Loki: Die Vorher-Nachher-Show

Wie schon das eine oder andere Mal vorher wollte ich euch einen Einblick in das geben, was Überarbeitungen und professionelles Feedack von Lektorinnen am Rande der Verzweiflung so können.

Für die rein sprachlichen Änderungen habe ich keine Fußnoten ergänzt, denn es geht, wie sich das gehört, um ein zentrales Thema beim Erzählen: Konflikte. (Mal wieder.)

Früheste bequem auffindbare Rohversion („v6“, Februar 2020):

Loki und Vali mussten (1) drei Runden durch den dunklen Park schlendern, bevor Jör sich näherte. Falls sich sonst irgendwer an diesem sehr frühen Samstagmorgen hier herumdrückte, entdeckte Loki niemanden davon, was auch Valis ungetarnter Anwesenheit geschuldet sein mochte. Normalerweise achtete Vali darauf, sich wie ein Hund zu geben – nur das Kläffen hatte er sich nicht angewöhnt. Und normalerweise sorgte das Halsband mit dem Runenzauber dafür, dass die Leute ein gezähmtes Haustier mit Dackelblick statt eines echten Wolfs wahrnahmen.

Schließlich harrten sie an der Anlegestelle aus, bis bei beginnender Dämmerung Jörmungands stacheliger Drachenkopf aus dem Wasser tauchte.

Loki blieb fast das Herz stehen, als hätte sie den sichtbaren Beweis gebraucht, um es zu glauben. Ihre Hände krallten sich in ihre Kapuzenjacke, und sie konnte sich nicht rühren. Wieso hatte Jör von allen Wesen nach ihr gerufen, die es am wenigsten verdient hatte?

Das Wasser ist anders dreckig als früher, bemerkte Jör scheinbar unbeeindruckt von Lokis Schweigen, hievte sich über die niedrige Kaimauer und watschelte auf seinen kurzen Beinen an Land: Ein vier Meter langes, oberschenkeldickes Wesen mit einem beeindruckendem Gebiss und sturmfarbenen Schuppen. Schmeckt weniger nach Scheiße und mehr nach Steinöl und Seife. Er schüttelte sich.

Vali sprang auf ihn zu und leckte ihm die Schnauze ab.

Hei, hei, kleiner Bruder. Endlich treffe ich dich. Das letzte Mal, als ich dich gespürt habe, warst du eine Kaulquappe in Vaters Bauch. Eine gespaltene Zunge gab die Begrüßung zurück. Dir geht’s gut, hm?

Valis Schwanz wedelte so sehr, dass Loki befürchtete, er würde sich die Hüften auskugeln. Aber statt das Kind zu beruhigen oder irgendetwas anderes zu tun oder auch nur zu sagen, schluckte Loki um einen Kloß in ihrem Hals.

Die beiden beschnüffelten sich noch eine Weile. Endlich wandte Jör seinen Drachenblick aus schlitzförmigen Pupillen Loki zu.

Vater. Ich sollte Wergeld von dir fordern.

Nichts mehr mit Papa, was auch zu erwarten gewesen war. „Sohn.“ Lokis schlechtes Gewissen wich insoweit, dass sie trotz der Drohung die paar Schritte zu Jör machen konnte und vor ihm ins Gras auf die Knie sank.

Du erwartest doch nicht einfach so Vergebung?, meinte Jör. Nur, weil wir verwandt sind? Ein Kind, das zu schnell hatte erwachsen werden müssen. Seine Nüstern stießen fast gegen Lokis Stirn, er roch nach Salzwasser und Tang. Du hast Mutter betrogen und uns an deinen Blutsbruder verraten. (2)

Ich weiß. Loki schluckte. Jahrhunderte hatte sie Zeit gehabt, sich Vorwürfe zu machen und über dem „Was wäre wenn?“ zu brüten. Die Nochehefrau hatte ihr diesbezüglich oft genug Vorträge gehalten. (3) Es tut mir leid. Alles tat ihr leid. Es war keine Floskel diesmal.

Gut.

Loki senkte den Kopf, obwohl sie sich lieber zusammenkrümmen wollte. Aber das war es eben, was Jör von den gläubigen Christen trennte, die Loki begegnet waren: Die Vergebung erfolgte nicht automatisch. Man konnte ihm nicht einreden, dass es seine Schuldigkeit sei, auf eine Bitte um Verzeihung diese auch zu gewähren. Zu einem Friedensschluss gehörten Gaben oder Taten. (4)

Etwas Kühles streift Lokis Nase.

Bei passender Gelegenheit werde ich dich um Wiedergutmachung bitten, sagte Jör.

Danke. Das war mehr, als Loki hätte hoffen sollen. Sie hob die Hand, und Jör ließ sich die Stacheln seiner Halskrause streicheln. Vali drängelte sich dazu.

Lange hatte Loki sich nicht mehr so warm gefühlt. Die Nornen hatten doch manchmal ein Einsehen. (5)

Irgendwann zuckten Valis Ohren.

Da kommt wer angerannt, stellte Jör fest. Kein Krieger.

„Jogger?“, fragte Loki.

Vali neigte den Kopf in Zustimmung.

„Die Menschen hier rennen als reines Freizeitvergnügen“, sagte Loki. Sie fand das immer noch seltsam. Ein wenig Dauerlauf in Rüstung war sicherlich sinnvoll, um als Krieger in Form zu bleiben, aber einfach aus reinem Spaß an der Freude rennen? (6) „Wir sollten sowieso erst einmal nach Hause. Essen und schlafen. Und dann müssen wir uns überlegen, wie du weniger auffällst, Jör.“

Sie können mich nicht sehen, wenn ich es nicht will.

Vali machte ein kleines, neidisches Geräusch.

„Aber sie können über dich stolpern.“

Das ist wahr. Mit einem Schnaufen schrumpfte Jör auf die handlichere Länge von einem Meter und kletterte Lokis Arm hinauf, ringelte sich um ihren Hals. Die Stacheln verfingen sich in Lokis schulterlangen Locken und zogen Strähnen aus dem Zopf. Ein paar Haare rissen auch aus, aber sie ließ sich die Schmerzen nicht anmerken.

Eigentlich hätte Jörmungand leicht sein sollen, doch Loki wankte, als sie aufstand. Da ruhten sowohl ein kleiner Drache als auch die Weltenschlange selbst auf ihren nicht allzu breiten Schultern.

Odin schuldet mir mindestens die Fähigkeit, als Zweibeiner aufzutreten, merkte Jör an, der natürlich wusste, wie viel er wog, und was er Loki aufbürdete.

Auf dem Heimweg (7) ernteten sie trotz Jörs Unsichtbarkeit ein paar schiefe Blicke in Valis Richtung. Loki hätte das Halsband mit den Runen einpacken sollen.

Anmerkungen zur Rohversion – Logik

(1) Warum „mussten“? Dass Loki die Füße schlecht stillhalten kann, ist nicht offensichtlich.

(3) Was hat Sigyn noch mal mit Lokis Fehlern zu tun? Da musste eine Änderung her.

(4) Nicht der richtige Platz, um den Monotheismus zu bashen, oder?

(6) Ich weiß nicht mehr, was ich da geraucht habe. Falls es eine zweite Auflage gibt, fliegen Lokis Kommentare übers Joggen komplett raus.

Anmerkungen zur Rohversion – Konflikt

(2) Das musste etwas ausführlicher werden. Immerhin ist Jörmungands Problem mit Loki der Konflikt, der Loki zwingt, einigen Dingen nicht mehr auszuweichen.

(5) Geht das nur der Lektorin so, oder ist das zu wenig Drama dafür, dass ich ein Familiendrama angekündigt habe?

(7) Der Lektorin war auch das zu wenig Drama. Und mir fiel auf, dass ich das mit dem Gastrecht für Edda-Noobs vielleicht noch mal erklären sollte.

Ein paar sprachliche Ungereimtheiten und nötige Pointierungen waren mir bereits aufgefallen. Die Betas hatten an der Szene erstaunlich wenig zu kritisieren, weshalb das meiste auf Anraten meiner Lektorin ausgebessert wurde. Unter anderem wanderte die Erklärung für das Halsband an eine andere Stelle.

Fertige Printversion (Seite 12 ff):

Loki und Váli drehten aus Langeweile drei Runden durch den dunklen Park, bevor Jör sich näherte. Niemand begegnete ihnen an diesem sehr frühen Samstagmorgen. Vielleicht, weil Váli ungetarnt als Wolf an Lokis Seite lief.
Zuletzt harrten sie an der Anlegestelle aus, bis bei beginnender Dämmerung Jörmungands stacheliger Drachenkopf aus dem Wasser tauchte.
Loki blieb fast das Herz stehen, als hätte sie den sichtbaren Beweis gebraucht, um an die Rückkehr ihres Sohnes zu glauben. Ihre Hände krallten sich in ihre Kapuzenjacke. Sie konnte sich nicht rühren. Wieso hatte Jör von allen Wesen nach ihr gerufen, nach ihr, die es am wenigsten verdient hatte?
Das Flusswasser hat sich verändert, bemerkte Jör scheinbar unbeeindruckt von Lokis Schweigen, hievte sich über die niedrige Kaimauer und schlängelte auf seinen kurzen Beinen an Land: Ein vier Meter langes, oberschenkeldickes Wesen mit fingerlangen Reißzähnen und sturmgrauen Schuppen. Schmeckt weniger nach Kacke und mehr nach Steinöl und Seife. Er schüttelte sich.
Váli sprang auf ihn zu und leckte ihm die Schnauze ab.
Hei, hei, kleiner Bruder. Endlich treffe ich dich. Das letzte Mal, als ich dich gespürt habe, warst du eine Kaulquappe in Vaters Bauch. Jörs gespaltene Zunge tanzte über Vális Nase. Dir geht’s gut, hm?
Vális Schwanz wedelte so sehr, dass Loki befürchtete, er würde sich die Hüften auskugeln. Aber anstatt das Kind zu beruhigen oder irgendetwas anderes zu tun oder auch nur zu sagen, schluckte Loki gegen den Kloß in ihrem Hals. Den Nornen sei Dank, dass Jör nicht eifersüchtelte.
Die beiden beschnüffelten sich noch eine Weile. Schließlich wandte Jör seinen Blick aus schlitzförmigen Pupillen Loki zu.
Vater. Ich sollte eine Mutsühne von dir fordern.
Kein Papa mehr, was vorherzusehen gewesen war. »Sohn.« Lokis Erstarrung löste sich insoweit, dass sie trotz der Drohung die paar Schritte zu Jör machen konnte und vor ihm ins Gras auf die Knie sank.
Du erwartest doch nicht einfach so Vergebung?, meinte Jör. Nur, weil wir verwandt sind? Seine Nüstern stießen fast gegen Lokis Stirn, er roch nach Salzwasser und Tang. Du hast Mutter betrogen und uns deinem Blutsbruder ausgeliefert. Wenn du uns nicht verlassen hättest, wer weiß, ob Odin und seine ach so heldenhaften Asen uns dann überfallen hätten. Deinetwegen stecken meine Geschwister in Helheim und auf einer felsigen Insel fest. Selbst ich muss mich glücklich schätzen, dass ich überhaupt aus dem Wasser steigen kann.
Ich weiß. Loki schluckte. Obgleich sie nicht zur Grübelei neigte, hatte sie in all den Jahrhunderten genug Zeit gehabt, über dem »Was wäre wenn?« zu brüten. Auch wenn es zu nichts führte, mit dem Schicksal zu hadern, das die Nornen webten. Allerhöchstens sorgte es dafür, Fehler nicht zu wiederholen: Schlussendlich hatte Loki in einem Anfall von geistiger Umnachtung einmal zu oft Odins Ratschlüssen vertraut. Es tut mir leid. Alles tat ihr leid. Sie sich selbst am allermeisten. Es war keine Floskel.
Gut.
Loki senkte den Kopf, obwohl sie sich lieber zusammenkrümmen wollte. Sie hätte es ahnen sollen, denn sie hatte dieses Kind aufgezogen. Jör vergab ihr nicht automatisch. Zu einem Friedensschluss brauchte es Gaben oder Taten. In jedem anderen Zusammenhang wäre sie vor Stolz geplatzt, ein Kind zu haben, das für sich einstand.
Etwas Kühles streifte Lokis Nase. Bei passender Gelegenheit werde ich die
Wiedergutmachung fordern,
beschied Jör ihr.
Dass Jör einen Friedensschluss in Erwägung zog, war mehr, als Loki erhofft hatte. Dennoch hätte sie seine Bedingungen lieber gleich gehört. Konnte sie ihn überreden, schneller eine Entscheidung diesbezüglich zu treffen? Sie hob die Hand, und Jör ließ sich die Stacheln seiner Halskrause streicheln. Váli drängelte sich dazu.
Lange hatte Loki sich nicht mehr so warm gefühlt. Wenn es Jör ähnlich ging, könnte sie …
Vális Ohren zuckten.
Da kommt jemand angerannt, stellte Jör fest. Kein Krieger.
»Jogger?«, fragte Loki.
Váli neigte den Kopf in Zustimmung.
»Die Menschen hier rennen zum puren Freizeitvergnügen.« Ein wenig Dauerlauf half, um als Krieger in Form zu bleiben, aber als erwachsene Person einfach aus Spaß an der Freude zu rennen, fand Loki seltsam. Wie auch immer, es war der falsche Ort, um Jör Zugeständnisse abzuringen. »Wir sollten erst einmal nach Hause. Essen und schlafen. Du bist mein Gast, Jör. Und dann müssen wir uns überlegen, wie du weniger auffällst.«
Sie können mich nicht sehen, wenn ich es nicht will.
Váli machte ein leises, neidisches Geräusch.
»Aber sie können über dich stolpern.«
Das ist wahr. Mit einem Schnaufen schrumpfte Jör auf die Länge von einem Meter, kletterte Lokis Arm hinauf und ringelte sich um ihren Hals. Die Stacheln verfingen sich in Lokis Haaren und zogen Strähnen aus ihrem Zopf. Dabei riss er ihr ein paar Locken aus, aber sie ließ sich die Schmerzen nicht anmerken.
Bei dieser Größe hätte Jörmungand keine zehn Kilo wiegen dürfen, doch Loki wankte, als sie aufstand. Da ruhten sowohl ein kleiner Drache als auch die Weltenschlange selbst auf ihren nicht allzu breiten Schultern.
Odin schuldet mir mindestens die Fähigkeit, als Zweibeiner aufzutreten, merkte Jör an, der natürlich wusste, wie viel er wog und was er Loki aufbürdete.
»Und was schulde ich dir?«, fragte sie.
Jör rupfte ihr mehr Haare aus, als er ihr aus zwei Zentimetern Entfernung ins Auge sah. Du hättest wohl gern, dass alles abgegolten ist, wenn du mir ein Obdach bietest und ein paar Erklärungen zu dem, was sich in den letzten Jahrhunderten geändert hat? Das täte dazu passen, dass du seit meiner Verbannung ganze drei Mal mit mir geredet hast.
Damals hatte Loki Jör von den neuesten Entwicklungen zu berichten versucht. Zu diesen Gelegenheiten war ihr nur stumme Wut entgegengeschlagen, was jegliche Aussprache verhinderte. Im Vergleich dazu benahm Jör sich heute manierlich.
Dass ich dir helfe, ist selbstverständlich. Aber irgendetwas musst du dir doch wünschen.
Jör schniefte. Darüber werde ich nachdenken. Derweil bin ich dein Gast. Wie du gesagt hast.
Jör meinte wahrscheinlich, dass er würdevoll klang, und erinnerte sie doch nur an den Teenager, den die »Kaulquappe« in Lokis Bauch so fasziniert hatte, wie ihn der Streit seiner Eltern verwirrte. Sie unterdrückte ein Seufzen und winkte Váli.
Auf dem Heimweg ernteten sie ein paar schiefe Blicke in Vális Richtung. Loki hätte doch das Runenhalsband einpacken sollen.


Loki- Lesepröbchen

Längst überfällig: Ein kleiner Romanexzerpt.

PROLOG

Tief im Süden der Welt war Eis mürbe geworden. Unter jahrzehntelanger Wärme hatte sich eine tiefe Spalte ins Schelf gegraben. Es löste seine frostige Umklammerung um ein Wesen, das gleichzeitig sehr groß, sehr klein, und nicht da war. Ebenso wenig wäre auf naturwissenschaftlichem Wege zu ermitteln gewesen, seit wann das Wesen dort schlief.

Schließlich brach das Eis. Ein Eisberg, fast siebenmal so groß wie Berlin, trieb ins antarktische Meer hinaus, nervös beobachtet von den Menschen. Elektronische Augen am Himmel halfen ihnen, den Fortgang der Ereignisse zu vermessen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit kitzelte nun eine Strömung die Nase des Wesens. Es blinzelte, züngelte. Der Geschmack frischen Salzwassers war ihm aus Vorzeiten bekannt. Langsam wurden seine Gedanken geschmeidiger.

Aus Träumen, da es sich bei seiner Schwester wähnte, geliebt und aufgehoben im Nebel am Ende aller Dinge, erwachte es in Kälte und ungewohntem Lärm. Um das Wesen herum ratterte und dröhnte es. Aber sollte sein Schädel nicht schmerzen? Das war das Letzte, woran das Wesen sich erinnerte: ein Stechen im Gaumen und dann ein Schlag auf den Kopf.

Nein, das stimmte nicht, denn zum Schluss hatte Schwärze es umfangen. Kurz davor hatte es nach dem einen Lebewesen gerufen, von dem die meisten menschlichen und von menschlichem Denken beeinflussten Geschöpfe annehmen, dass es sie ohne Wenn und Aber beschützen wird.

Auch jetzt rief das neu erwachte Wesen.

Mama?

Aber die Mutter rührte sich nicht, wie sie sich auch die letzten Male nicht gerührt hatte.

Blieb eine zweite Möglichkeit, obwohl das Wesen diesbezüglich noch weniger Hoffnung hegte.

Vater?

Irgendwo fuhr jemand aus dem Schlaf hoch. Daher bekam es lediglich ungeordnete Silben zur Antwort.

Vater!, rief das Wesen wieder.

Dabei erschreckte es ein paar Wale.

Deren verwirrte Lieder hörten zwar ein paar Menschen, aber sie wussten sie nicht zu deuten. Und selbst wenn sie die Sprache der Wale verstanden hätten, so hätten sie die Neuigkeiten doch nicht geglaubt.

Jörmungand, die Midgardschlange, schüttelte sich einen Rest Eis vom Körper und schwamm zielstrebig in die Richtung, in der er seinen Vater vermutete. Mit dem hatte er ohnehin noch eine Rechnung offen.

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Jetzt vorbestellbar: Lokis Fesseln (mit Teaser)

Nachdem der Verlag und ich hätten ahnen sollen, dass ein Loki drin ist, wo Loki draufsteht, erscheint mit knapp sechs Wochen Verspätung Lokis Fesseln offiziell am 1. Mai diesen Jahres.

Die geneigten Lesenden treffen Loki, eine nordische Gottheit mit wechselnden Pronomen, einigen von Lokis Nachwuchs (darunter die Weltenschlange Jörmungand), Lokis Noch-Ehefrau, einen von Lokis Exen und eine postmoderne Heidin, denn Loki benötigt ganz dringend eine Chauffeuse zum Polarkreis, um da ein paar wichtige Runensteine in Sicherheit zu bringen. Es folgt daraufhin etwas, was der Verlagschef in einem Gespräch als „aberwitziges Roadmovie“ bezeichnete. Nicht zu Unrecht.

Ich selbst bevorzuge „Nordisches Familiendrama in fünf Akten“ als Untertitel.

Zu bestellen beim Verlag, beim großen bösen A oder einer Buchhandlung Ihres Vertrauens, beispielsweise zu finden bei Genialokal.

Und damit das geneigte Publikum eine Ahnung hat, was der Verleger meinte, hier ein kleiner Teaser:

Einige Zeit später schubste Váli Loki mit der Schulter gegen das Bein, wie um sie aufzufordern, sich nicht zu verstecken.
»Ist das ein Delphin?«, fragte eine kratzige Stimme, die aus ein paar Metern Entfernung zu ihnen herüber klang.
Loki hob den Kopf. Delphin in der Ostsee? Nein. Auch Schweinswale zeigten sich heute keine. Nur Jörs Rücken tauchte gelegentlich zwischen den Wellen auf, und Jör wusste seine Sichtbarkeit für Menschen gezielt zu steuern.
Die kratzige Stimme gehörte einem älteren Herrn. Er war mit einigen anderen Menschen gesetzteren Alters nähergetreten. Loki meinte, sie einem Reisebus aus München zuordnen zu können, der direkt vor ihnen an Bord gefahren war.
»Ich weiß nicht, was das für ein Tier ist«, sagte eine grauhaarige Dame und linste durch ihre Goldrandbrille. Eine zweite Dame hatte ein Smartphone gezückt und versuchte wohl, besagtes Tier zu fotografieren.
Wovon reden die? Jör hob den Kopf aus den Fluten. Er hatte noch einmal an Größe zugelegt und hätte locker ein Motorrad samt Biker verschlingen können.
»Jesses Maria«, sagte die Dame mit der Goldrandbrille. »Allmächtiger.«
Die älteren Herrschaften wichen als Traube von der Reling zurück und diskutierten aufgeregt, was das für ein Tier sei. Und ob eine Gefahr von ihm ausging.
»Whoa, geil, Seeschlange!«, brüllte ein Jugendlicher vom Oberdeck.
Jör riss die Augen auf und starrte Loki an.
Die können mich sehen.
Loki starrte zurück. Unmöglich. Jör war ein mächtiger Zauberer.
Das ist keine Absicht, ergänzte Jör.
»Scheiße«, fluchte Jasna.
»Los, mach dich klein und warte in Rødby«, befahl Loki.
Jörs Kopf tauchte unter die Wellen. Schon glaubte Loki, dass er gehorcht hatte, da tauchte er wieder auf. Würde ich, wenn ich könnte. Aber jemand lässt mir keine Wahl, weder mit der Größe noch mit der Entfernung zu … dir. Bist du sicher, dass du nichts angestellt hast?
Jasna und Váli musterten Loki aus schmalen Augen. Als könnte es nicht genauso gut Jör sein, der ihnen allen einen bösen Streich spielte.

… den offiziellen Klappentext finden Sie auf der passenden Unterseite dieses Blogs.

Das asexuelle Spektrum: aufgezeichnete Lesung

Schon im März hatte ich eine kleine Zoom-Lesung im Rahmen von #allabendlichqueer der Literatunten.

Nach einigem Überlegenen, ob die Aufzeichnung gut genug ist (typisch für meinen Hang zum Perfektionismus), habe ich dann doch gebastelt und zurechtgeschnitten, sodass es jetzt einen exklusiven Einblick in Teil 2 des Buches zu hören gibt.

Video-Vorschau „Das asexuelle Spektrum“

Im Rahmen der AktivistA-2020-Onlinekonferenz habe ich mein Sachbuchprojekt vorgestellt und ein bisschen was aus dem dritten Teil vorgelesen.

Der Erscheinungstermin für „Das asexuelle Spektrum. Eine Erkundungstour“ ist übrigens der 30. Januar 2021. Falls uns nicht der Himmel auf den Kopf fällt oder Ähnliches. Und hier ist der Klick zum Verlag. (Und hier ist die Playlist aller drei Vorträge.)

Bald weihnachtet es.

Und daher ist beim Himmelstürmer-Verlag das Buch „Pink Christmas 8“ erschienen.

Es ist eine Story von mir drin: „Raue Nächte“.

Weder mein Titel noch der Inhalt passen so richtig zum Cover. Da mir kein rosa Flausch einfiel, entstand eine nachdenklich-düstere fantastische Story, die, Eigenlob, bei den Rezensent*innen ganz gut ankam. (Und ein Ace enthält. Wie könnte es anders sein.)

Der Hund schoss davon, bellte, dass seine Stimme fast überschlug, und verschwand auf den Waldweg hinter dem Haus, bevor Micha sich wieder aus dem feuchten Gras aufgerappelt hatte.
Die Welt schwankte ein wenig, als er ihr hinterherstapfte. „Buffy!“, brüllte er. „Du Dreckstöle! Komm sofort wieder her!“
Das half natürlich alles nichts. Buffy bellte weiter, die fremden Köter kläfften, dazu wieherte ein Pferd.
Welcher verfluchte Idiot ritt bei diesem Wetter im Wald?
Micha hätte Buffy entgegen aller Ermahnungen einfach in den Garten pinkeln lassen sollen.
Er beschleunigte, um den Hund einzufangen. Wenigstens gab sie Laut und trug das Leuchthalsband.
Kaum, dass er den Waldrand erreichte, verklang das Bellen der fremden Hunde. Selbst der Wind brauste nicht mehr so grauenvoll. Nur Buffy kläffte aus unmittelbarer Nähe. Als Micha dem Weg um ein Brombeerdickicht folgte, fand er sie auch schon. Sie und eine Person auf dem Boden.
Er eilte dazu und ging neben dem Mann in die Hocke. Der Typ trug einen dunklen Rauschebart, lange Haare und ein beschissenes Wikingerkostüm. An dem Helm fehlten bloß noch die Hörner, um das Klischee perfekt zu machen.
„Hallo“, sagte Micha. Rüttelte den Fremden an der Schulter, was dieser mit einem Stöhnen quittierte. Immerhin lebendig und nicht bewusstlos.
Irgendeiner dieser heidnischen Spinner, der heute Nacht was auch immer im Wald getrieben hatte? Vielleicht vom Pferd gefallen war?
Und Micha hatte das Handy im Haus gelassen. Ganz prima.
Wieder rüttelte er den Fremden an der Schulter. „Können Sie mich hören?“
Der Fremde drehte den Kopf und blinzelte Micha an. Selbst im Licht des LED-Halsbandes erkannte Micha bezaubernd grüne Augen und ein seliges Lächeln.
Hübscher Kerl unter dem Bart und dem Dreck.
Etwas stach ihn ins Herz: Das, was ihn anzog, war genau das, was er auch an Luca begehrt hatte.

N bissl Kitsch für zwischendurch: Die A-Karte

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Worum geht’s?

Wie soll man als Inkubus einen asexuellen Juristen verführen? Es ist nicht ganz einfach, im Auftrag der höllischen Heerscharen einen Spitzel fürs Bundesverfassungsgericht zu werben, wenn die betreffende Zielperson so gar kein Interesse an den Avancen eines Dämons zeigt. Um diese sprichwörtliche A-Karte in einen Trumpf zu verwandeln, muss der Inkubus Andreas seine Methoden hinterfragen und seine lang verdrängte romantische Ader wieder ausgraben.
Eine queer-romantische Fantasykomödie nicht nur für Nerds.

Zu kaufen derzeit nur bei den Kollegen vom Versandhandel (TM).

Wie unten ersichtlich, handelt es sich nicht nur um eine Komödie, sondern auch um Spaß mit Formaten. Weil ein Printsatz daher doch ein bisschen aufwendig ist, ist der für den Januar projektiert, wenn die Kindle-Select-Sache ausläuft und ich festgestellt habe, dass das Interesse groß genug ist.

Leseprobe:

Sonntag, 7. Mai 2017

Kühl und regnerisch

„Die Unten trauen dir nichts zu“, raunte Ulrich vom anderen Sessel her. „Meine Zielperson ist wenigstens glücklich verheiratet.“

Ich, meines Zeichens Inkubus im Dienste der höllischen Heerscharen, blätterte demonstrativ eine Seite weiter in der Akte über besagte neue Zielperson und widmete dem neidischen Kommentar meines Kollegen keine Aufmerksamkeit.

Luzia Morgenstern, unsere Vorgesetzte, zog es wie immer vor, die Stichelei zu überhören, und nahm einen Schluck von ihrem Mokka.

Tatsächlich schien dieser Benedikt Niehaus laut Akte ein leichter Fang für die Firma: Mitte dreißig, neu in der Stadt, Single. Sein extravaganter Kleidungsstil – grauer Anzug, gelbes Hemd, schmale Krawatte mit eingewebtem Lurex – wies darauf hin, dass er wohl eher einen Mann denn eine Frau suchte. Trotz der Hipsterhornbrille mit passendem Undercut trug er keinen Bart, was ich sehr angenehm fand.

Typischerweise hatte es die Rechercheabteilung aber beim Nötigsten belassen und delegierte den Rest an das Bodenpersonal. Die Unten wussten wohl, dass es sonst noch langweiliger wäre.

„Gibt es noch Unklarheiten, meine Herren?“ Luzias völlig schwarze Augen blickten mich über den Rand ihrer Mokkatasse hinweg an und schienen direkt in meine Seele zu schauen – oder in das, was eben stattdessen in meinem Inneren vorhanden war, denn die Seele hatte ich bei meiner ersten Begegnung mit Luzia vor knapp vierhundert Jahren verkauft. Oder besser gesagt, ich hatte sie an den Boss verpfändet.

„Gibt es ein Zeitfenster?“, fragte Ulrich. Der machte den Job sogar noch länger als ich und brauchte sowohl den Druck als auch den Wettbewerb, um seine Arbeit interessant zu finden. In seiner Freizeit frönte er mehreren gefährlichen Hobbys, unter anderem Basejumping.

Um Luzias Augen kräuselte sich die Haut zu einem winzigen Lächeln. Natürlich wusste sie, was wir dachten. „Ich meine, das ergibt sich von selbst.“

Ulrich nickte. Was auch immer in der Akte stand: Er strahlte, als hätte Luzia eigens für ihn einen neuen Extremsport erfunden. Auch ich fand mein Zeitfenster logisch: Sinnvollerweise sollte ich den jungen Mann umgarnen, bevor er hier in der Stadt Anschluss fand.

„Also dann. Bis nächsten Sonntag, meine Herren.“

Damit löste sich Luzia samt Mokkatasse in schwarzen Rauch und Schwefelgestank auf.

Ich verpackte die Akte über Benedikt Niehaus in meinen Rucksack, während Ulrich seine demonstrativ liegen ließ und sich gleich aus dem niedrigen Ledersessel wuchtete. „Kollege“, sagte er und tippte sich an die Stirn. Mit etwas gutem Willen konnte ich das als einen Salut statt einer Beleidigung auslegen.

Kindereien eben.

Ich folgte Ulrich aus dem Büro in einen hell erleuchteten Flur und von da aus auf die Straße. Der Kollege hatte sein hochgetuntes Motorrad wie immer direkt vor dem Haus im Parkverbot abgestellt. Ich hingegen hatte wegen des Regens auf mein Fahrrad verzichtet und schlenderte mit Schirm zur nächsten Straßenbahnhaltestelle.

Zwei Minuten später röhrte Ulrich entgegen der Einbahnstraße an mir vorbei, ohne Helm selbstverständlich.

Der Ärmste.

Zwar lästerte er immer über die mir zugewiesenen Aufgaben und überhäufte mich auch sonst mit Sticheleien, aber das war nur der Neid. In meinem Vertrag gab es nämlich eine Klausel über die Auflösung desselben. Dass die Bedingung eintreten würde, war unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto, aber immerhin: Ohne meine blauen Augen hätte mich Luzia nicht so dringend bei den Heerscharen haben wollen, dass sie sich auf so etwas einließ. Angeblich waren Blauäugige vom Schicksal begünstigt und seltener verbittert genug, um ihre Seele dem Teufel zu verschreiben. Und ihnen wurde mehr Glauben geschenkt.

Mein Telefon pingte dezent. Ich grub es aus meiner Hosentasche. Werbung für preisreduzierte E-Bücher von den Kollegen aus dem Versandhandel. Unter den Vorschlägen war ausnahmsweise Science Fiction, die interessant klang, also lud ich die Kurzgeschichte herunter.

Ein Umweg über ein lauschiges Café, eine heiße Schokolade zum Aufwärmen und etwas Leckeres zu lesen, das wäre jetzt nicht verkehrt. Einerseits … ich blickte zum wolkenverhangenen Himmel, dann auf die Uhr. Halb zwölf mittags. Eigentlich sollte ich mich in Richtung der Wohnung meiner neuen Zielperson schwingen und diese ausspionieren. Die Zeit drängte, etc.

Andererseits waren zehntausend Wörter in einer guten halben Stunde gelesen, und Singles saßen bekanntlich alle sonntags einsam in ihren Wohnungen. Ob ich den Benedikt Niehaus um zwölf oder um eins bei seinem Wochenendblues erwischte, war gleichgültig.

― ― ― ― ―

Gruppe asKA

Jonah:

Hiermit will ich Benedikt willkommen heißen. :)

 

Benedikt:

Vielen Dank für die Aufnahme. ^^

 

Sanja:

Huhu! Wie schön. <Kuchenstück >

Wo wir gerade bei ungesunden Kalorien sind: Kuchen im Gold irgendwer?

― ― ― ― ―

Benedikt Niehaus lebte im vierten Stock eines stylischen Neubaus, dessen südliche Fensterfront auf ein ebenso ultramodernes und ultraökologisches neues Viertel der ehrwürdigen Fächerstadt Karlsruhe blickte. Auf der erhöhten Promenade hinter dem Haus, von der Stadt und Architekten behaupteten, es sei eine Esplanade, flanierten daher trotz des Wetters zahlreiche Hipster.

Bei der Wohnung meiner Zielperson handelte es sich um einen Glaskäfig mit kleinem Balkon, dessen Tür offenstand. Da drin herrschte anscheinend jeden Tag Tropenfeeling. Entsprechend kühl fiel die Einrichtung aus: weiße Wände, weiße Bücherregale und, sehr sympathisch, ein Poster mit Captain Picard von der Enterprise.

Damit war klar, wohin uns das erste nächtliche Treffen führen würde.

Plötzlich trat Benedikt Niehaus höchstselbst auf den Balkon, weshalb ich den Kopf senkte und ihn nur noch aus dem Augenwinkel beobachtete. Er trug das kanariengelbe Hemd, in dem ihn die Rechercheabteilung erwischt hatte, ein dunkelgraues Sakko und einen Trilby in der passenden Farbe. Roger Cicero sei Dank, der kleine Hüte aus der modischen Versenkung geholt hatte. Benedikt Niehaus schaute zum Himmel, zuckte mit der Nase, spielte mit seinem Handy und verschwand dann nach drinnen, um die Balkontür mit einem endgültigen Geräusch zu schließen. Jemand hatte wohl eine Verabredung.

Gut? Schlecht?

Ich stand auf und nahm die nächste Möglichkeit, um die Nordseite des Blocks zu erreichen. Als Benedikt Niehaus, beschützt von einem antiquierten Stockschirm, an der nächsten Ampel die Kriegsstraße überquerte, schlenderte ich hinterher. Da er recht groß war und dank seiner Erscheinung auffiel, hätte ich ihn selbst in einer völlig überlaufenen Fußgängerzone an einem Samstagmittag gut verfolgen können.

Es ging tiefer in die Oststadt, offensichtlich vom Handy navigiert, bis wir nach einer viertel Stunde Spaziergang ein hipsterüberladenes Café namens Gold erreichten. Drinnen waren alle Tische besetzt. Auf einem davon stand eine Spardose in Form eines Kuchenstücks, und auf diese steuerte meine Zielperson zu. Das kitschige Porzellanteil schien als Lotse zu fungieren. Zwei Leute erhoben sich, als sie die Annäherung bemerkten. Eine der beiden trug … etwas Flatteriges.

Mit einem „Nett, Sie kennenzulernen“-Lächeln schüttelte Benedikt Niehaus beiden die Hand. Wenigstens war es kein romantisches Date. Oder? Heutzutage konnte man sich da auf nichts mehr verlassen.

Weil ich unentschlossen vor der Glastür stand, warf mir eine Bedienung einen fragenden Blick zu. Sollte ich mich hineinwagen?

Aber drinnen lief Musik, außerdem müsste ich mich an denselben Tisch setzen, wenn ich über all den anderen Gesprächen etwas Verwertbares erfahren wollte. Lieber drehte ich eine Runde um die nächste Ecke und kehrte unsichtbar wieder zurück.

Jetzt konnte ich mir ungestört an der Scheibe die Nase platt drücken.

Mittlerweile nippten die drei an ihren Getränken. Es war eine recht bemerkenswerte Runde. Neben Benedikt in seinem schnieken gelben Hemd gab es eben das Wesen mit dem pastellig-feenhaften Flatterkleid. Die junge Frau trug ein hennarotes Rattennest auf dem Kopf und zahlreiche Armreifen mit keltischen Knotenmotiven. Sie gestikulierte viel und ausladend.

Der andere junge Mann, mittelgroß und mit beginnender Plauze, wirkte dagegen unscheinbar in schwarzen Hosen und ebensolchem Band-T-Shirt. Dazu eine Nerdbrille. Obwohl seine Kringellocken darauf hinwiesen, dass er einen Schwarzen Menschen in der näheren Ahnenlinie hatte, wirkte er blass. Er hatte seine Haare zu einem kurzen Zopf im Nacken zusammengebunden, lies: Ich habe keine Lust, mich um das Gestrüpp zu kümmern. Dieser Mann machte sicher irgendwas mit Computern und ernährte sich todsicher von zu viel Pizza.

Das Gespräch schien recht angeregt zu verlaufen, entgegen der Erwartungen, die man an eine solch gemischte Gruppe haben sollte. Irgendetwas wurde auf einem Telefon herumgezeigt. Eine Runde Kuchen folgte, der unter Grinsen fotografiert wurde, bevor die drei sich darauf stürzten.

Erst nach fast vier Stunden zahlten sie. Das Mädchen im Flatterkleid umarmte beide Männer und entschwebte zu einem Fahrrad. Als sie an mir vorbeiging, hörte ich ihre Armreifen klimpern.

Die beiden Männer schlenderten, einträchtig nebeneinander unter dem altmodischen Schirm, in Richtung des KIT, der durch den MIT-ähnlichen Titel upgegradeten Universität. Fetzen einer Lästerei über den letzten Star-Wars-Film wehten zu mir herüber. An der Haltestelle südlich des Campus stieg der Mann in Schwarz in eine Straßenbahn, und meine Zielperson trat wiederum einen vom Handy navigierten Fußmarsch nach Hause an.

Worüber hatten Menschen vier Stunden lang zu reden, die sich noch nie getroffen hatten? Außer Star Wars?

Andererseits war die moderne Welt ein seltsamer Ort – wer wusste, ob sie sich nicht im Internet verabredet hatten. Ob der genaue Treffpunkt ein Online-Bonsaiclub, ein Fetischforum oder eine Literaturgruppe gewesen war, sah man den Leuten aus der Ferne selten an.

Meine Zielperson jedenfalls kaufte sich passend zum Outfit Sushi zum Mitnehmen und verschwand in ihrer Wohnung.

Da mich meine klamme Kleidung mittlerweile unangenehm an Dinge erinnerte, die ich lieber vergessen wollte, nahm ich die nächste Straßenbahn zu meiner Wohnung auf der anderen Seite der Innenstadt.

Dort holte ich selbstgemachte Lasagne aus dem Tiefkühlfach und warf die Mikrowelle an, um sie aufzutauen.

Gegen halb elf machte ich es mir auf meinem Sitzsack bequem, schloss die Augen und suchte die Träume des Benedikt Niehaus.

Wort zum Sonntag/Tanz-Teaser

jinntöchter in tanzklamotten_klein

Anlässlich einer kurzen Spontanlesung bei einem Tanzklamotten-Basar gestern:

… Nachdem die Diener eine letzte Runde Tee aufgetragen hatten, rief Gahif nach Tanz, also trommelten immer zwei von ihnen, während die Dritte tanzte.

Oh, ich sehe schon, wie einige von Euch genauso anfangen zu sabbern wie Gahif und seine Gäste. Es ist schon sehr lange her, dass der Tanz aus dem Osten reine Frauensache war, etwas, das die Frauen unter sich taten, um den Göttinnen zu huldigen und sich die Geburt zu erleichtern. Ganz davon abgesehen, dass dieses Gewackel mit dem Hintern grauenvoll schwierig ist.

Ja? Versuch du mal, mit den Schultern zu rütteln und deine Hüfte dabei still zu halten. Oder mit dem Hintern zu wackeln, dabei elegant zu laufen und gleichzeitig mit dem Oberkörper einen Kreis zu beschreiben.

Geht nicht?

Geht schon. Siehst du?

Aber ein Mensch muss lange dafür üben. Wenn ihr also irgendwann eine Dame den Tanz aus dem Osten vorführen seht, dann wisst ihr jetzt, woran ihr erkennen könnt, ob sie weiß, was sie da tut.

 

… So viel zu: Oh, du schreibst was, das nach „Tausend und einer Nacht“ klingt. Da kannst du ja was mit orientalischem Tanz reinpacken!

Ich wollte es erst aus reinem Trotz weglassen. So, wie ich auf die fliegenden Teppiche und die drei Wünsche verzichtet habe.

Aber dann bot sich die Gelegenheit bei dieser Szene, und zu dem Zeitpunkt hatte ich genug Geschichten von mir bekannten Tänzerinnen beisammen, um die mysteriöse Exotik des Ambientes hoffentlich konsequent wegzupflücken.

Kurz: Ich beneide keine der Tänzerinnen, die tatsächlich vor einem Publikum tanzen (müssen), das keine Distanz hält. Und selbst mit räumlicher Distanz ist eine vor blöden Sprüchen nicht sicher.

Die Klamotten, die eine Person trägt, oder auch nicht trägt, sollten sich nicht auf den Respekt auswirken, der ihr entgegengebracht wird

Ich habe was gegen Kleidervorschriften, die nicht mit Hygiene und Arbeitssicherheit zu tun haben.

Jedenfalls, zum Beweis, wie schwierig dieses „Gewackel“ ist, und dass es nicht immer neckische Erotik sein muss: Einmal Trommelsolo eher klassisch von Jillina (Maya wird so tanzen, mit mehr Kleidern und weniger Artistik) und einmal Tribal Style von Rachel Brice.

Jinntöchter: Brandneu

cover jinntoechter

Diesmal keine Gay Fantasy, sondern ein Märchen.

Und: Eine Geschichte über das Geschichtenerzählen.

Worum geht’s?

Vor fünfundzwanzig Jahren haben die Helgen aus dem Norden das Land Iradoun eingenommen, doch dessen Reichtümer sind ihnen nicht mehr genug: Die nordischen Besatzer gieren nach den Schätzen südlich der Wüste. Gleichzeitig bereiten königstreue Verschwörer einen Aufstand vor und verbünden sich dafür mit einem Jinn. Dieser Jinn jedoch verfolgt seine eigenen Ziele.

In diesen Zeiten der Wirren und Verschwörungen lebt die Hure Maya, die sich nichts sehnlicher wünscht, als eine eigene Familie zu haben. Die Politik um sie herum ist ihr dabei gleichgültig. Erst als sie dem entlaufenen Zwangsarbeiter Khamer bei der Flucht vor den Besatzern ihrer Heimat hilft, begreift sie, dass sie sich den Intrigen nicht länger entziehen kann.

Noch ahnt niemand, dass in ihr ein Geheimnis schlummert, auf das es einer der Verschwörer besonders abgesehen hat.

Jinntöchter
K_ein orientalisches Märchen
338 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-946425-41-0

Leseprobe, Teaser Trailer 1

Kaufen beim Verlag, beim großen A, bei Thalia, oder bei einer anderen Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Ausführliche Rezension bei Lovelybooks.

Und wer neugierig auf den Anfang ist, lese gleich weiter.

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Jinntöchter: Cover und Leseprobe

cover jinntoechter

Wie bereits angekündigt: Ich hab da was geschrieben, und der Rote Drachen hat ein geniales Cover dafür entwerfen lassen.

Zur garantiert kalorienfreien Appetitanregung, Wartezeitüberbrückung und Aufwärmung beim derzeit ungemütlichen Wetter hätte ich außerden einen kleinen Happen:

Ungefähr zur selben Zeit durchschritten die helgischen Soldaten mit ihren Gefangenen das Tor von Taqat. Khamer, dem mittlerweile das Hemd am Leib klebte, meinte, gleich ohnmächtig zu werden.

 

Das Seil war immer noch nicht ganz durchtrennt. Dabei konnte er von hier aus die weiß verputzten Mauern des Palastes sehen.

Dann ein Halt mitten auf der Straße. Ein zweispänniges Fuhrwerk rumpelte ihnen entgegen, beladen mit Balken aus gelbem Holz, das ungewöhnlich, aber angenehm roch. Der Kutscher, ein dicker Helge, rief den Soldaten einen Gruß zu, offenbar kannte er einen von ihnen.

Während die Shubkhin ein Gespräch führten, säbelte Khamer weiter an seinen Fesseln herum. Endlich zerfaserten die letzten Stränge Hanf. Vorsichtig wand Khamer seine Hände frei und rannte los.

Den Weg aus der Stadt versperrte das Fuhrwerk, also duckte er sich in die nächstbeste Gasse nach Osten. Balken spannten sich etwas über Kopfhöhe zwischen den Hausmauern und hielten so beide Gebäude davon ab, einzustürzen.

Hinter ihm wurden Rufe laut, doch auf den Pferden konnten die Helgen ihm nicht folgen. Khamer schlug Haken, benutzte einen Esel, der Gemüseabfälle fraß, als Leiter über eine Mauer, kletterte auf der anderen Seite des winzigen Hinterhofs an einer Dattelpalme empor und fand sich auf einer breiteren Straße wieder, die nach wenigen hundert Schritten auf den Blutplatz traf.

Über die Straße, in die nächste Gasse, umschauen. Weiter südlich einer der Reiter, wahrscheinlich auf dem Weg zum Osttor, um die Wachen zu warnen.

Also der Gasse folgen, zum Nordtor, das war für Reiter am langsamsten zu erreichen. Zu schnell um die Ecke, noch eine Straße, einem Pferd fast vor die Füße fallen, in die braunen Augen des Mannes blicken, der Khamer die ganze Zeit in den Nacken gestarrt hatte. Zift.

Khamer duckte sich zurück, nahm eine andere Abzweigung. Hufschlag auf dem trockenen Boden hinter ihm. „Bleib stehen, du Ungeheuer!“

Noch eine Gasse. In ein Haus ohne Tür, das vor Ruß starrte und frisch verbrannt roch – schwarz weiß grün auf dem Boden, ein von den Helgen geschleifter, verbotener Tempel für die Drei. In einen verwüsteten Innenhof, über eine weitere Mauer auf eine Straße, um eine Ecke, in eine Sackgasse. Eine Frau, die gerade eine Haustüre aufschloss. An ihr vorbei in schattige Deckung.

So schattig, dass Khamer kaum etwas sah. Er blieb stehen, atmete durch, bis seine Augen sich an das Zwielicht gewöhnten. Ein Empfangszimmer? Kniehohe Sitzkissen und Truhen drängten sich an allen Wänden, mitten im Raum standen zwei niedrige Tische aus Zedernholz, links führte eine offene Türe in einen anderen Raum, und geradeaus versperrte eine weitere Tür den Weg nach draußen. Durch einen dunkelblauen Vorhang fiel ein bisschen Licht, dahinter befand sich wohl ein Fenster.

Etwas kribbelte in seinem Nacken. Die Frau wartete in der offenen Türe auf die Gasse und schaute ihn an. An ihrer rechten Hand schwang eine lederne Umhängetasche, ihre linke hatte den Träger gegriffen, als sei sie bereit, ihm eins überzuziehen.

Sie trug einen hellgrünen Mantel und ein passendes Kopftuch, aber keinen Schleier. Ihre Augen hatten die gleiche Farbe wie sehr unreife Zitronen.

Jinnaugen. Das Gesicht dazu war oval, mit einem olivfarbenen Hautton, der geradezu danach verlangte, gestreichelt zu werden. Nur, um zu sehen, ob das samtige Aussehen hielt, was es versprach.

Khamer blinzelte den Gedanken beiseite.

Höfliche Gäste klopfen, bevor sie hereinkommen.“ Sie starrte ihn weiterhin an, die Tasche nahm Schwung auf, und ihm wurde heiß vor Verlegenheit.

Bitte vergib mir, je naha’it.“ Khamer wollte sein Shekh richten, aber da war, wie immer, kein Stoff. Überhaupt – bei Nikra, er trug nur seine Hosen und ein kurzärmeliges Hemd, das die Helgen ihm überlassen hatten. Unanständig. Würde die Frauen nur ablenken. Seine Mutter hätte ihm niemals erlaubt, so vor das Zelt zu treten.

Warum bist du hier?“

Die Türe war offen“, sagte er und wollte sich sofort dafür ohrfeigen. Stattdessen zog er den Kopf ein. „Verzeihung, je naha’it.“

Sie antwortete nicht, aber er wagte nicht, sie anzusehen, und zwang sich, nicht mit den Füßen zu scharren wie ein reumütiges Kind.

Die Helgen. Ich bin auf der Flucht vor ihnen.“

Hm.“

Sie haben die Karawane meiner – die Karawane überfallen und mich verschleppt und … Ich will nur zurück nach Hause.“

Wieder machte sie „hm“, aber wenigstens stellte sie die Tasche ab, schloss die Türe und schob einen Riegel davor. „Du bist von den Yeldin?“

Ja, je naha’it.“

Maya“, sagte sie. „Setz dich.“