Instrumentalisiert …

… kommt sich eine gelegentlich vor, wenn die eigene Minderheit mal wieder als Beweis dafür dienen soll, was mit queeren Bewegungen im Besonderen und der Gesellschaft im Allgemeinen nicht stimmt.

SW Testbild

Als die Welt noch einfacher war: Schwarz/Weiß-Testbild

Feddersen war es, der in der taz über sämtliche Wörter herzog, deren Einführung nach 2000 datiert. Gleich im Titel bezeichnet er das Buchstabensuppenkürzel (LSBTTIQAPetc.) als „breitgetretenen Quark“. (Wer den teilweise beleidigenden Unfug komplett lesen will, benutze eine Suchmaschine.)

Nun mag dieses Buchstabenkürzel vom LSBTTIQAPetc. nicht unbedingt handlich sein, und manchmal eine Gemeinschaft vorspiegeln, die es so nicht gibt, oder besser gesagt, bei der es sich eher um eine Zwangsgemeinschaft handelt. Aber wir alle haben eine Gemeinsamkeit: Wir stören die Leute dabei, sich ihre Welt eindeutig in männlich und weiblich, „normal“ und „unnormal“ zurechtlügen zu können. Daher möchten wir bitteschön zu Hause bleiben, uns was schämen und bloß nicht darüber reden, dass alles ein bisschen komplizierter ist, als mensch so annimmt.

Die wenigsten schaffen es übrigens zu sehen, dass das, was sie kritisieren, wenn es ihnen widerfährt, genau das ist, was sie anderen antun. (Ich will mich hierbei nicht ausnehmen.)

In der Schwulst-Ausgabe vom Sommer 2017 schreibt die altgediente Stuttgarter Travestiekünstlerin Frl. Wommy Wonder:

„… ihm fehlen halt treuen Herzens und in beneidenswerter Naivität all die vielen vielen (viel zu vielen) Unterbegriffe und Nebenschubladen, in die man heutzutage alles unterteilt …“

Satire? Nicht so gemeint? Keine Ahnung. Zäumt das Pferd jedenfalls von hinten auf und schlägt in eine Kerbe, die eigentlich schon tief genug ist. Neue Wörter entstehen, weil plötzlich über Dinge nachgedacht wird, die im wahrsten Sinne des Wortes vorher unsagbar waren. Das hat erstmal wenig mit Unterteilung zu tun, auch wenn’s von außen vielleicht so aussieht. Sollte ein*e Kabarettist*in aus der Buchstabensuppe eigentlich wissen, auch wenn ich Frl. Wonders Texte sonst sehr zu schätzen weiß.

Der neueste diesbzügliche Artikel stammt von heise.de/Telepolis, und ich habe nicht mal die gerinste Ahnung, was die Ätzerei eigentlich bezwecken soll. So viel habe ich mitgenommen: Hipster sind total lächerlich, weil sie alle voll individuell sein wollen, es aber nicht sind.

Diese Erkenntnis ist nun nicht so brandneu, da über Hipster und ihre Brillen/Frisurem/Karohemden/Jutetaschen/etc. schon seit Jahren gewitzelt wird. Gefühlt gab es sogar zuerst den Hipsterwitz und dann den Hipster.

Was irgendjemandes sexuelle Orientierung damit zu tun hat, bleibt mir allerdings auch nach der vierten Seite Text schleierhaft.

Offensichtlich ist der sehr wahrscheinlich heterosexuelle Autor einer vorurteilsbedingten Falle erlegen, die ich oben schon angerissen habe: Wer sich nämlich nicht brav für das eigene (Anders-)Sein schämt, muss ja ganz offensichtlich auffallen wollen. Anstatt, mensch glaube es nicht, einfach nur (mit einem passenden Begriff für die eigenen Empfindungen) zu sein.

Dass eins mit dem passenden Begriff gleichzeitig darauf hinweist, dass die säuberliche Sortierung nach männlich/weiblich, „normal“/“unnormal“ völliger Unsinn ist und nur im Kopf derjenigen existiert, die diese Sortierung vornehmen, ist quasi Bonus. Auch wenn die Leute selten merken, dass sie ihren eigenen Vorurteilen über die Menschheit erlegen sind und stattdessen lieber die Schuld bei den vermeintlichen Störenfrieden suchen.

Linkspämmchen

Zur Überbrückung meiner überstundenbedingten Sendepause ein paar Kleinigkeiten zum Stöbern.

Mit der Religion hab ich’s ja schon öfter gehabt, hier ist auf Englisch eine Argumentationshilfe, wenn ein religiöses Cleverle mal wieder „aber wenn du glaubst, wirst du nichts verloren haben“ bemüht.

Bei Belles Lettres gibt es eine extrem hilfreiche Erklärung des Konjunktivs im Deutschen. Besser als jeder Deutschunterricht an meinem Gymnasium, der konnte mir das nämlich nicht vermitteln.

Und ein Video auf Englisch: „Sag die Wahrheit!/Tell the Truth!“ von Jordan Peterson – ein Argument gegen den Nihilismus und für’s Maul Aufreißen.

Was denn auch @handyfeuer regelmäßig tut: Ein neues Video über A_sexualität.

 

 

 

Klassentreffen?

In der Siegessäule vom Juli 2017 postuliert Dirk Ludigs, dass diejenigen, die sich zur LSBTTIQAetc.-Buchstabensuppe gehörig fühlen, eine Familie seien – nicht ausgesucht, sich nicht immer grün, verschiedenartig und verschiedener Meinungen sowieso, aber doch mit der Gemeinsamkeit, dass wir alle als Minderheiten oftmals damit zu kämpfen haben, dass unsere Blutsverwandschaft das mit dem Minderheitenstatus nicht nachvollziehen kann (anders beispielsweise als bei Marginalisierung aufgrund von Rassismus oder Klassismus, aber ähnlich wie Marginalisierung aufgrund von Ableismus).

dr dewinter in heroischer pose

Ich persönlich finde, dass sich CSD wie Klassentreffen anfühlt. Eins sucht sich ja die Klasse nicht aus, sondern wird einsortiert – in der Schule wie mit der LSBTTIQAetc.-Sache.

Die Gesellschaft hat irgendwann beschlossen, was die Norm sei, und unsereins landet dann in der Out-Group, bei den „Anderen“ aufgrund von sehr ähnlichen Vorstellungen. Also, normal sei, dass es zwei Geschlechter, nämlich Männer und Frauen, aber nichts anderes gäbe, diejenigen hätten einen von zwei festgelegten Chromosomensätzen und äußerliche Merkmale und müssten zwingend das jeweils andere Geschlecht sexuell begehren und mit diesem dauerhafte monogame Partnerschaften eingehen wollen (vulgo „Heteronormativität“).

Fällst du aus diesen Annahmen raus, bist du nicht mehr normal. Aufgrund der Tatsache, dass die Menschheit für alles Ungewöhnliche eine Erklärung sucht, wird es als gegeben und gutes Recht angesehen, dass dieses Nicht-Normal-Sein bemerkt, hinterfragt und gegebenenfalls abgestraft wird.

An eine als Out-Group markiert bzw. geanderte Gruppe werden immer andere Maßstäbe angelegt als an die nicht weiter bemerkenswerte Mehrheit. Sobald du als anders markiert bist, kannst du machen was du willst, du hast schon verloren, egal ob du dich outest oder nicht, egal was du anziehst, egal ob du Fragen nett oder gar nicht beantwortest, egal ob du behauptest, du seist so geboren oder hättest dir es ausgesucht, egal ob du CSD feierst oder nicht. (Dazu später mal mehr.)

Diese Klassifizierung geschieht im gesellschaftlichen Konsens, diese Anderung hat sich das LSBTTIQAetc.-Volk nicht ausgesucht. Genauso wie eins sich die Klasse nicht aussucht.

Und wie es bei Klassen so ist – manche cliquen gleich zusammen, manche können sich  nicht riechen, und um schlimmsten Falle wird auch schon mal gemobbt, gern, um die eigene Unsicherheit zu überspielen.

Ähnlich mit Klassentreffen: Manche kommen immer, andere finden das Konzept nicht gut bzw. ihnen kann der Rest der Klasse gestohlen bleiben, manche haben auch nach Jahren nichts miteinander zu reden, einige streiten sich immer noch, andere verstehen sich erstaunlich gut.

Und ähnlich wie bei Klassen auch – manche heulen rum, dass sie lieber mit der Kindergartenbekanntschaft in der Parallelklasse gelandet wären. Bringt aber nichts, die Heulerei. Die da draußen haben dich sortiert. Einzige Lösung ist, mal mit dem Rest des Haufens zu reden. Eventuell ergeben sich ungeahnte Gelegenheiten.

Daher der Vergleich mit dem Klassentreffen. Bloß ist ein CSD größer, lauter und bunter und hat mit einen sehr viel grimmigeren Hintergrund als Abi 2001.

 

Dear Chester Bennington,

when I drafted this piece, I was crying on a train after listening to One More Light the first time after learning about your death. I don’t know and don’t care if anyone noticed.

The album felt, in retrospect, like a farewell note combined with a „last lecture“ type of thing. Also in retrospect, I could see where the big black dog of depression reared its ugly head in the lyrics.

It’s almost exactly ten years that Linkin Park and your lyrics became a part of my life, when I saw Transformers and was totally captivated by What I’ve Done. I bought Minutes to Midnight, listened closely, then decided Linkin Park was my new favorite band, because that album resonated with me in a way that my old faves hadn’t managed in a while.

At the time, I had a few things going on.

One were ten year old regrets – there were dead people. One whom I wished I had asked questions, much like, ironically, people will now wish they asked you the right questions. Also, I’d lost all my remaining grandparents without standing up to my Nazi grandmother, without asking what my grandfathers had seen and done in WWII. (I will likely never get rid of these issues.)

Second, I’d just decided that I would sacrifice a considerable part of my income for my dream, some might say pipe dream, of working on a writing career that is, at the moment, still not what most people would consider a career. (But: I’ve had people find words like asexuality, aromanticism, genderqueerness. I’d like to think I’ve made a few lives better or richer, so, there. That’s all I can ask.)

Third, I was coming to the sneaking suspicion that the heterosexual norm for a woman my age – marriage, two point five children and a white picket fence – were neither what I wanted from life nor was it something that I would actively be able to stomach, on account of me probably not being heterosexual.

All these insecurities, regrets, vulnerabilies and also the anger (how dare people tell me I’m less because I don’t conform) seemed poured into Minutes to Midnight and into any other Linkin Park album I’ve listened to since then.

I adored the beats and the lyrics. Songs about being betrayed by someone close to you or marginalized by society at large. The strength in admitting to being hurt, vulnerable, angry and the strength of continuing despite these things.

In all this, these songs never seemed to have the context of romantic-sexual relationships – looking back on your history, I see why. It’s also what allows me to adore these songs to tiny little pieces. I do not have to reimagine myself into a heteronormative context to feel them.

Whether it was intentional or not, your songs are a respite from the heterosexuality present in a lot of other music, where, depending on my mood, it is sometimes very jarring to realize that someone created art that was never meant for me.

So. Thanks for creating an oasis.

Thanks for creating theme songs for many of my stories and characters. I believe my writing would have been different without your music.

I hope you’re in a place now where the weight on your shoulders is gone and where the demons didn’t follow.

 

Nicht zum Prekariat …

… gehört meineeine.

Ich weiß auch nicht, ob diejenige freischaffende Journalistin, die mich am letzten Samstag besuchen sollte, und das zugehörige Kamerateam sich zu den prekär arbeitenden Menschen zählen.

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Aber fest steht, dass die drei oben genannten Menschen sich einen Tag reserviert hatten, um Aufnahmen von mir zu machen und ein Interview mit mir zu führen. Die Journalistin hatte für ein längeres Vorgespräch mit mir telefoniert, Flugtickets bzw. Bahnkarten gekauft, mit dem Kamerateam die Logistik besprochen … dienstags und mittwochs.

Am Donnerstag fiel dann dem ZDF bzw. einer von diesem beauftragten Produktionsfirma ein (die Quelle war hier leider nicht sehr genau), dass das doch nichts wird mit dem Thema, und stattdessen ein anderes gesellschaftspolitisches Thema drankommt (ich weiß leider nicht, was, und ob ich die Aufmerksamkeit gerne abtrete).

Donnerstags also die Absage. Zwei Tage vor einem Termin, der seit zwei Wochen feststeht, und der, wohlgemerkt, recht eilig gemacht wurde. Also Juli ginge auf keinen Fall mehr, das sei zu spät, sagte die Dame von der Produktionsfirma.

Nun ja. Ich hoffe, irgendwer muss die eigenen Worte (also, den Bullshit) essen, wie das auf Englisch so schön heißt.

Den monetären Verlust, den ich durch einige Stunden Vorbereitung  hatte, durch zwei längere Telefonate und die erforderliche Kommunikation mit der Tanztruppe, die ebenfalls erscheinen sollte, kann ich nicht beziffern, da ich als Autorin nicht nach Stunden bezahlt werde.

Fest steht: Ich hätte in den geschätzten drei bis vier Stunden Vorbereitung auch mindestens drei bis vier Normseiten Roman tippen können. Oder mich um diesen Blog und/oder das Marketing bereits erschienener Romane kümmern können.

Das Kamerateam und die Journalistin, die von solchen Aufträgen tatsächlich leben müssen, wissen sicher besser, wie viel Geld sie verloren haben, und ich hoffe, dass in ihrem Vertrag eine Klausel steht, die derartige kurzfristige Absagen wenigstens etwas abmildert.

Trotzdem: Eine sollte meinen, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender nicht nur sendungsbewusst tut, sondern seiner gesellschaftlichen Verantwortung auch sonst etwas gerechter wird.

Mal wieder übersexualisiert

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Derletzt wurde ich zu meinem ehrenamtlichen Thema per Telefon befragt, und da fiel dann mal wieder diese Phrase von der übersexualisierten Gesellschaft. Leider kam dann das Gespräch wie so häufig auf mein Privatleben (es lebt, danke …) statt auf diese Theorie, dass in der Öffentlichkeit zu viel Sex sei.

Ich mag sie nicht. Oder besser: Ich glaube, sie schießt am Ziel vorbei.

Einige Beobachtungen zum Thema Sex

Stellen wir fest: Sex ist offensichtlich ein interessantes Thema. Die Menschheit zerreißt sich darüber den Mund, seit sie existiert.

Stellen wir weiterhin fest: Grundsätzlich muss ich nicht mit Details aus anderer Leute Intimleben an jeder x-beliebigen Ecke überfallen werden, aber ich finde es sehr in Ordnung, wenn ich an x-beliebigen Ecken erfahren kann, was es alles gibt und wo sich die Details verstecken. Ein solches, möglichst vorurteilsfreies, Grundrauschen an Information ist meines Erachtens diesbezüglich notwendig.

Wenn ich weiß, was es alles gibt, kann ich über mein Leben ein wenig besser entscheiden, als wenn ich nur hinter vorgehaltener Hand Halbwahrheiten und Gerüchte zu hören bekomme, während im Vordergrund irgendetwas von vaterländischer Pflicht, Gottesfurcht oder derlei gesalbadert wird.

Die sogenannten „besorgten Eltern“ sind gegen diese Art von informativem Grundrauschen, das macht sie mir sehr suspekt.

Mir fällt aber auch auf: Mit dem Versprechen des Begehrtwerdens wird heute ein Haufen Werbung gemacht. Begehrenswert sein stellt zwar schon immer einen Wert dar, aber früher gab es nicht so viele Kanäle, auf denen nackte Haut versendet werden konnte.

„Begehrt werden“ wird schon lange mit „geliebt werden“ verwechselt (siehe all die „amore“ aus den Mozartopern)  und mittlerweile auch mit Glücklichsein. Somit ähnelt das „Begehrenswert sein“ einer Karotte an einer Angel, die immer knapp außerhalb der Reichweite des Pferdes der Verbraucher*innen baumelt, denn der perfekte Body in der perfekten Verpackung ist schon per Definition außer Reichweite.

Mir fällt auch auf: Was eins im Bett mit einer oder mehreren anderen Personen treibt, wird nicht ausschließlich als eine Frage des persönlichen Geschmacks wahrgenommen, sondern als Ausdruck der Persönlichkeit, der den echten, wahren Wesenskern eines Menschen freilegt.

Nazis und Kommunist*innen können gleichermaßen gern, sagen wir, schwarze Oliven oder Sushi mögen, und niemand wird behaupten, dass sich das widerspricht.

Reden wir aber von Fesselspielen, bei denen so viel Einverständnis wie möglich zwischen den Beteiligten herrscht … dann sieht es anders aus. So jemand muss doch progressiv sein und auf Gleichberechtigung überall stehen? Oder?

Wie kann eine Frau, die mit einer Frau zusammenlebt, AfD-Spitzenkandidatin werden? Wieso ist eine Autorin, die über schwule Paare schreibt, krass rassistisch? Wieso vertreten nicht alle a_sexuellen Menschen queerfeministische Positionen?

Das passt doch nicht zusammen? Oder?

Allgegenwart plus (Über)bewertung gibt?

Aus dem Wunsch nach Begehrtwerden und dem Mythos vom echten, wahren Persönlichkeitskern bauen wir neue Normen auf, die nirgends stehen und deswegen umso perfider wirken. Hier steht kein schwarzberockter Pfaffe mehr auf der Kanzel und predigt wider die Unzucht (und setzt dabei wenigstens klare Grenzen), sondern Schreibende stellen Listen auf von Dingen, die mensch unbedingt mal getan haben muss, Gesundheitsmagazine trompeten hinaus, dass Sex gesund sei und welche Stellung wie viel Kalorien frisst, Frauenzeitschriften ergötzen sich an Frauen, die ohne BDSM nicht existieren können (statt es nur mal voll progressiv ausprobiert zu haben) und irgendwo verläuft immer noch die magische Grenze zwischen einer voll aufgeklärten, lebenslustigen Frau und der vielgefürchteten Schlampe.

Aber niemand verrät dir, wo diese Grenze genau verläuft, und wie sehr sie von Dingen abhängt, die du nicht beeinflussen kannst. (Wo du aufgewachsen bist, welche Farbe deine Haut hat, wie viel Geld deine Eltern hatten …)

Es gibt auch die Grenze zwischen „langweilig“ und „normal“ oder „normal“ und „schwanzgesteuert“ und noch mehr Grenzen zwischen „normal“ und etwas anderem, aber wer weiß schon, wie viel ich mit wem wie tun muss, um normal und voll aufgeklärt zu sein und auch hier meine politischen Ansichten widerzuspiegeln …

Alles in allem hat unsere ach so fortschrittliche Post-68er-Gesellschaft einen eher unentspannten Umgang mit dem Thema Sex. Obwohl das Thema quasi überall ist. Und das finde ich so was von 19. Jahrhundert.

Für Leute, die Englisch können, gibt es „The Sex Myth“ zum Weiterlesen.

Zur Konzeption von Homophobie in „Albenerbe“

Meineeine knobelt immer noch am Klappentext rum, aber das Nixblix ist mit einem Schreibblog neu am Start und hat sich auf eins meiner Postings berufen, also bekommt das geschätzte Publikum jetzt ein veritables Monster über einen Teil meines Weltenbaus.

Sexismus = Homophobie?

(tw: sexualisierte Gewalt)

Irgendwann habe ich mal Spekulationen gelesen, dass der hiesige Hass auf Männer, die Sex mit Männern haben, einiges mit Sexismus zu tun hätte, und dass sich Frauen und solche, die dafür gehalten werden, am besten mit schwulen Männern verbünden sollten.

Die Probleme sind eindeutig assoziiert – historisch gesehen haben diejenigen Männer, die Bottoms sind oder als solche bzw. als feminin wahrgenommen werden, mit mehr schlechten Meinungen zu kämpfen als Tops.

Klassiche Nonsens-Frage daher: „Welcher von euch ist die Frau?“

Ein anderer assoziativer Ansatz ist der Ableismus: Du verhältst dich anders, also musst du krank sein, also therapieren wir dich. Im Zweifelsfall, bis du als Gemüse rauskommst oder aus Verzweiflung Selbstmord begehst.

Vor derlei Vorurteilen sind auch Fantasy- und SF-Autor*innen nicht gefeit – wir können immer nur in einem gewissen Rahmen spekulieren und reflektieren grundsätzlich die Gesellschaft, in der wir leben. Wir extrapolieren immer vom Status Quo, enweder nach vorne oder seitwärts. Weiterlesen

Hilfe, ängstliche Menschen!

Bezüglich der allgemeinen Verunsicherung (die EAV und Titanic haben ihre Ziele erreicht) gab es in der Brigitte 1/2017 (vom 21.12.16) ein Interview mit Heinz Bude, einem Professor der Makrosoziologie. Prof. Bude hat unter anderem ein Buch über Angst geschrieben, das ich mir demnächst zu Gemüte führen möchte.

Jedenfalls dachte ich, ich muss aus dem Interview zitieren, mit Absätzen für die Lesbarkeit:

Lange Zeit galt: Wenn du dich einigermaßen anstrengst, wirst du schon irgendwie einen Ort in der Gesellschaft finden, von dem du im Nachhinein sagen wirst, dass er mehr oder minder in Ordnung ist. Und wenn du strauchelst, wirst du aufgefangen.

Diese Versprechen bestehen nicht mehr. Immer wieder steht unser Lebensentwurf heute vor Prüfungen, und damit wächst die Sorge, in seinem Leben etwas falsch zu machen, unter seinen Möglichkeiten zu bleiben, einmal Erreichtes wieder zu verlieren, etwas zu verpassen oder zu übersehen und dafür auch die Rechnung präsentiert zu bekommen.

Wir erleben gerade einen generellen Wandel unserer Gesellschaftsordnung: weg von einem kollektiven Versprechen, hin zu einer individuellen Drohung.

Ich finde das sehr weise Worte.

Hier in Deutschland sitzen Leute, die es sich nicht bequem einrichten können, sicher, aber auch ein ganzer Haufen so wie ich: was „Ordentliches“ gelernt/gut ausgebildet. Sieht sich trotzdem mit der Tatsache konfrontiert, dass si*er die Eltern nicht an Reichtum übertreffen wird, wenn kein Lottogewinn/Bestseller ins Haus flattert, und muss sich um die Rente sorgen. Habe ich mich oft genug fort- und weitergebildet? Wieso habe ich etwas studiert/gelernt, das mich jetzt in prekären Verhältnissen versauern lässt?

Hierzulande geht’s also für viele Menschen nicht aufwärts und für ziemlich viele eher gefühlt abwärts oder nicht schnell genug aufwärts … und wir wissen ja, wie ungern wir alle auf Annehmlichkeiten verzichten, an die wir uns einmal gewöhnt haben.

Außerdem herrscht nicht nur bei Job und Rente ein Zwang zur Selbstoptimierung. Möglichst viele Likes sammeln. Alle hippen Serien kennen müssen, um mitreden zu können. Zu viel Auswahl von allem, nicht einfach in den Laden rennen und was kaufen, sondern erst in zehn Online-Shops die Angebote vergleichen, könnte ja irgendwo günstiger sein und ich müsste zugeben, zu viel bezahlt zu haben. (Oder doch nicht das richtige Gespons fürs Leben gefunden zu haben oder …)

Der Mist ist: Du kannst beim „Was wäre, wenn“-Spiel nur verlieren.

Das wäre dann eben diese individuelle Drohung, auf die Prof. Bude bezugnimmt.

Und dann kommen Leute und brauchen ein Dach über dem Kopf, Arbeit und Geld zum Leben. Anderswo liegen Länder nämlich in echt und nicht nur gefühlt am Boden, und dass es bei uns gefühlt abwärtsgeht, hat sich nicht rumgesprochen, deshalb möchten gern Leute aus selbigen Ländern hier leben.

Überraschung.

Haken bei der Sache: Wir müssten auf eine ganze Ecke Privilegien (wie z.B. günstige Rohstoffe und Gewinne aus Waffengeschäften) verzichten, wenn wir einen ernsthaften Versuch wagen wollten, die Welt zu einem Ort zu machen, wo nicht alle bei uns im gefühlten Niedergang leben wollen.

Wenig überraschend auch, dass nicht nur gegen die ausländischen, sondern auch gegen die inländischen Verkomplizierer*innen via „Gender-Gaga“ etc. pp. gehetzt wird. Noch mehr Privilegien und einfache Kategorien abgeben? Nein, danke.

Ich habe erstmal kein Problem damit, dass Menschen Angst haben. Aber die wenigsten scheinen zu wissen, wie sie damit umgehen sollen. Oder überhaupt zugeben zu wollen, dass sie Angst haben. Stattdessen vergessen sie sämtlichen Anstand und hassen lieber lautstark wenigstens eine Gruppe, die sie als Bedrohung empfinden. (Und lassen sich ob mangelnder Selbsterkenntnis von Leuten wie Trump, Putin und Erdogan instrumentalisieren?)

von wegen wahrheit

Presse angeblich ohne Lügen bei der Leipziger Buchmesse 2016

Nicht umsonst meinen die Jedi:

“Fear is the path to the dark side. Fear leads to anger. Anger leads to hate. Hate leads to suffering.”

„Furcht ist der Weg zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut. Wut führt zu Hass. Hass führt zu Leid.“

Leiden tun dann erstmal diejenigen, die gehasst werden, wie die Geschichte beweist.

Doch weder aus der Geschichte noch von Star Wars scheinen die Leute ausreichend gelernt zu haben.

… Ich bin im Übrigen ein sehr unängstlicher Mensch. Aber vor den ängstlichen Schreihälsen hab ich dann doch ein wenig Angst.

(Siehe auch den Lindwurm über „Meinungen“ und der Freitag über die Schreihälse.)

(Endlich wieder mal was Politisches, R.)

Vortrag in Frankfurt

(crosspost mit aktivista.net und Der Torheit Herberge.)

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Ich werde am Dienstag, den 24. Januar, in Frankfurt am Main zu Gast sein.

Geplant ist ein Vortrag über „Asexualität und das a_sexuelle Spektrum: Vom Versuch, die Vielfalt einer Abwesenheit sichtbar zu machen“ im Rahmen der Queeren Ringvorlesung. Ich werde zunächst darauf eingehen, was A_sexualität ist, ein paar Vokabeln und die zugehörigen Spektren erörtern. Danach plane ich, von den Vorurteilen auf die Schwierigkeiten der Sichtbarmachung von A_sexualität einzugehen. Außerdem ist viel Platz für Fragen und Diskussion eingeplant.

Ich bin sehr neugierig, was mich erwartet, habe ich doch das letzte Mal 2006 eine Uni im Vorlesungskontext besucht … und damals durfte ich auch bequem zuhören.

Los geht’s um 18 Uhr im Seminarhaus 0.101, Campus Westend.

Fotostrecke: Buch Berlin & Queer Convention 2016

Da ich nun einigermaßen wieder wach bin – nachdem ich erst um 1:30 heute früh wieder daheim war – hier noch fast siedend heiß einige Fotos und Worte zur Buchmesse und der ersten Queer Convention in Berlin.

Zunächst zwei Impressionen vom Stand des dead soft verlags:

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Bianca Nias und Julia Fränkle alias Svea Lundberg signieren

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Ein lieber Fan bring Jobst Mahrenholz viel zum Naschen mit und dem restlichen Standpersonal Trüffel. Ich habe aus Diätgründen (also aufgrund von Diäten, die andere machten) drei Stück abbekommen. Vielen Dank!

Vor allem am Samstag herrschte reger Betrieb, weshalb ich dem Chef (alias Simon Rhys Beck) kurzfristig beim Kassieren und vor allem beim Kopfrechnen zur Hand ging.

Neben dem Bundesamt für magische Wesen hatte auch die Schreibgruppe Prosa einen Stand, und siehe da:

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Der einzig wahre Arbeitsbericht bei der Schreibgruppe Prosa

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Dorothe Reimann von der Schreibgruppe Prosa liest eine fiese Geschichte vor – wie immer also …

Außerdem zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder live getroffen:

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Bei In Farbe und Bunt kitzelt meine Kollegin Silvia Krautz einem Einhorn die Ohren. Das Bundesamt für magische Wesen konnte keine Tierquälerei feststellen.

Hier und bei anderen Verlagen und Selfpublishing-Gruppen traf ich Bekannte, wurde mit einigen Unbekannten bekannt gemacht, und konnte eine Reihe netter Gespräche führen.

Was die Convention anging, habe ich hauptsächlich noch unschärfere Fotos – überhaupt hatte ich dieses Mal leider kein gutes Händchen, weshalb nicht sechzig, sondern neunzig Prozent der Bilder nicht verwertbar sind.

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T.A. Wegberg ist auch Lektor, weiß also, wovon er redet – und tut das äußerst unterhaltsam

Bei der Convention waren vor allem Lesungen und die Panels gut besucht – letztere müssen sich Uneingeweihte als eine Art Podiumsfragerunde vorstellen. Dabei wurden verschiedenste Themen beackert: Was machen die Verlage? Wie wählen sie Texte aus? Wie gehen Autor*innen mit Amazon und Social Media um? Wer schreibt und liest Gay Romance? Zu letzterem muss ich dann später noch in einem anderen Posting politisch werden. (Das verehrte Publikum weiß, dass ich das Klugscheißen seltenst vermeiden kann.)

Außerdem Buchmesse. Sprechen wir über Bücher.

Im Zug hin und zurück habe ich „Selbsthass & Emanzipation“ gelesen bzw. inhaliert, eine Sammlung von Aufsätzen über „Das Andere in der heterosexuellen Normalität“. Es sei allen ans Herz gelegt, die sich mit sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten befassen, sofern sie sich nicht von einem leichten Hang zu Freudianischer Psychoanalyse abschrecken lassen. Die Empfehlung gilt, obwohl  ein Aufsatz behauptet, meine Randgruppe sei eine Mode.

Ähmja.

Analog zu Stefan Dambachs Vortrag bei der Convention, was Selbstvermarktung und Motivation zum Schreiben angeht – wundert sich wer, wenn ich ganz oft auf der Achse Wut und Stolz unterwegs bin statt auf der Achse Überraschung und Langeweile?

gelesen

Ich habe u.a. aus der Goodie-Tasche Sachen zum Angucken/Lesen bekommen: Messekatalog, Leseprobenheft und Zoi Karampatzakis „David Roth und andere Mysterien“. Gekauft hätte ich mir das wohl nicht, weil ein fliegender Torso drauf ist. Normalerweise ist in solchen Büchern zu viel Zeugs drin, das mich nicht interessiert (also explizite Sexszenen).

geschenkt

Und dann habe ich noch drei Bücher gekauft: „Imperia“ von Laurin Dahlem, „Feuermuse“ von Robin Gates, und die Anthologie „Hinter Dornenhecken und Zauberspiegeln“. Letzte ist schon haptisch und optisch ein Fest. Zum Inhalt kann ich, genau wie zu „David Roth“ oben, noch nichts sagen.

gekauft