Vom Wert legaler und illegaler Archive

Ein Stapel zerlesener Bücher it einer geblümten und wahrscheinlich vollen Teetasse darauf.
Bild von Ylanite Koppens auf Pixabay — Lesen sieht dieser Tage meist sehr anders aus, wenn es nicht schon an eine KI delegiert wird.

Raubkopien

Wenn ich versuche, mit meinem nicht-VPNten Laptop Anna’s Archive zu erreichen — mit die größte Suchmaschine für Raubkopien im Internet — erzählt mir der Browser was von Sperrung und Copyrights und Urheberrechtsverletzung. (Neuerdings ist es auch ein Sicherheitsrisiko.)

Und ja, das ist richtig. Alles, was da abgerufen wird, entgeht Autor*innen an Einnahmen. Inklusive mir, denn meine als E-Buch verfügbaren Texte sind da auch auffindbar. Wer auch immer hinter der Seite steckt, rafft alles zusammen: Unterhaltungsliteratur jeglicher Qualität, Texte von links und rechts des politischen Spektrums, hochkarätige Studien und wahrscheinlich auch KI-Slop-Paper (das habe ich nicht getestet).

Wenn ich will, dass Menschen weiterhin gute Bücher machen, ist es moralisch mindestens fragwürdig, ein illegales Archiv zu nutzen (KI zur Texterzeugung und -zusammenfassung ist mittlerweile irgendwie ein peinliches Kapitel für die Menschheit, Fahrenheit 451 lässt grüßen). Trotzdem kann ich Menschen verstehen, die in einer Schattenbibliothek a) trotz Amazon-Sperre oder LGBTQ-Propaganda-Verbot in ihrem Land gern derart beschränkte Inhalte sehen wollen oder b) wissenschaftliche Literatur suchen, weil ihre Uni sich das Journal nicht leisten kann oder sie überhaupt nicht an einen Uni-Zugang zu Literatur kommen.

Wissenschaftliche Literatur zu lesen, ist für Menschen, die nicht in angenehmer Fahrtnähe zu einer Uni-Bib wohnen, tatsächlich nicht ganz einfach, denn online verfügbar sind die (oft unsagbar teuren) Journal-Abos meist nur für reguläre Studierende. Der Rest der Welt muss vor Ort recherchieren. Oder die Mondpreise der Journals von 30 bis 50 Dollar pro zehn bis dreißig Seiten Text zahlen (oder 40+ Dollar pro Monat im Abo, für mehrere Plattformen gleichzeitig, versteht sich).

Zwischenfazit: Hochwertiges Wissen ist da, aber nicht immer so einfach erhältlich, wie eins sich wünschen würde. Gewisse Nutzungen von Raubkopien kann ich nachvollziehen und verzeihen.

Sinn und Zweck von Archiven

Der eigentliche Auslöser für diesen Text ist eine Fanfiction.

Orion shook his head, looking disappointed. “Jazz. Do you know what my job is? What it really is?” 

“You collect information?”

“I enable access to information. Or at least, I’m supposed to. My job, at its most literal level, is to determine what information needs to be preserved, to preserve it, and to make sure that anyone who wants to have it can. I can’t do my job, Jazz. Instead of helping people learn, I get sent pages upon pages of data from the Senate, every quartex, telling me what files need to be erased or edited, because the data within is against the version of reality that they wish to spread. Cultural, historical knowledge, and they want it censored and buried. Alpha Trion and I spend most of our days backing up our people’s cultural treasures, hiding them away so that they can survive the Functionists. 

“The Functionists would have us believe that their way is not only the right way, but the only way, the way it has always been. It is a lie. It is one so blatant and false that to perpetuate it, they have to commit historical vandalism on an astronomical scale.”

Quelle: Hinn_Raven, Autonomous Beings, Kapitel 8, meine Hervorhebung.

Hier ist ein Archivar, der seinen Beruf, also Wissen sammeln, sortieren, erhalten und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, nicht erledigen kann, weil die Regierung beschlossen hat, dass die Wahrheit nicht zu ihrer Version der Realität passt, und im großen Stil Datenlöschungen befiehlt.

Historischer Vandalismus

Wir leben in einem Zeitalter, in dem das Verbrennen von Büchern zwar noch vorkommt, aber nicht mehr so nachhaltig wirkt wie zu Zeiten, als es keine elektronischen Kopien gab.

Seit einem Jahr ist das in großem Stil in den USA zu beobachten: Es verschwanden Klimadaten. Von US-Servern gelöscht, weil sie alten weißen Männern, die zwecks Machterhalt die Welt verbrennen, nicht in den Kram passen. Um Solar- und Windenergie lässt sich nicht so gut kloppen, wie Michael Blume nicht müde wird zu betonen.

Nebenbei verschwanden Frauen aus den Streitkräften, sowohl per Entlassung als auch von den Webseiten; wir werden sehen, wie viele Frauen im Herbst überhaupt noch wählen dürfen. Auch verschwunden: Daten zu Infektionskrankheiten und von trans Personen aus der Geschichte. Zumindest auf offiziellen Seiten. Terminologie, die der Trump-Administration nicht passt, muss aus wissenschaftlichen Arbeiten weichen.

Und der Vorwurf der Wahlfälschung von 2020, den selbst Trump-freundliche Rechtssprechung für Unfug hält, ist auch noch nicht ausgestanden, denn in Georgia ermittelt nun das FBI gegen eine Wahlbehörde. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, so kurz vor den Zwischenwahlen, die das faschistische MAGA-Lager gern ausfallen lassen würde.

Fazit

Ich lebe lieber mit Raubkopien als in einer Welt, in der mir Ultrakonservative oder Faschos jeglichen geistigen Hintergrunds mir vorschreiben können, was ich an Informationen sehen darf.

Fortwährdende Entsolidarisierungen

Manchmal hilft es nur, sich die Beleidigung zu eigen zu machen.

Anekdotische Beispielsammlung

Da ist das Elternteil, das dem offen queeren Nachwuchs stolz berichtet, es hätte bei der letzten Bundestagswahl statt CSU das Bündnis Sarah Wagenknecht gewählt. (Beide Truppen kamen in Sachen queer nicht besonders gut weg bei den Wahlprüfsteinen.)

Eine mir bekannte trans Frau zitiert eins ihrer Elternteile: „Da kommt ein langer, harter Kampf auf euch zu.“

Meine migrantisch lesbare Bankberaterin blickt nicht, dass ich gegebenenfalls lieber auf etwas Gewinn verzichte, als weiter in Fonds zu investieren, die Meta und Elon-Hitlergruß-Musk reicher machen.

(Ich investiere in Fonds, die Immobilien im Portfolio haben. Ist das als Person, die zur Miete wohnt, vertretbar?)

Es gibt eine kleine Truppe sehr lauter lesbischer Frauen, die Hass auf trans Personen zu ihrem Markenkern gemacht haben.

Nachdem Geflüchtete in Hamburg eine Bezahlkarte haben, sollen jetzt auch Personen mit Bürgergeld eine bekommen.

Diverse migrantische Personen in meinem Umfeld haben nichts Besseres zu tun, als auf Personen neidisch zu sein, die später nach Deutschland gekommen sind als sie selbst.

Und so weiter.

System dahinter?

Nach Solidarität zu rufen ist einfach. Solidarisch sein weniger. Das ist nicht neu, aber in Zeiten von Autoritarismus noch eine ganz andere Hausnummer als vor 2008.

Wir sehen derzeit, dass folgende Gruppen besonders angegangen werden: muslimische Geflüchtete, trans Personen, Personen ohne Arbeit.

Derartige Auseinzelungen haben selbstverständlich System.

Muslimische Personen, die vor 2001 zugezogen oder hier geboren sind (zumeist aus der Türkei, Iran, Nordarfrika bzw. deren Eltern oder Großeltern von dort stammen) werden eingeladen, Menschen aus Syrien, Afghanistan und Irak zum Teufel zu wünschen. Wenn ich die entsprechenden jungen Kolleginnen so angucke, funktioniert das hervorragend.

Die lesbischen Personen wie Alice Schwarzer, die gegen trans Personen auffahren, gibt es schon seit den 1970ern. Neu ist, dass die Politik gemerkt hat, dass sie sich dieser Personengruppe bedienen kann, um gegen das SBG und überhaupt die medizinische und psychosoziale Versorgung von trans Personen mobil zu machen. Ich weiß nicht, ob und wie die anti-trans Frauen merken, dass sie sich von Nazis instrumentalisieren lassen.

Mit der permanenten Unterstellung, dass Personen, die Bürgergeld bekommen, eigentlich arbeiten könnten, werden Personen aus dem Niedriglohnsektor zum Hass eingeladen – und dazu, sich mit ihrem miesen Mindestlohn zufriedenzugeben. (Debunking solcher Mythen durch sanktionsfrei e.V.)

Sich unter einer bereits marginalsierten Gruppe die Schwächsten rauszupicken, ist Teil des antidemokratischen Rollbacks. Tatsächlich scheint es Teil des menschlichen Systems zum Stressabau, nach unten zu treten (die Klimakatastrophe ist halt auch schlecht am Kragen zu packen). Autokratien erhöhen künstlich den Stress, auch bekannt als „flood the zone with shit„, was dann logischerweise Entsolidarisierungen zufolge hat.

Martin Niemöller hat das in markante Verse gepackt:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist …
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

(Nach Wikipedia ging das Gedicht durch mehrere Fassungen.)

Spätestens nach Merz‘ Aussagen sollte aber das Regenbogenfarbene Zirkuszeltkollektiv (auch bekannt als LGBTQIA+ Community) gemerkt haben, dass der Rollback gegen die TNQ-Fraktion nur der Anfang ist.

Genauso wurde ja schon beim Potsdamer Treffen 2023 gegen „integrationsunwillige“ muslimische Personen mit deutschem Pass geplant, insofern ist Hass gegen die später Zugezogenen zwar verständlich, aber am Ende genau das, was Rechten von uns wollen.

Lösungsversuche

Das Kollektiv Save Sciene beobachtet:

The relative powerlessness and stigma of targeted groups often leads to a lack of solidarity with victims during democratic backsliding, but this is a critical and preventable error. Privileged folks should stand up for the persecuted as authoritarianism rises, because it is a lot easier to stop persecution of minorities when it is still controversial than to defy it when repression has reached the mainstream and become accepted as conventional.

„Die relative Machtlosigkeit und das Stigma, das auf den attackierten Gruppen lastet, führt oft zu einem Mangel an Solidarität mit den Opfern während eines Demokratieabbaus, dies ist jedoch ein kritischer und vermeidbarer Fehler. Privilegierte Personen sollten für die Verfolgten eintreten, während der Autoritarimus an Boden gewinnt, denn es ist sehr viel einfacher, die Verfolgung von Minderheiten zu stoppen, während diese noch kontrovers diskutiert wird, als sich gegen die Repression zu stellen, sobald diese den Mainstream erreicht hat und als normal akzeptiert wurde.“
(Übersetzung durch die Autorin dieses Postings, Hervorhebung ebenfalls.)

Quelle: The Anti-Autocracy Handbook. A Scholar’s Guide to Navigating Democratic Backsliding. Open access unter https://zenodo.org/records/15696097

Was auch erklärt, warum Die Linke als Partei erhöhten Zulauf hat. Die sind einfach radikal solidarisch und machen den Job, den eigentlich die SPD zum Großteil erledigen sollte. Bezahlbare Mieten, höhere Steuern für Reiche, und: Sie sind nicht auf das Sündebock-Narrativ der bösen Geflüchteten reingefallen. Etc. pp.

… Jetzt ist die Frage: Kriegt die politische Linke es hin, ihre Grabenkämpfe (beispielsweise zu Waffenlieferungen an die Ukraine) als „agree to disagree“ zu behandeln, sodass wir die Rechten und religiösen Faschisten an der Machübernahme hindern können?


(Mit Entschuldigungen an Martin Dannecker.)

#Bücherhamstern, zum Zweiten

Neben einer Heft-Edition folgt nun die Edition Rechts der Mitte.

Noch nicht gekauft, da hoffentlich signiert zu erwerben, ist Eine Socke namens Rechts von Christian von Aster und Sabine Klotzsche. (Was soll ich sagen? Ja, schon wieder von Aster. Denn: Asti macht geilen Scheiß.)

Ein Interview in der Siegessäule machte mich auf Tobias Ginsburgs Die letzten Männer des Westens aufmerksam. Auch das werde ich wohl kaufen und dann allen geben, die es brauchen können. Wobei Männlichkeitskult, Heldentum und Faschisten bzw. Diktatoren, die nicht zugeben würden, dass sie Faschisten oder Diktatoren oder sogar beides in Personalunion sind, zumindest für meineeine bereits zusammenhängen — einer von denen hat zwei Grenzen weiter eine Invasion vom Zaun gebrochen, die seine Untertanen nicht „Krieg“ nennen dürfen. (Theoretisch wären es ja russische Staatsbürger*innen, aber Vlad the Bloody II. Putin hätte wahrscheinlich nichts dagegen, zum Zar ernannt zu werden. Ein wenig in die ähnliche Richtung argumentiert das Nollendorfblog: „Warum Europas Freiheit am Tampon-Behälter im Männerklo verteidigt wird“)

Apropos Bücher brauchen.

Der weiße Fleck

Bereits verliehen ist Der weiße Fleck von Mohamed Amjahid, nachdem sich eine Person meines Vertrauens ungläubig zum ZDF-Film über die Wannsee-Konferenz äußerte. Wie Menschen andere so entmenschlichen könnten. Ich hatte mich nicht gewundert, was einerseits einem gewissen Zynismus geschuldet sein dürfte, zum anderen der Tatsache, dass ich den von dieser Person regelmäßig ausgeliehenen FOCUS mehr deswegen lese, um zu wissen, für wie politisch mittig sich der Mainstream hält. (Antwort: Sehr. Aber ist er es auch?)

Ins selbe Horn tuten Anne Ottos Woher kommt der Hass? (sind wir nicht alle ein bisschen autoritär?) und zumindest auch dem Titel nach der leider nicht mehr bespielte Gjallarhorn-Weblog bzw. Odins Auge des Nornirs Aett.