Zur Konzeption von Homophobie in „Albenerbe“

Meineeine knobelt immer noch am Klappentext rum, aber das Nixblix ist mit einem Schreibblog neu am Start und hat sich auf eins meiner Postings berufen, also bekommt das geschätzte Publikum jetzt ein veritables Monster über einen Teil meines Weltenbaus.

Sexismus = Homophobie?

(tw: sexualisierte Gewalt)

Irgendwann habe ich mal Spekulationen gelesen, dass der hiesige Hass auf Männer, die Sex mit Männern haben, einiges mit Sexismus zu tun hätte, und dass sich Frauen und solche, die dafür gehalten werden, am besten mit schwulen Männern verbünden sollten.

Die Probleme sind eindeutig assoziiert – historisch gesehen haben diejenigen Männer, die Bottoms sind oder als solche bzw. als feminin wahrgenommen werden, mit mehr schlechten Meinungen zu kämpfen als Tops.

Klassiche Nonsens-Frage daher: „Welcher von euch ist die Frau?“

Ein anderer assoziativer Ansatz ist der Ableismus: Du verhältst dich anders, also musst du krank sein, also therapieren wir dich. Im Zweifelsfall, bis du als Gemüse rauskommst oder aus Verzweiflung Selbstmord begehst.

Vor derlei Vorurteilen sind auch Fantasy- und SF-Autor*innen nicht gefeit – wir können immer nur in einem gewissen Rahmen spekulieren und reflektieren grundsätzlich die Gesellschaft, in der wir leben. Wir extrapolieren immer vom Status Quo, enweder nach vorne oder seitwärts.

Sexuelle Minderheiten in der mir bekannten Literatur

Wenn es um Menschen oder Wesen geht, die nicht heteronormativen Ansprüchen genügen, dann sind mir bislang mehrere Ansätze begegnet.

  • Sie kommen nicht vor, und deswegen kann ich nur indirekt Rückschlüsse auf die Existenz von Homo- bzw. Queerphobie in der entworfenen Welt ziehen (z. B. Herr der Ringe)
  • Sie werden dezent verschwiegen und nachträglich per Interview geoutet, was mir zumindest beweist, dass es so etwas wie Homophobie in der gebauten Welt gibt (z.B. Harry Potter)
  • Sie bekommen Nebenrollen, die mir beweisen, dass di*er Autor*in sich mit den Begleiterscheinungen auseinandergesetzt hat (z.B. Trudi Canavans Black Magician-Trilogie, Rothfuss‘ Name des Windes)
  • Sie bekommen Hauptrollen.

In den meisten Texten der letzten Variante, die ich gelesen habe, muss ich eine homophobe Grundhaltung der Gesellschaft annehmen oder bekomme sie gleich auf dem Tablett serviert. Über die Ursachen des Hasses bleibt zu spekulieren. Ringil in A Land Fit For Heroes hat es mit einer so eindeutig sexistischen Welt zu tun wie unserer, und auch Canavans Schwarzmagier bewegen sich in dieser Richtung.

Gelegentlich überrascht mich die Abwesenheit von derartigen Feindseligkeiten in Mainstreamtexten (N.K. Jemisin ist meine Göttin), im Gegensatz zu Gay Fantasy als Subgenre des Liebesromans, wo diesbezüglich häufiger Friede, Freude und Eierkuchen herrscht.

Preisfrage: Was passiert, wenn eine Gesellschaft keinen Sexismus kennt?

In „Albenerbe“ habe ich das mal durchgespielt – in Centerre gibt es genug Frauen, die herrschen und/oder anderen per Magie den Hintern versengen können, sodass niemand annimmt, dass sie gefälligst still zu sitzen und hübsch auszusehen hätten. (Song.)

Irrwitzigerweise stellte ich aber fest, dass der von den Römern entlehnte Schicksalsglaube zu mehr statt weniger Transphobie führte – der von den Göttern gegebene Körper wird hier als eine Prüfung verstanden, die mit Würde zu tragen ist. Die „unpassende“ Kleidung zu tragen, wird als lächerlich und somit als nicht ausreichend würdevoll verstanden.

Auch, dass manche Leute eben zur Sklaverei bestimmt sind oder dass von Natur aus unterwürfige Menschen in der Sklaverei landen, ist dem Glaube an das Schicksal geschuldet. In Centerre gibt es diesbezüglich heftige Diskussionen, einige Staaten haben schon länger die Sklaverei abgeschafft, während andere sich immer noch fleißig per Unterdrückung bereichern.

Vergewaltigung dient oft als Unterdrückungsmechanismus, der sicherstellen soll, dass eine Person ihren Körper nicht mehr als etwas wahrnimmt, über das sie verfügen kann. Ich als Täter*in kann die Ansätze meines schlechten Gewissens prima umgehen, wenn ich behaupte, dass manche sexuellen Verhaltensweisen (z.B. Oralsex geben, beim Analsex Bottom sein) einer Neigung zur Unterwürfigkeit geschuldet sind und dass von Natur aus unterwürfige Personen demnach gar nicht vergewaltigt werden können.

Notiz hier, dass angenommen wird, dass alle Menschen das Verlangen nach derartigen Sexualpraktiken kennen, aber eben nur die mit einer bestimmten Charakterschwäche diesem Verlangen auch nachgeben.

Wir haben es also hier mit Homophobie zu tun, die mit Klassismus statt mit Sexismus assoziiert ist.

Der Druck wird hierbei aber nicht rechtlich ausgeübt, sondern nur sozial – Sex unter Menschen gleichen Geschlechts (oder solchen, die dafür gehalten werden) ist nicht verboten – sonst müssten sich diejenigen, die in den Genuss der vermeintlichen Unterwürfigkeit kommen, ja mit in der Verantwortung sehen.

So sind zwar in Friedlant Frauen und solche, die dafür gehalten werden, rechtlich schlechter gestellt, genauso, wie in manchen Staaten von Centerre Sklav*innen rechtlich schlechter gestellt sind, aber das hat erstmal keine Folgen für die sexuellen Minderheiten. Die Folgen ergeben sich aus sozialer Ächtung, die wiederum aus der Ähnlichkeit zu der benachteiligten Gruppe begründet wird.

Das sieht dann so aus: „Denen vermiete ich keine Wohnung.“ „Der hat einen schwachen Willen, den wähle ich nicht in Gremium X/mit dem mache ich keine Geschäfte.“ „Ich stelle keine Perversen ein.“ etc.

Henne-Ei-Problem

Je länger ich darüber nachdenke, glaube ich aber, dass der eine *ismus mit dem anderen gar nicht so viel zu tun hat, sondern dass der Sexismus bzw. Klassismus nur vordergründig als Erklärung dient und somit als Zeigefinger: „Du willst doch nicht so schlecht behandelt werden wie (marginalisierte Gruppe), also hab keinen Sex mit anderen Personen des gleichen Geschlechts.“

Ich gehe insofern davon aus, dass sexuelle Minderheiten auch dann ein Problem hätten, wenn alle anderen *ismen ausgeräumt wären, vor allem in Gesellschaften, die sehr auf Uniformität pochen. Je kleiner eine Gesellschaft ist und/oder je bedrohter sie sich fühlt, um so wichtiger scheint es, dass alle am gleichen Strang ziehen und sich auch „gleich“ verhalten. Solche, die sich dann trotz aller Bemühungen zur Assimilierung „anders“ verhalten, werden einer anderen Gruppe zugerechnet und verfolgt/bestraft, denn wer will sich schon für „die da draußen“ anstrengen bzw. an „solche Leute“ Ressourcen verschwenden?

Interessant wäre es jetzt, in wilder Spekulation zu Link 4 einen Bogen von dem seit Jahrhunderten in Europa aufgebauten „Der Orient ist böse und bedrohlich“-Glauben zu diesem Thema hier zu schlagen: Inwieweit haben die Eroberungszüge diverser islamisch geprägter Völkerschaften im Mittelalter und der frühen Neuzeit (Türken vor Wien etc.) den Konformismuszwang in der christlichen Welt verstärkt? Und inwieweit hat dann die Diffamierung der islamischen Völker als Sodomiten dazu geführt, dass diese weniger tolerant wurden?

Aber das sind viele andere Baustellen, zu denen ich keine Einträge verspreche.

xxx

Einige Referenzen zum Thema Vorurteile und Homophobie, alles Englisch:

[1] Psychology Today über Vorurteile gegenüber a_sexuellen Menschen

[2] Psychology Today über generalisierte Vorurteile

[3] Hating Gays: An Overview of Scientific Studies

[4] The Surprising History of Homosexuality and Homophobia (m.E. mit einer Prise Vorsicht zu genießen)

5 Gedanken zu „Zur Konzeption von Homophobie in „Albenerbe“

  1. Pingback: „But please, write us as people. As people. Not as ideas with missing hearts .“ – Nixblix´ simple Sicht der Dinge

  2. Entgegen des Anscheins welche diese Diskussionen hervorrufen, sind Homosexuelle eine Minderheit. Damit will ich keine Bewertung verknüpfen aber wenn sie nur entsprechend ihrer Verbreitung in der Literatur auftauchen würden, ich glaube es gibt etwa 5% unter uns, dann also in jedem zwanzigsten Buch. Eine Benachteiligung wäre also erst vorhanden wenn weniger als jede zwanzigste Person der Literatur, der Kunst, der Unterhaltung, homosexuell wäre. Ich habe den Eindruck, sie sind danach sogar überrepräsentiert.
    Die Römer hatten weniger „Probleme“ mit Homophobie? Die haben auch Sex mit Knaben gehabt, der Heute abgelehnt wird. Würde ich also nicht als Maß nehmen.
    Sklaven waren gar keine gleichberechtigten Menschen, nicht einmal Menschen im engeren Sinn. Die Griechen haben nur Männer mit eigenem Grund und Boden als Menschen anerkannt.
    Sexismus ist ja nur eine Variante der Gruppenausgrenzung um Macht zu erhalten, zu vergrößern usw. Die Menschen neigen dazu mit möglichst einfachen Mitteln andere Menschen vom eigenen „Futtertrog“ weg zu halten. Ob nun Rasse, Kaste oder Geschlecht, alles ermöglicht schnell und einfach ganze Gruppen abzuwerten.

    • Ich werde nicht widersprechen, dass 50% aller Fanfiction sogenannten Slash enthält … ob das mit käuflicher Literatur anders ist? Ich meine, schon. Schwule Männer sind im Vergleich zu anderen Minderheiten tatsächlich überrepräsentiert, was aber nicht heißt, dass sie insgesamt überrepräsentiert sind – dazu müsste wohl eine Person mit viel Geduld eine entsprechende Aufstellung machen …
      Ansonsten. Ich habe mit dem Beitrag auf die Behauptung Bezug genommen, dass eine Abwesenheit von Sexismus automatisch die Abwesenheit von Homophobie zur Folge hätte, und offensichtlich sind wir uns einig, dass das nicht korrekt ist.

      • Sexismus ist einfach eine Sonderform der kollektiven Gruppenbewertung. In milder Ausführung, weil einfach über Generationen kulturell verankert, nicht wirklich böse. Wenn real benachteiligend aber zu verurteilen.

        • Oh ja, die wenigsten Leute meinen es böse damit. Die beschützen dann ihre Söhne vor den rosa Sachen und der damit verbundenen negativen Bewertung. *seufz* Das einzige, was eine Autorin tun kann, ist, die Stereotype möglichst wenig zu reproduzieren, und, wo eine Reproduktion unvermeidbar ist, entsprechend zu reflektieren.

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