Gutaussehend?

Oder: Wenn die minderheitenbedingte Wahrnehmung das Schreiben beeinträchtigt.

Anderswo sagte DasTenna, dass sie keine Ahnung hat, was es bedeuten soll, wenn jemand eine andere Person als „gutaussehend“ beschreibt.

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Dieser Typ ist wahrscheinlich nicht nur gutaussehend, sondern auch sexy.

Ich kann das nachvollziehen. „Gutaussehend.“ Was soll ich mir da drunter vorstellen? Ich weiß ja nicht, was die andere Person denkt. Vielleicht ist „konventionell gutaussehend“ gemeint? Oder auch nicht — die in der Fanfiction verbreitete Sitte, über die Wangenknochen diverser Schauspieler zu seufzen, verstehe nicht nur ich nicht. Oder wenn ich in einem vollen Café eine Frau finden soll, die „blond und gutaussehend“ ist — das ist schon ein sehr weites Feld.

Ich kann zwar aus dem, was Leute sagen und schreiben, herausfiltern, was üblicherweise als „gutaussehend“ gilt. Oft meinen sie damit wohl „sexy“ — und ich habe nur eine vage Ahnung, was „sexy“ im Kopf von allosexuellen Menschen bedeutet.

„Gutaussehend“ ist für meine Minderheit noch ungenauer als für den Rest der Welt.

Ungenauigkeit ist üblicherweise der Feind der Erzählenden, weil sie die Vorstellungskraft behindern kann: Zu wenige Details sind genauso schädlich wie zu viele.

Zu viele Details behindern den Lesefluss: Dann wissen die Lesenden nicht, wo sie zuerst hinschauen sollen und vergessen vor lauter Klein-Klein, dass da auch eine Handlung ist. (Letztere Unsitte hat mich einst davon abgehalten, „Der Turm“ fertigzulesen. Zu viel Beschreibung geht mir auf die Nerven, wenn sie von außen gesehen keinem weiteren Zweck dient, als sprachlich schön zu sein.)

Zu wenige Details sind Stolperfallen. „Ein großes Haus“? Ist das die dreistöckige Gründerzeitvilla oder ein moderner Bau mit geschwungener Fensterfront? Oder ein Wohnblock aus den Siebzigern mit fünfzig Parteien? Wehe, die einen stellen sich das erste vor und landen in der zweiten oder gar der dritten Möglichkeit: Dann ist erstmal Blinzeln und ein mühseliger Neuaufbau des fiktionalen Traums angesagt. Das wird auf die Dauer lästig. Das mag mit einer Augenfarbe, die erst spät im Text erwähnt wird, noch angehen, aber größere Stolperer können den Lesenden durchaus den Spaß verderben.

Oder: Wie unordentlich ist unordentlich? Muss die Kommisarin über Stapel alter Zeitungen am Boden steigen oder hat der Ermordete nur sein Bett nicht gemacht?

(Hier kann ich sowohl die Person, die die Unordnung verursacht hat, als auch die beobachtende Person charakterisieren. Was fällt wem auf?)

Hässlich. Gutaussehend. Wie bei jedem Klischee und Allgemeinplätzen: Ein Etikett drauf und fertig. Gedanken um Grübchen oder sonst was überflüssig. Faulheit, sagen die einen. Praktisch, die anderen.

Ich hänge schreibtechnisch irgendwo dazwischen: Ich kann verstehen, warum viele Leute „gutaussehend“ ein praktisches Wort finden.

Das liegt daran, dass ich Liebesromane (oder wenigstens Liebesgeschichten) geschrieben habe. Viele Lesende dieses Genres möchten sich diesen oder jenen Typen halt gern so vorstellen, wie sie sich „gutaussehend“ und damit sicher auch „sexy“ definieren. Heißt: Die Autorin stellt Haarfarbe, Augenfarbe, die ungefähre Größe und ungefähre Figur zur Verfügung und verzichtet auf genauere Angaben. Details wie ein ausgeprägtes Kinn könnten hinderlich sein, weil manche Lesenden das vielleicht als unsexy empfinden.

Ist das auch der Grund, warum so oft fliegende Oberkörper auf M/M-Romance-Texten sind? Damit alle sich nach Geschmack ein Gesicht dazu denken können?

Ich gehe davon aus.

10 Gedanken zu „Gutaussehend?

  1. „Wehe, die einen stellen sich das erste vor und landen in der zweiten oder gar der dritten Möglichkeit: Dann ist erstmal Blinzeln und ein mühseliger Neuaufbau des fiktionalen Traums angesagt.“
    Darf ich die Formulierung verwenden, wenn ich lektoriere? Ich nenne das immer „Neukonfigurieren des Kopfkinos“.

    Ansonsten: Ich bin auf dem Spektrum und weiß ungefähr, was du meinst. Ich habe das Problem, das du mit „gutaussehend“ meinst oft mit dem Wort „süß“ gehabt. Was um alles in der Welt ist ein „süßer Boy“?
    Da ich zeichne, konnte ich zumindest sagen „Jemand sieht ästhetisch aus“ (aka: hat angenehme Gesichtsproportionen, die ich gerne malen würde, wenn ich nicht so unfähig wäre), aber das ist meist auch nicht sonderlich hilfreich …
    Vermutlich hast du Recht, dass Allgemeinplätze dazu dienen, mit den eigenen Vorstellungen gefüllt zu werden. Wenn man solche nicht hat … hat man verringerte Lesefreude, weil man sich die Personen im Buch vollkommen gesichtslos vorstellt. So geht es jedenfalls mir :D

    • Heh. Der Witz ist, ich brauch mir gar keine genauen Gesichter vorzustellen, um mitzufiebern.
      Und ja, „süß“ ist auch relativ, wobei ich dank diversem Konsum einschlägiger Medien durchaus ein Bild von dem habe, was die meisten „süß“ finden. Und ich habe auch ästhetische Vorlieben, die ich gerne anschaue und wo ich dann tatsächlich „süß“ oder „schnuckelig“ sage, falls mal wer fragt. Aber zum Hinschreiben in Romanen und Kurzgeschichten taugt das eher nicht.
      Ansonsten: Der „fiktionale Traum“ ist von James N. Frey, dem Mann mit dem „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“. Insofern hab ich da keine speziellen Rechte drauf.

      • Das stimmt, so nötig sind die genauen Gesichter nicht – nur manchmal hilfreich, wenn man sich nicht alle Charaktere als graue Blobs vorstellt :D. Dem Blob wenigstens eine Perücke aufsetzen ist praktisch.
        Ich werde immer sehr ungläubig angeschaut, weil ich zu den meisten meiner eigenen Charaktere gar kein richtiges mentales Bild habe. Eigentlich nur von sehr wenigen, die mich begleiten, seit ich 14/15 bin. Die anderen sind mehr so … Cartoons.
        (Bei mir kommt allerdings eine starke Gesichtsblindheit hinzu, sodass ich Manga/Cartoongesichter generell einfach besser auseinanderhalten und mir merken kann als reale Gesichter.)
        Ja, so ungefähr weiß ich auch, was die meisten unter „süß“ verstehen, stelle aber fest, dass ich genau das, was darunter verstanden wird, meist nicht als ästhetisch empfinde :D.

        Ah, gut zu wissen. Dann bleibe ich bei meiner Formulierung mit dem Kopfkino, das man sich beim Lesen nicht alle zwei Sätze niederreißen sollte :)

        • Blob mit Perücke. Okay, ich bin schon ein bisschen detaillierter, aber ich mache mir selten Gedanken, ob die Person Grübchen hat oder wie breit die Nase ist etc.

      • Als Leserin mache ich mir meist nur eine vage Vorstellung von den handelnden Personen. Andererseits war ich schon einmal ziemlich beleidigt, weil eine Person in einer Literaturverfilmung nicht nur anders aussah, als ich sie mir vorgestellt hatte, sondern auch anders, als die Autorin sie beschrieben hatte.

        Kennen Sie eigentlich „Paradies“ von Toni Morrison? Es geht (unter anderem) um eine weiße und mehrere schwarze Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen Unterschlupf in einem früheren Kloster suchen. Toni Morrison sagt absichtlich nicht, welche der Frauen weiß ist. Laut Morrison ist aber gerade das ein Punkt, der die Leser_innen sehr beschäftigt, und zwar so sehr, dass sie tatsächlich beim Verlag bzw. bei Morrison nachfragen. Da das eigentliche Thema des Buches Rassismus ist, ist das eine von Morrison sehr klug gestellte Falle, finde ich.

        • Oh, das habe ich mal angefangen zu lesen, kam aber nicht weit. Soweit ich mich erinnere, hatte sie eine sehr nichtlineare Art, das zu erzählen, das war mir zu dem Zeitpunkt zu anstrengend. Irgendwo ist es noch auf dem Reader, vielleicht wage ich mal einen neuen Anlauf.
          Aber ja, so etwas kann ein geschickter Kniff sein, um Leuten unter die Nase zu reiben, wie viel Bedeutung sie und die Gesellschaft derartigen Dingen beimessen.

  2. Bei der Mehrheit funktioniert es anscheinend. In „Weiß“ fiel meine Beschreibung des Verhörenden durch den Verhörten ähnlich spartanisch aus, wie du dich sicher erinnerst: „Blond, glattrasiert und athletisch.“ Der Witz daran ist, dass ich von einer solchen Figur dann tatsächlich nur verschwommene Umrisse und Einzelheiten erkennen kann, nie aber ein Bild vor Augen habe. Ist halt aber auch nicht in jedem Kontext wichtig – in einem Roman und bei einer zentralen bzw. wiederkehrenden Figur sicher wichtiger als in einer Kurzgeschichte und bei einer eher drittrangigen Nebenfigur.
    Zu wissen, dass solche Ungenauigkeiten bei einem Teil der Lesenden funktionieren, kann durchaus hilfreich sein und zu interessanten Spielereien mit Erwartungen (u.a.) Anreiz geben.

    >>(Hier kann ich sowohl die Person, die die Unordnung verursacht hat, als auch die beobachtende Person charakterisieren. Was fällt wem auf?)<<
    Die Subjektivität könnte, um beim Beispiel "unordentlich" zu bleiben, etwa dadurch verdeutlicht werden, dass bei der handelnden Figur eine Wohnung bereits als "unordentlich" gilt, in der zwei Legosteine auf dem nicht ganz eben liegenden Teppich verstreut sind ;-)

    • Ich wundere mich immer, dass manche Leute so detaillierte Bilder von vielen ihrer Figuren haben. (Aber ich wundere mich auch über die detaillierten Bilder deiner Möbelstücke, die du hast.) Ich schwöre, die einzige derartige Person ist Tankred, weil ich den nach dem jungen Ewan McGregor gemodelt habe. Der Rest … egal. Jedenfalls scheint es sehr unterschiedlich zu sein, wie detailliert eine Person sich Dinge vorstellen muss, um darüber eine handwerklich solide Geschichte abzuliefern.

      • Das passiert bei mir automatisch, je tiefer ich in einer Geschichte drin bin. Es ist fast, als würde sich die Welt vor mir aufbauen. Ich sehe diese Details, ich weiß um sie. Umso schwerer, sie draußen zu lassen, wenn es entweder situativ oder perspektivisch nicht passt.

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