Mal wieder übersexualisiert

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Derletzt wurde ich zu meinem ehrenamtlichen Thema per Telefon befragt, und da fiel dann mal wieder diese Phrase von der übersexualisierten Gesellschaft. Leider kam dann das Gespräch wie so häufig auf mein Privatleben (es lebt, danke …) statt auf diese Theorie, dass in der Öffentlichkeit zu viel Sex sei.

Ich mag sie nicht. Oder besser: Ich glaube, sie schießt am Ziel vorbei.

Einige Beobachtungen zum Thema Sex

Stellen wir fest: Sex ist offensichtlich ein interessantes Thema. Die Menschheit zerreißt sich darüber den Mund, seit sie existiert.

Stellen wir weiterhin fest: Grundsätzlich muss ich nicht mit Details aus anderer Leute Intimleben an jeder x-beliebigen Ecke überfallen werden, aber ich finde es sehr in Ordnung, wenn ich an x-beliebigen Ecken erfahren kann, was es alles gibt und wo sich die Details verstecken. Ein solches, möglichst vorurteilsfreies, Grundrauschen an Information ist meines Erachtens diesbezüglich notwendig.

Wenn ich weiß, was es alles gibt, kann ich über mein Leben ein wenig besser entscheiden, als wenn ich nur hinter vorgehaltener Hand Halbwahrheiten und Gerüchte zu hören bekomme, während im Vordergrund irgendetwas von vaterländischer Pflicht, Gottesfurcht oder derlei gesalbadert wird.

Die sogenannten „besorgten Eltern“ sind gegen diese Art von informativem Grundrauschen, das macht sie mir sehr suspekt.

Mir fällt aber auch auf: Mit dem Versprechen des Begehrtwerdens wird heute ein Haufen Werbung gemacht. Begehrenswert sein stellt zwar schon immer einen Wert dar, aber früher gab es nicht so viele Kanäle, auf denen nackte Haut versendet werden konnte.

„Begehrt werden“ wird schon lange mit „geliebt werden“ verwechselt (siehe all die „amore“ aus den Mozartopern)  und mittlerweile auch mit Glücklichsein. Somit ähnelt das „Begehrenswert sein“ einer Karotte an einer Angel, die immer knapp außerhalb der Reichweite des Pferdes der Verbraucher*innen baumelt, denn der perfekte Body in der perfekten Verpackung ist schon per Definition außer Reichweite.

Mir fällt auch auf: Was eins im Bett mit einer oder mehreren anderen Personen treibt, wird nicht ausschließlich als eine Frage des persönlichen Geschmacks wahrgenommen, sondern als Ausdruck der Persönlichkeit, der den echten, wahren Wesenskern eines Menschen freilegt.

Nazis und Kommunist*innen können gleichermaßen gern, sagen wir, schwarze Oliven oder Sushi mögen, und niemand wird behaupten, dass sich das widerspricht.

Reden wir aber von Fesselspielen, bei denen so viel Einverständnis wie möglich zwischen den Beteiligten herrscht … dann sieht es anders aus. So jemand muss doch progressiv sein und auf Gleichberechtigung überall stehen? Oder?

Wie kann eine Frau, die mit einer Frau zusammenlebt, AfD-Spitzenkandidatin werden? Wieso ist eine Autorin, die über schwule Paare schreibt, krass rassistisch? Wieso vertreten nicht alle a_sexuellen Menschen queerfeministische Positionen?

Das passt doch nicht zusammen? Oder?

Allgegenwart plus (Über)bewertung gibt?

Aus dem Wunsch nach Begehrtwerden und dem Mythos vom echten, wahren Persönlichkeitskern bauen wir neue Normen auf, die nirgends stehen und deswegen umso perfider wirken. Hier steht kein schwarzberockter Pfaffe mehr auf der Kanzel und predigt wider die Unzucht (und setzt dabei wenigstens klare Grenzen), sondern Schreibende stellen Listen auf von Dingen, die mensch unbedingt mal getan haben muss, Gesundheitsmagazine trompeten hinaus, dass Sex gesund sei und welche Stellung wie viel Kalorien frisst, Frauenzeitschriften ergötzen sich an Frauen, die ohne BDSM nicht existieren können (statt es nur mal voll progressiv ausprobiert zu haben) und irgendwo verläuft immer noch die magische Grenze zwischen einer voll aufgeklärten, lebenslustigen Frau und der vielgefürchteten Schlampe.

Aber niemand verrät dir, wo diese Grenze genau verläuft, und wie sehr sie von Dingen abhängt, die du nicht beeinflussen kannst. (Wo du aufgewachsen bist, welche Farbe deine Haut hat, wie viel Geld deine Eltern hatten …)

Es gibt auch die Grenze zwischen „langweilig“ und „normal“ oder „normal“ und „schwanzgesteuert“ und noch mehr Grenzen zwischen „normal“ und etwas anderem, aber wer weiß schon, wie viel ich mit wem wie tun muss, um normal und voll aufgeklärt zu sein und auch hier meine politischen Ansichten widerzuspiegeln …

Alles in allem hat unsere ach so fortschrittliche Post-68er-Gesellschaft einen eher unentspannten Umgang mit dem Thema Sex. Obwohl das Thema quasi überall ist. Und das finde ich so was von 19. Jahrhundert.

Für Leute, die Englisch können, gibt es „The Sex Myth“ zum Weiterlesen.

Zur Konzeption von Homophobie in „Albenerbe“

Meineeine knobelt immer noch am Klappentext rum, aber das Nixblix ist mit einem Schreibblog neu am Start und hat sich auf eins meiner Postings berufen, also bekommt das geschätzte Publikum jetzt ein veritables Monster über einen Teil meines Weltenbaus.

Sexismus = Homophobie?

(tw: sexualisierte Gewalt)

Irgendwann habe ich mal Spekulationen gelesen, dass der hiesige Hass auf Männer, die Sex mit Männern haben, einiges mit Sexismus zu tun hätte, und dass sich Frauen und solche, die dafür gehalten werden, am besten mit schwulen Männern verbünden sollten.

Die Probleme sind eindeutig assoziiert – historisch gesehen haben diejenigen Männer, die Bottoms sind oder als solche bzw. als feminin wahrgenommen werden, mit mehr schlechten Meinungen zu kämpfen als Tops.

Klassiche Nonsens-Frage daher: „Welcher von euch ist die Frau?“

Ein anderer assoziativer Ansatz ist der Ableismus: Du verhältst dich anders, also musst du krank sein, also therapieren wir dich. Im Zweifelsfall, bis du als Gemüse rauskommst oder aus Verzweiflung Selbstmord begehst.

Vor derlei Vorurteilen sind auch Fantasy- und SF-Autor*innen nicht gefeit – wir können immer nur in einem gewissen Rahmen spekulieren und reflektieren grundsätzlich die Gesellschaft, in der wir leben. Wir extrapolieren immer vom Status Quo, enweder nach vorne oder seitwärts. Weiterlesen

Hilfe, ängstliche Menschen!

Bezüglich der allgemeinen Verunsicherung (die EAV und Titanic haben ihre Ziele erreicht) gab es in der Brigitte 1/2017 (vom 21.12.16) ein Interview mit Heinz Bude, einem Professor der Makrosoziologie. Prof. Bude hat unter anderem ein Buch über Angst geschrieben, das ich mir demnächst zu Gemüte führen möchte.

Jedenfalls dachte ich, ich muss aus dem Interview zitieren, mit Absätzen für die Lesbarkeit:

Lange Zeit galt: Wenn du dich einigermaßen anstrengst, wirst du schon irgendwie einen Ort in der Gesellschaft finden, von dem du im Nachhinein sagen wirst, dass er mehr oder minder in Ordnung ist. Und wenn du strauchelst, wirst du aufgefangen.

Diese Versprechen bestehen nicht mehr. Immer wieder steht unser Lebensentwurf heute vor Prüfungen, und damit wächst die Sorge, in seinem Leben etwas falsch zu machen, unter seinen Möglichkeiten zu bleiben, einmal Erreichtes wieder zu verlieren, etwas zu verpassen oder zu übersehen und dafür auch die Rechnung präsentiert zu bekommen.

Wir erleben gerade einen generellen Wandel unserer Gesellschaftsordnung: weg von einem kollektiven Versprechen, hin zu einer individuellen Drohung.

Ich finde das sehr weise Worte.

Hier in Deutschland sitzen Leute, die es sich nicht bequem einrichten können, sicher, aber auch ein ganzer Haufen so wie ich: was „Ordentliches“ gelernt/gut ausgebildet. Sieht sich trotzdem mit der Tatsache konfrontiert, dass si*er die Eltern nicht an Reichtum übertreffen wird, wenn kein Lottogewinn/Bestseller ins Haus flattert, und muss sich um die Rente sorgen. Habe ich mich oft genug fort- und weitergebildet? Wieso habe ich etwas studiert/gelernt, das mich jetzt in prekären Verhältnissen versauern lässt?

Hierzulande geht’s also für viele Menschen nicht aufwärts und für ziemlich viele eher gefühlt abwärts oder nicht schnell genug aufwärts … und wir wissen ja, wie ungern wir alle auf Annehmlichkeiten verzichten, an die wir uns einmal gewöhnt haben.

Außerdem herrscht nicht nur bei Job und Rente ein Zwang zur Selbstoptimierung. Möglichst viele Likes sammeln. Alle hippen Serien kennen müssen, um mitreden zu können. Zu viel Auswahl von allem, nicht einfach in den Laden rennen und was kaufen, sondern erst in zehn Online-Shops die Angebote vergleichen, könnte ja irgendwo günstiger sein und ich müsste zugeben, zu viel bezahlt zu haben. (Oder doch nicht das richtige Gespons fürs Leben gefunden zu haben oder …)

Der Mist ist: Du kannst beim „Was wäre, wenn“-Spiel nur verlieren.

Das wäre dann eben diese individuelle Drohung, auf die Prof. Bude bezugnimmt.

Und dann kommen Leute und brauchen ein Dach über dem Kopf, Arbeit und Geld zum Leben. Anderswo liegen Länder nämlich in echt und nicht nur gefühlt am Boden, und dass es bei uns gefühlt abwärtsgeht, hat sich nicht rumgesprochen, deshalb möchten gern Leute aus selbigen Ländern hier leben.

Überraschung.

Haken bei der Sache: Wir müssten auf eine ganze Ecke Privilegien (wie z.B. günstige Rohstoffe und Gewinne aus Waffengeschäften) verzichten, wenn wir einen ernsthaften Versuch wagen wollten, die Welt zu einem Ort zu machen, wo nicht alle bei uns im gefühlten Niedergang leben wollen.

Wenig überraschend auch, dass nicht nur gegen die ausländischen, sondern auch gegen die inländischen Verkomplizierer*innen via „Gender-Gaga“ etc. pp. gehetzt wird. Noch mehr Privilegien und einfache Kategorien abgeben? Nein, danke.

Ich habe erstmal kein Problem damit, dass Menschen Angst haben. Aber die wenigsten scheinen zu wissen, wie sie damit umgehen sollen. Oder überhaupt zugeben zu wollen, dass sie Angst haben. Stattdessen vergessen sie sämtlichen Anstand und hassen lieber lautstark wenigstens eine Gruppe, die sie als Bedrohung empfinden. (Und lassen sich ob mangelnder Selbsterkenntnis von Leuten wie Trump, Putin und Erdogan instrumentalisieren?)

von wegen wahrheit

Presse angeblich ohne Lügen bei der Leipziger Buchmesse 2016

Nicht umsonst meinen die Jedi:

“Fear is the path to the dark side. Fear leads to anger. Anger leads to hate. Hate leads to suffering.”

„Furcht ist der Weg zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut. Wut führt zu Hass. Hass führt zu Leid.“

Leiden tun dann erstmal diejenigen, die gehasst werden, wie die Geschichte beweist.

Doch weder aus der Geschichte noch von Star Wars scheinen die Leute ausreichend gelernt zu haben.

… Ich bin im Übrigen ein sehr unängstlicher Mensch. Aber vor den ängstlichen Schreihälsen hab ich dann doch ein wenig Angst.

(Siehe auch den Lindwurm über „Meinungen“ und der Freitag über die Schreihälse.)

(Endlich wieder mal was Politisches, R.)

Vortrag in Frankfurt

(crosspost mit aktivista.net und Der Torheit Herberge.)

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Ich werde am Dienstag, den 24. Januar, in Frankfurt am Main zu Gast sein.

Geplant ist ein Vortrag über „Asexualität und das a_sexuelle Spektrum: Vom Versuch, die Vielfalt einer Abwesenheit sichtbar zu machen“ im Rahmen der Queeren Ringvorlesung. Ich werde zunächst darauf eingehen, was A_sexualität ist, ein paar Vokabeln und die zugehörigen Spektren erörtern. Danach plane ich, von den Vorurteilen auf die Schwierigkeiten der Sichtbarmachung von A_sexualität einzugehen. Außerdem ist viel Platz für Fragen und Diskussion eingeplant.

Ich bin sehr neugierig, was mich erwartet, habe ich doch das letzte Mal 2006 eine Uni im Vorlesungskontext besucht … und damals durfte ich auch bequem zuhören.

Los geht’s um 18 Uhr im Seminarhaus 0.101, Campus Westend.

Fotostrecke: Buch Berlin & Queer Convention 2016

Da ich nun einigermaßen wieder wach bin – nachdem ich erst um 1:30 heute früh wieder daheim war – hier noch fast siedend heiß einige Fotos und Worte zur Buchmesse und der ersten Queer Convention in Berlin.

Zunächst zwei Impressionen vom Stand des dead soft verlags:

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Bianca Nias und Julia Fränkle alias Svea Lundberg signieren

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Ein lieber Fan bring Jobst Mahrenholz viel zum Naschen mit und dem restlichen Standpersonal Trüffel. Ich habe aus Diätgründen (also aufgrund von Diäten, die andere machten) drei Stück abbekommen. Vielen Dank!

Vor allem am Samstag herrschte reger Betrieb, weshalb ich dem Chef (alias Simon Rhys Beck) kurzfristig beim Kassieren und vor allem beim Kopfrechnen zur Hand ging.

Neben dem Bundesamt für magische Wesen hatte auch die Schreibgruppe Prosa einen Stand, und siehe da:

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Der einzig wahre Arbeitsbericht bei der Schreibgruppe Prosa

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Dorothe Reimann von der Schreibgruppe Prosa liest eine fiese Geschichte vor – wie immer also …

Außerdem zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder live getroffen:

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Bei In Farbe und Bunt kitzelt meine Kollegin Silvia Krautz einem Einhorn die Ohren. Das Bundesamt für magische Wesen konnte keine Tierquälerei feststellen.

Hier und bei anderen Verlagen und Selfpublishing-Gruppen traf ich Bekannte, wurde mit einigen Unbekannten bekannt gemacht, und konnte eine Reihe netter Gespräche führen.

Was die Convention anging, habe ich hauptsächlich noch unschärfere Fotos – überhaupt hatte ich dieses Mal leider kein gutes Händchen, weshalb nicht sechzig, sondern neunzig Prozent der Bilder nicht verwertbar sind.

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T.A. Wegberg ist auch Lektor, weiß also, wovon er redet – und tut das äußerst unterhaltsam

Bei der Convention waren vor allem Lesungen und die Panels gut besucht – letztere müssen sich Uneingeweihte als eine Art Podiumsfragerunde vorstellen. Dabei wurden verschiedenste Themen beackert: Was machen die Verlage? Wie wählen sie Texte aus? Wie gehen Autor*innen mit Amazon und Social Media um? Wer schreibt und liest Gay Romance? Zu letzterem muss ich dann später noch in einem anderen Posting politisch werden. (Das verehrte Publikum weiß, dass ich das Klugscheißen seltenst vermeiden kann.)

Außerdem Buchmesse. Sprechen wir über Bücher.

Im Zug hin und zurück habe ich „Selbsthass & Emanzipation“ gelesen bzw. inhaliert, eine Sammlung von Aufsätzen über „Das Andere in der heterosexuellen Normalität“. Es sei allen ans Herz gelegt, die sich mit sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten befassen, sofern sie sich nicht von einem leichten Hang zu Freudianischer Psychoanalyse abschrecken lassen. Die Empfehlung gilt, obwohl  ein Aufsatz behauptet, meine Randgruppe sei eine Mode.

Ähmja.

Analog zu Stefan Dambachs Vortrag bei der Convention, was Selbstvermarktung und Motivation zum Schreiben angeht – wundert sich wer, wenn ich ganz oft auf der Achse Wut und Stolz unterwegs bin statt auf der Achse Überraschung und Langeweile?

gelesen

Ich habe u.a. aus der Goodie-Tasche Sachen zum Angucken/Lesen bekommen: Messekatalog, Leseprobenheft und Zoi Karampatzakis „David Roth und andere Mysterien“. Gekauft hätte ich mir das wohl nicht, weil ein fliegender Torso drauf ist. Normalerweise ist in solchen Büchern zu viel Zeugs drin, das mich nicht interessiert (also explizite Sexszenen).

geschenkt

Und dann habe ich noch drei Bücher gekauft: „Imperia“ von Laurin Dahlem, „Feuermuse“ von Robin Gates, und die Anthologie „Hinter Dornenhecken und Zauberspiegeln“. Letzte ist schon haptisch und optisch ein Fest. Zum Inhalt kann ich, genau wie zu „David Roth“ oben, noch nichts sagen.

gekauft

Crosspost: Workshop A_sexuelles Erzählen

Da von der Vereinsseite kein Reblog möglich ist, bekommt ihr einfach einen Crosspost:
A lady writing at a deskDie Ergebnisse unten sind so wichtig, dass ich sie gerne auf zwei Kanälen in die Welt pusten möchte.

Von „langweilig“ zu „neuer Trend“ …

Nachdem wir vorher etwas zur Darstellung asexueller Figuren gehört hatten, begann ich meinen eigenen Vortrag/Workshop mit zwei Zitaten, um die Angelegenheit von der handwerklichen Seite zu beleuchten.

Das erste ist von 2012, und stammt von Steven Moffat – jenem Autor, der den BBC Sherlock maßgeblich mit zu verantworten hat.

Dies ist der (gekürzte) Originalwortlaut:

„There’s no indication in the original stories that he was asexual or gay. He actually says he declines the attention of women because he doesn’t want the distraction. (…) It’s the choice of a monk, not the choice of an asexual. If he was asexual, there would be no tension in that, no fun in that – it’s someone who abstains who’s interesting.“

Auf Deutsch:

„In den Originalgeschichten gibt es keine Hinweise, dass er asexuell oder schwul war. Er sagt ausdrücklich, dass er die Aufmerksamkeit von Frauen meidet, weil er die Ablenkung nicht wünscht. (…) Es ist die Wahl eines Mönchs, nicht die Wahl eines Asexuellen. Wenn er asexuell wäre, läge darin keine Spannung, es würde keinen Spaß machen – es sind die, die auf etwas freiwillig verzichten, die interessant sind.“

Moffat verrät damit ein besorgniserregendes Konzept von A_sexualität oder, dass er sich mit der Materie gar nicht auskennt, obwohl er eine Figur geschrieben hat, in der sich viele a_sexuelle Menschen wiederfinden können.

Andererseits scheint es mittlerweile ein Trend, in der M/M-Liebesliteratur (also Liebesromane mit zwei Männern als Hauptfiguren, zu deutsch auch „Gay Romance“) asexuelle Figuren auftreten zu lassen.

Hierzu mein Verlagskollege T.A. Wegberg von Dead Soft über einen Vortrag bei einer Convention:

„Die Popularität dieses Subgenres werde aber, so war zu erfahren, in den USA bereits übertroffen von „Asexual Romance“, also Liebesgeschichten mit allem Drum und Dran, aber ohne den Wunsch eines oder beider Partner nach einer sexuellen Beziehung. Wir können davon ausgehen, dass auch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt künftig mehr davon zu lesen sein wird.“

Offenbar bahnt sich eine 180-Grad-Wende an.

Ziel des Workshops war nun, zu erkunden, was Autor*innen eigentlich „interessant“ finden. Wie konstruieren wir Geschichten? (Notiz: Wir reden hier von handelsüblichen Geschichten, die sich tatsächlich auch verkaufen und nicht nur für ein Publikum aus Kritiker*innen interessant sind.)

Und dann freie Bahn für Diskussionen: Was finden wir als a_sexuelle Menschen interessant? Worüber möchten wir lesen? Was könnte für ein allosexuelles (= nicht-a_sexuelles) Publikum interessant sein?

Warum erzählen Menschen Geschichten?

Geschichten sind zunächst mündlich, später schriftlich aufbewahrte Lebenserfahrung. Was tue ich, wenn der Säbelzahntiger im Gras raschelt? Wie überliste ich einen Feind? Wie überlebe ich ein Familientreffen/die Zombieapokalypse?

Geschichten erzielen einen Lerneffekt, indem sie Menschen mit den Figuren der Geschichte mitleiden lassen.

Außerdem vermitteln sie Bedeutung: Den Ereignisse der Geschichte wird durch das Erzählen Wichtigkeit verliehen, sie interpretiert und deutet die erzählten Ereignisse. Und Menschen sind in der Regel sehr hungrig nach Deutungen und nach Bedeutung in dieser chaotischen Welt.

Was braucht eine Geschichte?

Der Lerneffekt entsteht durch Mitleiden – das Publikum wird in einen „fiktionalen Traum“ versetzt. Dazu benötige ich eine Hauptfigur, die zur Identifikation dient.

Die Ereignisse sollten in einer logischen Reihenfolge stattfinden: aus A folgt B, aus Aktion folgt Reaktion, aus der schlechten Kindheit des Protagonisten folgt … etc. Bei den Ereignissen in logischer Reihenfolge handelt es sich um diese ominöse Sache namens Plot.

Um den Lerneffekt vollständig zu machen und der ganzen Sache eine Bedeutung zu verleihen, muss die Geschichte ein Ende haben, das sozusagen eine Schlussfolgerung über die erzählten Ereignisse erlaubt.

Da eine Figur, die leicht durch’s Leben spaziert, nicht von Interesse ist, zwingt eine gute Geschichte sie von ihrem üblichen Pfad. Die Figur baut einen inneren Widerstand gegen die Kraft auf, die sie von ihrem Pfad zwingt: Das ist der erste Konflikt der Geschichte.

Für eine Story brauchen wir dann noch mehr von diesen Konflikten: Jede Figur der Geschichte vermutet ihr Lebensglück in einer anderen Richtung. Die Interessen der Figuren kollidieren, sie reiben sich aneinander, die Konflikte schaukeln sich auf bis zum Showdown, in dem der wichtigste Konflikt der Geschichte gelöst werden sollte.

Durch die Konflikte verändert sich nicht nur der Lebensweg der Figur, sie muss auch Entscheidungen treffen, die sie zu einer inneren Veränderung zwingen.

Frei nach Lisa Cron (s.u.) erzählt also eine Geschichte, wie sich eine Figur durch die Ereignisse der Geschichte verändert.

Fragen für die Diskussion:

Welche Geschichten über a_sexuelle Figuren kennt ihr?

Was hat euch daran gefallen oder gestört?

Welche Geschichten wollt ihr sehen/lesen?

Was daran wäre für ein allosexuelles Publikum interessant?

Gibt es Konflikte, die nur a_sexuelle Menschen/Figuren erleben können, und wenn ja, welche sind das?

 

Ideen aus der Diskussion:

Gesehen und nicht für gut befunden wurden Narrative, die sich über die „Seltsamkeit“ von a_sexuellen Menschen lustig machen.

Desgleichen gibt es Geschichten über a_sexuelle Figuren, in denen Sex in einer (romantischen) Beziehung als unabdingbar notwendig dargestellt wird. Auf die a_sexuelle Figur wird dann ein emotionaler Druck aufgebaut, bis sie „nachgibt“. Dies kommt einer Nötigung gleich, wird aber offenbar nur von a_sexuellen Menschen als verstörend wahrgenommen.

Gewünscht werden daher auch Geschichten, die eine Anleitung geben, wie über solche Konflikte gesprochen werden kann, sodass hinterher alle Beteiligten (und nicht nur der allosexuelle Teil) zufrieden sind. Dass eine zufriedenstellende Lösung auch eine einvernehmliche Trennung sein kann, kam ebenfalls zur Sprache.

Von schlechter Gay Romance kamen wir so auf den Roman „How to Be a Normal Person“, worüber die Meinungen geteilt waren. Einerseits wurde der offene Umgang mit dem Thema A_sexualität gewürdigt. Allerdings wird auch hier versucht, die Hauptfigur, Gus, zur „normalisieren“, inklusive einmal ungebetenen Hanfkonsums per Keks.

Der Wunsch nach glücklichen a_sexuellen Figuren wurde geäußert. Also nicht solche, die generell glücklich sind, denn die taugen wenig als Hauptfiguren, sondern solche, die a_sexuell sind und statt diesbezüglicher Ängste einfach die üblichen Probleme haben: Zombies, böse Magier*innen, Mörder*innen, kaputte Waschmaschinen etc. Die sexuelle Orientierung der Figur sollte erwähnt werden, um Ratespiele zu vermeiden, darf aber anderweitig kein Thema sein oder in einem Subplot (=Nebengeschichte) abgehandelt werden.

Geschichten, die ich nur über a_sexuelle Menschen erzählen kann, wären die o.g. Verhandlungen und Geschichten, wie eine Person auf das Wort „Asexualität“ stößt und sich damit in einem Findunsprozess identifiziert. Auch das Thema Kinderwunsch könnte eine Rolle spielen, denn der ist für a_sexuelle Paare nicht immer ganz einfach zu erfüllen. Andere Ideen: Eine Welt mit vorwiegend a_sexuellen Bewohnern, oder vielleicht nur eine WG aus Personen im a_sexuellen Spektrum, die nun mit einem nicht-asexuellen Mitbewohner zurande kommen müssen.

Insgesamt braucht es mehr Abbildungen, um Schablonen wie dem „asexuellen Junggesellen“ Sherlock entgegenzuwirken. Wir haben ein Spektrum!

Eine Teilnehmerin schlug vor, autobiographische Statements zu sammeln, sodass die Vielfalt sichtbar wird. Die Vortragende selbst hofft auf/plant eine Kurzgeschichtensammlung.

Kritisiert wurde, dass vielfach eine Romanze als Subplot dient, die anscheinend die Figuren menschlicher machen soll, „im wildesten Kugelhagel“ aber eher unglaubwürdig bleibt bzw. für a_sexuelle und/oder a_romantische Menschen zusammenhanglos im Raum steht, also eher als Plotloch empfunden wird denn als Bereicherung.

Insgesamt wird auch gehofft, dass die a_sexuellen Abwesenheiten besser benannt werden. Neben Fernsehserien wie Sherlock und The Big Bang Theory wurde Gaming genannt: Bei manchen Spielen kann eine sexuelle Orientierung der Spielerfigur angegeben/ausgewählt werden, aber nicht A_sexualität, sodass diese zwar aus Handlungen lesbar wäre, aber letztlich unsichtbar bleibt. Denn für Abwesenheiten und „Nein“ kann es viele Gründe geben.

Nebenbei wurde die Vortragende noch nach ihren Schreibgewohnheiten und Veröffentlichungen gefragt. Eine prominente a_sexuelle Figur (ace/aro und genderqueer) findet sich in Heilika in der „Albenbrut“-Duologie, wo sie die drittwichtigste Person ist.

Schlussendlich noch zwei Literaturhinweise zur Schreibtheorie:

Lisa Cron: „Wired for Story“ und der Klassiker von James N. Frey: „How to write a damn good novel“/“Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“

Gender hinterfragen

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Am letzten Wochenende habe ich einen interessanten Vortrag über Transsexualität und die Beratung von transsexuellen Menschen gehört habe. Ein Fakt: Väter haben meistens mehr Probleme mit ihren transsexuellen Kindern als Mütter. Nebenbei führte ich diesbezügliche Gespräche und bekam dann noch bei Facebook eine Frage dazu, also blubbert es gerade in mir.

Verwiesen sei auch auf einen Post von Ozymandias über „cis by default“.

Jedenfalls stellen wir fest: Es gibt Menschen, die nie über ihr Geschlecht bzw. Gender nachdenken mussten. Sie passen in die bei der Geburt aufgemachte Schublade und erfüllen die Standards, welche die Gesellschaft ihnen auferlegt, ohne sich dafür innerlich oder äußerlich verbiegen zu müssen.

Ozymandias vermutet, dass darunter Menschen sind, die keine besonders ausgeprägte Form von Geschlechtsidentität kennen, den Wunsch nach einer Transition deshalb nicht verstehen können und daher trans*-feindliche Sprüche ablassen.

Jedenfalls gab es eine Zeit, als ich mir die Frage stellte, ob ich nicht besser als Junge rausgekommen wäre. Das auszupuzzeln dauerte ein wenig, da über so was in meinem Umfeld wenig gesprochen wurde und ich in der Steinzeit noch kein Internet zur Verfügung hatte  (Mitte der Neunziger).

Ich konnte die Frage dann mit einem klaren Nein beantworten: Ich hatte und habe kein Problem damit, weiblich zu sein. Ich habe aber ein Problem damit, wie Frauen und solche, die dafür gehalten werden, angeschaut werden.

Ich spekuliere einfach mal, dass Leute, die ihr Geschlecht hinterfragen mussten, generell gegenüber transsexuellen und transgender Menschen aufgeschlossener sind, weil sie die Fragen kennen, wenn auch die Antworten sehr anders ausfallen.

Ich spekuliere weiterhin, dass mehr cis-weibliche Menschen solche Fragen stellen, weil sie in einer Gesellschaft leben, in der es immer noch diejenigen einfacher haben, die als Mann angesehen zu werden.

Ich spekuliere noch weiter, dass deswegen Mütter weniger Probleme mit ihrem transsexuellem Nachwuchs haben als Väter.

Nur so. Kann sein, dass das völliger Unsinn ist. Meinungen?

Linkspämmchen: Berliner Manifest, Blog

Nuvola LGBT flag borderless

Für jene, die es noch nicht kennen, darf ich das Berliner Manifest hier kurz vorstellen – eine Erklärung darüber, dass GSRMs/Menschen aus der LSBTTIQA+ -Buchstabensuppe nicht wünschen, von Rechtspopulist*innen gegen andere Minderheiten ausgespielt zu werden.

Oder: Zum Wettern gegen die „bösen Muslime“ sind wir gut, aber wehe, wir fordern die absolute Gleichbehandlung ein …

(Das Gleiche gilt im Übrigen für Frauenrechte – die werden auch nur so lange verteidigt, wie besagte Gruppen Angst gegen „Ausländer“ schüren können.)

 

In eine völlig andere Richtung geht der Neuroqueer-Blog, geschrieben von Menschen, die sich in der Buchstabensuppe verorten, und außerdem neurodivergent sind. Trotz der unregelmäßigen Updates ist der bisher vorhandene Inhalt mehrere Blicke wert.

Um neuroqueer zu zitieren:

Neurodivergent sind Menschen, die in ihrer „Hirnverdrahtung”, im Funktionieren des Gehirns nicht den „gängigen” Normen entsprechen.

Beispiele sind:

  • Autist_innen

  • ADHSler_innen

  • Menschen mit Depressionen

  • Menschen mit Traumafolgen (PTBS, dissoziative Störungen)

  • Menschen mit Psychoseerfahrung/-erleben

  • Menschen mit Persönlichkeitsstörungen

  • usw.

 

 

 

Sex ist eben nicht überall

Siegelmarke Der Rath zu Dresden Direktion der Fleischbeschau W0323469Nachdem ich mir „Fleischmarkt“ von Laurie Penny zugelegt habe und beinahe zum zweiten Mal durch bin, kann ich nun eine Frage differenzierter beantworten, die mir schon häufiger gestellt wurde.

Es wird ja behauptet, dass Sex überall sei – in der Werbung, in Zeitschriften, in Filmen, Büchern, etc. Wie gehst du als a_sexuelle Person damit um? Findest du das nicht eklig?? Stört dich das nicht???

Ich war dann immer ein wenig verwirrt, denn Bilder von halbnackten Frauen an jeder Ecke stören mich schon, aber nicht, weil ich sie eklig finde.

Die kurze Antwort lautet: Sex ist eben nicht überall.

Auch wenn sehr viele Leute das glauben, und nicht zu wenige anti-sex Aces, Medienvertreter*innen und konservative Populist*innen dieser Verwechslung aufgesessen sind.

Was überall ist, ist Erotik, die einmal von allem organischem Material befreit wurde. Mit der Andeutung von Sex, anzüglichen Witzchen und/oder dem Versprechen auf orgasmisches Vergnügen wird ein Haufen Zeugs verkauft. Deos, Damenrasierer, Pralinen, Autoreifen, etc. Dass dieses Versprechen niemals eingehalten werden kann, ist klar, denn die gephotoshoppten Bilder von weißen Frauen mit Schlafzimmerblick haben mit Schleim, Schweiß und Spucke von echtem Sex ungefähr so viel zu tun wie ein Mittelaltermarkt mit Köln anno 1250.

Was mich also stört, ist, dass cis-weibliche Körper dazu genutzt werden, uns Zeugs zu verkaufen. Gleichzeitig vermitteln sie uns, welchem unerreichbaren Ideal wir hinterherstreben sollen. Weiß, schlank, sauber, immer feminin konnotiert angezogen, rasierte Beine, perfekte Frisur, bloß nicht fordernd, etc pp.

Mich stört, dass du in dieser Gesellschaft als Frau, oder ein Mensch, der dafür gehalten wird, immer perfekt, und damit erotisch sein musst, um anerkannt zu werden, aber dabei niemals billig wirken darfst. Du sollst tanzen können wie eine Stripperin, aber wehe, du strippst tatsächlich für Geld.

Aargh.

Was mich außerdem stört, ist, dass zu viele dieses Märchen glauben. Dass zu viele diese Grundsätze so verinnerlicht haben, sodass sie über (andere) Frauen, und solche, die sie dafür halten, lästern, wenn diese das Ideal nicht erfüllen. Was dann andere wieder dazu zwingt, sich zehnmal zu überlegen, ob sie ihre Beine nicht doch rasieren sollen, aus Angst, zu unsexy zu wirken, selbst, wenn ihr*e Partner*in dazu keine Meinung hat.

Manche quälen sich durch Fitnesskurse (kosten Zeit und Geld), futtern Tabletten gegen sogenannte überflüssige Pfunde (kosten Geld und taugen nichts) und kaufen all das andere Zeug, das sie angeblich brauchen, um dem Ideal nahe zu kommen.

Gelegentlich haben ich den Eindruck, dass ich nur genug von den richtigen Sachen kaufen muss, um eine richtige Frau zu sein …

Diese Ansprüche fühlen sich an wie ein modernes Korsett – und sollen wohl eins sein, denn wenn mehr Frauen, und solche, die dafür gehalten werden, mehr Energie in den gesellschaftlichen Wandel, in die Forderung nach gleicher Arbeit etc. stecken würden … dann wäre schön was los. (Hoffe ich wenigstens.) Immerhin kaufen wir angeblich 80% des Zeugs, das produziert wird.

Im Gegensatz dazu habe ich mit beziehungsratgebenden oder sexspielzeugtestenden Zeitschriften und (gut) geschriebenen, ehrlichen Sexszenen sehr viel weniger Probleme. Auch wenn ich letztere lieber nicht selbst produziere und sie ohnehin selten zu finden sind. Für den mies geschriebenem Sex gibt’s einen „Zurück“-Button oder eine Scrollfunktion.

(Andere a_sexuelle Menschen gehen Sexszenen und explizitem Material aber lieber ganz aus dem Weg, was völlig legitim ist.)

In diesem Sinne: Riot, don’t diet.