Sprachvorschriften und neutrale Pronomen

cover jinntoechter

In meinem neuen Roman arbeite ich mit neutralen Pronomen für die namensgebenden Jinn (oder eher: Jnun). Dazu habe ich einen bestehenden Vorschlag leicht abgewandelt und landete  für die Personalpronomen bei „sier, sien(…), siem, sien“, und dem passenden Artikelset „dier, dies, diem, dien“.

 

Anna Heger hat noch mehr eigene und fremde Vorschläge gesammelt, und auch sonst sind mir schon Optionen begegnet.

„nin, nimsen …“ aus der Sylvain-Konvention gefällt mir klanglich sehr gut, ist aber unintuitiv.

Neuere Vorschläge sind „xier, xies …, oder gar nur „x“.

So als Sprachschaffende mit Ansprüchen an den Klang: Aua.

Von einem literarischen Standpunkt aus sind „xier“ oder „x“ nicht hübsch, weil X kein besonders deutscher Buchstabe ist, vor allem nicht am Wortanfang. Tatsächlich komme ich auf 334 Druckseiten Roman mit 9 Wörtern aus, die ein X beinhalten. Davon ist nur eins kein aus dem Lateinischen entlehntes Fremdwort, nämlich „feixen“.

Über Sinn und Unsinn von Gender werde ich nicht diskutieren, denn ich halte die Tatsache, dass manche Menschen ein Ich-Geschlecht haben, das weder männlich noch weiblich ist, schlicht für eine statistische Notwendigkeit.

Und hier differiere ich von Jordan Peterson.

Wie komme ich auf diesen Hochschulprofessor aus Kanada?

Tatsächlich hat eine mir bekannte Person, die am liebsten „das“-Pronomen hätte, einen Link zu einem Video mit Jordan Peterson geteilt.

Und ich muss sagen, der Typ hat was drauf und versteht es, Leute zu ermutigen.

Kurz auf deutsch zusammengefasst: „Sprich deine Wahrheit. Du wirst auf den Deckel bekommen. Sprechen ist gefährlich, aber noch gefährlicher ist es, zu schweigen, denn ohne Meinungsäußerungen passiert nichts. Dann hör anderen zu, die dir ihre Wahrheit sagen. Und im Gespräch und in dessen Verfielfältigung kommt ihr dann zu einer besseren Welt.“

Was für eine Motivation, die Klappe aufzureißen, nicht wahr?

Leider erlangte Jordan Peterson negativen Internetruhm, weil er gegen eine Gesetzesnovelle in Kanada protestierte. In dieser geht es um den Sprachgebrauch in Institutionen. Dieses Gesetz macht eine Verwendung von neutralen Pronomen bei genderqueeren Personen verpflichtend.

Grund für den Shitstorm: Jordan Peterson weigert sich, Worte zu benutzen, die ihm aufgrund politischer Ziele von oben aufoktroyiert werden. Er hält es für unmöglich, dass Menschen tatsächlich ein Ich-Geschlecht haben können, das weder männlich noch weiblich ist (oder beides, etc.)

Allerdings sagte er auch in einer Fernsehdebatte etwa Folgendes: „Bring mir ein Pronomen – im Gegensatz zu dem halben Dutzend, das rumschwirrt. Eines, das Leute tatsächlich verwenden und das ich nicht mit dem Plural „they“ verwechseln kann. Dann habe ich kein Problem, obwohl ich nicht daran glaube. Aber ich weigere mich, mir das derzeitige halbe Dutzend Optionen zu merken und eine Abmahnung zu kassieren, wenn ich sie mir nicht merken kann oder sie versehentlich der falschen Person zugeordnet habe.“

Und da muss ich sagen, das Argument kann ich verstehen.

Englisch und Deutsch funktionieren von unten nach oben. Irgendwer prägt ein neues Wort oder eine neue Verwendung für ein bestehendes Wort. Findet der Rest der Welt das nützlich, verbreitet es sich, und wenn es eine gewisse Verbreitung erreicht hat, wandert es als Teil des Sprachschatzes ins Wörterbuch.

Demzufolge muss bei den neutralen Pronomen Folgendes passieren: Die Vorschläge werden zunächst von einer kleinen Gruppe getestet. Wenige Vorschläge schaffen es in eine breitere Öffentlichkeit. Sofern die Menschen in dieser breiteren Öffentlichkeit einen dieser Pronomenvorschläge nützlich finden, wird er sich verbreiten und irgendwann im Duden ankommen.

Sehr viele Unwägbarkeiten. Sehr viel irgendwann.

Jedenfalls besah ich mir alle Pronomenvorschläge und wählte dann den aus, den ich für intuitiv erfassbar hielt und von dem ich glaube, dass er in der gesprochenen Sprache tatsächlich eine Chance hat.

Wir sehen uns dann in fünf bis zehn Jahren deswegen wieder und schauen, ob ich richtig geraten habe.

16 Gedanken zu „Sprachvorschriften und neutrale Pronomen

  1. „Von einem literarischen Standpunkt aus sind “xier” oder “x” nicht hübsch, weil X kein besonders deutscher Buchstabe ist, vor allem nicht am Wortanfang.“

    Endlich, endlich sieht das mal jemand wie ich! :-)

    Ich glaube, es war Benjamin Lee Whorf, der postulierte, jede Sprache habe eine Art „Wortbildungsformel“, anhand derer sämtliche Vokabeln dieser Sprache gebildet werden. (Linguist:innen mögen mich ggf. korrigieren.) Zur deutschen Formel gehört, dass der Wortanfang üblicherweise nicht mit dem Laut „ks“, bzw. dem Buchstaben X gebildet wird. Es geht dabei gar nicht nur um den Buchstaben X, sondern um den Klang. Die an einer Hand abzuzählenden deutschen Wörter, die mit „ks“ anfangen, sind deshalb allesamt Fremdwörter. Man muss nicht völkisch oder national argumentieren, um festzustellen, dass sich ein X am Wortanfang für deutsche Sprecher:innen trotz der paar gewohnten Fremdwörter irgendwie zumindest unbewusst „fremd“ anhört.

    Ich habe dieses Problem sogar schon einmal mit Anna Heger selbst besprochen, die aber, fürchte ich, nicht so wirklich verstanden hat, was mein Punkt ist. Eine Wortbildung, die nicht „deutsch klingt“, sondern eher wie eine Klicklautsprache vom Aldebaran oder eine schrullige Nerd-Erfindung, wird sich mit geringerer Wahrscheinlichkeit im deutschen Sprachgebrauch durchsetzen als eine, die der deutschen Wortbildungsformel folgt und sich so in die Ästhetik der deutschen Sprache einfügt.

    Nun mag man argumentieren, gerade dieser Befremdungeffekt könne dafür sorgen, dass die Neuerung Aufmerksamkeit erhalte, als Werbeeffekt für die dahinterstehende Philosophie sozusagen. Ich finde das nicht mal völlig abwegig und habe deswegen einige Zeit lang den Gender-Stern verwendet, der so hübsch aus dem Schriftbild herausragt: eine strategische Irritation.

    Für den wünschenswerten Übergang in den Alltagsgebrauch ist aber, wie du am Ende völlig richtig anmerkst, solch eine Dauer-Irritation einfach nicht geeignet. Es muss eine Lösung her, die sich einigermaßen „glatt“ in den Sprachgebrauch einfügen lässt. Das ist für mich der Grund, seit einiger Zeit statt des Sternchens einen Doppelpunkt einzufügen: Der Zweck bleibt erhalten, aber das Schriftbild wird nicht mehr „fleckig“.

    Das betrifft freilich nur Nomen im Schriftgebrauch und nicht die Pronomen, für die ich nach wie vor keine Lösung gefunden habe, die mich befriedigt.

    • Deinen Doppelpunkt find ich auch geil, ich glaube, ich muss das mal ausprobieren.
      Ich würde mir ja gern einbilden, meine Pronomenlösung sei ziemlich gut, aber Widerspruch ist erlaubt … dazu reden wir miteinander.

  2. Obwohl ich deinen Gedanken zur Alltags-Evolution von Sprache folgen kann, habe ich kein grundsätzliches Problem damit, wenn bestimmte Sprachcodes in Institutionen vorgeschrieben werden. Das passiert nämlich ohnehin längst.

    Nehmen wir an, ein:e Beamte:r gewöhnt sich an, offizielle Bescheide mit „Ahoi, Herr Plotzki!“ oder „Huhu, Frau Diallo!“ zu beginnen. Obwohl das niemandem schadet, sondern eigentlich sogar ganz lustig wäre, würde sich irgendwann eine vorgesetzte Person melden und einfordern, doch bitte die üblichen Vorgaben einzuhalten. Uneinsichtigkeit würde vermutlich irgendwann schmerzhaft sanktioniert.

    Bei diesem Beispiel käme aber wohl niemand von denen, die beim Gender-Sternchen der Grünen von „Gender-Diktatur“ und „Gedankenpolizei“ schwadronieren, auf die Idee, einen ähnlichen Aufstand zu veranstalten und vom Ende jeglicher Freiheit zu unken.

    Sprache WIRD bereits verordnet. Jeden Tag. Wo wir Lösungen finden, die den Bedürfnissen aller Menschen besser gerecht werden, spricht meines Erachtens nichts dagegen, in bestimmten nicht-privaten Zusammenhängen die Verordnungen anzupassen.

    Gerade bei institutionellen Schriftwechseln, in denen nur selten Pronomen notwendig sind, ist genderneutrale Sprache übrigens extrem leicht: „Guten Tag, Kim Alex Meier! Wir können Ihnen mitteilen, dass…“ Einige Firmen machen das schon seit Jahren; von irgendwelchen Missverständnissen oder untergegangenen Kulturnationen ist mir nichts bekannt.

    • Hmm. Ich werde da mal noch weiter drüber nachdenken. (Heute ist zu spät.) Gegen eine Verordnung in der Schriftsprache habe ich lustigerweise auch nicht viel (wozu verdammt muss die Buchmesse Leipzig wissen, ob ich Herr oder Frau bin und kann nicht einfach das Feld offen lassen?) – aber bei mindestens vier zusätzlichen Sätzen Pronomen für die gesprochene Sprache (wie ich sie auf Englisch schon gesehen habe) … kann ich verstehen, warum wer auf die Barrikaden geht.

  3. „Englisch und Deutsch funktionieren von unten nach oben. Irgendwer prägt ein neues Wort oder eine neue Verwendung für ein bestehendes Wort. Findet der Rest der Welt das nützlich, verbreitet es sich, und wenn es eine gewisse Verbreitung erreicht hat, wandert es als Teil des Sprachschatzes ins Wörterbuch.“
    Veränderungen brauchen Zeit, um angenommen zu werden. Und je stärker Ideen an der Basis der Gesellschaft verankert sind, desto schwerer ist es, notwendige Veränderungen zu bewirken.
    Wie der Zaunfink bin ich auch auf der Suche nach Möglichkeiten innerhalb unserer Sprache, beispielsweise durch neutrale Begriffe wie „Studierende“ oder „Lehrpersonal“ / „Lehrkörper“. Sternchen und dergleichen stellen auch für mich nur eine Zwischenlösung dar – die in der Belletristik störend wirken würde.
    Bisher erscheinen mir die von dir gewählten Pronomina auch am stimmigsten. Aber vielleicht findet sich in Dialekten noch das eine oder andere ;-)

    • „sell“ aus dem Badischen/Allemannischen hatte ich tatsächlich schon mal im Auge … War halt klanglich nicht der Brüller, daher verworfen.
      Ich versuche mittlerweile auch, ungegenderte Plurale zu verwenden, wo es nur geht.

      • Da sich die Sprache einer meiner ungeschlechtlichen Rassen (Faen) lose dem Englischen vergleichen lässt und ich diverse Dialekte im Moselfränkischen klanglich sehr mag, bietet sich für Talnia ein viertes grammatikalisches Geschlecht für „Geschlechtsunklare“ an, das in etwa „Dët – Sëi – Diët“ bzw. als Personalpronomen „Ët“ lautet. Die zwei Punkte sollen andeuten, dass es in der Gemeinsprache Talnias ein Lehnwort aus der Faensprache darstellt – und eben nicht ausgesprochen wird wie „den“. Könnte als von „That – They“ abgeleitet verstanden werden, de facto dienten die entsprechenden Pronomina im Neutrum aus dem Saarländischen als Vorlagen ;-) Bin gespannt, wie es sich liest.

  4. Was Anna Heger schrieb, fand ich seinerzeit interessant und bedenkenswert. Aber z.B. xier ist nicht leicht auszusprechen, xieser als Possessivpronomen finde ich mit meinem vom Deutschen geprägten Sprachgefühl nicht ganz logisch. Menschen machen sich aber die Sprache gerne bequem und vermeiden intuitiv das Schwierige und das (anscheinend) Unlogische. Insofern bezweifele ich, dass sich dass sich diese Vorschläge durchsetzen werden.

    • Ebenfalls. Wie fink schon anmerkte, die Disruption des Sprachflusses durch x und * hat System und Grund und kann an manchen Orten und Zeiten recht nützlich sein. (Um zum Beispiel überhaupt mal eine Diskussion zu eröffnen.)
      Wir werden sehen, was dabei rauskommt.

  5. Nach meiner Erfahrung empfinden die meisten Leute abweichende Pronomina nur als lästig, so sehr ich selbst ihren Sinn einsehe. Das ist bedauerlich, aber nur schwierig zu ändern.
    Ich finde sehr treffend, was Sie oben gesagt haben:
    „Sofern die Menschen in dieser breiteren Öffentlichkeit einen dieser Pronomenvorschläge nützlich finden, wird er sich verbreiten und irgendwann im Duden ankommen“
    Das wird, so denke ich, erst dann passieren, wenn es zu so etwas wie einer Gender-Individualisierung kommt, das heißt, wenn eine zunehmende Anzahl von Leuten die Auflösung des traditionellen Gender-Dualismus nicht mehr als Bedrohung begreifen, sondern als Chance, ihr eigenes Leben reicher und besser zu gestalten.
    (Es ist mir bewusst, dass dieser Kommentar zu dem literarischen Problem überhaupt nichts beiträgt. Ich wollte das nur mal gesagt haben.)

  6. Was doch vor allem mit den ganzen Fantasiepronomen transportiert wird ist die sozio-politische Gesinnung dessen, der sie verwendet. Zumindest ist mir noch nie jemand außerhalb des Queer-Feministischen Spektrums unterkommen, der sich dafür begeistert. Auf dieser Ebene geht es dann also schlicht um Macht und sozialen Einfluss einer bestimmten Denkrichtung. Ob dieser Ansatz dem friedlichen miteinander dienlich ist, ist eher fraglich. Es ist übrigens auch ein großer Unterschied ob man sich einfach nur neue Wörter/Begriffe ausdenkt oder ob man versucht die Regeln einer tatsächlich gesprochenen Sprache zu ändern (und das dann womöglich auch noch anderen Menschen vorzuschreiben versucht). Schon bei den Rechtschreibregeln empfinde ich das als problematisch aber wenn man an der Grammatik einer von Millionen Menschen gesprochenen Sprache herumpfuscht unter dem Vorwand die Gefühle von irgendwem nicht verletzten zu wollen wird es grotesk. Wer Genus und Sexus im Alltag nicht unterscheiden kann dem kann man es sowieso nicht recht machen.

    • Wir werden sehen, was passiert. Ich wollte tatsählich auch in keinem Staat leben, der mir ein neutrales Pronomen vorsetzt, das ich zu verwenden habe. Insofern: Ich hab meinen Ball im Spiel, andere ihren. Wir werden sehen, was bei rauskommt.

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