Sprachen erfinden, oder nicht

Da ich gerade an Fantasy schreibe, die nicht eurozentrisch ist, stehe ich vor einem gewissen Dilemma, das ich hier mal ausführen möchte: Ausleihe/Anleihen bei anderen Kulturen und erfundene wie echte Sprachen.

Ich bevorzuge immer, wenn Wörter etwas bedeuten, oder, in der Fantasy, wenigstens so tun als ob.

Unter anderem, da ich so den Eindruck hatte, dass „Imardin“, „Kyralia“ und dergleichen es nicht tun, vor allem, da in Kyralia noch Städt wie „Coldbridge“ liegen, bin ich von Trudi Canavans Weltenbau nicht so wahnsinnnig beeindruckt (nebenher fehlt dem ganzen Konstrukt eine überzeugende Religion, finde ich noch viel schlechter). George R. R. Martin hingegen nehme ich seine Ortsnamen in Westeros ab. Obwohl die ebenfalls fröhlich drauflosgestückelt sind, habe ich den Eindruck, dass er verschiedene Gründungszeiten und Eroberungszüge nachstellt.

Tolkien treibt mich nicht in den Sprachwahnsinn. Auch nicht N.K. Jemisin mit ihrer „Dreamblood“-Duologie, die sich im Weltenbau auf das alte Ägypten beruft, deren Sprache aber nicht mal ansatzweise so klingt, als könnten dort auch ein Tut-anch-amun oder ein Imhotep rumspringen. Genauso bekommt Patrick Rothfuss mit „Der Name des Windes“ es hin, in sich konsistent zu sein, auch wenn es mich bei „Anilin“ auf der Karte jedes Mal lächert. Die Badische Anilin- und Sodafabrik lässt grüßen.

Um Schwierigkeiten wie die von Kyralia zu vermeiden, habe ich irgendwo den Tipp gelesen (der Link ist leider nicht mehr aufzufinden, zumal ich auch nicht mehr weiß, ob’s deutsch oder englisch war), dass mensch sich Wörter einer Sprache raussuchen soll, und die vorsichtig verändern, dann kommt hinterher was zueinander Passendes raus. Das ist unbestritten die Wahrheit.

Das, was dann rauskommt, heißt dann nichts mehr, klingt aber nach etwas, das existiert. Frei nach dem Motto: Bilden wir uns ein, dass dieses Land nichts mit der Türkei/Russland/Griechenland/Sonstwo zu tun hat, auch wenn ich mich, eventuell, gleich noch auf Klischees berufe, die wir zu den Patensprachen im Kopf haben. (Und hier dürfen wir G. R. R. Martin winken, der bei seinen Pseudo-Mongolen dann wirklich nicht mit der „rohe Wilde“-Keule gespart hat.)

Der Begriff „cultural appropriation“/kulturelle Aneignung wird im deutschsprachigen Netz nicht so häufig diskutiert wie auf Englisch. Was mit Sicherheit auch daran liegt, dass Deutschland eine andere, und wenig erwähnte Kolonialvergangenheit hat, und der Sklavenhandel zwar auch von Mitteleuropäern, aber nicht auf mitteleuropäischem Boden betrieben wurde. Im Gymnasium habe ich gelernt, dass Deutschland Kolonien hatte, aber nicht, was dort vorgefallen ist.

Für meine neue Geschichte habe ich also geklaut. Und zwar einmal bei den prä-islamischen Religionen der arabischen Halbinsel, und zweitens bei den Berberkulturen und der marokkanischen Geschichte. Der für Fantasy unabdingbare magische Einfluss sind in diesem Falle, konsistenterweise, Jinn. Nebenher habe ich mir noch einen Monotheismus aus der altgermanischen Religion gebastelt – meine Eroberer müssen schließlich erstens auch was glauben, und zweitens einen Vorwand für ihre Eroberungszüge haben.

Jedenfalls wird jede*r Leser*in die entsprechenden Assoziationen im Kopf haben, sobald ich Wüsten, Datteln und Kamele erwähne. Alle werden wissen, was ich meine, und woher ich die Inspiration habe. Sobald ich anfange, mein Projekt zu beschreiben, denken meine europäisch sozialisierten Zurhörer*innen an dieses eine Tuareg-Foto, Wunderlampen, Bauchtänzerinnen in Glitzerkostümchen mit durchsichtigen Schleiern, und dekorative Palmen mit noch dekorativeren Pyramiden im Hintergrund.

Ich hoffe, dass sie ein bisschen doof aus der Wäsche gucken, wenn sie den Text lesen.

Das Irre an der ganzen Sache ist ja, dass da einerseits über dieses Märchenhafte aus 1001 Nacht geseufzt wird, während gleichzeitig der Islam als „böse“ betrachtet wird.

Den Islam werde ich in meinem Text, wie alle anderen real existierenden Religionen, außen vor lassen. Obwohl es ein Text ist, den ich auch schreibe, weil ich einige Fragen zum Thema Religion habe.

Und weil irgendwann in den letzten Jahren diese exotischen Kulissen angefangen haben, mich zu nerven. Weil sie eben meistens bloße Kulisse bleiben, und die Figuren, die vor diesem Hintergrund agieren, so gar nicht von der Kultur beeinflusst scheinen, die diese Kulisse erst möglich macht.

Ich möchte Informationen. Was glauben diese Leute? Mit welchen Schwierigkeiten haben sie zu kämpfen? In welcher freundlichen oder unfreundlichen Umwelt leben sie? Wie beeinflusst das ihr Verhalten, ihre Kleidung, das, was sie sich vom Leben erhoffen?

Eine Zeitlang war ich daher der Meinung, dass ich, wenn ich schon klaue, gleich in die Vollen gehen kann. Entweder funktioniert der Text, und dann ist es völlig gleichgültig, ob ich arabische oder erfundene Wörter verwende, oder ich greife ins Klo, und dann ist es genauso gleichgültig, weil sowieso Kacke.

Aber: Ich schreibe über Religion, und über die Instrumentalisierung derselben, aber nicht speziell über den Islam. Halbwegs Geschichtskundige werden wissen, dass das Christentum sich nicht über eine weiße Weste freuen kann, um das mal vorsichtig auszudrücken. (Hinweis zum Beispiel auf die Bibelstellen und deren Verzerrung in „12 Years A Slave“.)

Verwende ich arabische Wörter, ist die Gefahr größer, dass irgendwer glaubt, dass ich den Islam kommentiere, auch wenn ich peinlichst darauf achte, religiös konnotierte Wörter und Namen zu vermeiden.

Schlussfolgerng: Doch Zeug erfinden, und nebenher immer im Wörterbuch checken, um peinliche Verwechslungen zu vermeiden. (Jupp, mein Arabisch existiert am unteren A1-Level.) Denn, „kaputt“ heißt hinüber, ist ein Kopf auf Lateinisch und beinahe auf Arabisch ein Kondom.

Irgendwer mal vor einem ähnlichen Problem gestanden?

Sprechende Namen mal anders

Ich hatte ja schon Barbara Hambley’s „Schwestern des Raben“ angesprochen.

Ihre Benamsung von Figuren ist, wie gesagt, äußerst eigen. Laut ihres Nachworts haben die Männer* „alte Clannamen“, wie Oryn, Taras, Iorradus, Urnate.

Die Frauen* werden nach einer Sache, einer Pflanze oder einem Tier benannt, und bekommen ein Suffix, das ihre gesellschaftliche Stellung anzeigt. Also -mädchen, -frau, -dame oder -konkubine. Geißblattdame, Sommerkonkubine, Melonenmädchen, Maiquastenfrau, etc.

Ehemänner dürfen ihre Frauen bei der Heirat umbenennen, verzichten aber meist darauf, um die Familie der Braut nicht zu verärgern.

Jedenfalls sagt uns schon, da die Frauen*namen verständlich sind und auch die Stadt einen „Klarnamen“ hat, dass diese Männer*namen zwar meistens schön klingen, aber wohl die meisten Leute keine Ahnung haben, was sie eigentlich bedeuten. So wie hierzulande einige Leute zwar wissen, oder zumindest zu wissen glauben, was ihr Name bedeutet, aber bei anderen Leuten nicht ganz sicher sein können. (Hand hoch, wer weiß, was „Kevin“ eigentlich heißt? Abseits der blöden Witze?) Im übrigen waren meine Eltern sich auch nicht im Klaren, nach wessen Vorbild sie mich bürgerlich benamsten.

Meine Schlussfolgerung: Diese wohlklingenden Männer*namen heißen nichts mehr. Ihre Bedeutung ist im Dunkel der Geschichte verschwunden.

Die Frauen*namen hingegen sind konkret, unterstreichen aber, dass Frauen* als Besitz wahrgenommen werden, und können bei Gelegenheit durchaus beleidigend sein. Außerdem ist in dieser Gesellschaft offensichtlich von immenser Wichtigkeit, ob die Betreffende verheiratet oder anderweitig von einem Mann als Eigentum gesehen wird, der nicht ihr Vater ist.

Damit spielt Hambley nicht nur auf die bestehende Gesellschaftstruktur an, sondern spiegelt auch ihre Plotidee wieder: In dieser Welt, wo seit Jahrhunderten nur die Männer zaubern konnten, sind diese plötzlich machtlos, und dafür können plötzlich die Frauen zaubern. (Ohne Sternchen ist Absicht, trans*-Personen scheinen in dieser Welt so selten, dass sie nicht im Buch escheinen …)

In anderen Worten: Auf einmal verlieren diese ganzen aufgeblasenen Typen ihren Grund, sich so aufzublasen, und drohen in jener Bedeutugslosigkeit zu versacken, die ihre seit Jahrhunderten überlieferten, bedeutungslosen Namen schon andeuten. Während die konkret Benamsten für das Überleben der Menschen an den Seen extrem wichtig sind.

Insofern finde ich es einen Bruch, und damit schade, dass die Protagonistin sich einen „Männernamen“ gegeben hat, weil sie nicht als Eigentum wahrgenommen werden mag. Unter Umständen haben hier neben dem Wunsch, eine starke/unabhängige Heldin zu zeichnen, ökonomische Gesichtspunkte eine Rolle gepielt. „Raeshaldis“ klingt eben doch mehr nach Fantasy-Held*in als, beispielsweise, Katzenmädchen.