Triggerwarnungen-Bandwagon

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In der letzten Zeit ist da an anderen Stellen ziemlich was hochgekocht. Vor allem bei Facebook war’s in manchen Threads von Leuten, die ich mag, echt nicht mehr feierlich. Und ich hatte das unschöne Vergnügen, bei diesem Steit voll auf dem Zaun zu sitzen.

Auf der einen Seite diejenigen, die Inhaltswarnungen komplett kacke finden. Immer. Egal ob sie für Blogtexte, Filme oder Bücher sind: Diese Mimosen sollen sich nicht so haben. Erwachsene sind für sich selbst verantwortlich. Sie können sich gefälligst vorher informieren, statt alle Infos in vorauseilendem Gehorsam hinterhergetragen zu bekommen. Außerdem kannst du es damit nie allen recht machen.

Auf der anderen Seite diejenigen, die so hyperbesorgt sind, dass sie lieber ihre eigenen Romane für alle auf der zweiten Seite spoilern würden.

Und ich sitze so in der Mitte. Ich weiß beispielsweise auch gern, ob sexualisierte Gewalt in einem Text vorkommt — die Chance, dass sie verherrlicht oder verharmlost wird, ist dann nämlich recht hoch.

Wobei es traurig, aber wahr ist, dass manche Menschen, die sexualisierte Gewalt schreiben, gar nicht merken, was sie da tun und das für eine obersexy Liebesszene halten. Mein Problem ist dann mit der Message, die über Männer und Frauen verbreitet wird: eher mit dem Wie als mit dem Was.

Kein Schwein kann mich vor dem Leben und vor gedankenlosen Autor*innen beschützen. Und auch nicht vor Verlagen, bei denen im Lektorat niemandem auffällt, welche vorgestrigen Stereotype ihre Schreibenden so bemühen, weil es bei der Bis(s)-Reihe und „Shades of Grey“ ja auch niemanden gestört hat.

Wir alle brauchen mehr Feminismus, um die giftigen Botschaften, die uns tagtäglich begegnen, tatsächlich als solche zu erkennen.

Und damit zu meinen Texten: Warnung oder nicht?

Bei meinen Texten weiß man spätestens am Ende der Leseprobe, wo die Reise in etwa hingeht, daher weigere ich mich, Einzelheiten ins Buch selbst zu schreiben. Ich mag auch keine Altersangaben für Texte machen, die nicht für Kinder sind. Zumindest bei meinen Werken ist es so: Bis das eher verstörende Zeug auftaucht, haben die meisten ungeübten Lesenden die Segel gestrichen, und wer es bis dahin geschafft hat, wird wahrscheinlich auch mit dem eher verstörenden Zeug zurechtkommen.

Und wenn jemand eine echte Schwierigkeit hat: Die Person ist erwachsen, für sich selbst verantwortlich und kann mich, zur Not mit einer Wegwerf-Mailaddi, anschreiben. Oder eine Pseudomailadresse dahin schreiben, wo die Kommentarfunktion eine erwartet. (Ehrlich, das geht.)

Trotzdem habe ich eine Liste mit Triggern beziehungsweise Inhaltswarnungen gemacht. Warum? Weil ich es interessant finde, das mal in geballter Form zu sehen. Was ist das Zeug, das mich beschäftigt? Was sind die giftigen Botschaften, mit denen ich mich auseinandersetze und die meine Figuren (und damit auch ich) verinnerlicht haben? Hier habe ich es hellgrau auf schwarz.

Wie erwähnt sagt eine Inhaltswarnung nichts darüber aus, wie ich mit dem Thema dann umgehe. Ob ich die sexualisierte Gewalt sexy scheinen lasse — oder ob Marron seine Essstörungen deswegen hat, weil er mit seiner Rolle als Opfer und Täter nicht zurechtkommt? Oder als wie normal Gewalt gegen Kinder behandelt wird. Und so weiter.

Vor dem „Wie“ kann mich keine Triggerwarnung der Welt retten, denn die Perspektive derjenigen, die schreiben, ist wie meine eigene notwendigerweise beschränkt.

Wer sehr spezifische Probleme hat, wird daher selbst mit meiner Liste nicht um eine direkte Frage herumkommen.


Bildquelle: Pixabay, https://pixabay.com/de/zensur-unterdr%C3%BCckung-schweigen-1315071/