Public Service Announcement

#GrundeinkommenJetzt!

Nur falls es wer in meiner Blog-Filterblase noch nicht gesehen hat: Es gibt eine Petition, statt Krediten und irgendwelchen Hilfen einfach mal sechs Monaten allen Leuten Geld zu zahlen. Wäre weniger Bürokratie und mehr Sicherheit.

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Zumal die Ladenbetreibenden langfristig zu kämpfen haben werden, daher: Wartet halt mal ein paar Tage mit dem Shoppen und unterstützt diejenigen, die jetzt ihre Läden zumachen müssen. All die kleinen Geschäfte, ohne die eine Innenstadt gähnend langweilig wäre. Keine fünf Packungen Schoki oder Pralinen als Dankeschön für Pflege, Krankenhaus, sonstwo, sondern ein 5- bis 10-Euro-Gutschein von einem der Läden, die jetzt grade geschlossen haben müssen und nicht wissen, ob sie ihre nächste Miete zahlen können.

#supportyourlocals

 

Mit Grüßen an die von DasNixblix passend betitelten Kackbratzen, die uns wahrscheinlich ab übermorgen eine Ausgangssperre bescheren und dann Amazon noch weiter leerkaufen, als sie es ohnehin schon tun.

(Manchmal tät eine sich schon erträumen, dass so ein Virus nach Solidarität selektiert.)

#staythefuckathome

Covid-19, Virus, Coronavirus, Pandemic, Epidemic

Covid-19, von TheDigitalArtist via Pixabay.

Also. Ich bin ja bekanntermaßen nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Teilzeit-Apothekerin.

Vor gut drei Wochen ist etwas passiert, das mir zu denken gegeben hat. Ich hatte vorher neun Tage mit einer Nebenhöhlenentzündung daheim verbracht. Mittwoch und Donnerstag war jeweils ein halber Tag arbeiten angesagt. Freitags und samstags war Nebenjob im Homeoffice, und da hatte ich wieder vermehrt einen trockenen Husten. Sonntag kamen eine sehr, sehr laufende Nase und leichte Gliederschmerzen hinzu.

Lästig, aber verschmerzbar. In der Nacht schwitzte ich was weg, am nächsten Morgen wachte ich mit einseitigem Kopfweh auf und dachte: „Na, Rotzerei und eine Migräne obendrauf. Danke, höhere Mächte.“ Nahm Schmerzmittel, frühstückte und machte mich auf zu einem 10-Stunden-Tag Apotheke. Wäre ja peinlich, sich schon wieder krankschreiben zu lassen wegen zwei Lappalien, zumal das Schmerzmittel die einseitigen Kopfschmerzen linderte und ich nicht mal mein echtes Migränemittel hinterschieben musste. Gegen den trockenen Husten hatte ich noch was da, weil meine Nebenhöhlen haben immer trockenen Husten.

Wenn ich den Dienstag ebenfalls eingeplant gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich gebeten, einen Ersatz für mich zu finden, aber wenn ich an den nächsten beiden Tagen ausschlafen konnte? Da hatte ich schon unter erschwerteren Bedingungen gearbeitet. (S.u.) Und konzentriert war ich ja auch.

Außerdem waren von der anderen Berufsgruppe (den Pharmazeutisch-Technischen Assistentinnen) zwei krank, aus einer Filiale würde Ersatz da sein. Da noch ausfallen und alles den Noobs überlassen, die sich in unserer Filiale nicht auskennen? Nicht gut.

Also ich mindestens zweimal die Stunde raus zur Hintertür, Nase putzen und/oder husten, Taschentuch in ein verschlossenes Gefäß, Hände desinfizieren, weiter im Text. Zwischendurch noch mal in die Armbeuge gehüstelt.

Mittwochs war der Spuk bis auf ein bisschen Husten vorbei.

Es stellte sich am Montag drauf raus, dass wenigstens eine meiner beiden PTA-Kolleginnen das gleiche Viehzeug gehabt hatte, bloß heftiger: Gleiche Symptome plus Fieber und extreme Erschöpfung, eine Woche Krankschreibung. Anscheinend hatte uns allen beiden wer am Mittwoch oder Donnerstag den entsprechenden Virus überreicht, aber die andere hatte es ungleich härter getroffen.

Und eine von den Vertretungen hatte sich, wie ich vorgestern erfuhr, wohl bei mir angesteckt und lag zwei Wochen flach.

Keine davon Grippe geimpft. Ich hole mir aber seit fünf Jahren den Piks. Da kann man zwar noch Grippe bekommen, entwickelt aber mildere Symptome.

So mir nichts, dir nichts hatte sich meine lästige Erkältung also als wahrscheinliche Virusgrippe entpuppt.

(Die nächste nachgewiesene Virusgrippe begegnete mir eine Woche später im Notdienst. Die war im Krankenhaus, wurde mit einem Mundschutz entlassen und bekam das entsprechende Mittelchen dagegen, nämlich Tamiflu.)

Wir lernen also zwei Dinge daraus:

Erstens ist das mit der Statistik so eine Sache. Ich hatte in meinem Leben schon öfter etwas, das wahrscheinlich eine Virusgrippe war, aber in Arztpraxen macht niemand einen Test, verteilt keinen Mundschutz und verbietet einem auch nicht, die Großeltern zu besuchen. (Nicht, dass ich auf die Idee gekommen wäre, aber manche sind da eben auch einfacher gestrickt und wissen nicht mal, dass sie ihre Viren verbreiten, wenn sie husten oder auch nur sprechen.)

Quarantäneansage war auch nicht — das vorletzte Mal anno 2018 war ich arbeiten, weil wir sonst ab Mittwoch die Apotheke hätten schließen müssen, und hatte, völlig erschöpft und mit Kreislaufproblemen einen Heidenspaß, die Apothekerkammer zu überzeugen, dass ich den 24-Stunden-Sonntagsnotdienst unter diesen Umständen leider nicht auch noch machen kann.

Zweitens: Mein Schnupfen war der anderen Virusgrippe. Und ich habe in Gegenwart von Menschen über 60 in meinen Ärmel gehustet.Keine Ahnung, wer das Viehzeugs jetzt meinetwegen noch hatte, und wie die damit zurechtgekommen sind.

Das heißt, das nächste Mal bleibe ich bei so extremer Rotzerei daheim: #staythefuckathome.

Das heißt aber auch: Die Zahl der unbekannten Fälle ist viel höher, weil sie ja als „Lappalien“ angesehen sind. Ob nun Virusgrippe oder jetzt Corona. Überall da, wo die Ansteckungskette unbekannt ist, steht eine Person zwischen 20 und 40, die halt mal ein bisschen rumgehustet hat, oder eine Nacht geschwitzt, oder vielleicht sogar beides. Aber ich hab doch kein Fieber! Bin doch nicht krank.

Du bist aber ansteckend, Herzchen.

Und manche Leute müssen deiner Lappalie wegen ins Krankenhaus.

Also halt gefälligst Abstand.

 

 

 

 

Die Unke und #bücherhamstern

Bild könnte enthalten: Text

Noch vor einer guten Woche unkte ich rum wegen Buchmesse und Corona, und was ich schon befürchtet hatte, ist passiert: Die Leipziger Buchmesse 2020 ist abgesagt worden.

Der Volksgesundheit mag das guttun, kleinen Verlagen aber überhaupt nicht: Die sind mit Büchern, Leseproben etc. in Vorleistung gegangen, die sie nun in der Menge nicht brauchen, und nicht jedes* hat das Schweineglück, ein kostenlos stornierbares Hotelzimmer gebucht zu haben.

Ganz zu schweigen von dem Umsatzausfall.

Eine ultimative Soforthilfe ist es, Bücher, die eins eigentlich auf der Messe kaufen wollte, direkt bei den Verlagen zu bestellen. So müssen die keinen Rabatt an die Großhändler und Amazon abdrücken. Das Zauberwort hierzu heißt: #bücherhamstern

Des weiteren wird es eine Art Ersatzveranstaltung im Netz geben: Lesungslivestreams,  Blogparaden, etc. Meinen von zwei Erkältungen strapazierten Nerven ist das ein bisschen zu viel, ich hoffe aber, hier aber beizeiten noch einige Links verkünden zu können.

Geplant ist das alles unter #lbm20reloaded

In Leipzig in der Stadt finden übrigens trotzdem Lesungen statt. Und die Edition Roter Drache hat ein Nest eingerichtet, wo sich einige Autor*innen rumtreiben werden.

Aktuelle Veranstaltungen auf deren Facebook-Seite.

*Goethe durfte das, also mach ich mal. Siehe: Die Wahlverwandtschaften.

 

Leipziger Buchmesse/LBM 2020 und SARS-CoV-2

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LBM 2017 — eine Weile her …

Sofern das SARS-CoV-2 der ganzen Sache keinen Strich durch die Rechnung macht und ich selbst von andere Viren verschon bleibe, werde ich zur Buchmesse drei Tage in Leipzig weilen.

Bei dead soft in Halle 1, Stand A 301 bin ich für Freitag, 13. März, von 12-13 Uhr eingeplant.

Wenn ich sonst nicht bei diversen Lesungen und feministischen Diskussionsrunden weile, werde ich vermutlich in Halle 2 bei Edition Roter Drache rumlungern (und zu viele Bücher kaufen — Stand K 310-312) …

… oder auch mal PAN e.V. unsicher machen (Halle 2, K 601).

 

Übrigens, ich bin eine von den Irren, die hat keinen Mundschutz daheim, obwohl sie in einer Apotheke arbeitet und hätte welchen kriegen können, als es noch welchen gab.

Bei uns im Laden hat nur eine mitgenommen, die eine kranke alte Verwandte pflegt.

Weil:

1. Davon bleibe ich auch nicht gesund.

Und 2. Wenn ich jemals ansteckend bin und davon weiß, muss ich eh in Quarantäne. Wenn ich nicht weiß, dass ich ansteckend bin, trage ich auch keinen Mundschutz.

Satz mit X also.

Nur weil’s im Fernsehen ist, braucht ihr das nicht auch. Asiatische Touristinnen haben schon anno 2015 in der besten Luft der Welt (Island) Munschutz getragen, da hattet ihr noch nie was davon gehört.

Guckt lieber, dass ihr regelmäßig eure Pfoten wascht, niest und hustet verflucht nochmal in eure Ellenbeuge und nicht in die offene Hand (ich freu mich immer, wenn dann jemand mit seinen Rotzpatschern bei uns in der Apotheke auf den Tresen tappt oder mir Geld damit überreicht/Ironie Ende), haltet eure Schleimhäute feucht (vor allem in Flugzeugen und bei Klimaanlagen), fasst in der Arztpraxis keine Zeitschriften an, etc.

Also eigentlich der ganze Kram, den so ein Mensch die ganze Zeit beachten sollte, aber irgendwie kriegen es nicht nur rebellische Fünfjährige, sondern auch ganz hundsgewöhnliche Erwachsene hin, sich nach der Benutzung eines WCs nicht die Hände zu waschen.

Oh ja, und Deckel beim Spülen runterklappen. Echt, ey.

Gelesen 2019

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Bild von Ylanite Koppens auf Pixabay — Aziraphale/Erziraphael würde angesichts dieser Gefahr für arglose Bücher wohl verärgert die Lippen zusammenkneifen.

Hier handelt es sich um meine jährliche Auflistung an gelesenen fiktionalen Texten samt Kritiken und Meinungen. Statt Jahresrückblick. Nicht alle Bücher habe ich selbst gekauft, da sie mir geliehen oder geschenkt wurden. Geld oder andere Gegenleistungen erhalte ich nicht für derlei öffentliche Meinungsäußerungen, ich habe einfach so Spaß am Loben oder Zerfleddern.

Wie immer war die Sachliteratur sehr zahlreich und ich habe keine Liste erstellt.

Eine meiner neuen Arbeitsstellen können Sie sich unten per Google erschließen. Ich bin tatsächlich auf 450-Euro-Basis angestellte Lektorin, und das komplett ohne Germanistikstudium.

U-Literatur

Akram El-Bahay: Bücherstadt und Bücherkönig. Teil 1 und 2 einer Trilogie, die 2019 ihren Abschluss finden wird. Epische Fantasy, und zwar wortwörtlich, denn es geht um Fabelwesen und nichts weniger als das Schicksal der Menschheit. Ein Dieb, der keiner mehr sein will, begegnet in der riesigen unterirdischen Bibliothek Paramythia einem geflügelten Fabelwesen und beginnt zu ermitteln. Was hat die geheimnisvolle Beraterin des Königs damit zu tun?

Eine Geschichte, die von Beginn an mit mehr Action als Figurenzeichnung aufwartet, weshalb die Gewissensbisse des Helden Samir und seine Romanze mit der vermeintlichen Dienerin Kani zeitweilig wie Behauptungen auf mich wirken. Dafür bestechen die Romane mit einem ausgeklügelten Weltenbau jenseits des europäischen Pseudomittelalters und halten durchwegs bei hohem Tempo und schönen Wendungen die Spannung.

Claudia Speer: Der Auftrag des Normannen und Der Normanne, der Knappe und das verschenkte Schwert. Historische Romane, Teil 1 und 2 einer noch nicht beendeten Reihe. Die mir gut bekannte Kollegin hat sich mit Guy of Gisborne einen der Schurken aus dem Geschichtenkreis um Robin Hood gegriffen und selbigen nach Richard Löwenherz‘ Rückkehr von seiner Heimatinsel verbannt. Im ersten Band soll er für Richards Mutter im Schwarzwald einen unehelichen Spross des deutschen Kaisers finden. Doch schon am ersten Tag der Ermittlungen geschieht ein Mord. Guy und sein Übersetzer, der vierzehnjährige Jakob, stolpern von da an von einem Missgeschick ins nächste.

Die beiden recht schmalen Bände habe ich wegen Krankheit innerhalb von zwei Tagen in einem Rutsch durchgelesen. Trotz der hohen Geschwindigkeit gelingt es der Autorin, Guys menschliche Seiten zu zeigen (soweit bei diesem launischen Kerl möglich), und das Abenteuer mit exakt so viel Buddy-Komödien-Elementen und Seifenoperflocken aufzulockern, dass man den dritten Band gespannt erwartet.

Sophie Hénaff: Kommando Abstellgleis und Das Revier der schrägen Vögel — Krimis mit einer ordentlichen Portion Komik. Es heißt ja, in Tragödien scheitern die Figuren am Leben, in Komödien scheitert das Leben an den Figuren. Hier ist ein schönes Beispiel für diese Weisheit. Eine Horde in Ungnade gefallener Polizist*innen in Paris muss sich als Brigade für ungelöste Fälle zusammenraufen.

Zwischen genauer Beobachtungsgabe und brilliant ausgeführtem Slapstik bewegen sich die Figuren trotz ihrer tragischen Backstorys mit einer solchen Würde, dass man sie einfach lieben muss. Die Rätsel geraten da fast in den Hintergrund.

Dorothe Reimann: Elegie des Großen Krieges — Dabei handelt es sich um ein recht kurzes Weltkriegsdrama mit zwei Fäden: Einmal schreibt ein deutscher Soldat an der Somme Briefe, die er nicht abschickt, an eine ferne Angebetete. Zum Zweiten erleben wir in einem manchmal ins Allessehende wackelnden personalen Erzähler einen jungen Engländer auf der direkt gegenüberliegenden Seite der Stacheldrahtverhaue und Granatentrichter.

Die Toten des Ersten Weltkriegs, den hungrigen Alltag im Graben, die in Abgestumpftheit und Hass umschlagende Euphorie stellt die Autorin sehr drastisch und gewiss keinesfalls übertrieben dar. Ein Manko ist der sehr abrupte Schluss, der eine halbe Seite länger (aber keinesfalls mehr) hätte ausfallen dürfen. Wer auf glückliche oder wenigstens hoffnungsvolle Enden steht, sollte einen Bogen um den Text machen, alle anderen essen den fragwürdigen Eintopf mit und fragen sich, wie wir das überhaupt hingekriegt haben mit der EU.

Diverse: Basement Tales Vol. 2: Sperrgebiet — Sammlung mit fünf Kurzgeschichten, die ich gewonnen habe. Der Verlag The Dandy is Dead bietet hier eine Reminiszenz an die „Groschenhefte“ alter Zeiten, wobei hier die Gestaltung einen dezidiert künstlerischen Anspruch verfolgt und mit zwei Postern aufwartet, die beidseitig bedruckt vier von fünf Geschichten in Szene setzen.

Christoph Marzi wartet mit trashigem Monsterhorror auf, Diana Kinnes Zimmer 10 hätte für ein echt überraschendes Ende ein paar mehr Zeilen vertragen können, Christian Endres baut eine faszierende Dystopie auf, deren unoriginell motivierter Bösewicht jedoch enttäuscht. „Ist halt irre und hat Spaß am töten“ kommt nicht so häufig vor wie Psychothriller vermitteln, daher finde ich das so unglaubwürdig wie langweilig. Die letzten beiden Stories von Norman Liebold (Parzifal) und Isa Theobald (Im Kerker) dagegen sind echte Highlights, die plastische Beschreibungen und wunderbar überraschende Wendungen aufweisen und dabei das ganz alltägliche Grauen, das mehr oder minder wohlmeinende „Normalos“ fabrizieren, gezielt aufs Korn nehmen.

Benedict Jacka: Das Labyrinth von London — Urban Fantasy. Nicht beendet, da mich der Ich-Erzähler in seiner besserwisserischen Art irgendwie nervt, obwohl die Idee und der Weltenbau echt faszinierend sind.

Hanya Yanagihara: Ein bisschen Leben — Drama mit einem Hauch magischem Realismus. Vor Lesebeginn ist unbedingt zu überprüfen, ob genug Taschentücher im Haus sind. Ich habe über etwa ein Drittel der gut 900 Seiten geflennt. Neben einer dicken Triggerwarnung (Details bitte erfragen, da Spoiler) kann es durchaus sein, dass man beim Lesen eine gewisse Wut entwickelt. Man möchte Jude St. Francis und/oder dessen Umfeld schütteln und diverse andere Figuren töten und gleichzeitig das System einreißen, das so viele Machtgefälle produziert, und das immer noch funktioniert. Ich habe mich so aufgeregt, dass ich ausführlich wurde.

Laila Lailami: The Moor’s Account — historischer Roman. Eine kastilische Expedition aus Soldaten und Siedlern von 300 Menschen landet im 16. Jahrhundert an der Küste Floridas und begibt sich auf die Suche nach dem sagenhaften Gold der Apalachen. Doch die Geschichte vom Gold erweist sich als aufgebauscht. Plündernd zieht die Truppe durchs unbekannte Land, verirrt sich und wird von den Ureinwohnern, Alligatoren und Krankheiten aufgerieben, bis nur noch vier übrig bleiben: Drei spanische Edelmänner und ein Sklave des einen, „Estebanico“ aus Azemmour, heute in Marokko, damals von den Portugiesen besetzt. (Unterschätzen Sie nie den Anteil der portugiesischen und spanischen Händler am weltweiten Sklavenhandel.)

So weit die tatsächlichen Ereignisse. In den offiziellen (und sicher geschönten) Quellen kommen natürlich nur die Edelleute zu Wort, der „Mohr“ wird in gerade mal einem Satz erwähnt. Laila Lailami gibt diesem „Mohren“ einen Namen und eine Stimme und fragt in einer bis zur letzten Seite spannenden und bewegenden Geschichte nach Gier, Freiheit und diesem lästigen Ding namens Hoffnung.

Christian von Aster: Der letzte Schattenschnitzer — urbane Phantastik. Auch wenn weder das Cover noch der Klappentext darauf hinweisen, handelt es sich hierbei um Urban Fantasy für Menschen ab 14, und keinesfalls für Kinder. Der Weltenbau ist faszinierend, da hier Menschen über Schatten gebieten (oder auch nicht), und Christian von Aster gewohnt liebevoll und detailreich eine ganze Historie (samt erfundener, zitierter Quellen) aufbaut. Insgesamt hätte die Geschichte ein bisschen mehr Substanz vertragen, sie ist mir einfach zu kurz und hält außer ihrer Spannung häufig mehr Distanz als nötig.

Tilman Spreckelsen: Gralswunder und Drachentraum — Ein Streifzug durch die Artuswelt. Der Autor stellt ausgewählte Figuren mittelalterlicher deutscher Romane in literatischen und oftmals pointierten Kurzportraits vor. In einer Grauzone zwischen Sachbuch und Fanfiction entsteht damit ein so amüsantes wie faszinierendes Panorama von Figuren, die einst die Gemüter Europas bewegt haben.

Diverse: Dunkle Ziffern — Eine Anthologie zugunsten Dunkelziffer e.V.. Realistische und fantastische Kurzgeschichten beleuchten Dinge, die oft wenig Beachtung finden, und bei denen man lieber wegschaut. Die meisten beschäftigen sich mit sexueller Gewalt (häufig an Kindern), dazu gibt es ein Märchen über Depression, eine Geschichte über Zeugenschaft und eine sehr schöne Geschichte über Trauer. Trotz der bedrückenden Thematik verstehen sich alle Geschichten als eine Botschaft: Dass man nicht allein mit diesen Erlebnissen ist und dass die Schuld allein beim Täter liegt (wo es einen Täter gibt). Diese Dinge passieren nicht einfach, nein, jemand trifft die Entscheidung, einem anderen Menschen dies anzutun.

Einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben Boot Hill – Hügel der Stiefel von David Gray und Tom Dauts Schweigen für ihre beklemmende Atmosphäre, Pasch von Fräulein Spiegel für den Weltenbau und ein überzeugendes Dilemma, Rot von Germaine Paulus für seinen rätselhaften Minimalismus, Sehnsucht von Isa Theobald wegen seiner Bildgewalt, BKA vs. King von Theresa Hannig und Alt + Entf. von Nina George für diverse Überraschungen, und Angeleckt von Luci van Org für die Dame in Rot. Absolute Lieblinge sind Christian von Asters Der letzte Eindruck wegen seines unvergleichlichen, warmen Humors und Ungeliebt von Sonja Rüther, die der Schuld eine Stimme gibt — aber nicht die, die man erwartet.

Klara Bellis: Die Kaiserin der ewigen Nacht — Urbane Fantasy. Aus einem elfischen Gewächshaus entkommt eine blutsaugende Pfanze und taucht in der Welt der Menschen unter. Die Elfe Trywwidt wird geschickt, um sie zurückzuholen, doch schon vom ersten Moment an geht alles bei der Mission schief.

Ich habe hier ungefähr bei einem Fünftel aufgehört zu lesen. Die Handlung kommt recht gemächlich in Gang, ein ausführlicher Subplot ist (zunächst) nur sehr lose mit dem Hauptgeschehen verknüpft, und die wahrscheinlich komisch gemeinte extreme Überzeichnung der Charaktere ist mir zu unglaubwürdig und für mich eher herablassend als komisch.

Saxo Grammaticus: Gesta Danorum, Übertragung ins Deutsche von Paul Hermann 1901. — Die ultimative, halbmythische Geschichte der Dänen, erstellt im 12. Jahrhundert. Angefangen habe ich es, um noch ein paar Hinweise auf die vorchristliche Götterwelt zu erhaschen, was dazu führte, dass ich nach den ersten gefühlt ziemlich sinnfreien Kriegszügen und Heldentaten sagenhafter Könige die Suchfunktion bemühte, um Othins oft  recht wankelmütige Unterstützung seiner Anhänger zu verfolgen.

Marie Brennan: Im Labyrinth der Draken und Im Refugium der Schwingen. Mehr naturhistorisch geprägte alternative Phantastik. Mit ein bisschen Romanze. In den letzten beiden Bänden der Serie um Lady Trents Memoiren wartet die Autorin noch mit ein paar wunderbaren Wendungen auf, sodass ich sehr glücklich mit diesem würdigen Abschluss bin.

Terry Pratchett und Neil Gaiman: Good Omens — humorvolle Fantasy im Englischen Original. Nachdem ich die Amazon-Serie gesuchtet hatte, war ein drittes Mal lesen angesagt. Wir haben es mit Aziraphale, einem Engel, zu tun, der höflich, aber ein bisschen ein Arsch ist, und einem unhöflichen, aber eigentlich ziemlich mitfühlenden (und saumäßig kreativen) Dämon namens Crowley. Beide sind seit 6000 Jahren auf der Erde stationiert, haben sich angefreundet (oder pflegen eine romantisch-nichtsexuelle Beziehung ???) und setzen daher alles daran, um die drohende Apokalypse abzuwenden.

Die ersten beiden Lesedurchgänge fanden um 2003 und 2005(?) statt. Damals fand ich das Buch saumäßig lustig, außerdem bin ich immer für zivilen Ungehorsam und die Hinterfragung von „es steht geschrieben“. Die Crowley-Aziraphale-Dynamik hatte damals genug Schwung, um mich ein wenig Fanfic suchen zu lassen — in den meisten Fällen hatten die zwei dann irgendwann Sex.

Beim dritten Lesen stieß mir der herablassende Tonfall gegenüber manchen Nebenfiguren auf. Und die Serie, die Serie gefällt mir besser. (Sie hat mein Gehirn gefressen, um genau zu sein, siehe unten.) Weil der Tonfall nicht so herablassend ist, weil Crowley trotz einiger Vorkommnisse seinen Mut zusammenkratzt und nicht handelt, weil er Optimist ist. Weil Aziraphale in Gabriel einen verflucht gruseligen Endgegner hat. Und weil der Cast echt saumäßig gut spielt. — Jedenfalls ist es wohl sinnvoll, Buch und Serie als zwei verschiedene Werke zu betrachten, die sich in der Handlung ähneln, aber wo der Plot (also die Gründe für die Handlung) unterschiedlich ist.

Lili S. McDeath: The Price of Normal — Eine englischsprachige, zeitgenössische Novelle, die noch kürzer ist als meine A-Karte. Nachdem Dominic einen Nervenzusammenbruch hat, weil seine Noch-Ehefrau ihn zu Sex überredet hat, organisieren seine drei Kinder und sein Bruder eine nächtliche Fahrt zu einem alten Bekannten, der vielleicht helfen kann.

An einem bösen Schnitzer merkt man, dass die Autorin Deutsch als Muttersprache hat, ansonsten ist der Stil gefühlt etwas ungelenk (die Autorin sucht ihre Stimme wohl noch), aber flüssig lesbar. Die Geschichte an sich ist spannend, leider fehlt gefühlt das letzte Drittel bzw. galoppiert sie auf der zweiten Hälfte, sodass Dominics Figurenentwicklung ein wenig zu kurz kommt. Nachteilig finde ich auch, dass in fünfzehn Kapiteln sechs (!) Ich-Erzählende zu Wort kommen, sodass man die erste halbe Seite jeweils damit beschäftigt ist herauszufinden, wer nun eigentlich gerade spricht. Ein bisschen mehr Text hätte der Geschichte gut getan.

Luci van Org: Vagina Dentata — Eine feministische Fantasy-Komödie, die aber nicht männerfeindlich ist. So beschrieb die Autorin ihr erklärtes Ziel auf einer Lesung, die ich besucht habe. Es ist ihr gelungen, das umzusetzen. Und es ist saumäßig lustig, egal ob sie sich nun Diskussionen über Feminismus, Empowerment-Seminare, schönheitschirurgische Auswüchse der Mode oder Mandarinen vornimmt.

Christian von Aster und benSwerk: Der kleine Golem — Ein bebildertes Buch nicht nur für Kinder über Bücher und Freundschaft. Herzerwärmender kleiner Text, den ich hinterher an ein Kind verschenkt habe. Ich würde fast so weit gehen, von einem im wahrsten Sinne des Wortes illuminierten Text zu sprechen.

Laetizia Colombi: Der Zopf — gesellschaftskritischer Roman, gelesen auf Empfehlung der fabelhaften Nixblix. Die französische Autorin verflicht geschickt drei Frauenschicksale auf drei Kontinenten: Eine Dalit, die für Almosen anderer Leute Plumpsklos reinigt, die Miterbin der letzten Perückenknüpferei von Palermo und eine erfolgreiche Anwältin im Quebec. Über einen Zopf sind die drei miteinander verbunden und wir begleiten sie einen kurzen Teil ihres Weges zu mehr Selbstbestimmung.

Obwohl die Sprache oft schlicht wirkt, entwickelt die Geschichte einen unglaublichen Sog, und ich für mein Teil war traurig, die drei ziehen lassen zu müssen.

Claudia Konrad: Schwarze Villa — Regionalkrimi mit einer Extraportion Schauerroman. Meine Kollegin verwurstete die Sarow’sche Kunstaktion, eine Gründerzeitvilla über Nacht komplett schwarz anzumalen, mit der Erlaubnis des Künstlers. Das Ergebnis ist gruselig, spannend und dort, wo alte Familiengeschichten aufs Tapet kommen, sehr bewegend, hätte aber diesbezüglich noch ein bisschen emotionaler sein können.

Der fortgesponnenen Liebesgeschichte des kauzigen Ermittlers mit seiner Lebensgefährtin hingegen merkt man ein bisschen an, dass die halt rein musste,  die Autorin aber nicht so recht Lust drauf hatte. Die resultierende unsexy Sexszene und einiges an Geturtel hätte ich der Kollegin denn auch als Lektorin gestrichen und sie noch einmal auf Subplotsuche geschickte. Ein wenig befremdlich mutet auch der indirekt wiedergegeben innere Monolog im Präsens an. Egal: An einem Abend in einem Rutsch verschlungen.

Mary Wollstonecraft (Godwin) Shelley: Frankenstein, or The Modern Prometheus — Klassiker der (Schauer-)Literatur im englischen Original. Nach etwa einem Drittel kurzfristig unterbrochen und ehrlich überlegt, ob ich mir den Rest gebe. Hamlet fand ich schon nervig, ab selbst der hat an selbsmitleidiger Rumnölerei nix gegen den jungen Werther (nie fertiggelesen) und Victor Frankenstein. Letzerer nölt nicht nur rum, sondern legt sich lieber mit Nervenfieber ins Bett, als sich um den Mist zu kümmern, den er verursacht hat.

Zugegeben, der Konflikt Kreatur/Schöpfer entwickelt dann doch noch eine gewisse Spannung, aber ingesamt ist nicht das Monster gruselig, sondern die Hauptfigur, die getrieben von ihrem Ambitionen zu spät so etwas wie Verantwortungsbewusstsein entwickelt. Wir stellen außerdem fest, dass dieses Zeugnis der Kritik an Ehrgeiz, der das Hirn ausschaltet, der Menschheit wenig dort in Erinnerung geblieben ist, wo es nötig gewesen wäre.

Außerdem wie immer (zu) viel Fanfiction. Nachdem Marvels Endgame mit einigen Figurenentwicklungen sehr enttäuschte, kam mir das Good-Omens-Fandom als neue Obsession gerade recht.

Profi-Gelesenes:

Hier habe ich Geld fürs Lesen und Lektorieren erhalten. Aber nicht, um diese Liste zu erstellen.

Renate Schostack: Fräulein Ava Laurin — autobiographisch angehauchter, zeitgeschichtlicher Roman. Posthum und daher mit Fingerspitzengefühl und gelegentlichem sorgenvollem Bauchgrimmen bearbeitet.

Orlando S. Lewis: Five O’Clock Turkey in Nandlstadt — dadaistischer, gesellschaftskritischer Kurzroman.

Uschi Gassler: Biographie des Tötens — Spionage/Thriller mit einer hinreißenden Familiengeschichte im Hintergrund.

Eva Klingler: Erinnerung an einen Tod — Regionalkrimi, der auf dem Fall Hau in Baden-Baden basiert, mit humoristischem Einschlag.

Tatjana Gelwig: Flüstern um Mitternacht — Gay Fantasy/Yaoi mit Werwölfen. Wer gern viel Sex in seinen Geschichten hat, ist hier richtig.

Pia Backmann: Der Elbische Patient — Fantasy-Liebesdrama mit unschlagbarer Frauenquote.

(Zwei davon wurden schon 2018 bearbeitet, sind aber erst 2019 erschienen. Dafür einen Haufen Sachliteratur, zwei Zeitschriften, einen Kurzroman und diverse Ausstellungskataloge und so was korrigiert. Und Kram lektoriert, der erst 2020 erscheinen wird.)

 

Privileg/Dankbarkeit/Feiertage

 

Osterrieder-Krippe Herxheim

Blondes Jesulein aus der Osterrieder-Krippe Herxheim. Manche finden das selbstverständlich, andere haben vielleicht schon gemerkt, dass Jesus wahrscheinlich so aussah wie der syrische Geflüchtete, um den eins in der Fußgängerzone einen Bogen macht.

 

Über zwei Ecken ist der Focus Nummer 48 auf mich gekommen. Darin ist ein Kommentar von Jan Fleischhauer, der zwei Wochen später auch online erschienen ist. Der Text heißt: „Die Minderheit als Leitkultur“ und nimmt die vermehrten Lautäußerungen von Minderheiten in der Öffentlichkeit aufs Korn.

„Über Jahrhunderte strebten die Menschen danach, als normal zu gelten“, schreibt er. (Woher wissen wir das? Auf uns gekommen sind doch vor allem Berichte von Menschen, die eben nicht Durchschnitt waren.)

„Kaum etwas gilt mittlerweile als so stigmatisierend wie die Zugehörigkeit zur Mehrheit.“ (Aha. Also, ich bin weiß, trage in der Öffentlichkeit saubere, nicht ethnisch konnotierte Kleidung und wurde noch nicht spontan nach Drogen oder am Zoll gefilzt.  Die Verkäufer*innen in Geschäften sind meistens höflich zu mir und nehmen nicht an, dass sie einfache Worte verwenden müssen.)

„Wer Durchschnitt ist, also weiß, etwas älter und ohne Vorfahren, die aus fremden Ländern nach Deutschland gekommen sind, sitzt schnell auf der Anklagebank. Es heißt dann, man sei ‚privilegiert‘. Als ‚privilegiert‘ gilt im Prinzip jeder, der nicht mindestens ein Minderheitsmerkmal geltend machen kann.“

Ja, auch ich spreche manchmal von „alten weißen Männern“. Es gibt darunter ein paar, die ich echt nett finde. Auch wenn sie manchmal rassistische Begriffe benutzen, weil sie das Anno Tuck halt so gelernt haben.

Ich habe mir ja selbst in einem Prozess mühevoller und freiwillig geleisteter Arbeit Wörter wie „Indianer“ aberzogen und bin bei dem Prozess gewiss noch nicht am Ende angelangt.

Also, ja, alte weiße Männer sitzen manchmal auf der Anklagebank. Vor allem, wenn (junge) Frauen und anderweitige nicht männliche Personen, manchmal mit migrantischem Hintergrund, über sie sprechen.

Warum? Weil selbige Personen oft alten weißen Männern zuhören müssen/mussten, selbige aber oft nicht einsehen, warum sie es umgekehrt tun sollten. Oder halt, wie Jan Fleischhauer, es befremdlich finden, wenn solche Menschen anfangen, sich so bemerkbar zu machen, dass man sie nicht überhören kann.

Aufmerksamkeit ist ein begrenztes Gut, schon immer, und in Zeiten von Social Media noch mehr. Wenn mehr Menschen aus Minderheiten in der Öffentlichkeit sprechen/schreiben, hören/lesen weniger Menschen Kommentare wie Jan Fleischhauers. Einfaches Rechenexempel.

Und wenn man gewohnt ist, dass andere einem immer zuhören. Tja … dann könnte sich eine gewisse Angst einstellen, irgendwann nicht mehr so wichtig zu sein bei der Meinungsbildung.

Aber egal. Der Witz ist ja, dass „Privileg“ an sich nichts Schlimmes ist. Sofern man weiß, wie der Begriff verwendet wird, wenn die Emotionen grade nicht hochkochen.

Ich habe den Text hier in meiner selbst gemieteten Wohnung geschrieben. In der Tiefgarage steht ein Auto, das zu kaufen mich nicht in Schulden gestürzt hat, und wenn ich morgen meinen Computer und den Kühlschrank ersetzen muss, kann ich trotzdem nächstes Jahr in Urlaub.

Ich bin nicht reich genug, um eine Villa zu kaufen oder mir einen neuen Porsche in die Garage zu stellen, aber arm ist was anderes.

Mit meinen Sprachkenntnissen komme ich in dem Land, in dem ich wohne, sehr gut durch. Ich kann mich die meiste Zeit kleiden, wie ich will, denn ich mache für den Brotberuf eine sinnvolle Ausnahme. Ich muss keinen Mann fragen, ob ich eigenes Geld verdienen gehen darf, ich darf in der Öffentlichkeit Auto fahren und mich mit fremden Männern allein in einem Raum aufhalten, ohne dass die Ehre meiner Familie auf dem Spiel steht.

Ich könnte morgen sterben und zufrieden mit dem sein, was ich bislang geleistet habe.

Das ist ein Haufen Zeugs, der nicht selbstverständlich ist.

Und, um den Schreibkollegen Alpha O’Droma zu paraphrasieren: Für manche Leute ist nicht mal eine Matratze in einem Gruppenschlafraum selbstverständlich.

Was ich nicht kann: Mich in der Öffentlichkeit über A_sexualität äußern oder mich als ace outen, ohne dass ein Kommentar unter dem Online-Magazin-Text mich einer psychischen Störung verdächtigt. Ich muss Geschichten, die Menschen meiner sexuellen und romantischen Orientierung abbilden, mit der Lupe suchen. (Lassen wir das.)

Worauf will ich raus?

„Privileg“ als Begriff will, dass ein Mensch das hinterfragt, was selbstverständlich erscheint.

Beispielsweise … Trans Personen in leitenden Positionen sind die Ausnahme, die meisten krauchen am unteren Ende der Einkommensleiter rum. Das kann kaum daran liegen, dass alle trans Menschen doof sind, sondern könnte auch damit zu tun haben, dass Cheffitäten sich scheuen, Leute, die ungewohnt aussehen, in Berufe mit hohem Prestige einzustellen.

Manchmal hat das System halt doch seine Haken, auch wenn Jan Fleischhauer das nicht wahrhaben will. („Das ist für mich Teil der Emanzipation: Wer sich als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft empfindet, wird den Grund für Rückschläge in (…) sehen, aber jedenfalls nicht in der Vorurteilsstruktur des Systems, das ihn nicht hochkommen ließ.“)

Man muss nämlich erst so weit kommen, dass „die Gesellschaft“ alle darin lebenden Personen als ihren selbstverständlichen Teil anerkennt. Die Gesellschaft ist mit ca. 80 Millionen Menschen leider sehr zahlreich, mit mindestens ebenso vielen Meinungen, und nicht grundsätzlich über Denkfehler wie den Ingroup-Outgroup-Bias aufgeklärt.

Das heißt nicht, dass eins sich schuldig fühlen muss dafür, wohlhabende Eltern zu haben und/oder nicht in einem Bürgerkriegsland zu leben etc. Es geht nicht darum, irgendwem „mit Privilegien“ zu verbieten, sich in der Öffentlichkeit zu äußern oder diese Personen an einer Karriere zu hindern.

Aber es ist ein Grund, mal die Rangunterschiede in dieser Gesellschaft zu betrachten und sich zu fragen, was davon echte Meritokratie ist (also die Herrschaft aus eigenem Verdienst) und wo manche einen Vorteil hatten. Und zu fragen, ob es sich nicht lohnt, die eigenen Vorbehalte zu checken und echt blind nach Leistung zu entscheiden und nicht danach, ob man den Namen auf der Bewerbung aussprechen kann (etc.). Es geht darum zu schauen, wer warum Macht hat und wie diese Menschen damit umgehen.

Es geht also um die Forderung, möglichst vielen Menschen faire Ausgangsbedingungen zu bieten. Was die Menschen dann damit machen, das kann ich nicht sagen, aber gegenwärtig sieht’s halt schon innerhalb Deutschlands mit fairen Ausgangsbedingungen schlecht aus.

In ein paar Tagen (oder Wochen, je nach Kirche) feiert die Christenheit die Geburt ihres Erlösers. In einem Stall geboren, Mutter nicht verheiratet, etc. pp. Wir kennen die Geschichte. Die Predigten sind voll davon, dass das eine Lektion sei, Nächstenliebe walten zu lassen und dankbar zu sein und derlei.

Selbst wenn man nicht an das mit dem Messiastum und der Jungfrauengeburt und so weiter glaubt: Diese so oft erzählte Geschichte wäre ein guter Anlass, mal die eigenen Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.

In diesem Sinne wünsche ich frohe Feiertage.

Bild: F. Weisbarth / S. Rieder [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D

Hebammenfreuden: Der Elbische Patient

Nach einigen Komplikationen erblickte heute ein Fantasy-Liebesdrama das Licht der Welt, mit dem ich als Lektorin das aufrichtige Vergnügen hatte. (Und Lieder umdichten durfte!)

Cover von "Der Elbische Patient"

Der Klappentext:

Es ist Krieg. Unerbittlich reißen die gegnerischen Magier mehr und mehr Teile von Klaras Land an sich, um ihre Feinde, die Menschen, zu vernichten. Gemeinsam mit ihrer Wahlfamilie – Menschen sowie Magiern – kämpft die behinderte Heilerin für ein Leben jenseits von Vorurteilen und Hass.

In einem Gefecht trifft sie auf Kronprinz Iònatan, den Anführer der feindlichen Armee. Er findet in ihr eine so rätselhafte wie unerwartete Gegnerin, denn Klara kontert jeden seiner Zauber. Frustriert sucht der Elb nach einem Druckmittel, um seine Feinde endgültig zu unterwerfen, wird dabei aber von einem Fluch getroffen. Als er im Sterben liegt, kann ihn nur noch eine Person retten: Klara.

Ein Drama über zwei Feinde, die sich trotz allem lieben, über Freundschaft, die Vorurteile überwindet, und darüber hinaus ein »Fantasy-Arztroman« mit einer unschlagbaren Frauenquote.

 

Und das meint die Hebamme:

Als Lektorin musste ich hauptsächlich beim Weltenbau Nacharbeit fordern, und kann bestätigen, dass sich das eindeutig gelohnt hat. Wer auf dramatische Liebesgeschichten ohne Schwarz-Weiß-Malerei steht und sich auf magische Welten mit einem Technologielevel aus dem 19. Jahrhundert einlassen kann, findet hier mehrere Stunden spannende Unterhaltung.

Die queeren Nebenfiguren sind dabei eins von mehreren Sahnehäubchen.

Infos & Links:

ISBN: 9783750420373

Unter dieser ISBN ist es in jedem lokalen Buchladen zu bestellen.

Homepage für das Buch: derelbischepatient.de

Beim großen, bösen A für Kindle.

Print bei BoD oder Hugendubel.

EPub-Version bei Hugendubel.

 

 

 

Wortloser Wälzer: „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Es gibt so Dinge: Je länger man über sie nachdenkt, desto gruseliger werden sie.

Mir geht es so mit dem viel gelobten Roman „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara.

Und damit zunächst eine Inhaltswarnung: Ich muss für meine Überlegungen spoilern —

— und wer komplett überrascht werden will, muss jetzt wegklicken —

— ehrlich —

Ein wenig Leben

— und daher erwähne ich sexualisierte Gewalt, Selbstverletzungen, Ace-Feinlichkeit und Selbsttötung.

Worum geht es?

Wie verfolgen eine Gruppe von vier Freunden in einem New York, das wie in der Zeit eingefroren scheint. Weder gesellschaftspolitisch noch technologisch tut sich in den erzählten fünfzig Jahren viel. Zwei von diesen Freunden, Will und Jude, kommen sich langsam näher, beginnen eine romantisch-sexuelle Beziehung. Diese droht daran zu scheitern, dass Jude Sex absolut nichts abgewinnen kann. Weil er mit Will nicht darüber sprechen kann/will, ritzt er und landet schließlich nach einem Selbsttötungsversuch im Krankenhaus. Erst danach einigen die beiden sich auf eine halboffene Beziehung.

Warum schweigt Jude?

Jude ist eine Waise, der erst in dem Kloster, in dem er aufwuchs, sexuell missbraucht wurde und auch danach immer wieder an Täter geriet, ob auf einem Fluchtversuch oder in einem anderen Waisenhaus. Bei einer solchen Flucht vor einem Täter wird Jude von diesem angefahren und hat seitdem eine Gehbehinderung.

Jude sucht den Fehler immer bei sich, zumal die Täter ja auch immer bequemerweise behaupten, dass er als Opfer schuld ist. Er bekommt es in seinem ganzen Leben nicht hin, über seine Erfahrungen zu sprechen.

Kaum sieht alles halbwegs gut aus mit Judes Leben, stirbt Will bei einem Unfall. Jude hat nach diversen Selbsttötungsversuchen endlich den gewünschten Erfolg.

Und damit zum ersten Problem:

Schon anhand dieser Kurzbeschreibung wird klar: Der Text drückt heftigst auf die Tränendrüsen. Und zwar, wenn man Äußerungen der Autorin glauben darf, mit voller Absicht. Ob eine derartige extreme emotionale Achterbahnfahrt dazu beiträgt, die Message rüberzubringen, sofern man eine hat, lasse ich mal dahingestellt. (Siehe dazu eine andere Kritik.) 

Man will Jude abwechselnd knuddeln, schütteln und feiert jeden seiner Schritte in Richtung Vertrauen zu guten Menschen. Bis zum Ende hofft man, dass dieser Mensch doch noch die Kurve kriegt.

Tatsächlich beschreibt der Roman in teilweise grausam genauen Details nicht nur Misshandlungen, sondern vor allem die Selbstbeschuldigungen im Gehirn eines Opfers von sexualisierter Gewalt und die Katastrophenspiralen, die depressive und PTSD-Gehirne so gerne verfolgen.

Aber: Wir hören diese Worte nicht. PTSD. Depression. Katastrophieren. Wir hören nicht einmal, dass es Worte für diese Phänomene gibt. Dass das bekannte Mechanismen sind, mit denen Gehirne sich aus einer grausamen Welt einen Sinn zusammenreinem, der ihnen am Ende selbst schadet.

Manche Lesende mögen sich in diesen Denkmustern wiedererkennen, aber was tun sie, wenn sie die Worte nicht haben? Werden sie über ihre Gedanken und Gefühle sprechen, statt wie Jude, der sich in all seinem Selbsthass manchmal zum Märtyrer stilisiert, weiterhin ihre Trauer und ihre Wut an sich selbst auszulassen?

Andere, die das Glück hatten, weder Opfer noch depressiv zu sein, werden vielleicht nie merken, dass diese Beobachtungen eine gewisse Allgemeingültgkeit haben. Oder sie werden glauben, dass all diese Katastrophengedanken und Selbstbeschuldigungen erst entstehen, wenn eine Person so (literarisch übertrieben?) leidet wie Jude.

Als Autorin hätte ich da wenigstens ein entsprechendes Nachwort angefügt. Nennen Sie es mein vielleicht zu hoch entwickeltes Verantwortungsbewusstsein, aber ich kenne einfach zu viele Menschen mit Narben an den Armen. (Jeder Mensch ist einer zu viel. Hi! <3 ) Und in der weiteren Familiengeschichte sind ein Paar Tote, über deren Depressionen nur noch spekuliert werden kann. (Aber prinzipiell stürzen sich wenige geistig stabile Personen von Scheunen, wenn sie die Herzallerliebste nicht heiraten dürfen.)

Ob all dies Leid durch einen Roman mit den richtigen Worten vermeidbar gewesen wäre – wer weiß das schon.

Aber wenn in der Zukunft nur eine einzige Person sich Hilfe sucht oder endlich für ihre Erfahrungen einen Kontext hat, dann lohnt es sich, sie mit Worten zu versorgen.

Und dann noch mein zweites Problem.

Jude findet Sex grauenhaft. Da Jude nicht gern drüber nachdenkt und nie darüber redet, kriegen wir (und er) nie heraus, ob das eine Spätfolge seiner Erfahrungen ist oder ob er zufällig auch asexuell ist. Er selbst erwähnt „Asexualität“ mit keinem Wort.

Umso gruseliger ist es, dass Will und die anderen beiden wichtigen Figuren darüber spekulieren, weil Jude nie Verabredungen hat oder flirtet. Und dass Will es dann nicht hinkriegt, Jude auf das Thema anzusprechen, als es aktuell wird.

Also: Ein Typ, der vermutet, dass sein Partner asexuell ist, merkt, dass dieser Partner mit Sex Geduld braucht, aber darüber ungern redet bzw. keine Worte für seine Probleme hat. Und dann spricht der Typ seinen Partner nicht auf diese Vermutungen an und unterlässt es mehr oder weniger absichtlich, seinen Partner mit vielleicht dringend benötigtem Kontext zu versorgen.

Aus Angst, dass der andere das bestätigt und es dann keinen Sex mehr gibt? (Dabei gibt es auch Aces, die Sex haben. Und es gibt je nach Beteiligten kreative Lösungen. Aber dafür braucht es Kontext.)

Jedenfalls: Aua. Consent geht anders.

Keine Ahnung, ob die Autorin darüber nachgedacht hat. Sie verfolgt den Faden, der ja durchaus einiges an der Handlung hätte anders laufen lassen können, nicht weiter. Weil? Tja.

Wenn ich das wüsste.

Hat das Bingo zugeschlagen?

Immerhin: Die Hauptfigur hat ein sexuelles Trauma, ist depressiv und körperlich behindert.

Eins von drei reicht üblicherweise aus, um damit die Selbstbeschreibung einer Person als asexuell zu entwerten.

Wenn die Figur noch von Männern sexualisierte Gewalt erfahren hat und zufällig schwul wäre, dann ergäbe sich daraus die Schlussfolgerung, dass sie da was verdrängt. Oder so.

Wie gesagt, nichts Genaues erfährt man nicht.

Nun mag es sein, dass Erfahrungen sexualisierter Gewalt und Asexualität für manche a_sexuellen Menschen unaufdröselbar verbunden sind. Wenn jemand sagt: „Ich bin ace und das hat den und den Grund“ – wer will sich anmaßen, hier die Identitätspolizei zu spielen?

Aber dazu braucht es Wörter, nicht wahr.

Und wenn wir ein einziges Mal in dem gesamten Text das Wort „asexuell“ für eine Figur hören, die vier Bingofelder bedient, aber sich selbst nur mit „keine Ahnung“ äußert, dann ist das, so aus dem Blickwinkel der Repräsentation, nur so mittelgut.

Unlustige Pointe:

Laut einem Interview, das ich via SpON in der Welt gefunden habe, geht es Hanya Yanagihara bei ihrem Wälzer um Männerfreundschaften auch um Folgendes:

… dass Gefühle wie Liebe oder Angst von den meisten Männern auf vollkommen andere Weise zum Ausdruck gebracht werden als von Frauen, die diese Gefühle direkt ansprechen oder einander einfach nur umarmen. Viel von dem, was meine Figuren im Laufe ihrer jahrzehntelangen Freundschaft sagen, heißt kurz gefasst: „Ich kann darüber nicht sprechen. Ich habe dafür kein Vokabular.“

Nu ja.

Knapp tausend Seiten auf Deutsch, und trotzdem, meiner unbescheidenen Meinung nach, hat sie ein paar echt hilfreiche Wörter vergessen.

Kein Vokabular eben.

Aber auf eine Weise, die mich mal wieder darüber ranten lässt, dass Geschichten niemals im leeren Raum stehen und dass Geschichtenerzählende durchaus so etwas haben wie Verantwortung.

 


 

Wo wir’s grade von Depressionen haben, mein Hirn ist letzten Mittwoch aufgegangen.

Ist halt immer die Frage, wie schlimm es ist, und wenn eine durchschläft, nicht aus Überforderung anfängt zu weinen und jeden Morgen freiwillig aufsteht, isses wohl nicht ganz so heftig.

Aber: Auf einmal bin ich wieder motiviert und so. Muss trotzdem auf mich aufpassen.