Online und Offline, oder: Kognitive Dissonanzen

„The Discourse“ auf tumblr, das ist eine anhaltende Diskussion zwischen Menschen aus dem asexuellen Spektrum und Menschen aus dem klassischen SchwuLesBi-schen Bereich, wo es darum geht, ob Aces echt „queer“ sind, wer „queer“ verwenden darf und ob irgendwelche Wortschöpfungen irgen20180708_114448dwen diskriminieren. Menschen reiben sich daran auf.

Das Internet ist meines Erachtens ein Verstärker für sämtliche Eigenschaften, gute wie schlechte, und hier verstärkt tumblr die Neigung, Linien im Sand zu ziehen und Wir-Die-Dynamiken aufzumachen.

Außerhalb von tumblr ist die Welt anders. Bei WordPress ist die Welt anders, und offline sieht die Welt noch einmal anders aus.

Neugierige Menschen aus der queeren Community fragen Vorträge an. (Und zwar so viele, dass AktivistA nicht alle Wünsche erfüllen kann.) Sie buhen mich nicht aus, wenn sie mir auf einem Szene-Vernetzungstreffen begegnen und lassen sich Infomaterial mitgeben. Menschen bei der AIDS-Hilfe freuen sich über Flyer. Mehr als ein Vorfall von „Unterdrückungs-Olympiade“ von einem Menschen, von dem ich es nicht erwartet hätte, ist mir seit 2012 nicht untergekommen. (Die Infostände sind außen vor, da treffe ich nicht nur Aktivist:innen.)

Das führt zu einer Art kognitiven Dissonanz zwischen denen, die da draußen mit potentiellen Verbündeten reden, und denen, die sich hauptsächlich im Internet aufhalten. Sie leben in komplett anderen Welten. Wir reden manchmal über völlig andere Dinge und haben eine völlig andere Meinung darüber, wo wir willkommen sind.

(Und manchmal, tja. Da überlege ich mir Folgendes: Ich habe keine Zeit, mich im Netz mit ignoranten Menschen zu streiten, ich muss nämlich Blogposts verteilen und Veranstaltungen vorbereiten und Mails wegen Vorträgen schreiben und so. Neben dem anderen Kram, den das Leben halt so erfordert, wie essen, schlafen und Geld verdienen. Der Schluss, dass es den netten Aktivist*innen häufig ähnlich geht, liegt nahe. So Leute haben einfach keine Zeit, ihren Hass über anderen auszukippen, und sind dafür auch viel zu menschenfreundlich. Was Internettrolle zu einer Truppe macht, die ich tatsächlich vor allem bemitleide.)

 

10 Gedanken zu „Online und Offline, oder: Kognitive Dissonanzen

  1. Mir ist Ähnliches aufgefallen, als ich nach Jahren des feministischen Aktivismus „auf der Straße“ Feministinnen im Internet begegnete. Natürlich habe ich auch durch den Netzfeminismus wichtige Anstöße erhalten, aber für manche Dinge hat(te) frau abseits des Internets schlicht keine Hand frei.

    • Ich verstehe ja durchaus, wenn jemand wütend ist, und ohne Internet wüsste ich auch weniger über Feminismus. Aber manchmal hab ich so den Eindruck, dass es durchaus auch negative Filterblasen gibt. Dadurch erhält man den Eindruck, dass die ganze Welt sich gegen einen verschworen hat und alle von denen gegen mich sind. (Und dann habe ich einen neuen Ingroup-Outgroup-Bias.)

  2. Mir erscheint es auch oft so, als würden sich viele Missverständnisse und Unstimmigkeiten fast von selbst klären, sobald die Leute außerhalb ihrer Blasen mal miteinander ins Gespräch kommen und aufeinander zu gehen. Miteinander reden statt übereinander.

    • Wem sagst du das. Deswegen sind die Infostände und Netzwerke wichtiger als die Fußgruppen, auch wenn das Verkleiden echt Spaß macht.

  3. [sorry da wurde ich mal wieder getriggert ;) ]

    Das zentrale Problem ist doch die Ausrichtung der ganzen Internet-Szenen an der US-Gesellschaft und deren Teils absurdem psychologischen und sozialen Problemen, die dann wiederum oft völlig unreflektiert auf den deutschem Raum übertragen werden (leider auch von Institutionen und Personen, denen man die Fähigkeit zu differenzieren eigentlich zutrauen würde).

    Die Zielgruppe von Tumblr sind obendrein so weit ich im Bilde bin auch noch die 14-20 Jährigen (wobei ich ganz froh bin, dass mein Browser bei dieser speziellen Seite streikt). Die Invasion der Tumblr-Fraktion hat meiner Meinung nach übrigens auch AVENus erst zu dem gemacht was es heute ist, für mich im negativen Sinne.

    Insofern Gratulation von meiner Seite wenn die Emanzipation von der virtuellen Szene gelingt. Könnte auch zu einer weiteren Meinungsannäherung beitragen ;-)

    Gruß Maz

    p.s. es gibt jede Menge „aces“ außerhalb der „Szene“ die sich ganz in echt nicht als queer sehen (und ich wage zu behaupten auch jede Menge, die explizit nicht so gesehen werden wollen aber das ist ein anderes Thema) und/oder die bei den ganzen Wortneuschöpfungen in Dauer-Facepalms verfallen und/oder denen solche Probleme schon immer sonstwo vorbeigehen. Wenn man das im Hinterkopf behält mag manches auch einfacher sein/werden.

    • Tumblr. Ich blicke tumblr nicht, aber was tut man nicht alles. Bei twitter kann man aber genauso Grabenkämpfe mit ignoranten Menschen führen, die Aces generell absprechen, Probleme haben zu dürfen.
      Ich bin auch nicht auf twitter.
      Problematisch wird’s halt, wenn man nur noch in so einer Filterblase ist und sich dann Meinungen wie „alle … sind Ignoraten und wollen mich nicht dabeihaben“.
      Und was „queer“ angeht — kein Zwang zu gar nichts. Politisch ergibt der Schulterschluss durchaus Sinn, und wir haben ja auch nicht zu übersehende Überlappungen in Sachen trans Personen und romantische Orientierung.
      Das hat noch nie geheißen, dass jetzt alle Aces auf den CSD oder sich eine neue Beschreibung anschaffen müssen.

      • Ich blicke dieses social media Zeug generell nicht. Das zentrale Problem damit ist wohl, dass diese Bereiche nahezu komplett unmoderiert sind. Wenn der größte Internet Troll der Welt Präsident der USA ist und die Weltpolitik über Twitter bestimmen kann dann läuft jedenfalls was schief. Als Admin von Twitter hätte ich den längst rausgeworfen ;)

        bzgl. queer: politisch ist das Stichwort. Im Grunde genommen ist das das einzige was mich an der Sache wirklich irritiert, denn mir geht nicht so recht in den Kopf was die Orientierung mit der politischen Einstellung zu tun hat und warum ausgerechnet das ein verbindendes Element sein soll. Minderheitenstatus, von der Masse abweichende Sexualität, gemeinsames Aufklärungsinteresse, gemeinsam Party feiern wollen, etc….alles gut und abgesehen vielleicht von der sexuellen Verhaltensebene auch ein verbindendes Element. Aber warum muss das feministisch und politisch links bis links außen sein und warum hängen da Universitäten, Parteien, etc. mit drin? Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Ottonormalheteros diesbezüglich im Durchschnitt irgendwie anders konfiguriert sind.

        • Eh … weil die „Konservativen“ eher den alten Tagen hinterhertrauern, als man „die“ noch ins Gefängnis stecken durfte und die Weiber schön ihre Klappe gehalten haben? Das Recht, öffentlich Party zu machen, muss man sich ja auch erst mal erstreiten, da stehen wir auf den Schultern von RiesInnen.
          Ist halt eine grundlegende Wertedifferenz. Freiheit und „gesunde Volkskörper“/“Blut und Boden“ gehen nicht gleichzeitig.

  4. Dass queer nicht „konservativ“ sein kann ist schon klar, das würde ja direkt dem Wort widersprechen. Womit wir wieder bei dem Thema wären was eigentlich alles queer ist. Sexlosigkeit gibt es ja z.B. auch in der katholischen Kirche ;)

    Bei der männlichen Schwulenszene bin ich mir mit dem „links“ nicht mal so sicher…feministisch ist dieser Teil der Szene wohl eher nicht(?) und so weit ich mich erinnere ist auf den CSD Paraden auch ein breites Spektrum an Parteien vertreten.

    Historisch gesehen ist mir das ansonsten schon ungefähr klar zumal ja gerade der politische Feminismus wohl auch ein direkter Ableger des Sozialismus/Kommunismus ist(?).

    Aber wie man nicht mal 30 Jahre nach Ende der DDR und vor dem Hintergrund der Weimarer Republik, in der ja wenn ich halbwegs im Bilde bin u.a. KPD und NSDAP gemeinsam die Demokratie weggeputzt haben, auf dem linken Auge blind sein kann versteh ich nicht so wirklich. Aber vielleicht täuscht der Eindruck, den ich so mitbekomme wenn ich gelegentlich feministische Blogs überfliege. Internet ist ja nicht Reallife ;)

    • Leute, die Angst vor Pluralismus haben, sitzen in jeder gesellschaftlichen Ecke, das ist schon klar. Ab einem gewissen Grad unterscheiden sich Nazis und Kommunisten nur noch in ihrem Begründungen für die Unterdrückung.
      Aber wenn du eher zur Mitte guckst, ist es nicht die SPD, die die Adoption für gleichgeschlechtliche Paare aus einem vagen Bauchgefühl nicht erlauben wollte. Daher fühlen sich halt die meisten Feministinnen links wohler.

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