
Raubkopien
Wenn ich versuche, mit meinem nicht-VPNten Laptop Anna’s Archive zu erreichen — mit die größte Suchmaschine für Raubkopien im Internet — erzählt mir der Browser was von Sperrung und Copyrights und Urheberrechtsverletzung. (Neuerdings ist es auch ein Sicherheitsrisiko.)
Und ja, das ist richtig. Alles, was da abgerufen wird, entgeht Autor*innen an Einnahmen. Inklusive mir, denn meine als E-Buch verfügbaren Texte sind da auch auffindbar. Wer auch immer hinter der Seite steckt, rafft alles zusammen: Unterhaltungsliteratur jeglicher Qualität, Texte von links und rechts des politischen Spektrums, hochkarätige Studien und wahrscheinlich auch KI-Slop-Paper (das habe ich nicht getestet).
Wenn ich will, dass Menschen weiterhin gute Bücher machen, ist es moralisch mindestens fragwürdig, ein illegales Archiv zu nutzen (KI zur Texterzeugung und -zusammenfassung ist mittlerweile irgendwie ein peinliches Kapitel für die Menschheit, Fahrenheit 451 lässt grüßen). Trotzdem kann ich Menschen verstehen, die in einer Schattenbibliothek a) trotz Amazon-Sperre oder LGBTQ-Propaganda-Verbot in ihrem Land gern derart beschränkte Inhalte sehen wollen oder b) wissenschaftliche Literatur suchen, weil ihre Uni sich das Journal nicht leisten kann oder sie überhaupt nicht an einen Uni-Zugang zu Literatur kommen.
Wissenschaftliche Literatur zu lesen, ist für Menschen, die nicht in angenehmer Fahrtnähe zu einer Uni-Bib wohnen, tatsächlich nicht ganz einfach, denn online verfügbar sind die (oft unsagbar teuren) Journal-Abos meist nur für reguläre Studierende. Der Rest der Welt muss vor Ort recherchieren. Oder die Mondpreise der Journals von 30 bis 50 Dollar pro zehn bis dreißig Seiten Text zahlen (oder 40+ Dollar pro Monat im Abo, für mehrere Plattformen gleichzeitig, versteht sich).
Zwischenfazit: Hochwertiges Wissen ist da, aber nicht immer so einfach erhältlich, wie eins sich wünschen würde. Gewisse Nutzungen von Raubkopien kann ich nachvollziehen und verzeihen.
Sinn und Zweck von Archiven
Der eigentliche Auslöser für diesen Text ist eine Fanfiction.
Orion shook his head, looking disappointed. “Jazz. Do you know what my job is? What it really is?”
“You collect information?”
“I enable access to information. Or at least, I’m supposed to. My job, at its most literal level, is to determine what information needs to be preserved, to preserve it, and to make sure that anyone who wants to have it can. I can’t do my job, Jazz. Instead of helping people learn, I get sent pages upon pages of data from the Senate, every quartex, telling me what files need to be erased or edited, because the data within is against the version of reality that they wish to spread. Cultural, historical knowledge, and they want it censored and buried. Alpha Trion and I spend most of our days backing up our people’s cultural treasures, hiding them away so that they can survive the Functionists.
“The Functionists would have us believe that their way is not only the right way, but the only way, the way it has always been. It is a lie. It is one so blatant and false that to perpetuate it, they have to commit historical vandalism on an astronomical scale.”
Quelle: Hinn_Raven, Autonomous Beings, Kapitel 8, meine Hervorhebung.
Hier ist ein Archivar, der seinen Beruf, also Wissen sammeln, sortieren, erhalten und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, nicht erledigen kann, weil die Regierung beschlossen hat, dass die Wahrheit nicht zu ihrer Version der Realität passt, und im großen Stil Datenlöschungen befiehlt.
Historischer Vandalismus
Wir leben in einem Zeitalter, in dem das Verbrennen von Büchern zwar noch vorkommt, aber nicht mehr so nachhaltig wirkt wie zu Zeiten, als es keine elektronischen Kopien gab.
Seit einem Jahr ist das in großem Stil in den USA zu beobachten: Es verschwanden Klimadaten. Von US-Servern gelöscht, weil sie alten weißen Männern, die zwecks Machterhalt die Welt verbrennen, nicht in den Kram passen. Um Solar- und Windenergie lässt sich nicht so gut kloppen, wie Michael Blume nicht müde wird zu betonen.
Nebenbei verschwanden Frauen aus den Streitkräften, sowohl per Entlassung als auch von den Webseiten; wir werden sehen, wie viele Frauen im Herbst überhaupt noch wählen dürfen. Auch verschwunden: Daten zu Infektionskrankheiten und von trans Personen aus der Geschichte. Zumindest auf offiziellen Seiten. Terminologie, die der Trump-Administration nicht passt, muss aus wissenschaftlichen Arbeiten weichen.
Und der Vorwurf der Wahlfälschung von 2020, den selbst Trump-freundliche Rechtssprechung für Unfug hält, ist auch noch nicht ausgestanden, denn in Georgia ermittelt nun das FBI gegen eine Wahlbehörde. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, so kurz vor den Zwischenwahlen, die das faschistische MAGA-Lager gern ausfallen lassen würde.
Fazit
Ich lebe lieber mit Raubkopien als in einer Welt, in der mir Ultrakonservative oder Faschos jeglichen geistigen Hintergrunds mir vorschreiben können, was ich an Informationen sehen darf.