Männlichkeiten und Stammesdenken

Arnold Böcklin - Germanen auf Eberjagd

Das traditionelle Germanenbild kämpferischer Männlichkeit via Wikimedia Commons: Zwei Kerle in seltsamen Leibchen, die so bei den germanischen Stämmen gewiss niemand getragen hat. (Und wer ohne Speer oder Schusswaffen Wildschweine fangen will … und draufgeht: Selber schuld, sag ich.) Immerhin ist einer davon nicht blond.

Über einen kurzen Link bei der Mädchenmannschaft fand ich zu einem Artikel über Männlichkeit bei LOTTA, einer antifaschistischen Zeitschrift für NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen.

Der gesamte Artikel zitiert zur Argumentation einen Haufen misogyner Äußerungen, in denen neue und alte Rechte teilweise die Vergewaltigung feiern. Insofern sei beim Lesen Vorsicht geboten. Da manch ein zitierter Herr heuer für die AfD-Fraktion arbeitet, braucht eine vielleicht auch einen Eimer zum Reinkotzen.

Jedenfalls stehen nachdenkenswerte Sätze in dem Artikel.

Männer_Bande(n) und Krieg?

Männlichkeit, so Connell, steht nicht nur mit der Weiblichkeit als Gegenüber im Verhältnis, sie setzt vor allem die Männer untereinander in Beziehung. Diejenigen Männer, die selbst nicht (…) dem leitenden Bild von Männlichkeit entsprechen, müssen enorm viel Energie darauf verwenden, dem Idealbild des „echten Mannes“ hinterher zu jagen. Damit schaffen sie das Ideal immer wieder neu und erhalten somit das System aufrecht, das sie dazu antreibt.

Klar gibt es Konkurrenzdruck innerhalb jedes Geschlechtersystems — die meisten als Frauen sozialisierten Menschen werden wissen, dass niemand so sehr auf deinem Körper und Outfit herumhacken kann wie andere Frauen. Allerdings geht es nicht unbedingt darum, anderen Frauen die eigene Weiblichkeit beweisen zu müssen — meine weiblichen heterosexuellen Bekannten denken wohl kaum darüber nach, ob es unweiblich ist, wenn eine von ihnen ein Bier zischt, wohingegen ein heterosexueller Mann mit einem fruchtigen Cocktail in der entsprechenden Runde schon eher nachdenken müsste.

In der extremen Rechten herrschte seit jeher das Bild des „soldatischen“ und „kriegerischer“ Mannes vor, das eng mit der Weltsicht des Daseins als Kampf verknüpft ist. (…)

Donovan propagiert (…) eine „natürliche“, triebgesteuerte Männlichkeit, die durch Kampf, Revier, Antiintellektualität und Frauenhass geprägt ist. (…) Donovans Vorstellungen sind nicht nur extrem misogyn, sondern sie haben einen antiegalitären und antidemokratischen Kern. Männlichkeit ist für ihn gleichbedeutend mit Kampf und Durchsetzung der eigenen Interessen. Diskussion und Intellektualität sind für ihn weiblich, Zeichen der Dekadenz und des Niedergangs …

Bande/Stamm und Boden?

Witzigerweise habe ich mich in den letzten Wochen zwecks Recherche auf einem echt sympathischen heidnischen Blog rumgetrieben. (Ja, solche gibbet auch.) Dabei stieß ich auf eine kleine und äußerst lesenswerte Serie über Stämme: Teil 1, Teil 2, Teil 3

Und da fiel mir dann auf, dass diese Verteidiger der ursprünglichen Männlichkeit mit ihren Thor-Steinar-Uniformen ein echt schräges Bild von den germanischen Stämmen haben, die sie so gern als Idealbild heranziehen.

Zum Thema Blut und Boden schreibt MartinM:

Zu einer „typischen“ Stammesgesellschaft gehört in aller Regel ein Mythos über den Ursprung des Stammes. Meistens betrachten sich die Stammesangehörigen als Nachkommen eines mythischen Vorfahrens (…) und daher als eine einzige große Familie. Die Betonung liegt dabei auf „Mythos“, denn praktisch alle Stammesgesellschaften adoptieren Stammesfremde, nehmen sie in die „Stammesfamilie“ auf (…) Die West- und Ostgoten der Spätantike waren ebenso wenig alle Nachkommen (…) des legendären Königs Berings, wie die heutige weißen englischsprachigen protestantischen Bürger der USA allesamt Nachkommen der mit der Mayflower gelandeten Pilgerväter wären.

Ein Stamm kann zwar ein Gebiet als „Stammesland“ beanspruchen, ist aber, anders als ein (National-)Staat, nicht unbedingt an ein bestimmtes Territorium gebunden: Ein Stamm besteht, wie die Goten, fort, auch wenn er die ursprüngliche Heimat verlässt …

Und was da ist das mit Diskussionen, die als zu feminin verschrieen sind?

Stammeshäuptlinge (männlich / weiblich) müssen sich durch besondere Fähigkeiten auszeichnen. Besonders talentierte Jäger werden „Jagdhäuptling“, begabte Strategen „Kriegshäuptling“ usw. . Diese Häuptlinge üben ihr Amt meistens nur für eine begrenzte Zeit aus. Alle Häuptlinge müssen gute Diplomaten und Organisatoren sein. (…) Da Stammeshäuptlinge in der einen oder anderen Weise in ihrer Macht sehr beschränkt sind, herrschen sie vor allem durch die „Kraft ihrer Persönlichkeit“.

Allerdings neigt die Menschheit bekanntermaßen zum Tribalismus — siehe oben — Stammesdenken, wo keines hingehört.

In der Verhaltensforschung bezeichnet „Tribalismus“ etwas Anderes: Es ist die in allen menschlichen Gesellschaften zu findende moralisch-psychologische Anlage fast aller Menschen, ihre Stellung als Individuum immer in Beziehung zu konkreten Bezugsgruppen zu definieren. (…) Fühlen wir uns einer Gruppe zugehörig, zeigen wir intuitiv – manche Verhaltensbiologen würden sagen: instinktiv – altruistisches und kooperatives Verhalten. Gegenüber Menschen aus Fremdgruppen ist oft das Gegenteil der Fall. Wir sind misstrauisch, weniger empathisch und „Fremden“ gegenüber sogar tendenziell feindlich eingestellt. …

Stamm und Häuptling?

Und die Suche nach dem „starken Mann“, der sagt, wo’s langgeht?

Zwischen der Stammesgesellschaft im eigentlichen Sinne und staatlich verfassten Gesellschaften gibt es eine Übergangsform, das in der Politenthnologie als „Häuptlingstum“ bezeichnet wird. Häuptlingstum gibt es bei sesshaften Ethnien, die permanent herrschende Oberhäupter anerkennen. Solche Häuptlinge werden in der Geschichtsschreibung oft „Stammesfürsten“, manchmal auch „Stammeskönige“ genannt. Unter anderem unterscheiden sie sich von den „Häuptlingen“ in Stammesgesellschaften durch ihre umfassenden Befugnisse: der „Stammesfürst“ / die „Stammesfürstin“ ist in jeder Hinsicht Chef.

Das Häuptlingstum ist Folge einer zunehmenden gesellschaftlichen Ungleichheit, die verstärkt in arbeitsteilige Ackerbaukulturen, aber auch in manchen Hirtenkulturen auftritt. (…) Die arbeitsteilige Gesellschaft mit organisiertem Ackerbau und spezialisiertem Handwerk ist (…) so produktiv, dass Überschüsse erzielt werden, die gehortet oder getauscht werden können. Die (…) Ungleichheiten (…) führen dazu, dass diese Überschüsse nicht gleichmäßig verteilt werden und auch dazu, dass sie nicht jenen zukommen, die sie durch ihre Arbeit erwirtschaftet haben. (…)

Von staatlich organisierten Gesellschaften unterscheiden sich Häuptlingstümer unter anderem dadurch, dass es kein Gewaltmonopol gibt. Zum Gewaltmonopal gehört ein ausreichend großer „Erzwingungsstab“ in Form einer Garde (…), aber auch von Steuereintreibern usw., mit dessen Hilfe die Regierung ihre Entscheidungen durchsetzen könnte. Häufig können die Häuptlinge nicht einmal allein entscheiden, sie sind auf die Mitwirkung des Stammes oder der Ältesten angewiesen und müssen ständig mit Intrigen und Revolten rechnen.

Eine fragt sich da schon, ob daher die Paranoia mancher Möchtegern-Häuptlinge stammt. (Ahem.)

Diverse Intrigen und derlei gibt’s in den isländischen Sagas übrigens zuhauf zu begutachten. Wer zum klassischen Altertum neigt, lese bei Homer etc. nach.

Noch wichtiger allerdings finde ich diese Bemerkung:

Nur wenn die (erweiterte Familie), der Clan oder die Gefolgschaft des Häuptlings über zahlreiche Arbeitskräfte verfügt, kann sie einen Produktionsüberschuss erwirtschaften, der für ihre Verpflichtungen und die für Häuptlingstümer typischen internen Machtkämpfe ausreicht. Nicht zufällig ist Sklavenhaltung in Häuptlingstümern weit verbreitet; in einer egalitären Stammesgesellschaft wäre sie unsinnig. Häuptlingstümer sind häufig expansiv bis eroberungssüchtig, getrieben u. A. vom ständig steigenden Bedarf an Arbeitskräften. Kriegsgefangene werden normalerweise versklavt.

(Hervorhebung von der Zitierenden.)

Wenn ich jetzt mal um zwei Ecken denke und ein paar Vergleich ziehe:

Wir hatten das anno 33 bis 45 ja schon, das mit dem starken Mann und dem tribalistischen Denken. Wir hatten einen Häuptling namens Adolf Hitler, der einen kompletten Staat zum expansiven, parasitären Häuptlingstum ummodelte. Im Gegensatz zu den alten Stammeskönigen konnte er sich dabei eines Gewaltmonopols bedienen.

In Häuptlingstümern sterben laut MartinM circa 25 Prozent ihrer Mitglieder eines gewaltsamen Todes. In Staaten zehn Prozent oder weniger.

Wir haben derzeit weniger.

Fazit

Wir brauchen alles Mögliche in diesem Land. Starke Männer, die sagen, wo’s langgeht, fehlen auf dieser Liste allerdings.

Sprachvorschriften und neutrale Pronomen

cover jinntoechter

In meinem neuen Roman arbeite ich mit neutralen Pronomen für die namensgebenden Jinn (oder eher: Jnun). Dazu habe ich einen bestehenden Vorschlag leicht abgewandelt und landete  für die Personalpronomen bei „sier, sien(…), siem, sien“, und dem passenden Artikelset „dier, dies, diem, dien“.

 

Anna Heger hat noch mehr eigene und fremde Vorschläge gesammelt, und auch sonst sind mir schon Optionen begegnet.

„nin, nimsen …“ aus der Sylvain-Konvention gefällt mir klanglich sehr gut, ist aber unintuitiv.

Neuere Vorschläge sind „xier, xies …, oder gar nur „x“.

So als Sprachschaffende mit Ansprüchen an den Klang: Aua.

Von einem literarischen Standpunkt aus sind „xier“ oder „x“ nicht hübsch, weil X kein besonders deutscher Buchstabe ist, vor allem nicht am Wortanfang. Tatsächlich komme ich auf 334 Druckseiten Roman mit 9 Wörtern aus, die ein X beinhalten. Davon ist nur eins kein aus dem Lateinischen entlehntes Fremdwort, nämlich „feixen“.

Über Sinn und Unsinn von Gender werde ich nicht diskutieren, denn ich halte die Tatsache, dass manche Menschen ein Ich-Geschlecht haben, das weder männlich noch weiblich ist, schlicht für eine statistische Notwendigkeit.

Und hier differiere ich von Jordan Peterson.

Wie komme ich auf diesen Hochschulprofessor aus Kanada?

Tatsächlich hat eine mir bekannte Person, die am liebsten „das“-Pronomen hätte, einen Link zu einem Video mit Jordan Peterson geteilt.

Und ich muss sagen, der Typ hat was drauf und versteht es, Leute zu ermutigen.

Kurz auf deutsch zusammengefasst: „Sprich deine Wahrheit. Du wirst auf den Deckel bekommen. Sprechen ist gefährlich, aber noch gefährlicher ist es, zu schweigen, denn ohne Meinungsäußerungen passiert nichts. Dann hör anderen zu, die dir ihre Wahrheit sagen. Und im Gespräch und in dessen Verfielfältigung kommt ihr dann zu einer besseren Welt.“

Was für eine Motivation, die Klappe aufzureißen, nicht wahr?

Leider erlangte Jordan Peterson negativen Internetruhm, weil er gegen eine Gesetzesnovelle in Kanada protestierte. In dieser geht es um den Sprachgebrauch in Institutionen. Dieses Gesetz macht eine Verwendung von neutralen Pronomen bei genderqueeren Personen verpflichtend.

Grund für den Shitstorm: Jordan Peterson weigert sich, Worte zu benutzen, die ihm aufgrund politischer Ziele von oben aufoktroyiert werden. Er hält es für unmöglich, dass Menschen tatsächlich ein Ich-Geschlecht haben können, das weder männlich noch weiblich ist (oder beides, etc.)

Allerdings sagte er auch in einer Fernsehdebatte etwa Folgendes: „Bring mir ein Pronomen – im Gegensatz zu dem halben Dutzend, das rumschwirrt. Eines, das Leute tatsächlich verwenden und das ich nicht mit dem Plural „they“ verwechseln kann. Dann habe ich kein Problem, obwohl ich nicht daran glaube. Aber ich weigere mich, mir das derzeitige halbe Dutzend Optionen zu merken und eine Abmahnung zu kassieren, wenn ich sie mir nicht merken kann oder sie versehentlich der falschen Person zugeordnet habe.“

Und da muss ich sagen, das Argument kann ich verstehen.

Englisch und Deutsch funktionieren von unten nach oben. Irgendwer prägt ein neues Wort oder eine neue Verwendung für ein bestehendes Wort. Findet der Rest der Welt das nützlich, verbreitet es sich, und wenn es eine gewisse Verbreitung erreicht hat, wandert es als Teil des Sprachschatzes ins Wörterbuch.

Demzufolge muss bei den neutralen Pronomen Folgendes passieren: Die Vorschläge werden zunächst von einer kleinen Gruppe getestet. Wenige Vorschläge schaffen es in eine breitere Öffentlichkeit. Sofern die Menschen in dieser breiteren Öffentlichkeit einen dieser Pronomenvorschläge nützlich finden, wird er sich verbreiten und irgendwann im Duden ankommen.

Sehr viele Unwägbarkeiten. Sehr viel irgendwann.

Jedenfalls besah ich mir alle Pronomenvorschläge und wählte dann den aus, den ich für intuitiv erfassbar hielt und von dem ich glaube, dass er in der gesprochenen Sprache tatsächlich eine Chance hat.

Wir sehen uns dann in fünf bis zehn Jahren deswegen wieder und schauen, ob ich richtig geraten habe.

Vom Ende der Revolution. Oder so.

Les Fouetteuses Révolution française

Während ich meiner Frau Mama das Missy Magazine ausleihe, erhalte ich von ihr in regelmäßigen Abständen den Focus, meist zwei bis vier Wochen nach dessen Erscheinungsdatum.

Die Focus-Redaktion hat’s nicht so mit dem Feminismus. Und so enthielt die Ausgabe 51/2017 eine Klage, die einen Abgesang auf die Freiheit der Kunst darstellt: Feministisch motivierte Proteste gegen eine Ausstellung und ein Gedicht auf einer Hauswand werden als Beispiele herangezogen, dass heutzutage persönliche Befindlichkeiten bevorzugt würden gegenüber der Freiheit von Kunstschaffenden, die Gesellschaft zu provozieren.

Und dann zieht der Autor noch das Awareness-Team bei der Besetzung der Berliner Volksbühne als Beispiel heran. Die von den Protestierenden geforderte Freiheit der Kunst und die Sorge um die schwächeren Mitglieder ihrer Gruppe schlössen sich gegenseitig aus. (Zu Sinn und Unsinn der Besetzung selbst habe ich keine Meinung, da ich darüber nicht gut genug informiert bin.)

Er trauert zudem den damals nicht kritisierten Brüsten von Uschi Obermaier nach (es sind hübsche Brüste, ja) und lobte ein Happening, in dem noch so richtig provoziert wurde, wo also Künstler öffentlich onanierten und im Hörsaal ihre Notdurft auf einer Nationalflagge verrichteten.

Zwischendrin beklagt der Autor, dass ältere Quellen mit heutigen Maßstäben beurteilt und daraufhin verworfen würden. Da fragen eben Feministinnen: Wie viel taugt beispielsweise eine philosophische Betrachtung, wenn sie auf dem Mist eines Mannes gewachsen ist, der gleichzeitig rassistische Positionen vertreten hat?

Der Text über die künstlerische Freiheit enthält einige gute Fragen, aber ich habe den Eindruck, dass da auf einer fundamentalen Ebene aneinander vorbeidebattiert wird. Der Text ist außerdem von einem weißen Mann mittleren Alters verfasst, also von einem Menschen, wie sie häufig in Talkshows als Meinungshaber eingeladen werden, was mich irgendwie nicht erstaunt. (Über die gesamte Person möchte ich bitten, nicht den Stab zu brechen, denn eine Pauschalverurteilung hat niemand verdient.)

Mittlerweile finden wir entblößte Brüste auf vielen Theaterbühnen (ihr Sinn erschließt sich mir nicht immer) und in ausreichend Bildmaterial, und wir brauchen für sichtbar verrichtete Notdurft keine Happenings mehr, denn es gilt Regel 34: Es gibt Porno davon im Internet.

Videos und Schriften beispielsweise zum Thema „watersports“ sollten sich demnach ausreichend finden lassen. Die Schriftstücke werden wahrscheinlich zu einem großen Teil von Frauen verfasste Fanfiction sein und auch von Frauen konsumiert werden. (Ja, gell. Und wenn ihr wissen wollt, wie Pornos für Frauen aussehen sollen, lest mehr Fanfiction.)

Ich sehe daher keinen weiteren Grund, unschuldige Hörsäle damit zu behelligen. Ich frage mich außerdem: Wer hat die Scheiße anno 1968 weggeputzt? Die Künstler oder eine unterbezahlte Reinigungskraft?

Abgesehen von diesem Exkurs über die Lebensrealitäten computeraffiner Englischkönnerinnen erkenne ich zwar, welche Phänomene der Verfasser bedenklich findet, halte es aber für voreilig, das Ende der Freiheit auszurufen.

Ich glaube nicht, dass ich ein Geheimnis verrate, wenn ich feststelle:

Wir suchen hier gerade nach neuen Umgangsformen, nach gerechter Einteilung der Redezeit, nach Ausdrucksweisen, die ohne die Herabsetzung anderer auskommen. Wir suchen nach Kunst, die marginalisierte Gruppen weder instrumentalisiert noch entwertet.

Das beinhaltet aber auch, dass manchmal wer die Klappe halten muss, der (meistens der, seltener die) vorher überall um eine Meinung gebeten und entsprechend hofiert wurde. Das bedeutet eine Machtverschiebung, mithin ist da eine Revolution in vollem Gange. Bloß halt nicht die 68er-Revolution.

Wir suchen nach Räumen, in denen alle sein können und müssen feststellen, dass das nicht immer funktioniert, weil verschiedene Menschen verschiedene Ansprüche an Sicherheit haben.

Wir müssen uns damit herumschlagen, dass Menschen mit klugen Ideen trotzdem im Denken ihrer Zeit verhaftet waren bzw. sind, auch wir. Wir wissen aber auch, dass es nicht immer einfach ist, sich zum Zwecke der Bildung durch Konvolute zu quälen, die Salz in die Fleischwunde reiben.

Wir bekommen das mit der Suche nach sicheren Räumen und neuen Umgangsformen nicht reibungslos hin. Uns fällt es manchmal unerhört schwer, mit der Tatsache umzugehen, dass es keine absolut sicheren Räume geben kann.

Wir fetzen uns über Dinge, die von außen lächerlich anmuten, und ums Rechthaben oder Bessere-Feministin-Sein. Wir fallen wegen gefühlter oder echter Kleinigkeiten übereinander her und machen uns gegenseitig das Leben zur Hölle, statt konstruktiv zu diskutieren.  Manchmal gerät ein Streit so sehr außer Kontrolle, dass interessante Stimmen das Handtuch werfen und keinen Bock mehr haben.

Zu viele von uns bekommen schon beim Wort „Evolution“ einen Ausschlag, weil sie nur wissen, wie der Begriff gegen sie verwendet wurde. (Das heißt, dass der Biologieunterricht seine Aufgabe nur bedingt erfüllt.)

Wir sehen manchmal Herabsetzungen, wo vielleicht keine sind (manchmal wegen der Fleischwunden) und schießen mit unserer Kritik über das Ziel hinaus.

Hier wie überall gibt es innerhalb der Gruppe Machtkämpfe. Das Internet macht die Sache nicht leichter, denn es verführt dazu, einen zivilen Umgangston außen vor zu lassen. Zusammenrotten und immer feste druff ist online zu einfach, und zu schnell wird aus einer Kritik an einer Äußerung eine oben genannte Pauschalverurteilung. (Und wir sind nach mindestens fünfzehn Jahren Shitstorms und Cyberstalking immer noch nicht weiter mit einer echten Netiquette. Evolution?)

Trotz dieser regelmäßigen Querelen will ich die Erkenntnisse der mitgelesenen und mitgeführten Diskussionen nicht missen, so als Kunstschaffende.

An jeder Ecke stoße ich auf Fragen, auch in der verlinkten Klage um die Freiheit der Kunst.

Was ist Provokation?

Muss Kunst provozieren? Jahrhundertelang war es doch eher ihre Aufgabe, diejenigen zu loben, die für sie bezahlten.

Und wenn Kunst denn provozieren muss, wen muss sie provozieren?

Muss Kunst gruppenbezogen provozieren, also „das Bürgertum“, das „Establishment“, „die Frauen“, die Weißichwas?

Wer ist das Establishment anno 2018?

Wie kann Kunst stattdessen Menschen mit gewissen Denkweisen und Vorstellungen provozieren?

Wie sinnvoll ist es, marginalisierte Gruppen zu provozieren, die sowieso jeden Tag einen Spießrutenlauf hinlegen müssen? Und von deren Schwierigkeiten ich als Mehrheitsmensch keine Ahnung habe?

(Wieso ist es einfacher, über vegan lebende Menschen Witze zu reißen als über solche, die ihr täglich Fleisch aus Massentierhaltung für ein gottgegebenes Recht halten?)

Wenn eine Missy-Autorin einen Mösenmonat ausruft, wieso ist der okay? Wenn dafür aber nackte Brüste in satirischen Kontexten kritisiert werden?

Wann kommt es nicht nur auf das Ob an, sondern auch auf das Wie?

Will ich wirklich wieder einen feminin wirkenden Schurken schreiben (hab schon einen, der muss reichen) oder noch einen bösen, muslimischen Ehemann, der hinter einem Cover mit verschleierter Frau lauert?

Merke ich, wie ich in meinen Denkmustern und Wahrnehmungsverzerrungen verhaftet bin?

Will ich ewig diese gleichen Muster reproduzieren? Oder will ich lieber mit meinen Leser*innen neue Pfade beschreiten? So ganz im Sinne der Spekulativen Fiktion?

Und (wie) funktioniert das?

Fragen über Fragen.

Wie gut, dass ich als Romanautorin meinen Job auch darin sehe, meine Fragen unterhaltsam zu stellen. Antworten mögen, wie in der Philosophie, alle für sich selbst finden.

(Pingback.)

Weise Worte

Wenn ich nicht fleißig am Druckfahnenkorrekturlesen bin und nebenher versuche, den vorerst letzten Band der Alben-Reihe in druckbare Form zu bringen, dann ist der nächste CSD nicht mehr so weit hin.

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Im Zuge der Planungen sagte eine Person eine ziemlich kluge Sache über Querelen innerhalb der Szene, wobei ich mich auf den genauen Wortlaut nicht festnageln lassen möchte:

Was auch nicht hilft, ist, dass da viele sehr verletzte Persönlichkeiten unterwegs sind. Wenn du nicht aufpasst, trittst du voll in eine Fleischwunde, und dann ist die Kacke am Dampfen.

Exotenstatus oder: Wie schreibe ich über Minderheiten? – Teil 3

Ace_Visi_Bi_litiy_jj_linkIn Teil 1 dieses Grundkurses hatte ich davon geschrieben, dass manche Menschen einem anderen Bewertungsmaßstab unterliegend als anderen, und in Teil 2, welche Konsequenzen diese Art Doppelmoral auf das Leben der Menschen mit den markierten Eigenschaften hat. Hier zeige ich (wie immer nach Julia Serano) einige Mechanismen der Entwertung auf, und versuche, ein paar Hinweise zu deren Vermeidung zu geben.

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Exotenstatus oder: Wie schreibe ich über Minderheiten? Teil 2

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Double Binds oder: Zwickmühlen für Fortgeschrittene

In Teil 1 dieses Grundkurses hatte ich über Wahrnehmungsverzerrungen geschrieben, die dazu führen, dass wir häufig unsinnigen Täuschungen über unsere Mitmenschen erliegen. Hier geht es nun darum, auszuloten, welche sozialen Konsequenzen es hat, zu einer geanderten und damit stigmatisierten Gruppe zu gehören.

Die schlechte Nachricht zuerst: Du kannst nicht gewinnen.

Deswegen schreibt Julia Serano eben von „Double Binds“ oder zu Deutsch: Zwickmühlen. (Und hier wieder auch der Hinweis, dass ich das Untenstehende gern erfunden hätte, aber in Wahrheit nur geschickt zusammenfasse.)

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Exotenstatus oder: Wie schreibe ich über Minderheiten? – Teil 1

Dies ist ein Text, den ich den letzten beiden Wochen ausgebrütet habe, daher das weitreichende Schweigen.

Vorgeschichte: Der Gay-Romance-Fail

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Es war einmal ein Online-Magazin, bei dem erschien die Rezension nebenstehender Sammlung von Gay(-Romance)-Kurzgeschichten. Ein Troll hatte nichts Besseres zu tun, als einen Kommentar zu posten, in dem es darum ging, dass hier rechtschreibschwache weibliche Wesen pornösen Schund für „frustrierte Hausfrauen“ produziert hatten.

Abgesehen davon, dass ich mir als Seitenbetreiber*in diese und andere Äußerungen verbeten hätte, produzierte der Kommentar eine mittlere Krise in der Gay-Romance-Szene.

Ich bin der Meinung, dass das Drama etwas kleiner ausgefallen wäre, hätte der Troll nicht ein „Hetentussen“ in den Raum geworfen.

An der Anthologie hatten sich nämlich neben Autoren (also mit männlichen Pronomen) auch Autorinnen beteiligt, deren einige nun aber nicht hetero waren. Und auf einmal kloppten sich die Liebesromanautorinnen mit den echten und eingebildeten Schreibenden von „Literatur“, die Männer mit den Frauen und die Heten mit dem lsbttiqa*ect Volk. [1] Nicht nur in der betreffenden Kommentarspalte, sondern mindestens auch in diversen Gruppen und Profilen bei Facebook.

Ich gehe davon aus, dass die Wortwahl des Trolls pure Berechnung war, um das größtmögliche Chaos zu verursachen.

Im Folgenden werde ich länger ausholen und erklären, warum das so gut funktioniert hat.

Nebenbei dient diese Serie von Postings als Anleitung, Minderheiten und marginalisierte Gruppen besser zu verstehen und besser zu schreiben. Formuliert ist dieser Crashkurs anhand dreier Kapitel aus Julia Seranos „Excluded“, das ein verflucht gutes Buch ist und hiermit allen englischkönnenden Menschen ans Herz gelegt sei.

Wie kommen Minderheiten zustande?

Wenn ich mit einer blauen Bluse rumlaufe, werde ich in der Regel nicht beachtet. Benutze ich dazu einen blauen Lippenstift, werde ich beachtet – die Tatsache „blauer Lippenstift“ wird als bemerkens-wert erachtet (heißt, es werden Bemerkungen darüber gemacht), während die blaue Bluse dazu auf dem gewöhnlichen mitteleuropäischen Radar zum Hintergrundrauschen gehört.

Der blaue Lippenstift ist somit für meine provinzstädtische bis dörfliche Umgebung eine als besonders gekennzeichnete, also markierte Eigenschaft, die Bluse nicht. Es werden, wie gesagt, Bemerkungen gemacht, ich werde gefragt, warum und wieso – die Eigenschaft ist somit frag-würdig, und mir wird unterstellt, mit meiner Farbwahl etwas bezwecken zu wollen.

In einer Großstadt wie Berlin, beim Clubben oder auf einer Halloween-Party fällt ein blauer Lippenstift dagegen weniger auf.

Das beweist, dass eine markierte (und damit bemerkenswerte) Eigenschaft immer von der Situation und vor allem von derjenigen Person abhängt, die diese Eigenschaft betrachtet.

Es werden aber nicht nur blaue Lippenstifte markiert, sondern auch Körperformen („fett“), Kleidungsstücke (Kopftuch, „Mann in Frauenkleidern“), Hautfarbe („farbig“), Geschlecht („Frau“) und allerlei mehr. Eins ist irgendwie „normal“, und das andere fällt auf.

Heißt zum Beispiel, in Mitteleuropa sind Männer (und solche, die dafür gehalten werden) auf der Straße nicht bemerkens-wert, es sei denn, sie sind anderweitig markiert („in Frauenkleidern“, Dreadlocks, Trachten jeder Art außerhalb spezieller Feste etc.). Wohingegen Frauen (und solche, die dafür gehalten werden) häufig einem Strom von Blicken und Bemerkungen ausgesetzt sind („die hat aber stramme Oberschenkel“, „Grüß Gott, schöne Frau“, Pfeifen, Hupen im Vorbeifahren …).

Wen bemerken wir wie?

Wahrnehmungsverzerrung: Ingroup/Outgroup

Wir bemerken eher Menschen, die wir als nicht zu unserer Gruppe gehörig empfinden.

Obwohl es eigentlich bekannt sein sollte, dass keine zwei Menschen exakt gleich sind, neigen Menschen dazu, sich in Gruppen einzuteilen. Eine Gruppe ist die eigene Gruppe (Ingroup), zu der ich gehöre bzw. zu der ich mich zähle, und die zweite Gruppe, zu der ich mich nicht zähle, ist die Outgroup. Die Anderen, eben

Mitglieder der Ingroup werden wohlwollender betrachtet und behandelt als Mitglieder der Outgroup. Tatsächlich werden Mitglieder der Outgroup nicht nur negativer beurteilt, sondern mensch neigt dazu, diese Mitglieder auch als uniforme Masse mit den gleichen, negativ behafteten Eigenschaften zu betrachten.

Ob eine Ingroup/Outgroup-Situation vorliegt, erkennt eins meistens am „die“. „Wir“ sondern uns von „denen“ Besonderen ab.

Das reicht von eher harmlosen Verallgemeinerungen („Die Amis haben ein echt schräges Verhältnis zu Krankenversicherungen.“) bis hin zu bösartigen, diskriminierenden Vorurteilen („Die dürfen nicht in den Laden, die klauen doch alle.“).

Wahrnehmungsverzerrung: Unerwartet = Schlecht

Über den Hang der Menschheit, auf unerwartete Ereignisse mit Stress zu reagieren, habe ich bereits andernorts geschrieben. In den meisten von uns sind noch jene unserer Vorfahren tief verankert, die in jedem Hinweis auf ein Raubtier oder Krankheiten eine Lebensgefahr für ihre Gruppe wittern mussten.

Aber – was ist nun unerwartet?

Leider ist das immer im Kopf der Betrachtenden. Unerwartet heißt, wir nehmen an, dass es sehr selten ist. Oder wir nehmen an, dass es einer Norm oder einem Gesetz widerspricht, die wir für allgemeingültig halten. Und/oder es widerspricht einem Stereotyp oder einer Annahme, die wir von einem bestimmen Menschen haben.

Wir stellen also fest, dass sich hier die Katze teilweise in den Schwanz beißt: Ich laufe herum, sehe Menschen, und nehme an, dass die alle heterosexuell sind – was Unfug ist, denn wir haben geschätzte fünf Prozent Nicht-Heten. In der Regel fallen diese schwulen, lesbischen, bi-, pan-, a_sexuellen Menschen aber nicht auf (ich falle auch nicht deswegen auf), sodass ich meine Annahme „alle sind heterosexuell“ quasi bestätigt finde, bis mir das Gegenteil bewiesen wird.

Pakte

Diese zweite Verzerrung des „Unerwartet = Schlecht“ erklärt allerdings nicht, warum wir die Eigenschaft „Frau“ markiert haben, denn Frauen stellen etwa 50% der Bevölkerung. Also gibt es neben „ist unerwartet“ in Bezug auf die Outgroupbildung bzw. Markierung noch andere Einflussfaktoren, zum Beispiel eine stillschweigende gesellschaftliche Übereinkunft.

Julia Serano nennt als Beispiel einer solchen Übereinkunft auch das Beispiel „Wirtschaftsprüfung“ versus „Sexarbeit“ – wir sind nicht überrascht, wenn uns eine Wirtschaftsprüferin auf einer Party begegnet, wohingegen wir überrascht sind (und es für bemerkens-wert erachten), wenn wir einer Sexarbeiterin begegnen, obwohl in den USA prozentual gesehen (und geschätzt) in etwa so viele Menschen als zertifizierte Wirtschaftsprüfer*in tätig wie in der Sexarbeit aktiv sind.

Über Ursachen dieser gesellschaftlichen Pakte werde ich nicht referieren, dazu bemühen Sie bitte eine Suchmaschine Ihrer Wahl und die Anderungsform Ihrer Wahl (z.B. Frauenhass/Misogynie, Behindertenfeindlichkeit, etc.)

Allgemeine Konsequenzen des Markiertseins

Ganz gleich, wie nun die Markierung zustande kam: Wir finden es natürlich, diese markierte Eigenschaft eines anderen Menschen zu bemerken, zu kommentieren, zu hinterfragen und negativer zu beurteilen als eine erwartete Eigenschaft.

Und wir finden es auch natürlich, wenn andere Leute das tun, selbst, wenn wir keine besondere Meinung zu der Eigenschaft haben – vorausgesetzt, wir sind Teil der Übereinkunft, dass eine Eigenschaft markiert ist.

Eine Person mit einer (bekannten) markierten Eigenschaft sieht sich dementsprechend häufig Bemerkungen und Fragen ausgesetzt, denn ihre Eigenschaft ist nun mal als frag-würdig akzeptiert.

Und damit eben auch fragwürdig, also eben auch zweifelhaft und verdächtig. Für die markierte Eigenschaft muss es also ein Motiv geben, oder mindestens einen Grund.

Notiz: „Es ist eben so“ ist nur ein akzeptabler Grund, wenn es um die unmarkierte Eigenschaft geht.

Unmarkiert ist normal, alles andere ist unnormal, unnatürlich, abnorm, vielleicht sogar krank?

Unmarkiert ist normal, die Standard-Erfahrung, damit maßgeblich und objektiv. Erfahrungen markierter Menschen sind immer subjektiv und ein Einzelfall.

Unmarkiert ist alltäglich. Markiert ist exotisch, anders – mal aufregend, mal mysteriös, aber immer undurchschaubar und mit verborgenen Beweggründen.

Markiert ist mal glamourös, mal stigmatisiert, und häufig mit einem Werturteil verbunden.

Daraus folgt, dass eine markierte Eigenschaft ein Grund ist, Menschen anders zu beurteilen als solche mit unmarkierter Eigenschaft – an die geanderte Gruppe wird ein anderer und meist strengerer Maßstab angelegt als an die vermeintlichen „Normalen“: ein Double Standard bzw. zu Deutsch eben die Doppelmoral.

Und hieraus erschließt sich dann, warum wir mit Minderheiten und Gruppen mit markierten Eigenschaften so umgehen, wie wir umgehen.

Weil wir also mit zweierlei Maß messen, ergeben sich für geanderte Gruppen regelmäßig soziale Zwickmühlen, von denen ich in Teil 2 schreibe.

 


[1] Lsbttiqa*etc ist immer ein Adjektiv und kurz für „lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell, queer, a_sexuell und alles andere, das wir gerade nicht auf dem Schirm haben“.

Regenbogen-Buchstabensuppen-Stories

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Sogar zwei Kurzgeschichten von mir haben es in diese Anthologie geschafft, die es vorerst aber nur als E-Buch beim infernalischen A zu beziehen gibt, Kindle Unlimited sei verflucht.

Ich habe ein L und ein A zur Buchstabensuppe beigetragen.

Kostprobe:

> huhu, annika!

Ach, Mist. Da loggt eine sich für zwei Minuten bei Facebook ein, um ein Gefälligkeits-Like zu verteilen, und dann merkt das ausgerechnet diejenige, die nichts von chilligen Freitagabenden auf der Couch hält. Dabei hat der heutige Abend perfekt angefangen: Mein Flo ist unterwegs, erst Vorglühen und dann Typen aufreißen. Ich muss also mit niemandem reden oder positive Vibes ausstrahlen.

Soll ich mich totstellen oder unfreundlich sein?

Demnächst ist Asexual Awareness Week!

Ungewohnt hierzulande: Die AAW beginnt sonntags.

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Vom 22. bis zum 28. Oktober sind Aces und Organisationen, die sich mit Buchstabensuppen-Menschen beschäftigen, aufgerufen, Dinge zu tun, die die Bekanntheit von A_sexualität steigern und dafür sorgen, dass unsereins mit dem Respekt behandelt wird, den wir verdienen.

Ich liebäugele gerade mit einem Gewinnspiel für Prints von Albenzauber.

Für Menschen, die ebenfalls Lust haben, sich zu beteiligen, aber keine Bücher zu verlosen haben, gibt es ebenfalls Möglichkeiten.

Ihr könntet …

… die Unibliothek Eures Vertrauens um die Anschaffung von Literatur über A_sexualität bitten. “Understanding Asexuality” von Anthony F. Bogaert sollte in keiner Sammlung zu Sexologie fehlen.

… den Link zu dieser Doku über Asexualität verschicken, um Zweifelnde und Kritiker*innen aufzuklären, oder einfach nur auszuloten, was eure Bekannten so über A_sexualität denken.

… euch eine Teerose oder sonst etwas in Flaggenfarben basteln.

… als ganz subtiler Wink AktivistA bei Facebook liken.

… darüber twittern, bloggen, oder in sonst welchen Medien entsprechende Links und Bilder teilen. Optionen finden sich beim Verein eures Vertrauens.

 

Instrumentalisiert …

… kommt sich eine gelegentlich vor, wenn die eigene Minderheit mal wieder als Beweis dafür dienen soll, was mit queeren Bewegungen im Besonderen und der Gesellschaft im Allgemeinen nicht stimmt.

SW Testbild

Als die Welt noch einfacher war: Schwarz/Weiß-Testbild

Feddersen war es, der in der taz über sämtliche Wörter herzog, deren Einführung nach 2000 datiert. Gleich im Titel bezeichnet er das Buchstabensuppenkürzel (LSBTTIQAPetc.) als „breitgetretenen Quark“. (Wer den teilweise beleidigenden Unfug komplett lesen will, benutze eine Suchmaschine.)

Nun mag dieses Buchstabenkürzel vom LSBTTIQAPetc. nicht unbedingt handlich sein, und manchmal eine Gemeinschaft vorspiegeln, die es so nicht gibt, oder besser gesagt, bei der es sich eher um eine Zwangsgemeinschaft handelt. Aber wir alle haben eine Gemeinsamkeit: Wir stören die Leute dabei, sich ihre Welt eindeutig in männlich und weiblich, „normal“ und „unnormal“ zurechtlügen zu können. Daher möchten wir bitteschön zu Hause bleiben, uns was schämen und bloß nicht darüber reden, dass alles ein bisschen komplizierter ist, als mensch so annimmt.

Die wenigsten schaffen es übrigens zu sehen, dass das, was sie kritisieren, wenn es ihnen widerfährt, genau das ist, was sie anderen antun. (Ich will mich hierbei nicht ausnehmen.)

In der Schwulst-Ausgabe vom Sommer 2017 schreibt die altgediente Stuttgarter Travestiekünstlerin Frl. Wommy Wonder:

„… ihm fehlen halt treuen Herzens und in beneidenswerter Naivität all die vielen vielen (viel zu vielen) Unterbegriffe und Nebenschubladen, in die man heutzutage alles unterteilt …“

Satire? Nicht so gemeint? Keine Ahnung. Zäumt das Pferd jedenfalls von hinten auf und schlägt in eine Kerbe, die eigentlich schon tief genug ist. Neue Wörter entstehen, weil plötzlich über Dinge nachgedacht wird, die im wahrsten Sinne des Wortes vorher unsagbar waren. Das hat erstmal wenig mit Unterteilung zu tun, auch wenn’s von außen vielleicht so aussieht. Sollte ein*e Kabarettist*in aus der Buchstabensuppe eigentlich wissen, auch wenn ich Frl. Wonders Texte sonst sehr zu schätzen weiß.

Der neueste diesbzügliche Artikel stammt von heise.de/Telepolis, und ich habe nicht mal die gerinste Ahnung, was die Ätzerei eigentlich bezwecken soll. So viel habe ich mitgenommen: Hipster sind total lächerlich, weil sie alle voll individuell sein wollen, es aber nicht sind.

Diese Erkenntnis ist nun nicht so brandneu, da über Hipster und ihre Brillen/Frisurem/Karohemden/Jutetaschen/etc. schon seit Jahren gewitzelt wird. Gefühlt gab es sogar zuerst den Hipsterwitz und dann den Hipster.

Was irgendjemandes sexuelle Orientierung damit zu tun hat, bleibt mir allerdings auch nach der vierten Seite Text schleierhaft.

Offensichtlich ist der sehr wahrscheinlich heterosexuelle Autor einer vorurteilsbedingten Falle erlegen, die ich oben schon angerissen habe: Wer sich nämlich nicht brav für das eigene (Anders-)Sein schämt, muss ja ganz offensichtlich auffallen wollen. Anstatt, mensch glaube es nicht, einfach nur (mit einem passenden Begriff für die eigenen Empfindungen) zu sein.

Dass eins mit dem passenden Begriff gleichzeitig darauf hinweist, dass die säuberliche Sortierung nach männlich/weiblich, „normal“/“unnormal“ völliger Unsinn ist und nur im Kopf derjenigen existiert, die diese Sortierung vornehmen, ist quasi Bonus. Auch wenn die Leute selten merken, dass sie ihren eigenen Vorurteilen über die Menschheit erlegen sind und stattdessen lieber die Schuld bei den vermeintlichen Störenfrieden suchen.