Ehrfurcht/Freiheit

In den letzten Monaten durfte ich via meines Schreibvereins einen Herrn näher kennenlernen. Er heißt Mazen Arafeh, ist gesetzteren Alters und war vor dem Bürgerkrieg in Syrien ein Direktor der Nationalbibliothek in Damaskus.

Seine Frau und Kinder flohen schon 2011 von dort nach hier. Er ist erst vorletztes Jahr nachgekommen. Wenn ich ihn richtig verstanden habe (er hat sich innerhalb dieser zwei Jahre Deutschkenntnisse Stufe B1 angeeignet), ging es ihm darum, Dokumente über den Krieg zu sammeln. Hinschauen, Zeuge sein.

Dabei hätte er wohl damals schon politisches Asyl bekommen können. Er hatte zu dem Zeitpunkt einen Roman veröffentlicht, der sich kritisch mit der Diktatur in Syrien auseinandersetzte. Seitdem hat er sich noch öfter mit dem Islamismus und der arabischen Mentalität befasst und einmal dezidiert die Diktatoren muslimischer Länder aufs Korn genommen:

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Das ist keine Pflanze, das sind Hüte.

Seine neueste Veröffentlichung erfolgte erst vor ein paar Wochen.

Die neueren Romane sind im Libanon erschienen und in Syrien und anderen arabischen Ländern verboten. Sie enthalten wohl zu viel Kritik an Religion, Sexualmoral und Obrigkeit.

Und dieser freundliche, fröhliche, überschwängliche Mensch also sitzt an einem sonnigen Samstag neben mir (und überfordert mich in meiner beginnenden Tief-Phase ein bisschen*) , albert mit mir und anderen herum und findet es gut, dass ich eine Regenbogenflagge am Handgelenk trage als Zeichen der Solidarität mit sexuellen Minderheiten. Und dass ich über so etwas schreibe.

Und dann sagt er: „Schreiben bedeutet Freiheit für dich.“

Das ist wahr. Einmal ganz wörtlich: Wenn ich nicht schreiben kann, mich die Umstände davon abhalten (oder ich mich selbst), dann fühle ich mich eingeengt, zuweilen sogar fremdgesteuert, und werde sehr unleidlich. **

Im übertragenen Sinne ist es auch wahr.

In einem anderen Land als diesem könnte ich vielleicht schreiben, was ich schreibe, aber ich müsste vorsichtig sein, wem ich es zeige.

Und ob ich den Kontext gefunden hätte, den ich gebraucht habe, um zu schreiben, was ich geschrieben habe? Wer weiß. Ganz so sehr Nonkonformistin, wie ich mir gern einbilde, bin ich nicht. Ich hätte niemals alle Gedanken, die ich bei der Mädchenmannschaft, beim Zaunfink, bei der Asexual Agenda und zahllosen anderen gefunden habe, selbst denken können. Ganz zu schweigen von jenen Büchern, die wohl ebenfalls verboten wären. Hätte ich jemals J. K. Rowling, Terry Pratchett, Douglas Adams, N.K. Jemisin, Madeleine L’Engle, Tamora Pierce, Ray Bradbury, Neil Gaiman, Tad Williams und Michael Ende zu lesen bekommen?

Mein Horizont wäre enger, denke ich.

Ich schreibe außerdem manchmal, um über Freiheit nachzudenken. Ich bin nicht so sehr Nonkonformistin, wie ich mir gerne einbilde. Ich weiß sehr genau, wie Gedanken das Selbst einsperren können. Oft merkt man ja nicht einmal, dass man sich mit dem Glauben an angeblich allgemeingültige Wahrheiten selbst schadet. Ganz zu schweigen von sich verselbstständigenden Gedanken wie beispielsweise bei einer Depression oder posttraumatischen Belastungsstörung.***

Und so sind meine Figuren oft nicht nur von äußeren Umständen, sondern auch von Gedanken und dem Glauben an scheinbar allgemeingültige Wahrheiten eingeschränkt. Sie stecken in Gedankengefängnissen, und mit ihnen schäle ich mich hinaus zu größeren Möglichkeitsräumen.

Ja. Schreiben ist Freiheit für mich.

Dass das ausgerechnet jemand erkennt, dessen Lebenslauf Ehrfurcht fühlen lässt, und der sich so lange schon mit Einschränkungen von außen beschäftigt: Ist das nun Zufall? Oder zwingend logisch?

 


* Falls sich übrigens wer wundert, warum ich nicht so regelmäßig da bin: Das liegt eben an der Tief-Phase. Es geht mir noch nicht mies genug, und das noch nicht lange genug, dass es für eine diagnostizierbare Depression jeglicher Form reicht, aber alles ist gerade ein bisschen anstrengender als sonst, weshalb ich Unmengen soziale Interaktionen vor mir herschiebe. (Und nein, ich möchte keine Tipps, und bleiben Sie mir bitte mit Homöopathie weg.)

** Diese Tief-Phasen haben also die Neigung, zu spiralen. Weniger Antrieb führt zu weniger Geschreibsel führt zu mehr Selbst-Flagellation, weil ich wieder nix geschafft habe … ****

*** Nein, es wird nicht besser, wenn ich mich nur mehr zusammenreiße.

**** Dabei habe ich schon einen Haufen geschafft. Im Zweifelsfalle wär’s zwar traurig, wenn mich ein Klavier erschlägt, aber ich hätte keinen Grund, über einen mangelnden geistigen Nachlass rumzuheulen.

Was man noch sagen darf

Derletzt habe ich mich mit einem befreundeten Autoren über folgende Phrase diskutiert: „aber das darf man heutzutage ja nicht mehr sagen“.

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Andere haben diese Phrase an anderen Stellen oft genug zerlegt, aber ich plane, die werten Kolleg*innen zu pieksen, von denen ich „aber das darf man ja nicht mehr sagen“ schon oft genug lesen musste.

Und ausgerechnet von Autor*innen finde ich das eine äußerst peinliche und kurzsichtige Form der Selbstbeweihräucherung.

Aber von vorne.

Ursachen

Wir stellen fest, dass heutzutage die Debattenkultur sehr zu wünschen übrig lässt. Derzeit sind Shitstorms, Mobbing und Beschimpfungen in fast jeder Nische von Social Media nicht mehr wegzudenken. Und live sieht es manchmal nicht viel besser aus.

Meine Lieblingsschrifstellerin N.K. Jemisin hat wohl aus solchen Gründen große Teile ihres Blogs verschwinden lassen, was sehr schade ist, denn sie hat viele kluge Dinge über Rassismus in Büchern geschrieben.

Aufgrund dieser kommunikativen Schieflage ensteht der Eindruck, dass manche Meinungen es mit mehr Widersprüchen zu tun bekommen als andere.

Konkret scheinen es häufiger die eher konservativen Menschen zu sein, die mit Vorwürfen von Rassismus, Homophobie, Tierquälerei und sonstigem überhäuft werden, je nachdem, wo sie ihre Meinung äußern. Das ist nicht schön, Leute werden mehr oder weniger grundlos verletzt, und es hilft der Diskussion nicht weiter.

Wer dann nicht nachdenkt, findet, dass „aber das darf man ja nicht mehr sagen“ ganz prima diesen Sachverhalt der Totschlagargumentation zum Ausdruck bringt und schreibt die Phrase einfach mal ab.

Wie verquer diese Denkweise ist, zeigt sich spätestens daran, dass diejenigen ihre kontroverse oder vermeintlich kontroverse Meinung ja eben doch in die Welt hinausposaunt haben, und zwar, ohne staatliche Zensur oder gar eine Verhaftung befürchten zu müssen.

Da also der Blockwart nicht die Gestapo gerufen hat und eins selbst unbehelligt weiter schreibt/spricht, ist der Inhalt der Phrase „aber das darf man ja heutzutage nicht mehr sagen“ sachlich falsch, sobald über die deutsche Gesellschaft gesprochen wird.

Damit beißt sich die Katze in den Schwanz:

Ohne die heutige Meinungsfreiheit hätten wir das Problem mit der Debattenkultur gar nicht: Alle dürfen die eigene Meinung öffentlich äußern (mit kleinen Einschränkungen, Aufrufe zum Mord beispielsweise werden nicht gern gesehen) und dazu gehört dann eben auch, dass ich Meinungen anderer Leute öffentlich als Mist bezeichnen darf.

Wir müssen also damit leben, dass andere unsere Meinungen mistig finden und uns das auch mitteilen

Aber das ist halt sehr unerotisch. Lieber behaupte ich, dass meine Meinung unterdrückt wird. Dann kann ich sicher sein, dass mich irgendwer bemitleidet und es ganz super findet, wie mutig ich meine Meinung gesagt habe.

Mut ist was Anderes. Tut mir leid, Leute.

Daher also mein Vorwurf der peinlichen Selbstbeweihräucherung.

Die Geister, die ich rief …

Nun ist es aber so: Indem zahlreiche Menschen fälschlicherweise behaupten, sie würden unterdrückt, entsteht eine Atmosphäre der Bedrohung. Manche Leute überlegen sich dann tatsächlich, was sie noch sagen dürfen. Und sie werden diejenigen hassen, die sie vermeintlich unterdrücken.

Furcht führt zu Hass. Das wussten schon die Jedi, aber die Botschaft ist noch nicht angekommen.

Es besteht Grund zur Annahme, dass manche Kräfte die Spaltung dieser Gesellschaft anhand von unversöhnlichen Meinungen voranzutreiben wünschen, und die monierte Phrase ist da eine erstklassige Möglichkeit.

Divide et impera – teile und herrsche – ist als Weisheit sogar noch älter als Star Wars.

Glücklicherweise gibt es aber Parteien, deren Wahlprogramme direkt oder indirekt davon sprechen, wieder mehr Ordnung und Sicherheit und Höflichkeit und gesunden Menschenverstand und Einigkeit in Deutschland fördern zu wollen.

Klingt auch erstmal ganz toll, nicht wahr?

… die werd ich nicht mehr los?

Bis dann die beispielsweise die AfD meint, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nahelegen zu müssen, dass das Idealbild einer deutschen Frau ist, drei Kinder zu haben, und dieses Idealbild auch schön immer gezeigt werden solle.

Und, sagen wir mal, in letzter Konsequenz würden dann meine Romane nicht mehr gedruckt, weil die ganz offensichtlich von der Genderlobby und der homosexuellen Weltverschwörung gefördert wurden, um die Jugend zu verderben.

Und eben nicht nur meine Romane. Wie lange würde es dauern, bis z.B. Amazon seine Regeln akzeptabler Texte in vorauseilendem Gehorsam einschränkt?

Wie lange bis zur echten Zensur,

… wenn wir weiter ohne Grund Furcht verbreiten, die Spaltung vorantreiben und zu viele Leute sich davon kopfscheu machen lassen?

Im einig Vaterland wird der Herrscher bejubelt, und sonst regiert die Grabesstille. Heißt, diejenigen, die nicht jubeln, werden schon mal einen Kopf kürzer gemacht.

Hatten wir schon mal, inklusiver Verbrennung nicht genehmer Bücher. Brauchen wir nicht wieder.

Und daher also mein Vorwurf der Kurzsichtigkeit, werte Kolleg*innen.

Ich hätte da wirklich Besseres von euch erwartet.

 


Bildquelle: Pixabay, https://pixabay.com/de/zensur-unterdr%C3%BCckung-schweigen-1315071/