Rosenkavalierin

Habe gestern Abend für’s hübsch Tanzen ein Röschen bekommen. In Orange. Außerdem wie bei jeder Bauchtanzvorführung: Diskussionen über Schmuck, anderer Frauen* Figuren, Nagellack, Schminke, etc. Jedenfalls muss das mein Unbewusstes so beeinruckt haben, dass folgendes dabei rauskam:

Compare me not to a rose

I am not

a thing to be groomed

or pruned

to resemble your idea

of beauty.

Vergleiche mich nicht mit einer Rose

ich bin kein Ding

das gepflegt wird

oder zurechtgeschnitten

nur um

deiner Vorstellung von Schönheit

zu entsprechen.

Werbung, Frauenbilder und Kinderbilder

Als Teilzeit-Apothekerin verbindet mich mit der Apotheken-Umschau eine Hassliebe. Jedenfalls behuft es Menschen meines Berufstandes, das Blatt regelmäßig zu lesen, um zu wissen, was die Leute nachher kaufen wollen. Ich denke also nichts Böses, als ich durch die Ausgabe März B 2014 blättere, bis ich zu einer Anzeige für Cefamagar Tabletten komme:

Eine junge Frau lächelt uns an. „Übergewicht? Cefamagar Tabletten. Neu! Natürlicher Wirkstoff (Fucus). Fucus aktiviert den Stoffwechsel. Zugelassenes Arzneimittel ab 12 J.

Was ist daran falsch?

Die Werbung ist offensichtlich auf Frauen* gemünzt, und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens für Abnehmwillige, und zweitens auf Mütter von „fetten“ Kindern.

Wenn erwachsene Menschen sich für ein nicht erreichbares Idealbild quälen (wollen?) ist das eine Sache. (Siehe Video unten.) Eine Sache, die mich nicht gerade fröhlich stimmt, aber derzeit nicht zu vermeiden ist. Die Erfahrung zeigt, dass meistens Frauen nach Diätmittelchen fragen, die es gesundheitlich nicht nötig haben (1), und die Hälfte davon hat einen geschätzt niedrigeren BMI als ich.

Mädchen im Alter von zwölf Jahren sind mittlerweile so sozialisiert, dass sie dürr sein wollen, und haben Mütter, die auch so sozialisiert sind. Gott bewahre, dass das Kind einer Mittelschichtsmama fett ist. Könnte ja nach Proletariat und mangelnder Förderung riechen, könnte später dazu führen, dass die Kleine keinen Mann und nur schlecht einen Job findet, etc. pp. Das Kind muss attraktiv sein!

(Das ist gruselig, oder? Wenn eins so die Pädophilie-Debatte verfolgt.)

Dünne Menschen sind besser als dicke, sagt die vorherrschende Rhetorik. Nur dünne Menschen sind glücklich, sagt die Werbung.

Da kann es schon mal sein, dass eine vollkommen gesunde junge Person als „zu dick“ deklariert wird, oder sich selbst so deklariert, und den Rest ihres Lebens unter einem völlig verzerrten Körperbild und miesem Selbstwertgefühl leidet, obwohl dazu kein Grund besteht. Diese Person wird dann eine Menge Zeit und Energie daran verschwenden, weniger zu werden, anstatt den Raum einzunehmen, der ihr zusteht.

Genau in diese Kerbe schlägt die Cefamagar-Printwerbung. Dein Kind ist zu fett? Hier ist Hilfe, und die gibt es sogar rezeptfrei in der Apotheke. Kein Grund, das Kind erst zum Arzt zu schleppen (auch wenn das Kleingedruckte was anderes besagt). Das, was übernervöse Menschen für Übergewicht halten, und was tatsächlich medizinisch als solches durchgeht, sind häufig zwei verschiedene Dinge … wäre schlecht, wenn der Doc das bestätigt.

Jedenfalls hat hier eins der auflagenstärksten Magazine Deutschlands es verpasst, verantwortungsvoll mit seiner Position umzugehen. Schade.

 

 

 

*Des weiteren ohne *, weil die Werbung nur auf cis-Frauen zielt, und ich faul bin

(1) über dieses „gesundheitlich nötig haben“ lässt sich streiten, bei manchen Menschen lässt sich der positive Effekt von weniger Gewicht und/oder mehr Bewegung auf den Blutzucker jedenfalls nicht leugnen