Frau. (Rowling, zum Zweiten.)

Ich bin mit J. K. Rowling noch nicht durch, fürchte ich. Zu sehr beschäftigt mich die Diskrepanz von Werk und Twitter-Verlauf.

Poetin_von_Pompeji

Zunächst möchte ich auf ein paar interessante Text zur Debatte verweisen.

Die großartige Laurie Penny zerlegte mit einem langen (und logischerweise englischen) Text das britische Problem mit den trans-exkludierenden radikalen Feministinnen (TERFs).  (Merci an fink für den Hinweis!)

Is womanhood a social construct, a personal identity or a material form of oppression based in biological reproductive difference? The answer is yes. The answer is all of the above.

Ist Frausein ein soziales Konstrukt, eine Selbstbeschreibung oder eine materielle Form der Unterdrückung, die auf einem biologischen reproduktiven Unterschied gründet? Die Antwort ist Ja. Die Antwort ist „alles davon“.

Dass J. K. Rowling jemanden als „tapfere Feministin“ bezeichnet, die offenbar regelmäßig andere auf Twitter mit groben Flüchen überzog, und sich auch die Studienlage nach Gusto zurechtbiegt, beweist Brie Hanrahan in mühevoller Kleinarbeit.

(Grundsätzlich sollten Flüche und Schimpfwörter in Online-Debatten etwas wohldosierter eingesetzt werden, als es derzeit der Fall ist. Egal, worum es geht, und wenn die andere Person noch so rechtsaußen/wasweißich argumentiert.)

Zur Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland und den zugehörigen Verteilungskämpfen um Aufmerksamkeit hier Dorothee Markert über die Eroberung des Ehrentitels „Frau“.

Antje Schrupp bezieht sich bei ihrer Frage „Was ist eine Frau?“ dann darauf und zerlegt ebenfalls die Bedeutungsebenen von Biologie, sozialer und politischer Kategorie.

An Brillianz kaum zu überbieten ist Antje Schrupp aber bei der FAZ: Gibt es Frauen und Männer überhaupt?

Das feministische Projekt, das heute ansteht, bestünde hingegen darin, genau diese Personen – Menschen mit Uterus, die Kinder gebären (möchten) – als politische Subjekte zu positionieren, deren Interessen, Anliegen und Bedürfnisse nicht länger missachtet werden dürfen.

Das ist es nämlich. Menschen, die Kinder gebären (können), sind halt auch Menschen und keinesfalls nur die Ressource, als die sie der Rest der Menschheit lange genug behandelt hat.

Nach dieser ausstehenden Revolution hätte die Menschheit zwar immer noch genug Baustellen, aber eventuell wäre dann auch das mit der Transfeindlichkeit durch, da sich dann aufgrund des Geschlechts keine Hierarchien mehr bilden würden.

Auf der Suche nach einem Wort war ich übrigens auch schon, 2011: Kein Fräuleinwunder.

Denn sowohl „Mädchen“ als auch „Frau“ greifen für ihre Definition auf Sex und Ehe zurück, und mit diesen Konzepten kann ich nunmal persönlich eben wenig anfangen.

Als Jugendliche habe ich mit dem Frausein gehadert, denn das Erwachsenwerden als Menschenweibchen kommt eben mit der Erwartung, dass eins hinterher eine Frau zu sein habe. Damals war das für mich eine ominöse und kaum durchdringbare Mischung aus biologisch bedingter Zuschreibung, dem daraus folgenden Imperativ (Du wirst Kinder haben! Du sollst Kinder haben wollen!) und sozialer Kategorie (sei begehrenswert und verhalte dich auf eine bestimmte Weise, damit du einen guten Mann findest, mit dem du dann die Kinder hast, die du haben wollen wirst).

Dass diese Mischung aus Biologie und sozialer Kategorie auch für die meisten Erwachsenen kaum durchdringbar ist, hätte ich damals nicht vermutet.

Jedenfalls erwartet die zukünftige Frau (oder jemand, der dafür gehalten wird) ein ganzer Schwall von Mist, den, wie J. K. Rowling und auch schon Simone de Beauvoir treffend bemerkten, kein Mensch braucht und der bei vielen Jugendlichen eine verständliche Abwehrhaltung hervorruft.

Ich hatte also nie ein Problem mit meinen Teilen (außer als Jugendliche mit der monatlichen Nerverei, da schmerzhaft), sondern damit, wie diese Teile von anderen wahrgenommen werden.

Mittlerweile habe ich mit „Frau“ Frieden gemacht.

Frau also. Ein Menschenweibchen, das aufgrund dieser Biologie derzeit sozial als „Frau“ verortet wird und sich mit dem Geschlecht „weiblich“ beschreibt, obwohl etymologisch betrachtet „Frau“ weiterhin keinen Sinn für mich ergibt. Bin weder von Adel noch verheiratet, nicht wahr? Gelegentlich eigne ich mir die mittlerweile despektierliche Bezeichnung „Weib“ an, mit dem sächlichen Pronomen und allem.

Aufgrund meiner Sozialisation als zukünftige Frau habe ich unter anderem gelernt, meine Leistungen permanent kleinzureden und mich als impertinent zu fühlen, wo ich es gar nicht bin.

Weil ich möchte, dass es weniger Erwartungshaltungen an Menschen gibt, was ihr Fortpflanzungs- und Geschlechtsrollenverhalten angeht (das allen schadet), und weil ich den noch zu benamsenden Menschen mit der Fähigkeit, Kinder auszutragen, den ganzen Sumpf an Stereotypen ersparen möchte, durch den ich gewatet bin, um jetzt hier zu sein, deswegen bin ich „Frau“ derzeit vor allem als politische Kategorie. Das mag sich ändern und es war nicht immer der Fall.

Andere sind aus anderen Gründen „Frau“. Wäre ich jetzt eine TERF, würde ich meinen, dass mir jemand damit etwas wegnehmen will. Das wäre aber genauso unsinnig wie darauf zu bestehen, dass alle a_sexuellen Menschen gefälligst exakt den gleichen Weg wie ich zur Selbstbeschreibung „a_sexuell“ hinlegen und die gleichen Gründe dafür haben sollen. Ein Ding der Unmöglichkeit, eine verengte Sichtweise.

Sinnvoller wäre es dann doch, den Schulterschluss zu suchen und gegen all die Widerstand zu leisten, die die Durchsetzung Frauen- und Transrechte weltweit behindern oder den hiesigen Zustand zur Gesetzeslage der 1950er oder noch früher zurückdrehen möchten. Solidarität statt Verteilungskampf, sozusagen.

 

Bildquelle: Poetin von Pompeji, By Unknown, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32186465

2 Gedanken zu „Frau. (Rowling, zum Zweiten.)

  1. Mit ist schon klar, dass dich meine Meinung womöglich xxx interssiert. Wenn ich da irre, sage es mir gerne, ich kann mich sogar entschuldigen für Schubladendenken. Erlaube mir aber – aus Privilegiertensicht – dich auf was hinzuweisen: warum Frauen und Trans in einem Schwung? Ihr habt nix gemeinsam, nur das dagegen. Wie jede x-bielibige Strömung, die sich im DAGEGEN findet. Und vergisst, dass das DAFÜR den Ton macht.
    Mag stimmen, das ist privilegiert, als Mann weiß man sowas einfach. Nicht weil man besser ist, sondern weil man so aufwächst. Der Bundestag ist knüppelvoll it „meinesgleichen“ stimmt. Für mich was getan hat er nie. NIE.
    Das ist privilegiert. Da zu sein wo ihr alle hinwollt und euch beibiegen zu müssen, dass es nix bringt.

    Mach dennoch weiter, aber denk bitte dran, die andere Seite ist selten die andere Seite.

    • Also, was mein Einsatz für gleiche Rechte und Entwicklungsmöglichkeiten für alle Menschen (Männer eingeschlossen) mit einem Dagegen zu tun haben soll, ist mir schleierhaft.
      Dass nicht alle Männer (oder Frauen) gleich mächtig sind, ist mir auch klar. Es wäre einfach, aber wenig zielführend, zwei uniforme Lager aufzumachen.
      Warum ausgerechnet mein Text über Verwerfungen innerhalb der feministischen Community einen solchen Kommentar bekommt, frage ich mich allerdings auch.

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