Männlichkeiten und Stammesdenken

Arnold Böcklin - Germanen auf Eberjagd

Das traditionelle Germanenbild kämpferischer Männlichkeit via Wikimedia Commons: Zwei Kerle in seltsamen Leibchen, die so bei den germanischen Stämmen gewiss niemand getragen hat. (Und wer ohne Speer oder Schusswaffen Wildschweine fangen will … und draufgeht: Selber schuld, sag ich.) Immerhin ist einer davon nicht blond.

Über einen kurzen Link bei der Mädchenmannschaft fand ich zu einem Artikel über Männlichkeit bei LOTTA, einer antifaschistischen Zeitschrift für NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen.

Der gesamte Artikel zitiert zur Argumentation einen Haufen misogyner Äußerungen, in denen neue und alte Rechte teilweise die Vergewaltigung feiern. Insofern sei beim Lesen Vorsicht geboten. Da manch ein zitierter Herr heuer für die AfD-Fraktion arbeitet, braucht eine vielleicht auch einen Eimer zum Reinkotzen.

Jedenfalls stehen nachdenkenswerte Sätze in dem Artikel.

Männer_Bande(n) und Krieg?

Männlichkeit, so Connell, steht nicht nur mit der Weiblichkeit als Gegenüber im Verhältnis, sie setzt vor allem die Männer untereinander in Beziehung. Diejenigen Männer, die selbst nicht (…) dem leitenden Bild von Männlichkeit entsprechen, müssen enorm viel Energie darauf verwenden, dem Idealbild des „echten Mannes“ hinterher zu jagen. Damit schaffen sie das Ideal immer wieder neu und erhalten somit das System aufrecht, das sie dazu antreibt.

Klar gibt es Konkurrenzdruck innerhalb jedes Geschlechtersystems — die meisten als Frauen sozialisierten Menschen werden wissen, dass niemand so sehr auf deinem Körper und Outfit herumhacken kann wie andere Frauen. Allerdings geht es nicht unbedingt darum, anderen Frauen die eigene Weiblichkeit beweisen zu müssen — meine weiblichen heterosexuellen Bekannten denken wohl kaum darüber nach, ob es unweiblich ist, wenn eine von ihnen ein Bier zischt, wohingegen ein heterosexueller Mann mit einem fruchtigen Cocktail in der entsprechenden Runde schon eher nachdenken müsste.

In der extremen Rechten herrschte seit jeher das Bild des „soldatischen“ und „kriegerischer“ Mannes vor, das eng mit der Weltsicht des Daseins als Kampf verknüpft ist. (…)

Donovan propagiert (…) eine „natürliche“, triebgesteuerte Männlichkeit, die durch Kampf, Revier, Antiintellektualität und Frauenhass geprägt ist. (…) Donovans Vorstellungen sind nicht nur extrem misogyn, sondern sie haben einen antiegalitären und antidemokratischen Kern. Männlichkeit ist für ihn gleichbedeutend mit Kampf und Durchsetzung der eigenen Interessen. Diskussion und Intellektualität sind für ihn weiblich, Zeichen der Dekadenz und des Niedergangs …

Bande/Stamm und Boden?

Witzigerweise habe ich mich in den letzten Wochen zwecks Recherche auf einem echt sympathischen heidnischen Blog rumgetrieben. (Ja, solche gibbet auch.) Dabei stieß ich auf eine kleine und äußerst lesenswerte Serie über Stämme: Teil 1, Teil 2, Teil 3

Und da fiel mir dann auf, dass diese Verteidiger der ursprünglichen Männlichkeit mit ihren Thor-Steinar-Uniformen ein echt schräges Bild von den germanischen Stämmen haben, die sie so gern als Idealbild heranziehen.

Zum Thema Blut und Boden schreibt MartinM:

Zu einer „typischen“ Stammesgesellschaft gehört in aller Regel ein Mythos über den Ursprung des Stammes. Meistens betrachten sich die Stammesangehörigen als Nachkommen eines mythischen Vorfahrens (…) und daher als eine einzige große Familie. Die Betonung liegt dabei auf „Mythos“, denn praktisch alle Stammesgesellschaften adoptieren Stammesfremde, nehmen sie in die „Stammesfamilie“ auf (…) Die West- und Ostgoten der Spätantike waren ebenso wenig alle Nachkommen (…) des legendären Königs Berings, wie die heutige weißen englischsprachigen protestantischen Bürger der USA allesamt Nachkommen der mit der Mayflower gelandeten Pilgerväter wären.

Ein Stamm kann zwar ein Gebiet als „Stammesland“ beanspruchen, ist aber, anders als ein (National-)Staat, nicht unbedingt an ein bestimmtes Territorium gebunden: Ein Stamm besteht, wie die Goten, fort, auch wenn er die ursprüngliche Heimat verlässt …

Und was da ist das mit Diskussionen, die als zu feminin verschrieen sind?

Stammeshäuptlinge (männlich / weiblich) müssen sich durch besondere Fähigkeiten auszeichnen. Besonders talentierte Jäger werden „Jagdhäuptling“, begabte Strategen „Kriegshäuptling“ usw. . Diese Häuptlinge üben ihr Amt meistens nur für eine begrenzte Zeit aus. Alle Häuptlinge müssen gute Diplomaten und Organisatoren sein. (…) Da Stammeshäuptlinge in der einen oder anderen Weise in ihrer Macht sehr beschränkt sind, herrschen sie vor allem durch die „Kraft ihrer Persönlichkeit“.

Allerdings neigt die Menschheit bekanntermaßen zum Tribalismus — siehe oben — Stammesdenken, wo keines hingehört.

In der Verhaltensforschung bezeichnet „Tribalismus“ etwas Anderes: Es ist die in allen menschlichen Gesellschaften zu findende moralisch-psychologische Anlage fast aller Menschen, ihre Stellung als Individuum immer in Beziehung zu konkreten Bezugsgruppen zu definieren. (…) Fühlen wir uns einer Gruppe zugehörig, zeigen wir intuitiv – manche Verhaltensbiologen würden sagen: instinktiv – altruistisches und kooperatives Verhalten. Gegenüber Menschen aus Fremdgruppen ist oft das Gegenteil der Fall. Wir sind misstrauisch, weniger empathisch und „Fremden“ gegenüber sogar tendenziell feindlich eingestellt. …

Stamm und Häuptling?

Und die Suche nach dem „starken Mann“, der sagt, wo’s langgeht?

Zwischen der Stammesgesellschaft im eigentlichen Sinne und staatlich verfassten Gesellschaften gibt es eine Übergangsform, das in der Politenthnologie als „Häuptlingstum“ bezeichnet wird. Häuptlingstum gibt es bei sesshaften Ethnien, die permanent herrschende Oberhäupter anerkennen. Solche Häuptlinge werden in der Geschichtsschreibung oft „Stammesfürsten“, manchmal auch „Stammeskönige“ genannt. Unter anderem unterscheiden sie sich von den „Häuptlingen“ in Stammesgesellschaften durch ihre umfassenden Befugnisse: der „Stammesfürst“ / die „Stammesfürstin“ ist in jeder Hinsicht Chef.

Das Häuptlingstum ist Folge einer zunehmenden gesellschaftlichen Ungleichheit, die verstärkt in arbeitsteilige Ackerbaukulturen, aber auch in manchen Hirtenkulturen auftritt. (…) Die arbeitsteilige Gesellschaft mit organisiertem Ackerbau und spezialisiertem Handwerk ist (…) so produktiv, dass Überschüsse erzielt werden, die gehortet oder getauscht werden können. Die (…) Ungleichheiten (…) führen dazu, dass diese Überschüsse nicht gleichmäßig verteilt werden und auch dazu, dass sie nicht jenen zukommen, die sie durch ihre Arbeit erwirtschaftet haben. (…)

Von staatlich organisierten Gesellschaften unterscheiden sich Häuptlingstümer unter anderem dadurch, dass es kein Gewaltmonopol gibt. Zum Gewaltmonopal gehört ein ausreichend großer „Erzwingungsstab“ in Form einer Garde (…), aber auch von Steuereintreibern usw., mit dessen Hilfe die Regierung ihre Entscheidungen durchsetzen könnte. Häufig können die Häuptlinge nicht einmal allein entscheiden, sie sind auf die Mitwirkung des Stammes oder der Ältesten angewiesen und müssen ständig mit Intrigen und Revolten rechnen.

Eine fragt sich da schon, ob daher die Paranoia mancher Möchtegern-Häuptlinge stammt. (Ahem.)

Diverse Intrigen und derlei gibt’s in den isländischen Sagas übrigens zuhauf zu begutachten. Wer zum klassischen Altertum neigt, lese bei Homer etc. nach.

Noch wichtiger allerdings finde ich diese Bemerkung:

Nur wenn die (erweiterte Familie), der Clan oder die Gefolgschaft des Häuptlings über zahlreiche Arbeitskräfte verfügt, kann sie einen Produktionsüberschuss erwirtschaften, der für ihre Verpflichtungen und die für Häuptlingstümer typischen internen Machtkämpfe ausreicht. Nicht zufällig ist Sklavenhaltung in Häuptlingstümern weit verbreitet; in einer egalitären Stammesgesellschaft wäre sie unsinnig. Häuptlingstümer sind häufig expansiv bis eroberungssüchtig, getrieben u. A. vom ständig steigenden Bedarf an Arbeitskräften. Kriegsgefangene werden normalerweise versklavt.

(Hervorhebung von der Zitierenden.)

Wenn ich jetzt mal um zwei Ecken denke und ein paar Vergleich ziehe:

Wir hatten das anno 33 bis 45 ja schon, das mit dem starken Mann und dem tribalistischen Denken. Wir hatten einen Häuptling namens Adolf Hitler, der einen kompletten Staat zum expansiven, parasitären Häuptlingstum ummodelte. Im Gegensatz zu den alten Stammeskönigen konnte er sich dabei eines Gewaltmonopols bedienen.

In Häuptlingstümern sterben laut MartinM circa 25 Prozent ihrer Mitglieder eines gewaltsamen Todes. In Staaten zehn Prozent oder weniger.

Wir haben derzeit weniger.

Fazit

Wir brauchen alles Mögliche in diesem Land. Starke Männer, die sagen, wo’s langgeht, fehlen auf dieser Liste allerdings.

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