sind. (Insofern sollte Pflichtlektüre in der Schule und an der Uni wahrscheinlich anders behandelt werden.)

 

Wo mir dann endgültig die Augenbrauen in den Haaransatzt rutschen, ist aber, als sie Forderungen nach besserer Repräsentation von Minderheiten mit der Forderung nach Gratisexemplaren gleichsetzt. Das finde ich dann doch, mit Verlaub, ziemlich schräg.

 


 

° There ain’t no such thing as a free lunch. = Es gibt niemals ein wirklich kostenloses Mittagessen.

Bild: „Poetin von Pompeji“, Wikimedia Commons