Zickenterror?

In meinem kleinen Bericht von der BuchBerlin hatte ich ja schon angekündigt, dass ich das Panel „Wer liest und schreibt Gay Romance?“ ein bisschen auseinandernehmen wollte.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/b/b1/Straight_Ally_flag.svg/320px-Straight_Ally_flag.svg.png

Allein unter Heten (oder solchen, die ich dafür hielt)

Oben auf dem Podium saßen also ein Heteromann (Respekt) und sechs Menschen mit weiblichen Pronomen, ergo Frauen (oder wenn nicht, dann haben sie diesbezüglich nichts gesagt), die auch oder ausschließlich auf Männer stehen.

Logischerweise wurde denn auch gefragt, was die Kolleginnen dazu bewegt, „Gay“ zu schreiben. Neben dem Zufall und schwulen Bekannten spielte da der Sexiness-Faktor  eine nicht unerhebliche Rolle. Außerdem kamen sie alle überein, dass es irgendwie einfacher und interessanter sei, über Männer zu schreiben. Oder dass sie einfach keine Frauen schreiben könnten.

Ja. Richtig gelesen.

Da dachte ich zunächst: Mädels, was habt ihr für eine Vorstellung von euren Leidensgenossinnen? Wieso macht ihr euch auch hier gegenseitig runter? Reicht es nicht, wenn wir über A’s Klamotten, B’s Figur und C’s Zickenterror lästern? Ist das ein weiterer Beweis für internalisierten Sexismus?

Und: Wieso hatte ich noch nie Probleme mit weiblichen Figuren?

Dann wurde ausgeführt: Es gäbe bei Pärchen aus Männern weniger Stereotypen (je älter das Genre wird, desto fraglicher) und frau müsste sich nicht mit der Dame des Pärchens identifizieren, da selbige ja nicht vorhanden ist.

Schlussendlich stellte eine dieser Kolleginnen im privaten Gespräch fest, dass es dabei hauptsächlich um Schwierigkeiten mit Frauen in Pärchen geht. Figuren, die zufällig Frauen sind und ansonsten ihr Ding machen, scheinen weniger betroffen.

Also geht’s um Stereotypen in Liebesromanen.

In diesem Genre gibt es anscheinend nur zwei Varianten von Frauen:

1. Gutherzige Exemplare, die einen starken Mann zum Anlehnen brauchen und gerettet werden müssen: Diese werden von den Autorinnen für ihre Schwäche verachtet.

2. Erfolgreiche Powerfrauen, die jeden haben könnten und unter dem weiblichen Publikum vor allem Neid schüren.

Ich lese keine klassischen Hetero-Liebesromane und hege eine gewisse Abneigung gegen romantische Komödien, insofern kann ich nicht behaupten, dass ich weiß, inwieweit diese zwei Varianten den Markt dominieren. Ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht wissen und rege mich lieber über den Mangel an komplexen weiblichen Figuren in den Marvel-Filmen auf, wo zumeist Typ 2 auffindbar ist.

Jedenfalls scheinen die meisten echten weiblichen Wesen sich zwischen den beiden Polen oder gar jenseits davon aufzuhalten.

Angelernte Denkbeschränkungen?

Wir sind Schriftstellerinnen. Wir denken uns von Berufs wegen Zeugs aus.

Trotzdem gibt’s ja nicht nur von den Podiumsdikutantinnen, sondern auch von sehr vielen anderen weiblichen Schreibenden nicht viel Neues bezüglich des heteronormativen Wahns: Wenn die Prinzessin nicht im Turm sitzt, muss sie Lara Croft (oder Black Widow)  sein, also sich wie Rambo mit Brüsten verhalten.

Wieso sind so viele uns nicht in der Lage, die Klischees zu umschiffen, zu brechen oder ihnen einfach mal den Mittelfinger zu zeigen?

Da ich vor allem Figuren schreibe, die zufällig Frauen sind, kenne ich offensichtlich das Problem nicht. Allerdings hatte ich trotzdem schon mit internalisiertem Sexismus zu tun und erwische mich manchmal immer noch dabei, dass ich denke „Frauen sind immer x und sollten nicht dies oder jenes tun, Männer sind immer y und sollten nicht dies oder jenes tun“, was gequirlter Bockmist ist.

Ich behaupte mal, dass die patriarchale Indoktrination bei den meisten von uns hervorragend gewirkt hat.

7 Gedanken zu „Zickenterror?

  1. Vielen Dank für Deinen Beitrag.

    Ich war ja auch bei der Diskussion dabei und hab schon verstanden, dass heterosexuelle Frauen eben auf Männer verstehen. Daher schreiben sie gerne Gay Romance und damit kann ich persönlich leben.

    Als es aber dann Richtung, ich kann nicht über Frauen schreiben, sie sind so und so und so, da habe ich abgeschaltet (zumal ich die QueerCon sowieso nicht so überzeugend fand, aber ich lass milde walten, weil es die erste war).

    Aber du hast mir da wirklich aus der Seele geschrieben. Danke schön.

    • Bitteschön. Meiner aktivistischen Seele war die Con, soweit ich sie mitgekriegt habe, tendenziell ein bissl zu brav/unpolitisch.

      • Die Con war deswegen unpolitisch, weil es vorrangig um romantische Unterhaltungsliteratur ging. Das sind zwei Themen, die man selten zusammenmischt. ;-)
        Dein Artikel gefällt mir, liebe Carmilla. Ich bin in der Literatur immer auf der Suche nach den besonderen Frauenfiguren, die jenseits der zwei Extrempole existieren. Und habe mich in meinem ersten Roman selbst an einer solchen versucht. Schade, dass sich viel zu wenige Autorinnen trauen.

        • Bitteschön. Tja … ich stehe halt auf dem Standpunkt, dass Privates immer auch politisch ist. Und wie gesagt, ich frage mich eben, ob es was mit „sich trauen“ zu tun hat oder nicht vielmehr damit, dass wir gelernt haben, und selbst klein zu reden.
          Ansonsten starke Frauen, wenn du Fantasy liest: N.K. Jemisin (Englisch, fast alles, kann gut Romance-Subplots), Kate Elliott (Englisch, Spiritwalker Trilogie), Max Gladstone (Englisch, Three Parts Dead), Patricia Strunks Inagi-Serie.

  2. Ich fand die Zeit für ein derartiges Panel ohnehin zu kurz (traf auch auf andere zu), um alle Bereiche anzusprechen. Gay ist ja an sich nicht = schwul, und ich persönlich mag auch durchaus Lesbian Romance schreiben, mir gehts da eher um das Konfliktpotential. Allerdings gebe ich offen zu, dass ich zwei Männer in einer romantischen Beziehung anziehender finde.
    Ich mag keine Heteroromanzen lesen, weil sie tatsächlich immer eins der beiden Frauenbilder bedienen. Und ob nun die Aussagen von uns paar Repräsentanten des Genres nun allgemeine Gültigkeit haben, sei mal völlig dahingestellt :-)
    Gruß rih

    • Hi, danke für den Besuch – sieben Leute auf einem 45-Minuten-Panel war schon sehr gedrängt, da gebe ich dir recht, und ob die Stichprobe repräsentativ ist: Wer weiß das schon?
      Männer anziehender zu finden, werde ich dir gewiss nicht ankreiden ;)
      Aber offenbar sind die Genrekonventionen im Romance-Sektor doch so eng, dass sich manche Romance-schreibende Frauen in M/F-Geschichten selten bis gar nicht wiederfinden, was ich dann doch irgendwie schräg bis bezeichnend finde.

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