Mir kompensieret nix

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Um halb Neun hat sich das Team vom WDR verabschiedet, nach etwa sechs Stunden Anwesenheit. Zu bewundern sein wird unter anderem mein Esstisch, der so tut, als sei er ein Schreibtisch. Zahlreiche Außen- und sonstige Aufnahmen, die nachher hoffentlich so aussehen, als hätte mich das Team beim Einkaufen und Backen begleitet.

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Von wegen Eskapismus …

Nun hatte ich als Einstiegspost zu diesem Blog ein Lob des Eskapismus. Ich bin immer noch der Meinung, dass ein guter Fantasyroman ein viel besserer Weg ist, die Seele baumeln zu lassen, als Fernsehen. Ein guter phantastischer Text versetzt mich innerhalb von ein paar Sätzen in eine Tiefenentspannung, um die ich beim Autogenen Training ringe.

Aus irgendwelchen Gründen sind Fantasyautor*innen aber unseriös. Wir blenden die Realität aus, haben einfache Konzepte von Gut und Böse, verzichten auf Graustufen, schreiben darüber, dass irgendwer das Königreich rettet, anstatt die Institution Königreich in Frage zu stellen. Und so.

Es wäre aber völliger Unfug zu behaupten, dass spekulative Fiktion völlig apolitisch ist. Selbst, wenn keine eindeutige ikonische Aussage getroffen wird – Spidermans „Aus großer Macht folgt große Verantwortung“ lässt grüßen, dito Optimus Prime’s „Freedom is the right of every sentient being“ – kommt nicht mal di*er abgeratzteste Magier*in im obskursten Königreich hinter den sieben Bergen ohne Politik aus.

Wenn wir mal auf das Königreich zurückkommen: Noch in der 1848’er Revolution in Deutschland wurde jemandem das Kaisertum angetragen. Der Mensch lehnte ab, die Revolution scheiterte. Offenbar war das Prinzip König, beziehungsweise Kaiser so tief in den Köpfen verwurzelt, dass eine Ablehnung des Wunschkandidaten mit dazu führte, dass die Demokratie in Deutschland noch recht jung ist, und zwei Anläufe brauchte.

Wenn wir noch weiter zurückgehen, wäre das Prinzip Demokratie etwas gewesen, bei dem sich Befragte an die Stirn getippt hätten. Bezüglich Frauenwahlrecht haben die europäischen Befragten das ja teilweise bis in die Achtziger getan.

Also: Wenn da erfundene Leute in einem erfundenen Königreich leben, und es ihnen einigermaßen gut geht, und dieser König noch dazu eine religiöse Legitimation aufweist, dann wird das Prinzip Demokratie den Horizont der meisten erfundenen Figuren übersteigen. Deswegen wird das Königreich gerettet, da es eben Stabilität und einen gewissen Wohlstand verspricht.

Unabhängig davon spiegelt jeder Text die Person und deren Einstellungen wieder, von der er geschrieben wurde. Und die sind immer von der gegenwärtigen politischen Situation beeinflusst. Wer es unsicher hat, sehnt sich vielleicht nach der Stabilität, die ein Königreich verspricht, wer sich unfrei fühlt, schreibt sich vielleicht eine Welt zurecht, in der si*er so leben kann wie si*er möchte.

Treten da Frauen* Arsch, oder sind sie schmückendes Beiwerk? Wieso kommt das Böse ausgerechnet aus dem Osten, oder aus dem afrikanisch angehauchten Süden?

Wie viele People of Color leben da? Kommt da eine weiße Person und rettet die naiven Eingeborenen? (Auch arschtretende Frauen* können naive Eingeborene retten.)

Wie viel queeres Volk gibt es? Kommt es überhaupt vor? (Auch wunderbare Metaphern gegen Rassismus und pro verantwortungsvollen Umgang mit Macht können dabei auf ganzer Linie versagen. Darf ich im Übrigen Ron Weasley erwürgen, der seinen Muggel-Fahrprüfer konfundieren muss, um überhaupt an einen Führerschein zu gelangen? Der ultimative Beweis, dass Voldemort tot ist, aber seine Einstellungen fröhliche Urständ feiern.)

Fantasy wird fast immer von Nordamerikaner*innen und Europär*innen verursacht, gemeinsam mit ein paar Leuten aus anderen ehemaligen Kolonien Großbritanniens. Das merken aufmerksame Leser*innen. Das Publikum ist weniger homogen, und manchmal recht genervt vom Euro- bzw. Amerikanozentrismus des Genres. Beispielhaft (auf Englisch) der große Race Fail 2009, und die jüngsten Debatten um die Science Fiction and Fantasy Writers of America.

Also. Keine Person, die irgendwas schreibt, ist frei von politischen Einstellungen. Ob überzeugte Demokrat*in, „Sind eh alles Verbrecher“-Nichtwähler*in, Royalist*in oder Anarchist*in. Ob gläubig oder atheistisch, aus Deutschland oder den USA, konservativ oder queerfeministisch, Mittelschicht oder Prekariat. Unsere Denke wird sich in den Text schreiben, egal, wie wenig beabsichtigte Botschaften dieser Text hat. Und genauso wird sich in den Text schreiben, worüber wir nicht nachgedacht haben, oder noch nie nachdenken mussten.

Wie eine Gesellschaft funktioniert, wer wo wie Platz darin findet – ohne solche Überlegungen kommt der Weltenbau nicht aus. Wenn er es dennoch tut, wird der Text wahrscheinlich nichts taugen.

Insofern: Realität muss, wenn schon, dann willentlich ausgeblendet werden.

Eskapismus!

Gestatten, Carmilla DeWinter, meines Zeichens Autorin. Von Phantastik.

Damit produziere ich Fiktion in einer jener Gattungen, denen gelegentlich Wirklichkeitsflucht vorgeworfen wird, vor allem von Menschen, die mit Fantasy nichts anzufangen wissen: „Kannst du nicht was Anständiges schreiben?“

Könnte ich, habe ich aber keine Lust drauf. Außerdem, wer sagt schon, was anständig ist, und was nicht? Serienkillerromane gibt es mit Sicherheit mehr als Serienkiller. Für die meisten Liebesromane, die ich kenne, muss ich mich mehr anstrengen, meinen Unglauben abzulegen, als für Terry Pratchetts Scheibenweltgeschichten, obwohl in Liebesromanen üblicherweise keine Zwerge mit Nachnamen Kleinpo auftauchen. Vielleicht meinen die Kritiker_innen auch, dass nur solche Texte anständig sind, die für Literarische Quartett passend wären, aber bei denen finden die viele Leser_innen unter all der kunstvollen Prosa und den liebevoll geschilderten Details die Geschichte nicht.

Und anständig schreiben kann ein_e Autor_in in jedem Genre, sogar in Fanfiction. Ob si_e_r das dann auch tut, ist eine andere Frage.

Für meinen Teil bevorzuge ich Geschichten, die eher figuren- als handlungsgetrieben sind, also Drama vor Action. Ich finde es auch nicht anrüchig, Fantasy zu lesen, oder zu schreiben. Zumindest bei mir ist das Motiv, Romane zu lesen, grundsätzlich das Gleiche, egal ob Krimi, Fantasy oder Historienschinken: Ich will mich in einem fiktionalen Traum verlieren. Ich will kurzfristig nicht da sein müssen. Wenn möglich, meinen emotionalen und geistigen Horizont ein wenig erweitern. Das geht auch mit Phantastik, aber eben in andere Richtungen. Zumindest steht der Beweis, dass eine Autorin mit sprechenden Drachen einiges über Menschen aussagen kann.

Als introvertierte Person halte ich mich sowieso den größten Teil des Tages in meinem eigenen Kopf auf – da ist das Lesen und Schreiben eine von mir geschätzte Möglichkeit, mich in anderen Köpfen aufhalten zu können, während ich mich in meinem eigenen Kopf aufhalte. Ob das Mitschaudern zu Aristotelischer Katharsis führt, sei dahingestellt, manchmal fühlt es sich jedenfalls so an.

Die menschliche Existenz ist, je nach Blickwinkel, häufig deprimierend, genauso häufig lächerlich, und noch viel häufiger langweilig. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass zeitweise geschätzte zehn Prozent der gesamten mittelalterlichen Bevölkerung Europas auf Wallfahrt waren. Nur, um der Langeweile zu entkommen. Lesen ist da weniger anstrengend und weniger gefährlich. Vor mir muss sich also keine_r deswegen rechtfertigen.

Wenn Sie mich also entschuldigen wollen: Ich bin dann mal weg.