Über Komplimente

Letztens äußerte sich Naekubi über die Unmöglichkeit unschuldiger Komplimente: Kommentare über das Aussehen einer Person sind grundsätzlich auch Bewertungen. Das freut nur Leute, die positiv bewertet werden – kein Kompliment ist auch eine Aussage – aber nur, wenn sie nicht drüber nachdenken, was das eigentlich bedeutet. Außerdem will nicht jede*r etwas darüber hören, ob si*er für wen anders attraktiv ist.

Gerade Leute, die nicht für die Gruppe attraktiv wirken wollen, die das Kompliment gemacht hat, werden solche Bewertungen als Grenzüberschreitungen erfahren, und sich im schlimmsten Fall davon bedroht fühlen. Ich bin im Angesicht von sexuell konnotierten Komplimenten immer völlig hilflos, weil ich damit nichts anfangen kann und anfagen will. Außerdem habe ich auch keine Lust, mich für etwas zu bedanken, das mir in Erinnerung ruft, wie andere Leute eventuell von mir denken.

Dies gesagt, wollte ich mich über ein Kompliment freuen, mit dem alles richtig gemacht wurde. Hagen Ulrich, mein Chef vom Bundesamt für magische Wesen hat die Albenbrut gelesen, und meinte daraufhin zu mir: „Du bist die erste Frau, die mich eine Nacht gekostet hat.“

So was freut die geneigte Autorin.

 

Von der Langeweile im Schrank

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Am 11. Oktober ist Coming-Out-Tag!

(… aber ich werde indisponiert sein, deswegen ein verfrühter Post zum Thema. Außerdem fand wer Tankred „dröge“, und da muss ich doch mal über meine Beweggründe ausführlich werden.)

Jemand hat mich mal gefragt, ob ich nackt dusche.

Doch, ehrlich. Das war nicht lustig gemeint, obwohl ich es sehr witzig fand. Allerdings habe ich noch nicht vielen Leuten davon erzählt.

Der Grund ist etwas, das ich ebenfalls nicht allen auf die Nase binde, die mir so im anfassbaren Leben über den Weg laufen: Es war der CSD Mannheim, und ich habe dort einen Stand betreut, der über Asexualität informiert hat.

Das ist nicht das einzige Wochenende, das ich mir in den letzten drei Jahren diesbezüglich um die Ohren geschlagen habe, aber davon wissen nicht so viele Leute. Denn ich kann ja nicht einfach sagen, „Rat mal, welche seltsamen Fragen ich am Samstag zu hören bekommen habe!“

Das wäre viel zu einfach.

 

In der Regel habe ich nämlich ein Coming-Out mit Hindernissen

Zuerst muss ich erklären, was Asexualität ist. Mit ein bisschen Pech glaubt mir wer nicht, dass es das überhaupt gibt. Ein Problem, das wir asexy Volk uns mit den Bisexuellen teilen, und wahrscheinlich auch mit genderqueeren Personen.

Wird mir geglaubt, folgt eventuell die Frage, warum ich überhaupt wem unter die Nase reiben muss, dass ich ein Freak bin. Das Problem ist für sexuelle, romantische und Gender-Minderheiten universell, denke ich: „Eigentlich hab ich nix gegen die, aber warum müssen die in der Öffentlichkeit …“

Ist ja undenkbar, dass wir neben „Ausländern“ auch noch solche Leute nicht mehr schief angucken dürfen. Was soll denn als nächstes kommen? Ein Ende des Dickenhasses?? Wie soll ich mich denn da noch moralisch überlegen fühlen??? /Sarkasmus Ende

Derartigen Erörterungen schließt sich eine Diskussion an, was Asexuelle, die nix und niemanden wollen, auf einem CSD zu suchen haben.

Mit ein bisschen Glück werde ich nebenher mit irgendeiner Störung laiendiagnostiziert, über die ich als Apothekerin wahrscheinlich mehr weiß als die meisten Personen in freier Wildbahn. Absurde Reaktionen wie die mit der Dusche sind die Ausnahme, machen aber mehr her für Anekdoten, außerdem muss ich mich nicht drüber aufregen.

 

Auf solche Gespräche habe ich ganz selten Lust

Zumal Blödsinn von völlig Fremden meist leichter zu ertragen ist als ein Bingospiel mit Personen, die mich eigentlich besser kennen sollten. Dementsprechend komme ich nur dann offiziell aus dem Schrank, wenn mir die Leute so wichtig sind, dass ich sie nicht per Auslassung belügen möchte.

Die uninformierte Mehrheit muss meine Freizeitgestaltung für ziemlich langweilig halten.

 

Dabei geht’s mir noch gut.

Dass ich mir darüber Gedanken mache, ob ich langweilig wirke, ist ein Luxusproblem.

Klar: Ungeoutet leben bedeutet, dass ich Angst vor Entdeckung habe. Wer Angst hat, will nicht auffallen, will nicht angreifbar sein, und wer niemals auffällt, ist langweilig.

Allerdings weiß ich von wenig echten Ignorant*innen im Bekanntenkreis, und um meine körperliche Unversehrtheit musste ich auch noch nicht fürchten. Anderen Leuten geht’s da wesentlich schlechter, auch in Deutschland, nicht nur in Russland und Uganda oder Iran.

Vor Coming-Outs muss ich keine Angst haben – hatte ich aber natürlich manchmal trotzdem. Insgesamt finde ich sie vor allem (emotional) anstrengend.

Das heißt, jede*r, vor diem sich wer persönlich erklärt, dies zu schätzen wissen möge. Es ist ein Kompliment, wenn euch wer so ins Vertrauen zieht – womöglich hat sie diejenige Person wochen- bis monatelang mit dem Für und Wider rumgeschlagen, hat sich selbst in Zweifel gezogen und einen Haufen nötiger oder unnötiger Sorgen oder Gedanken gemacht …

Was alles andere als langweilig ist. Und, meines Erachtens, immer noch einen Haufen Respekt verdient.

 

 

 


Bild von hier: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wall_Closet.jpg?uselang=de

Schon wieder Links

Kann ja nichts für, wenn mir hier so interessantes Zeux reinflattert. Aber keine Sorge, ein „richtiger“ Post anlässlich des Coming-Out-Tages ist fast fertig.

Hinweisen möchte ich auf zwei englischsprachige Sachen:

Erstens hat wer den Queer Romance Month ausgerufen, und, mensch glaubt es kaum, es kommen tatsächlich Bücher und Autor*innen vor, die nicht schwule Kerle behandeln. Das tut so gut.

Zweitens kam via NK Jemisin ein Tumblr-Post über Mary Sues rein.

Kurz zusammengefasst: Eine Mary Sue ist eine weibliche Figur, die zumeist von einer Autorin in eine Fanfic geschrieben wird, damit sie mit den Held*innen Abenteuer erleben kann, die sich in sie verlieben, etc. Nachteil an diesen „Mary Sues“ von Leser*innenseite: Oft von Leuten entworfen, die wenig Ahnung vom Schreiben haben, und ZU perfekte Figuren entwerfen.

Allerdings müssen sich auch gestandene Autor*innen den Vorwurf „Mary Sue“ gefallen lassen, und allein der Vorwurf einer solchen diskreditiert den Text für den Rest des eingeweihten Publikums. Damit ist „Mary Sue“ zu einer Waffe gegen (unbequeme) Frauenfiguren geworden.

Links!

Ich bin zweimal fremdgegangen:

Druckfrisch beim preziösen Blog eine Antwort auf die Frage: „Warum ausgerechnet Gay Fantasy?“

Das Bundesamt für magische Wesen hat ein Update in Sachen Funkgerätepflicht für magische Pilot*innen. (Was soll ich sagen? Nonsens ist meine zweite Heimat.)

Ansonsten:

Auf meinem anderen Blog habe ich eine Übersetzung einer Fabel von The Dragon and the Fox, über Drachen, die Füchsen den Pelz versengen können, obwohl sie keine Schätze wollen und keinen Hort haben. Für alle zum Weiterverlinken, deren Identität irgendwann mal bestritten wurde. Oder für Leute, die Bingospieler*innen die Lächerlichkeit ihres Unterfangens klarmachen möchten.

Via drop the thought ein interessantes Interview (Englisch) über Diversität in Fantasy- und SciFi-Hollywoodblockbustern, und das zugehörige Formular zur Beurteilung von Geschichten. „Albenbrut“ hat eine ziemlich gute 2, weil der Bechdel-Test flachfällt. (Heilika ist keine Frau, aber Alea ist ein PoC, falls es irgendwem entgangen sein sollte.)

 

 

Wir sind die Bösen

Wir sind diejenigen, die nur aus Kalkül flirten.

Wir sind diejenigen, für die du niemals das Ein und Alles sein kannst.

Wir sind diejenigen, die dir niemals das Gefühl geben werden, das Wichtigste auf der Welt zu sein.

Wir sind die Beziehungsunfähigen.

Wir haben unter uns Casanovas und Nymphomaninnen. Wir sind diejenigen, die Sex mit allem haben, was sich bewegt und in unser Beuteschema passt.

Wir sind die Verantwortungslosen, die Risikobehafteten. Wegen uns dürfen schwule und bisexuelle Männer in Deutschland kein Blut spenden. Wegen uns gelten alle Bisexuellen als irgendwie promiskuitiv und unfähig, treu zu sein.

Wir sind diejengen, von denen du glaubst, dass sie nur dadurch gerettet werden können, dass sie sich endlich verlieben.

Wir sind diejenigen, die du nicht durch eine Romanze retten kannst, denn wir verlieben uns nicht.

Wir sind die Sherlockhaften Egoman*innen, die manchmal nicht begreifen, warum wir und unsere Gefühle nicht reichen, warum es immer mehr sein muss, mehr Romanze, mehr Liebeserklärungen, mehr Nähe. Wir begreifen vielleicht auch das dazu gehörige Besitzdenken nicht.

Gestatten. Wir sind aromantisch.

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Was sich die Autorin gedacht hat: Heilika

Nachdem es an anderer Stelle Widerspruch gab, als ich Heilika als butch präsentierend bezeichnet habe, dachte ich, ich muss das mal ausführen. Außerdem ist morgen offiziell großer Tag, und ich schreibe lieber was, als mir an den Nägeln zu kauen und auf Rezensionen zu warten.

Üblicherweise überlappen sich ja „was di*er Autor*in sich dabei gedacht hat“ und das, was die Wissenschaft später glaubt, das di*er Autor*in gedacht hat, nicht zu hundert Prozent. (Hier geht’s zu einer englischsprachigen Analyse, dass Iago nicht neidisch auf Othello war, sondern eifersüchtig. Mein lokales Theater hat derletzt Antonio aus „Was ihr wollt“ als verliebt in Sebastian gezeichnet, was eine Zeitung gar nicht lustig fand. *kopfkratz* Der Text kann slashig gelesen werden, sogar ohne rosa Brille.)

Nun bin ich weit entfernt von Shakespeare. (Größenwahn irgendwer? Ich hätte welchen abzugeben.) Aber Heilika – Betonung auf der zweiten Silbe – ist kompliziert genug, um ein paar Worte über sie zu verlieren, ohne all zu viel darüber zu verraten, wie die Geschichte ausgeht. Für extrem Spoilerscheue gibt’s trotzdem einen Cut. Weiterlesen

Pars pro toto

Oder: allgemeine Gedanken zu Repräsentation, Teil 2

Ich hatte ja schon darüber geschrieben, wie das ist, wenn mensch sich nicht in Mainstreammedien wiederfindet, und mir überlegt, wie ich Diversität abbilden kann und auf was ich dabei achten muss.

Abgesehen von den Stolperfallen und Fettnäpfen, in die mensch dabei als Autor*in treten kann, ist auch das Publikum trotz bester Bemühungen seitens der Autor*innen in Lage, Annahmen zu machen und zwar, wie der Titel schon sagt, vom Besonderen auf das Allgemeine zu schließen.

Die Sache hat drei Aspekte.

Erstens, Personen, die sich zu einem Thema äußern, werden als Sprachrohr einer Gruppe angesehen, zu der sie nicht gehören.

Eine derartige Verwechslung kommt nicht all zu häufig vor. Berühmtestes Beispiel: Mag Präsident Obama auch gewitzelt haben, als er Lady Gaga eine Anführerin der Schwulenbewegung nannte, so waren die Reaktionen der solcherart „Angeführten“ nicht ausnahmslos begeistert.

Zweitens, Personen, die zu einer Subgruppe gehören, werden als Sprachrohr derselben angesehen, obwohl sie es nicht sind, und auch nie behauptet haben, es zu sein.

So hat, wieder in Zusammenhang mit Lady Gaga, Ex-*NSYNCer Lance Bass hier kurz angerissen, warum er sein Outing auf einem Magazintitel nicht so toll fand: „…because it was the exact thing I didn’t want at the time, which was to be the next „face of gay.““ (… weil es genau das war, was ich zu der Zeit überhaupt nicht wollte, nämlich, das nächste „Gesicht der Schwulen“ zu sein.“)

Einen Artikel über das Youtube-Video über Cho Chang hatte ich bereits verlinkt. Reni Eddo-Lodge geht dabei auch ausführlich darauf ein, dass die Vloggerin …

“ … is aware that by speaking up she’s considered a deviation from the norm of whiteness and maleness, consequentially reducing her very distinctive and individual voice into some of sort of Asian women’s hegemonic hive mind.“

(„… sich bewusst ist, dass sie, sobald sie öffentlich spricht, als eine Abweichung von der weißen und männlichen Norm wahrgenommen wird, was in der Konsequenz ihre sehr eigene, individuelle Stimme reduziert auf eine Äußerung des alles beherrschenden Schwarmgehirns Asiatischer Frauen.“)

Nicht einmal Angela Merkel kann behaupten, das deutsche Schwarmgehirn zu vertreten, und die Kanzlerin ist gewählt worden. Denn: so etwas wie ein deutsches Schwarmgehirn existiert nicht.

Drittens, von der medialen Präsenz einer Einzelperson, die zu einer Gruppe gehört, wird auf Meinungen, Verhalten und Erscheinungsbild der gesamten Gruppe geschlossen.

Zum Beispiel …

Schwule erscheinen in den Nachrichten häufig nur im Zusammenhang mit CSDs, vulgo „Schwulenparaden“. Weil manche Bilder mehr Eindruck machen als andere, werden jedes Jahr vor allem gezeigt: Männer* in Drag oder sehr knappen Outfits. So was gräbt sich ein. Sofern mensch keine geouteten Bekannten hat, kann es schon vorkommen, dass mensch glaubt, keine Schwulen im weiteren Umfeld zu haben. Dummerweise lispeln die nicht alle, und nur wenige leiden am Syndrom des gebrochenen Handgelenks.

Diese bunten Bilder haben auch zur Folge, dass aus einer Demo für LesBiSchwule- und trans*-Rechte eine „Schwulenparade“ wird.

Genau diese Art mediale Präsenz erklärt aber auch, warum manche Leute sich zwar dem erweiterten Buchstabensalat QUILTBAGPIPE (oder GSRMs – gender, sexuelle und romantische Minderheiten) zuordnen, sich aber nicht auf CSDs vertreten fühlen oder vertreten sehen wollen. In der asexy Ecke des Internets wird zu Beginn jeder CSD-Saison diskutiert, und über gegenseitiges Augenrollen doch nicht hinausgekommen.

Im letzten Post war ich auch bei Sherlock und Sheldon. Beide werden in der Community als potentiell asexuell gehandelt, über Sherlock gibt es eine Menge Fanfiction diesbezüglich. Andere beliebte fandom-„Opfer“ sind Enjolras und der Doktor aus Dr. Who. Im Gegensatz zu Enjolras aus Les Misérables und dem literarischen Sherlock Holmes sind bei Sherlock und Sheldon die jeweiligen TV-Serienväter noch anzusprechen, und beide Figuren sind, im Gegensatz zum Doktor, keine Aliens. Nun weigern die Serienväter sich aber, eindeutige Aussagen zu treffen, oder dementieren grundsätzlich.

Nebenher gab es mal bei House ein asexuelles Paar, das sich aber nach ausführlicher Betrachtung als entweder krank oder als Lügner*in erwies.

Wie haben also einige kleinere Fernsehauftritte, über die ich mich nicht äußern kann, weil ich sie nicht kenne. Und wir haben: Eine Person, die lügt. Eine Person, die krank ist. Sowie, vielleicht, mit vielen Abstrichen, zwei sehr dünne, große Männer mit überdurschnittlichem IQ, aber so wahnsinnigen Schwierigkeiten, mit anderen Leuten zurechtzukommen, dass einer von John Watson als Person mit „Asperger“ fremddiagnostiziert wird („Hound of Baskerville“, Sherlock, Staffel 2, Episode 2). Was exakt den Reaktionen entspricht, mit denen ein*e Asexuelle*r sich bei einem Coming-out herumschlagen muss.

Meine Albenbrut hat ebenfalls eine asexuelle Figur. Wegen der genannten Gründe äußerte eine Beta-Leserin Besorgnis, dass nun alle meinen könnten, Asexuelle seien so wie Heilika. Und auch meine Frau Mama, die den Text kennt, äußerte den Verdacht, dass Heilika ich sein könnte. Weil wir zufällig beide ace/aro sind, schloss sie aus mir unerfindlichen Gründen daraus, dass ich auch genderqueer bin, und es bloß besser verberge. (Ähh, was?)

Dabei haben Heilika und ich, außer den weiblichen Pronomen und einer schon beinahe obsessiven Liebe zum geschriebenen Wort, nicht grauenvoll viele Gemeinsamkeiten. (Meine guten wie schlechten Eigenschaften sind gerecht auf meine Protags und Heilika verteilt, dankeschön.) Warum zur Hölle darf ich heterosexuelle Männer schreiben, wie ich es schon häufig getan habe, ohne dass irgendwer Schlüsse auf mich zieht, aber sobald eine Figur zwei Identitäten mit mir teilt, wird angenommen, dass ich über mich schreibe? /grummel ende.

Fazit: Die Leserschaft neigt zum Verallgemeinern, vor allem, wenn es um Menschen geht, die im öffentlichen Straßenbild, beziehungsweise der Medienlandschaft, nicht oder kaum sichtbar werden. Dadurch stehe ich als Autorin vor der undankbaren Aufgabe, nicht einfach Leute schreiben zu können, die zufällig ace/aro, oder bi, oder blind, oder weiß ich was sind, sondern ich muss mich damit auseinandersetzen, in welchem Kontext ich sie präsentiere, und was Leser*innen daraus im schlechtesten Fall extrapolieren.

Wenn ich es nicht tue, trage ich zur weiteren Marginalisierung von an den Rand gedrängten Gruppen bei.

Womit sich der Kreis schließt.

ass+u+me

Oder: Einige Gedanken über Repräsentation, zum Ersten

Über das Entwickeln und Beschreiben von Figuren gibt es Hilfestellungen und Überlegungen wie Sand am Meer. Wir sollen uns überlegen, wie sie aussehen, was sie wollen, was ihre Fehler sind. Sie sollen möglichst dreidimensional sein, aber nicht so widersprüchlich wie echte Menschen, etc.

Was geschieht, wenn mensch das Aussehen einer Figur nicht rechtzeitig erwähnt, will ich an einer Anektdote ausführen. Ich hatte Barbara Hambly’s „Schwestern des Raben“ irgendwo auf einem Wühltisch gefunden, und inhaliert.

An die Welt, die sie aufbaut, muss mensch sich zunächst gewöhnen: Wüste (auch in diesem Zusammenhang ist die Coverillustration eine Katastrophe), eine Kultur, die mir sehr mittelasiatisch beeinflusst scheint. Jedenfalls gibt Hambly wenig Hinweise darauf, wie die Figuren aussehen. Und so malte ich mir eben eine Welt aus, in der vor allem Leute rumlaufen, die wie durschnittliche Usbek_inn_en oder Tadschik_inn_en aussehen: Dunkle Haare, zumeist braune Augen, und, da Wüstenumfeld, gewiss nicht blass.

Als dann nach Ewigkeiten jemandes Blondhaar erwähnt wurde, fiel ich aus allen Wolken. Jedenfalls habe ich mich damals davon nicht weiter stören lassen, aber ja länger ich darüber nachdenke, desto bemerkenswerter scheint mir diese Denkfalle.

Also: Hambly geht offensichtlich davon aus, das ihre Figuren weiß sind, und davon, dass ihre Leser_innen das ebenfalls tun, so dass sie sich über diese nachgereichte Beschreibung nicht wundern. Wobei Namen wie Raeshaldis, Taras und Oryn (für Männer*), Sommerkonkubine, Melonenmädchen und Gefleckte Schlangenfrau (für Frauen*) jetzt nicht gerade zu einer mir bekannten Sprachfamilie gehören. Sie klingen weder romanisch, noch germanisch, noch semitisch, und bestenfalls ein winziges bisschen nach einer Mischung aus keltisch und griechisch.

Aber wie war das noch so? „Assume makes an ass of you and me.“ Annahmen machen sowohl dich wie auch mich zum A…, ehm, Esel.

Automatisch gehen wir davon aus, dass eine Person …

… weiß ist, es sei denn, di_e_r Autor_in stößt eine_n mit der Nase drauf, oder schafft per Setting und Namensgebung das entsprechende Umfeld, um keine weiteren Erklärungen geben zu müssen.

… keine sichtbaren oder unsichtbaren Behinderungen hat.

… heterosexuell ist.

… sich eine romantische Paarbeziehung wünscht.

… dem gängigen Schönheitsideal entspricht.

… cisgender ist.

… (was hab ich vergessen?)

Sobald eine Figur aus diesen Kategorien rausfällt, muss mensch darauf aufmerksam machen. Wenn also Dumbledore schwul ist, dann muss ich das in den Kanon einfließen lassen und sollte das nicht nebenbei in einem Interview erwähnen, denn:

Alles, was ich nicht sehen kann, existiert nicht. Die Botschaft an Personen, die sich nicht sehen können, ist dementsprechend, dass sie nicht zu existieren haben.

Die Botschaft an Personen, die sich sehen können, ist, dass sie die gesamte mediale Aufmerksamkeit verdienen, nicht nur ihren statistischen Anteil daran, und es keinen Grund gibt, auch nur einen Halbsatz davon abzutreten.

Was geschieht, wenn sie doch Aufmerksamkeit abtreten sollen, lässt sich schön an der Petition gegen den neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg sehen: Panikmache, Morddrohungen und Entmenschlichung. Bequemerweise unterschlägt der erste zitierte Link, dass feministische Bloger_innen regelmäßig mit Gewaltandrohungen zu kämpfen haben.

Solange ich die Differenzen nicht erwähne, selbst wenn sie in meinem Kopf vorkommen, dann bleiben diese Differenzen zum Bild des Mehrheitsmenschen unsichtbar. Das heißt, ich unterschlage Differenzen zu denjenigen Personen, die sowieso schon am häufigsten sind oder am meisten Macht haben.

Das gilt auch und gerade für Fantasy. Die Texte, die es in die Buchhandlungen schaffen, sind selten ein Musterbeispiel für Diversität.

Wie frustrierend das ist, merkt mensch erst, wenn si_er diesem Mehrheitsmenschen nicht entspricht, und sich außerstande sieht, in den Medien Leute wie mensch selbst zu finden. Oder diejenigen, die so ähnlich sind wie mensch selbst, schreiben Stereotype fort, sind Witzfiguren, unsympathisch, sozial inkompetent, oder gleich die Bösen.

Nebenher drücken sich einige Autor_inn_en um eine exakte Benamsung der Differenzen selbst bei zeitgenössischen Figuren, was zu Spekulationen zum Beispiel über Sheldon und Sherlock führt: Aspergers, schwul, asexuell, oder was? Die paar Angehörigen von Minderheiten, die den Autoren (seien wir ehrlich, Moffat etc. sind alles Kerls*) für eine eindeutige Aussage die Füße küssen würden, wiegen offensichtlich nicht so schwer wie die Angst, dass die durschnittlichen Zuschauer_innen sich nicht genug in einen eindeutig nicht heterosexuellen Mann* einfühlen könnten.

Für mich als Autorin entstehen somit Schwierigkeiten. Anders als Hollywood gehe ich davon aus, dass meine Leser_innen durchaus in der Lage sind mit Personen mitzufühlen, die nicht so sind wie sie selbst – sonst würden sie sowieso keine Fiktion lesen. Andererseits ist diese oben ausgeführte Blaupause eine wahnsinnig bequeme Abkürzung, das heißt, ich muss nur das erwähnen, was anders ist.

Wenn ich es nicht erwähne, aus Bequemlichkeit, oder weil ich nicht darüber nachgedacht habe, trage ich zur weiteren Marginalisierung von Menschen bei, die sowieso schon zu wenig öffentlichen Raum einnehmen.

Derzeit angestrebter Mittelweg:

Wenn meine Figur nicht in die Schablone passt, erwähne ich das, auch, und gerade wenn es für deren Charakter oder die Geschichte von untergeordneter Bedeutung ist.

Ich mache mich über den Minoritätenstatus nicht lustig – was manchmal schwierig ist, da Figuren häufig von anderen Figuren beschrieben werden, und auch die sind Menschen, die nach unten treten, egal, wie tief auf der sozialen Leiter sie selbst stehen.

Ich erschaffe keine benachteiligten Nebenfiguren, die nur existieren, um gerettet zu werden oder die Toleranz/Großzügigkeit einer Hauptfigur zu beweisen.

Ich versuche, mir der Stereotype bewusst zu sein.

Ich versuche, nicht für Menschen zu sprechen, von deren Schwierigkeiten ich keine Ahnung habe.

Wahrscheinlich, nein, sicher, ist auch bei mir diverses *fail zu finden. Vor allem in den letzten beiden Punkten.

Aber: Wenn ich aus Angst vor einem Fehler die Klappe halte, dann haben nur diejenigen was davon, die sowieso schon überall vorkommen. Ich meine daher, dass Schweigen in manchen Fällen eben kein Gold ist.

Linkspam: Artikelserie Queerphobie

Ich prokrastiniere gerade. Von wegen Überarbeitung zweiter Teil Albenbrut – meiner Lektorin gefiel das Ende nicht, und ich finde sowohl das Schreiben wie das Editieren von Sexszenen wahnsinnig schwierig. (Ja ja, ich weiß, hätt‘ ich mir halt ein anderes Genre suchen sollen.)

Sehr viel erbaulicher ist eine Artikelserie über Queerphobie in der HuffPo, die ich gefunden habe und einfach mal weitergeben will. Erbaulich in dem Sinne, als dass Wolfgang Fänderl Ursachen sehr ausführlich beleuchtet und Möglichkeiten aufzeigt, was dagegen zu tun:

Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7