Jinntöchter: Brandneu

cover jinntoechter

Diesmal keine Gay Fantasy, sondern ein Märchen.

Und: Eine Geschichte über das Geschichtenerzählen.

Worum geht’s?

Vor fünfundzwanzig Jahren haben die Helgen aus dem Norden das Land Iradoun eingenommen, doch dessen Reichtümer sind ihnen nicht mehr genug: Die nordischen Besatzer gieren nach den Schätzen südlich der Wüste. Gleichzeitig bereiten königstreue Verschwörer einen Aufstand vor und verbünden sich dafür mit einem Jinn. Dieser Jinn jedoch verfolgt seine eigenen Ziele.

In diesen Zeiten der Wirren und Verschwörungen lebt die Hure Maya, die sich nichts sehnlicher wünscht, als eine eigene Familie zu haben. Die Politik um sie herum ist ihr dabei gleichgültig. Erst als sie dem entlaufenen Zwangsarbeiter Khamer bei der Flucht vor den Besatzern ihrer Heimat hilft, begreift sie, dass sie sich den Intrigen nicht länger entziehen kann.

Noch ahnt niemand, dass in ihr ein Geheimnis schlummert, auf das es einer der Verschwörer besonders abgesehen hat.

Jinntöchter
K_ein orientalisches Märchen
338 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-946425-41-0

Leseprobe, Teaser Trailer 1

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Ausführliche Rezension bei Lovelybooks.

Und wer neugierig auf den Anfang ist, lese gleich weiter.

Jinntöchter – Erster Abend

Eine Geschichte?

Dann kommt näher. Meine Stimme reicht nicht bis in den hintersten
Winkel dieser Taverne.

Verzeihung, Herr Wirt. Gasthaus.

Natürlich wäre ein Mann lauter, aber keiner von euch braven Handwerkern
– wenn dein Geselle ungezogen ist, dann kann ich gern mit einer großen Schere
aushelfen – wie gesagt, keiner von euch kennt Geschichten aus Ländern, wo die
Leute eine andere Sprache sprechen als ihr.

Was? Es ist ein Unterschied, ob ich es erzähle oder jemand, der Helgisch mit
der Muttermilch aufgesogen hat, finde ich.

Ab und an werde ich auch Schmiermittel brauchen.

Ein Tee aufs Haus? Vielen Dank, Herr Wirt. Ich sehe, du erinnerst dich an
meinen letzten Besuch hier.

Aber nun zu meiner Geschichte. Es ist eine Geschichte aus meinem Heimatland
und einer weit entfernten Zeit – und trotzdem wird es euch manchmal so
vorkommen, als sähet ihr in einen Spiegel. Wer mutig ist, blickt länger hinein und
ist nachher vielleicht ein kleines bisschen weiser.

Jetzt macht es euch bequem, schließt für einen Moment die Augen. Spürt ihr
den Wüstenwind, der euch heiß ins Gesicht bläst und jede Feuchtigkeit stiehlt?
Spürt ihr, wie die winzigen Sandkörner über eure Haut schmirgeln?

Eure Haut, eure Lippen spannen. Und seht ihr, wie der Sand rot schimmert?
Dann folgt mir jetzt in das Land südlich des Meeres.

Es war einmal – vielleicht aber auch nicht – dass die Helgen dort ungern gesehen
waren. Jenes Land hieß, und heißt auch heute noch, Iradoun – was Fruchtbares
Land bedeutet. Die Bewohner nennen sich selbst die Dawanin, die Leute aus dem
Doun. Nach Süden begrenzt wird das Iradoun durch die Roten Berge, und dahinter
beginnt die Wüste.

Zu jener Zeit lag es erst eine Generation zurück, dass die Helgen die einzelnen
Fürstentümer des Iradoun durch List und Verrat erobert hatten. Kein Tag
verging, dass nicht irgendein Einheimischer die Helgen wenigstens in Gedanken
Shubkhin schimpfte – die gespenstischen Leute.

Die Dawanin glauben nämlich, dass in der Wüste im Süden nachts Gespenster
umgehen, Gespenster mit bunten Augen. Und jeder zweite Helge hat grüne
oder blaue Augen, nicht wahr? Die anderen haben hellbraune, und das ist den
Dawanin so gut wie gelb.

Noch zwei Jahrhunderte bevor die Helgen kamen, war das Iradoun ein Königreich
gewesen, doch der König war ohne Erben gestorben, als ein hungriges
Volk aus dem Osten einfiel. Jenes Volk brachte Pferde, Tee und gefalteten Stahl
mit. Es fand Gefallen am sesshaften Leben, ließ sich nieder und vererbte seine
Adlernasen weiter. Nach einigen Streitigkeiten unter dem neuen Adel zerbrach
das Land in Fürstentümer, Efiras genannt.

Die alte Königsstadt, Taqat, liegt am Fuß der Roten Berge. Umgeben von
einer vier Mann hohen Stadtmauer, die an jeder Ecke ein Rondell mit Geschützen
hat, erstrecken sich an einem nur leicht ansteigenden Hang Lehmhäuser mit
flachen Dächern, eins am anderen. Die Fenster und Türen sind blau gestrichen,
denn das hält die Fliegen fern. In den Innenhöfen, sofern sich die Bewohner einen
leisten können, wachsen Dattelpalmen, Maulbeer- und Pomeranzenbäume. Wo
es keinen Garten gibt, stellen die Menschen sich im Sommer wenigstens ein Zelt
aufs Dach, in dem sie nachts schlafen.

Bevor die Helgen kamen, war Taqat eine stolze Stadt gewesen, mit einem
prächtigen Palast und zahlreichen Tempeln für die drei Gottheiten, die die Dawanin
verehrten. Doch die Helgen hatten alle Tempel zerschlagen, sodass die
Brachen wie Lücken in einem ansonsten weißen Gebiss wirkten. Nur an manchen
Stellen hatten die Eroberer stattdessen ein Heiligtum für Harr errichtet, aus Fachwerk,
das Holz mit Fratzen beschnitzt, dass einem vor so viel grobem Handwerk gruselte. Und wenn ich die Ruinen mit Zahnlücken vergleiche, dann waren die
Heiligtümer wie verfaulte Zähne.

Ein weiterer Frühsommermorgen zog wolkenlos auf, über dieser Stadt ohne
eigene Götter, als eine junge Frau mit dem gelben Schleier einer Hure aus einem
Seiteneingang des Palasts des Statthalters schlüpfte.

Maya überholte eine Dienerin, die fünf flatternde, gackernde Hühner trug, wollte
um die nächste Ecke auf den Blutplatz vor dem Palast und prallte vor einer Mauer
aus Menschen zurück.

Die Leute waren still, einige standen auf den Zehenspitzen. Dann erklang das
eintönige Trommeln, mit dem die Helgen oft ihre Truppenbewegungen begleiteten.
Eine Hinrichtung?

Besser, Maya nahm einen Umweg. Doch die Dienerin mit den Hühnern war
stehen geblieben, und von hinten drängten noch weitere Schaulustige heran.
In diesem Fall blieb Maya nur die Flucht nach vorn. Sie senkte den Kopf und
zwängte sich durch die Menge zur Palastmauer, von der man üblicherweise einen
Schritt Abstand hielt.

Dank der Aussicht auf ein Spektakel beachteten die anderen weder den
gelben Schleier noch das blaue Auge. Sintram hatte sich entschuldigt, ihr vier
Silbereschen zusätzlich bezahlt und ihr einen ganzen Sack Zuckermandeln überlassen.
Es war wirklich nicht seine Schuld, dass sie bei Dunkelheit über seine, hm,
Spielzeugtruhe gestolpert war und sich den Kopf an der Bettkante gestoßen hatte,
aber das alles konnte natürlich keiner ahnen.

Die Trommeln waren verstummt, jemand las mit eintöniger Stimme auf Helgisch
die Liste der Verbrechen vor: Schmierereien am großen Harrsheiligtum und
anderswo, Verschwörung gegen die Staatsgewalt.

Mittlerweile war Maya hinter der hüfthohen Tribüne aus Holz angelangt, auf
der die Mächtigen und Reichen der Stadt sich zu solchen Anlässen niederließen.
Dicht an dicht saßen sie da und reckten die Hälse. Die Sonne spiegelte sich in
Juwelen, Goldschmuck und Seidenstoffen aus dem Osten.

Noch fünfzig Schritte bis zur nächsten Gasse.

Der Angeklagte, eine junge Stimme, brüllte: »Der König wird zurückkehren!
Und es wird euch allen leidtun!«

Maya runzelte die Stirn. Schon wieder einer dieser Königstreuen. Hatten die
Halbwüchsigen nichts Besseres zu –

Etwas Hellblaues flog ihr entgegen, sie zuckte zurück, trotzdem fand der kleine
Knubbel ihr Auge; einer, wie sie an den Streben eines Schirmes zu finden waren.
»Zift«, fluchte sie leise und wischte danach, etwas riss mit einem stumpfen Ton
wie eine ungestimmte Saite.

Tränen liefen über ihr Gesicht, ihr Auge brannte. Wie das Schicksal es wollte,
hatte es ausgerechnet das Gute erwischt.

Die Frau, der der himmelfarbene Schirm gehörte, stand auf und drehte sich
zu Maya um. Es war gar keine Shubkha, sondern eine von hier, in einem geschnürten
nordischen Kleid. Ihre schwarzen Locken hatte sie mit einem Netz voll
blauer Glasperlen gebändigt, passend zu dem Schirm, der jetzt einen Knubbel
weniger hatte und somit einer Reparatur bedurfte.

Maya presste die Lippen aufeinander und schickte die Verachtung zurück. Zu
einem gelben Schleier kam manche Frau viel schneller, als ihr lieb war.
Die Dame warf einen bedeutungsvollen Blick auf die nackte Strebe des
Schirms.

Und? Letztes Jahr hatte ein Kunde Maya einen aus rosafarbener Seide geschenkt,
mit kleinen Schleifchen dran. Maya hatte ihn genau einen Nachmittag
lang benutzt und dann verkauft. Immer brauchte sie eine Hand, um ihn festzuhalten,
und in den engen Gassen blieb sie dauernd hängen. Wer zu einer Hinrichtung
so ein Ding mitbrachte, war selbst schuld.

Die andere kniff die Augen zusammen, als sie merkte, dass Maya sich nicht
entschuldigen würde. »Das wirst du mir bezahlen.«

Der Mann rechts neben ihr drehte sich um und die Götter zogen Maya den
Boden unter den Füßen weg, ihr Magen wurde flau.

Gekleidet in ein dunkelblaues, golddurchwirktes Gewand, sah Rhulib u Gayb
auf sie herab. Er war, glaubte man den Gerüchten, der reichste Mann Taqats –
und ihr Onkel.

Seinem Lächeln nach zu urteilen, hatte er sie ebenfalls erkannt und weidete
sich nun an ihrem Unglück.

Jetzt erhob sich auch der Helge links neben der Frau mit dem Schirm und griff
nach seinem Schwertknauf. Irgendein höherer Beamter am Hof des Statthalters.
Maya wich einen Schritt zurück.

»Hat dieses Weib dich belästigt, meine Liebe?«

»Dieses Flittchen hat meinen Schirm zerstört!« Akzentfreies Helgisch.

Der Beamte schien die Augen verdrehen zu wollen. Wahrscheinlich hielt er
von Sonnenschirmen genauso wenig wie Maya.

»Es war keine Absicht, mein Herr.« Sein Verständnis galt es zu nutzen, sofern
ihn Mayas Akzent nicht beleidigte. Da war sie zur Hälfte helgisch, wenn auch
Bastard, und hatte nichts davon, brachte weder das H noch das R richtig heraus.
»Es tut mir sehr leid.«

»Oder vielleicht war es nur ein missglückter Versuch, meine Aufmerksamkeit
zu erregen«, sagte Mayas Onkel. »Vielleicht findet Ihr es in Euch, diesem bedürftigen
Weib zu verzeihen, meine Dame.«

Oh. Dieser … Wie konnte er es wagen! Maya hob ihr Kinn, und dennoch
brannte die Scham auf ihren Wangen.

Dann stieg Rhulib über die Bank, was Gemurmel und Unruhe unter den
anderen Zuschauern verursachte. Der Shubkhi, der rechts neben ihm saß – ein
kräftiger, blonder Krieger mit wasserhellen Augen, der für Rhulib arbeitete, seit
Maya sich erinnern konnte – drehte sich, schenkte Maya ein zahniges Grinsen
und wandte sich dann wieder der Hinrichtung zu.

Ein Schauer lief ihr über den Rücken, denn noch weniger als Männer, die
zu oft auf ihre Brüste starrten, konnte sie Männer leiden, die gar nicht auf ihre
Brüste starrten.

Erstaunlich geschickt für einen Mann um die fünfzig sprang Rhulib von der
Tribüne zu Maya auf den Boden. Der Beamte griff seine Frau am Arm, sie setzten
sich wieder.

»Was sollte denn das?«, zischte Rhulib auf Dawan. »Bist du schon so verzweifelt,
dass du mich in der Öffentlichkeit anbetteln musst?«

Mayas Hände ballten sich zu Fäusten. Sollte er doch glauben, was er wollte.
»Wie du aussiehst, scheint es mit der bestbezahlten Hure von Taqat nicht mehr
weit her, hm?« Aus einer Tasche förderte er einen Goldraben zutage. »Ich kann
einen davon im Monat erübrigen, wenn du mich von nun an in Frieden lässt.«

Einen Augenblick lang war Maya versucht, das Angebot anzunehmen, denn
so käme sie kurzfristig über die Runden, falls – wenn – sie sich entschloss, ein
Kind zu haben. Aber dann erinnerte sie sich an die gebrochenen Augen ihrer
Mutter, die vor zehn Jahren bei ihm vorgesprochen hatte, damit er Mayas Mitgift aufstockte, und noch in der gleichen Nacht einen ganzen Scheffel Petersiliensaat
gegessen hatte.

Wäre er damals großzügig gewesen, müsste sie sich heute nicht verkaufen. Sie
zog den Rotz hoch und spuckte ihrem Onkel nach Nordmannsart vor die Füße.
»Und wenn ich in der Gosse schlafen müsste, ich wollte dein Geld nicht.«

Damit richtete sie ihren Schleier und stolzierte davon, so aufrecht, wie es nur
die bestbezahlte Hure von Taqat fertigbrachte.

Ein Gedanke zu „Jinntöchter: Brandneu

  1. Pingback: Jinntöchter: Die Vorher-Nachher-Show | Carmilla DeWinter

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