Ehrfurcht/Freiheit

In den letzten Monaten durfte ich via meines Schreibvereins einen Herrn näher kennenlernen. Er heißt Mazen Arafeh, ist gesetzteren Alters und war vor dem Bürgerkrieg in Syrien ein Direktor der Nationalbibliothek in Damaskus.

Seine Frau und Kinder flohen schon 2011 von dort nach hier. Er ist erst vorletztes Jahr nachgekommen. Wenn ich ihn richtig verstanden habe (er hat sich innerhalb dieser zwei Jahre Deutschkenntnisse Stufe B1 angeeignet), ging es ihm darum, Dokumente über den Krieg zu sammeln. Hinschauen, Zeuge sein.

Dabei hätte er wohl damals schon politisches Asyl bekommen können. Er hatte zu dem Zeitpunkt einen Roman veröffentlicht, der sich kritisch mit der Diktatur in Syrien auseinandersetzte. Seitdem hat er sich noch öfter mit dem Islamismus und der arabischen Mentalität befasst und einmal dezidiert die Diktatoren muslimischer Länder aufs Korn genommen:

https://www.goldstadt-autoren.de/wp-content/uploads/2019/05/Cover_Die-Riffreiher_GA.jpg

Das ist keine Pflanze, das sind Hüte.

Seine neueste Veröffentlichung erfolgte erst vor ein paar Wochen.

Die neueren Romane sind im Libanon erschienen und in Syrien und anderen arabischen Ländern verboten. Sie enthalten wohl zu viel Kritik an Religion, Sexualmoral und Obrigkeit.

Und dieser freundliche, fröhliche, überschwängliche Mensch also sitzt an einem sonnigen Samstag neben mir (und überfordert mich in meiner beginnenden Tief-Phase ein bisschen*) , albert mit mir und anderen herum und findet es gut, dass ich eine Regenbogenflagge am Handgelenk trage als Zeichen der Solidarität mit sexuellen Minderheiten. Und dass ich über so etwas schreibe.

Und dann sagt er: „Schreiben bedeutet Freiheit für dich.“

Das ist wahr. Einmal ganz wörtlich: Wenn ich nicht schreiben kann, mich die Umstände davon abhalten (oder ich mich selbst), dann fühle ich mich eingeengt, zuweilen sogar fremdgesteuert, und werde sehr unleidlich. **

Im übertragenen Sinne ist es auch wahr.

In einem anderen Land als diesem könnte ich vielleicht schreiben, was ich schreibe, aber ich müsste vorsichtig sein, wem ich es zeige.

Und ob ich den Kontext gefunden hätte, den ich gebraucht habe, um zu schreiben, was ich geschrieben habe? Wer weiß. Ganz so sehr Nonkonformistin, wie ich mir gern einbilde, bin ich nicht. Ich hätte niemals alle Gedanken, die ich bei der Mädchenmannschaft, beim Zaunfink, bei der Asexual Agenda und zahllosen anderen gefunden habe, selbst denken können. Ganz zu schweigen von jenen Büchern, die wohl ebenfalls verboten wären. Hätte ich jemals J. K. Rowling, Terry Pratchett, Douglas Adams, N.K. Jemisin, Madeleine L’Engle, Tamora Pierce, Ray Bradbury, Neil Gaiman, Tad Williams und Michael Ende zu lesen bekommen?

Mein Horizont wäre enger, denke ich.

Ich schreibe außerdem manchmal, um über Freiheit nachzudenken. Ich bin nicht so sehr Nonkonformistin, wie ich mir gerne einbilde. Ich weiß sehr genau, wie Gedanken das Selbst einsperren können. Oft merkt man ja nicht einmal, dass man sich mit dem Glauben an angeblich allgemeingültige Wahrheiten selbst schadet. Ganz zu schweigen von sich verselbstständigenden Gedanken wie beispielsweise bei einer Depression oder posttraumatischen Belastungsstörung.***

Und so sind meine Figuren oft nicht nur von äußeren Umständen, sondern auch von Gedanken und dem Glauben an scheinbar allgemeingültige Wahrheiten eingeschränkt. Sie stecken in Gedankengefängnissen, und mit ihnen schäle ich mich hinaus zu größeren Möglichkeitsräumen.

Ja. Schreiben ist Freiheit für mich.

Dass das ausgerechnet jemand erkennt, dessen Lebenslauf Ehrfurcht fühlen lässt, und der sich so lange schon mit Einschränkungen von außen beschäftigt: Ist das nun Zufall? Oder zwingend logisch?

 


* Falls sich übrigens wer wundert, warum ich nicht so regelmäßig da bin: Das liegt eben an der Tief-Phase. Es geht mir noch nicht mies genug, und das noch nicht lange genug, dass es für eine diagnostizierbare Depression jeglicher Form reicht, aber alles ist gerade ein bisschen anstrengender als sonst, weshalb ich Unmengen soziale Interaktionen vor mir herschiebe. (Und nein, ich möchte keine Tipps, und bleiben Sie mir bitte mit Homöopathie weg.)

** Diese Tief-Phasen haben also die Neigung, zu spiralen. Weniger Antrieb führt zu weniger Geschreibsel führt zu mehr Selbst-Flagellation, weil ich wieder nix geschafft habe … ****

*** Nein, es wird nicht besser, wenn ich mich nur mehr zusammenreiße.

**** Dabei habe ich schon einen Haufen geschafft. Im Zweifelsfalle wär’s zwar traurig, wenn mich ein Klavier erschlägt, aber ich hätte keinen Grund, über einen mangelnden geistigen Nachlass rumzuheulen.

Gutaussehend?

Oder: Wenn die minderheitenbedingte Wahrnehmung das Schreiben beeinträchtigt.

Anderswo sagte DasTenna, dass sie keine Ahnung hat, was es bedeuten soll, wenn jemand eine andere Person als „gutaussehend“ beschreibt.

albenherz cover 640px

Dieser Typ ist wahrscheinlich nicht nur gutaussehend, sondern auch sexy.

Ich kann das nachvollziehen. „Gutaussehend.“ Was soll ich mir da drunter vorstellen? Ich weiß ja nicht, was die andere Person denkt. Vielleicht ist „konventionell gutaussehend“ gemeint? Oder auch nicht — die in der Fanfiction verbreitete Sitte, über die Wangenknochen diverser Schauspieler zu seufzen, verstehe nicht nur ich nicht. Oder wenn ich in einem vollen Café eine Frau finden soll, die „blond und gutaussehend“ ist — das ist schon ein sehr weites Feld.

Ich kann zwar aus dem, was Leute sagen und schreiben, herausfiltern, was üblicherweise als „gutaussehend“ gilt. Oft meinen sie damit wohl „sexy“ — und ich habe nur eine vage Ahnung, was „sexy“ im Kopf von allosexuellen Menschen bedeutet.

„Gutaussehend“ ist für meine Minderheit noch ungenauer als für den Rest der Welt.

Ungenauigkeit ist üblicherweise der Feind der Erzählenden, weil sie die Vorstellungskraft behindern kann: Zu wenige Details sind genauso schädlich wie zu viele.

Zu viele Details behindern den Lesefluss: Dann wissen die Lesenden nicht, wo sie zuerst hinschauen sollen und vergessen vor lauter Klein-Klein, dass da auch eine Handlung ist. (Letztere Unsitte hat mich einst davon abgehalten, „Der Turm“ fertigzulesen. Zu viel Beschreibung geht mir auf die Nerven, wenn sie von außen gesehen keinem weiteren Zweck dient, als sprachlich schön zu sein.)

Zu wenige Details sind Stolperfallen. „Ein großes Haus“? Ist das die dreistöckige Gründerzeitvilla oder ein moderner Bau mit geschwungener Fensterfront? Oder ein Wohnblock aus den Siebzigern mit fünfzig Parteien? Wehe, die einen stellen sich das erste vor und landen in der zweiten oder gar der dritten Möglichkeit: Dann ist erstmal Blinzeln und ein mühseliger Neuaufbau des fiktionalen Traums angesagt. Das wird auf die Dauer lästig. Das mag mit einer Augenfarbe, die erst spät im Text erwähnt wird, noch angehen, aber größere Stolperer können den Lesenden durchaus den Spaß verderben.

Oder: Wie unordentlich ist unordentlich? Muss die Kommisarin über Stapel alter Zeitungen am Boden steigen oder hat der Ermordete nur sein Bett nicht gemacht?

(Hier kann ich sowohl die Person, die die Unordnung verursacht hat, als auch die beobachtende Person charakterisieren. Was fällt wem auf?)

Hässlich. Gutaussehend. Wie bei jedem Klischee und Allgemeinplätzen: Ein Etikett drauf und fertig. Gedanken um Grübchen oder sonst was überflüssig. Faulheit, sagen die einen. Praktisch, die anderen.

Ich hänge schreibtechnisch irgendwo dazwischen: Ich kann verstehen, warum viele Leute „gutaussehend“ ein praktisches Wort finden.

Das liegt daran, dass ich Liebesromane (oder wenigstens Liebesgeschichten) geschrieben habe. Viele Lesende dieses Genres möchten sich diesen oder jenen Typen halt gern so vorstellen, wie sie sich „gutaussehend“ und damit sicher auch „sexy“ definieren. Heißt: Die Autorin stellt Haarfarbe, Augenfarbe, die ungefähre Größe und ungefähre Figur zur Verfügung und verzichtet auf genauere Angaben. Details wie ein ausgeprägtes Kinn könnten hinderlich sein, weil manche Lesenden das vielleicht als unsexy empfinden.

Ist das auch der Grund, warum so oft fliegende Oberkörper auf M/M-Romance-Texten sind? Damit alle sich nach Geschmack ein Gesicht dazu denken können?

Ich gehe davon aus.

Wohlbekömmlich?/Vorsätze

Falls noch wer was zum Lesen für zwischen den Jahren sucht: Christian von Aster hat da was geschrieben.

Nehmen wir den Erfolgsautor einer Fantasy-Reihe. Selbiger mit seinem eigenen Schaffen unzufriedener Autor legt sich auf der Buchpremiere mit einigen Orks an. Ein Foto der Prügelei landet in der Zeitung, und auf einmal reiht sich eine absurde Begebenheit an die andere. Dies führt zu Begegnungen mit Menschen, die auf den ersten Blick Stereotype sind und auf den zweiten eben Menschen. Und zwar solche, die sich noch daran erinnern, dass Geschichtenerzählen „zärtliches Lügen“ ist.

Dazwischen: Anspielungen auf großartige Literatur und archetypische Figuren. Anregungen, was mensch noch lesen könnte. Bösartige bis feinsinnig-nachsichtige, aber immer treffende Beobachtungen der Welt im Allgemeinen und des Buchmarkts im Besonderen. Und Batman, der vielleicht alles richten könnte, lässt auf sich warten.

Außerdem fand ich in „Der Orkfresser“ folgendes Zitat:

Laut lesend blättere ich weiter und merke, wie beängstigend gut dieses Buch funktioniert. Die Geschichte ist unterhaltsam, brennt sich ein, macht neugierig und gewinnt, kaum dass man zu lesen gewinnt, so schnell an Fahrt, dass man förmlich hineingesogen wird und ich mich wieder erinnere, warum sich diese Mischung aus Engel-SM, Zombieselbstfindung und ätherischer Wunderlanddystopie derart gut verkauft: weil sie in aller Überfülle an Motiven, Symbolen und Gleichnissen so sackdumm und leer ist, dass ein Leser am Ende dieses Buchs noch hungriger ist als am Anfang. Das ist es vermutlich, was ein erfolgreiches Buch dieser Tage schaffen muss …

So etwas macht schon mal nachdenklich.

Das erinnerte mich an einen Kommentar von einer guten Freundin über die Bis(s)-Reihe:

Das ist wie Serie gucken. Du weißt genau, dass es bescheuert ist, aber du kannst nicht aufhören.

Es gibt ja durchaus Texte, die sind ultraspannend, und darüber merkt mensch nicht, dass sie völlig hohl sind. Es sind Geschichten, die keinerlei Bedeutung zu haben scheinen oder keine Aussage über das menschliche Dasein treffen. Und trotzdem verkaufen sie sich wie geschnitten Brot und werden sogar verfilmt. (Hust, Illuminati, hust. Dabei sind Verschwörungstheorien so was von Hexenverfolgung und Nationalsozialismus.)

Es gibt Geschichten, die sauge ich auf und nehme mir darauf gleich die nächste vor. Es gibt auch Geschichten, die lese ich und brauche hinterher erst mal eine Pause, weil ich sie verdauen muss. Oder weil ich mir an die eigene Nase zu fassen habe.

Beides hat wohl seine Berechtigung, ja nachdem, was mensch von einer Geschichte erwartet. Einfach mal nicht da sein müssen? Erkenntnisse über sich selbst und das Leben? Beides gleichzeitig?

So etwas geht, der Herr von Aster hat es mir vorgemacht.

Nun mag ein Text für die eine Person flache, wenn auch gut gemachte Unterhaltung sein, für die andere hingegen eine tiefere Wahrheit enthalten, die sie die gleiche Geschichte lieben lässt. (Meine „Albenbrut“ scheint so ein Text zu sein.) Einige haben Trost-Geschichten, die sie zum x-ten Mal lesen, wenn’s grade draußen hart auf hart kommt. Individuen sind da sehr verschieden gestrickt. Glücklicherweise.

Trotzdem lässt „Der Orkfresser“ mich mit einem gewissen Ehrgeiz zurück, Geschichten zu verfassen, an denen Menschen ein bisschen was zu kauen haben, ohne dass es schwer im Magen liegt.

So weit also zu guten Vorsätzen. Egal, ob sich die Mitlesenden hier etwas für das Neue Jahr vornehmen wollen oder nicht: Ich wünsche geruhsame Tage und einen guten Rutsch nach 2019.

 

Sprachvorschriften und neutrale Pronomen

cover jinntoechter

In meinem neuen Roman arbeite ich mit neutralen Pronomen für die namensgebenden Jinn (oder eher: Jnun). Dazu habe ich einen bestehenden Vorschlag leicht abgewandelt und landete  für die Personalpronomen bei „sier, sien(…), siem, sien“, und dem passenden Artikelset „dier, dies, diem, dien“.

 

Anna Heger hat noch mehr eigene und fremde Vorschläge gesammelt, und auch sonst sind mir schon Optionen begegnet.

„nin, nimsen …“ aus der Sylvain-Konvention gefällt mir klanglich sehr gut, ist aber unintuitiv.

Neuere Vorschläge sind „xier, xies …, oder gar nur „x“.

So als Sprachschaffende mit Ansprüchen an den Klang: Aua.

Von einem literarischen Standpunkt aus sind „xier“ oder „x“ nicht hübsch, weil X kein besonders deutscher Buchstabe ist, vor allem nicht am Wortanfang. Tatsächlich komme ich auf 334 Druckseiten Roman mit 9 Wörtern aus, die ein X beinhalten. Davon ist nur eins kein aus dem Lateinischen entlehntes Fremdwort, nämlich „feixen“.

Über Sinn und Unsinn von Gender werde ich nicht diskutieren, denn ich halte die Tatsache, dass manche Menschen ein Ich-Geschlecht haben, das weder männlich noch weiblich ist, schlicht für eine statistische Notwendigkeit.

Und hier differiere ich von Jordan Peterson.

Wie komme ich auf diesen Hochschulprofessor aus Kanada?

Tatsächlich hat eine mir bekannte Person, die am liebsten „das“-Pronomen hätte, einen Link zu einem Video mit Jordan Peterson geteilt.

Und ich muss sagen, der Typ hat was drauf und versteht es, Leute zu ermutigen.

Kurz auf deutsch zusammengefasst: „Sprich deine Wahrheit. Du wirst auf den Deckel bekommen. Sprechen ist gefährlich, aber noch gefährlicher ist es, zu schweigen, denn ohne Meinungsäußerungen passiert nichts. Dann hör anderen zu, die dir ihre Wahrheit sagen. Und im Gespräch und in dessen Verfielfältigung kommt ihr dann zu einer besseren Welt.“

Was für eine Motivation, die Klappe aufzureißen, nicht wahr?

Leider erlangte Jordan Peterson negativen Internetruhm, weil er gegen eine Gesetzesnovelle in Kanada protestierte. In dieser geht es um den Sprachgebrauch in Institutionen. Dieses Gesetz macht eine Verwendung von neutralen Pronomen bei genderqueeren Personen verpflichtend.

Grund für den Shitstorm: Jordan Peterson weigert sich, Worte zu benutzen, die ihm aufgrund politischer Ziele von oben aufoktroyiert werden. Er hält es für unmöglich, dass Menschen tatsächlich ein Ich-Geschlecht haben können, das weder männlich noch weiblich ist (oder beides, etc.)

Allerdings sagte er auch in einer Fernsehdebatte etwa Folgendes: „Bring mir ein Pronomen – im Gegensatz zu dem halben Dutzend, das rumschwirrt. Eines, das Leute tatsächlich verwenden und das ich nicht mit dem Plural „they“ verwechseln kann. Dann habe ich kein Problem, obwohl ich nicht daran glaube. Aber ich weigere mich, mir das derzeitige halbe Dutzend Optionen zu merken und eine Abmahnung zu kassieren, wenn ich sie mir nicht merken kann oder sie versehentlich der falschen Person zugeordnet habe.“

Und da muss ich sagen, das Argument kann ich verstehen.

Englisch und Deutsch funktionieren von unten nach oben. Irgendwer prägt ein neues Wort oder eine neue Verwendung für ein bestehendes Wort. Findet der Rest der Welt das nützlich, verbreitet es sich, und wenn es eine gewisse Verbreitung erreicht hat, wandert es als Teil des Sprachschatzes ins Wörterbuch.

Demzufolge muss bei den neutralen Pronomen Folgendes passieren: Die Vorschläge werden zunächst von einer kleinen Gruppe getestet. Wenige Vorschläge schaffen es in eine breitere Öffentlichkeit. Sofern die Menschen in dieser breiteren Öffentlichkeit einen dieser Pronomenvorschläge nützlich finden, wird er sich verbreiten und irgendwann im Duden ankommen.

Sehr viele Unwägbarkeiten. Sehr viel irgendwann.

Jedenfalls besah ich mir alle Pronomenvorschläge und wählte dann den aus, den ich für intuitiv erfassbar hielt und von dem ich glaube, dass er in der gesprochenen Sprache tatsächlich eine Chance hat.

Wir sehen uns dann in fünf bis zehn Jahren deswegen wieder und schauen, ob ich richtig geraten habe.

Exotenstatus oder: Wie schreibe ich über Minderheiten? – Teil 3

Ace_Visi_Bi_litiy_jj_linkIn Teil 1 dieses Grundkurses hatte ich davon geschrieben, dass manche Menschen einem anderen Bewertungsmaßstab unterliegend als anderen, und in Teil 2, welche Konsequenzen diese Art Doppelmoral auf das Leben der Menschen mit den markierten Eigenschaften hat. Hier zeige ich (wie immer nach Julia Serano) einige Mechanismen der Entwertung auf, und versuche, ein paar Hinweise zu deren Vermeidung zu geben.

Weiterlesen

Exotenstatus oder: Wie schreibe ich über Minderheiten? Teil 2

homolobby membership

Double Binds oder: Zwickmühlen für Fortgeschrittene

In Teil 1 dieses Grundkurses hatte ich über Wahrnehmungsverzerrungen geschrieben, die dazu führen, dass wir häufig unsinnigen Täuschungen über unsere Mitmenschen erliegen. Hier geht es nun darum, auszuloten, welche sozialen Konsequenzen es hat, zu einer geanderten und damit stigmatisierten Gruppe zu gehören.

Die schlechte Nachricht zuerst: Du kannst nicht gewinnen.

Deswegen schreibt Julia Serano eben von „Double Binds“ oder zu Deutsch: Zwickmühlen. (Und hier wieder auch der Hinweis, dass ich das Untenstehende gern erfunden hätte, aber in Wahrheit nur geschickt zusammenfasse.)

Weiterlesen

Achtung vor dem Plotkaninchen

The American pet stock standard of perfection and official guide to the American fur fanciers' association (1915) (17539427083)

Ich so: Ich hab keinen Bock mehr auf Kerls, und schon gar nicht gay, ich mach dann als nächstes (zensiert).

Ein Plotbunny hoppelt vorbei, sieht eine achtlos rumliegende Möhre, auch bekannt als „Das Inkubus-Thema ist noch nicht voll ausgereizt, außerdem braucht Urban Fantasy nicht so viel Recherche wie (zensiert), das geht quasi nebenher“. Das Bunny frisst die Möhre, mutiert zum Monsterkarnickel und zeigt mir böse grinsend den Mittelfinger.

Tja … dreimal darf das werte Publikum raten, was ich gestern Abend nach der  Queer Gelesen gemacht habe, statt die Ereignisse in Wiesbaden (und die netten Leute dazu) gemütlich sacken zu lassen.

Antwort: Recherche und Plotplanung.

Aargh./Freu.

So langsam heiße Phase …

Also, das Albenerbe 2 ist bei der Sprach-Beta, danach bekommt’s der Verlag zur Ansicht.

Der Albenzauber ist in der Lektorats- bzw. Beta-Phase, siehe Bild. Nebenher muss ich gucken, dass das Teil ein Cover bekommt und einen Klappentext hat (graus-horror-schreck). … Merkt noch wer, wie gerne ich Klappentexte verfasse? Exposé geht ja noch, das sieht nur der Verlag, aber Klappentexte? Graaahhh.

Bin fest entschlossen, dass das Teil in der Woche vor Ostern unters Volk soll. Zwei Monate also, um den Text auf sprichwörtlichen Hochglanz zu polieren. Er ist lesbar, hat aber eben noch Schönheitfehler.

20170205_214410

Zickenterror?

In meinem kleinen Bericht von der BuchBerlin hatte ich ja schon angekündigt, dass ich das Panel „Wer liest und schreibt Gay Romance?“ ein bisschen auseinandernehmen wollte.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/b/b1/Straight_Ally_flag.svg/320px-Straight_Ally_flag.svg.png

Allein unter Heten (oder solchen, die ich dafür hielt)

Oben auf dem Podium saßen also ein Heteromann (Respekt) und sechs Menschen mit weiblichen Pronomen, ergo Frauen (oder wenn nicht, dann haben sie diesbezüglich nichts gesagt), die auch oder ausschließlich auf Männer stehen.

Logischerweise wurde denn auch gefragt, was die Kolleginnen dazu bewegt, „Gay“ zu schreiben. Neben dem Zufall und schwulen Bekannten spielte da der Sexiness-Faktor  eine nicht unerhebliche Rolle. Außerdem kamen sie alle überein, dass es irgendwie einfacher und interessanter sei, über Männer zu schreiben. Oder dass sie einfach keine Frauen schreiben könnten.

Ja. Richtig gelesen.

Da dachte ich zunächst: Mädels, was habt ihr für eine Vorstellung von euren Leidensgenossinnen? Wieso macht ihr euch auch hier gegenseitig runter? Reicht es nicht, wenn wir über A’s Klamotten, B’s Figur und C’s Zickenterror lästern? Ist das ein weiterer Beweis für internalisierten Sexismus?

Und: Wieso hatte ich noch nie Probleme mit weiblichen Figuren?

Dann wurde ausgeführt: Es gäbe bei Pärchen aus Männern weniger Stereotypen (je älter das Genre wird, desto fraglicher) und frau müsste sich nicht mit der Dame des Pärchens identifizieren, da selbige ja nicht vorhanden ist.

Schlussendlich stellte eine dieser Kolleginnen im privaten Gespräch fest, dass es dabei hauptsächlich um Schwierigkeiten mit Frauen in Pärchen geht. Figuren, die zufällig Frauen sind und ansonsten ihr Ding machen, scheinen weniger betroffen.

Also geht’s um Stereotypen in Liebesromanen.

In diesem Genre gibt es anscheinend nur zwei Varianten von Frauen:

1. Gutherzige Exemplare, die einen starken Mann zum Anlehnen brauchen und gerettet werden müssen: Diese werden von den Autorinnen für ihre Schwäche verachtet.

2. Erfolgreiche Powerfrauen, die jeden haben könnten und unter dem weiblichen Publikum vor allem Neid schüren.

Ich lese keine klassischen Hetero-Liebesromane und hege eine gewisse Abneigung gegen romantische Komödien, insofern kann ich nicht behaupten, dass ich weiß, inwieweit diese zwei Varianten den Markt dominieren. Ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht wissen und rege mich lieber über den Mangel an komplexen weiblichen Figuren in den Marvel-Filmen auf, wo zumeist Typ 2 auffindbar ist.

Jedenfalls scheinen die meisten echten weiblichen Wesen sich zwischen den beiden Polen oder gar jenseits davon aufzuhalten.

Angelernte Denkbeschränkungen?

Wir sind Schriftstellerinnen. Wir denken uns von Berufs wegen Zeugs aus.

Trotzdem gibt’s ja nicht nur von den Podiumsdikutantinnen, sondern auch von sehr vielen anderen weiblichen Schreibenden nicht viel Neues bezüglich des heteronormativen Wahns: Wenn die Prinzessin nicht im Turm sitzt, muss sie Lara Croft (oder Black Widow)  sein, also sich wie Rambo mit Brüsten verhalten.

Wieso sind so viele uns nicht in der Lage, die Klischees zu umschiffen, zu brechen oder ihnen einfach mal den Mittelfinger zu zeigen?

Da ich vor allem Figuren schreibe, die zufällig Frauen sind, kenne ich offensichtlich das Problem nicht. Allerdings hatte ich trotzdem schon mit internalisiertem Sexismus zu tun und erwische mich manchmal immer noch dabei, dass ich denke „Frauen sind immer x und sollten nicht dies oder jenes tun, Männer sind immer y und sollten nicht dies oder jenes tun“, was gequirlter Bockmist ist.

Ich behaupte mal, dass die patriarchale Indoktrination bei den meisten von uns hervorragend gewirkt hat.