Über Carmilla DeWinter

Carmilla DeWinter schreibt Phantastik und verque(e)re Texte.

Frauen lesen?!

Via Geschichten und Meer kam eine Blogparade zu mir: 1. Frauenleserin Blogparade zum Jahresende

Initiiert wurde es von der Frauenleserin Kerstin Herbert, in diesem Posting.

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Nun ist das ja eher ein Schreib- und kein Leseblog. Die meisten Schreibenden, die ich kenne, lesen weniger, als sie gerne würden, weil irgendwo muss ja das Geld herkommen, das der Brötchenberuf nicht abwirft. Dito. Meistens versacke ich doch mit Fanfiction statt mit anspruchsvoller Lektüre. (Andere lesen ehrliche Liebesromane, ich weiß, ich weiß, aber lasst mich doch wenigstens eine Sache in Ruhe suchten, wenn ich schon kaum Serien schaue.)

Ansonsten klaue ich hier einmal die Fragen direkt aus dem OP:

  • Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Ich habe laut meiner Aufstellung von Belletristik 20 Romane oder Anthologien fertiggelesen.

Davon wurden 11 hauptsächlich oder ganz von Frauen verfasst.

Rechnen wir die Lektorate und die Fanfiction hinzu, die größtenteil Frauendomäne ist (oder von Menschen verfasst wird, die andere Leute für Frauen halten), dann komme ich wohl auf eine Quote von über 80 Prozent.

Als klassische Genreleserin habe ich es offenbar leichter, am Feuilleton vorbeizuoperieren.

  • Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)

Ich kann mich nicht zwischen Lagoon von Nnedi Okorafor, Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten von Becky Chambers und The Girl on the Train von Paula Hawkins entscheiden. Alle drei sind erstklassig erzählt und öffnen neue Horizonte (und wenn’s nur in den Garten an einer Bahnlinie ist).

  • Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?

Muss ich mich schon wieder entscheiden. Aargh. Also, bei Nnedi Okorafor beeindruckt mich ihre nigerianisch beeinflusste Sicht der Dinge bei gleichzeitiger fantasievoller Fabulierlust. Sie schreibt SF nicht von alten weißen Herren ab, die das Genre geprägt haben, sondern macht was Neues. Dito Becky Chambers, die so locker Nebensätze mit „meine Daddies“ aus dem Handgelenk schüttelt, dass es eine wahre Freude ist.

  • Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)

Da ich bei einer Veranstaltung zum Thema Frauenwahlrecht gebeten wurde, Marie Juchacz‘ erste Rede vor dem Deutschen Parlament anno 1919 vorzulesen, schaute ich mir auch ihre Biographie ein bisschen an, die mit eingescannt war. Eine Kurzversion ist bei Wikipedia einzusehen. Jedenfalls: Was für eine Energie. Wow.

  • Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?

Der SuB (Stapel ungelesener Bücher) enthält unter anderem zwei Krimis von Sophie Hénaff und A. S. Schmidts Codex Villalobos. Wenn dann noch Zeit ist, wird’s wohl mehr von Nnedi Okorafor, Becky Chambers, eventuell Aliette de Bodard, und eventuell noch The Moor’s Account von Laila Lalami.

 

ETA: Hintergrund des ganzen Zirkusses bzw. der Blogparade.

Lesung!

Wer rechts geschaut hat, hat schon einen Hinweis:

Meine Kollegin Claudia Speer und ich werden in einem Joint Venture ihre historischen Romane und meine Jinntöchter präsentieren.

Das Motto ist „(K)EIN MÄRCHEN“, denn ich fabuliere zwar munter drauflos, aber nicht ohne Sinn und Zweck, und historische Texte sind immer erfunden, aber deswegen nicht unbedingt weniger wahr. Oder ist beides eine zärtliche Lüge, frei nach Christian von Aster?

Wann? 1. Februar 2019, 19 Uhr

Wo? Nordstadtbuchhandlung, Hohenzollernstr. 23, 75177 Pforzheim

ETA, wie immer erstmal vergessen: Der Eintritt ist frei.

Zugang nur über eine Treppe möglich.

 

 

Silvester/ Gelesen 2018

Wie im letzten Jahr auch: Ein Rückblick in Büchern.

Meine stressbedingte Beinahe-Depression vom Frühjahr habe ich bemerkt insofern, als dass ich mich weniger auf neue Texte eingelassen habe und stattdessen letzten Winter und im Frühling lieber Fanfiction neben den Korrektoraten für Jinntöchter und das Albenerbe wälzte. Mittlerweile habe ich den Job gewechselt und es geht mir wieder besser, aber ich war schon mal stärker belastbar.

Egal, wie 2018 für euch alle war: Ich hoffe, 2019 wird besser. Guten Rutsch und so.

Und damit zu den Büchern und den Meinungen dazu.

Das habe ich verursacht:

Ich muss gestehen, auf Die A-Karte und Jinntöchter bin ich stolzer als auf Albenherz, weil ich da am Ende hauptsächlich froh war, dass ich es fertig hatte und es trotzdem Sinn ergab. Eindeutiges Zeichen, dass ich mit diesen Jungs erstmal durch bin.

Das habe ich gelesen:

Ältere Edda — Diverse Unbekannte: Nachdem ich genug Thor-Fanfiction und etwas Sekundärliteratur (Bonnetain: Loki, Beweger der Geschichten, unbedingte Empfehlung für Interessierte) konsumiert hatte, im zweiten Anlauf durchgelesen. Tatsächlich eröffnet ein Blick in die Sekundärliteratur einige mögliche Deutungsweisen vor allem der Götterlieder. Ohne das Wissen um die langen Nächte im winterlichen Skandinavien kann eins das alles aber auf keinen Fall durchblicken, meine ich.

The Dark Forest — Liu Cixin: Gelesen mit einer Unterbrechung, denn der zweite Teil dieser Zukunftsvision nimmt in der ersten Hälfte nur langsam Fahrt auf. Dafür endet er aber mit einem umso größeren Knalleffekt. Wiederum besticht der Autor mit klugen Beobachtungen und deren Extrapolation in eine nahe bis fernere Zukunft. Das Ende ist aber so passend, dass ich nicht weiß, ob ich den dritten Band auch noch lesen will. Und ich weiß nicht mehr, ob ich will, dass uns jemand da draußen hört.

Lagoon — Nnedi Okorafor: Was würdest du tun, wenn plötzlich ein Alien mit deinem Präsidenten sprechen möchte? Eine kluge Betrachtung über Menschen (und wie sie mit Veränderungen umgehen) im Allgemeinen und über die Menschen von Lagos, Nigeria, im Besonderen. Außerdem eine Liebeserklärung an selbige Stadt.

Die Buchmagier — Jim C. Hines: Rasantes Nerdabenteuer mit überraschenden Wendungen. Positiv zu vermerken: Der Autor macht sich Gedanken über die Neigung anderer Männer, Frauen als Objekte zu sehen. Eine Beziehung zwischen zwei Frauen und eine angedeutete schwule Liebe werden mit angenehm wenig Aufhebens behandelt.

Gylfaginning/Gylfis Täuschung — Snorri Sturluson: Ein Wettstreit um zu beantwortende Fragen, wie sie schon in der Älteren Edda vorkommen. Dabei füllt Snorri Sturluson die Lücken zwischen dem einen oder anderen sogenannten Götterlied der Älteren Edda (s.o.). Das reicht von einer Aufzählung von Fakten und Namen bis zu ausführlichen Geschichten, wobei die Berichterstattung durchaus als tendenziös erkennbar ist, also christlich eingefärbt.

I Bring the Fire 1: Wolves — C. Gockel: Für Kenner:innen als Verwurstung einer Loki/Darcy-MCU-Fanfic noch erkennbar. Teil 1 ist kostenlos, der Rest dann zahlungspflichtig. Ich bin in Teil 1 bis zur Hälfte gekommen. Ohne die zufällig ins Bild fahrende Protagonistin mit extremer Oberweite wäre die Story wohl temporeicher ausgefallen. Was interessiert mich eine Studentin der Tiermedizin, wenn Loki seine Söhne retten muss?

Der Weg nach Vinland Margaret Elphinstone: Historischer Roman anhand einiger isländischer Sagas, wie meine Jinntöchter verschachtelt als Geschichte in der Geschichte. Eine alte isländische Pilgerin erzählt einem jungen Mönch, wie sie wegen der sie umgebenden Mannsbilder erst nach Grönland kam und es sie dann für drei Jahre nach Vinland (also heute Neufundland, Kanada) verschlug. Gut recherchiert und spannend, obwohl wir wissen, dass sie heil heimgefunden hat.

Die Naturgeschichte der Drachen (Lady Trents Memoiren 1) — Marie Brennan: Die alte Lady Trent aus einer Alternativwelt mit völlig anderer Geographie erzählt in ihren Memoiren, wie ihre Begeisterung für Drachen sich entwickelte und wie ihre erste Forschungsexpedition verlief. Ähnlich wie Naomi Novik schlägt Marie Brennan hier absolut gekonnt einen altertümlichen Tonfall an. Auch zu erwähnen: Dieser Text ist wegen seines Settings und der Drachen Phantasitk — aber der Fokus liegt tatsächlich auf Naturgeschichte, was einen besonderen Reiz entwickelt. Wer allerdings Elfen, Zauberei und dergleichen erwartet, muss woanders hingehen.

Der Wunschtraum — Dana Brandt: Dana Brandt verehrte mir eine Druckausgabe ihrer Weihnachtsgeschichte 2017. Die ist kurz und so herzerwärmend, dass ich über die Kommafehler locker hinweglas.

Aussen – Asgard – Tag (Die unverfilmten Drehbücher von Loki & Thor) — Axel Hildebrandt: Zwischen Schenkelklopfern und feiner Beobachtungsgabe angesiedelte Szenen zweier heidnischer Gottheiten, die sich mit dem modernen Leben herumschlagen. Hab mich im Zug kringelig gelacht.

Geistkrieger — Sonja Rüther: Ein Alternativwelt, in der Nordamerika nie Kolonie war, also von den First Nations selbst verwaltet wird. Ein schottischer Zuwanderer, der in einer Polizeieinheit für spirituellen Missbrauch landet, gerade, als eine unappetitliche Mordserie beginnt. Eine spannende Was-wäre-wenn-Geschichte, die leider nicht komplett in sich abgeschlossen ist beziehungsweise mit einem recht offenen Ende aufwartet. Würde sich prima für eine Mystery-Crime-Serie bei Netflix eignen. Ansonsten haben wir es eher mit einem handlungs- als einem figurenbezogenen Plot zu tun. Ein bisschen sauer stößt mir auf, dass europäischer Rassismus eher so ein Rand-Ding ist und die Story daher nicht ausreicht, unsereins einen Spiegel vorzuhalten.

Boschs Vermächtnis — Christian von Aster (Hrsg.): Eine Sammlung Kurzgeschichten zu dem opulenten wie rätselhaften „Garten der Lüste„. Wie immer bei so etwas gibt es Geschichten, die mich berührt haben und welche, bei denen ich mich am Kopf kratzte. Um den Platz als Liebling streiten: Luci van Orgs „Vogeltränke“, „Spannerhase“ von Sonja Rüther, „Flügel“ von Tom Daut und „Nachtmahr“ von Robin Gates. Ansonsten empfehlen kann ich „Azurit“, „Serge wohnt hier nicht mehr“, „Dem Berg die Buße“, „Die Muse des Meisters“, „Am Baum der Erkenntnis fault die Frucht“, „Damenwahl“, „Der wilde Hannes“, „Die Krüppel von Burgos“, „Fliegenfische“ und „Die Parabel vom Zwielicht.“ Also: Wenig Ausfälle dabei, vor allem nicht, wenn eins sich auf Nicht-Phantastisches und waschechten Horror einlassen kann.

The Girl on the Train — Paula Hawkins: Gelesen im englischen Original und sehr schnell weggeputzt, da dieser hochspannende Psychothriller wirklich meisterhaft gleich drei unzuverlässige Ich-Erzählerinnen im Tagebuchstil verwebt. Es hat einen Grund, warum die drei Erzählerinnen unzuverlässig sind, aber den zu verraten wäre spoilern. Nebenbei watscht die Autorin ganz locker aus dem Handgelenk den alltäglichen Sexismus ab.

Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten — Becky Chambers: Eine Space Opera im wahrsten Sinne des Wortes: Weltraum und Beziehungen. Statt viele Explosionen treffen wir eine ehrlich diverse Multi-Spezies-Crew und den am wenigsten machohaften Captain, der mir je begegnet ist. Wie diese Truppe sich immer wieder zusammenrauft und ihre mehr oder weniger alltäglichen Probleme bewältigt, ist verflucht sehens- und liebenswert.

Verdrängter Verdacht — Mary Westmacott (Agatha Christie): Ein nicht besonders hoffnungsvoller Gesellschaftsroman, der es schafft, so spannend zu sein wie jeder Krimi der Grand Dame desselben. Eine in der Wüste festsitzende Reisende hat viel Zeit zum Nachdenken über Mann und Nachwuchs. Dabei fördert sie Erstaunliches zutage. Nebenbei ein treffend böses Sittengemälde der späten 1930er Jahre. Erschienen 1944, deutsche Übersetzung von 1988.

S. (oder: Das Schiff des Theseus) — JJ Abrams und Doug Dorst: Ohne die Randbemerkungen wäre „V.M. Strakas“ Romantext nur eine surreal anmutende Betrachtung von Identität, denn einen Mann ohne Erinnerungen verschlägt es auf ein Albtraumschiff und zu einer selbstgewählten, grimmigen Aufgabe. Aber ein Doktorand stiehlt ein Exemplar des Romans aus einer Bibliothek und macht am Rand Notizen. Eine Studentin findet das Buch, fügt ihre eigenen Notizen hinzu und gibt es zurück. Das Resultat ist eine meisterlich nicht linear erzählte Schnitzeljagd nach V.M. Strakas Identität, dem S., der Übersetzerin F.X. Caldeira und der Frage, was ich von einer Person wissen muss, um sie zu lieben. Zu empfehlen ist, sich ein leeres Wochenende dafür vorzunehmen, denn wer lange unterbricht, verliert den Faden. Sollte außerdem nicht im Bett, bei starkem Wind, im Zug oder auf dem Klo gelesen werden.

Fiese Deals — Claudia Konrad (mit Ernst Merz und Uschi Gassler): Eine Sammlung von zehn Lokal-Kurzkrimis und drei Gedichten. Ein paar Fälle machen wirklich Spaß bzw. warten mit originellen Täter*innen auf, vor allem die vier Joint Ventures mit Uschi Gassler, außerdem „Peractum est“ und „Chemie“. „Wahlkampf“ hätte eine pointierte Betrachtung der hiesigen Politik sein können, versteigt sich dann aber in den Giftanschlag einer schizophrenen Migrantin, was doch eher sauer aufstößt. Genauso wird in einem anderen Fall ausgerechnet die einzige Person of Colour zum Täter.

Ich habe ihn getötet — Keigo Higashino: Wie bei Paula Hawkins oben lesen wir in diesem Krimi drei unzuverlässige Ich-Erzählende. Das Verwirrspiel um den Tod eines menschlich unzulänglichen Autors ist schnell und spannend, wartet aber mit keiner klaren Lösung auf — dazu braucht es die Anleitung am Ende des Buchs. Ein Mitratekrimi auf hohem Niveau, der trotz aller menschlichen Abgründe aber nicht an Hawkins‘ Geniestreich heranreicht. Vielleicht auch, weil er sehr typenzentriert ist.

Perfect Rhythm — Jae: Lesbischer Liebesroman, solide Unterhaltung. Rezension ist beim Verein.

Der Wendekreis der Schlangen (Lady Trents Memoiren 2) und Die Reise der Basilisk (Lady Trents Memoiren 3) — Marie Brennan: Die Autorin versteht weiterhin rein naturgeschichtlich zu unterhalten und besticht mit zielgenauen Beobachtungen über (Forschungs-)Reisende im Besonderen, Menschen und ihre Kulturen im Allgemeinen und ihrem steampunkig angehauchten Einfallsreichtum. Die Spannung hält sie aufrecht mithilfe von Andeutungen und wohldosierten Erkenntnissen aus der Archäolgie und der Biologie von Drachen. Kein Gekloppe um Throne, kein fieser Endgegner-Bösewicht, sondern Wissenschaft als Mittel zum Suspense. Das ist etwas, das muss man Marie Brennan erstmal nachmachen. Andererseits ist es halt eine Serie, also sind die Texte alle typähnlich.

Der Orkfresser — Christian von Aster: Keine Ahnung, wie dieser Roman zu seinem Titel gekommen ist. Es handelt sich durchaus um Phantastik, aber die Orks dienen als Aufhänger, nicht als Gegner. Einige ausführliche Gedanken dazu hatte ich schon. Die Nachtbibliothek ist jedenfalls ein Ort, den muss ich mal suchen gehen.

Und hier war ich Hebamme/Lektorin:

Die Schleier der Welt — R. A. Prum und S. C. Kreuer: Das geneigte Publikum trifft eine bisexuelle, mäßig erfolgreiche Privadetektivin, die eine verschwundene junge Frau sucht und dabei über ein gefährliches Geheimnis samt einiger Werwölfe stolpert.

Einen Rosengarten versprach ich nie — Diverse/Bundesamt für magische Wesen (Hrsg.): Hier habe ich „Stadt, Land, Jinn“ beigesteuert und mich ansonsten als Lektorin betätigt. Herausgekommen ist eine meiner Ansicht nach runde Mischung zum Thema „Liebe“. Leider reichte bei der einzigen lesbischen Einsendung die Qualität nicht.

 

Wohlbekömmlich?/Vorsätze

Falls noch wer was zum Lesen für zwischen den Jahren sucht: Christian von Aster hat da was geschrieben.

Nehmen wir den Erfolgsautor einer Fantasy-Reihe. Selbiger mit seinem eigenen Schaffen unzufriedener Autor legt sich auf der Buchpremiere mit einigen Orks an. Ein Foto der Prügelei landet in der Zeitung, und auf einmal reiht sich eine absurde Begebenheit an die andere. Dies führt zu Begegnungen mit Menschen, die auf den ersten Blick Stereotype sind und auf den zweiten eben Menschen. Und zwar solche, die sich noch daran erinnern, dass Geschichtenerzählen „zärtliches Lügen“ ist.

Dazwischen: Anspielungen auf großartige Literatur und archetypische Figuren. Anregungen, was mensch noch lesen könnte. Bösartige bis feinsinnig-nachsichtige, aber immer treffende Beobachtungen der Welt im Allgemeinen und des Buchmarkts im Besonderen. Und Batman, der vielleicht alles richten könnte, lässt auf sich warten.

Außerdem fand ich in „Der Orkfresser“ folgendes Zitat:

Laut lesend blättere ich weiter und merke, wie beängstigend gut dieses Buch funktioniert. Die Geschichte ist unterhaltsam, brennt sich ein, macht neugierig und gewinnt, kaum dass man zu lesen gewinnt, so schnell an Fahrt, dass man förmlich hineingesogen wird und ich mich wieder erinnere, warum sich diese Mischung aus Engel-SM, Zombieselbstfindung und ätherischer Wunderlanddystopie derart gut verkauft: weil sie in aller Überfülle an Motiven, Symbolen und Gleichnissen so sackdumm und leer ist, dass ein Leser am Ende dieses Buchs noch hungriger ist als am Anfang. Das ist es vermutlich, was ein erfolgreiches Buch dieser Tage schaffen muss …

So etwas macht schon mal nachdenklich.

Das erinnerte mich an einen Kommentar von einer guten Freundin über die Bis(s)-Reihe:

Das ist wie Serie gucken. Du weißt genau, dass es bescheuert ist, aber du kannst nicht aufhören.

Es gibt ja durchaus Texte, die sind ultraspannend, und darüber merkt mensch nicht, dass sie völlig hohl sind. Es sind Geschichten, die keinerlei Bedeutung zu haben scheinen oder keine Aussage über das menschliche Dasein treffen. Und trotzdem verkaufen sie sich wie geschnitten Brot und werden sogar verfilmt. (Hust, Illuminati, hust. Dabei sind Verschwörungstheorien so was von Hexenverfolgung und Nationalsozialismus.)

Es gibt Geschichten, die sauge ich auf und nehme mir darauf gleich die nächste vor. Es gibt auch Geschichten, die lese ich und brauche hinterher erst mal eine Pause, weil ich sie verdauen muss. Oder weil ich mir an die eigene Nase zu fassen habe.

Beides hat wohl seine Berechtigung, ja nachdem, was mensch von einer Geschichte erwartet. Einfach mal nicht da sein müssen? Erkenntnisse über sich selbst und das Leben? Beides gleichzeitig?

So etwas geht, der Herr von Aster hat es mir vorgemacht.

Nun mag ein Text für die eine Person flache, wenn auch gut gemachte Unterhaltung sein, für die andere hingegen eine tiefere Wahrheit enthalten, die sie die gleiche Geschichte lieben lässt. (Meine „Albenbrut“ scheint so ein Text zu sein.) Einige haben Trost-Geschichten, die sie zum x-ten Mal lesen, wenn’s grade draußen hart auf hart kommt. Individuen sind da sehr verschieden gestrickt. Glücklicherweise.

Trotzdem lässt „Der Orkfresser“ mich mit einem gewissen Ehrgeiz zurück, Geschichten zu verfassen, an denen Menschen ein bisschen was zu kauen haben, ohne dass es schwer im Magen liegt.

So weit also zu guten Vorsätzen. Egal, ob sich die Mitlesenden hier etwas für das Neue Jahr vornehmen wollen oder nicht: Ich wünsche geruhsame Tage und einen guten Rutsch nach 2019.

 

Ende einer Ära

Ich hab’s ja nie fertiggebracht, dir einen Namen zu geben. Andere hießen Julia oder Dinmikkit, du warst sehr prosaisch, aber liebevoll „der Karren“ oder „die Karre“, je nach Laune.

Wir sind ungefähr 150’000 Kilometer in sechzehn Jahren zusammen gefahren, haben drei Umzüge, drei Konferenzen und fünfzehn Infostände zusammen gewuppt. Wir waren sogar zusammen im Fernsehen! Du hast sämtliche Macken, Dellen und zwei kaputte Stoßstangen, diverse Dekorationen aus Window Color und Aufklebern klaglos hingenommen, obwohl der Decepticon auf der rechten und der „Ich will nur das Eine: Kuchen“ auf der linken Hinterbacke für manches Publikum echt gewöhnungsbedürftig war.

Wir sind ungezählte Male quer durch Süd- und Mitteldeutschland Leute besuchen gefahren und haben auch sonst eine Menge Zeug und Personen transportiert. Außerdem sehr selten Hunde und öfter Katzen. Letzere haben auch schon mal aus lauter Protest ihren Korb in Stinkbomben verwandelt.

Mehr als einmal hatten wir liebe Mitmenschen, die auf dem Beifahrersitz eingeschlafen sind. Das mit der Beinfreiheit im gesamten Auto war für meine hochgewachsenen Bekannten immer eine Wohltat.

Ich hatte gehofft, dass wir das mit dem H-Kennzeichen hinkriegen. Immerhin tratest du 1997 als Mutters Familienkutsche in mein Leben.

Dann kam dieser Sommer und die Zündung wollte nicht mehr so richtig. Zeitweise tuckerten wir auf drei Zylindern. Das vierte Zündkabel war durchgeschmurgelt, und niemand konnte so recht sagen, warum. Es ist Rost im Auspuff, der Keilriemen fast durch, und das mit der Gangschaltung — der erste und der Rückwärtsgang brauchen an manchen Tagen gutes Zureden. Mehr als einmal krachte es im Getriebe, weil ich das beim Anfahren nicht rechtzeitig bemerkt hatte. Dass die Zentralverriegelung an der Volkswagenkrankheit leidet, hatte ich schon vor Jahren akzeptiert, aber es war trotzdem nervig, dass sie nur tat, wenn ich die Fernbedienung nicht benutzte.

Jedenfalls: Ich hab dich gestern ungern hergegeben, aber es ging nicht anders. Dich durch den zehnten TÜV zu bekommen, hätte mich ein Drittel der Neuanschaffung und mindestens das Doppelte deines Restwertes gekostet.

Du kommst hoffentlich zu irgendeinem Menschen, der dich fachgerecht zerlegt und damit andere stolze Besitzer*innen deiner Baureihe noch eine Weile glücklich macht.

RIP, Schätzchen.

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Bald weihnachtet es.

Und daher ist beim Himmelstürmer-Verlag das Buch „Pink Christmas 8“ erschienen.

Es ist eine Story von mir drin: „Raue Nächte“.

Weder mein Titel noch der Inhalt passen so richtig zum Cover. Da mir kein rosa Flausch einfiel, entstand eine nachdenklich-düstere fantastische Story, die, Eigenlob, bei den Rezensent*innen ganz gut ankam. (Und ein Ace enthält. Wie könnte es anders sein.)

Der Hund schoss davon, bellte, dass seine Stimme fast überschlug, und verschwand auf den Waldweg hinter dem Haus, bevor Micha sich wieder aus dem feuchten Gras aufgerappelt hatte.
Die Welt schwankte ein wenig, als er ihr hinterherstapfte. „Buffy!“, brüllte er. „Du Dreckstöle! Komm sofort wieder her!“
Das half natürlich alles nichts. Buffy bellte weiter, die fremden Köter kläfften, dazu wieherte ein Pferd.
Welcher verfluchte Idiot ritt bei diesem Wetter im Wald?
Micha hätte Buffy entgegen aller Ermahnungen einfach in den Garten pinkeln lassen sollen.
Er beschleunigte, um den Hund einzufangen. Wenigstens gab sie Laut und trug das Leuchthalsband.
Kaum, dass er den Waldrand erreichte, verklang das Bellen der fremden Hunde. Selbst der Wind brauste nicht mehr so grauenvoll. Nur Buffy kläffte aus unmittelbarer Nähe. Als Micha dem Weg um ein Brombeerdickicht folgte, fand er sie auch schon. Sie und eine Person auf dem Boden.
Er eilte dazu und ging neben dem Mann in die Hocke. Der Typ trug einen dunklen Rauschebart, lange Haare und ein beschissenes Wikingerkostüm. An dem Helm fehlten bloß noch die Hörner, um das Klischee perfekt zu machen.
„Hallo“, sagte Micha. Rüttelte den Fremden an der Schulter, was dieser mit einem Stöhnen quittierte. Immerhin lebendig und nicht bewusstlos.
Irgendeiner dieser heidnischen Spinner, der heute Nacht was auch immer im Wald getrieben hatte? Vielleicht vom Pferd gefallen war?
Und Micha hatte das Handy im Haus gelassen. Ganz prima.
Wieder rüttelte er den Fremden an der Schulter. „Können Sie mich hören?“
Der Fremde drehte den Kopf und blinzelte Micha an. Selbst im Licht des LED-Halsbandes erkannte Micha bezaubernd grüne Augen und ein seliges Lächeln.
Hübscher Kerl unter dem Bart und dem Dreck.
Etwas stach ihn ins Herz: Das, was ihn anzog, war genau das, was er auch an Luca begehrt hatte.

Verteilungskämpfe

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Oder: Warum meine neusten Figuren unverbesserliche Hipster ohne eigene Autos sind anhand aktueller Beispiele.

Landtagswahlen in Bayern und Hessen sind rum. Am letzten Sonntagmorgen kam im Radio eine Meldung, dass die CSU jetzt genau analysieren will, warum die Leute zur AfD und den Grünen abgewandert sind. Außerdem noch eine Meldung, dass die SPD wieder ihre Arbeitspolitik in den Vordergrund rücken möchte, um damit Stimmen zurückzuholen.

Ich habe auch irgendwo gelesen, dass Arbeit eben nicht das Thema der Zeit sei, sondern Migration, und dass die diametral gegensätzlichen Positionen eben von AfD und Grünen bedient würden, und sie deshalb so viel Zulauf hätten.

Und ich denke … hmm. Jein.

Seien wir mal ehrlich: Sehr viele Leute reißen sich den Arsch auf, damit ihre Kinder es mal besser haben als sie.

Frage: Was ist eine bessere Zukunft?

Ist ein Skiurlaub in einem für Pisten zur Unkenntlichkeit zerstörten Gebirge plus zwei Flugreisen im Jahr „besser“? Ist ein eigenes Auto für den im Haus lebenden Sprössling „besser“? Wie viele Schränke voll Klamotten zählen als „besser“? Wieso füllen manche Ein-Personen-Haushalte monatlich mehr als einen halben gelben Sack mit Plastikmüll? Ist ein neues Smartphone alle zwei Jahre notwendig oder pervers? Wieso halten die Teile eigentlich auch nicht viel länger, ohne rumzumucken?

Wieso ist es billiger, eine neues Waschmaschine zu kaufen, als die alte zu reparieren?

Ab welchem Grad leben wir über die ökologisch sinnvollen Verhältnisse? Und zwar so, dass wir absehen können, dass die Enkel oder Urenkel es eben nicht besser haben werden, sondern mit Pech eine postapokalyptische Welt besiedeln?

Und zwar ganz ohne Zombies und Nuklearkatastrophe, sondern nur mit verändertem Klima? Also, so die richtige A-Karte …

Dazu müssen wir folgende Fakten rechnen: Eine Welt, in der es seit Jahren auf dem Sparkonto fast keine Zinsen mehr gibt. Eine Welt, in der Leute sagenhaft billige Kredite aufnehmen können, um Wohneigentum zu finanzieren, aber gleichzeitig um ihre Jobs bangen.

Ein mir bekannter Buchhaltungsexperte hat sich aus seiner eigenen Firma wegrationalisiert, indem er ein neues Computerprogramm implementiert hat.

So was blüht angeblich einem Haufen Arbeitsplätzen in den nächsten Jahren. Es gibt Leute, die durch Big Data und künstliche Intelligenz ein Wegsterben von 30% oder mehr aller Arbeitsplätze prophezeihen.

Gleichzeitig sind Arbeitsplätze, die wirklich wichtig sind und nicht ersetzt werden können — in der Pflege, beispielsweise — schlecht angesehen und/oder mies bezahlt und/oder haben offen gesagt beschissene Bedingungen. Wie ein befreundeter Arzt in etwa meinte: „Ich arbeite derzeit um die 52 Stunden die Woche, obwohl ich mir nach Nachtdiensten den Tag freinehmen muss. Ich würde mit Kusshand in einem echten Schichtdienst arbeiten, wenn ich dann tatsächlich eine 40-Stunden-Woche hätte und meine Kinder öfter sehen könnte.“ (Pflegekräften geht’s ähnlich, nur mit weniger Geld, weniger Anerkennung und mehr Rückenbeschwerden.)

Die sogenannte Mittelschicht jedenfalls sieht ihre Privilegien und Felle davonschwimmen — der sinnfreie SUV für die Zone 30 dient dann wohl auch dazu, darzustellen, dass eine sich keine Sorgen machen muss. Während Leute wie ich schon lange damit abgeschlossen haben, dass sie nie den Wohlstand erreichen werden, den ihre Eltern zu den besten Zeiten genossen haben.

Respektive könnte ich es schon versuchen: Als selbstständige Apothekerin mit 60-Stunden-Woche und mit Pech ohne Urlaub. Dazu mangelt es mir aber an dem Willen, Leuten unnötigen Scheiß in Plastikverpackungen und Aluminium zu verkaufen.

Und ehrlich: Wozu? Zumal das entscheidende Wörtchen „versuchen“ heißt. Garantiert ist bei den derzeitigen Marktbedingungen nichts außer Stress. Und, mit sehr viel Pech, siehe oben, apokalyptische Zustände, bei denen ich an die illegal in die Schweiz geschaffte Kohle eh nicht mehr rankomme.

Bei der derzeitigen Aussicht beschließen denn manche mit sozioökomisch niedrigem Status, dass sie gleich fragwürdig wenig Grundsicherung beziehen können, statt für fragwürdig wenig Mindestlohn zu malochen und sich dann eine Wohnung in einer Metropolregion doch nicht leisten zu können. „Hartz Vier und der Tag gehört dir“, um eine Bekannte zu zitieren.

Der Kapitalismus frisst seine Kinder

Dauerwachstum funktioniert ab einem gewissen Grad eben nicht mehr.

Es ist also ein gewisses Unbehagen in der Kultur, behaupte ich mal. Weil halbwegs aufmerksame Personen ahnen, dass viele von uns gerade wie die Haute Volée auf der Titanic feiern, obwohl das Schiff den Eisberg schon gerammt hat.

Es gibt einen Grund, warum Dystopien en vogue sind unter den Jugendlichen. Und es gibt einen Grund, warum Thanos, der Titan, bei Marvel nicht mehr die Dame Tod umwirbt, sondern eine Umweltkatastrophe galaktischen Ausmaßes verhindern möchte.

Die AfD behauptet, dass dieses Unbehagen verschwinden würde, wenn wir alle rauswerfen, die nicht arisch genug aussehen, wenn jede Frau wieder mindestens drei Kinder hat und nicht mehr arbeiten geht, wenn Menschen gleichen Geschlechts nicht heiraten dürfen und wir die Unterstützung für Alleinerziehende genauso kappen wie sämtliche Ziele, den CO2-Ausstoß zu verringern.

Die Grünen behaupten in etwa das Gegenteil: Wir besteuern unnötigen Scheiß, schränken die wüstesten Auswüchse des Kapitalismus ein und haben hoffentlich eine Welt, in der Kinder jedweder Hautfarbe auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik einigermaßen gut leben können. Außerdem wissen sie, dass das Wetter sich einen Scheiß um Landesgrenzen kümmert.

Dieses Gegenteil erfordert aber den Griff an die eigene Nase und davor fünf Minuten Nachdenken, was erklärt, warum die Grünen bei Wahlen nicht so viel besser abschneiden, wie nachdenkende Personen sich das vielleicht wünschen würden.

Ich glaube nicht, dass ich die erste Person bin, die diese Beobachtungen gemacht hat und einen Zusammenhang sieht. Und das mit dem Grundeinkommen nicht so doof findet. Ich würde nämlich gern mehr soziales Ehrenamt, aber das hindert eine so am Geldverdienen.

Da ich keine Politikerin bin, schreibe ich halt über Hipster, die völlig unironisch kein Auto besitzen und Jutebeutel benutzen.

Jedenfalls: Irgendwer muss doch Arsch genug in der Hose haben, mit den Leuten mal Tacheles zu reden, statt ihnen vorzugaukeln, dass die Party ewig so weitergehen kann?

N bissl Kitsch für zwischendurch: Die A-Karte

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Worum geht’s?

Wie soll man als Inkubus einen asexuellen Juristen verführen? Es ist nicht ganz einfach, im Auftrag der höllischen Heerscharen einen Spitzel fürs Bundesverfassungsgericht zu werben, wenn die betreffende Zielperson so gar kein Interesse an den Avancen eines Dämons zeigt. Um diese sprichwörtliche A-Karte in einen Trumpf zu verwandeln, muss der Inkubus Andreas seine Methoden hinterfragen und seine lang verdrängte romantische Ader wieder ausgraben.
Eine queer-romantische Fantasykomödie nicht nur für Nerds.

Zu kaufen derzeit nur bei den Kollegen vom Versandhandel (TM).

Wie unten ersichtlich, handelt es sich nicht nur um eine Komödie, sondern auch um Spaß mit Formaten. Weil ein Printsatz daher doch ein bisschen aufwendig ist, ist der für den Januar projektiert, wenn die Kindle-Select-Sache ausläuft und ich festgestellt habe, dass das Interesse groß genug ist.

Leseprobe:

Sonntag, 7. Mai 2017

Kühl und regnerisch

„Die Unten trauen dir nichts zu“, raunte Ulrich vom anderen Sessel her. „Meine Zielperson ist wenigstens glücklich verheiratet.“

Ich, meines Zeichens Inkubus im Dienste der höllischen Heerscharen, blätterte demonstrativ eine Seite weiter in der Akte über besagte neue Zielperson und widmete dem neidischen Kommentar meines Kollegen keine Aufmerksamkeit.

Luzia Morgenstern, unsere Vorgesetzte, zog es wie immer vor, die Stichelei zu überhören, und nahm einen Schluck von ihrem Mokka.

Tatsächlich schien dieser Benedikt Niehaus laut Akte ein leichter Fang für die Firma: Mitte dreißig, neu in der Stadt, Single. Sein extravaganter Kleidungsstil – grauer Anzug, gelbes Hemd, schmale Krawatte mit eingewebtem Lurex – wies darauf hin, dass er wohl eher einen Mann denn eine Frau suchte. Trotz der Hipsterhornbrille mit passendem Undercut trug er keinen Bart, was ich sehr angenehm fand.

Typischerweise hatte es die Rechercheabteilung aber beim Nötigsten belassen und delegierte den Rest an das Bodenpersonal. Die Unten wussten wohl, dass es sonst noch langweiliger wäre.

„Gibt es noch Unklarheiten, meine Herren?“ Luzias völlig schwarze Augen blickten mich über den Rand ihrer Mokkatasse hinweg an und schienen direkt in meine Seele zu schauen – oder in das, was eben stattdessen in meinem Inneren vorhanden war, denn die Seele hatte ich bei meiner ersten Begegnung mit Luzia vor knapp vierhundert Jahren verkauft. Oder besser gesagt, ich hatte sie an den Boss verpfändet.

„Gibt es ein Zeitfenster?“, fragte Ulrich. Der machte den Job sogar noch länger als ich und brauchte sowohl den Druck als auch den Wettbewerb, um seine Arbeit interessant zu finden. In seiner Freizeit frönte er mehreren gefährlichen Hobbys, unter anderem Basejumping.

Um Luzias Augen kräuselte sich die Haut zu einem winzigen Lächeln. Natürlich wusste sie, was wir dachten. „Ich meine, das ergibt sich von selbst.“

Ulrich nickte. Was auch immer in der Akte stand: Er strahlte, als hätte Luzia eigens für ihn einen neuen Extremsport erfunden. Auch ich fand mein Zeitfenster logisch: Sinnvollerweise sollte ich den jungen Mann umgarnen, bevor er hier in der Stadt Anschluss fand.

„Also dann. Bis nächsten Sonntag, meine Herren.“

Damit löste sich Luzia samt Mokkatasse in schwarzen Rauch und Schwefelgestank auf.

Ich verpackte die Akte über Benedikt Niehaus in meinen Rucksack, während Ulrich seine demonstrativ liegen ließ und sich gleich aus dem niedrigen Ledersessel wuchtete. „Kollege“, sagte er und tippte sich an die Stirn. Mit etwas gutem Willen konnte ich das als einen Salut statt einer Beleidigung auslegen.

Kindereien eben.

Ich folgte Ulrich aus dem Büro in einen hell erleuchteten Flur und von da aus auf die Straße. Der Kollege hatte sein hochgetuntes Motorrad wie immer direkt vor dem Haus im Parkverbot abgestellt. Ich hingegen hatte wegen des Regens auf mein Fahrrad verzichtet und schlenderte mit Schirm zur nächsten Straßenbahnhaltestelle.

Zwei Minuten später röhrte Ulrich entgegen der Einbahnstraße an mir vorbei, ohne Helm selbstverständlich.

Der Ärmste.

Zwar lästerte er immer über die mir zugewiesenen Aufgaben und überhäufte mich auch sonst mit Sticheleien, aber das war nur der Neid. In meinem Vertrag gab es nämlich eine Klausel über die Auflösung desselben. Dass die Bedingung eintreten würde, war unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto, aber immerhin: Ohne meine blauen Augen hätte mich Luzia nicht so dringend bei den Heerscharen haben wollen, dass sie sich auf so etwas einließ. Angeblich waren Blauäugige vom Schicksal begünstigt und seltener verbittert genug, um ihre Seele dem Teufel zu verschreiben. Und ihnen wurde mehr Glauben geschenkt.

Mein Telefon pingte dezent. Ich grub es aus meiner Hosentasche. Werbung für preisreduzierte E-Bücher von den Kollegen aus dem Versandhandel. Unter den Vorschlägen war ausnahmsweise Science Fiction, die interessant klang, also lud ich die Kurzgeschichte herunter.

Ein Umweg über ein lauschiges Café, eine heiße Schokolade zum Aufwärmen und etwas Leckeres zu lesen, das wäre jetzt nicht verkehrt. Einerseits … ich blickte zum wolkenverhangenen Himmel, dann auf die Uhr. Halb zwölf mittags. Eigentlich sollte ich mich in Richtung der Wohnung meiner neuen Zielperson schwingen und diese ausspionieren. Die Zeit drängte, etc.

Andererseits waren zehntausend Wörter in einer guten halben Stunde gelesen, und Singles saßen bekanntlich alle sonntags einsam in ihren Wohnungen. Ob ich den Benedikt Niehaus um zwölf oder um eins bei seinem Wochenendblues erwischte, war gleichgültig.

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Gruppe asKA

Jonah:

Hiermit will ich Benedikt willkommen heißen. :)

 

Benedikt:

Vielen Dank für die Aufnahme. ^^

 

Sanja:

Huhu! Wie schön. <Kuchenstück >

Wo wir gerade bei ungesunden Kalorien sind: Kuchen im Gold irgendwer?

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Benedikt Niehaus lebte im vierten Stock eines stylischen Neubaus, dessen südliche Fensterfront auf ein ebenso ultramodernes und ultraökologisches neues Viertel der ehrwürdigen Fächerstadt Karlsruhe blickte. Auf der erhöhten Promenade hinter dem Haus, von der Stadt und Architekten behaupteten, es sei eine Esplanade, flanierten daher trotz des Wetters zahlreiche Hipster.

Bei der Wohnung meiner Zielperson handelte es sich um einen Glaskäfig mit kleinem Balkon, dessen Tür offenstand. Da drin herrschte anscheinend jeden Tag Tropenfeeling. Entsprechend kühl fiel die Einrichtung aus: weiße Wände, weiße Bücherregale und, sehr sympathisch, ein Poster mit Captain Picard von der Enterprise.

Damit war klar, wohin uns das erste nächtliche Treffen führen würde.

Plötzlich trat Benedikt Niehaus höchstselbst auf den Balkon, weshalb ich den Kopf senkte und ihn nur noch aus dem Augenwinkel beobachtete. Er trug das kanariengelbe Hemd, in dem ihn die Rechercheabteilung erwischt hatte, ein dunkelgraues Sakko und einen Trilby in der passenden Farbe. Roger Cicero sei Dank, der kleine Hüte aus der modischen Versenkung geholt hatte. Benedikt Niehaus schaute zum Himmel, zuckte mit der Nase, spielte mit seinem Handy und verschwand dann nach drinnen, um die Balkontür mit einem endgültigen Geräusch zu schließen. Jemand hatte wohl eine Verabredung.

Gut? Schlecht?

Ich stand auf und nahm die nächste Möglichkeit, um die Nordseite des Blocks zu erreichen. Als Benedikt Niehaus, beschützt von einem antiquierten Stockschirm, an der nächsten Ampel die Kriegsstraße überquerte, schlenderte ich hinterher. Da er recht groß war und dank seiner Erscheinung auffiel, hätte ich ihn selbst in einer völlig überlaufenen Fußgängerzone an einem Samstagmittag gut verfolgen können.

Es ging tiefer in die Oststadt, offensichtlich vom Handy navigiert, bis wir nach einer viertel Stunde Spaziergang ein hipsterüberladenes Café namens Gold erreichten. Drinnen waren alle Tische besetzt. Auf einem davon stand eine Spardose in Form eines Kuchenstücks, und auf diese steuerte meine Zielperson zu. Das kitschige Porzellanteil schien als Lotse zu fungieren. Zwei Leute erhoben sich, als sie die Annäherung bemerkten. Eine der beiden trug … etwas Flatteriges.

Mit einem „Nett, Sie kennenzulernen“-Lächeln schüttelte Benedikt Niehaus beiden die Hand. Wenigstens war es kein romantisches Date. Oder? Heutzutage konnte man sich da auf nichts mehr verlassen.

Weil ich unentschlossen vor der Glastür stand, warf mir eine Bedienung einen fragenden Blick zu. Sollte ich mich hineinwagen?

Aber drinnen lief Musik, außerdem müsste ich mich an denselben Tisch setzen, wenn ich über all den anderen Gesprächen etwas Verwertbares erfahren wollte. Lieber drehte ich eine Runde um die nächste Ecke und kehrte unsichtbar wieder zurück.

Jetzt konnte ich mir ungestört an der Scheibe die Nase platt drücken.

Mittlerweile nippten die drei an ihren Getränken. Es war eine recht bemerkenswerte Runde. Neben Benedikt in seinem schnieken gelben Hemd gab es eben das Wesen mit dem pastellig-feenhaften Flatterkleid. Die junge Frau trug ein hennarotes Rattennest auf dem Kopf und zahlreiche Armreifen mit keltischen Knotenmotiven. Sie gestikulierte viel und ausladend.

Der andere junge Mann, mittelgroß und mit beginnender Plauze, wirkte dagegen unscheinbar in schwarzen Hosen und ebensolchem Band-T-Shirt. Dazu eine Nerdbrille. Obwohl seine Kringellocken darauf hinwiesen, dass er einen Schwarzen Menschen in der näheren Ahnenlinie hatte, wirkte er blass. Er hatte seine Haare zu einem kurzen Zopf im Nacken zusammengebunden, lies: Ich habe keine Lust, mich um das Gestrüpp zu kümmern. Dieser Mann machte sicher irgendwas mit Computern und ernährte sich todsicher von zu viel Pizza.

Das Gespräch schien recht angeregt zu verlaufen, entgegen der Erwartungen, die man an eine solch gemischte Gruppe haben sollte. Irgendetwas wurde auf einem Telefon herumgezeigt. Eine Runde Kuchen folgte, der unter Grinsen fotografiert wurde, bevor die drei sich darauf stürzten.

Erst nach fast vier Stunden zahlten sie. Das Mädchen im Flatterkleid umarmte beide Männer und entschwebte zu einem Fahrrad. Als sie an mir vorbeiging, hörte ich ihre Armreifen klimpern.

Die beiden Männer schlenderten, einträchtig nebeneinander unter dem altmodischen Schirm, in Richtung des KIT, der durch den MIT-ähnlichen Titel upgegradeten Universität. Fetzen einer Lästerei über den letzten Star-Wars-Film wehten zu mir herüber. An der Haltestelle südlich des Campus stieg der Mann in Schwarz in eine Straßenbahn, und meine Zielperson trat wiederum einen vom Handy navigierten Fußmarsch nach Hause an.

Worüber hatten Menschen vier Stunden lang zu reden, die sich noch nie getroffen hatten? Außer Star Wars?

Andererseits war die moderne Welt ein seltsamer Ort – wer wusste, ob sie sich nicht im Internet verabredet hatten. Ob der genaue Treffpunkt ein Online-Bonsaiclub, ein Fetischforum oder eine Literaturgruppe gewesen war, sah man den Leuten aus der Ferne selten an.

Meine Zielperson jedenfalls kaufte sich passend zum Outfit Sushi zum Mitnehmen und verschwand in ihrer Wohnung.

Da mich meine klamme Kleidung mittlerweile unangenehm an Dinge erinnerte, die ich lieber vergessen wollte, nahm ich die nächste Straßenbahn zu meiner Wohnung auf der anderen Seite der Innenstadt.

Dort holte ich selbstgemachte Lasagne aus dem Tiefkühlfach und warf die Mikrowelle an, um sie aufzutauen.

Gegen halb elf machte ich es mir auf meinem Sitzsack bequem, schloss die Augen und suchte die Träume des Benedikt Niehaus.

Überraschung zur Asexual Awareness Week 2018

Dieses Jahr beginnt die Asexual Awareness Week am Sonntag, den 21. Oktober.

Exakt an dem Tag sollte bei den Kollegen vom Versandhandel (TM) ein farblich und thematisch passendes Schätzchen online gehen:

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Wenn ich präsentieren darf: Die A-Karte. Eine queer-romantische Fantasykomödie nicht nur für Nerds.

Wie soll man als Inkubus einen asexuellen Juristen verführen? Es ist nicht ganz einfach, im Auftrag der höllischen Heerscharen einen Spitzel fürs Bundesverfassungsgericht zu werben, wenn die betreffende Zielperson so gar kein Interesse an den Avancen eines Dämons zeigt. Um diese sprichwörtliche A-Karte in einen Trumpf zu verwandeln, muss der Inkubus Andreas seine Methoden hinterfragen und seine lang verdrängte romantische Ader wieder ausgraben.

Ganz Eilige können schon mal vorbestellen. Menschen, die ein Print haben wollen oder nicht bei den Kollegen vom Versandhandel (TM) lesen möchten, müssen hoffen, dass meine Coverkosten wieder reinkommen und, für den Fall, dass dies eintritt, sich 90 Tage gedulden, danach wird das Schätzchen aus dem Kindle-Select-Programm fallen.

Bei so was fühlt sich eine dann doch, als hätte sie einen Vertrag in Blut unterschreiben … ist halt ein Experiment. Also das mit dem Kindle Select, dem Vertrag mit den Kollegen vom Versandhandel (TM) und dem Inhalt.