Plot und Konflikt: Die Vorher-Nachher-Schau

Wie schon vor zwei Jahren wollte ich diejenigen, die es interessiert, an einem Teil meines Überarbeitungsprozesses teilhaben lassen. Diesmal beweise ich anhand eines Auszugs aus Albenerbe – Das Blut von Königen, was ein paar gezielte Ergänzungen und Streichungen alles können.

Da das ziemlich lang wird, bitte hier klicken …

Betrachten wir das hier: Erste Version.

Mit dem Gespür eines wahren Gläubigen hatte Alea einen Schmied gefunden, der nicht nur bereit war, einen Ausländer ohne Ausbildungsurkunde einzustellen, sondern auch an etwas arbeitete, wofür die meisten Leute ihn für verrückt hielten.

Nägel mit Gewinde, die man irgendwo hineinschraubte wie einen Korkenzieher? Wer brauchte so etwas?

Als Tankred die Werkstatt betrat, brütete Alea mit dem Schmied über einigen Zeichnungen. Die beiden hätte man für Geschwister halten können – kurz, mit breiten Schultern und schwarzen Locken, aber Alea besaß neben der Tätowierung im Gesicht noch den hübscheren Hintern. Er erwiderte Tankreds Lächeln mit einer Langsamkeit, als ahnte er das Kompliment.

„Verzeiht bitte die Störung, Meister. Ich muss kurz mit Alea reden.“

Der Schmied nickte seine Duldung. Wie so viele hier vermied er es, mit Tankred mehr als nötig zu sprechen. In Divitania war es Männern zwar nicht verboten, es mit anderen Männern zu treiben, aber das öffentlich zuzugeben und dann noch den Eindruck zu erwecken, der Perverse der Beziehung zu sein – derjenige, der unten lag – das war den Leuten dann doch zu viel.

Und Tankred mit seinen friedländisch langen Haaren erfüllte jedes Vorurteil außer dem einen, von dem sie nichts wissen konnten.

Alea erhob sich. Gemeinsam schlenderten sie auf die Gasse, in der es von Hammerschlägen und Sägen hallte.

„Kapitän Colonios Magier ist ertrunken“, sagte Tankred. „Wir sind als Ersatz angeheuert. Beziehungsweise dürfen wir umsonst mitfahren, wenn wir ihm helfen. Heute Abend müssen wir am Schiff sein.“

Alea blinzelte. „Wir können morgen abreisen?“

„Wir können morgen abreisen.“ Tankred grinste.

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich mich bei dir für den Mord bedanken.“ Alea packte Tankred an den Schultern, zog ihn zu sich hinunter und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. „Ich muss noch mit einer Berechnung helfen. In spätestens einer Stunde bin ich da zum Packen.“

Kopfschüttelnd sah Tankred ihm hinterher und rieb an dem Rußfleck auf seiner rechten Schulter. Gut, dass er gewusst hatte, dass Alea ein Arbeitstier war, bevor er ihm sein Herz angetragen hatte.

Zwei Mädchen mit Einkaufskörben drängten sich an ihm vorbei, mit roten Köpfen und verlegenen Blicken zu ihm hin. Tankred nickte ihnen zu, was eine zu einem Kichern veranlasste, und trat den Weg zurück zum Gasthaus an.

So, ja. Noch wer eingeschlafen? Also, ich meine diejenigen, die nicht von der fluffigen Zuckerwatte Karies bekommen haben.

Gegenwärtig dient die Szene dazu, Aleas Aussehen zu beschreiben und Hintergrundinfos über Divitania zu liefern. Letztere brauchen wir nicht, denn die Figuren werden morgen das Land verlassen.

Fazit: Da die Szene dem Plot nicht dienlich ist, ist sie überflüssig und bedarf entweder einer Änderung oder der Streichung. Ich habe mich damals für eine Änderung entschieden, damit wir Alea zuerst aus Tankreds Sicht erleben, bevor ihn jemand kritisieren darf, der ihn gar nicht kennt.

Zu tun: Unnötige Beschreibungen und Gedanken raus, echter Konflikt rein. Da es in dem Roman um Un_abhängigkeit geht, weiß ich dann auch gleich, worüber sie sich uneins sein könnten …

Und das ist die Endfassung:

Mit dem Gespür eines wahren Gläubigen hatte Alea einen Schmied gefunden, der nicht nur bereit war, einen Ausländer ohne Ausbildungsurkunde einzustellen, sondern auch an etwas arbeitete, wofür die meisten Leute ihn für verrückt hielten.

Nägel mit Gewinde, die man irgendwo hineindrehte wie einen Korkenzieher? Wer brauchte so etwas?

Als Tankred die Werkstatt betrat, wartete Alea schon mit verschränkten Armen auf ihn. Der Schmied hingegen brütete über einigen Zeichnungen. Die beiden hätte man für Geschwister halten können – kurz, mit breiten Schultern und schwarzen Locken, aber Alea besaß neben der Tätowierung im Gesicht noch den hübscheren Hintern.

Tankreds Lächeln erwiderte sein Liebster jedoch nur mit einem hochgezogenen Mundwinkel.

„Verzeiht bitte die Störung, Meister. Ich muss kurz mit Alea reden.“

Der wartete nicht auf eine Erlaubnis, sondern hakte sich wortlos bei Tankred unter. Gemeinsam schlenderten sie auf die Gasse, in der es von Hammerschlägen und Sägen hallte, bis Alea anhielt und einen Kreis gegen Zuhörer zog.

„Haben sie dich entlassen?“

Warum schlug Alea ihm nicht gleich mit der Faust in den Magen. „Nicht du auch noch.“

Sein Liebster hob eine Braue.

„Guntrun hatte die gleiche Befürchtung.“ Als trauten sie ihm nicht zu, seine verfluchte Anstellung zu behalten.

„Ich hatte eine Ahnung, aber ich wusste nicht, ob es gute Neuigkeiten sind“, sagte Alea.

Das musste wohl als Entschuldigung genügen. Tankred strich sich eine lose Strähne aus dem Gesicht. „Heute Nacht ist der Magier eines purpureischen Schiffs ertrunken. Wir dürfen umsonst mitfahren, wenn wir dem Kapitän helfen. Aber Verpflegung müssen wir selbst mitbringen, weil er mich nicht mag. Er erwartet uns bei Sonnenuntergang.“

Alea blinzelte. „Wir können morgen abreisen?“

„Wir können morgen abreisen.“ Tankred grinste.

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich mich bei dir für den Mord bedanken.“ Alea packte Tankred, zog ihn zu sich hinunter und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. „In spätestens einer Stunde bin ich da zum Packen.“

Kopfschüttelnd sah Tankred ihm hinterher und verrieb den Rußfleck auf seiner rechten Wange. Wie gut, dass sein Liebster nicht ahnte, wie gern er für den Mord verantwortlich sein wollte.

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