Gelesen 2020 – zweites Halbjahr

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Weiterhin viel gelesen, da viel weniger Termine. Weil blöderweise das beste Suchtmittel des Jahres von einem Mann stammt (hust, Ben Aaronovitch, hust) war das mit den ausgewogenen Quellen zumindest bei der ernsthaften Literatur nicht zu machen. Glücklicherweise ist ja die meiste Fanfiction von Frauen verursacht und hat einen erhöhten Anteil an Buchstabensuppen-Autor*innen, sodass ich mir ingesamt zumindest im Bereich Gender keine Gedanken machen muss.

Fiktionales

Diverse: Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, Apostelgeschichte. Übersetzung von Martin Luther, 1998 sprachlich leicht modernisiert.

Ich hatte einen Rappel und dachte, wenn ich schon am Christentum rumkrittle, dann muss ich auch wissen, was ich da bekrittele. Und nicht nur ausgewählte Zitate. Matthäus wirkt ein wenig konfus. Markus dagegen kommt — bis auf die Sache mit der Auferstehung — sehr journalistisch rüber und ergibt insgesamt mehr Sinn. Anscheinend sind hier alle Widersprüchlichkeiten in Jesu Predigten geschickt rauseditiert worden. (So es diesen Jesus überhaupt gab und da nicht einfach eine Bande Endzeit-Propheten ihren Gründungsmythos in dieser Figur geschaffen hat.) Lukas hat einen Hang zur Fabulierlust, dass es eine Freude ist, wenn eine denn das nicht alles glauben muss, was er schon in der Einleitung an Garn zusammenspinnt über Maria, Elisabeth, Johannes den Täufer und allerlei mehr. Johannes versucht sich in Evangelium und Apostelgeschichte gefühlt an einem stilistischen Mittelding zwischen Markus und Lukas.

Jedenfalls spricht mich diese zweitausend Jahre alte Endzeitstimmung mit ihren für mich teils widersprüchlichen Forderungen nicht so richtig an. Soll ich nun vor allem Gott und meine Nächsten lieben, Gott dienen oder an an ihn glauben? Ist das alles eins, oder wie? Die Annahme, dass der Mensch von Grund auf schlecht ist, das ist auch nicht so mein Ding. Vgl. dazu Good Omens: Menschen sind vor allem von Grund auf Menschen. Ethisch gesehen sind in den Predigten ein paar sinnvolle und nachdenkenswerte Sachen dabei, die den Erfolg der ganzen Angelegenheit erklären (plus die geile Geschichte dazu, die damals in bekannte mythologische Kerben schlug). Nicht zuletzt die wichtigste Sache überhaupt — Nächstenliebe ist, konsequent durchgezogen, wie der Kant’sche Imperativ, extrem schwer umzusetzen. Und am Ende das einzig Wichtige, zumindest was den Rest der Menschheit angeht. Prosozial zu handeln und tatsächlich die gesamte Menschheit als die Sozietät anzuerkennen, für die gehandelt werden muss? Wer kriegt das schon hin? Aber es lohnt den Versuch. Anscheinend gibt es Menschen, die sich das mit der Rücksicht erst überlegen, wenn sie annehmen, dass ihnen irgendwer über die Schulter schaut und sie am Schluss belohnt oder bestraft. (Nennt sich autoritäre Erziehung?)

Dafür, dass das Christentum befreien soll, benutzt der Religionsstifter aber sehr oft Gleichnisse mit „Knechten“ (Sklaven), die offenbar auf ihre Befreiung im Himmelreich warten müssen. Bzw. sind sie dann ja freiwillig Knechte Gottes? Fragen über Fragen.

Jesus war offenbar Kind seiner Zeit. Damals war eine Welt ohne Sklavenhaltung schlicht undenkbar, und die längste Zeit der historischen Aufzeichnungen haben Menschen andere Menschen versklavt.  Einen theologischen Überbau zum Kant’schen Imperativ benötige ich nicht. Typen, die sagen, dass es nur eine Wahrheit und eine Interpretation gibt? Kann ich nicht brauchen. Und Leute, die mir einen Mythos als historische Wahrheit verkaufen wollen, auch nicht.

Stephan Grundy: Attila’s Treasure und Rhinegold — historische Fantasy. Attila’s Treasure ist uns als Wodans Fluch hier bei meinen Zusammenschrieben schon begegnet. Der junge Hagan (später Hagen von Tronje im Nibelungenlied) kommt als Friedgeisel an den Hof von Attila dem Hunnen und schließt eine Freundschaft, die ihn in einen Loyalitätskonflikt treibt. Die queeren Zwischentöne sind eine sehr geile Zugabe. Rhinegold zeichnet den Sagenkreis um das Rheingold und die Wölsungen als Fantasy-Roman nach. Das ist äußerst prächtig erzählt (und sehr lang).

Grundy verdient auch Anerkennung, weil er die gesellschaftlichen Verpflichtungen der Figuren nachvollziehbar macht. Was aus der nordischen und mittelhochdeutschen Dichtung so bei oberflächlichem Medienkonsum hängenbleibt, erlaubt ja kaum, die Motivationen der Figuren zu verstehen. Gebrochene Verlobungen, die aus gekränkter Stammesehre zum Krieg führen könnten? Kämpfe, denen die Helden der Völkerwanderungszeit nicht aus dem Weg gehen, statt Kompromisse zu suchen? Ein Leben, in dem man an einem Tag eine Edelfrau und am nächsten eine Sklavin sein kann, wenn sich das Kriegsglück wendet? Hier wird die vom Tod eines Otters in Gang gesetzte Handlung in all ihrer Unausweichlichkeit verständlich. Die Figuren können nicht aus ihrer Haut und ihrer Kultur, da braucht Wodan/Odin gar nicht so viel zu beeinflussen. Die Geschichte zeigt daher auch, dass jegliche Romantisierung der germanischen Stämme keinerlei historische Grundlage hat, und dass die individuelle Ehre zwar sehr nett sein kann, die Familienehre aber mitunter sehr tödlich.

Ben Aaronovitch: Die Flüsse von London, Schwarzer Mond über Soho, Ein Wispern unter Baker Street, Der böse Ort und Fingerhut-Sommer. Dazu vier ergänzende Graphic Novels — Urban-Fantasy-Krimis. Von der besten Alphaleserin der Welt empfohlen und ausgeliehen bekommen und nunmehr ebenfalls angefixt. Aaronovitch erzählt sehr witzig und mit einem genauen Auge für all die Dinge, über die sich die britische Gesellschaft in die Taschen lügt, von Constable Peter Grant. Der junge Polizist trifft eines Tages einen Geist, der einen Mord beobachtet hat. In der Folge wird Peter dem einzigen bekannten Magie Praktizierenden Englands — Detective Chief Inspector Nightingale — als Zauberlehrling zugeteilt. Wie Peter damit umgeht und dabei sein Noch-Nicht-Können kreativ gegen magische Kriminelle einsicht, ist prachtvoll zu lesen und daher für alle empfehlenswert, die keine Angst vor graphisch beschriebenen Leichen haben. Bonuspunkte für einen angenehm ausgewogenen Cast, was Geschlecht, sexuelle Orientierung und Hautfarben angeht, und für die Übersetzung, der man die englische Satzstrukturen nicht mehr auf den ersten Blick anmerkt.

Jodi Taylor: Doktor Maxwells chaotischer Zeitkompass — Zeitreise-SF. Zweiter Teil der im Frühjahr angefangenen Reihe. Wie immer galoppieren wir in einem Affenzahn die Geschichte rauf und runter und sind dabei nicht besonders tiefschürfend, aber mit viel Action unterhalten.

Akram El-Bahay: Bücherkrieg. Die Bibliothek der flüsternden Schatten 3 — Epic Fantasy nach fast wörtlicher Interpretation. Die ersten beiden Bände habe ich schon 2018 ausgeliehen bekommen, es fehlte noch der dritte und letzte Teil. Die Trilogie hat einen würdigen Abschluss erhalten, der mit dem einen oder anderen schönen Haken aufwartet.

Ben Aaronovitch: Geister auf der Metropolitan Line, Der Galgen von Tyburn, Detective Stories, Cry Fox, Water Weed, Die Glocke von Whitechapel — Krimi-Fantasy als Roman oder Graphic Novel. Mit der Glocke von Whitechapel hat die erste Staffel der Buchserie einen fulminanten Abschluss erhalten. Runtergesuchtet, daher habe ich sicher die meisten Zwischentöne verpasst. Weitergesuchtet habe ich mit Der Oktobermann — m. E. etwas zu kurz geraten, weshalb der neue Ich-Erzähler, Kriminalkommisar Tobias Winter, etwas flach bleibt. Aber in Deutschland wird die magische Verbrecherjagd jedenfalls behördlich besser organisiert als in London. Danach den ersten Band der zweiten Staffel (False Value), in dem Computing und Geister eine unheilige Allianz eingehen, und die Kurzgeschichtensammlung Tales from the Folly.

Ben Aaronovitch hat das Serien-Erzählen an Dr. Who geübt, das merkt das geneigte Publikum, und deswegen habe ich auch von „Staffeln“ geschrieben. Kaum hat eine „Cliffhanger“ gesagt, ist schon der nächste da. Neben äußerst liebenswerten Figuren, die oft nirgends so richtig dazugehören, finden wir eine äußerst reiche Fantasy-Welt, die einige Rätsel übrig lässt. Wieso altert Nightingale rückwärts? Warum zum Henker sind da sprechende Füchse unterwegs? Warum haben die Nazis die Genii Locorum der meisten deutschen Flüsse getötet? Und so weiter.

Luci van Org: Geschichten von Yggdrasil — Nordische Sagen neu erzählt. Und zwar so richtig neu. Keine schwülstige Ausformulierung des eddischen Materials, sondern mit der van Org’schen typischen Herangehensweise, also mit Humor und einem Sinn für Zwischentöne und Hintergründiges. Sodass Odin schon mal auf den Deckel bekommt, wenn er Freya Vorschriften machen will. Das ist oft liebenswert und eröffnet auf jeden Fall neue Blickwinkel, statt die x-te „Odin ist weise, Loki ist boshaft und Frigg eine duldsame Ehefrau“-Version zu bieten. Nicht alle van Org’schen Interpretationen decken sich mit meinen Eindrücken des Materials. Aber das ist halt mit guter Dichtung so: Hält ewig und bedeutet für alle ein bisschen was Unterschiedliches. Und das geilste ist: Poesie muss gar nicht nur eine Sache bedeuten! Wenn ich eine andere Meinung über Odin oder eine andere Gottheit habe, oder wenn Mythologie-Noobs Thor tatsächlich für Lokis Bruder halten: Was soll’s? Die halten das aus.

Isa Theobald: Anouk – Ein toter Djinn kommt selten allein — Urban Fantasy um einen schlagkräftigen Sukkubus. Wer Gewalt und expiziten Sex abkann, ist mit dieser Mischung aus Buffy, Lucifer und Dresden Files sehr rasant unterhalten, und dass hier weibliche Selbstbestimmung und Freundschaft statt der ewigen romantischen Liebe gefeiert wird, tut nebenbei auch gut.

Tracey Lindberg: Birdie — Zeitgenössischer Roman mit etwas magischem Realismus. (Was nur beweist, dass die Linie zwischen Gerne-Literatur und dem, das der Feuilleton feiert, sehr schmal sein kann.) Birdie ist eine junge Frau von der Kelly Lake Cree Nation in Kanada. Wir treffen sie zuerst, als sie in Lolas Bäckerei anheuert, nachdem sie sich selbst aus „der Anstalt“ entlassen hat. Nach und nach offenbaren sich dem Publikum ihre zahlreichen Verletzungen. Als sie selbst begreift, wie innerlich zerrissen sie ist, legt sie sich ins Bett, um eine Seelenreise durch ihr Leben zu beginnen. Begleitet wird sie in diesen schwierigen Wochen von Lola, ihrer Tante Val und ihrer Cousine Freda.

Der Roman erfordert auf dem ersten Drittel durch die zahlreichen Zeitsprünge ein bisschen Aufmerksamkeit. Eine auffindbare Content Notice würde manchen Menschen wahrscheinlich etwas Sicherheit geben. Gelohnt hat sich das Lesen auf jeden Fall. Lindberg erzählt spannend, obwohl an äußerer Handlung kaum etwas passiert, und sie lotet mit viel Mitgefühl Macht und Grenzen weiblicher Solidarität aus.

Die Fanfiction war wie immer sehr zahlreich. Fandoms: eine Prise Lucifer (TV-Serie), ein bisschen Jonathan Strange & Mr. Norrell (angefixt von der Serie, ich fand das Buch wesentlich weniger mitreißend), einiges an Rivers of London, und Unmengen Good Omens jeglichen Mediums. Die eigene Kontribution beschränkt sich auf eine kurze Good-Omens-Fiktion und etwa 5000 Wörter im James-Bond-Universum, die seit fast dreit Jahren auf der Festplatte lagerten.

Sachtext(e)

Angela Chen: Ace. Ausführliche Besprechung ist bereits erschienen.

Für den Beruf gelesen (Auswahl):

Martina Bilke: Auf einem Baum ein Kuckuck — Zeitgenössischer Roman. Habe nur die Korrektur gemacht, aber diese Geschichte der deutschstämmigen Ánaca aus Caracas, die ihrer früh verstorbenen Mutter und den Lücken in der Biographie der Großmutter hinterherforscht, ist eine Wucht zu lesen und kommt daher mit Empfehlung.

Orlando C. Lewis: Die Entdeckungen des Oktus Murrmann — Wie schon der Five O’Clock Turkey schwierig zu lektorieren. Für Fans überbordenen Wortreichtums mit einem augeprägten Hang zum Absurden.

„Beim Märtyrer“, oder: kurzer Blick auf ein phantastisches Symbol

Weil ich grade wegen des neuen Lockdowns noch sprachlos bin und angesichts von Anschlägen und der Wahl in den USA sowieso nur hilflos mit den Armen rudere: Ein Posting über einen Fantasy-Fluch. Immerhin benutze ich selbst gern „zum Henker“.

Im September habe ich mir innerhalb von zwei Abenden „Carnival Row“ gesuchtet. Das ist eine Amazon-Serie mit derzeit einer Staffel, die acht Folgen hat. (Nur auf Englisch geschaut, bitte verzeihen Sie eventuelle Fehlübersetzungen.)

Interessierte sollten über 16 sein, graphische, aber realistische Gewaltdarstellungen, Leichen und Sexszenen abkönnen. In jeder Folge ungefähr zwei, was wohl eher ein Verkaufsargument sein soll als tatsächlich dem Plot dient. Dem hätten die gewonnenen Minuten zur Figurenschärfung durchaus gutgetan.

Die Prämisse ist folgende: Vor nur einigen Jahrzehnten wurde der Kontinent Tirnanoc von den Menschen entdeckt. Dort leben in diversen Staaten Fabelwesen. Unter anderem Zentauren, Faune, und die mit Libellenflügeln ausgestatteten Elfen.

Wie das halt so bei „Neuentdeckungen“ ist, ziehen die Menschen los, um sich Tirnanoc untertan zu machen. Vor allem beteiligt sind die großen Staaten „The Burgue“ (wie die gleichnamige Stadt) und „The Pact“/der Pakt. Aus dem Wettlauf um Kolonien zieht sich The Burgue nach einem grausamen Krieg zurück. Da der Pakt offenbar grausamer mit den Feen-Untergebenen umgeht als The Burgue, fliehen die Feen in großer Zahl in diesen London nachempfundenen Stadtstaat.

Mich interessiert hier aber weniger die etwas plakative, aber wirksame Prämisse der Serie noch der hübsch aufgebaute Kriminalfall, der die Handlung so richtig ins Rollen bringt, sondern die Gottheit, in deren Namen The Burgue flucht: „Beim Märtyrer.“ „Beim gehängten Märtyrer.“ „God’s Noose — Gottes Galgenschlinge.“

Eine Bilderfolge aus der Serie ist hier: https://imgur.com/gallery/FrNKBtE

Irgendwann vor 600 bis 700 Jahren ist da ein „Märtyrer“ namens Hosea erhängt worden. Ob er ein Prophet war, wissen wir nicht, dürfen es aber annehmen.

Und daher ist das religiöse Symbol dieser Stadt ein halbnackter Mann, der an einer Schlinge von einem Galgen baumelt. Religiöse Menschen tragen kleinere Schlingen, Mönche einen dicken Galgenstrick um den Hals. Religiös bewegte malen sich eine Schlinge auf die Brust.

Das ist nicht nur auf den ersten Blick ein wenig verstörend.

Was es damit eindrücklich schafft, ist die Wirkung des Kreuzes als religiöses Symbol in dessen Anfangszeit nachzubilden. Wir erinnern uns: Die frühen Christ*innen haben sich ein Folter- und Hinrichtungsinstrument als Symbol ausgesucht. Damals so verstörend wie heute ein Galgen oder eine Guillotine wäre.

Das ist für viele von uns Nachgeborenen trotz diverser Historienfilme kaum noch nachzuvollziehen. Ich habe keine Ahnung, ob und welche religiöse Intention seitens des Drehbuchautors dahintersteckt, aber zumindest die erste Schockwirkung dürfte eine ähnliche sein wie sie damals das Christentum verursachte. Und selbst wenn nur die das Ziel war, muss ich da echt für diese Wirkung mit einfachen Mitteln den Hut ziehen.

Bildchen wie so häufig: Clker-Free-Vector-Images from Pixabay

Gelesen: „Ace“ von Angela Chen

Vor einem guten Monat erschien auf Englisch ein Buch von Angela Chen namens „Ace – What Asexuality Reveals About Desire, Society and the Meaning of Sex“ (Beacon Press Boston, ISBN 978-0-8070-1379-3).

Da ich mir ja zur Aufgabe gemacht habe, beim Thema Asexualität wenigstens halbwegs auf de aktuellen Stand zu sein, habe ich es gekauft, und als Abschluss der Ace Week für euch eine Meinung dazu verfasst.

Wobei ich sagen muss, dass mich sonst das Cover mit diesen Flecken (Buntpapierfetzen wie früher im Kunstunterricht?) ein wenig abgeschreckt hätte. Mit dem Inhalt hat es jedenfalls erst nach einer Pause zum Nachdenken zu tun.

Kurze Inhaltsübersicht

Der Text liest sich sehr flüssig. Ausgehend von eigenen Erfahrungen hat Angela Chen einige Dutzend andere Aces interviewt und deren Geschichten in Fragestellungen an die US-Gesellschaft verwandelt:

Schadet die allgemeine Erwartung, dass Männer immer super versessen auf Sex seien, genau dieser Personengruppe?

Hat uns die sexuelle Befreiung uns wirklich freier gemacht?

Inwieweit haben wir Überschneidungen mit Vorurteilen gegenüber rassifizierten Menschen, Menschen mit BeHinderung, und religiösen Stereotypen?

Was bedeutet eigentlich „romantisch“? Wo ist die Grenze zwischen Romanzen und Frenudschaft? Und wieso ist Sex ein Maßstab bei der Bewertung, wie wichtig eine Beziehung sein darf?

Was ist „compulsory sexuality“ (Sexnormativität) und was ist hermeneutische Ungerechtigkeit? Wie verhindern unsere Vorstellungen von Sex und dem, was Menschen wollen, dass Menschen eben nicht das tun (oder lassen), was sie möchten?

Das alles bereitet Chen informativ und verständlich auf.

Sehr tröstlich ist auch die Einflechtung der verschiedenen Lebensgeschichten. Obwohl ich genug Aces kenne, tut es immens gut, ein paar Fragen und Probleme gespiegelt zu sehen, die ich auch schon hatte.

Mehr Kompendium als Erleuchtung

Der Witz ist, dass ich dieses Buch nicht unbedingt gebraucht hätte, und da werden manche ähnlich empfinden. Was Angela Chen zusammengetragen hat, wissen halbwegs aufmerksame Beobachtende der asexy Blogosphäre schon.

Ich selbst fand also in dem Buch sehr wenig neue Anstöße, sondern eher eine Zusammenfassung von klugen Gedanken, die ich bei oder dank der Asexual Agenda schon gelesen habe. Damit will ich Angela Chens Fähigkeit, pointierte Fragen zu stellen und Dinge zu beobachten, gar nicht in Abrede stellen. Es wird Menschen im asexuellen Spektrum geben, die diese Diskussionen nicht so genau mitverfolgt haben oder viel später dazugestoßen sind, und die dieses Buch dann umso mehr schätzen werden. Außerdem hat eine gedruckte, zitierfähige Zusammenfassung von Online-Diskussionen immensen Wert.

Was ist eigentlich die Zielgruppe?

Einerseits steht das erklärte Ziel des Buchs schon auf dem Cover: Wie können die Lebensgeschichten asexueller Menschen helfen, besser zu verstehen, wie die westlichen Gesellschaften in Bezug auf Sex ticken? Was können wir alle gewinnen, wenn wir Dinge aus einer asexuellen Perspektive betrachten?

Das heißt, die Zielgruppe sind vornehmlich Menschen, die sich nicht als ace begreifen.

Andererseits bin ich mir nicht sicher, ob es gelungen ist, diese Zielgruppe anzusprechen.

Was es aber zu tun scheint, und da sind Sara von the notes which do not fit und ich einer Meinung mit diversen Menschen, die bei Amazon Rezensionen hinterlassen haben: Es ist hilfreich für unentschlossene Menschen und solche, die ein nagendes Unbehagen mit den Erwartungen spüren, die uns die Sexnormativität aufbürdet.

Brauche ich das?

Kommt drauf an.

Wer sowieso schon alles zum Thema gelesen hat und sich mit der eigenen Selbstbeschreibung als ace wohlfühlt, braucht es nicht unbedingt und folge weiterhin den relevanten Blogs.

Wer einen kurzen und knackigen Einstieg in die aktuellen Debatten sucht, ist hier genau richtig.

Ebenfalls sehr sinnvoll erscheint es für jene, die überlegen, ob sie sich ins asexuelle Spektrum verorten sollen oder wollen. Wir finden hier all die Selbstzweifel und Einwände, die in dieser Findungsphase am drängendsten sind.

Insofern hat Angela Chen auf jeden Fall etwas getan, das mich das Hütchen lüpfen lässt: Ein Ratgeberbuch verfasst, ohne einen einzigen Ratschlag zu verteilen.

Eine etwas andere Meinung zum Thema hat Ace Admiral.

Crosspost bei carmilladewinter.com, aktivista.net und Amazon.

Gelesen 2020 – Erstes Halbjahr

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Lockdown-bedingt habe ich mehr gelesen als erwartet, daher eine Teilung zur hoffentlich besseren Übersicht.

G. K. Chesterton: The man who was Thursday — gelesen im englischen Original. Leicht absurder Roman mit für mich enttäuschend christlich-moralisierendem Ende, aber damit hätte ich bei Chesterton wohl rechnen müssen. Inhalt: Ein Poet, der aus Hass auf die Anarchisten (die waren zum Entstehungszeitpunkt 1908 ein echter politischer Aufreger) Polizist geworden ist, kann sich zu einer geheimen Versammlung von Anarchisten schleichen. Dort lässt er sich zu „Thursday“ wählen, einem von sieben Vertretern im Hohen Anarchistenrat. Ein Verwirrspiel mit zahlreichen Maskeraden entspinnt sich bis zum erwähnten Vollwertkost-Ende. Trotzdem: Das mehr als 100 Jahre alte Englisch liest sich flüssig, der Autor wartet mit einigen sehr eindrücklichen Sprachbildern auf, und der Weisheit: Die einzig mögliche Rebellion gegen die Rebellion ist die Vernunft.

Jeanette Winterson: Frankissstein — „Eine Liebesgeschichte“ steht als Untertitel drunter. Ry Shelley, trans Mann und Arzt, trifft Victor Stein, der an künstlicher Intelligenz forscht. Und parallel dazu (und 200 Jahre vorher) schreibt Mary Shelley „Frankenstein“. (Siehe 2019.) Man weiß nicht so recht, wo der Traum anfängt und die Realität aufhört, und dass die Autorin auf Anführungszeichen verzichtet, ist dann so konsequent wie hinderlich.

Irgendwie soll es wohl darum gehen, was Intelligenz ohne Körper und Körper ohne Intelligenz bedeuten, und dass das größte Monster immer noch der Mensch ist. (Und Byron ein Arschloch war.) Gefühlt ist das alles aber trotz seiner teils schönen, beißenden Ironie etwas verzettelt, nur bei Kenntnis aller Anspielungen zu genießen und mit Symbolen überladen. Keine niedrigschwellige Herangehensweise ans Thema. BoobBooks haben eine etwas andere Meinung dazu. Dass die dortige Autorin Mary Shelleys Ich-Perspektive feiert, ich die aber als normal hinnehme, zeigt vielleicht, dass ich von meinem Fanfiction- und eher frauenlastigen Fantasy-Konsum nachhaltig positiv verdorben verdorben bin.

Oscar Wilde: The Importance of Being Ernest — Theaterstück. Oscar Wilde zieht die Oberflächlichkeit seiner Figuren in voller Konsequenz durch und schafft es trotzdem, Einsichten in die englische „bessere Gesellschaft“ im Besonderen und die Menschheit im Allgemeinen auf eine extrem komische Art zu präsentieren. The truth is rarely pure and never simple. („Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach.“ Passt.)

Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandschaften — Roman von 1809. Ein verheiratetes Paar reicher Leute, zwei „Störfaktoren“, in die sie sich jeweils verlieben. Eigentlich könnte man sich unter der Hand oder mit einer Scheidung einigen und zu zwei Pärchen neu sortieren. Aber die Entstehungszeit macht den vier (wie auch Effi Briest) zu schaffen. Also sind am Ende die „unkeuscheren“ beiden (sie haben sich geküsst) tot, außerdem muss ein Kind ertrinken. Es endet mit der Verklärung einer toten jungen Frau zur Wallfahrtsheiligen. Ob die beiden Überlebenden noch zueinander finden, bleibt offen.

Aus Lektorinnensicht hätte ich Herrn von Goethe einige ominöse Tagebucheinträge gekürzt und ihn gebeten, sich das mit dem Gleichnis aus der Chemie noch mal zu überlegen, zumal er es nicht bis zum Ende durchhält. Ansonsten ist der Roman auch formal seiner Entstehungszeit verhaftet, ergeht sich also schwelgerisch in Landschaftsbeschreibungen, Abendunterhaltungen und allerlei mehr. Nichts für Ungeduldige. Wer mit dem Thema etwas anfangen kann und nicht lieber auf moderne Texte zum Thema Polyamorie setzt, bekommt ein romantisches Melodrama und Sittenbild des frühen 19. Jahrhunderts.

Unbekannt: Die Götterlieder der Älteren Edda (einmal übertragen von Wilhelm Jordan, 1889, einmal von Arnulf Krause, 2001) und Die Heldenlieder der Älteren Edda (übertragen von Arnulf Krause, 2001) — Altnordische Mythologie, und daher aus Prinzip so cool wie fesselnd. Statt Simrock gelesen, bzw. zusätzlich. Dabei ist der Krause einfacher zu lesen und die Anmerkungen sind auch für Uneingeweihte aufschlussreich. Außerdem wirft er nicht nach Gutdünken Strophen raus bzw. sortiert welche vom einen Text in den anderen wie Wilhelm Jordan. Sprachlich ist der Jordan etwas beeindruckender, weil er penibel auf den Stabreim achtet, und mit dessen Beherrschung der Autor denn auch im Vorwort angibt.

Roman Rausch: Die letzte Jüdin von Würzburg — Historischer Roman. Passend zu Corona, denn wir treffen Jaelle, die Anfang 1349 knapp dem Pogrom in Straßburg entkommt und sich nach Würzburg begibt, um dort nach Verwandtschaft zu suchen. Als junger Mann verkleidet kommt sie mit Michael de Leone in Kontakt, einem wichtigen Beamten. Als Schreiber soll sie in dessen Haus für den Würzburger Rabbi spionieren, denn die Pest breitet sich in Süddeutschland aus, und es gehen Gerüchte um, dass die Juden die Brunnen vergiften würden. Was planen der Fürstbischof und der Stadtrat deswegen zu unternehmen?

Obwohl ich dank etwas Geschichtskunde, zumal mit Würzburg-Erfahrung, genau weiß, wo mal das jüdische Viertel war (heute steht die Marienkappelle drauf) und bereits diesbezüglich recherchiert hatte, bleibt der Roman bis zur letzten Seite fesselnd. Ein von mir bemerkter Missgriff ist eine Vokalisierung von JHWH, die man einer jüdischen Figur nicht unterjubeln sollte. Jüdische Lesende dürften daher noch über mehr Dinge stolpern, die nicht passen. (Merke: Sensitivity Reading ist nützlich.)

Wir stellen angesichts der Corona-Krise fest (gerade ist April 2020), dass das mit dem Rassismus noch nicht durch ist, auch wenn noch nirgends die Bewohner:innen einer Chinatown niedergemetzelt wurden. Und Verschwörungstheorien feiern auch seit dem Mittelalter fröhliche Urständ. Wo früher Juden die Brunnen vergifteten oder Hexen das Vieh krank machten, will heute offenbar eine ominöse Verschwörung Menschen per Impfung Chips unterjubeln. (Dass kleine Spendenaffären ans Licht kommen, tausende Verschwörer aber allesamt die Klappe eisern halten, egal, ob es um Impfungen, Chemtrails oder sonst was geht und es einen Sauhaufen Kohle zu verdienen gäbe, wenn sie damit an die Öffentlichkeit gingen — Leute. Logik. Wo ist eure?)

Klopapier hingegen scheint der neue Fetisch gegen Viren zu sein. Ansonsten sollten wir uns wohl nicht zu sehr über den Aberglauben der Altvorderen und die Menschen auf dem Wildtiermarkt in Wuhan erheben. Nur weil die einen an Tigerpenisse und Schuppentierreste glauben und Teile meiner Kundschaft an Belladonna in zwölf mal 50’000facher Verdünnung, heißt nicht, dass nicht beides Zauberei ist. (Ich hab nix gegen Zauberei. Ich hab nur was dagegen, wenn jemand behauptet, es sei Naturwissenschaft. Und Tiere dafür töten … meh. Da die meisten nicht wie Thors Ziegen einfach nach der Mahlzeit wieder aufstehen, sollten man meiner Meinung nach echt zweimal überlegen, ob und wofür man Tiere tötet.)

Isa Theobald, Christian von Aster und Cora Linez: Tintenphönix — wunderschön illuminierter Text bzw. Bilderbuch für ausgewachsene und größtenteils ausgewachsene Menschen. Isa Theobald und Christian von Aster setzen sich jeweils auf ihre Art mit dem Leben und Erzählen von Lebensgeschichte auseinander. Sehr berührend und eine Einladung zum Erzählen und Erzählenlassen, bevor es zu spät ist.

Christian von Aster und benSwerk: Felix oder: Früher hießen Tauben anders — eine wie gehabt eigenwillig-sympathisch illustrierte Geschichte über Felix, der wie eine Taube aussieht, aber in Wahrheit eine Fledermaus ist. Und ein Plädoyer auf die Selbstbestimmung, denn: Wenn man erst einmal wusste, wer oder was man war, dann war man das. Ohne dass irgendjemand drüber abstimmen musste.

Ein Satz, den gewisse Kreise durchaus mal verinnerlichen könnten. (Oder: Wie wäre es mal, nicht über die Pronomen einer trans Person zu diskutieren? Oder ob sich irgendwer „queer“ nennen darf, oder … ?) Die Person, die das ausgelesene Buch zum siebten Geburtstag erhielt, hatte jedenfalls einige gute Fragen diesbezüglich.

Bernhard Stäber: Wächter der Weltenschlange I — Jörmungands Erbe — Urbane Phantastik. Der 15-jährige Rune kentert mit seinem Ruderboot auf einem norwegischen See und wird von dessen Geist, Nyk, vor dem Ertrinken gerettet. Allerdings zu einem Preis: Die Schlange im See hat ein einziges Ei gelegt, und er muss es zum Eismeer bringen, sonst stirbt er. Blöderweise sind drei Disen, weibliche Schutzgeister von Midgard, hinter dem Ei her, denn sie behaupten, es sei Jörmungands Erbe, der Ragnarök mit auslösen wird. In die Auseinandersetzung wird die Hauptfigur, Runes ältere Schwester Malin, mit hineingezogen, aber wir müssen bis zum Ende des ersten Bands warten, um zu erfahren, warum sie mehr Seiten erhält als ihr Bruder.

Auch ansonsten wartet der Text mit einem Haufen schöner Haken, brillianter Einfälle und einer glaubwürdigen Figurenzeichnung zweier mutterloser Jugendlicher auf. Aber dass Bernd Stäber Jugendliche ohne Süßholzraspel kann, hat er schon mit Feuermuse bewiesen. Ich freue mich auf die Fortsetzung. Einziger Haken, außer dass es die Serie noch nicht fertig zu kaufen gibt: Ein paar Zeichenfehler, die meinereiner sofort ins Auge sprangen, weil ich für so was bezahlt werde, dem Restpublikum aber nicht auffallen dürften.

Günter Huth: Der Schoppenfetzer und die Silvanerleiche — Würzburger Lokalkrimi. Der Aufbau ist ordentlich und hält die Spannung bis zum Schluss, der Stil liest sich äußerst flüssig. Im Vergleich zu Claudia Konrads hiesigen Lokalkrimis vermisse ich ein wenig, dass man den Dialogen „des Frängische“ nicht anmerkt. In den Dialogen ist kein einziges „fei/frei“! Eine Romanze ist allerdings angenehm abwesend. Ansonsten: Wäre ich Krimi-Fan, würde ich den nächsten Band auch lesen wollen.

Tina Skupin: Valkyrie — Zurück ins Jetzt — Urbane Fantasy. Der Weltenbau geht davon aus, dass alle Gestalten der nordischen Mythologie und skandinavischen Volkssagen „norsische Völker“ sind, die einst über die Menschen herrschten. So auch die Walküre Frida, unsere Ich-Erzählerin. Nachdem sie für ihren Herrn und Gebieter Odin einen Stamm Varäger/Werwölfe verflucht hat, fällt sie in Ohnmacht und wacht tausend Jahre später wieder auf, im Umland des heutigen Stockholm. Asgard ist nirgends zu finden, dafür leben die Norsen jetzt verborgen unter den Menschen. Auf der Suche nach einem Weg zurück nach Asgard stolpert Frida von einem Missgeschick ins nächste.

Ein wenig hätte die Autorin aus Fridas Kulturfremdheit mehr Humor generieren können als aus den zahlreichen popkulturellen Anspielungen, und manchmal fehlte mir der Suspense, der entsteht, wenn ich eindeutig mehr weiß als die Hauptfigur. Ansonsten  besticht der Weltenbau mit seiner Originalität, die vielen Figuren sind trotzdem vielschichtig, die Wendungen wissen in ihrer Unvorhersehbarkeit zu gefallen, und die Auflösung ist schlicht, aber es wird genial davon abgelenkt. Ich bin eindeutig gespannt, was weiter passiert.

Jodi Taylor: Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv — Zeitreise-SF. In einer nicht näher bezifferten, aber nicht allzu weit entfernten Zukunft wird die Archäologin „Max“ Maxwell von einem speziellen und gut verborgenen Institut engagiert, um historische Fakten per (gut geheim gehaltener) Zeitreise zu verifizieren. Logischerweise haben einige Menschen im Institut mehr Geheimnisse als andere, außerdem gibt es wohl Konkurrenz aus der Zukunft, die sich einen Dreck um die oberste Regel schert: Verändere niemals die Zeitlinie. (Die nächstwichtige Regel lautet: Hole die Batterie aus dem Rauchmelder, damit das ständige Gepiepse nicht alle nervt.)

Jodi Taylor hat hier ein solide konstruiertes Rätsel aufgebaut, dessen Lösung noch zwei Bände dauert. Hinter all den romantischen Verwirrungen und einer unnötig detaillierten Sexszene tritt der eigentliche Weltenbau leider etwas zurück. Amerika hat seine Grenzen dichtgemacht. Faschisten wurden gewaltsam aus Cardiff vertrieben. Was da wohl passiert ist seit heute? Viel Tiefgang darf eins hier jedenfalls nicht erwarten, dafür wie gesagt gute Unterhaltung.

Isa Theobald und David Gray: Requiem für Miss Artemisia Jones — Horrorkomödie. Die jungfräuliche Bibliothekarin Artemisia Jones wird auf einen einsamen Adelssitz gelockt, wo sie vorgeblich die Bibliothek ordnen soll. Tatsächlich aber braucht eine Bande Satanisten sie als Opfer. Satan, der Jungfrauenopfer sonst reichlich dröge findet, wird von seinen Finsterlingen darauf aufmerksam gemacht, dass diesmal ein „potentiell nerviges irdisches Phänomen“ daraus entstehen könnte. Er und seine beste Freundin Asrael, der Todesengel, beschließen, die Gentlemansatanisten mit ihrer Anwesenheit zu beehren.

Trotz aller ekligen Todesarten und abscheulichen Menschen besticht dieses Buch mit einigen wunderbaren Einsichten: Es gibt nichts besseres, als mit einer sozusagen charaktermäßigen Faulheit gesegnet zu sein. Wer faul ist, der ist nämlich auch gelassen (…). Und vor eurer Gelassenheit hat der Alte so richtig Angst. Die passt ihm nicht, weil gelassene Wesen sich nämlich hin und wieder Zeit zum Nachdenken nehmen und seinem Bluff (…) auf die Schliche kommen könnten.

Dieses Zitat gilt übrigens nicht nur für die Kirche, sondern auch für alle anderen, die hoffen, dass eins in blinder Panik ihre hasserfüllten Parolen nachplappert.

Dazu detailverliebte Schilderungen englischer Landhäuser, okkulter Bücher und einer Hölle, wie Sie sie noch nicht gesehen haben. Ein wenig erinnert das alles an Good Omens, auch vom Tonfall her, ist aber weniger jugendfreundlich. In einem Rutsch weggelesen. Ich freue mich auf die Fortsetzung.

Claudia Speer: Der Normanne und die belagerte Stadt — historischer Roman, dritter in der Reihe, die ich Anfang letzten Jahres las. Der Humor ist hier etwas zurückgeschraubt, im Vergleich zu den Vorgängern. Dafür wuchern Ränke und Intrigen aus jeder Ecke, während Guy of Gisborne, sein Knappe Jakob und die schöne Heilerin Miriam versuchen, das Schwert Excalibur zu Richard Löwenherz zu tragen, damit Guy endlich nach England heimkehren darf.

Auch aufmerksamere Lesende als ich dürften sich in den verschiedenen Fäden verheddern und einige Überraschungen erleben — ich brauchte vor dem letzten Drittel eine Pause, weil mir das zwischendrin echt zu anstrengend wurde. Andere dürfte es eher dazu verleiten, den Roman durchzusuchten.

Neben einigen übriggebliebenen Kommafehlern finden wir hier ein Sittengemälde, das wohl allen Mittelalter-Romantiker*innen die Sehnsucht nach der guten alten Zeit austreiben dürfte.

Joachim Sohn: Sunnie & Pollis Meistererzählungen: Band 1: Aufregung in Dampfstadt — absurde Katzendetektivkomödie mit Steampunkiger SF-Note. Ausführliche Rezension in einem eigenen Artikel.

Christian von Aster mit benSwerk: Der Wasserspeier Fledermeier — illustriertes Buch nicht nur für Kinder. Wie immer gewohnt herzig, und wie immer nicht für Menschen illustriert, die es zuckrig mögen. Über das Angsthaben und das Mitfühlen mit Menschen, die anders aussehen als du.

Christian von Aster: Boar Boys — illustrierte Erzählung über einen Haufen krimineller Leprechauns. Ausgeliehen bei DasNixblix, die das Crowdfunding unterstützte und daher an eins der limitierten Exemplare gelangte.  Trotz oder wegen der Panzerfäuste eine wunderschöne und saukomische Ode an die Freundschaft.

Oscar Wilde: The Happy Prince and other stories — Kurzgeschichten, wie der Titel schon sagt. Ein Mix aus Erbaulichem, Traurigem und Gesellschaftskritik. (Nicht, dass die Kritisierten in den Geschichten etwas lernen würden, aber das ist ja leider öfter der Fall, vor allem im realen Leben.) Schönes Englisch mit exzellent ausgeführten allwissenden Erzählenden, wie von Wilde gewohnt.

Queer*Welten, Ausgabe 1/2020 — ein neues Magazin über Queerfeminismus und spekulative Fiktion bzw. phantastische Literatur. Die erste Ausgabe lässt sich mit drei Kurzgeschichten, sehr amüsanter Lyrik und einem Aufsatz über Rassismus bei Tolkien sehr gut an, sodass ich mir sicher die nächste Ausgabe ebenfalls gönnen werde.

Franz Kafka: Die Verwandlung — phantastische Erzählung. Aus mir nicht bekannten Gründen ist Kafka in der Schule genauso an mir vorbeigegangen wie Herrmann Hesse. Diese Erzählung über einen jungen Mann, der eines Morgens als riesiges „Ungeziefer“ aufwacht (wir müssen uns wohl eine Art Assel oder Tausendfüßler vorstellen), gefällt mir bis auf ihr Ende ausnehmend gut. Laut Nachwort war Franz Kafka mit dem Ende ebenfalls nicht zufrieden, aber er hatte wohl kein ordentliches Lektorat, das ihm da unter die Arme greifen konnte.

Diese Geschichte, in der sich immer weiter herausstellt, wie sehr die restliche Familie den Gregor Samsa ausgenutzt hat und wie sie darauf reagiert, dass er auf einmal nicht mehr nützlich ist, kann als Parabel auf allerlei gelesen werden, ob es nun ein Minderheitendasein an sich ist oder auch ganz schlicht darauf, wie eine Familie mit einer Suchterkrankung oder einer Depression umgeht. Weniger als die zahlreichen Beinchen des Gregor Samsa jagt die aus allen Löchern sickernde Lieblosigkeit in dieser Wohnung mir Schauer über den Rücken.

 

 

Sachtexte/Biographien (Auswahl):

Anna Wimschneider: Herbstmilch — Autobiographie. Eindringlich trotz oder wegen der einfachen Sprache. Gedanken dazu anderorts.

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. — Das feminisische Grundlagenwerk. Enthält mir insgesamt zu viel Psychoanalyse, ansonsten aber einige nachdrückliche und vor allem sehr kluge Einsichten in die hiesige Gesellschaftsordnung.

Andreas Mang: Aufgeklärtes Heidentum — eine kritische Betrachtung der Begriffe Religion, Gott, Glaube und von allerlei mehr. Erste, noch selbstverlegte Ausgabe. Fazit: Über die Natur von Gottheiten lässt sich trefflich streiten, insofern unterlässt eins das besser. Es hat dadurch schon genug Glaubenskriege gegeben. Die Orthodoxie, also den Glauben wichtiger als die Befolgung der Rituale zu finden, ist übrigens eine Erfindung des Monotheismus. Und: Selbst Odin hätte wohl Probleme mit Nazidenke. (Immerhin ist sein Pferd das Kind seines Blutsbruders.) Und Hitler war schwammig evangelisch und fand Heidentum abgeschmackt.

Anne Otto: Woher kommt der Hass? Über die psychologischen Hintergründe von Rechtsruck und Rassismus. — Eine Tour de Force durch Erkenntnisse zu autoritärem Denken, wie Staat und neoliberale Wirtschaft es befördern (Agenda 2010, irgendwer?), die Medien mit der Suche nach Empörungs-Likes die Sache nicht besser machen, und wo sich alle an die eigene Nase fassen müssen. Keine seelische Streicheleinheit, wie lieb und gut die Lesenden doch sind. Dafür extrem klug. Notiz: Ein zweites Mal lesen und dann ein eigenes Posting dazu.

 

Beruflich gelesen:

Kirsten Klein: Jaspers Lächeln — Psychothriller mit Heidelberg als Kulisse. Wer auf Thriller steht, findet hier Hochspannung ohne großen Ekelfaktor.

(Die anderen Texte sind für das zweite Halbjahr geplant. Nicht nur wegen Corona.)

Dazu wie immer unglaublich viel Fanfiction.

 

Kater auf Lachgas

Im Zuge des Drachennestfestes, das aus der Corona-Not geboren wurde, gewann ich den ersten Band von Joachim Sohns Sunnie & Pollis Meistererzählungen: Aufregung in Dampfstadt.

Ich versprach, einen eigenen Artikel mit Rezension zu schreiben — und das ist auch nötig, denn das Buch spottet jeder Beschreibung, die sich auf drei Absätze beschränken will.

Zunächst muss ich eine Warnung aussprechen: Dies ist ein illustriertes Buch für Menschen, die lange Sätze verstehen und seltenere Wörter mit den zugehörigen Anspielungen kennen. Also eher nicht für Kinder unter 12 und mehr so Geburtsdatum vor 1995. Lassen Sie sich von den putzigen Katern mit den schrägen Outfits auf dem Cover nicht täuschen.

Worum geht’s?

Die Kater Sunnie (Brille, schwarz-weiß gefleckt) und Polli (getigert, mit Schirmmütze) werden von dem schwarzen Kater Kiri O’City (mit Zylinder) genötigt, nach Dampfstadt zu reisen, um dort ein seltsames Phänomen aufzuklären.

Schon bei der ersten Begegnung mit Menschen aus Dampfstadt fällt ihnen auf, dass die alle so blöd grinsen. Sie vermuten eine Überdosis Lachgas. Und das scheint ihnen ein viel größeres Problem als dasjenige, das der Bürgermeister ihnen schildert. Obwohl der Bürgermeister und Kiri O’City ein straffes Programm für sie zusammengestellt haben, das ihnen bei der Lösung des bürgermeisterlichen Problems behilflich sein soll — unter anderem sollen sie eine Talkshow aufhübschen — machen sie sich an die Lösung des tatsächlichen Rätsels. Und helfen gleichzeitig einem TV-Laufburschen in Liebesnöten.

Und, wie ist es so?

In kurz: Sehr, sehr Meta, vor allem, was Medien und Konsum angeht. Und, wie schon im Klappentext steht: „Nicht für Klimawandelleugner geeignet!“

Was man bekommt:

Dampfbetriebene Science Fantasy.

Das Buch besteht den Bechdel-Test nicht (nur eine einzige ausführlichere Frauenrolle, die auch noch hinterher eine Typen abbekommt), aber die Holmes-und-Watson-ähnliche Symbiose der beiden Kater, die gefühlt nur pro forma Pronomen haben, entschädigt dafür.

Ein Paar Meisterdetektive, die selten mit- aber nie ohneeinander können. Und die trotz ihrer extrem schrägen Logik Fälle lösen.

Polli stieß diese Aufdringlichkeit übel auf, aber als tüchtiger Meisterdetektiv inspizierte er die Grinserei natürlich genau, indem er abwechselnd schnell das eine, dann das andere Auge zukniff, um nicht beim Beobachten durch das Gegenüber ertappt zu werden. Wie konnte dieser ihm so schon nachweisen, mit welchem Auge er ihn tatsächlich gerade ansah?

Insgesamt ein Plädoyer dafür, die richtigen Fragen zu stellen und sich ein bisschen über alltäglich Geglaubtes zu wundern.

Eine Detektivgeschichte mit einer halben Auflösung — welche Ursache das bürgermeisterliche Problem hat, bleibt vorerst offen. Dafür finden sich massenweise doppelte Böden, die für mich ein paar (nicht zu viele) Seiten mehr vertragen hätten, damit das Miträtseln für die geneigten Krimifans ein bisschen ertragreicher ist.

Ich bin mir im Übrigen sicher, dass ich nicht alle dieser doppelten Böden gefunden habe.

Selbige doppelte Böden und Erzählerkommentare von der Meta-Ebene machen eine Menge Spaß, vorausgesetzt, man kann so was ab. Wer sich schon am Anfang fragt, warum die beiden Kater in einer Spirale nach Hause wandern und Kiri O’City unvermittelt in HipHop-Moves ausbricht, hat keinen Spaß an der Geschichte.

Für Experimentierfreudige mit etwas Küchenerfahrung gibt es außerdem ein Rezept für eine Süßspeise zum Nachkochen.

 

 

Gelesen 2019

literature_by_ylanite kloppens auf pixybay

Bild von Ylanite Koppens auf Pixabay — Aziraphale/Erziraphael würde angesichts dieser Gefahr für arglose Bücher wohl verärgert die Lippen zusammenkneifen.

Hier handelt es sich um meine jährliche Auflistung an gelesenen fiktionalen Texten samt Kritiken und Meinungen. Statt Jahresrückblick. Nicht alle Bücher habe ich selbst gekauft, da sie mir geliehen oder geschenkt wurden. Geld oder andere Gegenleistungen erhalte ich nicht für derlei öffentliche Meinungsäußerungen, ich habe einfach so Spaß am Loben oder Zerfleddern.

Wie immer war die Sachliteratur sehr zahlreich und ich habe keine Liste erstellt.

Eine meiner neuen Arbeitsstellen können Sie sich unten per Google erschließen. Ich bin tatsächlich auf 450-Euro-Basis angestellte Lektorin, und das komplett ohne Germanistikstudium.

U-Literatur

Akram El-Bahay: Bücherstadt und Bücherkönig. Teil 1 und 2 einer Trilogie, die 2019 ihren Abschluss finden wird. Epische Fantasy, und zwar wortwörtlich, denn es geht um Fabelwesen und nichts weniger als das Schicksal der Menschheit. Ein Dieb, der keiner mehr sein will, begegnet in der riesigen unterirdischen Bibliothek Paramythia einem geflügelten Fabelwesen und beginnt zu ermitteln. Was hat die geheimnisvolle Beraterin des Königs damit zu tun?

Eine Geschichte, die von Beginn an mit mehr Action als Figurenzeichnung aufwartet, weshalb die Gewissensbisse des Helden Samir und seine Romanze mit der vermeintlichen Dienerin Kani zeitweilig wie Behauptungen auf mich wirken. Dafür bestechen die Romane mit einem ausgeklügelten Weltenbau jenseits des europäischen Pseudomittelalters und halten durchwegs bei hohem Tempo und schönen Wendungen die Spannung.

Claudia Speer: Der Auftrag des Normannen und Der Normanne, der Knappe und das verschenkte Schwert. Historische Romane, Teil 1 und 2 einer noch nicht beendeten Reihe. Die mir gut bekannte Kollegin hat sich mit Guy of Gisborne einen der Schurken aus dem Geschichtenkreis um Robin Hood gegriffen und selbigen nach Richard Löwenherz‘ Rückkehr von seiner Heimatinsel verbannt. Im ersten Band soll er für Richards Mutter im Schwarzwald einen unehelichen Spross des deutschen Kaisers finden. Doch schon am ersten Tag der Ermittlungen geschieht ein Mord. Guy und sein Übersetzer, der vierzehnjährige Jakob, stolpern von da an von einem Missgeschick ins nächste.

Die beiden recht schmalen Bände habe ich wegen Krankheit innerhalb von zwei Tagen in einem Rutsch durchgelesen. Trotz der hohen Geschwindigkeit gelingt es der Autorin, Guys menschliche Seiten zu zeigen (soweit bei diesem launischen Kerl möglich), und das Abenteuer mit exakt so viel Buddy-Komödien-Elementen und Seifenoperflocken aufzulockern, dass man den dritten Band gespannt erwartet.

Sophie Hénaff: Kommando Abstellgleis und Das Revier der schrägen Vögel — Krimis mit einer ordentlichen Portion Komik. Es heißt ja, in Tragödien scheitern die Figuren am Leben, in Komödien scheitert das Leben an den Figuren. Hier ist ein schönes Beispiel für diese Weisheit. Eine Horde in Ungnade gefallener Polizist*innen in Paris muss sich als Brigade für ungelöste Fälle zusammenraufen.

Zwischen genauer Beobachtungsgabe und brilliant ausgeführtem Slapstik bewegen sich die Figuren trotz ihrer tragischen Backstorys mit einer solchen Würde, dass man sie einfach lieben muss. Die Rätsel geraten da fast in den Hintergrund.

Dorothe Reimann: Elegie des Großen Krieges — Dabei handelt es sich um ein recht kurzes Weltkriegsdrama mit zwei Fäden: Einmal schreibt ein deutscher Soldat an der Somme Briefe, die er nicht abschickt, an eine ferne Angebetete. Zum Zweiten erleben wir in einem manchmal ins Allessehende wackelnden personalen Erzähler einen jungen Engländer auf der direkt gegenüberliegenden Seite der Stacheldrahtverhaue und Granatentrichter.

Die Toten des Ersten Weltkriegs, den hungrigen Alltag im Graben, die in Abgestumpftheit und Hass umschlagende Euphorie stellt die Autorin sehr drastisch und gewiss keinesfalls übertrieben dar. Ein Manko ist der sehr abrupte Schluss, der eine halbe Seite länger (aber keinesfalls mehr) hätte ausfallen dürfen. Wer auf glückliche oder wenigstens hoffnungsvolle Enden steht, sollte einen Bogen um den Text machen, alle anderen essen den fragwürdigen Eintopf mit und fragen sich, wie wir das überhaupt hingekriegt haben mit der EU.

Diverse: Basement Tales Vol. 2: Sperrgebiet — Sammlung mit fünf Kurzgeschichten, die ich gewonnen habe. Der Verlag The Dandy is Dead bietet hier eine Reminiszenz an die „Groschenhefte“ alter Zeiten, wobei hier die Gestaltung einen dezidiert künstlerischen Anspruch verfolgt und mit zwei Postern aufwartet, die beidseitig bedruckt vier von fünf Geschichten in Szene setzen.

Christoph Marzi wartet mit trashigem Monsterhorror auf, Diana Kinnes Zimmer 10 hätte für ein echt überraschendes Ende ein paar mehr Zeilen vertragen können, Christian Endres baut eine faszierende Dystopie auf, deren unoriginell motivierter Bösewicht jedoch enttäuscht. „Ist halt irre und hat Spaß am töten“ kommt nicht so häufig vor wie Psychothriller vermitteln, daher finde ich das so unglaubwürdig wie langweilig. Die letzten beiden Stories von Norman Liebold (Parzifal) und Isa Theobald (Im Kerker) dagegen sind echte Highlights, die plastische Beschreibungen und wunderbar überraschende Wendungen aufweisen und dabei das ganz alltägliche Grauen, das mehr oder minder wohlmeinende „Normalos“ fabrizieren, gezielt aufs Korn nehmen.

Benedict Jacka: Das Labyrinth von London — Urban Fantasy. Nicht beendet, da mich der Ich-Erzähler in seiner besserwisserischen Art irgendwie nervt, obwohl die Idee und der Weltenbau echt faszinierend sind.

Hanya Yanagihara: Ein bisschen Leben — Drama mit einem Hauch magischem Realismus. Vor Lesebeginn ist unbedingt zu überprüfen, ob genug Taschentücher im Haus sind. Ich habe über etwa ein Drittel der gut 900 Seiten geflennt. Neben einer dicken Triggerwarnung (Details bitte erfragen, da Spoiler) kann es durchaus sein, dass man beim Lesen eine gewisse Wut entwickelt. Man möchte Jude St. Francis und/oder dessen Umfeld schütteln und diverse andere Figuren töten und gleichzeitig das System einreißen, das so viele Machtgefälle produziert, und das immer noch funktioniert. Ich habe mich so aufgeregt, dass ich ausführlich wurde.

Laila Lailami: The Moor’s Account — historischer Roman. Eine kastilische Expedition aus Soldaten und Siedlern von 300 Menschen landet im 16. Jahrhundert an der Küste Floridas und begibt sich auf die Suche nach dem sagenhaften Gold der Apalachen. Doch die Geschichte vom Gold erweist sich als aufgebauscht. Plündernd zieht die Truppe durchs unbekannte Land, verirrt sich und wird von den Ureinwohnern, Alligatoren und Krankheiten aufgerieben, bis nur noch vier übrig bleiben: Drei spanische Edelmänner und ein Sklave des einen, „Estebanico“ aus Azemmour, heute in Marokko, damals von den Portugiesen besetzt. (Unterschätzen Sie nie den Anteil der portugiesischen und spanischen Händler am weltweiten Sklavenhandel.)

So weit die tatsächlichen Ereignisse. In den offiziellen (und sicher geschönten) Quellen kommen natürlich nur die Edelleute zu Wort, der „Mohr“ wird in gerade mal einem Satz erwähnt. Laila Lailami gibt diesem „Mohren“ einen Namen und eine Stimme und fragt in einer bis zur letzten Seite spannenden und bewegenden Geschichte nach Gier, Freiheit und diesem lästigen Ding namens Hoffnung.

Christian von Aster: Der letzte Schattenschnitzer — urbane Phantastik. Auch wenn weder das Cover noch der Klappentext darauf hinweisen, handelt es sich hierbei um Urban Fantasy für Menschen ab 14, und keinesfalls für Kinder. Der Weltenbau ist faszinierend, da hier Menschen über Schatten gebieten (oder auch nicht), und Christian von Aster gewohnt liebevoll und detailreich eine ganze Historie (samt erfundener, zitierter Quellen) aufbaut. Insgesamt hätte die Geschichte ein bisschen mehr Substanz vertragen, sie ist mir einfach zu kurz und hält außer ihrer Spannung häufig mehr Distanz als nötig.

Tilman Spreckelsen: Gralswunder und Drachentraum — Ein Streifzug durch die Artuswelt. Der Autor stellt ausgewählte Figuren mittelalterlicher deutscher Romane in literatischen und oftmals pointierten Kurzportraits vor. In einer Grauzone zwischen Sachbuch und Fanfiction entsteht damit ein so amüsantes wie faszinierendes Panorama von Figuren, die einst die Gemüter Europas bewegt haben.

Diverse: Dunkle Ziffern — Eine Anthologie zugunsten Dunkelziffer e.V.. Realistische und fantastische Kurzgeschichten beleuchten Dinge, die oft wenig Beachtung finden, und bei denen man lieber wegschaut. Die meisten beschäftigen sich mit sexueller Gewalt (häufig an Kindern), dazu gibt es ein Märchen über Depression, eine Geschichte über Zeugenschaft und eine sehr schöne Geschichte über Trauer. Trotz der bedrückenden Thematik verstehen sich alle Geschichten als eine Botschaft: Dass man nicht allein mit diesen Erlebnissen ist und dass die Schuld allein beim Täter liegt (wo es einen Täter gibt). Diese Dinge passieren nicht einfach, nein, jemand trifft die Entscheidung, einem anderen Menschen dies anzutun.

Einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben Boot Hill – Hügel der Stiefel von David Gray und Tom Dauts Schweigen für ihre beklemmende Atmosphäre, Pasch von Fräulein Spiegel für den Weltenbau und ein überzeugendes Dilemma, Rot von Germaine Paulus für seinen rätselhaften Minimalismus, Sehnsucht von Isa Theobald wegen seiner Bildgewalt, BKA vs. King von Theresa Hannig und Alt + Entf. von Nina George für diverse Überraschungen, und Angeleckt von Luci van Org für die Dame in Rot. Absolute Lieblinge sind Christian von Asters Der letzte Eindruck wegen seines unvergleichlichen, warmen Humors und Ungeliebt von Sonja Rüther, die der Schuld eine Stimme gibt — aber nicht die, die man erwartet.

Klara Bellis: Die Kaiserin der ewigen Nacht — Urbane Fantasy. Aus einem elfischen Gewächshaus entkommt eine blutsaugende Pfanze und taucht in der Welt der Menschen unter. Die Elfe Trywwidt wird geschickt, um sie zurückzuholen, doch schon vom ersten Moment an geht alles bei der Mission schief.

Ich habe hier ungefähr bei einem Fünftel aufgehört zu lesen. Die Handlung kommt recht gemächlich in Gang, ein ausführlicher Subplot ist (zunächst) nur sehr lose mit dem Hauptgeschehen verknüpft, und die wahrscheinlich komisch gemeinte extreme Überzeichnung der Charaktere ist mir zu unglaubwürdig und für mich eher herablassend als komisch.

Saxo Grammaticus: Gesta Danorum, Übertragung ins Deutsche von Paul Hermann 1901. — Die ultimative, halbmythische Geschichte der Dänen, erstellt im 12. Jahrhundert. Angefangen habe ich es, um noch ein paar Hinweise auf die vorchristliche Götterwelt zu erhaschen, was dazu führte, dass ich nach den ersten gefühlt ziemlich sinnfreien Kriegszügen und Heldentaten sagenhafter Könige die Suchfunktion bemühte, um Othins oft  recht wankelmütige Unterstützung seiner Anhänger zu verfolgen.

Marie Brennan: Im Labyrinth der Draken und Im Refugium der Schwingen. Mehr naturhistorisch geprägte alternative Phantastik. Mit ein bisschen Romanze. In den letzten beiden Bänden der Serie um Lady Trents Memoiren wartet die Autorin noch mit ein paar wunderbaren Wendungen auf, sodass ich sehr glücklich mit diesem würdigen Abschluss bin.

Terry Pratchett und Neil Gaiman: Good Omens — humorvolle Fantasy im Englischen Original. Nachdem ich die Amazon-Serie gesuchtet hatte, war ein drittes Mal lesen angesagt. Wir haben es mit Aziraphale, einem Engel, zu tun, der höflich, aber ein bisschen ein Arsch ist, und einem unhöflichen, aber eigentlich ziemlich mitfühlenden (und saumäßig kreativen) Dämon namens Crowley. Beide sind seit 6000 Jahren auf der Erde stationiert, haben sich angefreundet (oder pflegen eine romantisch-nichtsexuelle Beziehung ???) und setzen daher alles daran, um die drohende Apokalypse abzuwenden.

Die ersten beiden Lesedurchgänge fanden um 2003 und 2005(?) statt. Damals fand ich das Buch saumäßig lustig, außerdem bin ich immer für zivilen Ungehorsam und die Hinterfragung von „es steht geschrieben“. Die Crowley-Aziraphale-Dynamik hatte damals genug Schwung, um mich ein wenig Fanfic suchen zu lassen — in den meisten Fällen hatten die zwei dann irgendwann Sex.

Beim dritten Lesen stieß mir der herablassende Tonfall gegenüber manchen Nebenfiguren auf. Und die Serie, die Serie gefällt mir besser. (Sie hat mein Gehirn gefressen, um genau zu sein, siehe unten.) Weil der Tonfall nicht so herablassend ist, weil Crowley trotz einiger Vorkommnisse seinen Mut zusammenkratzt und nicht handelt, weil er Optimist ist. Weil Aziraphale in Gabriel einen verflucht gruseligen Endgegner hat. Und weil der Cast echt saumäßig gut spielt. — Jedenfalls ist es wohl sinnvoll, Buch und Serie als zwei verschiedene Werke zu betrachten, die sich in der Handlung ähneln, aber wo der Plot (also die Gründe für die Handlung) unterschiedlich ist.

Lili S. McDeath: The Price of Normal — Eine englischsprachige, zeitgenössische Novelle, die noch kürzer ist als meine A-Karte. Nachdem Dominic einen Nervenzusammenbruch hat, weil seine Noch-Ehefrau ihn zu Sex überredet hat, organisieren seine drei Kinder und sein Bruder eine nächtliche Fahrt zu einem alten Bekannten, der vielleicht helfen kann.

An einem bösen Schnitzer merkt man, dass die Autorin Deutsch als Muttersprache hat, ansonsten ist der Stil gefühlt etwas ungelenk (die Autorin sucht ihre Stimme wohl noch), aber flüssig lesbar. Die Geschichte an sich ist spannend, leider fehlt gefühlt das letzte Drittel bzw. galoppiert sie auf der zweiten Hälfte, sodass Dominics Figurenentwicklung ein wenig zu kurz kommt. Nachteilig finde ich auch, dass in fünfzehn Kapiteln sechs (!) Ich-Erzählende zu Wort kommen, sodass man die erste halbe Seite jeweils damit beschäftigt ist herauszufinden, wer nun eigentlich gerade spricht. Ein bisschen mehr Text hätte der Geschichte gut getan.

Luci van Org: Vagina Dentata — Eine feministische Fantasy-Komödie, die aber nicht männerfeindlich ist. So beschrieb die Autorin ihr erklärtes Ziel auf einer Lesung, die ich besucht habe. Es ist ihr gelungen, das umzusetzen. Und es ist saumäßig lustig, egal ob sie sich nun Diskussionen über Feminismus, Empowerment-Seminare, schönheitschirurgische Auswüchse der Mode oder Mandarinen vornimmt.

Christian von Aster und benSwerk: Der kleine Golem — Ein bebildertes Buch nicht nur für Kinder über Bücher und Freundschaft. Herzerwärmender kleiner Text, den ich hinterher an ein Kind verschenkt habe. Ich würde fast so weit gehen, von einem im wahrsten Sinne des Wortes illuminierten Text zu sprechen.

Laetizia Colombi: Der Zopf — gesellschaftskritischer Roman, gelesen auf Empfehlung der fabelhaften Nixblix. Die französische Autorin verflicht geschickt drei Frauenschicksale auf drei Kontinenten: Eine Dalit, die für Almosen anderer Leute Plumpsklos reinigt, die Miterbin der letzten Perückenknüpferei von Palermo und eine erfolgreiche Anwältin im Quebec. Über einen Zopf sind die drei miteinander verbunden und wir begleiten sie einen kurzen Teil ihres Weges zu mehr Selbstbestimmung.

Obwohl die Sprache oft schlicht wirkt, entwickelt die Geschichte einen unglaublichen Sog, und ich für mein Teil war traurig, die drei ziehen lassen zu müssen.

Claudia Konrad: Schwarze Villa — Regionalkrimi mit einer Extraportion Schauerroman. Meine Kollegin verwurstete die Sarow’sche Kunstaktion, eine Gründerzeitvilla über Nacht komplett schwarz anzumalen, mit der Erlaubnis des Künstlers. Das Ergebnis ist gruselig, spannend und dort, wo alte Familiengeschichten aufs Tapet kommen, sehr bewegend, hätte aber diesbezüglich noch ein bisschen emotionaler sein können.

Der fortgesponnenen Liebesgeschichte des kauzigen Ermittlers mit seiner Lebensgefährtin hingegen merkt man ein bisschen an, dass die halt rein musste,  die Autorin aber nicht so recht Lust drauf hatte. Die resultierende unsexy Sexszene und einiges an Geturtel hätte ich der Kollegin denn auch als Lektorin gestrichen und sie noch einmal auf Subplotsuche geschickte. Ein wenig befremdlich mutet auch der indirekt wiedergegeben innere Monolog im Präsens an. Egal: An einem Abend in einem Rutsch verschlungen.

Mary Wollstonecraft (Godwin) Shelley: Frankenstein, or The Modern Prometheus — Klassiker der (Schauer-)Literatur im englischen Original. Nach etwa einem Drittel kurzfristig unterbrochen und ehrlich überlegt, ob ich mir den Rest gebe. Hamlet fand ich schon nervig, ab selbst der hat an selbsmitleidiger Rumnölerei nix gegen den jungen Werther (nie fertiggelesen) und Victor Frankenstein. Letzerer nölt nicht nur rum, sondern legt sich lieber mit Nervenfieber ins Bett, als sich um den Mist zu kümmern, den er verursacht hat.

Zugegeben, der Konflikt Kreatur/Schöpfer entwickelt dann doch noch eine gewisse Spannung, aber ingesamt ist nicht das Monster gruselig, sondern die Hauptfigur, die getrieben von ihrem Ambitionen zu spät so etwas wie Verantwortungsbewusstsein entwickelt. Wir stellen außerdem fest, dass dieses Zeugnis der Kritik an Ehrgeiz, der das Hirn ausschaltet, der Menschheit wenig dort in Erinnerung geblieben ist, wo es nötig gewesen wäre.

Außerdem wie immer (zu) viel Fanfiction. Nachdem Marvels Endgame mit einigen Figurenentwicklungen sehr enttäuschte, kam mir das Good-Omens-Fandom als neue Obsession gerade recht.

Profi-Gelesenes:

Hier habe ich Geld fürs Lesen und Lektorieren erhalten. Aber nicht, um diese Liste zu erstellen.

Renate Schostack: Fräulein Ava Laurin — autobiographisch angehauchter, zeitgeschichtlicher Roman. Posthum und daher mit Fingerspitzengefühl und gelegentlichem sorgenvollem Bauchgrimmen bearbeitet.

Orlando S. Lewis: Five O’Clock Turkey in Nandlstadt — dadaistischer, gesellschaftskritischer Kurzroman.

Uschi Gassler: Biographie des Tötens — Spionage/Thriller mit einer hinreißenden Familiengeschichte im Hintergrund.

Eva Klingler: Erinnerung an einen Tod — Regionalkrimi, der auf dem Fall Hau in Baden-Baden basiert, mit humoristischem Einschlag.

Tatjana Gelwig: Flüstern um Mitternacht — Gay Fantasy/Yaoi mit Werwölfen. Wer gern viel Sex in seinen Geschichten hat, ist hier richtig.

Pia Backmann: Der Elbische Patient — Fantasy-Liebesdrama mit unschlagbarer Frauenquote.

(Zwei davon wurden schon 2018 bearbeitet, sind aber erst 2019 erschienen. Dafür einen Haufen Sachliteratur, zwei Zeitschriften, einen Kurzroman und diverse Ausstellungskataloge und so was korrigiert. Und Kram lektoriert, der erst 2020 erscheinen wird.)

 

Hebammenfreuden: Der Elbische Patient

Nach einigen Komplikationen erblickte heute ein Fantasy-Liebesdrama das Licht der Welt, mit dem ich als Lektorin das aufrichtige Vergnügen hatte. (Und Lieder umdichten durfte!)

Cover von "Der Elbische Patient"

Der Klappentext:

Es ist Krieg. Unerbittlich reißen die gegnerischen Magier mehr und mehr Teile von Klaras Land an sich, um ihre Feinde, die Menschen, zu vernichten. Gemeinsam mit ihrer Wahlfamilie – Menschen sowie Magiern – kämpft die behinderte Heilerin für ein Leben jenseits von Vorurteilen und Hass.

In einem Gefecht trifft sie auf Kronprinz Iònatan, den Anführer der feindlichen Armee. Er findet in ihr eine so rätselhafte wie unerwartete Gegnerin, denn Klara kontert jeden seiner Zauber. Frustriert sucht der Elb nach einem Druckmittel, um seine Feinde endgültig zu unterwerfen, wird dabei aber von einem Fluch getroffen. Als er im Sterben liegt, kann ihn nur noch eine Person retten: Klara.

Ein Drama über zwei Feinde, die sich trotz allem lieben, über Freundschaft, die Vorurteile überwindet, und darüber hinaus ein »Fantasy-Arztroman« mit einer unschlagbaren Frauenquote.

 

Und das meint die Hebamme:

Als Lektorin musste ich hauptsächlich beim Weltenbau Nacharbeit fordern, und kann bestätigen, dass sich das eindeutig gelohnt hat. Wer auf dramatische Liebesgeschichten ohne Schwarz-Weiß-Malerei steht und sich auf magische Welten mit einem Technologielevel aus dem 19. Jahrhundert einlassen kann, findet hier mehrere Stunden spannende Unterhaltung.

Die queeren Nebenfiguren sind dabei eins von mehreren Sahnehäubchen.

Infos & Links:

ISBN: 9783750420373

Unter dieser ISBN ist es in jedem lokalen Buchladen zu bestellen.

Homepage für das Buch: derelbischepatient.de

Beim großen, bösen A für Kindle.

Print bei BoD oder Hugendubel.

EPub-Version bei Hugendubel.

 

 

 

Wortloser Wälzer: „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Es gibt so Dinge: Je länger man über sie nachdenkt, desto gruseliger werden sie.

Mir geht es so mit dem viel gelobten Roman „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara.

Und damit zunächst eine Inhaltswarnung: Ich muss für meine Überlegungen spoilern —

— und wer komplett überrascht werden will, muss jetzt wegklicken —

— ehrlich —

Ein wenig Leben

— und daher erwähne ich sexualisierte Gewalt, Selbstverletzungen, Ace-Feinlichkeit und Selbsttötung.

Worum geht es?

Wie verfolgen eine Gruppe von vier Freunden in einem New York, das wie in der Zeit eingefroren scheint. Weder gesellschaftspolitisch noch technologisch tut sich in den erzählten fünfzig Jahren viel. Zwei von diesen Freunden, Will und Jude, kommen sich langsam näher, beginnen eine romantisch-sexuelle Beziehung. Diese droht daran zu scheitern, dass Jude Sex absolut nichts abgewinnen kann. Weil er mit Will nicht darüber sprechen kann/will, ritzt er und landet schließlich nach einem Selbsttötungsversuch im Krankenhaus. Erst danach einigen die beiden sich auf eine halboffene Beziehung.

Warum schweigt Jude?

Jude ist eine Waise, der erst in dem Kloster, in dem er aufwuchs, sexuell missbraucht wurde und auch danach immer wieder an Täter geriet, ob auf einem Fluchtversuch oder in einem anderen Waisenhaus. Bei einer solchen Flucht vor einem Täter wird Jude von diesem angefahren und hat seitdem eine Gehbehinderung.

Jude sucht den Fehler immer bei sich, zumal die Täter ja auch immer bequemerweise behaupten, dass er als Opfer schuld ist. Er bekommt es in seinem ganzen Leben nicht hin, über seine Erfahrungen zu sprechen.

Kaum sieht alles halbwegs gut aus mit Judes Leben, stirbt Will bei einem Unfall. Jude hat nach diversen Selbsttötungsversuchen endlich den gewünschten Erfolg.

Und damit zum ersten Problem:

Schon anhand dieser Kurzbeschreibung wird klar: Der Text drückt heftigst auf die Tränendrüsen. Und zwar, wenn man Äußerungen der Autorin glauben darf, mit voller Absicht. Ob eine derartige extreme emotionale Achterbahnfahrt dazu beiträgt, die Message rüberzubringen, sofern man eine hat, lasse ich mal dahingestellt. (Siehe dazu eine andere Kritik.) 

Man will Jude abwechselnd knuddeln, schütteln und feiert jeden seiner Schritte in Richtung Vertrauen zu guten Menschen. Bis zum Ende hofft man, dass dieser Mensch doch noch die Kurve kriegt.

Tatsächlich beschreibt der Roman in teilweise grausam genauen Details nicht nur Misshandlungen, sondern vor allem die Selbstbeschuldigungen im Gehirn eines Opfers von sexualisierter Gewalt und die Katastrophenspiralen, die depressive und PTSD-Gehirne so gerne verfolgen.

Aber: Wir hören diese Worte nicht. PTSD. Depression. Katastrophieren. Wir hören nicht einmal, dass es Worte für diese Phänomene gibt. Dass das bekannte Mechanismen sind, mit denen Gehirne sich aus einer grausamen Welt einen Sinn zusammenreinem, der ihnen am Ende selbst schadet.

Manche Lesende mögen sich in diesen Denkmustern wiedererkennen, aber was tun sie, wenn sie die Worte nicht haben? Werden sie über ihre Gedanken und Gefühle sprechen, statt wie Jude, der sich in all seinem Selbsthass manchmal zum Märtyrer stilisiert, weiterhin ihre Trauer und ihre Wut an sich selbst auszulassen?

Andere, die das Glück hatten, weder Opfer noch depressiv zu sein, werden vielleicht nie merken, dass diese Beobachtungen eine gewisse Allgemeingültgkeit haben. Oder sie werden glauben, dass all diese Katastrophengedanken und Selbstbeschuldigungen erst entstehen, wenn eine Person so (literarisch übertrieben?) leidet wie Jude.

Als Autorin hätte ich da wenigstens ein entsprechendes Nachwort angefügt. Nennen Sie es mein vielleicht zu hoch entwickeltes Verantwortungsbewusstsein, aber ich kenne einfach zu viele Menschen mit Narben an den Armen. (Jeder Mensch ist einer zu viel. Hi! <3 ) Und in der weiteren Familiengeschichte sind ein Paar Tote, über deren Depressionen nur noch spekuliert werden kann. (Aber prinzipiell stürzen sich wenige geistig stabile Personen von Scheunen, wenn sie die Herzallerliebste nicht heiraten dürfen.)

Ob all dies Leid durch einen Roman mit den richtigen Worten vermeidbar gewesen wäre – wer weiß das schon.

Aber wenn in der Zukunft nur eine einzige Person sich Hilfe sucht oder endlich für ihre Erfahrungen einen Kontext hat, dann lohnt es sich, sie mit Worten zu versorgen.

Und dann noch mein zweites Problem.

Jude findet Sex grauenhaft. Da Jude nicht gern drüber nachdenkt und nie darüber redet, kriegen wir (und er) nie heraus, ob das eine Spätfolge seiner Erfahrungen ist oder ob er zufällig auch asexuell ist. Er selbst erwähnt „Asexualität“ mit keinem Wort.

Umso gruseliger ist es, dass Will und die anderen beiden wichtigen Figuren darüber spekulieren, weil Jude nie Verabredungen hat oder flirtet. Und dass Will es dann nicht hinkriegt, Jude auf das Thema anzusprechen, als es aktuell wird.

Also: Ein Typ, der vermutet, dass sein Partner asexuell ist, merkt, dass dieser Partner mit Sex Geduld braucht, aber darüber ungern redet bzw. keine Worte für seine Probleme hat. Und dann spricht der Typ seinen Partner nicht auf diese Vermutungen an und unterlässt es mehr oder weniger absichtlich, seinen Partner mit vielleicht dringend benötigtem Kontext zu versorgen.

Aus Angst, dass der andere das bestätigt und es dann keinen Sex mehr gibt? (Dabei gibt es auch Aces, die Sex haben. Und es gibt je nach Beteiligten kreative Lösungen. Aber dafür braucht es Kontext.)

Jedenfalls: Aua. Consent geht anders.

Keine Ahnung, ob die Autorin darüber nachgedacht hat. Sie verfolgt den Faden, der ja durchaus einiges an der Handlung hätte anders laufen lassen können, nicht weiter. Weil? Tja.

Wenn ich das wüsste.

Hat das Bingo zugeschlagen?

Immerhin: Die Hauptfigur hat ein sexuelles Trauma, ist depressiv und körperlich behindert.

Eins von drei reicht üblicherweise aus, um damit die Selbstbeschreibung einer Person als asexuell zu entwerten.

Wenn die Figur noch von Männern sexualisierte Gewalt erfahren hat und zufällig schwul wäre, dann ergäbe sich daraus die Schlussfolgerung, dass sie da was verdrängt. Oder so.

Wie gesagt, nichts Genaues erfährt man nicht.

Nun mag es sein, dass Erfahrungen sexualisierter Gewalt und Asexualität für manche a_sexuellen Menschen unaufdröselbar verbunden sind. Wenn jemand sagt: „Ich bin ace und das hat den und den Grund“ – wer will sich anmaßen, hier die Identitätspolizei zu spielen?

Aber dazu braucht es Wörter, nicht wahr.

Und wenn wir ein einziges Mal in dem gesamten Text das Wort „asexuell“ für eine Figur hören, die vier Bingofelder bedient, aber sich selbst nur mit „keine Ahnung“ äußert, dann ist das, so aus dem Blickwinkel der Repräsentation, nur so mittelgut.

Unlustige Pointe:

Laut einem Interview, das ich via SpON in der Welt gefunden habe, geht es Hanya Yanagihara bei ihrem Wälzer um Männerfreundschaften auch um Folgendes:

… dass Gefühle wie Liebe oder Angst von den meisten Männern auf vollkommen andere Weise zum Ausdruck gebracht werden als von Frauen, die diese Gefühle direkt ansprechen oder einander einfach nur umarmen. Viel von dem, was meine Figuren im Laufe ihrer jahrzehntelangen Freundschaft sagen, heißt kurz gefasst: „Ich kann darüber nicht sprechen. Ich habe dafür kein Vokabular.“

Nu ja.

Knapp tausend Seiten auf Deutsch, und trotzdem, meiner unbescheidenen Meinung nach, hat sie ein paar echt hilfreiche Wörter vergessen.

Kein Vokabular eben.

Aber auf eine Weise, die mich mal wieder darüber ranten lässt, dass Geschichten niemals im leeren Raum stehen und dass Geschichtenerzählende durchaus so etwas haben wie Verantwortung.

 


 

Wo wir’s grade von Depressionen haben, mein Hirn ist letzten Mittwoch aufgegangen.

Ist halt immer die Frage, wie schlimm es ist, und wenn eine durchschläft, nicht aus Überforderung anfängt zu weinen und jeden Morgen freiwillig aufsteht, isses wohl nicht ganz so heftig.

Aber: Auf einmal bin ich wieder motiviert und so. Muss trotzdem auf mich aufpassen.

Frauen lesen?!

Via Geschichten und Meer kam eine Blogparade zu mir: 1. Frauenleserin Blogparade zum Jahresende

Initiiert wurde es von der Frauenleserin Kerstin Herbert, in diesem Posting.

bucheulen

Nun ist das ja eher ein Schreib- und kein Leseblog. Die meisten Schreibenden, die ich kenne, lesen weniger, als sie gerne würden, weil irgendwo muss ja das Geld herkommen, das der Brötchenberuf nicht abwirft. Dito. Meistens versacke ich doch mit Fanfiction statt mit anspruchsvoller Lektüre. (Andere lesen ehrliche Liebesromane, ich weiß, ich weiß, aber lasst mich doch wenigstens eine Sache in Ruhe suchten, wenn ich schon kaum Serien schaue.)

Ansonsten klaue ich hier einmal die Fragen direkt aus dem OP:

  • Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Ich habe laut meiner Aufstellung von Belletristik 20 Romane oder Anthologien fertiggelesen.

Davon wurden 11 hauptsächlich oder ganz von Frauen verfasst.

Rechnen wir die Lektorate und die Fanfiction hinzu, die größtenteil Frauendomäne ist (oder von Menschen verfasst wird, die andere Leute für Frauen halten), dann komme ich wohl auf eine Quote von über 80 Prozent.

Als klassische Genreleserin habe ich es offenbar leichter, am Feuilleton vorbeizuoperieren.

  • Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)

Ich kann mich nicht zwischen Lagoon von Nnedi Okorafor, Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten von Becky Chambers und The Girl on the Train von Paula Hawkins entscheiden. Alle drei sind erstklassig erzählt und öffnen neue Horizonte (und wenn’s nur in den Garten an einer Bahnlinie ist).

  • Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?

Muss ich mich schon wieder entscheiden. Aargh. Also, bei Nnedi Okorafor beeindruckt mich ihre nigerianisch beeinflusste Sicht der Dinge bei gleichzeitiger fantasievoller Fabulierlust. Sie schreibt SF nicht von alten weißen Herren ab, die das Genre geprägt haben, sondern macht was Neues. Dito Becky Chambers, die so locker Nebensätze mit „meine Daddies“ aus dem Handgelenk schüttelt, dass es eine wahre Freude ist.

  • Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)

Da ich bei einer Veranstaltung zum Thema Frauenwahlrecht gebeten wurde, Marie Juchacz‘ erste Rede vor dem Deutschen Parlament anno 1919 vorzulesen, schaute ich mir auch ihre Biographie ein bisschen an, die mit eingescannt war. Eine Kurzversion ist bei Wikipedia einzusehen. Jedenfalls: Was für eine Energie. Wow.

  • Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?

Der SuB (Stapel ungelesener Bücher) enthält unter anderem zwei Krimis von Sophie Hénaff und A. S. Schmidts Codex Villalobos. Wenn dann noch Zeit ist, wird’s wohl mehr von Nnedi Okorafor, Becky Chambers, eventuell Aliette de Bodard, und eventuell noch The Moor’s Account von Laila Lalami.

 

ETA: Hintergrund des ganzen Zirkusses bzw. der Blogparade.

Silvester/ Gelesen 2018

Wie im letzten Jahr auch: Ein Rückblick in Büchern.

Meine stressbedingte Beinahe-Depression vom Frühjahr habe ich bemerkt insofern, als dass ich mich weniger auf neue Texte eingelassen habe und stattdessen letzten Winter und im Frühling lieber Fanfiction neben den Korrektoraten für Jinntöchter und das Albenerbe wälzte. Mittlerweile habe ich den Job gewechselt und es geht mir wieder besser, aber ich war schon mal stärker belastbar.

Egal, wie 2018 für euch alle war: Ich hoffe, 2019 wird besser. Guten Rutsch und so.

Und damit zu den Büchern und den Meinungen dazu.

Das habe ich verursacht:

Ich muss gestehen, auf Die A-Karte und Jinntöchter bin ich stolzer als auf Albenherz, weil ich da am Ende hauptsächlich froh war, dass ich es fertig hatte und es trotzdem Sinn ergab. Eindeutiges Zeichen, dass ich mit diesen Jungs erstmal durch bin.

Das habe ich gelesen:

Ältere Edda — Diverse Unbekannte: Nachdem ich genug Thor-Fanfiction und etwas Sekundärliteratur (Bonnetain: Loki, Beweger der Geschichten, unbedingte Empfehlung für Interessierte) konsumiert hatte, im zweiten Anlauf durchgelesen. Tatsächlich eröffnet ein Blick in die Sekundärliteratur einige mögliche Deutungsweisen vor allem der Götterlieder. Ohne das Wissen um die langen Nächte im winterlichen Skandinavien kann eins das alles aber auf keinen Fall durchblicken, meine ich.

The Dark Forest — Liu Cixin: Gelesen mit einer Unterbrechung, denn der zweite Teil dieser Zukunftsvision nimmt in der ersten Hälfte nur langsam Fahrt auf. Dafür endet er aber mit einem umso größeren Knalleffekt. Wiederum besticht der Autor mit klugen Beobachtungen und deren Extrapolation in eine nahe bis fernere Zukunft. Das Ende ist aber so passend, dass ich nicht weiß, ob ich den dritten Band auch noch lesen will. Und ich weiß nicht mehr, ob ich will, dass uns jemand da draußen hört.

Lagoon — Nnedi Okorafor: Was würdest du tun, wenn plötzlich ein Alien mit deinem Präsidenten sprechen möchte? Eine kluge Betrachtung über Menschen (und wie sie mit Veränderungen umgehen) im Allgemeinen und über die Menschen von Lagos, Nigeria, im Besonderen. Außerdem eine Liebeserklärung an selbige Stadt.

Die Buchmagier — Jim C. Hines: Rasantes Nerdabenteuer mit überraschenden Wendungen. Positiv zu vermerken: Der Autor macht sich Gedanken über die Neigung anderer Männer, Frauen als Objekte zu sehen. Eine Beziehung zwischen zwei Frauen und eine angedeutete schwule Liebe werden mit angenehm wenig Aufhebens behandelt.

Gylfaginning/Gylfis Täuschung — Snorri Sturluson: Ein Wettstreit um zu beantwortende Fragen, wie sie schon in der Älteren Edda vorkommen. Dabei füllt Snorri Sturluson die Lücken zwischen dem einen oder anderen sogenannten Götterlied der Älteren Edda (s.o.). Das reicht von einer Aufzählung von Fakten und Namen bis zu ausführlichen Geschichten, wobei die Berichterstattung durchaus als tendenziös erkennbar ist, also christlich eingefärbt.

I Bring the Fire 1: Wolves — C. Gockel: Für Kenner:innen als Verwurstung einer Loki/Darcy-MCU-Fanfic noch erkennbar. Teil 1 ist kostenlos, der Rest dann zahlungspflichtig. Ich bin in Teil 1 bis zur Hälfte gekommen. Ohne die zufällig ins Bild fahrende Protagonistin mit extremer Oberweite wäre die Story wohl temporeicher ausgefallen. Was interessiert mich eine Studentin der Tiermedizin, wenn Loki seine Söhne retten muss?

Der Weg nach Vinland Margaret Elphinstone: Historischer Roman anhand einiger isländischer Sagas, wie meine Jinntöchter verschachtelt als Geschichte in der Geschichte. Eine alte isländische Pilgerin erzählt einem jungen Mönch, wie sie wegen der sie umgebenden Mannsbilder erst nach Grönland kam und es sie dann für drei Jahre nach Vinland (also heute Neufundland, Kanada) verschlug. Gut recherchiert und spannend, obwohl wir wissen, dass sie heil heimgefunden hat.

Die Naturgeschichte der Drachen (Lady Trents Memoiren 1) — Marie Brennan: Die alte Lady Trent aus einer Alternativwelt mit völlig anderer Geographie erzählt in ihren Memoiren, wie ihre Begeisterung für Drachen sich entwickelte und wie ihre erste Forschungsexpedition verlief. Ähnlich wie Naomi Novik schlägt Marie Brennan hier absolut gekonnt einen altertümlichen Tonfall an. Auch zu erwähnen: Dieser Text ist wegen seines Settings und der Drachen Phantasitk — aber der Fokus liegt tatsächlich auf Naturgeschichte, was einen besonderen Reiz entwickelt. Wer allerdings Elfen, Zauberei und dergleichen erwartet, muss woanders hingehen.

Der Wunschtraum — Dana Brandt: Dana Brandt verehrte mir eine Druckausgabe ihrer Weihnachtsgeschichte 2017. Die ist kurz und so herzerwärmend, dass ich über die Kommafehler locker hinweglas.

Aussen – Asgard – Tag (Die unverfilmten Drehbücher von Loki & Thor) — Axel Hildebrandt: Zwischen Schenkelklopfern und feiner Beobachtungsgabe angesiedelte Szenen zweier heidnischer Gottheiten, die sich mit dem modernen Leben herumschlagen. Hab mich im Zug kringelig gelacht.

Geistkrieger — Sonja Rüther: Ein Alternativwelt, in der Nordamerika nie Kolonie war, also von den First Nations selbst verwaltet wird. Ein schottischer Zuwanderer, der in einer Polizeieinheit für spirituellen Missbrauch landet, gerade, als eine unappetitliche Mordserie beginnt. Eine spannende Was-wäre-wenn-Geschichte, die leider nicht komplett in sich abgeschlossen ist beziehungsweise mit einem recht offenen Ende aufwartet. Würde sich prima für eine Mystery-Crime-Serie bei Netflix eignen. Ansonsten haben wir es eher mit einem handlungs- als einem figurenbezogenen Plot zu tun. Ein bisschen sauer stößt mir auf, dass europäischer Rassismus eher so ein Rand-Ding ist und die Story daher nicht ausreicht, unsereins einen Spiegel vorzuhalten.

Boschs Vermächtnis — Christian von Aster (Hrsg.): Eine Sammlung Kurzgeschichten zu dem opulenten wie rätselhaften „Garten der Lüste„. Wie immer bei so etwas gibt es Geschichten, die mich berührt haben und welche, bei denen ich mich am Kopf kratzte. Um den Platz als Liebling streiten: Luci van Orgs „Vogeltränke“, „Spannerhase“ von Sonja Rüther, „Flügel“ von Tom Daut und „Nachtmahr“ von Robin Gates. Ansonsten empfehlen kann ich „Azurit“, „Serge wohnt hier nicht mehr“, „Dem Berg die Buße“, „Die Muse des Meisters“, „Am Baum der Erkenntnis fault die Frucht“, „Damenwahl“, „Der wilde Hannes“, „Die Krüppel von Burgos“, „Fliegenfische“ und „Die Parabel vom Zwielicht.“ Also: Wenig Ausfälle dabei, vor allem nicht, wenn eins sich auf Nicht-Phantastisches und waschechten Horror einlassen kann.

The Girl on the Train — Paula Hawkins: Gelesen im englischen Original und sehr schnell weggeputzt, da dieser hochspannende Psychothriller wirklich meisterhaft gleich drei unzuverlässige Ich-Erzählerinnen im Tagebuchstil verwebt. Es hat einen Grund, warum die drei Erzählerinnen unzuverlässig sind, aber den zu verraten wäre spoilern. Nebenbei watscht die Autorin ganz locker aus dem Handgelenk den alltäglichen Sexismus ab.

Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten — Becky Chambers: Eine Space Opera im wahrsten Sinne des Wortes: Weltraum und Beziehungen. Statt viele Explosionen treffen wir eine ehrlich diverse Multi-Spezies-Crew und den am wenigsten machohaften Captain, der mir je begegnet ist. Wie diese Truppe sich immer wieder zusammenrauft und ihre mehr oder weniger alltäglichen Probleme bewältigt, ist verflucht sehens- und liebenswert.

Verdrängter Verdacht — Mary Westmacott (Agatha Christie): Ein nicht besonders hoffnungsvoller Gesellschaftsroman, der es schafft, so spannend zu sein wie jeder Krimi der Grand Dame desselben. Eine in der Wüste festsitzende Reisende hat viel Zeit zum Nachdenken über Mann und Nachwuchs. Dabei fördert sie Erstaunliches zutage. Nebenbei ein treffend böses Sittengemälde der späten 1930er Jahre. Erschienen 1944, deutsche Übersetzung von 1988.

S. (oder: Das Schiff des Theseus) — JJ Abrams und Doug Dorst: Ohne die Randbemerkungen wäre „V.M. Strakas“ Romantext nur eine surreal anmutende Betrachtung von Identität, denn einen Mann ohne Erinnerungen verschlägt es auf ein Albtraumschiff und zu einer selbstgewählten, grimmigen Aufgabe. Aber ein Doktorand stiehlt ein Exemplar des Romans aus einer Bibliothek und macht am Rand Notizen. Eine Studentin findet das Buch, fügt ihre eigenen Notizen hinzu und gibt es zurück. Das Resultat ist eine meisterlich nicht linear erzählte Schnitzeljagd nach V.M. Strakas Identität, dem S., der Übersetzerin F.X. Caldeira und der Frage, was ich von einer Person wissen muss, um sie zu lieben. Zu empfehlen ist, sich ein leeres Wochenende dafür vorzunehmen, denn wer lange unterbricht, verliert den Faden. Sollte außerdem nicht im Bett, bei starkem Wind, im Zug oder auf dem Klo gelesen werden.

Fiese Deals — Claudia Konrad (mit Ernst Merz und Uschi Gassler): Eine Sammlung von zehn Lokal-Kurzkrimis und drei Gedichten. Ein paar Fälle machen wirklich Spaß bzw. warten mit originellen Täter*innen auf, vor allem die vier Joint Ventures mit Uschi Gassler, außerdem „Peractum est“ und „Chemie“. „Wahlkampf“ hätte eine pointierte Betrachtung der hiesigen Politik sein können, versteigt sich dann aber in den Giftanschlag einer schizophrenen Migrantin, was doch eher sauer aufstößt. Genauso wird in einem anderen Fall ausgerechnet die einzige Person of Colour zum Täter.

Ich habe ihn getötet — Keigo Higashino: Wie bei Paula Hawkins oben lesen wir in diesem Krimi drei unzuverlässige Ich-Erzählende. Das Verwirrspiel um den Tod eines menschlich unzulänglichen Autors ist schnell und spannend, wartet aber mit keiner klaren Lösung auf — dazu braucht es die Anleitung am Ende des Buchs. Ein Mitratekrimi auf hohem Niveau, der trotz aller menschlichen Abgründe aber nicht an Hawkins‘ Geniestreich heranreicht. Vielleicht auch, weil er sehr typenzentriert ist.

Perfect Rhythm — Jae: Lesbischer Liebesroman, solide Unterhaltung. Rezension ist beim Verein.

Der Wendekreis der Schlangen (Lady Trents Memoiren 2) und Die Reise der Basilisk (Lady Trents Memoiren 3) — Marie Brennan: Die Autorin versteht weiterhin rein naturgeschichtlich zu unterhalten und besticht mit zielgenauen Beobachtungen über (Forschungs-)Reisende im Besonderen, Menschen und ihre Kulturen im Allgemeinen und ihrem steampunkig angehauchten Einfallsreichtum. Die Spannung hält sie aufrecht mithilfe von Andeutungen und wohldosierten Erkenntnissen aus der Archäolgie und der Biologie von Drachen. Kein Gekloppe um Throne, kein fieser Endgegner-Bösewicht, sondern Wissenschaft als Mittel zum Suspense. Das ist etwas, das muss man Marie Brennan erstmal nachmachen. Andererseits ist es halt eine Serie, also sind die Texte alle typähnlich.

Der Orkfresser — Christian von Aster: Keine Ahnung, wie dieser Roman zu seinem Titel gekommen ist. Es handelt sich durchaus um Phantastik, aber die Orks dienen als Aufhänger, nicht als Gegner. Einige ausführliche Gedanken dazu hatte ich schon. Die Nachtbibliothek ist jedenfalls ein Ort, den muss ich mal suchen gehen.

Und hier war ich Hebamme/Lektorin:

Die Schleier der Welt — R. A. Prum und S. C. Kreuer: Das geneigte Publikum trifft eine bisexuelle, mäßig erfolgreiche Privadetektivin, die eine verschwundene junge Frau sucht und dabei über ein gefährliches Geheimnis samt einiger Werwölfe stolpert.

Einen Rosengarten versprach ich nie — Diverse/Bundesamt für magische Wesen (Hrsg.): Hier habe ich „Stadt, Land, Jinn“ beigesteuert und mich ansonsten als Lektorin betätigt. Herausgekommen ist eine meiner Ansicht nach runde Mischung zum Thema „Liebe“. Leider reichte bei der einzigen lesbischen Einsendung die Qualität nicht.