Wer’s glaubt …

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… oder, mal wieder die Religion, nachdem ich mich Anfang der Woche über jemandes Weltenbau gewundert habe, beziehungsweise über die Abwesenheit von religiösen oder philosophischen Überzeugungen im Buch.

Organisierte Religion beeinflusst den Alltag auch von Nicht-Gläubigen

Völlig unabhängig davon, was ich selbst glaube, werde ich von zweitausend Jahren Christentum beeinflusst. Ich lebe und arbeite jeweils in Sichtweite einer Kirche. Um sehr alte Kirchen, beziehungsweise in sehr alten Kirchen befinden sich Gräber – ohne Christentum wäre niemand im ehemals römischen Imperium auf die Idee gekommen, Tote in einer Stadt zu verbuddeln.

Ohne Christentum wäre ich nicht in der Lage, irgendwen zum Teufel zu wünschen, oder „Jesus, Maria und Josef“ um Beistand anzuflehen. Es wäre sicher niemals „höllisch heiß“, denn das originale Helheim liegt in recht kalten Gefielden. Und am 25. Dezember wäre wahrscheinlich kein Feiertag.

Die meisten Menschen glauben irgendetwas  …

… selbst wenn sie es nicht merken. Sie haben eine Religion oder glauben, dass es keinen Gott gibt. Veganer*innen fetzen sich mit passionierten Fleischesser*innen, Allopahth*innen mit Homöopath*innen. Leute glauben, dass ihr Heimatland das beste von allen ist, oder dass allein der Kommunismus die Menschheit retten kann, und manchmal sogar beides gleichzeitig. Etc. pp. Sowohl der Feminismus wie sein Gegenteil, der Maskulinismus, sind Weltanschauungen bzw. Ideologien, daher sollten sogenannte „Ideologievorwürfe“ für gebildete Menschen reichlich lächerlich daherkommen.

Ich postuliere auch, dass die Wissenschaft zu einem guten Teil dafür verantwortlich ist, dass die organisierte Religion an Popularität verloren hat, wobei der gefundene Ersatz manchmal reichlich fragwürdig erscheint. (Baby, ich kann das Pendel im Kreis tanzen  und dann die Richtung ändern lassen, auch ohne meinen Arm sichtbar zu bewegen.)

Aber wer gar nichts weiß, muss bekanntlich alles glauben, insofern ist es kein Wunder, dass beispielsweise sehr viel früher der Wechsel der Jahreszeiten nicht mit der Erdachse, sondern mit einer Entführung in Zusammenhang gebracht wurde.

Jedenfalls kann mir kein*e Autor*in weißmachen, dass in der gebauten Welt an gar nichts geglaubt wird.

Dazu mal ein halbwegs populäres Beispiel, wo mich die Abwesenheit von Religion ein bisschen gestört hat, und eines, das verflucht gute Alternativen bietet.

Soweit ich mich erinnern kann, wird in „The Black Magician Trilogy“, zu deutsch, „Die Gilde der Schwarzen Magier“ von Trudi Canavan kein einziges sakrales Gebäude erwähnt. Die Tage heißen „first day“, „second day“ bis „free day“. Magie wird nicht durch irgendeine göttliche Backstory legitimiert, in der Aufnahmezeremonie für Noviz*innen keine Gottheit angerufen. Weder für die Verbotenheit „schwarzer Magie“ noch dafür, dass in Kyralia schwule Lebensentwürfe verboten sind, wird ein Hintergrund genannt. Geflucht wird ebenfalls nicht, indem irgendwer den Namen einer Gottheit verwendet, sofern ich mich recht entsinne. Es gibt nicht mal Hinweise, dass sie früher mal eine Religion hatten – wozu sich zum Beispiel die Wochentage in Namen und Anzahl nutzen ließen.

Da Canavan durchaus auch schon Romane über Priesterinnen geschrieben hat, kann die komplette Abwesenheit von Religion in Kyralia nur Absicht sein.

Mein Problem ist in diesem Falle, dass ich keine gute Alternative serviert bekomme, an was die Leute stattdessen glauben. Ich habe keinen Hinweis auf ein philosophisches Konzept, das die Staatsordnung verteidigt, während selbst atheistische Amerikaner*innen sich auf „Life, Liberty and the pursuit of Happines“ und ihre Verfassung berufen können.

Oberflächlich gesehen hat „Der Herr der Ringe“ das gleiche Problem. Hier haben die Wochentage nicht mal Namen, es ist nie die Rede von Tempeln, und es wird nicht im Namen der Gött*innen geflucht.

Trotzdem habe ich den Eindruck, dass Elben, Zwerge, Menschen und Hobbits keinesfalls areligiös sind. Grund ist offensichtlich, dass Tolkien einen mythologischen und historischen Überbau hat, auf den mehr oder weniger beiläufig hingewiesen wird, und aus dem moralische Lehren gezogen werden. Wer so viele Geschichten erzählt, muss einen Schöpfungsmythos und religiös bedingte Verhaltensnormen kennen, oder zumindest kann ich das postulieren, ohne es unter die Nase gerieben zu bekommen.

Fazit

Es ist keinesfalls erfoderlich, in Tolkiens Fußstapfen sämtliche Schöpfungsmythen und religiösen Erzählungen der erfundenen Welt zu kennen. Aber ich sollte mir Gedanken machen, an was die Leute dort glauben, und wie ich „richtiges Verhalten“ definiere, sofern ich mich für ein Gebilde ohne Gottheiten entscheide.