Frauen lesen?!

Via Geschichten und Meer kam eine Blogparade zu mir: 1. Frauenleserin Blogparade zum Jahresende

Initiiert wurde es von der Frauenleserin Kerstin Herbert, in diesem Posting.

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Nun ist das ja eher ein Schreib- und kein Leseblog. Die meisten Schreibenden, die ich kenne, lesen weniger, als sie gerne würden, weil irgendwo muss ja das Geld herkommen, das der Brötchenberuf nicht abwirft. Dito. Meistens versacke ich doch mit Fanfiction statt mit anspruchsvoller Lektüre. (Andere lesen ehrliche Liebesromane, ich weiß, ich weiß, aber lasst mich doch wenigstens eine Sache in Ruhe suchten, wenn ich schon kaum Serien schaue.)

Ansonsten klaue ich hier einmal die Fragen direkt aus dem OP:

  • Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Ich habe laut meiner Aufstellung von Belletristik 20 Romane oder Anthologien fertiggelesen.

Davon wurden 11 hauptsächlich oder ganz von Frauen verfasst.

Rechnen wir die Lektorate und die Fanfiction hinzu, die größtenteil Frauendomäne ist (oder von Menschen verfasst wird, die andere Leute für Frauen halten), dann komme ich wohl auf eine Quote von über 80 Prozent.

Als klassische Genreleserin habe ich es offenbar leichter, am Feuilleton vorbeizuoperieren.

  • Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)

Ich kann mich nicht zwischen Lagoon von Nnedi Okorafor, Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten von Becky Chambers und The Girl on the Train von Paula Hawkins entscheiden. Alle drei sind erstklassig erzählt und öffnen neue Horizonte (und wenn’s nur in den Garten an einer Bahnlinie ist).

  • Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?

Muss ich mich schon wieder entscheiden. Aargh. Also, bei Nnedi Okorafor beeindruckt mich ihre nigerianisch beeinflusste Sicht der Dinge bei gleichzeitiger fantasievoller Fabulierlust. Sie schreibt SF nicht von alten weißen Herren ab, die das Genre geprägt haben, sondern macht was Neues. Dito Becky Chambers, die so locker Nebensätze mit „meine Daddies“ aus dem Handgelenk schüttelt, dass es eine wahre Freude ist.

  • Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)

Da ich bei einer Veranstaltung zum Thema Frauenwahlrecht gebeten wurde, Marie Juchacz‘ erste Rede vor dem Deutschen Parlament anno 1919 vorzulesen, schaute ich mir auch ihre Biographie ein bisschen an, die mit eingescannt war. Eine Kurzversion ist bei Wikipedia einzusehen. Jedenfalls: Was für eine Energie. Wow.

  • Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?

Der SuB (Stapel ungelesener Bücher) enthält unter anderem zwei Krimis von Sophie Hénaff und A. S. Schmidts Codex Villalobos. Wenn dann noch Zeit ist, wird’s wohl mehr von Nnedi Okorafor, Becky Chambers, eventuell Aliette de Bodard, und eventuell noch The Moor’s Account von Laila Lalami.

 

ETA: Hintergrund des ganzen Zirkusses bzw. der Blogparade.

Silvester/ Gelesen 2018

Wie im letzten Jahr auch: Ein Rückblick in Büchern.

Meine stressbedingte Beinahe-Depression vom Frühjahr habe ich bemerkt insofern, als dass ich mich weniger auf neue Texte eingelassen habe und stattdessen letzten Winter und im Frühling lieber Fanfiction neben den Korrektoraten für Jinntöchter und das Albenerbe wälzte. Mittlerweile habe ich den Job gewechselt und es geht mir wieder besser, aber ich war schon mal stärker belastbar.

Egal, wie 2018 für euch alle war: Ich hoffe, 2019 wird besser. Guten Rutsch und so.

Und damit zu den Büchern und den Meinungen dazu.

Das habe ich verursacht:

Ich muss gestehen, auf Die A-Karte und Jinntöchter bin ich stolzer als auf Albenherz, weil ich da am Ende hauptsächlich froh war, dass ich es fertig hatte und es trotzdem Sinn ergab. Eindeutiges Zeichen, dass ich mit diesen Jungs erstmal durch bin.

Das habe ich gelesen:

Ältere Edda — Diverse Unbekannte: Nachdem ich genug Thor-Fanfiction und etwas Sekundärliteratur (Bonnetain: Loki, Beweger der Geschichten, unbedingte Empfehlung für Interessierte) konsumiert hatte, im zweiten Anlauf durchgelesen. Tatsächlich eröffnet ein Blick in die Sekundärliteratur einige mögliche Deutungsweisen vor allem der Götterlieder. Ohne das Wissen um die langen Nächte im winterlichen Skandinavien kann eins das alles aber auf keinen Fall durchblicken, meine ich.

The Dark Forest — Liu Cixin: Gelesen mit einer Unterbrechung, denn der zweite Teil dieser Zukunftsvision nimmt in der ersten Hälfte nur langsam Fahrt auf. Dafür endet er aber mit einem umso größeren Knalleffekt. Wiederum besticht der Autor mit klugen Beobachtungen und deren Extrapolation in eine nahe bis fernere Zukunft. Das Ende ist aber so passend, dass ich nicht weiß, ob ich den dritten Band auch noch lesen will. Und ich weiß nicht mehr, ob ich will, dass uns jemand da draußen hört.

Lagoon — Nnedi Okorafor: Was würdest du tun, wenn plötzlich ein Alien mit deinem Präsidenten sprechen möchte? Eine kluge Betrachtung über Menschen (und wie sie mit Veränderungen umgehen) im Allgemeinen und über die Menschen von Lagos, Nigeria, im Besonderen. Außerdem eine Liebeserklärung an selbige Stadt.

Die Buchmagier — Jim C. Hines: Rasantes Nerdabenteuer mit überraschenden Wendungen. Positiv zu vermerken: Der Autor macht sich Gedanken über die Neigung anderer Männer, Frauen als Objekte zu sehen. Eine Beziehung zwischen zwei Frauen und eine angedeutete schwule Liebe werden mit angenehm wenig Aufhebens behandelt.

Gylfaginning/Gylfis Täuschung — Snorri Sturluson: Ein Wettstreit um zu beantwortende Fragen, wie sie schon in der Älteren Edda vorkommen. Dabei füllt Snorri Sturluson die Lücken zwischen dem einen oder anderen sogenannten Götterlied der Älteren Edda (s.o.). Das reicht von einer Aufzählung von Fakten und Namen bis zu ausführlichen Geschichten, wobei die Berichterstattung durchaus als tendenziös erkennbar ist, also christlich eingefärbt.

I Bring the Fire 1: Wolves — C. Gockel: Für Kenner:innen als Verwurstung einer Loki/Darcy-MCU-Fanfic noch erkennbar. Teil 1 ist kostenlos, der Rest dann zahlungspflichtig. Ich bin in Teil 1 bis zur Hälfte gekommen. Ohne die zufällig ins Bild fahrende Protagonistin mit extremer Oberweite wäre die Story wohl temporeicher ausgefallen. Was interessiert mich eine Studentin der Tiermedizin, wenn Loki seine Söhne retten muss?

Der Weg nach Vinland Margaret Elphinstone: Historischer Roman anhand einiger isländischer Sagas, wie meine Jinntöchter verschachtelt als Geschichte in der Geschichte. Eine alte isländische Pilgerin erzählt einem jungen Mönch, wie sie wegen der sie umgebenden Mannsbilder erst nach Grönland kam und es sie dann für drei Jahre nach Vinland (also heute Neufundland, Kanada) verschlug. Gut recherchiert und spannend, obwohl wir wissen, dass sie heil heimgefunden hat.

Die Naturgeschichte der Drachen (Lady Trents Memoiren 1) — Marie Brennan: Die alte Lady Trent aus einer Alternativwelt mit völlig anderer Geographie erzählt in ihren Memoiren, wie ihre Begeisterung für Drachen sich entwickelte und wie ihre erste Forschungsexpedition verlief. Ähnlich wie Naomi Novik schlägt Marie Brennan hier absolut gekonnt einen altertümlichen Tonfall an. Auch zu erwähnen: Dieser Text ist wegen seines Settings und der Drachen Phantasitk — aber der Fokus liegt tatsächlich auf Naturgeschichte, was einen besonderen Reiz entwickelt. Wer allerdings Elfen, Zauberei und dergleichen erwartet, muss woanders hingehen.

Der Wunschtraum — Dana Brandt: Dana Brandt verehrte mir eine Druckausgabe ihrer Weihnachtsgeschichte 2017. Die ist kurz und so herzerwärmend, dass ich über die Kommafehler locker hinweglas.

Aussen – Asgard – Tag (Die unverfilmten Drehbücher von Loki & Thor) — Axel Hildebrandt: Zwischen Schenkelklopfern und feiner Beobachtungsgabe angesiedelte Szenen zweier heidnischer Gottheiten, die sich mit dem modernen Leben herumschlagen. Hab mich im Zug kringelig gelacht.

Geistkrieger — Sonja Rüther: Ein Alternativwelt, in der Nordamerika nie Kolonie war, also von den First Nations selbst verwaltet wird. Ein schottischer Zuwanderer, der in einer Polizeieinheit für spirituellen Missbrauch landet, gerade, als eine unappetitliche Mordserie beginnt. Eine spannende Was-wäre-wenn-Geschichte, die leider nicht komplett in sich abgeschlossen ist beziehungsweise mit einem recht offenen Ende aufwartet. Würde sich prima für eine Mystery-Crime-Serie bei Netflix eignen. Ansonsten haben wir es eher mit einem handlungs- als einem figurenbezogenen Plot zu tun. Ein bisschen sauer stößt mir auf, dass europäischer Rassismus eher so ein Rand-Ding ist und die Story daher nicht ausreicht, unsereins einen Spiegel vorzuhalten.

Boschs Vermächtnis — Christian von Aster (Hrsg.): Eine Sammlung Kurzgeschichten zu dem opulenten wie rätselhaften „Garten der Lüste„. Wie immer bei so etwas gibt es Geschichten, die mich berührt haben und welche, bei denen ich mich am Kopf kratzte. Um den Platz als Liebling streiten: Luci van Orgs „Vogeltränke“, „Spannerhase“ von Sonja Rüther, „Flügel“ von Tom Daut und „Nachtmahr“ von Robin Gates. Ansonsten empfehlen kann ich „Azurit“, „Serge wohnt hier nicht mehr“, „Dem Berg die Buße“, „Die Muse des Meisters“, „Am Baum der Erkenntnis fault die Frucht“, „Damenwahl“, „Der wilde Hannes“, „Die Krüppel von Burgos“, „Fliegenfische“ und „Die Parabel vom Zwielicht.“ Also: Wenig Ausfälle dabei, vor allem nicht, wenn eins sich auf Nicht-Phantastisches und waschechten Horror einlassen kann.

The Girl on the Train — Paula Hawkins: Gelesen im englischen Original und sehr schnell weggeputzt, da dieser hochspannende Psychothriller wirklich meisterhaft gleich drei unzuverlässige Ich-Erzählerinnen im Tagebuchstil verwebt. Es hat einen Grund, warum die drei Erzählerinnen unzuverlässig sind, aber den zu verraten wäre spoilern. Nebenbei watscht die Autorin ganz locker aus dem Handgelenk den alltäglichen Sexismus ab.

Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten — Becky Chambers: Eine Space Opera im wahrsten Sinne des Wortes: Weltraum und Beziehungen. Statt viele Explosionen treffen wir eine ehrlich diverse Multi-Spezies-Crew und den am wenigsten machohaften Captain, der mir je begegnet ist. Wie diese Truppe sich immer wieder zusammenrauft und ihre mehr oder weniger alltäglichen Probleme bewältigt, ist verflucht sehens- und liebenswert.

Verdrängter Verdacht — Mary Westmacott (Agatha Christie): Ein nicht besonders hoffnungsvoller Gesellschaftsroman, der es schafft, so spannend zu sein wie jeder Krimi der Grand Dame desselben. Eine in der Wüste festsitzende Reisende hat viel Zeit zum Nachdenken über Mann und Nachwuchs. Dabei fördert sie Erstaunliches zutage. Nebenbei ein treffend böses Sittengemälde der späten 1930er Jahre. Erschienen 1944, deutsche Übersetzung von 1988.

S. (oder: Das Schiff des Theseus) — JJ Abrams und Doug Dorst: Ohne die Randbemerkungen wäre „V.M. Strakas“ Romantext nur eine surreal anmutende Betrachtung von Identität, denn einen Mann ohne Erinnerungen verschlägt es auf ein Albtraumschiff und zu einer selbstgewählten, grimmigen Aufgabe. Aber ein Doktorand stiehlt ein Exemplar des Romans aus einer Bibliothek und macht am Rand Notizen. Eine Studentin findet das Buch, fügt ihre eigenen Notizen hinzu und gibt es zurück. Das Resultat ist eine meisterlich nicht linear erzählte Schnitzeljagd nach V.M. Strakas Identität, dem S., der Übersetzerin F.X. Caldeira und der Frage, was ich von einer Person wissen muss, um sie zu lieben. Zu empfehlen ist, sich ein leeres Wochenende dafür vorzunehmen, denn wer lange unterbricht, verliert den Faden. Sollte außerdem nicht im Bett, bei starkem Wind, im Zug oder auf dem Klo gelesen werden.

Fiese Deals — Claudia Konrad (mit Ernst Merz und Uschi Gassler): Eine Sammlung von zehn Lokal-Kurzkrimis und drei Gedichten. Ein paar Fälle machen wirklich Spaß bzw. warten mit originellen Täter*innen auf, vor allem die vier Joint Ventures mit Uschi Gassler, außerdem „Peractum est“ und „Chemie“. „Wahlkampf“ hätte eine pointierte Betrachtung der hiesigen Politik sein können, versteigt sich dann aber in den Giftanschlag einer schizophrenen Migrantin, was doch eher sauer aufstößt. Genauso wird in einem anderen Fall ausgerechnet die einzige Person of Colour zum Täter.

Ich habe ihn getötet — Keigo Higashino: Wie bei Paula Hawkins oben lesen wir in diesem Krimi drei unzuverlässige Ich-Erzählende. Das Verwirrspiel um den Tod eines menschlich unzulänglichen Autors ist schnell und spannend, wartet aber mit keiner klaren Lösung auf — dazu braucht es die Anleitung am Ende des Buchs. Ein Mitratekrimi auf hohem Niveau, der trotz aller menschlichen Abgründe aber nicht an Hawkins‘ Geniestreich heranreicht. Vielleicht auch, weil er sehr typenzentriert ist.

Perfect Rhythm — Jae: Lesbischer Liebesroman, solide Unterhaltung. Rezension ist beim Verein.

Der Wendekreis der Schlangen (Lady Trents Memoiren 2) und Die Reise der Basilisk (Lady Trents Memoiren 3) — Marie Brennan: Die Autorin versteht weiterhin rein naturgeschichtlich zu unterhalten und besticht mit zielgenauen Beobachtungen über (Forschungs-)Reisende im Besonderen, Menschen und ihre Kulturen im Allgemeinen und ihrem steampunkig angehauchten Einfallsreichtum. Die Spannung hält sie aufrecht mithilfe von Andeutungen und wohldosierten Erkenntnissen aus der Archäolgie und der Biologie von Drachen. Kein Gekloppe um Throne, kein fieser Endgegner-Bösewicht, sondern Wissenschaft als Mittel zum Suspense. Das ist etwas, das muss man Marie Brennan erstmal nachmachen. Andererseits ist es halt eine Serie, also sind die Texte alle typähnlich.

Der Orkfresser — Christian von Aster: Keine Ahnung, wie dieser Roman zu seinem Titel gekommen ist. Es handelt sich durchaus um Phantastik, aber die Orks dienen als Aufhänger, nicht als Gegner. Einige ausführliche Gedanken dazu hatte ich schon. Die Nachtbibliothek ist jedenfalls ein Ort, den muss ich mal suchen gehen.

Und hier war ich Hebamme/Lektorin:

Die Schleier der Welt — R. A. Prum und S. C. Kreuer: Das geneigte Publikum trifft eine bisexuelle, mäßig erfolgreiche Privadetektivin, die eine verschwundene junge Frau sucht und dabei über ein gefährliches Geheimnis samt einiger Werwölfe stolpert.

Einen Rosengarten versprach ich nie — Diverse/Bundesamt für magische Wesen (Hrsg.): Hier habe ich „Stadt, Land, Jinn“ beigesteuert und mich ansonsten als Lektorin betätigt. Herausgekommen ist eine meiner Ansicht nach runde Mischung zum Thema „Liebe“. Leider reichte bei der einzigen lesbischen Einsendung die Qualität nicht.

 

Wohlbekömmlich?/Vorsätze

Falls noch wer was zum Lesen für zwischen den Jahren sucht: Christian von Aster hat da was geschrieben.

Nehmen wir den Erfolgsautor einer Fantasy-Reihe. Selbiger mit seinem eigenen Schaffen unzufriedener Autor legt sich auf der Buchpremiere mit einigen Orks an. Ein Foto der Prügelei landet in der Zeitung, und auf einmal reiht sich eine absurde Begebenheit an die andere. Dies führt zu Begegnungen mit Menschen, die auf den ersten Blick Stereotype sind und auf den zweiten eben Menschen. Und zwar solche, die sich noch daran erinnern, dass Geschichtenerzählen „zärtliches Lügen“ ist.

Dazwischen: Anspielungen auf großartige Literatur und archetypische Figuren. Anregungen, was mensch noch lesen könnte. Bösartige bis feinsinnig-nachsichtige, aber immer treffende Beobachtungen der Welt im Allgemeinen und des Buchmarkts im Besonderen. Und Batman, der vielleicht alles richten könnte, lässt auf sich warten.

Außerdem fand ich in „Der Orkfresser“ folgendes Zitat:

Laut lesend blättere ich weiter und merke, wie beängstigend gut dieses Buch funktioniert. Die Geschichte ist unterhaltsam, brennt sich ein, macht neugierig und gewinnt, kaum dass man zu lesen gewinnt, so schnell an Fahrt, dass man förmlich hineingesogen wird und ich mich wieder erinnere, warum sich diese Mischung aus Engel-SM, Zombieselbstfindung und ätherischer Wunderlanddystopie derart gut verkauft: weil sie in aller Überfülle an Motiven, Symbolen und Gleichnissen so sackdumm und leer ist, dass ein Leser am Ende dieses Buchs noch hungriger ist als am Anfang. Das ist es vermutlich, was ein erfolgreiches Buch dieser Tage schaffen muss …

So etwas macht schon mal nachdenklich.

Das erinnerte mich an einen Kommentar von einer guten Freundin über die Bis(s)-Reihe:

Das ist wie Serie gucken. Du weißt genau, dass es bescheuert ist, aber du kannst nicht aufhören.

Es gibt ja durchaus Texte, die sind ultraspannend, und darüber merkt mensch nicht, dass sie völlig hohl sind. Es sind Geschichten, die keinerlei Bedeutung zu haben scheinen oder keine Aussage über das menschliche Dasein treffen. Und trotzdem verkaufen sie sich wie geschnitten Brot und werden sogar verfilmt. (Hust, Illuminati, hust. Dabei sind Verschwörungstheorien so was von Hexenverfolgung und Nationalsozialismus.)

Es gibt Geschichten, die sauge ich auf und nehme mir darauf gleich die nächste vor. Es gibt auch Geschichten, die lese ich und brauche hinterher erst mal eine Pause, weil ich sie verdauen muss. Oder weil ich mir an die eigene Nase zu fassen habe.

Beides hat wohl seine Berechtigung, ja nachdem, was mensch von einer Geschichte erwartet. Einfach mal nicht da sein müssen? Erkenntnisse über sich selbst und das Leben? Beides gleichzeitig?

So etwas geht, der Herr von Aster hat es mir vorgemacht.

Nun mag ein Text für die eine Person flache, wenn auch gut gemachte Unterhaltung sein, für die andere hingegen eine tiefere Wahrheit enthalten, die sie die gleiche Geschichte lieben lässt. (Meine „Albenbrut“ scheint so ein Text zu sein.) Einige haben Trost-Geschichten, die sie zum x-ten Mal lesen, wenn’s grade draußen hart auf hart kommt. Individuen sind da sehr verschieden gestrickt. Glücklicherweise.

Trotzdem lässt „Der Orkfresser“ mich mit einem gewissen Ehrgeiz zurück, Geschichten zu verfassen, an denen Menschen ein bisschen was zu kauen haben, ohne dass es schwer im Magen liegt.

So weit also zu guten Vorsätzen. Egal, ob sich die Mitlesenden hier etwas für das Neue Jahr vornehmen wollen oder nicht: Ich wünsche geruhsame Tage und einen guten Rutsch nach 2019.

 

„Neoliberal“ für Dummies und Heid*innen

Auf der Buchmesse in Leipzig und der ComicCon umschlich ich unter anderem „Aussen – Asgard – Tag“ von Axel Hildebrand und nenne ein Printexemplar nun schon seit jener Con mein eigen.

Hier ist der Anfang des Klappentextes:

„Ordnung trifft Chaos – Beschützer der Menschen trifft Chaosbringer – Thor trifft Loki – zwei Götter, die unterschiedlicher nicht sein können.
Nicht selten sind die beiden, die durch die Blutsbruderschaft Lokis mit Odin von Amts wegen her Onkel und Neffe sind, vor den Toren von Asgard unter sich. Und dabei kommen sie ins Gespräch über dieses und jenes in Midgard und Asgard und werfen so manche philosophischen Fragen auf …“

Neben einigen Sachen, die nur lustig sind, fand ich auch den Neoliberalismus eloquent erklärt, nämlich im Kapitel „Yoga“. Ich zitiere mal ab Seite 175 unten:

THOR

Der große Vorteil ist auch noch: Weniger Verantwortung für uns.

LOKI

(interessiert) Ach …?

THOR

Ehrlich. Weil der Kern von dem Esoterik-Gesumse ist immer: Egal, was dir passiert … du hast es dir selbst so ausgesucht.

Das gilt aber derzeit nicht für Esoterik-Gesumse allein.

Neoliberalismus ist auch, wenn dir alle einreden, dass du dein Glück nicht nur schmieden, sondern es aus nichts machen kannst. Dass du dich nur genug anstrengen musst, weil logisch niemand auf den alterhergebrachten, gewohnten Privilegien sitzt und diese mit Zähnen und Klauen verteidigt.

Sie reden dir ein, dass jede Krankheit entsteht, weil du dich falsch ernährt hast oder die falsche mentale Einstellung zum Leben hattest. Und wenn du mit den zunehmend nervigen Arbeitsbedigungen allerorten Probleme hast, dann mach doch bitte in Achtsamkeit, statt die Arbeitsbedingungen zu kritisieren.

In den elf Jahren, seit ich das erste Mal in einer Apotheke gearbeitet habe, hat sich der bürokratische Zeitaufwand verdoppelt. Und das ist bestimmt nicht das einzige Arbeitsfeld, in dem es mehr um Controlling, Abrechnung und Formulare als um das geht, was mensch eigentlich gelernt hat. (Hallo, liebe Ärzt*innen, Pflegende, etc.) Nebenbei frisst die ach so gerühmte Flexibilität ihre Kinder und produziert Alterseinsamkeit und schlechte Pflege.

Aber wir sind alle nicht tiefenentspannt genug. Eindeutig.

 

Silvester/Gelesen 2017

Schon wieder ein Jahr rum. Falls irgendwer das heute noch liest: Übersteht die Nacht gut und fangt 2018 gut an. Mögen euch viele gute Geschichten und vielleicht auch ein bisschen Weisheit begegnen.

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Dieses Jahr habe ich notiert, was ich gelesen habe, das weder ein Sach- oder Fachtext noch Fanfiction war. (Letzteres hätte den Rahmen gesprengt.) Ich hätte mit weniger gerechnet, muss ich gestehen, aber so ist es im Schnitt alle zwei Wochen ein Roman.

Die Einteilung erfolgt nach der Wichtigkeit, die darin enthaltenen heterosexuellen Beziehungen zukommt. Ich bin sicher nicht die einzige nicht-heterosexuelle Person, die bitte gerne einfach mal in Ruhe lesen möchte, ohne dauernd die vermeintlichen Defizite vorgeführt zu bekommen.

Andere mögen auf der Suche nach ihnen fremden Stimmen, nach Neuem sein. Solche Suchende finden in allen Abteilungen Ideen.

Ob ich einen Text gut oder schlecht fand, ist davon völlig unabhängig, wie das geneigte Publikum gleich feststellen kann.

Eher heterolastig:

Elfendiener von Julia Fränkle – erotiklastige Romantasy. Die Romanze ist für mich unglaubwürdig, da es sich bei der Heldin um eine meine Nerven tötende Mary-Sue handelt. Weltenbau aber interessant.

Das tote Herz von Rainer Würth – Schnell und spannend erzählter Psychothriller, aber im Nachgeschmack irgendwie schal: „Organspende ist böse“, oder so.

Tod in Alepochori – Claudia Konrad – deutsch-griechischer Krimi, schnell und spannend, leider ohne richtige Auflösung.

Der blaue Himmel – Galsan Tschinag. Trotz/wegen seiner Abschweifungen hochinteressante und spannende Erzählung über einen Nomadenjungen in der Mongolei und dessen Hund. Endet leider etwas abrupt.

Die Rückkehr – Galsan Tschinag. Autobiographischer Roman, wieder voller interessanter Abschweifungen, schöne Sprache und diesmal auch mit richtigem Ende.

Träume aus Feuer – Maja Winter. Rache und Intrigen von nibelungemhaften Ausmaßen treffen auf einen hochinteressanten Weltenbau.

Zarin Saltan – Katherina Ushachov. Eine mir etwas zu kurz geratene, feministische Nacherzählung des russischen Märchens „Zar Saltan“. Die Bösewichtinnen könnten eine überzeugendere Motivation brauchen, ansonsten gut zu lesen.

Kriegsklingen – Joe Abercrombie. Eine Ansammlung von Ekelpaketen und Hoffnungslosen. Nicht, dass ich was gegen miese Charaktere hätte, aber diese Kerle fesseln meine Aufmerksamkeit nur bedingt. Nach 30% aufgegeben, weil mir ihr weiteres Schicksal völlig gleichgültig ist.

Henkersmarie – Astrid Fritz. Historischer Roman über eine Henkersfamilie um 1540. Das Endefinde ich ein wenig zuckrig, dafür gibt es hochinteressante Einblicke ins Leben und Denken der frühen Neuzeit.

Nicht so heterolastig:

Lippen abwischen und lächeln – Max Goldt – sporadisch zu lesende, sehr erfreuliche und genau beobachtete Miniaturen.

Nachtschatten: unantastbar – Juliane Seidel. Siehe Rezi. Insgesamt ein Lehrstück darüber, dass mensch keine Romanze einfügen sollte, wenn mensch sich damit unwohl fühlt.

Cynthia Silbersporn – Hexengeschichten für Erwachsense – Fred Keller. Nette Ideen, aber leider haben mir die Figuren zu wenig echte Schwierigkeiten.

The Three Body Problem (auch deutsch „Die Drei Sonnen“) – Liu Cixin – äußerst interessante und hochspannende Variation über „Was, wenn wir nicht allein sind?“, kann aber sein, dass diese chinesische Betrachtung der Menschheit manchen nicht schmeckt.

Existenz – David Brin. Fetter Science-Fiction-Wälzer. Extrem interessante und spannende Meditation darüber, was intelligentes/menschliches Leben ist. Nebenbei spinnt es sowohl den Klimawandel als auch das Internet gekonnt weiter.

The Stone Sky – N.K. Jemisin. Dritter Band der „Broken Earth“-Trilogie. Noch eine Ansammlung von Menschen, die selten nett zueiander sind, sich überwinden müssen, trotzdem mit Mitgefühl zu handeln, aber neben dem Weltenbau zum Niederknien weiß die Geschichte um Essun und ihre verlorene Tochter bis zum Ende Echos zu erzeugen und zu fesseln. Absolute Leseempfehlung, wie für alles von dieser Autorin.

Die Ersatzmuse – Fred Keller. (Der ortsnahe und mir liebe Kollege kauft auch alle meine Texte.) Der Autor schreibt sich noch warm, hat aber im Vergleich zu Cynthia oben schon einiges dazugelernt. Insgesamt geht’s in dieser Sammlung von Kurzgeschichten weniger um Spannung als um Feel-Good-Atmosphäre, was gut funktioniert.

Wodans Fluch – Stephan Grundy.  Historische Fantasy/Nibelungenauskopplung über die Blutsbrüderschaft zwischen Hagan (also Hagen von Tronje) und dem fränkischen Prinzen Walthari. Schöne Sprache, überzeugende Recherche zur Spätantike und den Hunnen. Da es im Grunde ein Fanfic ist, verzeihe ich das zum Ende hin holprige Pacing und weiß die nicht gelöste sexuelle Spannung (=UST) zu schätzen.

A Darker Shade of Magic – V.E. Schwab. (Auch deutsch als „Die vier Farben der Magie“). Atemberaubendes Abenteuer zwischen vier Varianten von London (einmal viktorianisch, die anderen sehr anders), das durch Tempo, genaue Beobachtung und originellen Weltenbau besticht.

A Gathering of Shadows (Shades af Magic 2) – V.E. Schwab. Hier merkt eine dann, dass sich die Serie an „Young Adults“ wendet, also Menschen, die gerade erwachsen werden. Ich wollte dementsprechend die komplette Truppe manchmal schütteln, was aber der Unterhaltsamkeit und Spannung keinen Abbruch tat. Fieser Cliffhanger, weshalb ich gleich dranhängte:

A Conjuring of Light (Shades of Magic 3) – V.E. Schwab. Und wir stürzen nach dem Cliffhanger in wörtlich zu nehmende Dunkelheit. Nur zu zwei Dritteln geschafft, bevor dieses Posting zu erledigen war.

Eher verqueer:

Aneiryn von Jona Dreyer – schwule historische Fantasy. Ich kann mit den Figuren nicht genug anfangen, um die Serie weiterlesen zu wollen, qualitativ ist der Text aber völlig in Ordnung. Die Autorin umschifft elegant alle Fallen, die das Arrangierte-Heirat-Trope so mit sich bringt.

Blank Spaces von Cass Lennox – Ein nettes englischsprachiges Häppchen, ace/gay romance, fühlt sich sehr wahr an.

Der Fluch der Herzkönigin – Serena C. Evans – Eine lesbische Variation über Alice im Wunderland. Herzig und originell.

Meine Mutter, sein Exmann und ich – T.A. Wegberg – Ein mir leider etwas zu kurz geratenes Jugendbuch zum Thema „mein einer Elternteil ist trans*. Hilfe!“

Die Akte Daniel – She S. Rutan & Neko Hoshina – Habe ich nicht beendet, denn weder die Figuren noch die unterliegende Weltverschwörung sprechen mich an.

Eine Ahnung von Pan – Jobst Mahrenholz – seufz. Gay Contemporary/Romance. Zarte, zögerliche Annäherung von zwei Männern mit vielen Ecken und Kanten.

Anderswelt – Berlingtons Geisterjäger 1 – Amalia Zeichnerin. Sympathisches Ensemble in einer interessanten steampunkig-fantastischen Welt. Die Autorin schreibt sich offensichtlich noch warm, weshalb weder Stil noch Zeichensetzung durch besondere Eleganz bestechen.

Distanzen und Romanzen

Dies ist eine etwas umständliche und ausschweifende Betrachtung über Juliane Seidels „Nachtschatten: unantastbar“, auf das ich durch einen Buchtausch gekommen bin.

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Marcus Johanus meint, dass eine romantische Liebesgeschichte jeden Plot besser macht, und in einem hat er recht: Menschen machen sich selten so angreifbar in ihren Wünschen, Hoffnungen und Unsicherheiten wie in einer romantisch-sexuellen Paarbeziehung.

Das funktioniert natürlich nur, wenn die Leser*innen diese Unsicherheiten auch spüren können, sonst bleibt es bei einer Behauptung. Ich, in deren Kopf Sex und Romanze weitgehend getrennt voneinander funktionieren, bin wahrscheinlich noch einmal schwerer zu überzeugen als andere.

Außerdem reagiere ich ziemlich empfindlich auf die allgegenwärtige Verwechslung von Liebe und Begehren. Wenn ich Liebesschwüre als reines Resultat von Hormonen wahrnehme, habe ich meistens wenig Geduld für das betreffende Paar.

Damit stecke ich in der Bewertung mancher Bücher in einer Zwickmühle, so auch bei Juliane Seidels Roman.

Worum geht’s?

Lily kann die Schutzengel aller Menschen und Wesen sehen, mit ihnen kommunizieren und mit ihrem Schutzengel, Adrian, die Plätze tauschen. Im Auftrag des „Rates“ betätigt sie sich daher unter Anleitung ihrer Patentante Alina als Jägerin von Wesen (Vampire und Werwölfen beispielsweise), die den Frieden zwischen den verschiedenen Völkern stören oder den völlig ahnunglosen unmagischen Menschen etwas von den übersinnlichen Dingen verraten könnten.

Nachdem Lily einen Neuling beim Rat trifft, den geheimnisvollen Magier Silas, scheinen alle plötzlich Geheimnisse vor ihr zu haben – oder besser: noch mehr Geheimnisse als sonst. Zwischen Mordkomplotten und fiesen Oberzauberern entspinnt sich eine Romanze zwischen Lily und Silas.

Wieso glaube ich die Romanze nicht?

Ich fühlte mich ein wenig an die Welt von Buffy erinnert, ohne dass Juliane Seidel bei Joss Whedons Serie abgeschrieben hätte: Sehr angenehm. Allerdings bin ich Team Spike, nicht Team Angel, und Silas mit seiner brütenden Aura und den braunen Haaren erinnert an Angel …

Unsinn.

Vor allem krankt die Liebesgeschichte für mich ein wenig an Überstürztheit. Das hat mit meinen eigenen Hang-ups von oben zu tun (Hormone!), aber auch mit der Wahl von Stil und Erzählperspektive, denn eigentlich haben Silas und Lily viel Zeit, nämlich zweihundert Seiten, um sich näher zu kommen.

Um mal zwei Beispiele zu zitieren, was ich mit Stil meine:

„Im fahlen Licht des Mondes leuchteten seine verlängerten Eckzähne weiß auf, verliehen seinem Gesicht eine gefährliche Attraktivität, die Lily sowohl ängstigte als auch faszinierte.“

„Sein jugendliches Gesicht war hübsch, aber ausgemergelt …“

Hier treffen wir auf Wertungen, beziehungsweise bekommen wir erzählt statt gezeigt. Das ist nicht verboten, aber in manchen Fällen unpraktisch, da so etwas eine recht große Distanz zwischen Figur und Leser*in schafft. Und mit einer solchen Distanz ist es schwierig, das verletzliche „Umf“-Moment einer Romanze einzufangen. Ich jedenfalls habe diesbezüglich keinen entsprechenden emotionalen Schlag in die Magengrube verpasst bekommen. Wir werden sehen, ob sich das im zweiten Band ändert.

Und sonst?

Außer einer für mich etwas missglückten Romanze bekommen wir auch: Einen verliebten schwulen Schutzengel – und das dürfte es nicht geben. Lesbische Werwölfinnen. Eine Heldin, die außen etwas schluffig und innen zu neugierig ist. Eine angenehme Beiläufigkeit, was zahlreiche Nicht-Hetero-Paarungen angeht. Ein origineller Weltenbau mit einem mir bis dato nicht bekannten Konzept von den Ursprüngen der Magie. Eine spannende Story, deren Ende ich unbedingt kennen möchte.

Insofern bereue ich meinen Ausflug in die Young Adult Urban Fantasy auf keinem Meter und verlinke hiermit zur PDF-Leseprobe.

Gelesen: 5 + 1 Buch(serien) 2014

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Bei Geteiltes Blut gab es ein Fazit über Lieblingsbücher 2014. Das ist eine gute Idee, die ich aufgegriffen hätte, wenn ich mir gemerkt hätte, welches Buch ich wann gelesen habe. Bei den Downloads wäre es noch nachzuvollziehen, aber manche gedruckten Werke lagen kurzzeitig auf meinem Stapel ungelesener Bücher, weshalb ich keine Ahnung mehr habe, in welchen Monat ein Text fällt.

Außerdem von Nachteil: Nicht in jedem Monat stieß ich auf ein potentielles Lieblingsbuch, dafür war beispielsweise der Juni extrem ergiebig.

Um ein bisschen Ordnung ins Chaos zu bringen, habe ich mir aus der Welt der Fanfiction das „5 plus 1“ Konzept geliehen. Dabei handelt es sich in der Regel um nicht all zu lange Texte, die beispielsweise folgendes behandeln: Fünfmal, als Person X die Person Y gerettet hat, und einmal, als Y X rettete. Fünfmal, dass Z einen Heiratsantrag machte, und einmal, als Z einen Antrag bekam. Etc. pp.

Bei Büchern wäre das in meinem Falle: Fünf erzählende Texte und ein Sachtext, die ich zum Niederknien gut finde. Wie gehabt, betrachte ich die Texte aus zwei Winkeln: Erstens queer/feministisch, und zweitens als Fantasyautorin.

1

Richard Morgan: A Land Fit For Heroes – Trilogie, bestehend aus: „The Steel Remains„, „The Cold Commands„, „The Dark Defiles

Auf Deutsch: „Glühender Stahl„, „Das kalte Schwert„, dritter Band noch nicht übersetzt.

Über die ersten beiden Bände dieser Buchserie habe ich mich anderswo bereits enthusiastisch ausgelassen. Die drei reichlich desillusionierten Held*innen, die es mit einer übernatürlichen Bedrohung aufnehmen müssen, sind mir sehr ans Herz gewachsen. Genau aus diesem Grunde ist Teil Drei mit Vorsicht zu genießen. Wer sich in der Vorstellung eines Happy Ends ergehen möchte, mache nach Band 2 Schluss.

Für Feminist*innen: Leichte Männerübermacht, dafür angenehm nicht-eurozentrischer Weltenbau. Gute Beobachtungen, was Macht(dynamiken) angeht, und explizit queere Figuren.

Für Autor*innen: Morgan mag Rückblenden. Die funktionieren zu etwa fünfzig Prozent, aus den anderen fünfzig Prozent kann eins lernen, wie eins es nicht machen sollte und wann es zu viel ist. Was vor allem in den ersten beiden Bänden einen Tipp an den Hut verdient: Wie Morgan die Hintergrundinfos häppchenweise verteilt.

2

N. K. Jemisin: The Dreamblood Duology, bestehend aus „The Killing Moon“, „The Shadowed Sun“

Auf Deutsch: Nicht erhältlich.

In Gujaareh stammt alle Magie aus Träumen. Mächtigster Traumsaft ist das Traumblut (daher der Titel der Duologie). Meistens stammt das Traumblut von Spendern, die friedvoll ins Jenseits finden wollen, aber manchmal, wenn der Frieden in Gefahr ist, werden die Sammler ausgeschickt, um die Bedrohung zu eliminieren. Bei einer solchen Mission kommt der Sammler Ehiru einer Verschwörung auf die Schliche, an der auch jemand im Palast beteiligt scheint …

Für Feminist*innen: Ein Weltenbau, der ohne die Konzepte Hetero- und Homosexualität auskommt, daher ist ein junger Mann, der Männer bevorzugt, nur vorsichtig als queer einzustufen. Im zweiten Teil schafft es die weibliche Hauptfigur, stark zu sein, ohne dabei klassiche Männlichkeitsideale zu bestätigen.

Für Autor*innen: Ein Setting, das sich am alten Ägypten orientiert und ein Magiekonzept trifft, das auf C. G. Jungs kollektivem Unterbewussten basiert: Schauen Sie einer Meisterin des Weltenbaus bei der Arbeit zu.

3

G. Willow Wilson: Alif the Unseen

Auf deutsch: Nicht erhältlich.

Dem Hacker Alif ist die Obrigkeit des Emirats auf der Spur, und seine Liebste Intisar hat ihn zugunsten einer politisch opportunen Verlobung abserviert. Als Intisar Alif ein geheimnisvolles Buch zuspielt, ist der Geheimdienst auch offline hinter Alif her. Alif und eine Bekannte, die unfreiwillig in die Geschehnisse verwickelt wird, müssen herausfinden, was es mit den „Geschichten aus Tausend und einem Tag“ auf sich hat …

Für Feminist*innen: Fast jede wichtige männliche Rolle hat ein weibliches Gegenstück, wobei eine weibliche Figur nur als „die Konvertitin“ bezeichnet wird. Dank des Settings in einem namenlos bleibenden Emirat sehr unqueer – die männlichen Figuren beschimpfen sich gegenseitig bevorzugt als schwul. Interessante Einsichten ins moderne Arabien von einer Autorin, die dort gelebt hat.

Für Autor*innen: Eine Fantasygeschichte, die einen einzigen personalen Erzähler hat und damit auskommt, obwohl der Plot an Komplexität nichts vermissen lässt. Außerdem der Beweis, dass arabische Djinn und Elektronik sich nicht gegenseitig ausschließen müssen.

4

Carolin Emcke: Wie wir begehren

Autobiographische Notizen einer Reporterin, die Frauen liebt. Ausgehend von Schuldgefühlen über den Freitod eines vermutlich schwulen Bekannten aus ihrer Jugendzeit zeichnet sie ihren Weg von ihrer Kinderzeit über ihr Outing bis heute nach.

Für Feminist*innen: Emckes Begehren entzieht sich jedem Versuch, fremddefiniert zu werden, und befindet sich außerhalb bekannter Schubladen. Anekdotisch beweist sie, wie heteronormativ unsere Gesellschaft ist, und wie hilflos viele Leute reagieren, wenn sie auf Menschen außerhalb sauberer Kategorien treffen. Ein Text, von dem ich mir gewünscht hätte, dass er an manchen Stellen noch ein bisschen tiefer gräbt.

Für Autor*innen: „Wie wir begehren“ beweist, wie wichtig es ist, genau zu beobachten.

5

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

Auf deutsch: „Americanah“

Ifemelu und Obinze treffen sich im Lagos der Neunziger, und führen eine beinahe perfekte Beziehung, bis Ifemelu ein Stipendium für eine amerikanische Universität erhält und ihren Liebsten in Nigeria zurücklassen muss …

Für Feminist*innen: Wertvolle Einsichten in die amerikanische Seele und westlichen Rassismus von einer nicht-amerikanischen Autorin.

Für Autor*innen: Schauen Sie einer Meisterin der Rückblende bei der Arbeit zu. Außerdem ist Adichie eine gestochen scharfe Beobachterin, die ehrlich ist, ohne viel zu urteilen. (Nicht zu urteilen ist ein Ding der Unmöglichkeit.)

+ 1

Hanne Blank: Straight

Auf deutsch: Nicht erhältlich.

Eine Untersuchung, wie das Konzept „Heterosexualität“ in die Welt kam, und was es anrichtete. Der Beweis, dass die häufig unumstößlich wirkende Einteilung der Menschheit in zwei anscheinend klare Kategorien gar nicht so alt ist, und wie viel Macht über unser Denken Konstrukte wie die sexuelle Orientierung entwickeln.

Gelesen: The Steel Remains und The Cold Commands, von Richard Morgan

Auf Jery’s Empfehlung hin hatte ich mir also zunächst ein Buch gekauft, nachdem ich die Leseprobe verschlungen hatte. Und, als der Text nicht für den Urlaub reichte, da genauso inhaliert, gleich noch ein zweites. Und ich habe Meinungen dazu.

(Das heißt jetzt nicht, dass das hier zu einem Buchblog wird, und es ist keine Einladung, mich um Rezis zu bitten. Empfehlungen werden aber gerne genommen, vielleicht schreibe ich sogar darüber.)

Richard Morgans „The Steel Remains“ (Deutsch: „Glühender Stahl“) ist der erste Teil der „A Land Fit For Heroes“-Trilogie.  Teil Zwei, „The Cold Commands“, ist 2011 erschienen. (Deutsch: „Das kalte Schwert“). Teil Drei ist für Anfang Oktober angesagt.

Der deutsche Klappentext von „Glühender Stahl“ taugt meines Erachtens nichts und liefert vage falsche Informationen, ein tödlicher Cocktail, also versuche ich mich mal dran:

Worum geht’s?

Ringil Eskiath, Held der Schlacht von Gallow’s Gap, zehrt seit zehn Jahren eher schlecht als recht von dem Ruhm, den er damals erworben hat. Als seine Mutter auftaucht, und ihn bittet, nach einer Verwandten zu suchen, die wegen Schulden in die Sklaverei verkauft wurde, scheint das zunächst eine willkommene Unterbrechung der Monotonie. Unabhängig davon müssen sich seine ehemaligen Weggefährt*innen Egar Dragonbane und Archeth Indamaninarmal mit übernatürlichen Einmischungen herumschlagen. Bald erkennen die drei, dass einige Legenden nicht vorhaben, im Reich der Geschichten zu verweilen …

Meines Erachtens nötige Warnungen: Recht hoher Ekelfaktor aufgrund von sehr expliziten Gewaltdarstellungen: Blut, Schleim und die häufig vernachlässigten Verdauungsendprodukte. Nichts für Menschen, die nicht drei Mal pro Seite „fuck“ lesen wollen. Nichts für Leute, die die entsprechende Tätigkeit lieber nur in Andeutungen vorgeführt bekommen.

Damit das hier nicht irgendeine beliebige Rezension wird, werde ich mich auf zwei Blickwinkel beschränken.

 

Was sagt die queere Bloggerin?

Ringil Eskiaths Gefühle rangieren meistens irgendwo zwischen wehmütig, milde angepisst und stinkwütend. Und, ach ja, er ist schwul, in einer dezidiert homophoben Umgebung. Anstatt sich in die Ecke zu stellen und sich was zu schämen, hat er beschlossen, sich nicht mehr zu entschuldigen. Ich kann diesen Typen so gut verstehen. Hingegen ist Archeth ist eine Halbmenschin, die Frauen bevorzugt.

Es gibt ein Minimum von drei Sprachen, einen gewonnenen Krieg gegen intelligente Echsenwesen/Drachen, und zwei Sorten übernatürliche humanoide Lebensformen. Die Dwenda scheinen von den keltischen Faerie inspiriert und sind genauso freundlich (also, gar nicht). Die „Sky Dwellers“ werden von den Menschen jener Welt als Götter verehrt. Am ehesten erinnern mich die Beschreibungen jenes Götterhimmels an das, was ich vom Voodoo weiß. Welche Ziele dieser Haufen verfolgt, ist immer noch ein sorgsam verborgenes Rätsel.

Insofern: volle Diversitäts-Punktezahl.

Der Autor hat seine Hausaufgaben gemacht in Punkto Religion, Kriegsfolgen, Sklaverei, Misogynie, Homophobie und allerlei Dingen mehr. Das heißt nicht, dass die Leute dort netter miteinander umgehen als sonstwo, sondern, dass die Zusammenhänge kommentiert werden. Und nicht plötzlich irgendwie sexy sind.

Die Anzahl der von anderen Leser*innen und meinerseits markierten Zitate (k.A. ob das mit E-Pub geht) ist im ersten Band demnach relativ hoch. Und entsprechend düster ist der Weltentwurf, ohne jedoch den Glauben an bessere Zeiten zu verlieren, was ein unglaublich schwieriger Spagat angesichts all dieser desillusionierten, verbitterten Figuren ist, die jede*r irgendwann ihre Ideale verraten haben.

 

Was sagt die Schrifstellerin/verhinderte Lektorin?

Beinahe volle Punktzahl für das Worldbuildung. Die reichlich sumpfige Geographie ist kein Mimikry eines mir bekannten Kontinents, und der beschriebene Planet hat ein „Band“, also einen Ring, wie unser Saturn. Die beschriebenen nicht-menschlichen Rassen haben nur entfernt Ähnlichkeit mit dem, was mir in der High Fantasy sonst so begegnet ist. Minuspunkte für die Verwendung von Wörtern, die aus der Bibel stammen, und die diese Figuren nicht kennen können (sollten), und für ein Technologielevel, das mich unter anderem wundern lässt, wo das Schwarzpulver ist, und wie die Wasserversorgung und -entsorgung in den Städten funktioniert. Der Buchdruck scheint ebenfalls noch nicht erfunden. Irgendwie fluktuiert das alles zwischen Hochmittelalter und einer beinahe steam-punkigen, und damit viktorianischen, Atmosphäre.

Manchen Leser*innen ist im ersten Band vermutlich nicht genügend erklärt. Morgan wirft eine*n ins kalte Wasser, und wer untergeht, hat Pech gehabt.

Ansonsten gibt es ein bisschen Handwerkliches zu bemängeln. Offiziell wechselt die Perspektive nur jedes Kapitel – und manchmal unangekündigt im Kapitel – was aber auch dem E-Format geschuldet sein kann, das vielleicht einige Leerzeilen und Sternchen gefressen hat. Ich glaube, ich weiß, warum ich xxx mache.

Gelegentlich muss ich am Kapitelanfang zwei Sätze lesen, um zu wissen, in wessem Kopf ich bin, da würde ein „Ringil“ statt „er“ nicht unbedingt schaden, zumal die Ausdrucksweisen der drei wichtigsten Perspektivfiguren sich recht ähnlich, wenn auch nicht völlig identisch, sind.

Morgan ist, trotz seiner Vorliebe für Vier-Wort-Flüche, wortreich in mehreren Aspekten. Er ermüdet zwar nicht mit sich wiederholenden Erklärungen (deren sind es eben eher zu wenig), aber muss ich in einem Kampf wirklich wissen, wie jeder der zwölf Gegner gestorben ist? Wahrscheinlich ließe sich nicht nur die Anzahl der Adverbien und Adjektive kürzen.

Andererseits: Ich musste tatsächlich ein Wort nachschlagen, was mir sonst beim Lesen englischer Texte nicht sehr häufig passiert. Meistens lässt sich so etwas ja aus dem Kontext erschließen, „lugubrious“ allerdings war mir als Adjektiv und auch sonst völlig neu.

Außerdem: Rückblenden mitten in (Action-)Szenen, im ersten Band vor allem für Ringil. Großes No-No in jedem Schreibratgeber. Aus einem Grund, den ich der Poesie jener Rückblenden zuschreibe, funktioniert das im ersten Band für mich. Andere Leute würden vermutlich die Augen verdrehen. Was ich dann auch in Band zwei getan habe, wo die Rückblicke doch unmotivierter erscheinen, und noch nicht einmal dazu dienen, Spannung zu erzeugen.

Um jetzt hier zu beweisen, warum ich für Teil Eins fünf von fünf Sternen vergeben würde, und für Teil Zwei vier …

 

Beispiele gefällig?

Die ersten Sätze überhaupt:

„When a man you know to be of sound mind tells you his recently deceased mother has just tried to climb in his bedroom window and eat him, you only have two basic options. You can smell his breath, take his pulse and check his pupils to see if he’s ingested anything nasty, or you can believe him.“

Wenn ein Mann, von dem du weißt, dass er vernünftig ist, dir erzählt, dass seine kürzlich verstorbene Mutter gerade versucht hat, in sein Schlafzimmer zu klettern und ihn zu fressen, hast du nur zwei Möglichkeiten. Du kannst an seinen Atem riechen, seinen Puls fühlen, und seine Pupillen untersuchen, um festzustellen, ob er etwas Schädliches zu sich genommen hat, oder du kannst ihm glauben. (Eigene Übersetzung.)

 

Und dann noch, aber ohne Übersetzung: „The Steel Remains“, Auf 52 %, Kapitel 19

… [Ringil] felt the accustomed kiss of the grip on his palms, felt the grin on his face turn into a snarl.

Cold chime as the scabbard gave up its embrace.

And the Ravensfriend came out.

You want to know how it ends, Gil? Grashgal, cryptic and rambling and more than a little drunk one evening at An-Moral, holding out the newly-forged Ravensfriend in scarred black hands and squinting critically down the runnel. Fireglow from the big room’s hearth seemed to drip off the molten edges of the steel. (…) I’ve seen how it ends. Someday, in a city where people rise through the air with no more effort than it takes to breathe, where they give their blood to strangers as a gift, instead of stealing it with edged iron and rage the way we do, someday, in a place like that, this motherfucker is going to hang up behind glass for small children to stare at. (…) they put their noses up so close to that glass their breath fogs it, and you can see the small, slow-fading prints of their hands in the condensation after they’ve run off to look at something else. And it doesn’t mean a thing to them.

(…)

That’s how it ends, Gil. With no one to remember, or care, or understand what this thing could do when you set it free.

Ringil met the first of Hale’s men in a blur of eager motoion and the blue sweeping arc of the blade. …