Vom Ende der Revolution. Oder so.

Les Fouetteuses Révolution française

Während ich meiner Frau Mama das Missy Magazine ausleihe, erhalte ich von ihr in regelmäßigen Abständen den Focus, meist zwei bis vier Wochen nach dessen Erscheinungsdatum.

Die Focus-Redaktion hat’s nicht so mit dem Feminismus. Und so enthielt die Ausgabe 51/2017 eine Klage, die einen Abgesang auf die Freiheit der Kunst darstellt: Feministisch motivierte Proteste gegen eine Ausstellung und ein Gedicht auf einer Hauswand werden als Beispiele herangezogen, dass heutzutage persönliche Befindlichkeiten bevorzugt würden gegenüber der Freiheit von Kunstschaffenden, die Gesellschaft zu provozieren.

Und dann zieht der Autor noch das Awareness-Team bei der Besetzung der Berliner Volksbühne als Beispiel heran. Die von den Protestierenden geforderte Freiheit der Kunst und die Sorge um die schwächeren Mitglieder ihrer Gruppe schlössen sich gegenseitig aus. (Zu Sinn und Unsinn der Besetzung selbst habe ich keine Meinung, da ich darüber nicht gut genug informiert bin.)

Er trauert zudem den damals nicht kritisierten Brüsten von Uschi Obermaier nach (es sind hübsche Brüste, ja) und lobte ein Happening, in dem noch so richtig provoziert wurde, wo also Künstler öffentlich onanierten und im Hörsaal ihre Notdurft auf einer Nationalflagge verrichteten.

Zwischendrin beklagt der Autor, dass ältere Quellen mit heutigen Maßstäben beurteilt und daraufhin verworfen würden. Da fragen eben Feministinnen: Wie viel taugt beispielsweise eine philosophische Betrachtung, wenn sie auf dem Mist eines Mannes gewachsen ist, der gleichzeitig rassistische Positionen vertreten hat?

Der Text über die künstlerische Freiheit enthält einige gute Fragen, aber ich habe den Eindruck, dass da auf einer fundamentalen Ebene aneinander vorbeidebattiert wird. Der Text ist außerdem von einem weißen Mann mittleren Alters verfasst, also von einem Menschen, wie sie häufig in Talkshows als Meinungshaber eingeladen werden, was mich irgendwie nicht erstaunt. (Über die gesamte Person möchte ich bitten, nicht den Stab zu brechen, denn eine Pauschalverurteilung hat niemand verdient.)

Mittlerweile finden wir entblößte Brüste auf vielen Theaterbühnen (ihr Sinn erschließt sich mir nicht immer) und in ausreichend Bildmaterial, und wir brauchen für sichtbar verrichtete Notdurft keine Happenings mehr, denn es gilt Regel 34: Es gibt Porno davon im Internet.

Videos und Schriften beispielsweise zum Thema „watersports“ sollten sich demnach ausreichend finden lassen. Die Schriftstücke werden wahrscheinlich zu einem großen Teil von Frauen verfasste Fanfiction sein und auch von Frauen konsumiert werden. (Ja, gell. Und wenn ihr wissen wollt, wie Pornos für Frauen aussehen sollen, lest mehr Fanfiction.)

Ich sehe daher keinen weiteren Grund, unschuldige Hörsäle damit zu behelligen. Ich frage mich außerdem: Wer hat die Scheiße anno 1968 weggeputzt? Die Künstler oder eine unterbezahlte Reinigungskraft?

Abgesehen von diesem Exkurs über die Lebensrealitäten computeraffiner Englischkönnerinnen erkenne ich zwar, welche Phänomene der Verfasser bedenklich findet, halte es aber für voreilig, das Ende der Freiheit auszurufen.

Ich glaube nicht, dass ich ein Geheimnis verrate, wenn ich feststelle:

Wir suchen hier gerade nach neuen Umgangsformen, nach gerechter Einteilung der Redezeit, nach Ausdrucksweisen, die ohne die Herabsetzung anderer auskommen. Wir suchen nach Kunst, die marginalisierte Gruppen weder instrumentalisiert noch entwertet.

Das beinhaltet aber auch, dass manchmal wer die Klappe halten muss, der (meistens der, seltener die) vorher überall um eine Meinung gebeten und entsprechend hofiert wurde. Das bedeutet eine Machtverschiebung, mithin ist da eine Revolution in vollem Gange. Bloß halt nicht die 68er-Revolution.

Wir suchen nach Räumen, in denen alle sein können und müssen feststellen, dass das nicht immer funktioniert, weil verschiedene Menschen verschiedene Ansprüche an Sicherheit haben.

Wir müssen uns damit herumschlagen, dass Menschen mit klugen Ideen trotzdem im Denken ihrer Zeit verhaftet waren bzw. sind, auch wir. Wir wissen aber auch, dass es nicht immer einfach ist, sich zum Zwecke der Bildung durch Konvolute zu quälen, die Salz in die Fleischwunde reiben.

Wir bekommen das mit der Suche nach sicheren Räumen und neuen Umgangsformen nicht reibungslos hin. Uns fällt es manchmal unerhört schwer, mit der Tatsache umzugehen, dass es keine absolut sicheren Räume geben kann.

Wir fetzen uns über Dinge, die von außen lächerlich anmuten, und ums Rechthaben oder Bessere-Feministin-Sein. Wir fallen wegen gefühlter oder echter Kleinigkeiten übereinander her und machen uns gegenseitig das Leben zur Hölle, statt konstruktiv zu diskutieren.  Manchmal gerät ein Streit so sehr außer Kontrolle, dass interessante Stimmen das Handtuch werfen und keinen Bock mehr haben.

Zu viele von uns bekommen schon beim Wort „Evolution“ einen Ausschlag, weil sie nur wissen, wie der Begriff gegen sie verwendet wurde. (Das heißt, dass der Biologieunterricht seine Aufgabe nur bedingt erfüllt.)

Wir sehen manchmal Herabsetzungen, wo vielleicht keine sind (manchmal wegen der Fleischwunden) und schießen mit unserer Kritik über das Ziel hinaus.

Hier wie überall gibt es innerhalb der Gruppe Machtkämpfe. Das Internet macht die Sache nicht leichter, denn es verführt dazu, einen zivilen Umgangston außen vor zu lassen. Zusammenrotten und immer feste druff ist online zu einfach, und zu schnell wird aus einer Kritik an einer Äußerung eine oben genannte Pauschalverurteilung. (Und wir sind nach mindestens fünfzehn Jahren Shitstorms und Cyberstalking immer noch nicht weiter mit einer echten Netiquette. Evolution?)

Trotz dieser regelmäßigen Querelen will ich die Erkenntnisse der mitgelesenen und mitgeführten Diskussionen nicht missen, so als Kunstschaffende.

An jeder Ecke stoße ich auf Fragen, auch in der verlinkten Klage um die Freiheit der Kunst.

Was ist Provokation?

Muss Kunst provozieren? Jahrhundertelang war es doch eher ihre Aufgabe, diejenigen zu loben, die für sie bezahlten.

Und wenn Kunst denn provozieren muss, wen muss sie provozieren?

Muss Kunst gruppenbezogen provozieren, also „das Bürgertum“, das „Establishment“, „die Frauen“, die Weißichwas?

Wer ist das Establishment anno 2018?

Wie kann Kunst stattdessen Menschen mit gewissen Denkweisen und Vorstellungen provozieren?

Wie sinnvoll ist es, marginalisierte Gruppen zu provozieren, die sowieso jeden Tag einen Spießrutenlauf hinlegen müssen? Und von deren Schwierigkeiten ich als Mehrheitsmensch keine Ahnung habe?

(Wieso ist es einfacher, über vegan lebende Menschen Witze zu reißen als über solche, die ihr täglich Fleisch aus Massentierhaltung für ein gottgegebenes Recht halten?)

Wenn eine Missy-Autorin einen Mösenmonat ausruft, wieso ist der okay? Wenn dafür aber nackte Brüste in satirischen Kontexten kritisiert werden?

Wann kommt es nicht nur auf das Ob an, sondern auch auf das Wie?

Will ich wirklich wieder einen feminin wirkenden Schurken schreiben (hab schon einen, der muss reichen) oder noch einen bösen, muslimischen Ehemann, der hinter einem Cover mit verschleierter Frau lauert?

Merke ich, wie ich in meinen Denkmustern und Wahrnehmungsverzerrungen verhaftet bin?

Will ich ewig diese gleichen Muster reproduzieren? Oder will ich lieber mit meinen Leser*innen neue Pfade beschreiten? So ganz im Sinne der Spekulativen Fiktion?

Und (wie) funktioniert das?

Fragen über Fragen.

Wie gut, dass ich als Romanautorin meinen Job auch darin sehe, meine Fragen unterhaltsam zu stellen. Antworten mögen, wie in der Philosophie, alle für sich selbst finden.

(Pingback.)