Sommer, Viren, Migräne, Genöle

Die Blognachbarin La Mère Griotte hat eine Corona-Kategorie, die „Striche an der Zellenwand“ heißt.

Versuchen wir’s mal … statt Strichen einige Beobachtungen. Immerhin hat das Stadtarchiv irgendwann letzten Sommer angefragt, ob sie meine Corona-Postings archivieren dürfen. Seitdem nichts mehr gehört, eine queere Lesung steht auch noch aus.

Diese Stoffmaske in den Farben der asexuellen Flagge ist mittlerweile a) ausgewaschen und b) in Innenräumen nicht mehr als alleiniger Mund-Nasen-Schutz zulässig.

Zu Afghanistan fehlen die Worte. Ich bereue, dass ich am Samstag die Mahnwache bei uns auf dem Marktplatz nicht unterstützt habe, aber ich war nach vier Stunden auf Arbeit platt. Der erste Tag mit nur minimalem Schädelzwicken statt mühsam beherrschtem Migräneanfall seit Mittwoch — und dann bitte früh aufstehen, und da ist noch die Deadline für den Lektoratsjob … Ich hätte mich erkundigen können, weshalb die Menschen dort sich um die afghanische Flagge sammelten. Habe ich nicht. Self care oder Egoismus? Beides? Am Ende egal. Ich war nicht dort.

Überhaupt. Migräne haben macht keinen Spaß. Dieses Jahr war wohl nicht nur für mich sehr lästig, kopfschmerztechnisch. Viele schlecht bezähmbare Anfälle mit Tendenz zu 72 statt 30 Stunden Dauer. Ich schiebe es auf’s Wetter. In diesem Zusammenhang: Als Vollzeitkraft hätte ich mehr Fehltage. So öttle ich halt an Migränetagen zumeist im Homeoffice vor mich hin, arbeite weniger als erhofft, aber nicht nichts, fühle mich wie ein Zombie und hoffe, dass das Triptan wirkt und dann noch den Anfall tatsächlich kupiert, damit ich nicht am Morgen drauf wieder mit Schmerzen aufwache. (Klappt dieses Jahr selten.)

Und die Hormone. Derletzt hatten wir es im Laden davon, ob und wie sich die Covid-Vakzinen sich auf Menschen mit Gebärmutter auswirken. Ich habe nachschaut, das Gezicke mit den längeren Zyklen ging bereits vorher los, und auch die Migräneattacken haben nichts damit zu tun. Eventuell kratze ich an den Wechseljahren? Meine Haut ist jedenfalls nicht so schlecht, als dass ich es auf die Schilddrüse schieben könnte.

Jedenfalls: Ruhiges Hochdruckwetter, das wär es seit März gewesen …

Im Laden nur noch erfreulich selten Diskussionen darüber, ob Masken was bringen. Obwohl letzten Sommer weniger beschlagene Brillen waren. Die Chefin sagt, dass wir im Backoffice keine tragen brauchen, wenn wir geimpft sind, ich lasse meine trotzdem auf. Luft kriege ich so oder so.

Ob das Plexiglas dann noch sein muss, frage ich mich allerdings. Das hätte ich lieber los als die Masken. Dem allgemeinen Lautstärkepegel täte eine Deinstallation sehr gut. Nicht nur für schwerhörige Menschen sind diese doofen Scheiben eine Qual. Mich stören sie auch an schmerzfreien Tagen beim Zuhören, weil ich die Kollegin zwei Kassen weiter besser höre als mein direktes Gegenüber.

Die gefühlt meiste Zeit im Laden geht dafür drauf, dass wir aus Eintragungen in Impfpässen QR-Codes zaubern. In diesem Zusammenhang könnte ich den Betriebsarzt einer großen Fleischerei in der Nähe schütteln: Mies kopierte Formulare für die zumeist nicht staatsbürgerlich-deutschen Beschäftigten statt Impfpass oder wenigstens den farbigen Originalen aus den Impfzentren, dann nur eine Impfung eingetragen, aber kein Hinweis, dass Genesene nur eine brauchen. Und so weiter. Und das für Menschen, die schlecht Deutsch sprechen und wo du dann mit Dolmetscher erfährst, dass die bei der Fleischerei mit dem großen Ausbruch arbeiten. (Welcher von den Läden, die da mit unterbezahlten, teils wohl nicht krankenversicherten osteuropäischen Kräften Fleisch produzieren, hatte keinen Ausbruch?) Und wir als Personal und Erfüllungsgehilfinnen von Ärzteschaft und/oder Bürokratie stehen da und sind in der Pflicht, die Impfnachweise auf Stichhaltigkeit und Fälschungen etc. zu prüfen. Was machst du dann mit diesen Wischs, die ein Arzt aus Sonstwo unterschrieben und abgestempelt hat?

Jedenfalls: Ich kaufe sowieso nur noch etwa einmal im Monat totes Viehzeug, und dann geht auch Bio. Das entsprechende Protein lässt sich prima durch Linsen, Bohnen und vor allem Kichererbsen zufüttern.

Einen amerikanischen Impfnachweis von einer Wirtschaftsflüchtigen auf Heimaturlaub hatte ich auch schon in der Hand. Der war im Grunde auch ein Wisch, genauso gräßlich leicht zu fälschen wie die kopierten Zettel von dem Betriebsarzt von dem Betrieb, der namenlos bleiben soll. Diese massenhaft vorkopierten Wischs hatten wenigstens teilweise einen Chargenaufkleber statt handschriftlicher Notizen.

Schreibtechnisch ist der August für den Arsch gewesen, die Corona-Verarbeit-Seifenoper dümpelt vor sich hin.

Ich sollte wohl auch mehr Werbung für das Sachbuch machen, aber Facebook ertrage ich nur in moderaten Dosen, die restlichen Social Media dürften nicht besser sein, was den Umgangston anbelangt, und fressen sehr wahrscheinlich Energie, die ich nicht habe.

Und kaum ist das Energielevel aus dem „nicht mies genug für eine Depressions-Diagnose, aber auch nicht gut“-Tief einigermaßen draußen, geht’s los mit dem kack Schädelweh. Heute hat es wieder angefangen.

An Kopfschmerztagen frage ich mich übrigens oft, wie und wann ich überhaupt irgendwas gebacken kriege.

Nervenaufreibendes letztes Wochenende

Die Nachwehen der Sachbeschädigung an unserem Pavillon werden mich noch ein Weilchen beschäftigen. Aber immerhin: Die Anfang Juli bestellten und verloren geglaubten Buttons sind dann heute (!) doch noch eingetroffen …
Ein Teil des am CSD-Samstag zusammengesammelten und/oder gekauften Papiers. Das Büchlein ist übrigens sehr zu empfehlen.

Macht der Markierung

Poetin_von_Pompeji

Vor einiger Zeit hatte also mehr als eine Person in meiner Facebook-Bubble ein Interview mit dem Linguisten Peter Eisenberg in der Berliner Zeitung geteilt. Peter Eisenberg steht dem Gendern sehr skeptisch gegenüber — angeblich verachten Menschen wie ich die deutsche Sprache, wenn sie ab und an ein Sternchen setzen oder über neue Wortformen und Grammatikdehnungen nachdenken und das dann auch noch ausprobieren.

In dem Interview sagt er aber etwas Hochinteressantes:

„Das Femininum bezeichnet bei Personenbezeichnungen Frauen, aber das Maskulinum hat die Möglichkeit einer sexusunabhängigen Verwendung. Wir brauchen so eine unmarkierte Kategorie unbedingt.“

Kein Widerspruch, dass unmarkierte Kategorien nützlich sind.

„(…) Jakobson hat die Markiertheitstheorie entwickelt und gezeigt, dass wir in natürlichen Sprachen keine gleichgeordneten Kategorien haben, sondern immer so etwas wie einen unspezifischen Hintergrund und ein Bild. Das Femininum ist das Bild, es ist markiert, es bezieht sich immer auf Frauen. Das Maskulinum bezieht sich dagegen nicht immer auf Männer. (…) Die Genderkolleginnen meiden die Markiertheitstheorie wie der Teufel das Weihwasser.“

Das sagt sich so leicht. Ich paraphrasiere: „Die sind doof, weil sie das generische Maskulinum damit verwechseln, dass etwas als männlich markiert ist!“

Da möchte ich wiedersprechen.

Der Witz ist ja: Wenn das nur die Sprache wäre? Geschenkt.

Aber Männer sind halt der gedankliche Maßstab für alles, und Frauen sind mitgemeint, bestenfalls. Und Menschen, die weder noch sind, kommen selten auch im Mitgemeinten vor.

Wer jedoch schon mal am falschen Ende von  „Für eine Frau können Sie aber gut …“ gesessen hat (und noch an anderen falschen Enden), weiß, wie sich Markiertsein anfühlt: Ziemlich beschissen. Immer der Sonderfall, immer extra.

Ach, Sie brauchen einen Mülleimer in der Toilette? — Ich finde es ja so geil, wenn Frauen an ihren Autos mal was selbst reparieren. — Lächeln Sie mal für das Foto und halten Sie den Kopf ein bisschen schräg (damit sich die männliche Kundschaft nicht bedroht fühlt). — Wieso finden Sie meinen (sexistischen) Witz nicht lustig (– Frauen haben gefälligst verlegen zu kichern, wenn ich den Spruch bringe). — Die meisten FFP2-Masken sind für Männerhutgrößen standardisiert, als würden Frauen nie mit Staub arbeiten. — Die meisten erwachsenen Frauen haben Hormonschwankungen, also nehmen wir besser nur Männer für medizinische Studien und verallgemeinern dann. Bla bla bla.

Über Markierungen habe ich anhand von Julia Serano schon geschrieben.

Jedenfalls: Mit der Übung der Gendergerechten Sprache geht es auch darum, diese gedankliche Maßstab-Sonderfall-Dichotomie aufzubrechen. Zu fragen, warum ausgerechnet das grammatisch Männliche der Maßstab ist, und warum es keine echt neutrale Kategorie gibt.

Ob manche Versuche dann so sinnvoll sind, darüber lässt sich streiten. Machen Unterstriche oder Sternchen ein Spektrum auf oder vertiefen sie den Graben? Was ist mit neuen Endungen? Warum spielen wir Sternchen und Doppelpunkte gegeneinander aus? Etc. Auf dem Niveau bin ich bereit, zuzuhören. Und meine Meinungsbildung ist nur insoweit abgeschlossen, als ich Vorschriften diesbezüglich nicht gut finde, da nicht nur meine Meinungsbildung noch nicht abgeschlossen ist. (Entsprechend finden sich in meinen Texten seit 2012 Unterstriche, Sternchen, Doppelpunkte, der Versuch, den they-Singular ins Deutsche zu übertragen, und allerlei mehr.)

Dass das Deutsche noch niemals nicht von der Politik beeinflusst wurde, ist auch eine Illusion. Ich verweise auf den Sprachpurismus, der uns beinahe den Meuchelpuffer statt der Pistole eingebracht hätte, und der uns die Fahrkarte statt des Billets bescherte.

Diskussionen auf diesem Level finde ich aber selten.

Zumeist beschränkt sich der Widerspruch auf Aufrege-Postings und nicht so lustige Satireversuche. Was wohl daran liegt, dass Männer sich auf einmal markiert fühlen und merken, wie grauenvoll das sein kann — und das selbst dann, wenn es nur auf der sprachlichen und nicht auf der gesellschaftlichen Ebene stattfindet.

Insofern: Gebt mir die völlige gesellschaftliche Gleichstellung aller Geschlechter, dann klappt’s auch mit dem generischen Maskulinum.

Edit: https://herzbruch.blogger.de/stories/2811061/ hat eine andere linguistische Sicht auf die Dinge und kommt zum Fazit: „Ignorieren zu wollen, dass große Gruppen der Bevölkerung sich benachteiligt oder eben genau nicht mitgemeint fühlen, ist ebenso keine Frage der Grammatik, sondern eine des schlechten Stils.“


Bildchen: Poetin von Pompeji via WikiCommons, CC0.

Löffel und Prioritäten

Es gibt die oft zitierte Weisheit, dass du erst merkst, wie wichtig etwas ist, wenn du es verlierst oder wenn es bedroht ist. Und es gibt Tage, da zweifle ich an meiner Berufswahl.

dr dewinter in heroischer pose

Heute ist so eine Gelegenheit. Etwas kurzfristig dieses Jahr, wie alles eben kurzfristig ist – in diesem Fall Anfang Mai – fing ich ernsthaft an, nach dem CSD Stuttgart zu schauen. Was war am berühmten letzten Samstag im Juli geplant?

Sie hoffen auf eine Demo und echte, anfassbare Infostände. Demo am Samstag, Infostände diesmal Samstag und Sonntag. Allein dass ich dieses Jahr zwei Tage Infostand organisieren müsste statt einen Sonntag, ließ mich erst mal hilflos mit den Armen rudernd zurück. Bis ich das mit dem finanzierenden Verein abgesprochen hatte (zwei Tage kosten logischerweise mehr Miete als einer, und ich brauche einen Parkplatz für je mindestens 20 Euro) und mit dem Orga-Team in Stuttgart geklärt hatte, dass wir bei einem Randplatz auch nur samstags kommen dürften, waren zehn Tage vergangen. Das ist etwas langsamer als mein übliches Tempo. Offenbar ist mit mein Energiekonto doch leerer, als ich gern glauben möchte.

Und selbst, wenn der Infostand nicht klappt wegen der Leute, die ich dafür brauche: Die Demo startet um 14 Uhr statt wie üblich um 16 Uhr. Das ist bei Feierabend um 13 Uhr (plus hinterher Kasse zählen) nicht mal als Zuschauerin pünktlich zu schaffen von meiner Provinzgroßstadt aus.

Dann brauchte ich drei Tage, um mich so weit zu pimpen, dass ich der Apotheker-Kollegin mitteilen konnte, dass ich am Stuttgarter CSD-Samstag gern frei hätte.

Warum pimpen? Weil wir schon einiges an Diskussionen zu Terminplänen hatten dieses Jahr. Derzeit ist die Kollegin nämlich wegen Long Covid in Wiedereingliederung, darf maximal fünf Stunden am Tag arbeiten und hat verständlicherweise keinen Bock, mehr als zwei Samstage hintereinander zu übernehmen.  (Ich hab auch keinen Bock, was aber während ihrer vier Wochen Krankheit auch niemand gestört hat.)

Weil ich außerdem den Karlsruher CSD-Samstag am 5. Juni frei will, bot ich an, am Samstag vor meinem Urlaub vormittags zu arbeiten. Und ach, da ist ja noch Notdienst, der ab 18 Uhr zu leisten wäre. Und weil Notdienst plus Wiedereingliederung halt so eine Sache ist, sage ich Idiotin, dass wir uns das ja teilen können, mit dem tariflich vorgesehenen Split um 22 Uhr. Was im schlechtesten Fall heißt, dass ich am Sonntag frühestens um 9:30 Uhr daheim bin und den kompletten Tag als Zombie verbringe, weil ich nachts rausgeklingelt wurde und selbst ohne Kundschaft die Nacht neben einem brummenden Kommisionierautomaten geschlafen habe. Also gute Aussichten auf einen super erholsamen Urlaubsanfang./Sarkasmus Ende.

Die DeWinter ist nett und rücksichtsvoll und versteht natürlich, wenn jemand krank ist.

Dann frage ich vorgestern, am Pfingstsamstag, die Kollegin, ob ich den Stuttgarter CSD-Samstag freihaben kann. Der halt zufällig vor dem Urlaub der Kollegin liegt. Die da gern frei hätte und dann verspricht, dass sie mal bei der Filiale fragt, ob wir wen ausgeliehen bekommen.

Und weil das abends nach einem anstrengenden Vortrags- und Kongresstag ist und vor einem Sonntagsnotdienst (von 8:30 bis 20:30 bis zur Ablöse), habe ich keinen Nerv, per Messengerdienst oder am Telefon deswegen eine Diskussion anzufangen, sondern fühle mich dankbar, dass sie bereit ist, nach Ersatz zu fragen.

Und heute bin ich nach dem lebhaften Notdienst müde und habe außerdem dank Wetter einen Migräneschädel. Zum Wütendsein über mich und die Ironiefreiheit der Kollegin reicht die Energie nicht, aber traurig geht. Jedenfalls kann ich mich gerade über das asexy Bullshit-Bingo nicht so richtig freuen, das fink erstellt hat.

Warum überhaupt so viele Gefühle? Weil so ein CSD mir halt doch wichtig ist, obwohl er auch beschissen viel Arbeit macht, selbst wenn du nicht die komplette Veranstaltung, sondern nur einen Stand organisierst.

Und weil das ja kein religiöser Feiertag ist, muss ich außerdem erst mal erklären, warum ich das überhaupt wichtig finde. Was mich ankäst. Und weil garantiert nur die Mitlesenden mit Minderheiten-Buchstabe blicken, wie kacke das sich anfühlt, überhaupt erkären zu müssen, warum das wichtig ist.

Die Erklärerei wäre natürlich nicht nötig, wenn ich mir einen Job gesucht hätte, bei dem die Samstage nicht als Arbeitstag gewertet werden.

(Und mal wieder die Beobachtung, dass die fünf Tage arbeitende Bevölkerung es zwar selbstverständlich findet, dass andere am Samstag die Läden für sie öffnen, aber sich dann wundern, warum ich für ihre Frage nach „dem Brückentag“ nach einem Donnerstags-Feiertag mittlerweile eher einen gestreckten Mittelfinger übrig habe.)


Bildchen freundlicherweise zur Verfügung gestellt von JJ Link.

Linkspam: Statt Zensur

Für mich wichtiges Zeugs gerade:

Sara darüber, was in den Niederlanden wegen Amanda Gormans Gedicht passiert ist.

Der Zaunfink über „Identitätspolitik“: Wie viele normale Menschen verträgt die Demokratie? (Nicht so viele.)

Der Nollendorfblog über Lob von der falschen Seite: Gauland findet, dass Thierse recht hat. Oder warum ich gerade ein echtes Problem mit der SPD und beleidigten weißen Heten habe.

Etwas älter, aber da mein einer Verleger etwas fremdelt: Was ist eigentlich „Sensitivity Reading“? Oder: Wenn du als Schriftstellerin keine Ahnung von Panzern hast, recherchierst du und gibst es eventuell wem zu lesen, die sich auskennen. Oder du musst halt damit leben, dass sich wer drüber beschwert, wenn es falsch ist. Dieselbe Sorgfalt sollte eins wohl auch auf Menschengruppen anwenden, mit denen eins sich nicht auskennt. Oder es halt sein lassen und sich dann nicht wundern, wenn sich wer beschwert … (Das Internet ist trotz all seiner Fehler eine ersklassige Beschwerdestelle. Wie wir an den ersten drei Links sehen.)

Und zuletzt eine sehr ausführliche Kopfwäsche für neuheidnisch Interessierte von Stefanie von Schnurbein: Es ist mehr Nazi drin, als Sie gern hätten. Und da wäre ich ohne das Riesenheim nie drauf gekommen.

Geduld/ Tugend/ Amazons Buchzauber

Also, das Sachbuch ist nominell erschienen.

cover_asexuell

Amazon verschickt seit Anfang der Woche Exemplare, und weder der Verlag und ich sind uns ganz im Klaren darüber, wie das passieren konnte — denn beim Verlag ist noch nichts angekommen, somit auch nicht bei mir, und auch die großen Buchhandelsketten haben längere Lieferzeiten.

Aber ich habe noch Hoffnung, dass die Kette von Seltsamkeiten, die dieses Buch mit neun Monaten Verspätung haben erscheinen lassen, irgendwann demnächst abbricht und alles wie gewohnt läuft.

Mit Sozialdemokrat:innen reden? — der zaunfink

„Mit Rechten reden?“ Das ist eine seit einiger Zeit immer wieder zu Recht gestellte und unterschiedlich beantwortete Frage. Macht das Sinn? Wenn ja, wie bekommt man es hin, der Auseinandersetzung mit Menschen, die gar nicht sachlich diskutieren wollen, trotzdem irgendeinen Mehrwert abzutrotzen? Spätestens seit heute frage ich mich: Mit Sozialdemokrat:innen reden? Geht das?  […]

Mit Sozialdemokrat:innen reden? — der zaunfink

… zu Posteritätszwecken. Zum tief Seufzen und zum Fremschämen über sozialdemokratische Heten.

Dabei hatte der Guardian erst erklärt, wie gute Debattenkultur funktioniert. (Via La Mère Griotte.)

2020. Feierdäg/Habe fertig.

Oder: Der DeWinter’sche Rant zum Jahresende. Damit es nicht zu aufregend wird, habe ich hier ein sehr kurzes Stück entspannte Musik zum kürzesten Tag des Jahres: Lux Refulget.

Mal gucken, was der Impfstoff macht.

Also, das Jahr ist fast um, angeblich sollen nach den Feiertagen die ersten Impfungen mit dem RNA-Impfstoff starten und ich bin in der dritten Welle der Priorität.

Und ja, ich lasse mich piksen, weil die Statistik in unserem Apotheken-Filialverbund sieht derzeit so aus:

Bei uns arbeiten etwa 65 Frauen zwischen 18 und 67 Jahren. Wir haben 5 positive Corona-Nachweise und 4 Fragezeichen. (Eine davon ich, und ich habe eine Person angesteckt, die zwei Wochen flachlag, siehe Frühjahrs-Gebruddel. Kann sein, dass es ne Grippe war, immerhin bin ich die einzige, die sich regelmäßig ihren Piks abholt und die es nach fünf Tagen abgefrühstückt hatte. Aber bei Grippe bin ich normalerweise von den ersten Anzeichen bis nominell arbeitsunfähig durch Kreislaufstörungen in vier Stunden, hier habe ich drei Tage bis zum Fieber gebraucht und dem Kreislauf ging’s prima.)

Von den fünf positiven Nachweisen ist:

1 x asymptomatisch

1 x leichte Symptome

1 x Krankenhaus und Reha wegen Lungenschaden

1 x Verlauf mit mehren Tagen hohem Fieber, seit neun Monaten mit Geruchsstörung und Psychotherapie

1 x Verlauf mit mehreren Tagen hohem Fieber, Nachwirkungen noch unbekannt.

Klar, kann sein, dass ich (beim nächsten Mal wieder) mit ein, zwei Tagen Fieber und Husten davonkomme. Kann aber auch nicht sein. 40 Prozent Langzeitschaden bei nachgewiesener Infektion innerhalb von drei Monaten versus unter 0,001 Prozent Langzeitschaden innerhalb der gleichen Zeit? Die Wahrscheinlichkeiten finde ich jetzt nicht so schlecht. Von Grippe müssen nur wenige vorher gesunde Mittdreißigerinnen in Psychotherapie, ne?

Übrigens wäre das nicht der erste Impfstoff, der auf den Markt kommt, ohne dass wer weiß, wie lange das eigentlich vorhält.

Außerdem: Reise-Neid und Kopfkratz.

Mein Vater ist vor zwei Jahren nach Spanien gezogen, und ich habe nie in den Schulferien Urlaub, weil ich halt nach einem emotionalen Kassensturz vor zehn Jahren beschlossen habe, dass ich keine Kinder haben möchte. Ich kriege mich grade so auf die Reihe, ich will da nicht noch ein Kind an der Backe haben. Vor allem nicht an Tagen, wo ich mich eben nicht auf der Reihe habe. Und mein Mutterinstinkt ist eh nicht vorhanden, ich habe schon als Jugendliche nur über eigene Kinder nachgedacht, weil sich das so gehörte, und nicht weil ich eins wollte.

Daher habe ich meinen Herrn Papa seit letztes Jahr im Oktober nicht mehr getroffen. Ich habe ein wenig Neid auf all diejenigen, die in den Schulferien sonst wo waren, während ich schön brav meinen Urlaub daheim oder bei Freundinnen begangen habe, als die Weitverreisten und Familenfeierndem ihre Viren überall schon wieder verteilt hatten.

Ich habe eine Bekannte in Facebook nicht entfreundet, obwohl sie manchmal etwas seltsame Ansichten hat, warum Leute Maske tragen und das mit dem Abstandhalten ernst nehmen. Keine Ahnung, was sie eigentlich mit ihren Wut-Posts seit März mitteilen will. Dass hier in Deutschland und in der Wissenschafts-Blase auf einmal zu 98 Prozent Faschos und doofe Nüsse rumspringen sollen, finde ich jedenfalls unwahrscheinlich. Irgendwie tut es mir leid, dass eine von mir geschätzte, kluge Person keinen Weg findet, mit der Situation konstruktiv umzugehen.

Jedenfalls ist weniger Social Media besser für’s Gemüt.

Dafür hätte ich gern mehr langfristig denkende Politicos.

Ich mein, ja, es die ganze Situation ist Scheiße. Passenderweise hat die Politik über den Sommer lieber den Kopf in den Sand gesteckt, als an Konzepten für einen zweiten Lockdown zu feilen. Schulen bleiben offen! Egal, ob das von einem epidemiologischen oder psychologischen Standpunkt aus klug ist oder nicht. Gleich für Wechsel-/Hybridunterricht und sinnvolle Betreuung vorplanen? Wir doch nicht.

Und außer, dass die Krankenhäuser vor Überlastung geschützt werden müssen, ist eine langfristige Linie der Maßnahmen auch nicht zu erkennen. Was draus gelernt? Allgemeine Ziele für die nächsten paar Jahre? Nee, bedingungsloses Grundeinkommen geht mal gar nicht, lieber lassen wir am Ende die komplette Kunstbranche ALGII beantragen.

Mal über Donuts statt Wachstumskurven nachdenken? Ist das Wirtschaftsschädigung, wenn wir darauf hinweisen, dass zu viele in diesem Staat zu viel Raum und Ressourcen verbrauchen? Und dass die meisten von uns deswegen zu viel Kram haben? (Und dann muss ich hinterher vielleicht mit den Zug zum Papa und nicht mehr mit dem Flieger. Dann isses halt nicht so bequem und dauert wirklich den ganzen Tag statt nur gefühlt den ganzen Tag. So what.)

Und können wir bitte mal darüber reden, dass Fallpauschalen und AGs den Krankenhäusern und vor allem deren Personalschlüssel nicht besonders gut tun?

Nebenbei erdreistet sich die Politik zu behaupten, dass eine Theateraufführung oder eine Lesung eine „Unterhaltungsveranstaltung“ wäre. (Wir können auch poltische Meinungsbildung, erstaunlicherweise, sogar wenn Vampire oder so was drin vorkommen.)

So ein paar Schuldige, das wär’s jetzt.

Bloß: Das kollektive Unvermögen, mit neuartigen Bedrohungen halbwegs sinnvoll umzugehen, das ist schuld. Und da hängt’s überall, weil die wenigsten Menschen halt Wahrscheinlichkeitsrechnung können, zumal eine solche am Anfang kaum möglich war. Deswegen rudern die Landesregierungen hin und her, versprechen mal dies, mal das, und halsen uns alle drei Tage neue Regelungen auf. Die anderen halten sich lieber ein Kissen über den Kopf und singen „es gibt keine Pandemie, lalalala, das hat sich (Lieblingsschurke hier einfügen) ausgedacht, um uns alle gefügig zu machen.“

Määhh von diesem Schlafschaf hier, ich verweise auf oben. Corona ist auch ohne Tote Kacke.

Konstruktiver trotz völlig hirnrissiger Schließungen von Orten, die sich an die Spielregeln halten, sind meine CSD- und Schreibblasen. Podcasts, Livestreams, Online-Messen und -Konferenzen? Ja, ist anstrengend und Kuscheln macht mehr Spaß und tut der Psyche gut, aber mensch lernt dazu und neue Verbündete kennen. Mein Vereinchen wird seine jährlichen Versammlungen von jetzt an nur noch online halten, da wir über die komplette Rebublik verteilt sind.

Was lernen wir aus diesem Mist?

Außer, dass Menschen nicht blicken, dass sie mit Face Shields zwar geil Luft bekommen, aber einer stehende Aerosolwolke natürlich sowohl einatmen als auch produzieren können? Und dass sie lieber OP-Masken waschen als welche aus zwei Lagen Jersey, was im Endeffekt wohl auf schlechtere Filtergrößen rausläuft? Und dass … lassen wir’s. Das menschliche Unvermögen, das Prinzip „Infektionskrankheit“ zu verstehen, sollte mich nicht mehr wundern, wenn früher selbst Kolleginnen mit ihren ungewaschenen Geldfingern in die Keksdose gegriffen haben.

Was lernen wir also draus? Wenn ich das wüsste. Dazu brauchen wir noch ein bisschen, denke ich. Bis dahin habe ich mal einen völlig unfantastischen Roman über queere Singles in der Pandemie angefangen.

Und sonst? Irgendwas, das gar nichts mit Viren zu tun hat? Wenigstens eine Sache?

Der Blockeditor von WordPress nervt mich. Und ich könnte mich darüber echauffieren, dass Microsoft Word nicht in der Lage ist, mit ODT-Dokumenten anständig umzugehen, während Open Office mit DOCX super zurande kommt. Ich lasse diesen spezeiellen Rant aber. Für Microsoft Office gebe ich so lange kein Geld aus, bis das klappt, hörst du, Bill Gates?

Ach ja, und #BlackLivesMatter. Dass auch die deutsche Polizei Racial Profiling betreibt, dazu muss ich eigentlich nur meine Kollegin mit dem türkischen Nachnamen fragen, wie oft ihr Bruder schon kontrolliert wurde. Da bleibt hoffentlich was in den meisten Köpfen hängen. Wenigstens ist der Haupthandlungsort in den Albenbrut-Bänden so latent rassistisch, dass die Bezeichung „Schwarzkünstler“ dafür ein Beleg ist und ich das nach derzeitigem Stand der Überlegungen nicht ändern würde — dafür aber an anderen Stellen nachschärfen müsste, falls es je eine Neubearbeitung geben sollte.

Und jetzt?

Ich wünsche schöne Feiertage, ob Jul oder mehr oder weniger religiöse Weihnachten oder was auch immer. Wir sehen uns wahrscheilich erst nach den Feiertagen für die gewohnte Jahresend-Buchabrechnung.

 

 

Noch lebendig / Eskapismus / Sachbuch-Termin

So.

Zwischenstand: Mich gibt es noch. Bin nur nicht mitteilungsfreudig. Im November Urlaub gehabt, statt Verwandtenbesuch und Buch Berlin also beste Alphaleserin der Welt besucht und ansonsten vor allem Lucifer und danach den Rest von Ben Aaronovitchs „Flüsse von London“ gesuchtet. Zu beidem eine mittelgroße Dosis Fanfic gebraucht. Jetzt geht’s wieder. (Bis ich das nächste Binge-Objekt finde.)

Ich neige eben zu Binge-Verhalten/Kleinobsessionen und bin dann manchmal auch weg, weil Eskapismus halt manchmal notwendig ist. Und da bei uns in der Gegend grade der Über-300-Inzidenz-Aktionismus ausgebrochen ist, wen wundert’s? Jedenfalls gut, dass es Videotelefonie gibt. Meinen Vater habe ich seit letztes Jahr im Oktober nur noch online getroffen und kenn den neuen Hund noch gar nicht.

Aber besser, ich binge Fanfiction als Alkohol oder psychotrope Substanzen, oder?

Seit Montag Überstunden, weil die Kollegin Resturlaub und Überstunden abbaut. FFP2/KN95 sind Pflicht. Die Kolleginnen und ich haben Verspannungen im Kiefer, weil laut und klar über das Plexiglas hinweg sprechen und feste Masken — entweder Mund weit auf oder Maske, nicht wahr? Und ich hab noch Glück, weil ich ja nicht Vollzeit in der Apotheke arbeite.

Jedenfalls ein Hoch auf Pfefferminzöl. Damit sind die abendlichen Kopf- und Kieferschmerzen fast weg. Ich werd jetzt noch hochdosiert Magnesium draufkippen. Bessere Investition als irgendwelche Immun-Komplexe ist das allemal, denn die Rotzerei lässt diese Saison auf sich warten. Auch beim Großteil der Bevölkerung, weshalb wir bei den Erkältungsmittelchen und damit überhaupt einen Umsatzeinbruch im Vergleich zu den Dezembern vorher haben.

Nebenbei ist das Sachbuch in der zweiten Lektoratsrunde. Geplante Veröffentlichung Ende Januar. Ich denke, das Warten und Feilen wird dem Text nicht geschadet haben.

A_sexualität, Videos, Schon wieder die

Falls irgendwer nachschauen will, ich war letzte Woche im Livestream von 100 % Mensch:

Teil 1 bei Youtube

Teil 2 bei Youtube

Unter der Ankündigung meckerte eine Person, dass da ja schon wieder die Carmilla DeWinter zu sehen sei.

Entgegen aller anderslautenden Gerüchte bin ich nicht so furchtbar scharf darauf, vor Kameras zu sitzen. Allerdings werde ich verhältnismäßig häufig drum gebeten. Was halt passiert, wenn eine zufällig in einem Verein im Vorstand ist, der sich als einziger in Deutschland ums Thema Asexualität kümmert.

Ich hätte gern mehr Leute in diesem Verein, die ich zu so was schicken kann, und die nicht schon mit fünf anderen, ebenfalls wichtigen Vereinen beschäftigt sind, und die keine 500 Kilometer Anfahrt haben. Auch Männer und/oder welche mit Neopronomen. Nicht immer nur die selben drei bis fünf Leute/Frauen. (Wie immer handelt es sich hier ja um eine geringe Anzahl von Menschen, die Zeugs machen, und eine sehr viel größere Anzahl von Menschen, die erwarten oder hoffen, dass andere Zeugs machen.)

Ich fände es auch geil, wenn es einen separaten Verein gäbe, der sich um a_sexuelle Menschen kümmert und in die Communities wirkt, statt „Bildung und Aufklärung“ zu betreiben. Und/oder eine Truppe, die nach dem Vorbild von Aces NRW hauptsächlich Institutionen wegen Fehldarstellungen anschreibt. Und/oder Stammtische mit soliden Ansprechpartner*innen bzw. welche, die zuverlässig über queere Zentren erreichbar sind, statt sich in Foren oder Discord zu verabreden/verabreden zu müssen. Und/oder …?

Aber so weit sind wir halt noch nicht.

Wenn 50% aller Aces nicht bei ihren Eltern und nur etwa 75% bei ihren Lieblingsmenschen geoutet sind, dann weiß ich auch, warum wir da noch Geduld haben müssen. Weil Öffentlichkeitsarbeit ein Coming-out erfordert. Aber die Reaktionen sind halt oft negativ, insofern beißt sich da die sprichwörtliche Katze in den Schwanz.

Mit bleibt weiterhin die Bitte an alle, die es sich leisten können, mutig zu sein.