Gelesen 2019

literature_by_ylanite kloppens auf pixybay

Bild von Ylanite Koppens auf Pixabay — Aziraphale/Erziraphael würde angesichts dieser Gefahr für arglose Bücher wohl verärgert die Lippen zusammenkneifen.

Hier handelt es sich um meine jährliche Auflistung an gelesenen fiktionalen Texten samt Kritiken und Meinungen. Statt Jahresrückblick. Nicht alle Bücher habe ich selbst gekauft, da sie mir geliehen oder geschenkt wurden. Geld oder andere Gegenleistungen erhalte ich nicht für derlei öffentliche Meinungsäußerungen, ich habe einfach so Spaß am Loben oder Zerfleddern.

Wie immer war die Sachliteratur sehr zahlreich und ich habe keine Liste erstellt.

Eine meiner neuen Arbeitsstellen können Sie sich unten per Google erschließen. Ich bin tatsächlich auf 450-Euro-Basis angestellte Lektorin, und das komplett ohne Germanistikstudium.

U-Literatur

Akram El-Bahay: Bücherstadt und Bücherkönig. Teil 1 und 2 einer Trilogie, die 2019 ihren Abschluss finden wird. Epische Fantasy, und zwar wortwörtlich, denn es geht um Fabelwesen und nichts weniger als das Schicksal der Menschheit. Ein Dieb, der keiner mehr sein will, begegnet in der riesigen unterirdischen Bibliothek Paramythia einem geflügelten Fabelwesen und beginnt zu ermitteln. Was hat die geheimnisvolle Beraterin des Königs damit zu tun?

Eine Geschichte, die von Beginn an mit mehr Action als Figurenzeichnung aufwartet, weshalb die Gewissensbisse des Helden Samir und seine Romanze mit der vermeintlichen Dienerin Kani zeitweilig wie Behauptungen auf mich wirken. Dafür bestechen die Romane mit einem ausgeklügelten Weltenbau jenseits des europäischen Pseudomittelalters und halten durchwegs bei hohem Tempo und schönen Wendungen die Spannung.

Claudia Speer: Der Auftrag des Normannen und Der Normanne, der Knappe und das verschenkte Schwert. Historische Romane, Teil 1 und 2 einer noch nicht beendeten Reihe. Die mir gut bekannte Kollegin hat sich mit Guy of Gisborne einen der Schurken aus dem Geschichtenkreis um Robin Hood gegriffen und selbigen nach Richard Löwenherz‘ Rückkehr von seiner Heimatinsel verbannt. Im ersten Band soll er für Richards Mutter im Schwarzwald einen unehelichen Spross des deutschen Kaisers finden. Doch schon am ersten Tag der Ermittlungen geschieht ein Mord. Guy und sein Übersetzer, der vierzehnjährige Jakob, stolpern von da an von einem Missgeschick ins nächste.

Die beiden recht schmalen Bände habe ich wegen Krankheit innerhalb von zwei Tagen in einem Rutsch durchgelesen. Trotz der hohen Geschwindigkeit gelingt es der Autorin, Guys menschliche Seiten zu zeigen (soweit bei diesem launischen Kerl möglich), und das Abenteuer mit exakt so viel Buddy-Komödien-Elementen und Seifenoperflocken aufzulockern, dass man den dritten Band gespannt erwartet.

Sophie Hénaff: Kommando Abstellgleis und Das Revier der schrägen Vögel — Krimis mit einer ordentlichen Portion Komik. Es heißt ja, in Tragödien scheitern die Figuren am Leben, in Komödien scheitert das Leben an den Figuren. Hier ist ein schönes Beispiel für diese Weisheit. Eine Horde in Ungnade gefallener Polizist*innen in Paris muss sich als Brigade für ungelöste Fälle zusammenraufen.

Zwischen genauer Beobachtungsgabe und brilliant ausgeführtem Slapstik bewegen sich die Figuren trotz ihrer tragischen Backstorys mit einer solchen Würde, dass man sie einfach lieben muss. Die Rätsel geraten da fast in den Hintergrund.

Dorothe Reimann: Elegie des Großen Krieges — Dabei handelt es sich um ein recht kurzes Weltkriegsdrama mit zwei Fäden: Einmal schreibt ein deutscher Soldat an der Somme Briefe, die er nicht abschickt, an eine ferne Angebetete. Zum Zweiten erleben wir in einem manchmal ins Allessehende wackelnden personalen Erzähler einen jungen Engländer auf der direkt gegenüberliegenden Seite der Stacheldrahtverhaue und Granatentrichter.

Die Toten des Ersten Weltkriegs, den hungrigen Alltag im Graben, die in Abgestumpftheit und Hass umschlagende Euphorie stellt die Autorin sehr drastisch und gewiss keinesfalls übertrieben dar. Ein Manko ist der sehr abrupte Schluss, der eine halbe Seite länger (aber keinesfalls mehr) hätte ausfallen dürfen. Wer auf glückliche oder wenigstens hoffnungsvolle Enden steht, sollte einen Bogen um den Text machen, alle anderen essen den fragwürdigen Eintopf mit und fragen sich, wie wir das überhaupt hingekriegt haben mit der EU.

Diverse: Basement Tales Vol. 2: Sperrgebiet — Sammlung mit fünf Kurzgeschichten, die ich gewonnen habe. Der Verlag The Dandy is Dead bietet hier eine Reminiszenz an die „Groschenhefte“ alter Zeiten, wobei hier die Gestaltung einen dezidiert künstlerischen Anspruch verfolgt und mit zwei Postern aufwartet, die beidseitig bedruckt vier von fünf Geschichten in Szene setzen.

Christoph Marzi wartet mit trashigem Monsterhorror auf, Diana Kinnes Zimmer 10 hätte für ein echt überraschendes Ende ein paar mehr Zeilen vertragen können, Christian Endres baut eine faszierende Dystopie auf, deren unoriginell motivierter Bösewicht jedoch enttäuscht. „Ist halt irre und hat Spaß am töten“ kommt nicht so häufig vor wie Psychothriller vermitteln, daher finde ich das so unglaubwürdig wie langweilig. Die letzten beiden Stories von Norman Liebold (Parzifal) und Isa Theobald (Im Kerker) dagegen sind echte Highlights, die plastische Beschreibungen und wunderbar überraschende Wendungen aufweisen und dabei das ganz alltägliche Grauen, das mehr oder minder wohlmeinende „Normalos“ fabrizieren, gezielt aufs Korn nehmen.

Benedict Jacka: Das Labyrinth von London — Urban Fantasy. Nicht beendet, da mich der Ich-Erzähler in seiner besserwisserischen Art irgendwie nervt, obwohl die Idee und der Weltenbau echt faszinierend sind.

Hanya Yanagihara: Ein bisschen Leben — Drama mit einem Hauch magischem Realismus. Vor Lesebeginn ist unbedingt zu überprüfen, ob genug Taschentücher im Haus sind. Ich habe über etwa ein Drittel der gut 900 Seiten geflennt. Neben einer dicken Triggerwarnung (Details bitte erfragen, da Spoiler) kann es durchaus sein, dass man beim Lesen eine gewisse Wut entwickelt. Man möchte Jude St. Francis und/oder dessen Umfeld schütteln und diverse andere Figuren töten und gleichzeitig das System einreißen, das so viele Machtgefälle produziert, und das immer noch funktioniert. Ich habe mich so aufgeregt, dass ich ausführlich wurde.

Laila Lailami: The Moor’s Account — historischer Roman. Eine kastilische Expedition aus Soldaten und Siedlern von 300 Menschen landet im 16. Jahrhundert an der Küste Floridas und begibt sich auf die Suche nach dem sagenhaften Gold der Apalachen. Doch die Geschichte vom Gold erweist sich als aufgebauscht. Plündernd zieht die Truppe durchs unbekannte Land, verirrt sich und wird von den Ureinwohnern, Alligatoren und Krankheiten aufgerieben, bis nur noch vier übrig bleiben: Drei spanische Edelmänner und ein Sklave des einen, „Estebanico“ aus Azemmour, heute in Marokko, damals von den Portugiesen besetzt. (Unterschätzen Sie nie den Anteil der portugiesischen und spanischen Händler am weltweiten Sklavenhandel.)

So weit die tatsächlichen Ereignisse. In den offiziellen (und sicher geschönten) Quellen kommen natürlich nur die Edelleute zu Wort, der „Mohr“ wird in gerade mal einem Satz erwähnt. Laila Lailami gibt diesem „Mohren“ einen Namen und eine Stimme und fragt in einer bis zur letzten Seite spannenden und bewegenden Geschichte nach Gier, Freiheit und diesem lästigen Ding namens Hoffnung.

Christian von Aster: Der letzte Schattenschnitzer — urbane Phantastik. Auch wenn weder das Cover noch der Klappentext darauf hinweisen, handelt es sich hierbei um Urban Fantasy für Menschen ab 14, und keinesfalls für Kinder. Der Weltenbau ist faszinierend, da hier Menschen über Schatten gebieten (oder auch nicht), und Christian von Aster gewohnt liebevoll und detailreich eine ganze Historie (samt erfundener, zitierter Quellen) aufbaut. Insgesamt hätte die Geschichte ein bisschen mehr Substanz vertragen, sie ist mir einfach zu kurz und hält außer ihrer Spannung häufig mehr Distanz als nötig.

Tilman Spreckelsen: Gralswunder und Drachentraum — Ein Streifzug durch die Artuswelt. Der Autor stellt ausgewählte Figuren mittelalterlicher deutscher Romane in literatischen und oftmals pointierten Kurzportraits vor. In einer Grauzone zwischen Sachbuch und Fanfiction entsteht damit ein so amüsantes wie faszinierendes Panorama von Figuren, die einst die Gemüter Europas bewegt haben.

Diverse: Dunkle Ziffern — Eine Anthologie zugunsten Dunkelziffer e.V.. Realistische und fantastische Kurzgeschichten beleuchten Dinge, die oft wenig Beachtung finden, und bei denen man lieber wegschaut. Die meisten beschäftigen sich mit sexueller Gewalt (häufig an Kindern), dazu gibt es ein Märchen über Depression, eine Geschichte über Zeugenschaft und eine sehr schöne Geschichte über Trauer. Trotz der bedrückenden Thematik verstehen sich alle Geschichten als eine Botschaft: Dass man nicht allein mit diesen Erlebnissen ist und dass die Schuld allein beim Täter liegt (wo es einen Täter gibt). Diese Dinge passieren nicht einfach, nein, jemand trifft die Entscheidung, einem anderen Menschen dies anzutun.

Einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben Boot Hill – Hügel der Stiefel von David Gray und Tom Dauts Schweigen für ihre beklemmende Atmosphäre, Pasch von Fräulein Spiegel für den Weltenbau und ein überzeugendes Dilemma, Rot von Germaine Paulus für seinen rätselhaften Minimalismus, Sehnsucht von Isa Theobald wegen seiner Bildgewalt, BKA vs. King von Theresa Hannig und Alt + Entf. von Nina George für diverse Überraschungen, und Angeleckt von Luci van Org für die Dame in Rot. Absolute Lieblinge sind Christian von Asters Der letzte Eindruck wegen seines unvergleichlichen, warmen Humors und Ungeliebt von Sonja Rüther, die der Schuld eine Stimme gibt — aber nicht die, die man erwartet.

Klara Bellis: Die Kaiserin der ewigen Nacht — Urbane Fantasy. Aus einem elfischen Gewächshaus entkommt eine blutsaugende Pfanze und taucht in der Welt der Menschen unter. Die Elfe Trywwidt wird geschickt, um sie zurückzuholen, doch schon vom ersten Moment an geht alles bei der Mission schief.

Ich habe hier ungefähr bei einem Fünftel aufgehört zu lesen. Die Handlung kommt recht gemächlich in Gang, ein ausführlicher Subplot ist (zunächst) nur sehr lose mit dem Hauptgeschehen verknüpft, und die wahrscheinlich komisch gemeinte extreme Überzeichnung der Charaktere ist mir zu unglaubwürdig und für mich eher herablassend als komisch.

Saxo Grammaticus: Gesta Danorum, Übertragung ins Deutsche von Paul Hermann 1901. — Die ultimative, halbmythische Geschichte der Dänen, erstellt im 12. Jahrhundert. Angefangen habe ich es, um noch ein paar Hinweise auf die vorchristliche Götterwelt zu erhaschen, was dazu führte, dass ich nach den ersten gefühlt ziemlich sinnfreien Kriegszügen und Heldentaten sagenhafter Könige die Suchfunktion bemühte, um Othins oft  recht wankelmütige Unterstützung seiner Anhänger zu verfolgen.

Marie Brennan: Im Labyrinth der Draken und Im Refugium der Schwingen. Mehr naturhistorisch geprägte alternative Phantastik. Mit ein bisschen Romanze. In den letzten beiden Bänden der Serie um Lady Trents Memoiren wartet die Autorin noch mit ein paar wunderbaren Wendungen auf, sodass ich sehr glücklich mit diesem würdigen Abschluss bin.

Terry Pratchett und Neil Gaiman: Good Omens — humorvolle Fantasy im Englischen Original. Nachdem ich die Amazon-Serie gesuchtet hatte, war ein drittes Mal lesen angesagt. Wir haben es mit Aziraphale, einem Engel, zu tun, der höflich, aber ein bisschen ein Arsch ist, und einem unhöflichen, aber eigentlich ziemlich mitfühlenden (und saumäßig kreativen) Dämon namens Crowley. Beide sind seit 6000 Jahren auf der Erde stationiert, haben sich angefreundet (oder pflegen eine romantisch-nichtsexuelle Beziehung ???) und setzen daher alles daran, um die drohende Apokalypse abzuwenden.

Die ersten beiden Lesedurchgänge fanden um 2003 und 2005(?) statt. Damals fand ich das Buch saumäßig lustig, außerdem bin ich immer für zivilen Ungehorsam und die Hinterfragung von „es steht geschrieben“. Die Crowley-Aziraphale-Dynamik hatte damals genug Schwung, um mich ein wenig Fanfic suchen zu lassen — in den meisten Fällen hatten die zwei dann irgendwann Sex.

Beim dritten Lesen stieß mir der herablassende Tonfall gegenüber manchen Nebenfiguren auf. Und die Serie, die Serie gefällt mir besser. (Sie hat mein Gehirn gefressen, um genau zu sein, siehe unten.) Weil der Tonfall nicht so herablassend ist, weil Crowley trotz einiger Vorkommnisse seinen Mut zusammenkratzt und nicht handelt, weil er Optimist ist. Weil Aziraphale in Gabriel einen verflucht gruseligen Endgegner hat. Und weil der Cast echt saumäßig gut spielt. — Jedenfalls ist es wohl sinnvoll, Buch und Serie als zwei verschiedene Werke zu betrachten, die sich in der Handlung ähneln, aber wo der Plot (also die Gründe für die Handlung) unterschiedlich ist.

Lili S. McDeath: The Price of Normal — Eine englischsprachige, zeitgenössische Novelle, die noch kürzer ist als meine A-Karte. Nachdem Dominic einen Nervenzusammenbruch hat, weil seine Noch-Ehefrau ihn zu Sex überredet hat, organisieren seine drei Kinder und sein Bruder eine nächtliche Fahrt zu einem alten Bekannten, der vielleicht helfen kann.

An einem bösen Schnitzer merkt man, dass die Autorin Deutsch als Muttersprache hat, ansonsten ist der Stil gefühlt etwas ungelenk (die Autorin sucht ihre Stimme wohl noch), aber flüssig lesbar. Die Geschichte an sich ist spannend, leider fehlt gefühlt das letzte Drittel bzw. galoppiert sie auf der zweiten Hälfte, sodass Dominics Figurenentwicklung ein wenig zu kurz kommt. Nachteilig finde ich auch, dass in fünfzehn Kapiteln sechs (!) Ich-Erzählende zu Wort kommen, sodass man die erste halbe Seite jeweils damit beschäftigt ist herauszufinden, wer nun eigentlich gerade spricht. Ein bisschen mehr Text hätte der Geschichte gut getan.

Luci van Org: Vagina Dentata — Eine feministische Fantasy-Komödie, die aber nicht männerfeindlich ist. So beschrieb die Autorin ihr erklärtes Ziel auf einer Lesung, die ich besucht habe. Es ist ihr gelungen, das umzusetzen. Und es ist saumäßig lustig, egal ob sie sich nun Diskussionen über Feminismus, Empowerment-Seminare, schönheitschirurgische Auswüchse der Mode oder Mandarinen vornimmt.

Christian von Aster und benSwerk: Der kleine Golem — Ein bebildertes Buch nicht nur für Kinder über Bücher und Freundschaft. Herzerwärmender kleiner Text, den ich hinterher an ein Kind verschenkt habe. Ich würde fast so weit gehen, von einem im wahrsten Sinne des Wortes illuminierten Text zu sprechen.

Laetizia Colombi: Der Zopf — gesellschaftskritischer Roman, gelesen auf Empfehlung der fabelhaften Nixblix. Die französische Autorin verflicht geschickt drei Frauenschicksale auf drei Kontinenten: Eine Dalit, die für Almosen anderer Leute Plumpsklos reinigt, die Miterbin der letzten Perückenknüpferei von Palermo und eine erfolgreiche Anwältin im Quebec. Über einen Zopf sind die drei miteinander verbunden und wir begleiten sie einen kurzen Teil ihres Weges zu mehr Selbstbestimmung.

Obwohl die Sprache oft schlicht wirkt, entwickelt die Geschichte einen unglaublichen Sog, und ich für mein Teil war traurig, die drei ziehen lassen zu müssen.

Claudia Konrad: Schwarze Villa — Regionalkrimi mit einer Extraportion Schauerroman. Meine Kollegin verwurstete die Sarow’sche Kunstaktion, eine Gründerzeitvilla über Nacht komplett schwarz anzumalen, mit der Erlaubnis des Künstlers. Das Ergebnis ist gruselig, spannend und dort, wo alte Familiengeschichten aufs Tapet kommen, sehr bewegend, hätte aber diesbezüglich noch ein bisschen emotionaler sein können.

Der fortgesponnenen Liebesgeschichte des kauzigen Ermittlers mit seiner Lebensgefährtin hingegen merkt man ein bisschen an, dass die halt rein musste,  die Autorin aber nicht so recht Lust drauf hatte. Die resultierende unsexy Sexszene und einiges an Geturtel hätte ich der Kollegin denn auch als Lektorin gestrichen und sie noch einmal auf Subplotsuche geschickte. Ein wenig befremdlich mutet auch der indirekt wiedergegeben innere Monolog im Präsens an. Egal: An einem Abend in einem Rutsch verschlungen.

Mary Wollstonecraft (Godwin) Shelley: Frankenstein, or The Modern Prometheus — Klassiker der (Schauer-)Literatur im englischen Original. Nach etwa einem Drittel kurzfristig unterbrochen und ehrlich überlegt, ob ich mir den Rest gebe. Hamlet fand ich schon nervig, ab selbst der hat an selbsmitleidiger Rumnölerei nix gegen den jungen Werther (nie fertiggelesen) und Victor Frankenstein. Letzerer nölt nicht nur rum, sondern legt sich lieber mit Nervenfieber ins Bett, als sich um den Mist zu kümmern, den er verursacht hat.

Zugegeben, der Konflikt Kreatur/Schöpfer entwickelt dann doch noch eine gewisse Spannung, aber ingesamt ist nicht das Monster gruselig, sondern die Hauptfigur, die getrieben von ihrem Ambitionen zu spät so etwas wie Verantwortungsbewusstsein entwickelt. Wir stellen außerdem fest, dass dieses Zeugnis der Kritik an Ehrgeiz, der das Hirn ausschaltet, der Menschheit wenig dort in Erinnerung geblieben ist, wo es nötig gewesen wäre.

Außerdem wie immer (zu) viel Fanfiction. Nachdem Marvels Endgame mit einigen Figurenentwicklungen sehr enttäuschte, kam mir das Good-Omens-Fandom als neue Obsession gerade recht.

Profi-Gelesenes:

Hier habe ich Geld fürs Lesen und Lektorieren erhalten. Aber nicht, um diese Liste zu erstellen.

Renate Schostack: Fräulein Ava Laurin — autobiographisch angehauchter, zeitgeschichtlicher Roman. Posthum und daher mit Fingerspitzengefühl und gelegentlichem sorgenvollem Bauchgrimmen bearbeitet.

Orlando S. Lewis: Five O’Clock Turkey in Nandlstadt — dadaistischer, gesellschaftskritischer Kurzroman.

Uschi Gassler: Biographie des Tötens — Spionage/Thriller mit einer hinreißenden Familiengeschichte im Hintergrund.

Eva Klingler: Erinnerung an einen Tod — Regionalkrimi, der auf dem Fall Hau in Baden-Baden basiert, mit humoristischem Einschlag.

Tatjana Gelwig: Flüstern um Mitternacht — Gay Fantasy/Yaoi mit Werwölfen. Wer gern viel Sex in seinen Geschichten hat, ist hier richtig.

Pia Backmann: Der Elbische Patient — Fantasy-Liebesdrama mit unschlagbarer Frauenquote.

(Zwei davon wurden schon 2018 bearbeitet, sind aber erst 2019 erschienen. Dafür einen Haufen Sachliteratur, zwei Zeitschriften, einen Kurzroman und diverse Ausstellungskataloge und so was korrigiert. Und Kram lektoriert, der erst 2020 erscheinen wird.)

 

Hebammenfreuden: Der Elbische Patient

Nach einigen Komplikationen erblickte heute ein Fantasy-Liebesdrama das Licht der Welt, mit dem ich als Lektorin das aufrichtige Vergnügen hatte. (Und Lieder umdichten durfte!)

Cover von "Der Elbische Patient"

Der Klappentext:

Es ist Krieg. Unerbittlich reißen die gegnerischen Magier mehr und mehr Teile von Klaras Land an sich, um ihre Feinde, die Menschen, zu vernichten. Gemeinsam mit ihrer Wahlfamilie – Menschen sowie Magiern – kämpft die behinderte Heilerin für ein Leben jenseits von Vorurteilen und Hass.

In einem Gefecht trifft sie auf Kronprinz Iònatan, den Anführer der feindlichen Armee. Er findet in ihr eine so rätselhafte wie unerwartete Gegnerin, denn Klara kontert jeden seiner Zauber. Frustriert sucht der Elb nach einem Druckmittel, um seine Feinde endgültig zu unterwerfen, wird dabei aber von einem Fluch getroffen. Als er im Sterben liegt, kann ihn nur noch eine Person retten: Klara.

Ein Drama über zwei Feinde, die sich trotz allem lieben, über Freundschaft, die Vorurteile überwindet, und darüber hinaus ein »Fantasy-Arztroman« mit einer unschlagbaren Frauenquote.

 

Und das meint die Hebamme:

Als Lektorin musste ich hauptsächlich beim Weltenbau Nacharbeit fordern, und kann bestätigen, dass sich das eindeutig gelohnt hat. Wer auf dramatische Liebesgeschichten ohne Schwarz-Weiß-Malerei steht und sich auf magische Welten mit einem Technologielevel aus dem 19. Jahrhundert einlassen kann, findet hier mehrere Stunden spannende Unterhaltung.

Die queeren Nebenfiguren sind dabei eins von mehreren Sahnehäubchen.

Infos & Links:

ISBN: 9783750420373

Unter dieser ISBN ist es in jedem lokalen Buchladen zu bestellen.

Homepage für das Buch: derelbischepatient.de

Beim großen, bösen A für Kindle.

Print bei BoD oder Hugendubel.

EPub-Version bei Hugendubel.

 

 

 

Wortloser Wälzer: „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Es gibt so Dinge: Je länger man über sie nachdenkt, desto gruseliger werden sie.

Mir geht es so mit dem viel gelobten Roman „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara.

Und damit zunächst eine Inhaltswarnung: Ich muss für meine Überlegungen spoilern —

— und wer komplett überrascht werden will, muss jetzt wegklicken —

— ehrlich —

Ein wenig Leben

— und daher erwähne ich sexualisierte Gewalt, Selbstverletzungen, Ace-Feinlichkeit und Selbsttötung.

Worum geht es?

Wie verfolgen eine Gruppe von vier Freunden in einem New York, das wie in der Zeit eingefroren scheint. Weder gesellschaftspolitisch noch technologisch tut sich in den erzählten fünfzig Jahren viel. Zwei von diesen Freunden, Will und Jude, kommen sich langsam näher, beginnen eine romantisch-sexuelle Beziehung. Diese droht daran zu scheitern, dass Jude Sex absolut nichts abgewinnen kann. Weil er mit Will nicht darüber sprechen kann/will, ritzt er und landet schließlich nach einem Selbsttötungsversuch im Krankenhaus. Erst danach einigen die beiden sich auf eine halboffene Beziehung.

Warum schweigt Jude?

Jude ist eine Waise, der erst in dem Kloster, in dem er aufwuchs, sexuell missbraucht wurde und auch danach immer wieder an Täter geriet, ob auf einem Fluchtversuch oder in einem anderen Waisenhaus. Bei einer solchen Flucht vor einem Täter wird Jude von diesem angefahren und hat seitdem eine Gehbehinderung.

Jude sucht den Fehler immer bei sich, zumal die Täter ja auch immer bequemerweise behaupten, dass er als Opfer schuld ist. Er bekommt es in seinem ganzen Leben nicht hin, über seine Erfahrungen zu sprechen.

Kaum sieht alles halbwegs gut aus mit Judes Leben, stirbt Will bei einem Unfall. Jude hat nach diversen Selbsttötungsversuchen endlich den gewünschten Erfolg.

Und damit zum ersten Problem:

Schon anhand dieser Kurzbeschreibung wird klar: Der Text drückt heftigst auf die Tränendrüsen. Und zwar, wenn man Äußerungen der Autorin glauben darf, mit voller Absicht. Ob eine derartige extreme emotionale Achterbahnfahrt dazu beiträgt, die Message rüberzubringen, sofern man eine hat, lasse ich mal dahingestellt. (Siehe dazu eine andere Kritik.) 

Man will Jude abwechselnd knuddeln, schütteln und feiert jeden seiner Schritte in Richtung Vertrauen zu guten Menschen. Bis zum Ende hofft man, dass dieser Mensch doch noch die Kurve kriegt.

Tatsächlich beschreibt der Roman in teilweise grausam genauen Details nicht nur Misshandlungen, sondern vor allem die Selbstbeschuldigungen im Gehirn eines Opfers von sexualisierter Gewalt und die Katastrophenspiralen, die depressive und PTSD-Gehirne so gerne verfolgen.

Aber: Wir hören diese Worte nicht. PTSD. Depression. Katastrophieren. Wir hören nicht einmal, dass es Worte für diese Phänomene gibt. Dass das bekannte Mechanismen sind, mit denen Gehirne sich aus einer grausamen Welt einen Sinn zusammenreinem, der ihnen am Ende selbst schadet.

Manche Lesende mögen sich in diesen Denkmustern wiedererkennen, aber was tun sie, wenn sie die Worte nicht haben? Werden sie über ihre Gedanken und Gefühle sprechen, statt wie Jude, der sich in all seinem Selbsthass manchmal zum Märtyrer stilisiert, weiterhin ihre Trauer und ihre Wut an sich selbst auszulassen?

Andere, die das Glück hatten, weder Opfer noch depressiv zu sein, werden vielleicht nie merken, dass diese Beobachtungen eine gewisse Allgemeingültgkeit haben. Oder sie werden glauben, dass all diese Katastrophengedanken und Selbstbeschuldigungen erst entstehen, wenn eine Person so (literarisch übertrieben?) leidet wie Jude.

Als Autorin hätte ich da wenigstens ein entsprechendes Nachwort angefügt. Nennen Sie es mein vielleicht zu hoch entwickeltes Verantwortungsbewusstsein, aber ich kenne einfach zu viele Menschen mit Narben an den Armen. (Jeder Mensch ist einer zu viel. Hi! <3 ) Und in der weiteren Familiengeschichte sind ein Paar Tote, über deren Depressionen nur noch spekuliert werden kann. (Aber prinzipiell stürzen sich wenige geistig stabile Personen von Scheunen, wenn sie die Herzallerliebste nicht heiraten dürfen.)

Ob all dies Leid durch einen Roman mit den richtigen Worten vermeidbar gewesen wäre – wer weiß das schon.

Aber wenn in der Zukunft nur eine einzige Person sich Hilfe sucht oder endlich für ihre Erfahrungen einen Kontext hat, dann lohnt es sich, sie mit Worten zu versorgen.

Und dann noch mein zweites Problem.

Jude findet Sex grauenhaft. Da Jude nicht gern drüber nachdenkt und nie darüber redet, kriegen wir (und er) nie heraus, ob das eine Spätfolge seiner Erfahrungen ist oder ob er zufällig auch asexuell ist. Er selbst erwähnt „Asexualität“ mit keinem Wort.

Umso gruseliger ist es, dass Will und die anderen beiden wichtigen Figuren darüber spekulieren, weil Jude nie Verabredungen hat oder flirtet. Und dass Will es dann nicht hinkriegt, Jude auf das Thema anzusprechen, als es aktuell wird.

Also: Ein Typ, der vermutet, dass sein Partner asexuell ist, merkt, dass dieser Partner mit Sex Geduld braucht, aber darüber ungern redet bzw. keine Worte für seine Probleme hat. Und dann spricht der Typ seinen Partner nicht auf diese Vermutungen an und unterlässt es mehr oder weniger absichtlich, seinen Partner mit vielleicht dringend benötigtem Kontext zu versorgen.

Aus Angst, dass der andere das bestätigt und es dann keinen Sex mehr gibt? (Dabei gibt es auch Aces, die Sex haben. Und es gibt je nach Beteiligten kreative Lösungen. Aber dafür braucht es Kontext.)

Jedenfalls: Aua. Consent geht anders.

Keine Ahnung, ob die Autorin darüber nachgedacht hat. Sie verfolgt den Faden, der ja durchaus einiges an der Handlung hätte anders laufen lassen können, nicht weiter. Weil? Tja.

Wenn ich das wüsste.

Hat das Bingo zugeschlagen?

Immerhin: Die Hauptfigur hat ein sexuelles Trauma, ist depressiv und körperlich behindert.

Eins von drei reicht üblicherweise aus, um damit die Selbstbeschreibung einer Person als asexuell zu entwerten.

Wenn die Figur noch von Männern sexualisierte Gewalt erfahren hat und zufällig schwul wäre, dann ergäbe sich daraus die Schlussfolgerung, dass sie da was verdrängt. Oder so.

Wie gesagt, nichts Genaues erfährt man nicht.

Nun mag es sein, dass Erfahrungen sexualisierter Gewalt und Asexualität für manche a_sexuellen Menschen unaufdröselbar verbunden sind. Wenn jemand sagt: „Ich bin ace und das hat den und den Grund“ – wer will sich anmaßen, hier die Identitätspolizei zu spielen?

Aber dazu braucht es Wörter, nicht wahr.

Und wenn wir ein einziges Mal in dem gesamten Text das Wort „asexuell“ für eine Figur hören, die vier Bingofelder bedient, aber sich selbst nur mit „keine Ahnung“ äußert, dann ist das, so aus dem Blickwinkel der Repräsentation, nur so mittelgut.

Unlustige Pointe:

Laut einem Interview, das ich via SpON in der Welt gefunden habe, geht es Hanya Yanagihara bei ihrem Wälzer um Männerfreundschaften auch um Folgendes:

… dass Gefühle wie Liebe oder Angst von den meisten Männern auf vollkommen andere Weise zum Ausdruck gebracht werden als von Frauen, die diese Gefühle direkt ansprechen oder einander einfach nur umarmen. Viel von dem, was meine Figuren im Laufe ihrer jahrzehntelangen Freundschaft sagen, heißt kurz gefasst: „Ich kann darüber nicht sprechen. Ich habe dafür kein Vokabular.“

Nu ja.

Knapp tausend Seiten auf Deutsch, und trotzdem, meiner unbescheidenen Meinung nach, hat sie ein paar echt hilfreiche Wörter vergessen.

Kein Vokabular eben.

Aber auf eine Weise, die mich mal wieder darüber ranten lässt, dass Geschichten niemals im leeren Raum stehen und dass Geschichtenerzählende durchaus so etwas haben wie Verantwortung.

 


 

Wo wir’s grade von Depressionen haben, mein Hirn ist letzten Mittwoch aufgegangen.

Ist halt immer die Frage, wie schlimm es ist, und wenn eine durchschläft, nicht aus Überforderung anfängt zu weinen und jeden Morgen freiwillig aufsteht, isses wohl nicht ganz so heftig.

Aber: Auf einmal bin ich wieder motiviert und so. Muss trotzdem auf mich aufpassen.

Frauen lesen?!

Via Geschichten und Meer kam eine Blogparade zu mir: 1. Frauenleserin Blogparade zum Jahresende

Initiiert wurde es von der Frauenleserin Kerstin Herbert, in diesem Posting.

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Nun ist das ja eher ein Schreib- und kein Leseblog. Die meisten Schreibenden, die ich kenne, lesen weniger, als sie gerne würden, weil irgendwo muss ja das Geld herkommen, das der Brötchenberuf nicht abwirft. Dito. Meistens versacke ich doch mit Fanfiction statt mit anspruchsvoller Lektüre. (Andere lesen ehrliche Liebesromane, ich weiß, ich weiß, aber lasst mich doch wenigstens eine Sache in Ruhe suchten, wenn ich schon kaum Serien schaue.)

Ansonsten klaue ich hier einmal die Fragen direkt aus dem OP:

  • Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Ich habe laut meiner Aufstellung von Belletristik 20 Romane oder Anthologien fertiggelesen.

Davon wurden 11 hauptsächlich oder ganz von Frauen verfasst.

Rechnen wir die Lektorate und die Fanfiction hinzu, die größtenteil Frauendomäne ist (oder von Menschen verfasst wird, die andere Leute für Frauen halten), dann komme ich wohl auf eine Quote von über 80 Prozent.

Als klassische Genreleserin habe ich es offenbar leichter, am Feuilleton vorbeizuoperieren.

  • Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)

Ich kann mich nicht zwischen Lagoon von Nnedi Okorafor, Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten von Becky Chambers und The Girl on the Train von Paula Hawkins entscheiden. Alle drei sind erstklassig erzählt und öffnen neue Horizonte (und wenn’s nur in den Garten an einer Bahnlinie ist).

  • Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?

Muss ich mich schon wieder entscheiden. Aargh. Also, bei Nnedi Okorafor beeindruckt mich ihre nigerianisch beeinflusste Sicht der Dinge bei gleichzeitiger fantasievoller Fabulierlust. Sie schreibt SF nicht von alten weißen Herren ab, die das Genre geprägt haben, sondern macht was Neues. Dito Becky Chambers, die so locker Nebensätze mit „meine Daddies“ aus dem Handgelenk schüttelt, dass es eine wahre Freude ist.

  • Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)

Da ich bei einer Veranstaltung zum Thema Frauenwahlrecht gebeten wurde, Marie Juchacz‘ erste Rede vor dem Deutschen Parlament anno 1919 vorzulesen, schaute ich mir auch ihre Biographie ein bisschen an, die mit eingescannt war. Eine Kurzversion ist bei Wikipedia einzusehen. Jedenfalls: Was für eine Energie. Wow.

  • Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?

Der SuB (Stapel ungelesener Bücher) enthält unter anderem zwei Krimis von Sophie Hénaff und A. S. Schmidts Codex Villalobos. Wenn dann noch Zeit ist, wird’s wohl mehr von Nnedi Okorafor, Becky Chambers, eventuell Aliette de Bodard, und eventuell noch The Moor’s Account von Laila Lalami.

 

ETA: Hintergrund des ganzen Zirkusses bzw. der Blogparade.

Silvester/ Gelesen 2018

Wie im letzten Jahr auch: Ein Rückblick in Büchern.

Meine stressbedingte Beinahe-Depression vom Frühjahr habe ich bemerkt insofern, als dass ich mich weniger auf neue Texte eingelassen habe und stattdessen letzten Winter und im Frühling lieber Fanfiction neben den Korrektoraten für Jinntöchter und das Albenerbe wälzte. Mittlerweile habe ich den Job gewechselt und es geht mir wieder besser, aber ich war schon mal stärker belastbar.

Egal, wie 2018 für euch alle war: Ich hoffe, 2019 wird besser. Guten Rutsch und so.

Und damit zu den Büchern und den Meinungen dazu.

Das habe ich verursacht:

Ich muss gestehen, auf Die A-Karte und Jinntöchter bin ich stolzer als auf Albenherz, weil ich da am Ende hauptsächlich froh war, dass ich es fertig hatte und es trotzdem Sinn ergab. Eindeutiges Zeichen, dass ich mit diesen Jungs erstmal durch bin.

Das habe ich gelesen:

Ältere Edda — Diverse Unbekannte: Nachdem ich genug Thor-Fanfiction und etwas Sekundärliteratur (Bonnetain: Loki, Beweger der Geschichten, unbedingte Empfehlung für Interessierte) konsumiert hatte, im zweiten Anlauf durchgelesen. Tatsächlich eröffnet ein Blick in die Sekundärliteratur einige mögliche Deutungsweisen vor allem der Götterlieder. Ohne das Wissen um die langen Nächte im winterlichen Skandinavien kann eins das alles aber auf keinen Fall durchblicken, meine ich.

The Dark Forest — Liu Cixin: Gelesen mit einer Unterbrechung, denn der zweite Teil dieser Zukunftsvision nimmt in der ersten Hälfte nur langsam Fahrt auf. Dafür endet er aber mit einem umso größeren Knalleffekt. Wiederum besticht der Autor mit klugen Beobachtungen und deren Extrapolation in eine nahe bis fernere Zukunft. Das Ende ist aber so passend, dass ich nicht weiß, ob ich den dritten Band auch noch lesen will. Und ich weiß nicht mehr, ob ich will, dass uns jemand da draußen hört.

Lagoon — Nnedi Okorafor: Was würdest du tun, wenn plötzlich ein Alien mit deinem Präsidenten sprechen möchte? Eine kluge Betrachtung über Menschen (und wie sie mit Veränderungen umgehen) im Allgemeinen und über die Menschen von Lagos, Nigeria, im Besonderen. Außerdem eine Liebeserklärung an selbige Stadt.

Die Buchmagier — Jim C. Hines: Rasantes Nerdabenteuer mit überraschenden Wendungen. Positiv zu vermerken: Der Autor macht sich Gedanken über die Neigung anderer Männer, Frauen als Objekte zu sehen. Eine Beziehung zwischen zwei Frauen und eine angedeutete schwule Liebe werden mit angenehm wenig Aufhebens behandelt.

Gylfaginning/Gylfis Täuschung — Snorri Sturluson: Ein Wettstreit um zu beantwortende Fragen, wie sie schon in der Älteren Edda vorkommen. Dabei füllt Snorri Sturluson die Lücken zwischen dem einen oder anderen sogenannten Götterlied der Älteren Edda (s.o.). Das reicht von einer Aufzählung von Fakten und Namen bis zu ausführlichen Geschichten, wobei die Berichterstattung durchaus als tendenziös erkennbar ist, also christlich eingefärbt.

I Bring the Fire 1: Wolves — C. Gockel: Für Kenner:innen als Verwurstung einer Loki/Darcy-MCU-Fanfic noch erkennbar. Teil 1 ist kostenlos, der Rest dann zahlungspflichtig. Ich bin in Teil 1 bis zur Hälfte gekommen. Ohne die zufällig ins Bild fahrende Protagonistin mit extremer Oberweite wäre die Story wohl temporeicher ausgefallen. Was interessiert mich eine Studentin der Tiermedizin, wenn Loki seine Söhne retten muss?

Der Weg nach Vinland Margaret Elphinstone: Historischer Roman anhand einiger isländischer Sagas, wie meine Jinntöchter verschachtelt als Geschichte in der Geschichte. Eine alte isländische Pilgerin erzählt einem jungen Mönch, wie sie wegen der sie umgebenden Mannsbilder erst nach Grönland kam und es sie dann für drei Jahre nach Vinland (also heute Neufundland, Kanada) verschlug. Gut recherchiert und spannend, obwohl wir wissen, dass sie heil heimgefunden hat.

Die Naturgeschichte der Drachen (Lady Trents Memoiren 1) — Marie Brennan: Die alte Lady Trent aus einer Alternativwelt mit völlig anderer Geographie erzählt in ihren Memoiren, wie ihre Begeisterung für Drachen sich entwickelte und wie ihre erste Forschungsexpedition verlief. Ähnlich wie Naomi Novik schlägt Marie Brennan hier absolut gekonnt einen altertümlichen Tonfall an. Auch zu erwähnen: Dieser Text ist wegen seines Settings und der Drachen Phantasitk — aber der Fokus liegt tatsächlich auf Naturgeschichte, was einen besonderen Reiz entwickelt. Wer allerdings Elfen, Zauberei und dergleichen erwartet, muss woanders hingehen.

Der Wunschtraum — Dana Brandt: Dana Brandt verehrte mir eine Druckausgabe ihrer Weihnachtsgeschichte 2017. Die ist kurz und so herzerwärmend, dass ich über die Kommafehler locker hinweglas.

Aussen – Asgard – Tag (Die unverfilmten Drehbücher von Loki & Thor) — Axel Hildebrandt: Zwischen Schenkelklopfern und feiner Beobachtungsgabe angesiedelte Szenen zweier heidnischer Gottheiten, die sich mit dem modernen Leben herumschlagen. Hab mich im Zug kringelig gelacht.

Geistkrieger — Sonja Rüther: Ein Alternativwelt, in der Nordamerika nie Kolonie war, also von den First Nations selbst verwaltet wird. Ein schottischer Zuwanderer, der in einer Polizeieinheit für spirituellen Missbrauch landet, gerade, als eine unappetitliche Mordserie beginnt. Eine spannende Was-wäre-wenn-Geschichte, die leider nicht komplett in sich abgeschlossen ist beziehungsweise mit einem recht offenen Ende aufwartet. Würde sich prima für eine Mystery-Crime-Serie bei Netflix eignen. Ansonsten haben wir es eher mit einem handlungs- als einem figurenbezogenen Plot zu tun. Ein bisschen sauer stößt mir auf, dass europäischer Rassismus eher so ein Rand-Ding ist und die Story daher nicht ausreicht, unsereins einen Spiegel vorzuhalten.

Boschs Vermächtnis — Christian von Aster (Hrsg.): Eine Sammlung Kurzgeschichten zu dem opulenten wie rätselhaften „Garten der Lüste„. Wie immer bei so etwas gibt es Geschichten, die mich berührt haben und welche, bei denen ich mich am Kopf kratzte. Um den Platz als Liebling streiten: Luci van Orgs „Vogeltränke“, „Spannerhase“ von Sonja Rüther, „Flügel“ von Tom Daut und „Nachtmahr“ von Robin Gates. Ansonsten empfehlen kann ich „Azurit“, „Serge wohnt hier nicht mehr“, „Dem Berg die Buße“, „Die Muse des Meisters“, „Am Baum der Erkenntnis fault die Frucht“, „Damenwahl“, „Der wilde Hannes“, „Die Krüppel von Burgos“, „Fliegenfische“ und „Die Parabel vom Zwielicht.“ Also: Wenig Ausfälle dabei, vor allem nicht, wenn eins sich auf Nicht-Phantastisches und waschechten Horror einlassen kann.

The Girl on the Train — Paula Hawkins: Gelesen im englischen Original und sehr schnell weggeputzt, da dieser hochspannende Psychothriller wirklich meisterhaft gleich drei unzuverlässige Ich-Erzählerinnen im Tagebuchstil verwebt. Es hat einen Grund, warum die drei Erzählerinnen unzuverlässig sind, aber den zu verraten wäre spoilern. Nebenbei watscht die Autorin ganz locker aus dem Handgelenk den alltäglichen Sexismus ab.

Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten — Becky Chambers: Eine Space Opera im wahrsten Sinne des Wortes: Weltraum und Beziehungen. Statt viele Explosionen treffen wir eine ehrlich diverse Multi-Spezies-Crew und den am wenigsten machohaften Captain, der mir je begegnet ist. Wie diese Truppe sich immer wieder zusammenrauft und ihre mehr oder weniger alltäglichen Probleme bewältigt, ist verflucht sehens- und liebenswert.

Verdrängter Verdacht — Mary Westmacott (Agatha Christie): Ein nicht besonders hoffnungsvoller Gesellschaftsroman, der es schafft, so spannend zu sein wie jeder Krimi der Grand Dame desselben. Eine in der Wüste festsitzende Reisende hat viel Zeit zum Nachdenken über Mann und Nachwuchs. Dabei fördert sie Erstaunliches zutage. Nebenbei ein treffend böses Sittengemälde der späten 1930er Jahre. Erschienen 1944, deutsche Übersetzung von 1988.

S. (oder: Das Schiff des Theseus) — JJ Abrams und Doug Dorst: Ohne die Randbemerkungen wäre „V.M. Strakas“ Romantext nur eine surreal anmutende Betrachtung von Identität, denn einen Mann ohne Erinnerungen verschlägt es auf ein Albtraumschiff und zu einer selbstgewählten, grimmigen Aufgabe. Aber ein Doktorand stiehlt ein Exemplar des Romans aus einer Bibliothek und macht am Rand Notizen. Eine Studentin findet das Buch, fügt ihre eigenen Notizen hinzu und gibt es zurück. Das Resultat ist eine meisterlich nicht linear erzählte Schnitzeljagd nach V.M. Strakas Identität, dem S., der Übersetzerin F.X. Caldeira und der Frage, was ich von einer Person wissen muss, um sie zu lieben. Zu empfehlen ist, sich ein leeres Wochenende dafür vorzunehmen, denn wer lange unterbricht, verliert den Faden. Sollte außerdem nicht im Bett, bei starkem Wind, im Zug oder auf dem Klo gelesen werden.

Fiese Deals — Claudia Konrad (mit Ernst Merz und Uschi Gassler): Eine Sammlung von zehn Lokal-Kurzkrimis und drei Gedichten. Ein paar Fälle machen wirklich Spaß bzw. warten mit originellen Täter*innen auf, vor allem die vier Joint Ventures mit Uschi Gassler, außerdem „Peractum est“ und „Chemie“. „Wahlkampf“ hätte eine pointierte Betrachtung der hiesigen Politik sein können, versteigt sich dann aber in den Giftanschlag einer schizophrenen Migrantin, was doch eher sauer aufstößt. Genauso wird in einem anderen Fall ausgerechnet die einzige Person of Colour zum Täter.

Ich habe ihn getötet — Keigo Higashino: Wie bei Paula Hawkins oben lesen wir in diesem Krimi drei unzuverlässige Ich-Erzählende. Das Verwirrspiel um den Tod eines menschlich unzulänglichen Autors ist schnell und spannend, wartet aber mit keiner klaren Lösung auf — dazu braucht es die Anleitung am Ende des Buchs. Ein Mitratekrimi auf hohem Niveau, der trotz aller menschlichen Abgründe aber nicht an Hawkins‘ Geniestreich heranreicht. Vielleicht auch, weil er sehr typenzentriert ist.

Perfect Rhythm — Jae: Lesbischer Liebesroman, solide Unterhaltung. Rezension ist beim Verein.

Der Wendekreis der Schlangen (Lady Trents Memoiren 2) und Die Reise der Basilisk (Lady Trents Memoiren 3) — Marie Brennan: Die Autorin versteht weiterhin rein naturgeschichtlich zu unterhalten und besticht mit zielgenauen Beobachtungen über (Forschungs-)Reisende im Besonderen, Menschen und ihre Kulturen im Allgemeinen und ihrem steampunkig angehauchten Einfallsreichtum. Die Spannung hält sie aufrecht mithilfe von Andeutungen und wohldosierten Erkenntnissen aus der Archäolgie und der Biologie von Drachen. Kein Gekloppe um Throne, kein fieser Endgegner-Bösewicht, sondern Wissenschaft als Mittel zum Suspense. Das ist etwas, das muss man Marie Brennan erstmal nachmachen. Andererseits ist es halt eine Serie, also sind die Texte alle typähnlich.

Der Orkfresser — Christian von Aster: Keine Ahnung, wie dieser Roman zu seinem Titel gekommen ist. Es handelt sich durchaus um Phantastik, aber die Orks dienen als Aufhänger, nicht als Gegner. Einige ausführliche Gedanken dazu hatte ich schon. Die Nachtbibliothek ist jedenfalls ein Ort, den muss ich mal suchen gehen.

Und hier war ich Hebamme/Lektorin:

Die Schleier der Welt — R. A. Prum und S. C. Kreuer: Das geneigte Publikum trifft eine bisexuelle, mäßig erfolgreiche Privadetektivin, die eine verschwundene junge Frau sucht und dabei über ein gefährliches Geheimnis samt einiger Werwölfe stolpert.

Einen Rosengarten versprach ich nie — Diverse/Bundesamt für magische Wesen (Hrsg.): Hier habe ich „Stadt, Land, Jinn“ beigesteuert und mich ansonsten als Lektorin betätigt. Herausgekommen ist eine meiner Ansicht nach runde Mischung zum Thema „Liebe“. Leider reichte bei der einzigen lesbischen Einsendung die Qualität nicht.

 

Wohlbekömmlich?/Vorsätze

Falls noch wer was zum Lesen für zwischen den Jahren sucht: Christian von Aster hat da was geschrieben.

Nehmen wir den Erfolgsautor einer Fantasy-Reihe. Selbiger mit seinem eigenen Schaffen unzufriedener Autor legt sich auf der Buchpremiere mit einigen Orks an. Ein Foto der Prügelei landet in der Zeitung, und auf einmal reiht sich eine absurde Begebenheit an die andere. Dies führt zu Begegnungen mit Menschen, die auf den ersten Blick Stereotype sind und auf den zweiten eben Menschen. Und zwar solche, die sich noch daran erinnern, dass Geschichtenerzählen „zärtliches Lügen“ ist.

Dazwischen: Anspielungen auf großartige Literatur und archetypische Figuren. Anregungen, was mensch noch lesen könnte. Bösartige bis feinsinnig-nachsichtige, aber immer treffende Beobachtungen der Welt im Allgemeinen und des Buchmarkts im Besonderen. Und Batman, der vielleicht alles richten könnte, lässt auf sich warten.

Außerdem fand ich in „Der Orkfresser“ folgendes Zitat:

Laut lesend blättere ich weiter und merke, wie beängstigend gut dieses Buch funktioniert. Die Geschichte ist unterhaltsam, brennt sich ein, macht neugierig und gewinnt, kaum dass man zu lesen gewinnt, so schnell an Fahrt, dass man förmlich hineingesogen wird und ich mich wieder erinnere, warum sich diese Mischung aus Engel-SM, Zombieselbstfindung und ätherischer Wunderlanddystopie derart gut verkauft: weil sie in aller Überfülle an Motiven, Symbolen und Gleichnissen so sackdumm und leer ist, dass ein Leser am Ende dieses Buchs noch hungriger ist als am Anfang. Das ist es vermutlich, was ein erfolgreiches Buch dieser Tage schaffen muss …

So etwas macht schon mal nachdenklich.

Das erinnerte mich an einen Kommentar von einer guten Freundin über die Bis(s)-Reihe:

Das ist wie Serie gucken. Du weißt genau, dass es bescheuert ist, aber du kannst nicht aufhören.

Es gibt ja durchaus Texte, die sind ultraspannend, und darüber merkt mensch nicht, dass sie völlig hohl sind. Es sind Geschichten, die keinerlei Bedeutung zu haben scheinen oder keine Aussage über das menschliche Dasein treffen. Und trotzdem verkaufen sie sich wie geschnitten Brot und werden sogar verfilmt. (Hust, Illuminati, hust. Dabei sind Verschwörungstheorien so was von Hexenverfolgung und Nationalsozialismus.)

Es gibt Geschichten, die sauge ich auf und nehme mir darauf gleich die nächste vor. Es gibt auch Geschichten, die lese ich und brauche hinterher erst mal eine Pause, weil ich sie verdauen muss. Oder weil ich mir an die eigene Nase zu fassen habe.

Beides hat wohl seine Berechtigung, ja nachdem, was mensch von einer Geschichte erwartet. Einfach mal nicht da sein müssen? Erkenntnisse über sich selbst und das Leben? Beides gleichzeitig?

So etwas geht, der Herr von Aster hat es mir vorgemacht.

Nun mag ein Text für die eine Person flache, wenn auch gut gemachte Unterhaltung sein, für die andere hingegen eine tiefere Wahrheit enthalten, die sie die gleiche Geschichte lieben lässt. (Meine „Albenbrut“ scheint so ein Text zu sein.) Einige haben Trost-Geschichten, die sie zum x-ten Mal lesen, wenn’s grade draußen hart auf hart kommt. Individuen sind da sehr verschieden gestrickt. Glücklicherweise.

Trotzdem lässt „Der Orkfresser“ mich mit einem gewissen Ehrgeiz zurück, Geschichten zu verfassen, an denen Menschen ein bisschen was zu kauen haben, ohne dass es schwer im Magen liegt.

So weit also zu guten Vorsätzen. Egal, ob sich die Mitlesenden hier etwas für das Neue Jahr vornehmen wollen oder nicht: Ich wünsche geruhsame Tage und einen guten Rutsch nach 2019.

 

„Neoliberal“ für Dummies und Heid*innen

Auf der Buchmesse in Leipzig und der ComicCon umschlich ich unter anderem „Aussen – Asgard – Tag“ von Axel Hildebrand und nenne ein Printexemplar nun schon seit jener Con mein eigen.

Hier ist der Anfang des Klappentextes:

„Ordnung trifft Chaos – Beschützer der Menschen trifft Chaosbringer – Thor trifft Loki – zwei Götter, die unterschiedlicher nicht sein können.
Nicht selten sind die beiden, die durch die Blutsbruderschaft Lokis mit Odin von Amts wegen her Onkel und Neffe sind, vor den Toren von Asgard unter sich. Und dabei kommen sie ins Gespräch über dieses und jenes in Midgard und Asgard und werfen so manche philosophischen Fragen auf …“

Neben einigen Sachen, die nur lustig sind, fand ich auch den Neoliberalismus eloquent erklärt, nämlich im Kapitel „Yoga“. Ich zitiere mal ab Seite 175 unten:

THOR

Der große Vorteil ist auch noch: Weniger Verantwortung für uns.

LOKI

(interessiert) Ach …?

THOR

Ehrlich. Weil der Kern von dem Esoterik-Gesumse ist immer: Egal, was dir passiert … du hast es dir selbst so ausgesucht.

Das gilt aber derzeit nicht für Esoterik-Gesumse allein.

Neoliberalismus ist auch, wenn dir alle einreden, dass du dein Glück nicht nur schmieden, sondern es aus nichts machen kannst. Dass du dich nur genug anstrengen musst, weil logisch niemand auf den alterhergebrachten, gewohnten Privilegien sitzt und diese mit Zähnen und Klauen verteidigt.

Sie reden dir ein, dass jede Krankheit entsteht, weil du dich falsch ernährt hast oder die falsche mentale Einstellung zum Leben hattest. Und wenn du mit den zunehmend nervigen Arbeitsbedigungen allerorten Probleme hast, dann mach doch bitte in Achtsamkeit, statt die Arbeitsbedingungen zu kritisieren.

In den elf Jahren, seit ich das erste Mal in einer Apotheke gearbeitet habe, hat sich der bürokratische Zeitaufwand verdoppelt. Und das ist bestimmt nicht das einzige Arbeitsfeld, in dem es mehr um Controlling, Abrechnung und Formulare als um das geht, was mensch eigentlich gelernt hat. (Hallo, liebe Ärzt*innen, Pflegende, etc.) Nebenbei frisst die ach so gerühmte Flexibilität ihre Kinder und produziert Alterseinsamkeit und schlechte Pflege.

Aber wir sind alle nicht tiefenentspannt genug. Eindeutig.

 

Silvester/Gelesen 2017

Schon wieder ein Jahr rum. Falls irgendwer das heute noch liest: Übersteht die Nacht gut und fangt 2018 gut an. Mögen euch viele gute Geschichten und vielleicht auch ein bisschen Weisheit begegnen.

bucheulen

Dieses Jahr habe ich notiert, was ich gelesen habe, das weder ein Sach- oder Fachtext noch Fanfiction war. (Letzteres hätte den Rahmen gesprengt.) Ich hätte mit weniger gerechnet, muss ich gestehen, aber so ist es im Schnitt alle zwei Wochen ein Roman.

Die Einteilung erfolgt nach der Wichtigkeit, die darin enthaltenen heterosexuellen Beziehungen zukommt. Ich bin sicher nicht die einzige nicht-heterosexuelle Person, die bitte gerne einfach mal in Ruhe lesen möchte, ohne dauernd die vermeintlichen Defizite vorgeführt zu bekommen.

Andere mögen auf der Suche nach ihnen fremden Stimmen, nach Neuem sein. Solche Suchende finden in allen Abteilungen Ideen.

Ob ich einen Text gut oder schlecht fand, ist davon völlig unabhängig, wie das geneigte Publikum gleich feststellen kann.

Eher heterolastig:

Elfendiener von Julia Fränkle – erotiklastige Romantasy. Die Romanze ist für mich unglaubwürdig, da es sich bei der Heldin um eine meine Nerven tötende Mary-Sue handelt. Weltenbau aber interessant.

Das tote Herz von Rainer Würth – Schnell und spannend erzählter Psychothriller, aber im Nachgeschmack irgendwie schal: „Organspende ist böse“, oder so.

Tod in Alepochori – Claudia Konrad – deutsch-griechischer Krimi, schnell und spannend, leider ohne richtige Auflösung.

Der blaue Himmel – Galsan Tschinag. Trotz/wegen seiner Abschweifungen hochinteressante und spannende Erzählung über einen Nomadenjungen in der Mongolei und dessen Hund. Endet leider etwas abrupt.

Die Rückkehr – Galsan Tschinag. Autobiographischer Roman, wieder voller interessanter Abschweifungen, schöne Sprache und diesmal auch mit richtigem Ende.

Träume aus Feuer – Maja Winter. Rache und Intrigen von nibelungemhaften Ausmaßen treffen auf einen hochinteressanten Weltenbau.

Zarin Saltan – Katherina Ushachov. Eine mir etwas zu kurz geratene, feministische Nacherzählung des russischen Märchens „Zar Saltan“. Die Bösewichtinnen könnten eine überzeugendere Motivation brauchen, ansonsten gut zu lesen.

Kriegsklingen – Joe Abercrombie. Eine Ansammlung von Ekelpaketen und Hoffnungslosen. Nicht, dass ich was gegen miese Charaktere hätte, aber diese Kerle fesseln meine Aufmerksamkeit nur bedingt. Nach 30% aufgegeben, weil mir ihr weiteres Schicksal völlig gleichgültig ist.

Henkersmarie – Astrid Fritz. Historischer Roman über eine Henkersfamilie um 1540. Das Endefinde ich ein wenig zuckrig, dafür gibt es hochinteressante Einblicke ins Leben und Denken der frühen Neuzeit.

Nicht so heterolastig:

Lippen abwischen und lächeln – Max Goldt – sporadisch zu lesende, sehr erfreuliche und genau beobachtete Miniaturen.

Nachtschatten: unantastbar – Juliane Seidel. Siehe Rezi. Insgesamt ein Lehrstück darüber, dass mensch keine Romanze einfügen sollte, wenn mensch sich damit unwohl fühlt.

Cynthia Silbersporn – Hexengeschichten für Erwachsense – Fred Keller. Nette Ideen, aber leider haben mir die Figuren zu wenig echte Schwierigkeiten.

The Three Body Problem (auch deutsch „Die Drei Sonnen“) – Liu Cixin – äußerst interessante und hochspannende Variation über „Was, wenn wir nicht allein sind?“, kann aber sein, dass diese chinesische Betrachtung der Menschheit manchen nicht schmeckt.

Existenz – David Brin. Fetter Science-Fiction-Wälzer. Extrem interessante und spannende Meditation darüber, was intelligentes/menschliches Leben ist. Nebenbei spinnt es sowohl den Klimawandel als auch das Internet gekonnt weiter.

The Stone Sky – N.K. Jemisin. Dritter Band der „Broken Earth“-Trilogie. Noch eine Ansammlung von Menschen, die selten nett zueiander sind, sich überwinden müssen, trotzdem mit Mitgefühl zu handeln, aber neben dem Weltenbau zum Niederknien weiß die Geschichte um Essun und ihre verlorene Tochter bis zum Ende Echos zu erzeugen und zu fesseln. Absolute Leseempfehlung, wie für alles von dieser Autorin.

Die Ersatzmuse – Fred Keller. (Der ortsnahe und mir liebe Kollege kauft auch alle meine Texte.) Der Autor schreibt sich noch warm, hat aber im Vergleich zu Cynthia oben schon einiges dazugelernt. Insgesamt geht’s in dieser Sammlung von Kurzgeschichten weniger um Spannung als um Feel-Good-Atmosphäre, was gut funktioniert.

Wodans Fluch – Stephan Grundy.  Historische Fantasy/Nibelungenauskopplung über die Blutsbrüderschaft zwischen Hagan (also Hagen von Tronje) und dem fränkischen Prinzen Walthari. Schöne Sprache, überzeugende Recherche zur Spätantike und den Hunnen. Da es im Grunde ein Fanfic ist, verzeihe ich das zum Ende hin holprige Pacing und weiß die nicht gelöste sexuelle Spannung (=UST) zu schätzen.

A Darker Shade of Magic – V.E. Schwab. (Auch deutsch als „Die vier Farben der Magie“). Atemberaubendes Abenteuer zwischen vier Varianten von London (einmal viktorianisch, die anderen sehr anders), das durch Tempo, genaue Beobachtung und originellen Weltenbau besticht.

A Gathering of Shadows (Shades af Magic 2) – V.E. Schwab. Hier merkt eine dann, dass sich die Serie an „Young Adults“ wendet, also Menschen, die gerade erwachsen werden. Ich wollte dementsprechend die komplette Truppe manchmal schütteln, was aber der Unterhaltsamkeit und Spannung keinen Abbruch tat. Fieser Cliffhanger, weshalb ich gleich dranhängte:

A Conjuring of Light (Shades of Magic 3) – V.E. Schwab. Und wir stürzen nach dem Cliffhanger in wörtlich zu nehmende Dunkelheit. Nur zu zwei Dritteln geschafft, bevor dieses Posting zu erledigen war.

Eher verqueer:

Aneiryn von Jona Dreyer – schwule historische Fantasy. Ich kann mit den Figuren nicht genug anfangen, um die Serie weiterlesen zu wollen, qualitativ ist der Text aber völlig in Ordnung. Die Autorin umschifft elegant alle Fallen, die das Arrangierte-Heirat-Trope so mit sich bringt.

Blank Spaces von Cass Lennox – Ein nettes englischsprachiges Häppchen, ace/gay romance, fühlt sich sehr wahr an.

Der Fluch der Herzkönigin – Serena C. Evans – Eine lesbische Variation über Alice im Wunderland. Herzig und originell.

Meine Mutter, sein Exmann und ich – T.A. Wegberg – Ein mir leider etwas zu kurz geratenes Jugendbuch zum Thema „mein einer Elternteil ist trans*. Hilfe!“

Die Akte Daniel – She S. Rutan & Neko Hoshina – Habe ich nicht beendet, denn weder die Figuren noch die unterliegende Weltverschwörung sprechen mich an.

Eine Ahnung von Pan – Jobst Mahrenholz – seufz. Gay Contemporary/Romance. Zarte, zögerliche Annäherung von zwei Männern mit vielen Ecken und Kanten.

Anderswelt – Berlingtons Geisterjäger 1 – Amalia Zeichnerin. Sympathisches Ensemble in einer interessanten steampunkig-fantastischen Welt. Die Autorin schreibt sich offensichtlich noch warm, weshalb weder Stil noch Zeichensetzung durch besondere Eleganz bestechen.

Distanzen und Romanzen

Dies ist eine etwas umständliche und ausschweifende Betrachtung über Juliane Seidels „Nachtschatten: unantastbar“, auf das ich durch einen Buchtausch gekommen bin.

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Marcus Johanus meint, dass eine romantische Liebesgeschichte jeden Plot besser macht, und in einem hat er recht: Menschen machen sich selten so angreifbar in ihren Wünschen, Hoffnungen und Unsicherheiten wie in einer romantisch-sexuellen Paarbeziehung.

Das funktioniert natürlich nur, wenn die Leser*innen diese Unsicherheiten auch spüren können, sonst bleibt es bei einer Behauptung. Ich, in deren Kopf Sex und Romanze weitgehend getrennt voneinander funktionieren, bin wahrscheinlich noch einmal schwerer zu überzeugen als andere.

Außerdem reagiere ich ziemlich empfindlich auf die allgegenwärtige Verwechslung von Liebe und Begehren. Wenn ich Liebesschwüre als reines Resultat von Hormonen wahrnehme, habe ich meistens wenig Geduld für das betreffende Paar.

Damit stecke ich in der Bewertung mancher Bücher in einer Zwickmühle, so auch bei Juliane Seidels Roman.

Worum geht’s?

Lily kann die Schutzengel aller Menschen und Wesen sehen, mit ihnen kommunizieren und mit ihrem Schutzengel, Adrian, die Plätze tauschen. Im Auftrag des „Rates“ betätigt sie sich daher unter Anleitung ihrer Patentante Alina als Jägerin von Wesen (Vampire und Werwölfen beispielsweise), die den Frieden zwischen den verschiedenen Völkern stören oder den völlig ahnunglosen unmagischen Menschen etwas von den übersinnlichen Dingen verraten könnten.

Nachdem Lily einen Neuling beim Rat trifft, den geheimnisvollen Magier Silas, scheinen alle plötzlich Geheimnisse vor ihr zu haben – oder besser: noch mehr Geheimnisse als sonst. Zwischen Mordkomplotten und fiesen Oberzauberern entspinnt sich eine Romanze zwischen Lily und Silas.

Wieso glaube ich die Romanze nicht?

Ich fühlte mich ein wenig an die Welt von Buffy erinnert, ohne dass Juliane Seidel bei Joss Whedons Serie abgeschrieben hätte: Sehr angenehm. Allerdings bin ich Team Spike, nicht Team Angel, und Silas mit seiner brütenden Aura und den braunen Haaren erinnert an Angel …

Unsinn.

Vor allem krankt die Liebesgeschichte für mich ein wenig an Überstürztheit. Das hat mit meinen eigenen Hang-ups von oben zu tun (Hormone!), aber auch mit der Wahl von Stil und Erzählperspektive, denn eigentlich haben Silas und Lily viel Zeit, nämlich zweihundert Seiten, um sich näher zu kommen.

Um mal zwei Beispiele zu zitieren, was ich mit Stil meine:

„Im fahlen Licht des Mondes leuchteten seine verlängerten Eckzähne weiß auf, verliehen seinem Gesicht eine gefährliche Attraktivität, die Lily sowohl ängstigte als auch faszinierte.“

„Sein jugendliches Gesicht war hübsch, aber ausgemergelt …“

Hier treffen wir auf Wertungen, beziehungsweise bekommen wir erzählt statt gezeigt. Das ist nicht verboten, aber in manchen Fällen unpraktisch, da so etwas eine recht große Distanz zwischen Figur und Leser*in schafft. Und mit einer solchen Distanz ist es schwierig, das verletzliche „Umf“-Moment einer Romanze einzufangen. Ich jedenfalls habe diesbezüglich keinen entsprechenden emotionalen Schlag in die Magengrube verpasst bekommen. Wir werden sehen, ob sich das im zweiten Band ändert.

Und sonst?

Außer einer für mich etwas missglückten Romanze bekommen wir auch: Einen verliebten schwulen Schutzengel – und das dürfte es nicht geben. Lesbische Werwölfinnen. Eine Heldin, die außen etwas schluffig und innen zu neugierig ist. Eine angenehme Beiläufigkeit, was zahlreiche Nicht-Hetero-Paarungen angeht. Ein origineller Weltenbau mit einem mir bis dato nicht bekannten Konzept von den Ursprüngen der Magie. Eine spannende Story, deren Ende ich unbedingt kennen möchte.

Insofern bereue ich meinen Ausflug in die Young Adult Urban Fantasy auf keinem Meter und verlinke hiermit zur PDF-Leseprobe.

Gelesen: 5 + 1 Buch(serien) 2014

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Bei Geteiltes Blut gab es ein Fazit über Lieblingsbücher 2014. Das ist eine gute Idee, die ich aufgegriffen hätte, wenn ich mir gemerkt hätte, welches Buch ich wann gelesen habe. Bei den Downloads wäre es noch nachzuvollziehen, aber manche gedruckten Werke lagen kurzzeitig auf meinem Stapel ungelesener Bücher, weshalb ich keine Ahnung mehr habe, in welchen Monat ein Text fällt.

Außerdem von Nachteil: Nicht in jedem Monat stieß ich auf ein potentielles Lieblingsbuch, dafür war beispielsweise der Juni extrem ergiebig.

Um ein bisschen Ordnung ins Chaos zu bringen, habe ich mir aus der Welt der Fanfiction das „5 plus 1“ Konzept geliehen. Dabei handelt es sich in der Regel um nicht all zu lange Texte, die beispielsweise folgendes behandeln: Fünfmal, als Person X die Person Y gerettet hat, und einmal, als Y X rettete. Fünfmal, dass Z einen Heiratsantrag machte, und einmal, als Z einen Antrag bekam. Etc. pp.

Bei Büchern wäre das in meinem Falle: Fünf erzählende Texte und ein Sachtext, die ich zum Niederknien gut finde. Wie gehabt, betrachte ich die Texte aus zwei Winkeln: Erstens queer/feministisch, und zweitens als Fantasyautorin.

1

Richard Morgan: A Land Fit For Heroes – Trilogie, bestehend aus: „The Steel Remains„, „The Cold Commands„, „The Dark Defiles

Auf Deutsch: „Glühender Stahl„, „Das kalte Schwert„, dritter Band noch nicht übersetzt.

Über die ersten beiden Bände dieser Buchserie habe ich mich anderswo bereits enthusiastisch ausgelassen. Die drei reichlich desillusionierten Held*innen, die es mit einer übernatürlichen Bedrohung aufnehmen müssen, sind mir sehr ans Herz gewachsen. Genau aus diesem Grunde ist Teil Drei mit Vorsicht zu genießen. Wer sich in der Vorstellung eines Happy Ends ergehen möchte, mache nach Band 2 Schluss.

Für Feminist*innen: Leichte Männerübermacht, dafür angenehm nicht-eurozentrischer Weltenbau. Gute Beobachtungen, was Macht(dynamiken) angeht, und explizit queere Figuren.

Für Autor*innen: Morgan mag Rückblenden. Die funktionieren zu etwa fünfzig Prozent, aus den anderen fünfzig Prozent kann eins lernen, wie eins es nicht machen sollte und wann es zu viel ist. Was vor allem in den ersten beiden Bänden einen Tipp an den Hut verdient: Wie Morgan die Hintergrundinfos häppchenweise verteilt.

2

N. K. Jemisin: The Dreamblood Duology, bestehend aus „The Killing Moon“, „The Shadowed Sun“

Auf Deutsch: Nicht erhältlich.

In Gujaareh stammt alle Magie aus Träumen. Mächtigster Traumsaft ist das Traumblut (daher der Titel der Duologie). Meistens stammt das Traumblut von Spendern, die friedvoll ins Jenseits finden wollen, aber manchmal, wenn der Frieden in Gefahr ist, werden die Sammler ausgeschickt, um die Bedrohung zu eliminieren. Bei einer solchen Mission kommt der Sammler Ehiru einer Verschwörung auf die Schliche, an der auch jemand im Palast beteiligt scheint …

Für Feminist*innen: Ein Weltenbau, der ohne die Konzepte Hetero- und Homosexualität auskommt, daher ist ein junger Mann, der Männer bevorzugt, nur vorsichtig als queer einzustufen. Im zweiten Teil schafft es die weibliche Hauptfigur, stark zu sein, ohne dabei klassiche Männlichkeitsideale zu bestätigen.

Für Autor*innen: Ein Setting, das sich am alten Ägypten orientiert und ein Magiekonzept trifft, das auf C. G. Jungs kollektivem Unterbewussten basiert: Schauen Sie einer Meisterin des Weltenbaus bei der Arbeit zu.

3

G. Willow Wilson: Alif the Unseen

Auf deutsch: Nicht erhältlich.

Dem Hacker Alif ist die Obrigkeit des Emirats auf der Spur, und seine Liebste Intisar hat ihn zugunsten einer politisch opportunen Verlobung abserviert. Als Intisar Alif ein geheimnisvolles Buch zuspielt, ist der Geheimdienst auch offline hinter Alif her. Alif und eine Bekannte, die unfreiwillig in die Geschehnisse verwickelt wird, müssen herausfinden, was es mit den „Geschichten aus Tausend und einem Tag“ auf sich hat …

Für Feminist*innen: Fast jede wichtige männliche Rolle hat ein weibliches Gegenstück, wobei eine weibliche Figur nur als „die Konvertitin“ bezeichnet wird. Dank des Settings in einem namenlos bleibenden Emirat sehr unqueer – die männlichen Figuren beschimpfen sich gegenseitig bevorzugt als schwul. Interessante Einsichten ins moderne Arabien von einer Autorin, die dort gelebt hat.

Für Autor*innen: Eine Fantasygeschichte, die einen einzigen personalen Erzähler hat und damit auskommt, obwohl der Plot an Komplexität nichts vermissen lässt. Außerdem der Beweis, dass arabische Djinn und Elektronik sich nicht gegenseitig ausschließen müssen.

4

Carolin Emcke: Wie wir begehren

Autobiographische Notizen einer Reporterin, die Frauen liebt. Ausgehend von Schuldgefühlen über den Freitod eines vermutlich schwulen Bekannten aus ihrer Jugendzeit zeichnet sie ihren Weg von ihrer Kinderzeit über ihr Outing bis heute nach.

Für Feminist*innen: Emckes Begehren entzieht sich jedem Versuch, fremddefiniert zu werden, und befindet sich außerhalb bekannter Schubladen. Anekdotisch beweist sie, wie heteronormativ unsere Gesellschaft ist, und wie hilflos viele Leute reagieren, wenn sie auf Menschen außerhalb sauberer Kategorien treffen. Ein Text, von dem ich mir gewünscht hätte, dass er an manchen Stellen noch ein bisschen tiefer gräbt.

Für Autor*innen: „Wie wir begehren“ beweist, wie wichtig es ist, genau zu beobachten.

5

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

Auf deutsch: „Americanah“

Ifemelu und Obinze treffen sich im Lagos der Neunziger, und führen eine beinahe perfekte Beziehung, bis Ifemelu ein Stipendium für eine amerikanische Universität erhält und ihren Liebsten in Nigeria zurücklassen muss …

Für Feminist*innen: Wertvolle Einsichten in die amerikanische Seele und westlichen Rassismus von einer nicht-amerikanischen Autorin.

Für Autor*innen: Schauen Sie einer Meisterin der Rückblende bei der Arbeit zu. Außerdem ist Adichie eine gestochen scharfe Beobachterin, die ehrlich ist, ohne viel zu urteilen. (Nicht zu urteilen ist ein Ding der Unmöglichkeit.)

+ 1

Hanne Blank: Straight

Auf deutsch: Nicht erhältlich.

Eine Untersuchung, wie das Konzept „Heterosexualität“ in die Welt kam, und was es anrichtete. Der Beweis, dass die häufig unumstößlich wirkende Einteilung der Menschheit in zwei anscheinend klare Kategorien gar nicht so alt ist, und wie viel Macht über unser Denken Konstrukte wie die sexuelle Orientierung entwickeln.