Sex ist eben nicht überall

Siegelmarke Der Rath zu Dresden Direktion der Fleischbeschau W0323469Nachdem ich mir „Fleischmarkt“ von Laurie Penny zugelegt habe und beinahe zum zweiten Mal durch bin, kann ich nun eine Frage differenzierter beantworten, die mir schon häufiger gestellt wurde.

Es wird ja behauptet, dass Sex überall sei – in der Werbung, in Zeitschriften, in Filmen, Büchern, etc. Wie gehst du als a_sexuelle Person damit um? Findest du das nicht eklig?? Stört dich das nicht???

Ich war dann immer ein wenig verwirrt, denn Bilder von halbnackten Frauen an jeder Ecke stören mich schon, aber nicht, weil ich sie eklig finde.

Die kurze Antwort lautet: Sex ist eben nicht überall.

Auch wenn sehr viele Leute das glauben, und nicht zu wenige anti-sex Aces, Medienvertreter*innen und konservative Populist*innen dieser Verwechslung aufgesessen sind.

Was überall ist, ist Erotik, die einmal von allem organischem Material befreit wurde. Mit der Andeutung von Sex, anzüglichen Witzchen und/oder dem Versprechen auf orgasmisches Vergnügen wird ein Haufen Zeugs verkauft. Deos, Damenrasierer, Pralinen, Autoreifen, etc. Dass dieses Versprechen niemals eingehalten werden kann, ist klar, denn die gephotoshoppten Bilder von weißen Frauen mit Schlafzimmerblick haben mit Schleim, Schweiß und Spucke von echtem Sex ungefähr so viel zu tun wie ein Mittelaltermarkt mit Köln anno 1250.

Was mich also stört, ist, dass cis-weibliche Körper dazu genutzt werden, uns Zeugs zu verkaufen. Gleichzeitig vermitteln sie uns, welchem unerreichbaren Ideal wir hinterherstreben sollen. Weiß, schlank, sauber, immer feminin konnotiert angezogen, rasierte Beine, perfekte Frisur, bloß nicht fordernd, etc pp.

Mich stört, dass du in dieser Gesellschaft als Frau, oder ein Mensch, der dafür gehalten wird, immer perfekt, und damit erotisch sein musst, um anerkannt zu werden, aber dabei niemals billig wirken darfst. Du sollst tanzen können wie eine Stripperin, aber wehe, du strippst tatsächlich für Geld.

Aargh.

Was mich außerdem stört, ist, dass zu viele dieses Märchen glauben. Dass zu viele diese Grundsätze so verinnerlicht haben, sodass sie über (andere) Frauen, und solche, die sie dafür halten, lästern, wenn diese das Ideal nicht erfüllen. Was dann andere wieder dazu zwingt, sich zehnmal zu überlegen, ob sie ihre Beine nicht doch rasieren sollen, aus Angst, zu unsexy zu wirken, selbst, wenn ihr*e Partner*in dazu keine Meinung hat.

Manche quälen sich durch Fitnesskurse (kosten Zeit und Geld), futtern Tabletten gegen sogenannte überflüssige Pfunde (kosten Geld und taugen nichts) und kaufen all das andere Zeug, das sie angeblich brauchen, um dem Ideal nahe zu kommen.

Gelegentlich haben ich den Eindruck, dass ich nur genug von den richtigen Sachen kaufen muss, um eine richtige Frau zu sein …

Diese Ansprüche fühlen sich an wie ein modernes Korsett – und sollen wohl eins sein, denn wenn mehr Frauen, und solche, die dafür gehalten werden, mehr Energie in den gesellschaftlichen Wandel, in die Forderung nach gleicher Arbeit etc. stecken würden … dann wäre schön was los. (Hoffe ich wenigstens.) Immerhin kaufen wir angeblich 80% des Zeugs, das produziert wird.

Im Gegensatz dazu habe ich mit beziehungsratgebenden oder sexspielzeugtestenden Zeitschriften und (gut) geschriebenen, ehrlichen Sexszenen sehr viel weniger Probleme. Auch wenn ich letztere lieber nicht selbst produziere und sie ohnehin selten zu finden sind. Für den mies geschriebenem Sex gibt’s einen „Zurück“-Button oder eine Scrollfunktion.

(Andere a_sexuelle Menschen gehen Sexszenen und explizitem Material aber lieber ganz aus dem Weg, was völlig legitim ist.)

In diesem Sinne: Riot, don’t diet.

 

Werbung, Frauenbilder und Kinderbilder

Als Teilzeit-Apothekerin verbindet mich mit der Apotheken-Umschau eine Hassliebe. Jedenfalls behuft es Menschen meines Berufstandes, das Blatt regelmäßig zu lesen, um zu wissen, was die Leute nachher kaufen wollen. Ich denke also nichts Böses, als ich durch die Ausgabe März B 2014 blättere, bis ich zu einer Anzeige für Cefamagar Tabletten komme:

Eine junge Frau lächelt uns an. „Übergewicht? Cefamagar Tabletten. Neu! Natürlicher Wirkstoff (Fucus). Fucus aktiviert den Stoffwechsel. Zugelassenes Arzneimittel ab 12 J.

Was ist daran falsch?

Die Werbung ist offensichtlich auf Frauen* gemünzt, und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens für Abnehmwillige, und zweitens auf Mütter von „fetten“ Kindern.

Wenn erwachsene Menschen sich für ein nicht erreichbares Idealbild quälen (wollen?) ist das eine Sache. (Siehe Video unten.) Eine Sache, die mich nicht gerade fröhlich stimmt, aber derzeit nicht zu vermeiden ist. Die Erfahrung zeigt, dass meistens Frauen nach Diätmittelchen fragen, die es gesundheitlich nicht nötig haben (1), und die Hälfte davon hat einen geschätzt niedrigeren BMI als ich.

Mädchen im Alter von zwölf Jahren sind mittlerweile so sozialisiert, dass sie dürr sein wollen, und haben Mütter, die auch so sozialisiert sind. Gott bewahre, dass das Kind einer Mittelschichtsmama fett ist. Könnte ja nach Proletariat und mangelnder Förderung riechen, könnte später dazu führen, dass die Kleine keinen Mann und nur schlecht einen Job findet, etc. pp. Das Kind muss attraktiv sein!

(Das ist gruselig, oder? Wenn eins so die Pädophilie-Debatte verfolgt.)

Dünne Menschen sind besser als dicke, sagt die vorherrschende Rhetorik. Nur dünne Menschen sind glücklich, sagt die Werbung.

Da kann es schon mal sein, dass eine vollkommen gesunde junge Person als „zu dick“ deklariert wird, oder sich selbst so deklariert, und den Rest ihres Lebens unter einem völlig verzerrten Körperbild und miesem Selbstwertgefühl leidet, obwohl dazu kein Grund besteht. Diese Person wird dann eine Menge Zeit und Energie daran verschwenden, weniger zu werden, anstatt den Raum einzunehmen, der ihr zusteht.

Genau in diese Kerbe schlägt die Cefamagar-Printwerbung. Dein Kind ist zu fett? Hier ist Hilfe, und die gibt es sogar rezeptfrei in der Apotheke. Kein Grund, das Kind erst zum Arzt zu schleppen (auch wenn das Kleingedruckte was anderes besagt). Das, was übernervöse Menschen für Übergewicht halten, und was tatsächlich medizinisch als solches durchgeht, sind häufig zwei verschiedene Dinge … wäre schlecht, wenn der Doc das bestätigt.

Jedenfalls hat hier eins der auflagenstärksten Magazine Deutschlands es verpasst, verantwortungsvoll mit seiner Position umzugehen. Schade.

 

 

 

*Des weiteren ohne *, weil die Werbung nur auf cis-Frauen zielt, und ich faul bin

(1) über dieses „gesundheitlich nötig haben“ lässt sich streiten, bei manchen Menschen lässt sich der positive Effekt von weniger Gewicht und/oder mehr Bewegung auf den Blutzucker jedenfalls nicht leugnen