Von der Langeweile im Schrank

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Am 11. Oktober ist Coming-Out-Tag!

(… aber ich werde indisponiert sein, deswegen ein verfrühter Post zum Thema. Außerdem fand wer Tankred „dröge“, und da muss ich doch mal über meine Beweggründe ausführlich werden.)

Jemand hat mich mal gefragt, ob ich nackt dusche.

Doch, ehrlich. Das war nicht lustig gemeint, obwohl ich es sehr witzig fand. Allerdings habe ich noch nicht vielen Leuten davon erzählt.

Der Grund ist etwas, das ich ebenfalls nicht allen auf die Nase binde, die mir so im anfassbaren Leben über den Weg laufen: Es war der CSD Mannheim, und ich habe dort einen Stand betreut, der über Asexualität informiert hat.

Das ist nicht das einzige Wochenende, das ich mir in den letzten drei Jahren diesbezüglich um die Ohren geschlagen habe, aber davon wissen nicht so viele Leute. Denn ich kann ja nicht einfach sagen, „Rat mal, welche seltsamen Fragen ich am Samstag zu hören bekommen habe!“

Das wäre viel zu einfach.

 

In der Regel habe ich nämlich ein Coming-Out mit Hindernissen

Zuerst muss ich erklären, was Asexualität ist. Mit ein bisschen Pech glaubt mir wer nicht, dass es das überhaupt gibt. Ein Problem, das wir asexy Volk uns mit den Bisexuellen teilen, und wahrscheinlich auch mit genderqueeren Personen.

Wird mir geglaubt, folgt eventuell die Frage, warum ich überhaupt wem unter die Nase reiben muss, dass ich ein Freak bin. Das Problem ist für sexuelle, romantische und Gender-Minderheiten universell, denke ich: „Eigentlich hab ich nix gegen die, aber warum müssen die in der Öffentlichkeit …“

Ist ja undenkbar, dass wir neben „Ausländern“ auch noch solche Leute nicht mehr schief angucken dürfen. Was soll denn als nächstes kommen? Ein Ende des Dickenhasses?? Wie soll ich mich denn da noch moralisch überlegen fühlen??? /Sarkasmus Ende

Derartigen Erörterungen schließt sich eine Diskussion an, was Asexuelle, die nix und niemanden wollen, auf einem CSD zu suchen haben.

Mit ein bisschen Glück werde ich nebenher mit irgendeiner Störung laiendiagnostiziert, über die ich als Apothekerin wahrscheinlich mehr weiß als die meisten Personen in freier Wildbahn. Absurde Reaktionen wie die mit der Dusche sind die Ausnahme, machen aber mehr her für Anekdoten, außerdem muss ich mich nicht drüber aufregen.

 

Auf solche Gespräche habe ich ganz selten Lust

Zumal Blödsinn von völlig Fremden meist leichter zu ertragen ist als ein Bingospiel mit Personen, die mich eigentlich besser kennen sollten. Dementsprechend komme ich nur dann offiziell aus dem Schrank, wenn mir die Leute so wichtig sind, dass ich sie nicht per Auslassung belügen möchte.

Die uninformierte Mehrheit muss meine Freizeitgestaltung für ziemlich langweilig halten.

 

Dabei geht’s mir noch gut.

Dass ich mir darüber Gedanken mache, ob ich langweilig wirke, ist ein Luxusproblem.

Klar: Ungeoutet leben bedeutet, dass ich Angst vor Entdeckung habe. Wer Angst hat, will nicht auffallen, will nicht angreifbar sein, und wer niemals auffällt, ist langweilig.

Allerdings weiß ich von wenig echten Ignorant*innen im Bekanntenkreis, und um meine körperliche Unversehrtheit musste ich auch noch nicht fürchten. Anderen Leuten geht’s da wesentlich schlechter, auch in Deutschland, nicht nur in Russland und Uganda oder Iran.

Vor Coming-Outs muss ich keine Angst haben – hatte ich aber natürlich manchmal trotzdem. Insgesamt finde ich sie vor allem (emotional) anstrengend.

Das heißt, jede*r, vor diem sich wer persönlich erklärt, dies zu schätzen wissen möge. Es ist ein Kompliment, wenn euch wer so ins Vertrauen zieht – womöglich hat sie diejenige Person wochen- bis monatelang mit dem Für und Wider rumgeschlagen, hat sich selbst in Zweifel gezogen und einen Haufen nötiger oder unnötiger Sorgen oder Gedanken gemacht …

Was alles andere als langweilig ist. Und, meines Erachtens, immer noch einen Haufen Respekt verdient.

 

 

 


Bild von hier: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wall_Closet.jpg?uselang=de

Wir sind die Bösen

Wir sind diejenigen, die nur aus Kalkül flirten.

Wir sind diejenigen, für die du niemals das Ein und Alles sein kannst.

Wir sind diejenigen, die dir niemals das Gefühl geben werden, das Wichtigste auf der Welt zu sein.

Wir sind die Beziehungsunfähigen.

Wir haben unter uns Casanovas und Nymphomaninnen. Wir sind diejenigen, die Sex mit allem haben, was sich bewegt und in unser Beuteschema passt.

Wir sind die Verantwortungslosen, die Risikobehafteten. Wegen uns dürfen schwule und bisexuelle Männer in Deutschland kein Blut spenden. Wegen uns gelten alle Bisexuellen als irgendwie promiskuitiv und unfähig, treu zu sein.

Wir sind diejengen, von denen du glaubst, dass sie nur dadurch gerettet werden können, dass sie sich endlich verlieben.

Wir sind diejenigen, die du nicht durch eine Romanze retten kannst, denn wir verlieben uns nicht.

Wir sind die Sherlockhaften Egoman*innen, die manchmal nicht begreifen, warum wir und unsere Gefühle nicht reichen, warum es immer mehr sein muss, mehr Romanze, mehr Liebeserklärungen, mehr Nähe. Wir begreifen vielleicht auch das dazu gehörige Besitzdenken nicht.

Gestatten. Wir sind aromantisch.

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Ich möchte lesen!

… Um mal Agent Fox Mulder aus der Abteilung X-Akten zu paraphrasieren.

Ich möchte wirklich gerne lesen. Ich bin auch bereit, Geld für gute Texte auszugeben.

Dementsprechend stellt sich mir häufiger die Frage: Was ist ein guter Text?

Ich möchte gerne Fantasy lesen, die ich so noch nicht gesehen habe. Gebt mir nicht schon wieder irgendeinen heterosexuellen Typen, der die Welt retten darf. (Das ist für mich häufig nur auf Filmlänge erträglich, zumal mich erstens dekorative Explosionen, zweitens dekorative Menschen und drittens die CGI ablenken.) Gebt mir nicht schon wieder eine heterosexuelle Frau, die ohne zugehörigen Mann nicht vollständig ist.

Zum Beispiel:

Ich bin gerade am Überlegen, ob ich mir Peter V. Bretts „Lied der Dunkelheit“ zulege. Die Leseprobe auf Englisch habe ich noch nicht zu Ende gelesen. Warum? Der Weltenbau überzeugt, ich mag den jungen Arlen, die Schreibe auf Englisch passt. Aber. Da geht es ums Heldentum, um Männer, die gerne kämpfen würden, und ihre Frauen und Kinder beschützen …

Ah. Ja. Dass es vielleicht auch Frauen gibt, die nicht nur unter den Dämonen, sondern auch unter ihrer Hilflosigkeit leiden, ist, wie soll ich sagen, offenbar jenseits des Vorstellungsvermögens jener Dorfbewohner (ohne das *innen, denn die Mädels* scheinen keine Meinung dazu zu haben). Und so, wie es sich auf den ersten vierzig Seiten anhört, auch der des Autors.

Zumindest meine ich, dass es im Subtext eines Romans spürbar ist, ob mensch sich eine Kriegerkultur ausgedacht hat, oder ob mensch an die Kriegerkultur glaubt, mit den ganzen Vorschriften für Frauen, die in einem geregelten Kontext vor allem viele Kinder haben sollen. Einer solchen Kultur ist jede Frau, die eine eigene Meinung hat, gefährlich, und jede*r, di*er sich dem Fortpflanzungsgebot entzieht, ein*e Sünder*in. Ergo Sexismus, ergo Homophobie.

Jedenfalls halte ich die Aussage, dass Männer vor allem stark sein müssen, und Frauen vor allem beschützt werden müssen, für extrem giftig, weil sie weder Männern* noch Frauen* gut tut.

Wünsche ich mir also Texte, die andere als Randgruppenfiktion abtun würden? Vielleicht. Gibt’s auch, Unmengen im Klein- und Selbstverlag. Hab selbst einen geschrieben, nicht wahr?

Jetzt kommt der Haken: Ich bin von den vielen englischen Texten verwöhnt, die ich gelesen habe, und den Rest hat Stephan Waldscheidt erledigt. Dessen Motto ist: Bessere Romane schreiben. Warum okay, oder gut, wenn es auch verdammt gut gehen könnte?

Ergo: Wenn ich die Leseprobe lektorieren will, gebe ich kein Geld aus.

Infodumps finde ich stinkend langweilig – ganz ehrlich, ich muss nicht die ganze Hintergrundgeschichte einer Figur kennen, und ich muss sie nicht auf den ersten drei Seiten lesen.

Rechtschreib- und Grammatikfehler sind ebenfalls ein Abturner – und ich meine damit nicht die „wenn mensch ein Auge zukneift, geht es auch ohne Großbuchstaben“, da dem Verständnis nicht abträglich, sondern eher die „Ach, war da der Satz zuende?“-Variante.

Genauso, wenn sich wer nicht darauf einigen kann, wie eine Figur oder ein Wesen heißt, oder geschrieben wird.

Oder wenn mir die Zeit mit zahllosen Details gestohlen wird, die nachher unmöglich alle wichtig sein können. (Ein Schweineglück, dass ich „Der Turm“ nur ausgeliehen hatte. Ich habe nach drei Kapiteln aufgegeben, weil ich vor lauter exotischen Katzennamen und architektonischen Einzelheiten vergessen habe, mich für das weitere Schicksal der Figuren zu interessieren.)

Monstersätze von Seitenlänge … sorry, Meister Bocaccio. In diesem Falle kämpfe ich mich durch wegen der Allgemeinbildung und so, aber inhalieren kann ich diesen Text nicht.

Idealerweise ist der Text entweder inhalierbar, oder so gut, dass ich über manche Sätze länger nachdenken will.

Meine Schmerzgrenze ist bei allem, was ich als handwerkliche Fehler empfinde, relativ niedrig. Die Hälfte meiner Motivation zum Schreiben scheint manchmal ein „das kann ich aber besser“.

Ob es wirklich besser ist, müssen nachher andere entscheiden. Als Autorin hänge ich immer irgendwo zwischen dem Gefühl, das Beste seit geschnitten Brot zu sein, und Selbstzweifeln. Gelegentlich bekomme ich auch eine realistische Einschätzung zustande.

Wenn also selbst das Lektorat, von dem mensch annehmen sollte, dass es mal einen Schreibratgeber in der Hand hatte, dem/der Autor*in bei für mich offensichtlichen Schnitzern keine Nacharbeit abfordert, habe ich üblicherweise graue Aussichten auf die anderen 200 plus Seiten.

Das ist ein Dilemma. Einerseits will ich Zeug lesen, das die großen Verlage meistens nur mit spitzen Fingern anfassen.

Selbst- oder Kleinverlag heißt aber, dass nicht so viel Geld für ein ausgeprägtes Lektorat zur Verfügung steht. Manchmal heißt es auch: Es gibt nicht so viele gute Texte zu kaufen, wie wir gerne hätten, weil nur ein Bruchteil aller Schreiberlinge sich mit dem Thema überhaupt auseinandersetzt.

Als ein Mensch einer Randgruppe weiß ich das. Heilika existiert auch, weil ich meine eigene Randgruppe gerne in einem fantastischen Setting sehen wollte.

Andererseits bin ich nicht bereit, beim fiktionalen Träumen zu viele Abstriche zu machen. Wenn ich lese, will ich weg sein, und jedes fehlende Gänsefüßchen stört mich dabei.

Ein Dilemma, für das es wohl so bald keine Lösung gibt.

Teaser für der Albenbrut zweiten Teil

Heute ist IDAHOT – der internationale Tag gegen Homophobie und Trans*phobie.

Da vier meiner Figuren thematisch passende Diskussionen führen, praktischerweise auf den ersten Seiten des zweiten Teils, wollte ich die hier mal teilen.

Zur Spoilervermeidung, sollte irgendwer Angst davor haben, bitte klicken und Weiterlesen

Linkspämmchen und Kopfkratz

Trippmadam hat ihre Samstagslinks gepostet, wie immer hochinteressant.

Aus Autor*innen-technischer Sicht interessant ist ihr Verweis auf Anke Gröner, den ich hier aufnehmen möchte: Was wird eigentlich überliefert?

Außerdem via Rumklicken gefunden: ein (englischsprachiges) Interview auf Salon, wo es um weibliche Sexualität als Streitobjekt zwischen Konservativen und Liberalen im weitesten Sinne geht, oder dem Konflikt zwischen Kriegerkuturen, wo der Körper eines Menschen der Allgemeinheit gehört, und Nicht-mehr-Kriegerkulturen, wo der Körper dem Individuum gehört.

Außerdem hat mich jemand auf diesen Bericht hier hingewiesen: In China wurden etwa zwei Dutzend Autor*innen von Slash-Fanfiction verhaftet. Slash-Fanfic nimmt in der Regel zwei Kerls aus einem Fandom und schreibt sie als Paar (Zum Beispiel Kirk/Spock, Sherlock/John Watson, Professor X/Magneto … Slash wegen des Schrägstrichs). Ein ziemlich beliebter Zeitvertreib unter weiblichen Fans, dem ich mich ebenfalls nicht entziehen konnte. Jedenfalls ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis irgendwer anders (*hust* Russland *hust*) auf die Idee kommt, (Fanfic-)Autor*innen wegen der Propaganda für Homosexualität zu verhaften.

Was soll ich sagen? Manchmal bleibt einer nur, sich entweder den Kopf zu kratzen, oder „aargh“ zu machen und zu verzweiflen.

Linkspam: Artikelserie Queerphobie

Ich prokrastiniere gerade. Von wegen Überarbeitung zweiter Teil Albenbrut – meiner Lektorin gefiel das Ende nicht, und ich finde sowohl das Schreiben wie das Editieren von Sexszenen wahnsinnig schwierig. (Ja ja, ich weiß, hätt‘ ich mir halt ein anderes Genre suchen sollen.)

Sehr viel erbaulicher ist eine Artikelserie über Queerphobie in der HuffPo, die ich gefunden habe und einfach mal weitergeben will. Erbaulich in dem Sinne, als dass Wolfgang Fänderl Ursachen sehr ausführlich beleuchtet und Möglichkeiten aufzeigt, was dagegen zu tun:

Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7