Ende einer Ära

Ich hab’s ja nie fertiggebracht, dir einen Namen zu geben. Andere hießen Julia oder Dinmikkit, du warst sehr prosaisch, aber liebevoll „der Karren“ oder „die Karre“, je nach Laune.

Wir sind ungefähr 150’000 Kilometer in sechzehn Jahren zusammen gefahren, haben drei Umzüge, drei Konferenzen und fünfzehn Infostände zusammen gewuppt. Wir waren sogar zusammen im Fernsehen! Du hast sämtliche Macken, Dellen und zwei kaputte Stoßstangen, diverse Dekorationen aus Window Color und Aufklebern klaglos hingenommen, obwohl der Decepticon auf der rechten und der „Ich will nur das Eine: Kuchen“ auf der linken Hinterbacke für manches Publikum echt gewöhnungsbedürftig war.

Wir sind ungezählte Male quer durch Süd- und Mitteldeutschland Leute besuchen gefahren und haben auch sonst eine Menge Zeug und Personen transportiert. Außerdem sehr selten Hunde und öfter Katzen. Letzere haben auch schon mal aus lauter Protest ihren Korb in Stinkbomben verwandelt.

Mehr als einmal hatten wir liebe Mitmenschen, die auf dem Beifahrersitz eingeschlafen sind. Das mit der Beinfreiheit im gesamten Auto war für meine hochgewachsenen Bekannten immer eine Wohltat.

Ich hatte gehofft, dass wir das mit dem H-Kennzeichen hinkriegen. Immerhin tratest du 1997 als Mutters Familienkutsche in mein Leben.

Dann kam dieser Sommer und die Zündung wollte nicht mehr so richtig. Zeitweise tuckerten wir auf drei Zylindern. Das vierte Zündkabel war durchgeschmurgelt, und niemand konnte so recht sagen, warum. Es ist Rost im Auspuff, der Keilriemen fast durch, und das mit der Gangschaltung — der erste und der Rückwärtsgang brauchen an manchen Tagen gutes Zureden. Mehr als einmal krachte es im Getriebe, weil ich das beim Anfahren nicht rechtzeitig bemerkt hatte. Dass die Zentralverriegelung an der Volkswagenkrankheit leidet, hatte ich schon vor Jahren akzeptiert, aber es war trotzdem nervig, dass sie nur tat, wenn ich die Fernbedienung nicht benutzte.

Jedenfalls: Ich hab dich gestern ungern hergegeben, aber es ging nicht anders. Dich durch den zehnten TÜV zu bekommen, hätte mich ein Drittel der Neuanschaffung und mindestens das Doppelte deines Restwertes gekostet.

Du kommst hoffentlich zu irgendeinem Menschen, der dich fachgerecht zerlegt und damit andere stolze Besitzer*innen deiner Baureihe noch eine Weile glücklich macht.

RIP, Schätzchen.

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