Maske und Paranoia

(Kontroverse Meinungen ahoi.)

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Wiederverwendbare Maskensammlung. Mamas Selbstgenähte, eine zugekaufte, Edda-inspiriertes Kunsprojekt und Tentakelbart.

Jetzt ist also seit dem 27.04. Maskenpflicht bzw. Mund-Nase-Bedeckungspflicht für (fast alle) in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften.Witzigerweise hatte das RKI zunächst ja verkündet, das sei nicht nötig.

Ich war seitdem an fünf Tagen auf Arbeit.

Teil 1: Maskenbesserwissen

Habe ich mich dadurch im Bus oder in der Apotheke als Personal sicherer gefühlt?

Nicht die Bohne.

Warum?

Da unser Plexiglas-Spuckschutz nicht an den Seiten geschlossen ist, hat die Chefin uns als Personal schon vor zwei Wochen dank ausreichend besorgtem Material Masken verordnet. Das ist an sich eine sinnvolle Sache. Wir hängen ja länger als 15 Minuten am Tag aufeinander und sprechen von Berufs wegen sehr viel. Wenn mit Masken die Quarantäne-Wahrscheinlichkeit verringert ist: Yay!

Auch wenn ich nach einem normalen Arbeitstag mit FFP2 schwere Beine habe wie sonst nur ohne Stützstrümpfe im Hochsommer. Offenbar kommt da unten nicht genug Sauerstoff an?

Ist jedoch verschmerzbar, da ich Teilzeit arbeite.

Dann gucke ich mir an, was die Leute mit den Masken machen. Mit bestenfalls lasch desinfizierten Händen Maske hoch und Maske runter, zwei-, drei-, fünfmal im Gespräch mit mir oder der Bekannten im Bus, nicht über der Nase getragen. Falschrum getragen mit dem Nasenbügel unter dem Kinn.

Häufig mehr Rumgefummel im Gesicht als ohne. Und bewahre, dass das Outfit deswegen praktischer gestaltet wird. Die Frau Apothekerin hier verzichtet schon seit Wochen zwangsweise auf Ringe, Halsketten und größere Ohrgehänge und steckt ihre Haare weg. Eben um das Rumgefummel zu minimieren.

Und trotzdem beschlägt die Brille … (was sie nicht sollte, aber hundert Prozent dicht ist halt was anderes, auch bei FFP2).

Von den Leuten, die so was gar nicht tragen können, weil Asthma usw., reden wir jetzt erst mal nicht, und dann gibt es noch Leute, die verstehen mich nicht mehr, selbst wenn ich hinter der Maske laut spreche. Weil sie schwerhörig sind und ihnen meine Mimik fehlt. Oder ich verstehe die nicht, weil Maske und Stottern oder Heiserkeit ist, sagen wir mal, eher kontraproduktiv.

Um bei uns den Verbrauch zu minimieren, werden die Masken personalisiert und dann laut Politik-Empfehlung in den Trockenschrank getan. (Apotheken haben so was im Labor, im Gegensatz zu Krankenhäusern.) Dreimal kann man sie laut dieser Angabe so behandeln, danach ist Schluss.

Diese Empfehlung geben wir auch an die Kundschaft weiter. Deren Öfen sind aber keine fein justierbaren Trockenschränke und haben ihre Hitzequelle nicht grundsätzlich hinter einer Abschirmung. Da schmelzen die schnell und günstig produzierten Teile auch schon mal an.

Und nun kamen das BfArM  und das ZDF und sagen, dass die Empfehlung mit 70 Grad Celsius für 30 Minuten nicht ausreicht. 90 Grad und 90 Minuten oder gleich in den Autoklaven/Heißdampf? Ob das billige Gummizeug bei Wegwerfartikeln das aushält? (Wenn die Gummis nicht gleich abbrechen.) Die von der Frau Mama selbstgenähte Option habe ich bislang drei Mal ausgekocht (also je 10 Minuten Heißdampf), und selbst diese auf häufige Wäschen ausgelegten Gummibänder für die Ohren sind nicht begeistert.

Das mit der Abstandsregel ist mit und ohne Maske eine Sache des Münzwurfs. In der Apotheke ist aber wenigstens immer wer mit offiziellem Aussehen (weißer Kittel!) da, die die Kundschaft höflich, aber bestimmt an den Sicherheitsabstand erinnern können. Bei üblicherweise mit Sonderangeboten und Extras zugebauten und ohnehin selten mehr als 1,50 Meter breiten Supermarktgängen ist das selbst mit gutem Willen und Wagenpflicht schwierig. Und wen zum Aufpassen gibt es sowieso nicht.

(Die Security vor dem dm Drogeriemarkt war nach einer Woche schon wieder verschwunden. In der Innenstadt führt das dann schon mal zu kichernden Gruppen gelangweilter weiblicher Teenager in den Kosmetikgängen.)

(Der Busdienst wurde bei uns zeitweise auf Samstagsniveau reduziert. Jetzt ist Maskenpflicht und Läden offen, jetzt fahren sie endlich wieder alle, bis auf die Schulbusse. Abstand ist zumindest abends einfacher.)

Also, mir ist Abstandhalten lieber als Maskenpflicht, zumal vor allem (häufig schlecht sitzende) Mehrwegteile bei Leuten ohne Grundkurs in Basis-Maskenhygiene (die ist komplizierter, als eine meinen sollte, laut RKI) meiner Meinung nach nix verloren haben.

Die Einmalteile brauchen Kliniken, Praxen, Pflegedienste. Und Leute, die hustend, niesend und/oder rotzend vor die Tür gehen (müssen).

Um den Noordlander zu bemühen: Ja, wenn wer eine geschlossene Hose trägt und lospinkelt, kriegen andere keine nassen Beine. Wenn die Person nicht pinkelt, kann es mir aber egal sein, ob sie Hose trägt.

Gespräche bei mir in der Apotheke dauern normalerweise unter fünf Minuten (mit Plexiglas), im Supermarkt kürzer (also zwei bis drei Sätze), warum um aller Welt soll ich da eine Maske tragen, wenn ich den Rest der Zeit symptomfrei atme?

(Apropos: Können wir die Fern-Arbeitsunfähigkeits-Erstellung bei Erkältungen behalten?)

Mir wäre es lieber, wir hätten eine auf Dauer andere Erkältungsetikette. Schniefnasen und die obligatorischen (Theater-)Hustenden hinter geeignete Masken, Homeoffice-Lösungen für arbeitsfähige Schniefnasen, damit sie die Viren nicht in den Öffis und im Geschäft streuen, und … ?

Aber es sieht jetzt halt aus, als würde was getan, nicht wahr? Wir erinnern die Leute daran, dass Ausnahmesituation ist.

Und insofern haben diese von symptomfreien Menschen zwangsweise getragenen Masken und Behelfsspuckefilter für mich gefühlt hauptsächlich eine politische Funktion.

Teil 2: Politik und Denunziantentum

Schon vor der Maskenverordnung gab es ja Menschen, die wegen des Coronavirus in anderen vor allem eine Bedrohung für ihr eigenes oder ein fremdes Leben gesehen haben. (Wie, du fährst mit dem Bus auf Arbeit? Hast du keine Angst um … ?)

Jede Handlung erhielt auf einmal einen moralischen Wert. Garantiert habe ich hier auch wieder Reaktionen auf meine Maskenmeinung, dass das ja total verantwortungslos sei und ich wollte, dass meine Oma stirbt, einself!! (Meine Omas sind seit 51 bzw. 22 Jahren tot, vielen Dank.)

Viele Handlungen haben zwar an sich schon einen moralischen Wert, vor allem in Zeiten des Klimawandels, aber da ist es ja so, dass das zur Not geflissentlich ignoriert werden konnte, zumal die eigene Blase ja ähnlich gestrickt war. Die Wahrscheinlichkeit, dass es eine Person, die auf ihren neuen Marken-Hausfrauenpanzer/SUV stolz ist, in meine Facebooktimeline spült, ist relativ gering. Genauso kenne ich wenig Personen, die auf Kreuzfahrt gehen.

Nun habe ich in meiner Blase aber Menschen, die eine allgemeine Maskenpflicht das beste seit geschnitten Brot finden und mich wahrscheinlich nach diesem Posting kloppen, egal wie begründet meine Fragen sind. Dazu kommen Leute, die Masken prinzipiell immer kacke finden und solche, die das halt mitmachen, aber sich mehr als ich um ihre Freiheitsrechte sorgen und …

Vor Corona-Lockdown kam ich mit dieser gemischten Truppe erstaunlich gut aus.

Ich habe mich entschlossen, nur Leute zu entfreunden, die echten Bockmist verzapfen und sich nicht einfach um grundverschiedene Dinge sorgen. Bislang habe ich dieses Instrument noch nicht benutzen müssen.

Und das ist nur die Onlineblase.

Live muss ich zwischen „Ähhh, die trägt aber keine Maske!!! Polizei!! Wieso sagen Sie nichts, Fräulein?!“ (aber gern auch mit schlecht schließender Selbstgenähter) und „Ich habe einen Herzfehler, ich kriege keine Luft“ vermitteln.

Ich muss nunmehr von Berufs wegen alle misstrauisch beäugen, die in den Laden stolpern, und nicht nur die rausfiltern, die Rezepte gefälscht haben/ihr Codein  vermutlich weiterverkaufen/ihre Versicherung betrügen wollen/etc.

Ich mag aber nicht jeder Person, die sich (mal) schlampig an die Regeln oder mit guten Gründen nicht an die Regeln hält, unterstellen, dass sie ein völlig verantwortungsloses Arschloch ist, das meine Oma bzw. anderer Leute Omas und Vorerkrankte umbringen wird.

Ich mag dieses Kontrolldenken nicht. Ich mag nicht, was diese ständige Ermahnerei und dieses Misstrauen mit meinem Hirn machen, und ich mag es nicht, wie es selbsternannte Blockwarte bestärkt, die zwar Menschengruppen auf der Straße melden, aber garantiert niemals das misshandelte Kind aus der Wohnung gegenüber.

 

 

 

 

 

 

 

Aces, Zitate und seltsame Startseiten …

… oder: Die DeWinter prokrastiniert.

In den letzten zwei Tage ist meine asexy Facebook-Blase voll von Werbung für eine neue Partnerbörse names Acedate.de.

Eine Person meines Vertrauens hatte sich die Startseite angeschaut und eine Ungereimtheit gefunden, und da ich es gerade vermeide, an meinem neuen Roman weiterzuschreiben, habe ich mal genauer hingeschaut.

Am Anfang klingt das natürlich geil: Eine neue, kostenlose Singlebörse für Menschen aus dem asexuellen Spektrum! Und sogar aromantische Leute sollen sich da wohlfühlen. Wow.

Ist natürlich werbefinanziert, deshalb muss die angemeldete Person ihre Daten von Google Analytics analysieren lassen.

Ein wenig seltsam auch, wenn man weiterscrollt:

screenshot Acedate cropped

„Acedate ist eine seriöse und 100% kostenlose Dating und Partnersuche Plattform für Menschen mit Depression, Phobien oder Burnout Syndrom, Sowie Menschen mit Beziehungsangst und psychisch stabilen Menschen für die besagte Erkrankungen kein Beziehungs-Hindernis darstellen.“

Abgesehen von der grausigen Verwendung und Unterlassung von korrekten Kommas und anderen Satzzeichen klingt das nun nicht besonders, als seien a_sexuelle Menschen angesprochen.

Oder wendet sich das an die Leute, die glauben, dass wir Aces alle einen an der Waffel haben? Nach dem Motto: „Wir wissen ja, dass a_sexuelle Menschen gar nicht existieren und dass die unterliegende Schwierigkeiten haben, die sie nur nicht zugeben wollen. Wenn Sie normal sind und Ihnen das nichts ausmacht, können Sie sich trotzdem umtun.“

Die Person meines Vertrauens meinte, es sei nur schlecht abgeschrieben, oder dass da eigentlich was anderes hingehört.

Was es nach einer Copy-Paste-Suchmaschinennutzung ohne die ersten Worte auch tatsächlich tut.

Ein wenig hat wer dann doch mitgedacht, denn es erscheint, wenn wir den „Mehr“-Button drücken:

„Acedate.de ist eine kostenlose Dating und Kennenlern Plattform, die sich an Menschen im asexuellen Spektrum richtet. Acedate versucht hierbei eine Anlaufstelle zu sein, für asexuelle Singles mit Wunsch nach Partnerschaft und/oder evtl. Kinderwunsch sofern vorhanden. Dar Asexualität wenn überhaupt dann nur bedingt auf konventionellen Partnersuche Seiten berücksichtigt wird, freut es uns ebenjene Lücke zu füllen und Menschen auf der Suche nach einer Beziehung behilflich zu sein, wo anderenorts Asexualität als widriger Umstand empfunden und behandelt wird. Ebenso sind gerne Angehörige oder Interessierte willkommen, die sich über die Themen Asexualität, Aromantik, Demisexualität oder Greysexualität erkundigen wollen, da Acedate ebenso über ein Forum zwecks Wissenstransfer verfügt. Eben genannte Ausprägungen der Asexualität werden zum Zeitpunkt dieser Niederschrift von Acedate unerstützt und können auf der persönlichen Profilseite ausgewählt werden. Sämtliche Nutzungsfunktionen von Acedate sind und bleiben kostenfrei. Uns würde es freuen Asexuelle Menschen mit dem Wunsch nach Liebe, Beziehung und Familie zusammenzuführen.“

Das ist jetzt, lassen wir die Rechtschreibung, das Überangebot an fetter Schrift und die weiterhin kreative Anwendnung von Leerzeichen beiseite, eigentlich ein ganz nettes Statement über die Mission.

Scrollen wir nach Klicken des „Mehr“-Buttons weiter, finden wir Links zu schlecht lesbaren Informationen über Asexualität (ohne Quellenangabe von Wikipedia und Anthropedia kopiert, wie man problemlos an den Fußnoten erkennen kann) und Demisexualität, das ohne Quellenangabe bei GoFeminin kopiert wurde.

Es wäre jetzt nicht das erste Medium, das fremde Texte über Demisexualität kopiert. (Ich finde den Link auf Anhieb nicht mehr, aber ihr wisst, wer ihr seid.) Und während ich bei meinen Webtexten und Wikipedia zumeist umgänglich sind, ist das ungefragte Klauen bei einer kommerziellen Seite jetzt vielleicht nicht ganz so klug.

Bei Greysexualität kommen wir an einem Artikel über Depression raus. Das nährt den Verdacht, dass es schlecht abschrieben/adaptiert wurde, aber wenigstens hat der Artikel  eine Quellenangabe.

Dennoch ist es so absurd, dass ich nicht umhin kam, diese Kopie davon bei der Wayback-Machine zu speichern. (Das geht. Wenn Sie seltsame Sachen im Netz finden, können Sie diese zu Beweiszwecken dort speichern lassen, falls es noch nicht getan wurde.)

Der Text über Aromantik ist ohne Quellenangabe beim Asex-Wiki kopiert.

Also, da hat offenbar jemand etwas sehr schnell aus dem Boden gestampft. Und mit Urheberrecht haben die es auch nicht so, aber ehh. Was ist schon ein ordentliches Zitat?

 

 

Katze tot/Fragezeichen/Systemrelevanz

Physics, Schrödinger'S Cat, Schrödinger

Diese Katze war zum Zeitpunkt, als das Foto entstand, lebendig. Bild von Geralt via Pixabay.

Mein Schweigen seit letzter Woche liegt darin begründet, dass die Katze tot ist: Die Kollegin hat dann doch Corona, Ansteckungsweg unbekannt.

Vielleicht hatte ich mir das auch nach der Nebenhöhlensache eingesammelt und ihr weiterverteilt, und der seltsame Schnupfen war doch keine Grippe mit ein bisschen Rhinovirus?

Ich war garantiert bis zum 8. März ansteckend, und das wäre dann ein später, aber nicht unmöglich später Krankheitsbeginn ihrerseits.

Aber am 2. März hat da noch niemand drüber nachgedacht. Vor allem nicht bei einem doofen Schnupfen.

Viele Fragezeichen. SARS-CoV-2 macht schräge Dinge mit Menschen und manchmal (sehr häufig) halt auch gar nichts. Aber wenn man es bös hat (also eine Lungenentzündung davon bekommt), hat man’s wohl richtig bös, wenn ich den Ausführungen des Robert-Koch-Instituts richtig gefolgt bin.

Jedenfalls ist die Kollegin samt der dazu eingeteilten A-Schicht am Montag dann noch nachträglich in Quarantäne versetzt worden, und ich bin seit Dienstag fast in Vollzeit, was ich irgendwie nicht mehr gewohnt bin. Ein Quartalsbeginn mit erhöhtem Aufkommen von Inkontinenzbedarf und Pflegehilfsmittellieferungen ist auch noch dabei, wir diskutieren uns den Mund fusselig. Nein, Händedesinfektion nur 100 Milliliter, die kriegen wir leider zu einem Preis geliefert wie sonst die 500 Milli. Und nur drei, und nur zwei Packen Handschuhe, weil andere wollen auch noch was. Aber immerhin haben wir welche, ne?

Sagrotan Flächendesinfektion ist aus. Mein Handy bekommt nach jedem Arbeitstag eine Behandlung mit Wasser und Seife. Und Ihres?

(Sprühen ist halt bequemer als Klodeckel mit Lauge putzen, ich weiß.)

Masken kann ich in Rückstellung nehmen. Nein, ich verstecke keine vor Ihrem Kind mit Mukoviszidose oder Ihren gebrechlichen Eltern. Wenn wir unsere letzten Einzelstücke rausgeben, müssen wir bei jedem weiteren Corona-Fall den Laden dicht machen.

Dass ich auf Montag eine Nacht wegen Notdienst und auf Mittwoch eine Nacht hormonbedingt höchstens je vier Stunden geschlafen habe, macht die Sache nicht besser.

Als gestern noch Energie übrig war, habe ich die Punk’n’Roll-Version einer Behelfsmaske zu nähen angefangen.

Public Service Announcement

#GrundeinkommenJetzt!

Nur falls es wer in meiner Blog-Filterblase noch nicht gesehen hat: Es gibt eine Petition, statt Krediten und irgendwelchen Hilfen einfach mal sechs Monaten allen Leuten Geld zu zahlen. Wäre weniger Bürokratie und mehr Sicherheit.

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Zumal die Ladenbetreibenden langfristig zu kämpfen haben werden, daher: Wartet halt mal ein paar Tage mit dem Shoppen und unterstützt diejenigen, die jetzt ihre Läden zumachen müssen. All die kleinen Geschäfte, ohne die eine Innenstadt gähnend langweilig wäre. Keine fünf Packungen Schoki oder Pralinen als Dankeschön für Pflege, Krankenhaus, sonstwo, sondern ein 5- bis 10-Euro-Gutschein von einem der Läden, die jetzt grade geschlossen haben müssen und nicht wissen, ob sie ihre nächste Miete zahlen können.

#supportyourlocals

 

Mit Grüßen an die von DasNixblix passend betitelten Kackbratzen, die uns wahrscheinlich ab übermorgen eine Ausgangssperre bescheren und dann Amazon noch weiter leerkaufen, als sie es ohnehin schon tun.

(Manchmal tät eine sich schon erträumen, dass so ein Virus nach Solidarität selektiert.)

Leipziger Buchmesse/LBM 2020 und SARS-CoV-2

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LBM 2017 — eine Weile her …

Sofern das SARS-CoV-2 der ganzen Sache keinen Strich durch die Rechnung macht und ich selbst von andere Viren verschon bleibe, werde ich zur Buchmesse drei Tage in Leipzig weilen.

Bei dead soft in Halle 1, Stand A 301 bin ich für Freitag, 13. März, von 12-13 Uhr eingeplant.

Wenn ich sonst nicht bei diversen Lesungen und feministischen Diskussionsrunden weile, werde ich vermutlich in Halle 2 bei Edition Roter Drache rumlungern (und zu viele Bücher kaufen — Stand K 310-312) …

… oder auch mal PAN e.V. unsicher machen (Halle 2, K 601).

 

Übrigens, ich bin eine von den Irren, die hat keinen Mundschutz daheim, obwohl sie in einer Apotheke arbeitet und hätte welchen kriegen können, als es noch welchen gab.

Bei uns im Laden hat nur eine mitgenommen, die eine kranke alte Verwandte pflegt.

Weil:

1. Davon bleibe ich auch nicht gesund.

Und 2. Wenn ich jemals ansteckend bin und davon weiß, muss ich eh in Quarantäne. Wenn ich nicht weiß, dass ich ansteckend bin, trage ich auch keinen Mundschutz.

Satz mit X also.

Nur weil’s im Fernsehen ist, braucht ihr das nicht auch. Asiatische Touristinnen haben schon anno 2015 in der besten Luft der Welt (Island) Munschutz getragen, da hattet ihr noch nie was davon gehört.

Guckt lieber, dass ihr regelmäßig eure Pfoten wascht, niest und hustet verflucht nochmal in eure Ellenbeuge und nicht in die offene Hand (ich freu mich immer, wenn dann jemand mit seinen Rotzpatschern bei uns in der Apotheke auf den Tresen tappt oder mir Geld damit überreicht/Ironie Ende), haltet eure Schleimhäute feucht (vor allem in Flugzeugen und bei Klimaanlagen), fasst in der Arztpraxis keine Zeitschriften an, etc.

Also eigentlich der ganze Kram, den so ein Mensch die ganze Zeit beachten sollte, aber irgendwie kriegen es nicht nur rebellische Fünfjährige, sondern auch ganz hundsgewöhnliche Erwachsene hin, sich nach der Benutzung eines WCs nicht die Hände zu waschen.

Oh ja, und Deckel beim Spülen runterklappen. Echt, ey.

Privileg/Dankbarkeit/Feiertage

 

Osterrieder-Krippe Herxheim

Blondes Jesulein aus der Osterrieder-Krippe Herxheim. Manche finden das selbstverständlich, andere haben vielleicht schon gemerkt, dass Jesus wahrscheinlich so aussah wie der syrische Geflüchtete, um den eins in der Fußgängerzone einen Bogen macht.

 

Über zwei Ecken ist der Focus Nummer 48 auf mich gekommen. Darin ist ein Kommentar von Jan Fleischhauer, der zwei Wochen später auch online erschienen ist. Der Text heißt: „Die Minderheit als Leitkultur“ und nimmt die vermehrten Lautäußerungen von Minderheiten in der Öffentlichkeit aufs Korn.

„Über Jahrhunderte strebten die Menschen danach, als normal zu gelten“, schreibt er. (Woher wissen wir das? Auf uns gekommen sind doch vor allem Berichte von Menschen, die eben nicht Durchschnitt waren.)

„Kaum etwas gilt mittlerweile als so stigmatisierend wie die Zugehörigkeit zur Mehrheit.“ (Aha. Also, ich bin weiß, trage in der Öffentlichkeit saubere, nicht ethnisch konnotierte Kleidung und wurde noch nicht spontan nach Drogen oder am Zoll gefilzt.  Die Verkäufer*innen in Geschäften sind meistens höflich zu mir und nehmen nicht an, dass sie einfache Worte verwenden müssen.)

„Wer Durchschnitt ist, also weiß, etwas älter und ohne Vorfahren, die aus fremden Ländern nach Deutschland gekommen sind, sitzt schnell auf der Anklagebank. Es heißt dann, man sei ‚privilegiert‘. Als ‚privilegiert‘ gilt im Prinzip jeder, der nicht mindestens ein Minderheitsmerkmal geltend machen kann.“

Ja, auch ich spreche manchmal von „alten weißen Männern“. Es gibt darunter ein paar, die ich echt nett finde. Auch wenn sie manchmal rassistische Begriffe benutzen, weil sie das Anno Tuck halt so gelernt haben.

Ich habe mir ja selbst in einem Prozess mühevoller und freiwillig geleisteter Arbeit Wörter wie „Indianer“ aberzogen und bin bei dem Prozess gewiss noch nicht am Ende angelangt.

Also, ja, alte weiße Männer sitzen manchmal auf der Anklagebank. Vor allem, wenn (junge) Frauen und anderweitige nicht männliche Personen, manchmal mit migrantischem Hintergrund, über sie sprechen.

Warum? Weil selbige Personen oft alten weißen Männern zuhören müssen/mussten, selbige aber oft nicht einsehen, warum sie es umgekehrt tun sollten. Oder halt, wie Jan Fleischhauer, es befremdlich finden, wenn solche Menschen anfangen, sich so bemerkbar zu machen, dass man sie nicht überhören kann.

Aufmerksamkeit ist ein begrenztes Gut, schon immer, und in Zeiten von Social Media noch mehr. Wenn mehr Menschen aus Minderheiten in der Öffentlichkeit sprechen/schreiben, hören/lesen weniger Menschen Kommentare wie Jan Fleischhauers. Einfaches Rechenexempel.

Und wenn man gewohnt ist, dass andere einem immer zuhören. Tja … dann könnte sich eine gewisse Angst einstellen, irgendwann nicht mehr so wichtig zu sein bei der Meinungsbildung.

Aber egal. Der Witz ist ja, dass „Privileg“ an sich nichts Schlimmes ist. Sofern man weiß, wie der Begriff verwendet wird, wenn die Emotionen grade nicht hochkochen.

Ich habe den Text hier in meiner selbst gemieteten Wohnung geschrieben. In der Tiefgarage steht ein Auto, das zu kaufen mich nicht in Schulden gestürzt hat, und wenn ich morgen meinen Computer und den Kühlschrank ersetzen muss, kann ich trotzdem nächstes Jahr in Urlaub.

Ich bin nicht reich genug, um eine Villa zu kaufen oder mir einen neuen Porsche in die Garage zu stellen, aber arm ist was anderes.

Mit meinen Sprachkenntnissen komme ich in dem Land, in dem ich wohne, sehr gut durch. Ich kann mich die meiste Zeit kleiden, wie ich will, denn ich mache für den Brotberuf eine sinnvolle Ausnahme. Ich muss keinen Mann fragen, ob ich eigenes Geld verdienen gehen darf, ich darf in der Öffentlichkeit Auto fahren und mich mit fremden Männern allein in einem Raum aufhalten, ohne dass die Ehre meiner Familie auf dem Spiel steht.

Ich könnte morgen sterben und zufrieden mit dem sein, was ich bislang geleistet habe.

Das ist ein Haufen Zeugs, der nicht selbstverständlich ist.

Und, um den Schreibkollegen Alpha O’Droma zu paraphrasieren: Für manche Leute ist nicht mal eine Matratze in einem Gruppenschlafraum selbstverständlich.

Was ich nicht kann: Mich in der Öffentlichkeit über A_sexualität äußern oder mich als ace outen, ohne dass ein Kommentar unter dem Online-Magazin-Text mich einer psychischen Störung verdächtigt. Ich muss Geschichten, die Menschen meiner sexuellen und romantischen Orientierung abbilden, mit der Lupe suchen. (Lassen wir das.)

Worauf will ich raus?

„Privileg“ als Begriff will, dass ein Mensch das hinterfragt, was selbstverständlich erscheint.

Beispielsweise … Trans Personen in leitenden Positionen sind die Ausnahme, die meisten krauchen am unteren Ende der Einkommensleiter rum. Das kann kaum daran liegen, dass alle trans Menschen doof sind, sondern könnte auch damit zu tun haben, dass Cheffitäten sich scheuen, Leute, die ungewohnt aussehen, in Berufe mit hohem Prestige einzustellen.

Manchmal hat das System halt doch seine Haken, auch wenn Jan Fleischhauer das nicht wahrhaben will. („Das ist für mich Teil der Emanzipation: Wer sich als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft empfindet, wird den Grund für Rückschläge in (…) sehen, aber jedenfalls nicht in der Vorurteilsstruktur des Systems, das ihn nicht hochkommen ließ.“)

Man muss nämlich erst so weit kommen, dass „die Gesellschaft“ alle darin lebenden Personen als ihren selbstverständlichen Teil anerkennt. Die Gesellschaft ist mit ca. 80 Millionen Menschen leider sehr zahlreich, mit mindestens ebenso vielen Meinungen, und nicht grundsätzlich über Denkfehler wie den Ingroup-Outgroup-Bias aufgeklärt.

Das heißt nicht, dass eins sich schuldig fühlen muss dafür, wohlhabende Eltern zu haben und/oder nicht in einem Bürgerkriegsland zu leben etc. Es geht nicht darum, irgendwem „mit Privilegien“ zu verbieten, sich in der Öffentlichkeit zu äußern oder diese Personen an einer Karriere zu hindern.

Aber es ist ein Grund, mal die Rangunterschiede in dieser Gesellschaft zu betrachten und sich zu fragen, was davon echte Meritokratie ist (also die Herrschaft aus eigenem Verdienst) und wo manche einen Vorteil hatten. Und zu fragen, ob es sich nicht lohnt, die eigenen Vorbehalte zu checken und echt blind nach Leistung zu entscheiden und nicht danach, ob man den Namen auf der Bewerbung aussprechen kann (etc.). Es geht darum zu schauen, wer warum Macht hat und wie diese Menschen damit umgehen.

Es geht also um die Forderung, möglichst vielen Menschen faire Ausgangsbedingungen zu bieten. Was die Menschen dann damit machen, das kann ich nicht sagen, aber gegenwärtig sieht’s halt schon innerhalb Deutschlands mit fairen Ausgangsbedingungen schlecht aus.

In ein paar Tagen (oder Wochen, je nach Kirche) feiert die Christenheit die Geburt ihres Erlösers. In einem Stall geboren, Mutter nicht verheiratet, etc. pp. Wir kennen die Geschichte. Die Predigten sind voll davon, dass das eine Lektion sei, Nächstenliebe walten zu lassen und dankbar zu sein und derlei.

Selbst wenn man nicht an das mit dem Messiastum und der Jungfrauengeburt und so weiter glaubt: Diese so oft erzählte Geschichte wäre ein guter Anlass, mal die eigenen Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.

In diesem Sinne wünsche ich frohe Feiertage.

Bild: F. Weisbarth / S. Rieder [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D

Online und Offline, oder: Kognitive Dissonanzen

„The Discourse“ auf tumblr, das ist eine anhaltende Diskussion zwischen Menschen aus dem asexuellen Spektrum und Menschen aus dem klassischen SchwuLesBi-schen Bereich, wo es darum geht, ob Aces echt „queer“ sind, wer „queer“ verwenden darf und ob irgendwelche Wortschöpfungen irgen20180708_114448dwen diskriminieren. Menschen reiben sich daran auf.

Das Internet ist meines Erachtens ein Verstärker für sämtliche Eigenschaften, gute wie schlechte, und hier verstärkt tumblr die Neigung, Linien im Sand zu ziehen und Wir-Die-Dynamiken aufzumachen.

Außerhalb von tumblr ist die Welt anders. Bei WordPress ist die Welt anders, und offline sieht die Welt noch einmal anders aus.

Neugierige Menschen aus der queeren Community fragen Vorträge an. (Und zwar so viele, dass AktivistA nicht alle Wünsche erfüllen kann.) Sie buhen mich nicht aus, wenn sie mir auf einem Szene-Vernetzungstreffen begegnen und lassen sich Infomaterial mitgeben. Menschen bei der AIDS-Hilfe freuen sich über Flyer. Mehr als ein Vorfall von „Unterdrückungs-Olympiade“ von einem Menschen, von dem ich es nicht erwartet hätte, ist mir seit 2012 nicht untergekommen. (Die Infostände sind außen vor, da treffe ich nicht nur Aktivist:innen.)

Das führt zu einer Art kognitiven Dissonanz zwischen denen, die da draußen mit potentiellen Verbündeten reden, und denen, die sich hauptsächlich im Internet aufhalten. Sie leben in komplett anderen Welten. Wir reden manchmal über völlig andere Dinge und haben eine völlig andere Meinung darüber, wo wir willkommen sind.

(Und manchmal, tja. Da überlege ich mir Folgendes: Ich habe keine Zeit, mich im Netz mit ignoranten Menschen zu streiten, ich muss nämlich Blogposts verteilen und Veranstaltungen vorbereiten und Mails wegen Vorträgen schreiben und so. Neben dem anderen Kram, den das Leben halt so erfordert, wie essen, schlafen und Geld verdienen. Der Schluss, dass es den netten Aktivist*innen häufig ähnlich geht, liegt nahe. So Leute haben einfach keine Zeit, ihren Hass über anderen auszukippen, und sind dafür auch viel zu menschenfreundlich. Was Internettrolle zu einer Truppe macht, die ich tatsächlich vor allem bemitleide.)

 

Captain ohne (gescheite) Fanfiction

Mit einiger Verspätung habe ich am Freitag „Captain Marvel“ gesehen.

Ich war hin und weg und, ganz Fangirl, suchte am selben Abend noch nach Fanfiction — die USA hatten ja durchaus schon mehr als fünf Wochen Zeit, selbige zu produzieren.

Und nun schreibe ich hier über das, was nicht geschrieben wird.

Auf Archive of Our Own (AO3) gab es am Samstag um 0:15 266’464 Werke zum Thema „Marvel Cinematic Universe“ (kurz MCU). Damit ist das MCU eins der produktivsten Fandoms. „Captain Marvel“ ist der neueste Film aus dieser Filmreihe.

Ich musste auf die zweite Seite der Ergebnisse blättern, um eine Fanfiction zu finden, die „Captain Marvel (2019)“ getaggt hatte. Insgesamt findet AO3 546 Werke (0,2%). Davon enthält mehr als die Hälfte eine Romanze zwischen zwei Frauen („F/F“), was Fandom-Rekord sein dürfte. (14’665 MCU-F/F-Fictions zum Zeitpunkt des Nachschauens, macht 5,5%).

Das „Captain-Marvel (2019)“-Fandon enthält außerdem etwa zu einem Viertel eine Romanze mit einer Frau und einem Mann („M/F“). Das entspricht etwa dem MCU- und damit dem Gesamtdurchschnitt für Fanfiction bei AO3. (Das lesen Sie richtig. Im Gegensatz zu jeder anderen Art von Geschichten sind die Heten hier in der Unterzahl.)

Die F/M-Romanzen für Captain Marvel finde ich sehr schräg, da die Heldin, Carol Danvers, keine Chemie mit irgendeiner männlich konnotierten Figur hat. Und auch für das F/F-Gedöns muss ich echt die Augen zusammenkneifen und eine Lupe zur Hand nehmen.

Marvel versucht ausnahmsweise nicht einmal, uns von einer Romanze zu überzeugen. Und das tun sie ja gern, ohne dass die Figuren irgendeine Chemie entwickeln. (Ich sag nur, Steve/Sharon. Glaubt das irgendwer? Ehrlich? Loki und Iron Man haben mehr Chemie, trotz des Fensters. Und die Steve/Bucky-Fans muss man gar nicht erst fragen.)

Nein, wir haben hier erstaunlicherweise eine Heldin, deren Lebenstraum es ist, richtig schnell durch die Gegend zu zischen. Sehnsucht nach einem Mann oder Familie? Sehen wir nicht. Tatsächlich vergeht sogar der halbe Film, bis die Heldin mal entspannt lächelt.

Die Frau hat ein Resting Bitch Face, und der einzige Typ, der das kommentiert, bekommt das Motorrad gestohlen. Das finde ich sagenhaft geil.

Wir sehen aber auch eine Figur, die am Ende des Films halbwegs stabil und mit einer Lebensaufgabe rauskommt. Da hat sie quasi sämtlichen anderen Figuren mit eigenen Filmen außer Ant-Man und Dr. Strange was voraus. Carol Danvers ist kein gequälter Typ, der gemobbt wurde/den sein Vater gehasst hat/dessen Eltern gestorben sind/der auf der Flucht ist/gefoltert wurde/unter Depressionen oder PTSD leidet. (Mix’n’Match für Iron Man, Captain America, Thor, Loki, Bucky Barnes, Natasha Romanov, T’Challa, Spiderman und Bruce Banner. Und Hawkeye, laut den Comics.)

Solche ungequälten Figuren laden nicht dazu ein, ihnen die Welt besser zu schreiben.

Offenbar ist es aber auch hier in 75% der Fälle unmöglich, sich die Figur ohne Romanze zu denken. Die Tags „asexual character“ und „aromantic“ werden daher mit Stand vom Samstag nur je zweimal benutzt, in insgesamt zwei Geschichten von derselben Autor*in.

Wahrscheinlich finden nur andere Menschen aus dem asexuellen oder aromantischen Spektrum es seltsam, dass der Frau ohne Flirt so viele Romanzen angedichtet werden.