Mal wieder 23. Februar

https://www.pforzheim.de/veranstaltungen/s2/event/show/e/eventTitle/1472/23-februar-2015.html

Das heutige Datum ist nur für Menschen meiner Heimatstadt von größerer Bewandtnis, denn am 23. Februar 1945 ging Pforzheim, wie es bis dahin stand, nach einer Bombardierung seitens der Briten in einem Flammenmeer unter.

Das ist nicht das erste Mal, dass Pforzheim niedergebrannt wurde – Ende des 17. Jahrhunderts waren die Franzosen schuld, wegen des Erbfolgekrieges um die Pfalz. Allerdings kamen 1945 mehr als 17’000 Menschen um, was anzahlmäßig nicht mehr zu begreifen ist.

Die Folgen sind immer noch im Stadtbild erkennbar: Kaum alte Architektur, „wir brauchen schnell Wohnraum für die Flüchtlinge aus dem Osten“-Charme. Oder eben die Abwesenheit davon …

Jedenfalls haben wir trotz idyllischer Lage an drei Flüssen einen teilweise berechtigten Ruf als hässliche Stadt.

Da es noch viele Überlebende gibt, finden jährlich zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt, zu runden Jahrestagen wie immer mehr als sonst. Ich selbst habe heute eine Gedenkveranstaltung auf dem Markplatz besucht, obwohl ich nicht religiös bin, auf dem Hauptfriedhof war eine Feier und auch in den Kirchengemeinden gab es Andachten.

Soweit, so verständlich.

Nun nimmt aber ein gewisser Personenkreis das Datum seit 1994 zum Anlass, mit Fackeln auf dem Wartberg aufzumarschieren – jener Berg wird von älteren Einheimischen auch „Monte Scherbelino“ genannt, weil alle Reste der Bombardierung dorthin verfrachtet wurden. Oben gibt es ein Mahnmal mit drei Stelen.

Muss ich erklären, dass selbiger Fackelaufmarsch eine der größten Nazidemos im Ländle darstellt?

Dass ein solcher Aufmarsch eine Gegendemo verlangt, ist logisch, folgerichting und hat meine volle Zustimmung. Nur: Heuer waren laut Pforzheimer Zeitung etwa tausend Polizist*innen gefordert, mit Tränengas und Knallkörpern bewaffnete Linke davon abzuhalten, die Fackelnazis zu verprügeln. Dabei gab es mehrere Verletzte.

Ich finde dabei zwei Dinge traurig. Erstens, dass die Nazis das Datum seit Jahrzehnten instrumentalisieren, und damit sämtlichen Opfern des zweiten Weltkrieges ins sprichwörtliche Gesicht spucken. Zweitens, dass die Linken seit Jahren nicht in der Lage sind, friedlich zu demonstrieren. Wie zum Henker wollt ihr beweisen, dass ihr besser seid als „die“, wenn ihr auf Polzist*innen einprügelt, die den Fackelaufmarsch wahrscheinlich genauso scheiße finden wie ihr?

Abgesehen davon finde ich es faszinierend, dass die Gegendemonstrant*innen in Zügen „nach Karlsruhe und Stuttgart“ abreisen. Wie viele waren nur da, um Randale zu machen?

Wie dem auch sei: Mein Verständnis für Körperverletzung ist leider ein wenig eingeschränkt … auch dann, wenn sie aus politischen Gründen stattfindet. Egal, ob sie nun blutrot oder kackbraun, mit Kreuz oder Sichelmond, oder als Hasskriminalität daherkommt.

5 Gedanken zu „Mal wieder 23. Februar

  1. Dass die Nazis sich noch mehr als früher an diese Gedenktage „anhängen“, dass das von AfD und Pegida verbreitete Gedankengut gesellschaftsfähig wird, entwickelt sich langsam zu einer echten Katastrophe. Es sind nicht nur mehr „zehn kleine Nazilein“ (wie wir hier bei mir noch vor ein paar Jahren gespöttelt haben), die auf ihren Demos eher jämmerlich herumstehen. Eine positive Entwicklung ist andererseits, dass eine Menge Leute in meiner Umgebung, die eher gedankenlos über Migranten oder LGBT gewitzelt haben, nun begreifen, dass solche Witzeleien nicht harmlos sind und tatsächlich gegen Nazis und Co demonstrieren (Auch, wenn sie in ihren schicken Vierteln immer noch lieber unter sich bleiben: es ist ein Anfang.).

    • Na ja, wenn sie aus ihren schicken Vierteln in Gebiete mit niedrigeren Mieten ziehen, haben wir mit etwas Pech Gentrifizierung … der Witz scheint vor allem darin zu stecken, sich gedanklich eben nicht nur im eigenen Viertel aufzuhalten.

      • Was ich meinte: sie demonstrieren zwar lobenswerterweise gegen Pegida, möchten aber möglichst in der eigenen Nachbarschaft keine Migranten.
        Was die Gentrifizierung betrifft: das erlebe ich gerade in „meinem“ Viertel, und es gefällt mir natürlich nicht.

        • Jaa … die Angst um den Wert der eigenen Immobilie und diffuse Befürchtungen um die Sicherheit der Kinder auf Spielplätzen (???). Die gibt’s hier bei uns auch.

  2. Pingback: Countdown zur LBM läuft und Trauer um gute alte Zeiten | Carmilla DeWinter

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