Löffel und Prioritäten

Es gibt die oft zitierte Weisheit, dass du erst merkst, wie wichtig etwas ist, wenn du es verlierst oder wenn es bedroht ist. Und es gibt Tage, da zweifle ich an meiner Berufswahl.

dr dewinter in heroischer pose

Heute ist so eine Gelegenheit. Etwas kurzfristig dieses Jahr, wie alles eben kurzfristig ist – in diesem Fall Anfang Mai – fing ich ernsthaft an, nach dem CSD Stuttgart zu schauen. Was war am berühmten letzten Samstag im Juli geplant?

Sie hoffen auf eine Demo und echte, anfassbare Infostände. Demo am Samstag, Infostände diesmal Samstag und Sonntag. Allein dass ich dieses Jahr zwei Tage Infostand organisieren müsste statt einen Sonntag, ließ mich erst mal hilflos mit den Armen rudernd zurück. Bis ich das mit dem finanzierenden Verein abgesprochen hatte (zwei Tage kosten logischerweise mehr Miete als einer, und ich brauche einen Parkplatz für je mindestens 20 Euro) und mit dem Orga-Team in Stuttgart geklärt hatte, dass wir bei einem Randplatz auch nur samstags kommen dürften, waren zehn Tage vergangen. Das ist etwas langsamer als mein übliches Tempo. Offenbar ist mit mein Energiekonto doch leerer, als ich gern glauben möchte.

Und selbst, wenn der Infostand nicht klappt wegen der Leute, die ich dafür brauche: Die Demo startet um 14 Uhr statt wie üblich um 16 Uhr. Das ist bei Feierabend um 13 Uhr (plus hinterher Kasse zählen) nicht mal als Zuschauerin pünktlich zu schaffen von meiner Provinzgroßstadt aus.

Dann brauchte ich drei Tage, um mich so weit zu pimpen, dass ich der Apotheker-Kollegin mitteilen konnte, dass ich am Stuttgarter CSD-Samstag gern frei hätte.

Warum pimpen? Weil wir schon einiges an Diskussionen zu Terminplänen hatten dieses Jahr. Derzeit ist die Kollegin nämlich wegen Long Covid in Wiedereingliederung, darf maximal fünf Stunden am Tag arbeiten und hat verständlicherweise keinen Bock, mehr als zwei Samstage hintereinander zu übernehmen.  (Ich hab auch keinen Bock, was aber während ihrer vier Wochen Krankheit auch niemand gestört hat.)

Weil ich außerdem den Karlsruher CSD-Samstag am 5. Juni frei will, bot ich an, am Samstag vor meinem Urlaub vormittags zu arbeiten. Und ach, da ist ja noch Notdienst, der ab 18 Uhr zu leisten wäre. Und weil Notdienst plus Wiedereingliederung halt so eine Sache ist, sage ich Idiotin, dass wir uns das ja teilen können, mit dem tariflich vorgesehenen Split um 22 Uhr. Was im schlechtesten Fall heißt, dass ich am Sonntag frühestens um 9:30 Uhr daheim bin und den kompletten Tag als Zombie verbringe, weil ich nachts rausgeklingelt wurde und selbst ohne Kundschaft die Nacht neben einem brummenden Kommisionierautomaten geschlafen habe. Also gute Aussichten auf einen super erholsamen Urlaubsanfang./Sarkasmus Ende.

Die DeWinter ist nett und rücksichtsvoll und versteht natürlich, wenn jemand krank ist.

Dann frage ich vorgestern, am Pfingstsamstag, die Kollegin, ob ich den Stuttgarter CSD-Samstag freihaben kann. Der halt zufällig vor dem Urlaub der Kollegin liegt. Die da gern frei hätte und dann verspricht, dass sie mal bei der Filiale fragt, ob wir wen ausgeliehen bekommen.

Und weil das abends nach einem anstrengenden Vortrags- und Kongresstag ist und vor einem Sonntagsnotdienst (von 8:30 bis 20:30 bis zur Ablöse), habe ich keinen Nerv, per Messengerdienst oder am Telefon deswegen eine Diskussion anzufangen, sondern fühle mich dankbar, dass sie bereit ist, nach Ersatz zu fragen.

Und heute bin ich nach dem lebhaften Notdienst müde und habe außerdem dank Wetter einen Migräneschädel. Zum Wütendsein über mich und die Ironiefreiheit der Kollegin reicht die Energie nicht, aber traurig geht. Jedenfalls kann ich mich gerade über das asexy Bullshit-Bingo nicht so richtig freuen, das fink erstellt hat.

Warum überhaupt so viele Gefühle? Weil so ein CSD mir halt doch wichtig ist, obwohl er auch beschissen viel Arbeit macht, selbst wenn du nicht die komplette Veranstaltung, sondern nur einen Stand organisierst.

Und weil das ja kein religiöser Feiertag ist, muss ich außerdem erst mal erklären, warum ich das überhaupt wichtig finde. Was mich ankäst. Und weil garantiert nur die Mitlesenden mit Minderheiten-Buchstabe blicken, wie kacke das sich anfühlt, überhaupt erkären zu müssen, warum das wichtig ist.

Die Erklärerei wäre natürlich nicht nötig, wenn ich mir einen Job gesucht hätte, bei dem die Samstage nicht als Arbeitstag gewertet werden.

(Und mal wieder die Beobachtung, dass die fünf Tage arbeitende Bevölkerung es zwar selbstverständlich findet, dass andere am Samstag die Läden für sie öffnen, aber sich dann wundern, warum ich für ihre Frage nach „dem Brückentag“ nach einem Donnerstags-Feiertag mittlerweile eher einen gestreckten Mittelfinger übrig habe.)


Bildchen freundlicherweise zur Verfügung gestellt von JJ Link.

Aber …

Gestern, am 17. Mai, war mal wieder IDAHOBITA – Internationaler Tag gegen Homo-, Trans-, Bi-, Inter- und Acefeindlichkeit.

Zu den deprimierenden Statistiken aus Deutschland und bei den europäischen Nachbarländern ist an anderer Stelle einiges gesagt und geschrieben worden. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs, und ein schrecklich netter Teil des Unterwasser-Monstrums ist mir letzte Woche begegnet.

Er ging in etwa so: „Also, die Frau X hat jetzt einen neuen Apotheker eingestellt. Der hat einen Mann, aber der ist sehr nett und die Kundschaft ist auch total begeistert.“

Und ich guckte die Erzählende an und fragte mich zuerst: Wieso „aber“?

An sich reihte sie ja einige neutrale Informationen aneinander. Neu angestellter Apotheker, wahrscheinlich schwul oder bi, seine Chefin findet ihn nett und die Kundschaft ist auch zufrieden.

Nur das Wörtchen „aber“, das wertet das alles auf einmal. Als würde es sich ausschließen, gleichzeitig zu einer sexuellen Minderheit und nett und kompetent zu sein.

Zum nächsten fragte ich mich, ob die betreffende Person schon mitgekriegt hat, dass sie das zu einer nicht-heterosexuellen Frau gesagt hat – wir kennen uns seit gut zwei Jahren.

Zum letzten stelle ich fest: Diese 90 Prozent fast unsichtbaren Eisberg aufzutauen, das ist noch viel Arbeit. Sehr viel Arbeit.

Noch lebendig / Eskapismus / Sachbuch-Termin

So.

Zwischenstand: Mich gibt es noch. Bin nur nicht mitteilungsfreudig. Im November Urlaub gehabt, statt Verwandtenbesuch und Buch Berlin also beste Alphaleserin der Welt besucht und ansonsten vor allem Lucifer und danach den Rest von Ben Aaronovitchs „Flüsse von London“ gesuchtet. Zu beidem eine mittelgroße Dosis Fanfic gebraucht. Jetzt geht’s wieder. (Bis ich das nächste Binge-Objekt finde.)

Ich neige eben zu Binge-Verhalten/Kleinobsessionen und bin dann manchmal auch weg, weil Eskapismus halt manchmal notwendig ist. Und da bei uns in der Gegend grade der Über-300-Inzidenz-Aktionismus ausgebrochen ist, wen wundert’s? Jedenfalls gut, dass es Videotelefonie gibt. Meinen Vater habe ich seit letztes Jahr im Oktober nur noch online getroffen und kenn den neuen Hund noch gar nicht.

Aber besser, ich binge Fanfiction als Alkohol oder psychotrope Substanzen, oder?

Seit Montag Überstunden, weil die Kollegin Resturlaub und Überstunden abbaut. FFP2/KN95 sind Pflicht. Die Kolleginnen und ich haben Verspannungen im Kiefer, weil laut und klar über das Plexiglas hinweg sprechen und feste Masken — entweder Mund weit auf oder Maske, nicht wahr? Und ich hab noch Glück, weil ich ja nicht Vollzeit in der Apotheke arbeite.

Jedenfalls ein Hoch auf Pfefferminzöl. Damit sind die abendlichen Kopf- und Kieferschmerzen fast weg. Ich werd jetzt noch hochdosiert Magnesium draufkippen. Bessere Investition als irgendwelche Immun-Komplexe ist das allemal, denn die Rotzerei lässt diese Saison auf sich warten. Auch beim Großteil der Bevölkerung, weshalb wir bei den Erkältungsmittelchen und damit überhaupt einen Umsatzeinbruch im Vergleich zu den Dezembern vorher haben.

Nebenbei ist das Sachbuch in der zweiten Lektoratsrunde. Geplante Veröffentlichung Ende Januar. Ich denke, das Warten und Feilen wird dem Text nicht geschadet haben.

Maske und Paranoia

(Kontroverse Meinungen ahoi.)

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Wiederverwendbare Maskensammlung. Mamas Selbstgenähte, eine zugekaufte, Edda-inspiriertes Kunsprojekt und Tentakelbart.

Jetzt ist also seit dem 27.04. Maskenpflicht bzw. Mund-Nase-Bedeckungspflicht für (fast alle) in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften.Witzigerweise hatte das RKI zunächst ja verkündet, das sei nicht nötig.

Ich war seitdem an fünf Tagen auf Arbeit.

Teil 1: Maskenbesserwissen

Habe ich mich dadurch im Bus oder in der Apotheke als Personal sicherer gefühlt?

Nicht die Bohne.

Warum?

Da unser Plexiglas-Spuckschutz nicht an den Seiten geschlossen ist, hat die Chefin uns als Personal schon vor zwei Wochen dank ausreichend besorgtem Material Masken verordnet. Das ist an sich eine sinnvolle Sache. Wir hängen ja länger als 15 Minuten am Tag aufeinander und sprechen von Berufs wegen sehr viel. Wenn mit Masken die Quarantäne-Wahrscheinlichkeit verringert ist: Yay!

Auch wenn ich nach einem normalen Arbeitstag mit FFP2 schwere Beine habe wie sonst nur ohne Stützstrümpfe im Hochsommer. Offenbar kommt da unten nicht genug Sauerstoff an?

Ist jedoch verschmerzbar, da ich Teilzeit arbeite.

Dann gucke ich mir an, was die Leute mit den Masken machen. Mit bestenfalls lasch desinfizierten Händen Maske hoch und Maske runter, zwei-, drei-, fünfmal im Gespräch mit mir oder der Bekannten im Bus, nicht über der Nase getragen. Falschrum getragen mit dem Nasenbügel unter dem Kinn.

Häufig mehr Rumgefummel im Gesicht als ohne. Und bewahre, dass das Outfit deswegen praktischer gestaltet wird. Die Frau Apothekerin hier verzichtet schon seit Wochen zwangsweise auf Ringe, Halsketten und größere Ohrgehänge und steckt ihre Haare weg. Eben um das Rumgefummel zu minimieren.

Und trotzdem beschlägt die Brille … (was sie nicht sollte, aber hundert Prozent dicht ist halt was anderes, auch bei FFP2).

Von den Leuten, die so was gar nicht tragen können, weil Asthma usw., reden wir jetzt erst mal nicht, und dann gibt es noch Leute, die verstehen mich nicht mehr, selbst wenn ich hinter der Maske laut spreche. Weil sie schwerhörig sind und ihnen meine Mimik fehlt. Oder ich verstehe die nicht, weil Maske und Stottern oder Heiserkeit ist, sagen wir mal, eher kontraproduktiv.

Um bei uns den Verbrauch zu minimieren, werden die Masken personalisiert und dann laut Politik-Empfehlung in den Trockenschrank getan. (Apotheken haben so was im Labor, im Gegensatz zu Krankenhäusern.) Dreimal kann man sie laut dieser Angabe so behandeln, danach ist Schluss.

Diese Empfehlung geben wir auch an die Kundschaft weiter. Deren Öfen sind aber keine fein justierbaren Trockenschränke und haben ihre Hitzequelle nicht grundsätzlich hinter einer Abschirmung. Da schmelzen die schnell und günstig produzierten Teile auch schon mal an.

Und nun kamen das BfArM  und das ZDF und sagen, dass die Empfehlung mit 70 Grad Celsius für 30 Minuten nicht ausreicht. 90 Grad und 90 Minuten oder gleich in den Autoklaven/Heißdampf? Ob das billige Gummizeug bei Wegwerfartikeln das aushält? (Wenn die Gummis nicht gleich abbrechen.) Die von der Frau Mama selbstgenähte Option habe ich bislang drei Mal ausgekocht (also je 10 Minuten Heißdampf), und selbst diese auf häufige Wäschen ausgelegten Gummibänder für die Ohren sind nicht begeistert.

Das mit der Abstandsregel ist mit und ohne Maske eine Sache des Münzwurfs. In der Apotheke ist aber wenigstens immer wer mit offiziellem Aussehen (weißer Kittel!) da, die die Kundschaft höflich, aber bestimmt an den Sicherheitsabstand erinnern können. Bei üblicherweise mit Sonderangeboten und Extras zugebauten und ohnehin selten mehr als 1,50 Meter breiten Supermarktgängen ist das selbst mit gutem Willen und Wagenpflicht schwierig. Und wen zum Aufpassen gibt es sowieso nicht.

(Die Security vor dem dm Drogeriemarkt war nach einer Woche schon wieder verschwunden. In der Innenstadt führt das dann schon mal zu kichernden Gruppen gelangweilter weiblicher Teenager in den Kosmetikgängen.)

(Der Busdienst wurde bei uns zeitweise auf Samstagsniveau reduziert. Jetzt ist Maskenpflicht und Läden offen, jetzt fahren sie endlich wieder alle, bis auf die Schulbusse. Abstand ist zumindest abends einfacher.)

Also, mir ist Abstandhalten lieber als Maskenpflicht, zumal vor allem (häufig schlecht sitzende) Mehrwegteile bei Leuten ohne Grundkurs in Basis-Maskenhygiene (die ist komplizierter, als eine meinen sollte, laut RKI) meiner Meinung nach nix verloren haben.

Die Einmalteile brauchen Kliniken, Praxen, Pflegedienste. Und Leute, die hustend, niesend und/oder rotzend vor die Tür gehen (müssen).

Um den Noordlander zu bemühen: Ja, wenn wer eine geschlossene Hose trägt und lospinkelt, kriegen andere keine nassen Beine. Wenn die Person nicht pinkelt, kann es mir aber egal sein, ob sie Hose trägt.

Gespräche bei mir in der Apotheke dauern normalerweise unter fünf Minuten (mit Plexiglas), im Supermarkt kürzer (also zwei bis drei Sätze), warum um aller Welt soll ich da eine Maske tragen, wenn ich den Rest der Zeit symptomfrei atme?

(Apropos: Können wir die Fern-Arbeitsunfähigkeits-Erstellung bei Erkältungen behalten?)

Mir wäre es lieber, wir hätten eine auf Dauer andere Erkältungsetikette. Schniefnasen und die obligatorischen (Theater-)Hustenden hinter geeignete Masken, Homeoffice-Lösungen für arbeitsfähige Schniefnasen, damit sie die Viren nicht in den Öffis und im Geschäft streuen, und … ?

Aber es sieht jetzt halt aus, als würde was getan, nicht wahr? Wir erinnern die Leute daran, dass Ausnahmesituation ist.

Und insofern haben diese von symptomfreien Menschen zwangsweise getragenen Masken und Behelfsspuckefilter für mich gefühlt hauptsächlich eine politische Funktion.

Teil 2: Politik und Denunziantentum

Schon vor der Maskenverordnung gab es ja Menschen, die wegen des Coronavirus in anderen vor allem eine Bedrohung für ihr eigenes oder ein fremdes Leben gesehen haben. (Wie, du fährst mit dem Bus auf Arbeit? Hast du keine Angst um … ?)

Jede Handlung erhielt auf einmal einen moralischen Wert. Garantiert habe ich hier auch wieder Reaktionen auf meine Maskenmeinung, dass das ja total verantwortungslos sei und ich wollte, dass meine Oma stirbt, einself!! (Meine Omas sind seit 51 bzw. 22 Jahren tot, vielen Dank.)

Viele Handlungen haben zwar an sich schon einen moralischen Wert, vor allem in Zeiten des Klimawandels, aber da ist es ja so, dass das zur Not geflissentlich ignoriert werden konnte, zumal die eigene Blase ja ähnlich gestrickt war. Die Wahrscheinlichkeit, dass es eine Person, die auf ihren neuen Marken-Hausfrauenpanzer/SUV stolz ist, in meine Facebooktimeline spült, ist relativ gering. Genauso kenne ich wenig Personen, die auf Kreuzfahrt gehen.

Nun habe ich in meiner Blase aber Menschen, die eine allgemeine Maskenpflicht das beste seit geschnitten Brot finden und mich wahrscheinlich nach diesem Posting kloppen, egal wie begründet meine Fragen sind. Dazu kommen Leute, die Masken prinzipiell immer kacke finden und solche, die das halt mitmachen, aber sich mehr als ich um ihre Freiheitsrechte sorgen und …

Vor Corona-Lockdown kam ich mit dieser gemischten Truppe erstaunlich gut aus.

Ich habe mich entschlossen, nur Leute zu entfreunden, die echten Bockmist verzapfen und sich nicht einfach um grundverschiedene Dinge sorgen. Bislang habe ich dieses Instrument noch nicht benutzen müssen.

Und das ist nur die Onlineblase.

Live muss ich zwischen „Ähhh, die trägt aber keine Maske!!! Polizei!! Wieso sagen Sie nichts, Fräulein?!“ (aber gern auch mit schlecht schließender Selbstgenähter) und „Ich habe einen Herzfehler, ich kriege keine Luft“ vermitteln.

Ich muss nunmehr von Berufs wegen alle misstrauisch beäugen, die in den Laden stolpern, und nicht nur die rausfiltern, die Rezepte gefälscht haben/ihr Codein  vermutlich weiterverkaufen/ihre Versicherung betrügen wollen/etc.

Ich mag aber nicht jeder Person, die sich (mal) schlampig an die Regeln oder mit guten Gründen nicht an die Regeln hält, unterstellen, dass sie ein völlig verantwortungsloses Arschloch ist, das meine Oma bzw. anderer Leute Omas und Vorerkrankte umbringen wird.

Ich mag dieses Kontrolldenken nicht. Ich mag nicht, was diese ständige Ermahnerei und dieses Misstrauen mit meinem Hirn machen, und ich mag es nicht, wie es selbsternannte Blockwarte bestärkt, die zwar Menschengruppen auf der Straße melden, aber garantiert niemals das misshandelte Kind aus der Wohnung gegenüber.

 

 

 

 

 

 

 

Katze tot/Fragezeichen/Systemrelevanz

Physics, Schrödinger'S Cat, Schrödinger

Diese Katze war zum Zeitpunkt, als das Foto entstand, lebendig. Bild von Geralt via Pixabay.

Mein Schweigen seit letzter Woche liegt darin begründet, dass die Katze tot ist: Die Kollegin hat dann doch Corona, Ansteckungsweg unbekannt.

Vielleicht hatte ich mir das auch nach der Nebenhöhlensache eingesammelt und ihr weiterverteilt, und der seltsame Schnupfen war doch keine Grippe mit ein bisschen Rhinovirus?

Ich war garantiert bis zum 8. März ansteckend, und das wäre dann ein später, aber nicht unmöglich später Krankheitsbeginn ihrerseits.

Aber am 2. März hat da noch niemand drüber nachgedacht. Vor allem nicht bei einem doofen Schnupfen.

Viele Fragezeichen. SARS-CoV-2 macht schräge Dinge mit Menschen und manchmal (sehr häufig) halt auch gar nichts. Aber wenn man es bös hat (also eine Lungenentzündung davon bekommt), hat man’s wohl richtig bös, wenn ich den Ausführungen des Robert-Koch-Instituts richtig gefolgt bin.

Jedenfalls ist die Kollegin samt der dazu eingeteilten A-Schicht am Montag dann noch nachträglich in Quarantäne versetzt worden, und ich bin seit Dienstag fast in Vollzeit, was ich irgendwie nicht mehr gewohnt bin. Ein Quartalsbeginn mit erhöhtem Aufkommen von Inkontinenzbedarf und Pflegehilfsmittellieferungen ist auch noch dabei, wir diskutieren uns den Mund fusselig. Nein, Händedesinfektion nur 100 Milliliter, die kriegen wir leider zu einem Preis geliefert wie sonst die 500 Milli. Und nur drei, und nur zwei Packen Handschuhe, weil andere wollen auch noch was. Aber immerhin haben wir welche, ne?

Sagrotan Flächendesinfektion ist aus. Mein Handy bekommt nach jedem Arbeitstag eine Behandlung mit Wasser und Seife. Und Ihres?

(Sprühen ist halt bequemer als Klodeckel mit Lauge putzen, ich weiß.)

Masken kann ich in Rückstellung nehmen. Nein, ich verstecke keine vor Ihrem Kind mit Mukoviszidose oder Ihren gebrechlichen Eltern. Wenn wir unsere letzten Einzelstücke rausgeben, müssen wir bei jedem weiteren Corona-Fall den Laden dicht machen.

Dass ich auf Montag eine Nacht wegen Notdienst und auf Mittwoch eine Nacht hormonbedingt höchstens je vier Stunden geschlafen habe, macht die Sache nicht besser.

Als gestern noch Energie übrig war, habe ich die Punk’n’Roll-Version einer Behelfsmaske zu nähen angefangen.

Schrödingers Corona

Physics, Schrödinger'S Cat, Schrödinger

Grundlagen der Physik via geralt, Pixabay. In einer Box, in der die Freisetzung von Gift dem Zufall überlassen ist, weiß eins nicht, ob die Katze darin tot oder lebendig ist, bis eins die Box öffnet.

 

So, eine Kollegin hat nach trockenem Husten am Wochenende Fieber entwickelt und ist zwei Wochen krankgeschrieben. Ein Test wurde nicht angeordnet, weil sie keinen Kontakt zu nachweislich mit SARS-CoV-2 Infizierten hatte. Obwohl sie in einer Apotheke arbeitet, wo es, sagen wir mal, vielleicht nicht ganz uninteressant wäre zu wissen, ob wir ohnehin meist angeschlagene Patient:innen gefährden.

Das mit dem Kontakt ist insofern eine Milchmädchenrechnung, da das Robert-Koch-Institut davon ausgeht, dass die tatsächliche Fallzahl die gemeldeten Fälle um mindestens 4,5- bis 11-fach übersteigt. Wo diese Fälle rumspringen ist, wie es so schön auf Englisch heißt, „anyone’s guess“ — kann eins nur raten. Gehen die noch arbeiten? Sitzen die schniefend mit mir im Bus? Keine Ahnung.

Logisch könnte die Kollegin auch eine Grippe haben, die Symptome ähneln dem, was ich vor drei Wochen hatte, nur heftiger.

Das, worunter die Kollegin leidet, ist also gleichzeitig Schrödingers Corona und Schrödingers Virusgrippe. Solange wir die Kiste nicht öffnen, wissen wir es nicht. Ohne Test keine Statistik.

Für mich ändert sich vorläufig wenig: Der Spuckschutz wirkt in beide Richtungen. Ich rücke den Leutchen weiterhin nicht zu sehr auf den Pelz, und die sind glücklicherweise meist unter 15 Minuten in meiner Nähe.

Trotzdem hat die Nachricht uns alle heute beim Arbeiten irritiert. Die Kollegin mit der immunsupprimierten Mutter, die mit dem Ehemann bei der Feuerwehr, usw.

Nach der Schicht kaum konzentrationsfähig.

… Nebenher Leute, die sich um Sinn und Unsinn von Seuchen in einer WhatsApp-Gruppe streiten und darüber entzweien. Als wäre dem Phänomen Existenz an sich irgendein höherer Sinn abzugewinnen. Die Nornen haben die Stäbe geworfen (hören Sie den Zufall klappern?), irgendwer hat vielleicht deswegen einen Kampf mit den Jöten verloren. Frau Hels Rechen hat dieses Jahr feinere Zinken. (Oder wie auch immer eins es sonst betrachten mag.)

Nicht, dass jeder Todesfall nicht einer zu viel wäre. Ich richte mich auf unangenehme und traurige Nachrichten ein. (Und höre Musik dazu.)

Was wir als Einzelne und als Gesellschaft aus Seuchen und Naturkatastrophen machen, wo wir Sinn und Unsinn finden, ist wie immer unser Ding und keiner höheren Macht anzulasten. Schade nur, dass manche nichts Besseres zu tun haben, als Schuldschieberei und (Sozial-)Darminismus zu betreiben.

#staythefuckathome

Covid-19, Virus, Coronavirus, Pandemic, Epidemic

Covid-19, von TheDigitalArtist via Pixabay.

Also. Ich bin ja bekanntermaßen nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Teilzeit-Apothekerin.

Vor gut drei Wochen ist etwas passiert, das mir zu denken gegeben hat. Ich hatte vorher neun Tage mit einer Nebenhöhlenentzündung daheim verbracht. Mittwoch und Donnerstag war jeweils ein halber Tag arbeiten angesagt. Freitags und samstags war Nebenjob im Homeoffice, und da hatte ich wieder vermehrt einen trockenen Husten. Sonntag kamen eine sehr, sehr laufende Nase und leichte Gliederschmerzen hinzu.

Lästig, aber verschmerzbar. In der Nacht schwitzte ich was weg, am nächsten Morgen wachte ich mit einseitigem Kopfweh auf und dachte: „Na, Rotzerei und eine Migräne obendrauf. Danke, höhere Mächte.“ Nahm Schmerzmittel, frühstückte und machte mich auf zu einem 10-Stunden-Tag Apotheke. Wäre ja peinlich, sich schon wieder krankschreiben zu lassen wegen zwei Lappalien, zumal das Schmerzmittel die einseitigen Kopfschmerzen linderte und ich nicht mal mein echtes Migränemittel hinterschieben musste. Gegen den trockenen Husten hatte ich noch was da, weil meine Nebenhöhlen haben immer trockenen Husten.

Wenn ich den Dienstag ebenfalls eingeplant gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich gebeten, einen Ersatz für mich zu finden, aber wenn ich an den nächsten beiden Tagen ausschlafen konnte? Da hatte ich schon unter erschwerteren Bedingungen gearbeitet. (S.u.) Und konzentriert war ich ja auch.

Außerdem waren von der anderen Berufsgruppe (den Pharmazeutisch-Technischen Assistentinnen) zwei krank, aus einer Filiale würde Ersatz da sein. Da noch ausfallen und alles den Noobs überlassen, die sich in unserer Filiale nicht auskennen? Nicht gut.

Also ich mindestens zweimal die Stunde raus zur Hintertür, Nase putzen und/oder husten, Taschentuch in ein verschlossenes Gefäß, Hände desinfizieren, weiter im Text. Zwischendurch noch mal in die Armbeuge gehüstelt.

Mittwochs war der Spuk bis auf ein bisschen Husten vorbei.

Es stellte sich am Montag drauf raus, dass wenigstens eine meiner beiden PTA-Kolleginnen das gleiche Viehzeug gehabt hatte, bloß heftiger: Gleiche Symptome plus Fieber und extreme Erschöpfung, eine Woche Krankschreibung. Anscheinend hatte uns allen beiden wer am Mittwoch oder Donnerstag den entsprechenden Virus überreicht, aber die andere hatte es ungleich härter getroffen.

Und eine von den Vertretungen hatte sich, wie ich vorgestern erfuhr, wohl bei mir angesteckt und lag zwei Wochen flach.

Keine davon Grippe geimpft. Ich hole mir aber seit fünf Jahren den Piks. Da kann man zwar noch Grippe bekommen, entwickelt aber mildere Symptome.

So mir nichts, dir nichts hatte sich meine lästige Erkältung also als wahrscheinliche Virusgrippe entpuppt.

(Die nächste nachgewiesene Virusgrippe begegnete mir eine Woche später im Notdienst. Die war im Krankenhaus, wurde mit einem Mundschutz entlassen und bekam das entsprechende Mittelchen dagegen, nämlich Tamiflu.)

Wir lernen also zwei Dinge daraus:

Erstens ist das mit der Statistik so eine Sache. Ich hatte in meinem Leben schon öfter etwas, das wahrscheinlich eine Virusgrippe war, aber in Arztpraxen macht niemand einen Test, verteilt keinen Mundschutz und verbietet einem auch nicht, die Großeltern zu besuchen. (Nicht, dass ich auf die Idee gekommen wäre, aber manche sind da eben auch einfacher gestrickt und wissen nicht mal, dass sie ihre Viren verbreiten, wenn sie husten oder auch nur sprechen.)

Quarantäneansage war auch nicht — das vorletzte Mal anno 2018 war ich arbeiten, weil wir sonst ab Mittwoch die Apotheke hätten schließen müssen, und hatte, völlig erschöpft und mit Kreislaufproblemen einen Heidenspaß, die Apothekerkammer zu überzeugen, dass ich den 24-Stunden-Sonntagsnotdienst unter diesen Umständen leider nicht auch noch machen kann.

Zweitens: Mein Schnupfen war der anderen Virusgrippe. Und ich habe in Gegenwart von Menschen über 60 in meinen Ärmel gehustet.Keine Ahnung, wer das Viehzeugs jetzt meinetwegen noch hatte, und wie die damit zurechtgekommen sind.

Das heißt, das nächste Mal bleibe ich bei so extremer Rotzerei daheim: #staythefuckathome.

Das heißt aber auch: Die Zahl der unbekannten Fälle ist viel höher, weil sie ja als „Lappalien“ angesehen sind. Ob nun Virusgrippe oder jetzt Corona. Überall da, wo die Ansteckungskette unbekannt ist, steht eine Person zwischen 20 und 40, die halt mal ein bisschen rumgehustet hat, oder eine Nacht geschwitzt, oder vielleicht sogar beides. Aber ich hab doch kein Fieber! Bin doch nicht krank.

Du bist aber ansteckend, Herzchen.

Und manche Leute müssen deiner Lappalie wegen ins Krankenhaus.

Also halt gefälligst Abstand.

 

 

 

 

Amtliches kurz vor Weihnachten

Wie so viele Menschen im Einzelhandel hege ich zur Weihnachtszeit eine Hassliebe: Viel Geschäft sorgt für gute Einnahmen, von denen mein Chef mein Gehalt zahlt, und viel Geschäft sorgt gleichzeitig für viel Stress. So nett die meisten Leute sind, die in den Laden kommen: Es gibt auch Arbeit, die nicht im Bedienen von Kund*innen besteht, und die bleibt dann liegen, bis eine im schlimmsten Fall drüberfällt.

Dieser Stress kann wiederum zu einer leichten Zombiefizierung führen. Über die Effekte habe ich beim Amt aller Ämter geschrieben.

Vergesst explizite Szenen …

https://i1.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a1/Aesculap-serpentine.jpg/311px-Aesculap-serpentine.jpg… ich habe hier ein viel besseres anatomisches Rätsel.

Diese Woche hatte ich das Vergnügen mit einem Notdienst in der Apotheke.

Und da rief mich also kurz nach zehn ein Mensch an, der meinte: „Also, äähh, ich hatte da eine kleine Auseinandersetzung mit meiner Freundin … und, ähm, dabei hat sie eine Tür zugeschlagen und dabei mein bestes Stück eingeklemmt.“

Ich denke: Will der mich verarschen? Neue Belästigungsmasche? Und wie zum Henker hat er das hingekriegt? (Unmöglich ist es nicht, aber ich hätte eher erwartet, dass in einem solchen Fall Finger oder Nasen leiden.)

Die Treffsicherheit der Dame ist m. E. zu bewundern.

Jedenfalls war sie durchaus ernst gemeint, die Frage. Ich riet zu ausdauernder Kühlung und einen Arzt aufzusuchen. Eventuell noch eine Ibuprofentablette gegen Schmerzen und Entzündungen.

Der Unglückliche fragte noch, ob ein männlicher Kollege vor Ort sei (nein, nicht um die Uhrzeit, da managen wir den Laden jeweils alleine), aber auch der hätte ihm wohl kaum etwas anderes erzählt.

Leben halt. Falls wer von den geschätzten Autorenkolleg*innen die Episode brauchen kann, dürft ihr sie gerne verwenden …

Patriarchat bei der Arbeit:

Aesculap-serpentine

Wenn die unverheiratete Frau mit dem antibiotika-verursachten Vaginalpilz lieber zur Frauenärztin geht, um sich mit Fluconazol-Kapseln zum Einnehmen ihre Leber zu vergiften, statt mit ein paar freiverkäuflichen und wesentlich harmloseren Tabletten zum Einführen ihr Jungfernhäutchen zu gefährden.

(So viel kann ich gar nicht fressen, wie ich kotzen möchte.)