Distanzen und Romanzen

Dies ist eine etwas umständliche und ausschweifende Betrachtung über Juliane Seidels „Nachtschatten: unantastbar“, auf das ich durch einen Buchtausch gekommen bin.

Nachtschatten01

Marcus Johanus meint, dass eine romantische Liebesgeschichte jeden Plot besser macht, und in einem hat er recht: Menschen machen sich selten so angreifbar in ihren Wünschen, Hoffnungen und Unsicherheiten wie in einer romantisch-sexuellen Paarbeziehung.

Das funktioniert natürlich nur, wenn die Leser*innen diese Unsicherheiten auch spüren können, sonst bleibt es bei einer Behauptung. Ich, in deren Kopf Sex und Romanze weitgehend getrennt voneinander funktionieren, bin wahrscheinlich noch einmal schwerer zu überzeugen als andere.

Außerdem reagiere ich ziemlich empfindlich auf die allgegenwärtige Verwechslung von Liebe und Begehren. Wenn ich Liebesschwüre als reines Resultat von Hormonen wahrnehme, habe ich meistens wenig Geduld für das betreffende Paar.

Damit stecke ich in der Bewertung mancher Bücher in einer Zwickmühle, so auch bei Juliane Seidels Roman.

Worum geht’s?

Lily kann die Schutzengel aller Menschen und Wesen sehen, mit ihnen kommunizieren und mit ihrem Schutzengel, Adrian, die Plätze tauschen. Im Auftrag des „Rates“ betätigt sie sich daher unter Anleitung ihrer Patentante Alina als Jägerin von Wesen (Vampire und Werwölfen beispielsweise), die den Frieden zwischen den verschiedenen Völkern stören oder den völlig ahnunglosen unmagischen Menschen etwas von den übersinnlichen Dingen verraten könnten.

Nachdem Lily einen Neuling beim Rat trifft, den geheimnisvollen Magier Silas, scheinen alle plötzlich Geheimnisse vor ihr zu haben – oder besser: noch mehr Geheimnisse als sonst. Zwischen Mordkomplotten und fiesen Oberzauberern entspinnt sich eine Romanze zwischen Lily und Silas.

Wieso glaube ich die Romanze nicht?

Ich fühlte mich ein wenig an die Welt von Buffy erinnert, ohne dass Juliane Seidel bei Joss Whedons Serie abgeschrieben hätte: Sehr angenehm. Allerdings bin ich Team Spike, nicht Team Angel, und Silas mit seiner brütenden Aura und den braunen Haaren erinnert an Angel …

Unsinn.

Vor allem krankt die Liebesgeschichte für mich ein wenig an Überstürztheit. Das hat mit meinen eigenen Hang-ups von oben zu tun (Hormone!), aber auch mit der Wahl von Stil und Erzählperspektive, denn eigentlich haben Silas und Lily viel Zeit, nämlich zweihundert Seiten, um sich näher zu kommen.

Um mal zwei Beispiele zu zitieren, was ich mit Stil meine:

„Im fahlen Licht des Mondes leuchteten seine verlängerten Eckzähne weiß auf, verliehen seinem Gesicht eine gefährliche Attraktivität, die Lily sowohl ängstigte als auch faszinierte.“

„Sein jugendliches Gesicht war hübsch, aber ausgemergelt …“

Hier treffen wir auf Wertungen, beziehungsweise bekommen wir erzählt statt gezeigt. Das ist nicht verboten, aber in manchen Fällen unpraktisch, da so etwas eine recht große Distanz zwischen Figur und Leser*in schafft. Und mit einer solchen Distanz ist es schwierig, das verletzliche „Umf“-Moment einer Romanze einzufangen. Ich jedenfalls habe diesbezüglich keinen entsprechenden emotionalen Schlag in die Magengrube verpasst bekommen. Wir werden sehen, ob sich das im zweiten Band ändert.

Und sonst?

Außer einer für mich etwas missglückten Romanze bekommen wir auch: Einen verliebten schwulen Schutzengel – und das dürfte es nicht geben. Lesbische Werwölfinnen. Eine Heldin, die außen etwas schluffig und innen zu neugierig ist. Eine angenehme Beiläufigkeit, was zahlreiche Nicht-Hetero-Paarungen angeht. Ein origineller Weltenbau mit einem mir bis dato nicht bekannten Konzept von den Ursprüngen der Magie. Eine spannende Story, deren Ende ich unbedingt kennen möchte.

Insofern bereue ich meinen Ausflug in die Young Adult Urban Fantasy auf keinem Meter und verlinke hiermit zur PDF-Leseprobe.

Zickenterror?

In meinem kleinen Bericht von der BuchBerlin hatte ich ja schon angekündigt, dass ich das Panel „Wer liest und schreibt Gay Romance?“ ein bisschen auseinandernehmen wollte.

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Allein unter Heten (oder solchen, die ich dafür hielt)

Oben auf dem Podium saßen also ein Heteromann (Respekt) und sechs Menschen mit weiblichen Pronomen, ergo Frauen (oder wenn nicht, dann haben sie diesbezüglich nichts gesagt), die auch oder ausschließlich auf Männer stehen.

Logischerweise wurde denn auch gefragt, was die Kolleginnen dazu bewegt, „Gay“ zu schreiben. Neben dem Zufall und schwulen Bekannten spielte da der Sexiness-Faktor  eine nicht unerhebliche Rolle. Außerdem kamen sie alle überein, dass es irgendwie einfacher und interessanter sei, über Männer zu schreiben. Oder dass sie einfach keine Frauen schreiben könnten.

Ja. Richtig gelesen.

Da dachte ich zunächst: Mädels, was habt ihr für eine Vorstellung von euren Leidensgenossinnen? Wieso macht ihr euch auch hier gegenseitig runter? Reicht es nicht, wenn wir über A’s Klamotten, B’s Figur und C’s Zickenterror lästern? Ist das ein weiterer Beweis für internalisierten Sexismus?

Und: Wieso hatte ich noch nie Probleme mit weiblichen Figuren?

Dann wurde ausgeführt: Es gäbe bei Pärchen aus Männern weniger Stereotypen (je älter das Genre wird, desto fraglicher) und frau müsste sich nicht mit der Dame des Pärchens identifizieren, da selbige ja nicht vorhanden ist.

Schlussendlich stellte eine dieser Kolleginnen im privaten Gespräch fest, dass es dabei hauptsächlich um Schwierigkeiten mit Frauen in Pärchen geht. Figuren, die zufällig Frauen sind und ansonsten ihr Ding machen, scheinen weniger betroffen.

Also geht’s um Stereotypen in Liebesromanen.

In diesem Genre gibt es anscheinend nur zwei Varianten von Frauen:

1. Gutherzige Exemplare, die einen starken Mann zum Anlehnen brauchen und gerettet werden müssen: Diese werden von den Autorinnen für ihre Schwäche verachtet.

2. Erfolgreiche Powerfrauen, die jeden haben könnten und unter dem weiblichen Publikum vor allem Neid schüren.

Ich lese keine klassischen Hetero-Liebesromane und hege eine gewisse Abneigung gegen romantische Komödien, insofern kann ich nicht behaupten, dass ich weiß, inwieweit diese zwei Varianten den Markt dominieren. Ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht wissen und rege mich lieber über den Mangel an komplexen weiblichen Figuren in den Marvel-Filmen auf, wo zumeist Typ 2 auffindbar ist.

Jedenfalls scheinen die meisten echten weiblichen Wesen sich zwischen den beiden Polen oder gar jenseits davon aufzuhalten.

Angelernte Denkbeschränkungen?

Wir sind Schriftstellerinnen. Wir denken uns von Berufs wegen Zeugs aus.

Trotzdem gibt’s ja nicht nur von den Podiumsdikutantinnen, sondern auch von sehr vielen anderen weiblichen Schreibenden nicht viel Neues bezüglich des heteronormativen Wahns: Wenn die Prinzessin nicht im Turm sitzt, muss sie Lara Croft (oder Black Widow)  sein, also sich wie Rambo mit Brüsten verhalten.

Wieso sind so viele uns nicht in der Lage, die Klischees zu umschiffen, zu brechen oder ihnen einfach mal den Mittelfinger zu zeigen?

Da ich vor allem Figuren schreibe, die zufällig Frauen sind, kenne ich offensichtlich das Problem nicht. Allerdings hatte ich trotzdem schon mit internalisiertem Sexismus zu tun und erwische mich manchmal immer noch dabei, dass ich denke „Frauen sind immer x und sollten nicht dies oder jenes tun, Männer sind immer y und sollten nicht dies oder jenes tun“, was gequirlter Bockmist ist.

Ich behaupte mal, dass die patriarchale Indoktrination bei den meisten von uns hervorragend gewirkt hat.