Neues zum Lesen: Like a Rainbow Dream

Gestern offiziell erschienen ist eine Benefiz-Anthologie, an der ich mich beteiligen durfte. Zunächst als E-Buch, Print folgt.

„Like A Rainbow Dream“ ist dabei schon etwas Besonderes, wie alles, was Juliane Seidel vom Blog „Like a Dream“ bislang zusammengestellt hat. Die Idee diesmal klingt ganz einfach: Die sechs Farben der „klassischen“ Regenbogenflagge waren ja von ihrem Erfinder, Gilbert Baker, mit Bedeutung ausgestattet worden, die erst mal nicht viel mit Queerness zu tun zu haben scheinen: Leben, Heilung, Sonnenlicht, Natur, Harmonie und Spiritualität.

Über solche Begriffe und ihre „Gegenteile“ lässt sich tatsächlich prima Kurzgeschichten schreiben.

Klappentext für „Like a Rainbow Dream“

Bunt wie das Leben, vielstimmig wie die Wirklichkeit!

Diese Benefizanthologie bringt die Farben der Regenbogenflagge in all ihren Bedeutungen zum Leuchten und erinnert daran, dass jede Farbe zählt. Ob im Alltag, in fantastischen Welten oder in ferner Zukunft – die Anthologie feiert das Queersein mal poetisch und kraftvoll, mal leise und nachdenklich in 18 facettenreichen Kurzgeschichten.

“Like a Rainbow Dream” erscheint anlässlich des 25. Geburtstages des queeren Blogs Like a Dream als Hommage an Sichtbarkeit, Vielfalt und gelebte Geschichten. Sämtliche Erlöse gehen an den Verein “Queere Zentrum Wiesbaden”, die Wiesbadens Queers und Allys einen Raum zum Austausch und für gemeinsame Aktivitäten bieten.

Mit Beiträgen von Eleanor Bardilac, Andi Bottlinger, Sabine Brandl, Barbara Corsten, Julia Dankers, Carmilla DeWinter, Sandra Gernt, Kimi Tenna Keßler, Tanja Meurer, Sarah Natusch, Jannis Plastargias, Thomas Pregel, Elisa Schwarz, Juliane Seidel, Noah Stoffers, Melanie Vogltanz, Julia Winterthal und Jenny Wood

Und was hast du nun beigetragen, Carmilla?

Offensichtlich eine Kurzgeschichte, die diesmal relativ lang ausgefallen ist. Meist neige ich ja zu Miniaturen. Mein Beitrag heißt „Einsam auf verlassenen Wegen“ und ist lila einsortiert – wie Spiritualität und der unterste Balken der Flagge für Asexualität. Rein zufällig hatte ich beide Themen bereits in einem Roman verknüpft, weshalb Jasna aus Lokis Fesseln ein bisschen ihrer Vorgeschichte erzählen darf. Denn so ganz reibungsfrei verlaufen queere Kindheiten und spirituelle Sinnsuchen in katholischen Haushalten manchmal nicht.

Gleichzeitig bot sich die Gelegenheit, ein paar Damen unbedingt notwendigen Tribut zu zollen, die in Superheldenfilmen, die die nordische Mythologie verwursten, leider oft zu kurz kommen.

Auf Freya bin ich besonders stolz: „In der Nacht triffst du eine Frau mit einem Schwert. Sie hat rote wilde Locken und trägt das Kinn gerade, zu Füßen ihres Throns tummeln sich Frischlinge und junge Katzen zwischen den Köpfen von Männern, die ihr sagen wollten, wo es langgeht.“

Nach und nach lese ich das mir überlassene EPUB (quasi meine Gage) und muss gestehen: Das mit dem Facettenreichtum im Klappentext ist nicht untertrieben. Von der Allegorie über Herzschmerz bis zu einer Hausbesetzung mit Folgen ist alles drin, was das Herz sich wünschen könnte.

Wo krieg ich das her?

Like a Rainbow Dream
erschienen im Selfpublishing, Juni 2026
ISBN: 978-3754379868
Bestellmöglichkeit für das E-Buch: Amazon / Thalia

Flaggenmemory

Ein beinahe verschütt gegangener Text, während ich auf die letzte Runde PDF für das Sachbuch zur Druckfreigabe warte.

Ich habe eine Stoffmaske in Ace-Farben. Selbstgenäht aus T-Shirt- und Tennissockenstoff.

ace_maske

Im Sommer wurde ich von einer Person darauf angesprochen, die wahrscheinlich ebenfalls nicht ganz hetero ist, und erklärte ihr, was das für eine Flagge ist. Woraufhin sie meinte, dass sie sich all die neuen Flaggen kaum merken könnte.

Ich entblödete mich dann zu dem Kommentar, dass eine ja in Anbetracht mancher Kreationen (beispielsweise einer eigenen Ace/Aro-Flagge) sich manchmal fragt, warum wir noch eine Flagge brauchen.

Aroace_(aroaesflags_v2)

Aroace Flagge, gestohlen hier: https://lgbta.wikia.org/wiki/Aroace – Fünf horizontale Balken in orange, gelb, weiß, hellblau und dunkelblau

Und ja, ich freue mich auch, dass es eine eigene Ace-Flagge gibt, insofern werde ich mich manchmal wundern (grade bei den ganzen Grau-A_sexualitäten), aber nie sagen, dass die Leute keine eigene Flagge haben sollten. Offenbar brauchen sie einen eigenen Begriff für ihre Empfindungen, und wer bin ich, ihnen ein paar bunte Streifen dazu zu verwehren?

Sich alle Flaggen zu merken, ist allerdings schwierig. Sehr schwierig, zumal sich manche sehr ähnlich sehen. Es lohnt sich daher nicht, mit Menschen beleidigt zu sein, die zufällig meine Untergruppe noch nicht kennen oder denen da was entfallen ist oder die farbenblind sind oder was auch immer.

Die Frage ist also nicht: Brauchen wir noch eine? Sondern: Was zum Henker wollen wir eigentlich mit diesen Flaggen?

Anmerkung: Was mit geschlechtlichen Minderheiten ist, kann ich nicht beurteilen, daher gelten die folgenden Ausführungen für Menschen aus sexuellen (und teilweise auch aus romantischen) Minderheiten. Dass nicht alle Menschen sexueller Minderheiten mit trans Personen solidarisch sind, ist eine traurige Tatsache. Andersherum kommt das wohl auch vor, aber wenn, dann seltener.

Außenwirkung

Um einen politischen oder werblichen Zweck zu unterstreichen, ist ein eindeutiges, wiedererkennbares Zeichen sinnvoll. Nicht umsonst gibt die Regierung Geld für Hashtags wie #WirBleibenZuhause aus. Auch einige meiner Schreib-Kolleginnen haben sich deshalb Logos entwerfen lassen.

Rewe wird sich also kaum eine Glasschiebetür mit mehr als 20 Flaggen zukleben. Genauso wenig wird eine Stadt oder ein Unternehmen, die einen CSD unterstützen, damit anfangen (können), mehr als 20 Flaggen zu hissen. So viele Masten sind ja üblicherweise auch nicht vorhanden.

Außerdem stellt sich bei einem solchen Meer von Bunt die Frage, was dann bei denen ankommt, die das sehen sollen. Zumal manche Communities sich weniger einig sind als meine.

Die Regenbogenflagge ist bekannt genug, dass sie bei uns im Juni 2020 vom Bahnhofsvorplatz gestohlen und gegen eine Russland-Flagge ersetzt wurde. Was wäre noch erkennbar (im Guten wie im Schlechten), wenn da tatsächlich ein Quilt hinge, wie die Akronymverwurstelung QUILTBAGPIPE* vorschlägt?

Und ganz ehrlich, die Regenbogenflage-Ersetzenden werden wohl so lange mit mir ein Problem haben und mich für russlandfeindlich halten, wie ich die Ehe für alle unterstütze, egal was meine sexuelle Orientierung ist.

In diesem Rahmen ist die Regenbogenflagge offenbar sowohl aussagekräftig als auch ein Hingucker. Es gibt üblicherweise keinen Grund, sich von dieser Flagge als Außensignal politisch nicht angesprochen zu fühlen, nur weil die Asex-Flagge, die Bi-Flagge oder sonst eine Flagge für sexuelle Minderheiten nicht mit dabeihängt.

Im Guten wie im Schlechten, wie gesagt. Menschen, die als nicht-heterosexuell auffallen, bekommen alles mögliche von Beschimpfungen bis hin zu körperlichen Angriffen ab. Welcher Art die Minderheit genau ist, interessiert jene wenig, die hassen.

Innenwirkung

Was bei der Deutschen Bahn ein schickes Zeichen ist, wäre auf einer Veranstaltung, die von der Buchstabensuppen-Community für die Community ausgerichtet wird, ein grober Fehler. Hier wird das Fehlen von Buchstaben, Begriffen (und manchmal auch Flaggen) oft als Hinweis verstanden, dass eine bestimmte Buchstabengruppe nicht willkommen ist. (Kluges zu den Akronymen vom fink.)

Ausschlüsse sind gelegentlich gewollt, manchmal aber keine Absicht. Eine inklusive Sprache innerhalb der Communities ist von Vorteil, zumal manche Pressevertretenden immer noch „schrille Paraden“ für „Schwule (und Lesben)“ bemühen, wenn sie von einem CSD schreiben. Tatsächlich sind das teilweise sehr bunte (und laute) Demonstrationen für die Rechte sexueller und geschlechtlicher (und manchmal auch romantischer) Minderheiten. Aber das ist halt kompliziert, nicht?

Die größte Wirkung entfalten die Flaggenfarben jedoch innerhalb der Community, die sich diese Flagge gewählt hat: Um eventuell ähnlich tickenden Menschen zu signalisieren, dass sie nicht allein sind. Das klingt nicht nach viel, aber es kann viel wert sein.

Wenn ich mit meinen Ace-Farben rumlaufe, kann ich sicher sein: Uneingeweihte haben keine Ahnung, dass ich überhaupt Farben einer Flagge trage. Ein paar Nicht-Aces werden wissen, was es heißt, und ansonsten grinsen sich die asexuellen Mitmenschen eben gegenseitig wissend an. Und fallen sich bei Demos wie dem CSD durchaus mal um den Hals, ohne sich zu kennen.**

Einfach, weil sie sich freuen, dass da noch jemand ist.

 


* QUILTBAGPIPE: Queer/questioning, undecided, inter*, lesbian, trans, bisexual, asexual, gay, pan, inter*, poly, everyone else who wants under the umbrella. – Queer/fragend, unentschlossen, inter*, lesbisch, trans, bisexuell, asexuell, schwul, pan, inter*, poly und alle anderen, die mit unter den Schirm wollen.

** Also, wenn grade keine AHA-Regeln angebracht sind.

(Sinn und Unsinn von Masken aller Art steht hier nicht zur Debatte, ich behalte mir vor, diesbezügliche Kommentare nicht freizuschalten.)