In der Hoffnung, dass ich den Elan nicht verliere, ist dies Post 1 von 3 zum Thema Heidentum.
Passend zum Thema: Frau mit Buch, sog. Sappho-Fresko, Pompei. Ausgeliehen bei Wikimedia Commons.
Glaube oder Verehrung?
Im Verlauf meiner Recherchen zu Albenerbe fiel ich bei einer rekonstruktionistischen Vereinigung zum Thema Religio Romana über das schöne Wort „Orthopraxie“. (Der originale Link ist leider nicht mehr auffindbar.)
Demnach sei das Christentum vom rechten Glauben, der Orthodoxie, geprägt, von orthos (recht, richtig), und doxa (Meinung). Der Streit darüber, was ein korrekter Glaubensinhalt ist, führte zur Aufsplitterung des Christentums in zahlreiche Konfessionen.
Aber wir müssen uns gar nicht über die Natur der Dreifaltigkeit streiten. Selbst wenn ich noch so brav im nächstenliebenden Sinne bin: Sobald ich nicht an Gott glaube, ist das mit der Erlösung nicht garantiert. Daher auch (stark verkürzt) der Missionsanspruch des Christentums – denn Teil der Nächstenliebe ist ja, dass ich anderen die Möglichkeit gebe, nach Ende ihres Lebens ebenfalls erlöst zu werden.
Hingegen sei die antike römische Religion eine Religion der korrekten Verehrung gewesen. Wie sich die Einzelperson eine Gottheit oder einen Genius Loci vorzustellen hatte, war nicht festgelegt. Viel wichtiger war, dass diesen Wesenheiten Respekt gezollt wurde. Denn sie befanden sich in der Welt – waren also keineswegs „überirdisch“, sondern real handelnde Wesenheiten – und würden die Verehrung mit ihrer Gunst zurückbezahlen, in Form einer sicheren Reise, einer guten Ernte, einer Genesung, Kriegsglück oder was auch immer.
Dass diese Wesenheiten keinesfalls allmächtig waren und ihre Interessen sich teilweise widersprachen, stand dabei außer Frage. Sonst würde ja allen Menschen, die opfern, alles immer gelingen. Diese Wesenheiten konnten aber Hinweise auf die beste Entscheidung geben, wenn eins sie korrekt um Hilfe bat – daher die ausgeprägte Wahrsagepraxis der römischen Antike.
Was glaub ich da eigentlich?
Nachdem ich im Zuge der Recherchen für Lokis Fesseln beim Nornirs Aett zum zweiten Mal über die Bemerkung gestolpert war, dass Religion nicht unbedingt einen Glauben beinhalten muss, wurde mir klar, dass mich das die ganze Zeit gestört hatte: Ich habe Schwierigkeiten, religiöse Versprechen zu glauben.
Das verhindert keineswegs, dass ich anderen Mist glaube – unsere Gesellschaft ist voll von Glaubenssätzen („Doxa“). Die Inhalte vieler Doxa widersprechen den hehren Zielen der Menschenrechte teils diametral und haben sich auch bei mir festgesetzt. Als da wären, dass es ohne Kapitalismus nicht gehe (wobei der Sozialismus als Gegenentwurf längst ausgespielt hat) und jede*r des eigenen Glückes Schmied sei. Dass arme Menschen tendenziell dumm und die meisten dicken Menschen faul seien und daher irgendwie Verachtung verdienen. Dass Ethnie, Kultur und Religion das Gleiche seien und sich menschliche Kulturen daher in ihrer Essenz fundamental unterscheiden – eine Weiterentwicklung des Rassismus, der auch Ethnopluralismus genannt wird. Und allerlei Unfug mehr.
Aber auch, dass Religion einen Glauben beinhalten muss. Oder dass Geist und Materie getrennt sind. Auch viele Kategorien (wie beispielsweise „Zivilisation“, „Natur“, „sexuelle Orientierung“) werden als absolut und gegeben hingenommen, und werden damit zu einer Art Glaubenssatz.
Ohne Kategorien zu denken, ist unmöglich, möchte eins nicht immer bei Null anfangen. Ich kann aber hinterfragen, woher sie kommen und was sie bedeuten.
In diesem Fall habe ich meinen Glauben aufgegeben, dass eine Religion einen Glauben beinhalten muss. Am Rest arbeite ich.
Es war 2014, als ich über eine ziemlich geile Idee stolperte, die Hagen Ulrich, Autor von Vampirromanen, hatte. Wenn in Deutschland alles verwaltet wird, muss es auch Vorschriften für magische Wesen geben. Und ein Amt, das sich um alles kümmert. Also, das Bundesamt für magische Wesen: Platz für gehobenen Nonsens und Satire.
Nicht nur ich fand die Idee anfangs sehr klasse, es entstanden bis 2016 zwei kleine Anthologien, ich schrieb einige Blogbeiträge für die zugehörige Internetseite. Ich half einmal beim Verkaufsstand bei der RingCon und beim CSD Köln aus.
Finanziell gelohnt hat sich das nie, aber ich hatte, als so langsam die Begeisterung in der restlichen Fantasy-Schreib-Szene nachließ und ein Verlag gegründet wurde, ein paar Aufträge für Lektorate.
Aber gleichzeitig fing es an zu knirschen.
Strike 1: Sprachverbote?
Da lieferte sich der Amtsleiter auf Twitter ein Gefecht mit mir lieben Kolleginnen ums Thema rassistische Ausdrücke. Nun bin ich grundsätzlich dagegen, irgendwelche Wörter zu verbieten und weiß durchaus, was Rollenprosa ist. Aber im Alltag tut es echt nicht weh, „Schokokuss“ oder „Schaumkuss“ zu sagen statt rassistische Ausdrücke zu reproduzieren, wenn es nicht absolut nötig ist. Ich kann mich noch lebhaft dran erinnern, dass ich mich als etwa Zwölfjährige über die geänderte Aufschrift auf einer Süßkram-Box wunderte, woraufhin mir meine Mutter erklärte, dass das M-Wort halt in dem Fall eine Beleidigung sei und dass man das nicht mehr sagen sollte. Und damit war die Sache bzw. der Schokokuss für mich gegessen. Damit will ich nicht behaupten, ich hätte keinen Rassismus verinnerlicht, aber zumindest in dem Fall hat’s gewirkt und ich vermisse im Alltag auch nichts.
Ich muss keinesfalls, um mich gegen ein vermeintliches Sprachverbot zu wehren, diverse rassistische Ausdrücke in meine Twitter-Timeline werfen, wie es der Amtsleiter tat. Da sehe ich dann keine Satire mehr, das ist, bestenfalls, Trotz.
Strike 2: Die TERF-Diskussion
Mit einer unreflektierten Verteidigung von J. K. Rowling ging es weiter. Wieder erst mal bei Twitter. Eine geschätzte Kollegin teilte irgendwas über Rowlings Trans-Feindlichkeit, die Amtsleitung widersprach, dass Rowling keineswegs transfeindlich sein, ohne sich um die Fakten zu kümmern. Im Grunde habe ich die Zerlegung ihrer angeblich nicht transfeindlichen Streitschrift nur geschrieben, damit alle (inklusive Amtsleitung) blicken, dass das Traktat transfeindlich ist. Ob das gelungen ist, bleibt dahingestellt. Ich wage es zu bezweifeln.
Strike 3: Sind Content Notes einfach nur Mimimi?
Ich muss gestehen, ich mag Content Notes. Ich lese viel Fanfiction, und sehr gern bei AO3, da dort ausführlich getaggt wird. Ob es um Beziehungskisten oder verschiedene Arten von Gewalt oder anderen Probleme geht: Es gibt halt einfach Tage, an denen ich keinen Bock auf Thema Wasauchimmer habe, und dann kann ich den Text wann anders lesen oder ihn fürderhin gepflegt ignorieren. Ich selbst weiche beispielsweise sehr viel heterosexuellem und heteronormativem Content aus, weil ich das im echten Leben schon genug habe.
Ich kann also verstehen, dass das Menschen auch in Büchern schätzen. Zumal es bei mir „kein Bock auf“ ist und andere vielleicht, sagen wir, tatsächlich schwierige Alkoholiker*innen in der Familie haben und dann nicht unbedingt aus dem toten Winkel mit Alkoholismus konfrontiert werden wollen. Das Leben ist ohnehin schon mies genug. Es ist meiner Meinung nach okay, wenn sich Menschen ihre Freizeitbeschäftigung kuratieren möchten und ebenfalls für sie anstrengenden Themen lieber ausweichen.
Sich dann darüber lustig zu machen, dass manche Leute Content Notes schreiben oder ebensolche ihren Romanen voranstellen und die „Generation Mimimi“ das auch noch gut findet oder gar darum bittet — das finde ich schlechten Stil. Oder vielleicht ist es Neid, weil es das früher nicht gab? (Manchmal hätte ich das als Teenie wohl brauchen können.)
Jedenfalls finde ich diese Art von Spott weniger Satire, als sich Applaus von Rechts einzusammeln, indem auf einer Praxis rumgehackt wird, die a) nicht verpflichtend ist und b) in modern-linker Manier die Zugänglichkeit zu Texten verbessern möchte.
Ähnlich läuft das für mich mit dem Gendern. Tu es oder lass es bleiben, aber wenn du Applaus dafür möchtest, dass du es Scheiße findest: Dann kriegst du kein Geld von mir, wenn ich es vermeiden kann.
Fazit
Die rechte Rhetorik hat da wohl verfangen, wenn sich die Amtsleitung von irgendeiner Sprachpolizei verfolgt fühlt? Alternativ könnte ich als Begründung für das völlig unaltersgemäße Trotzverhalten Neid auf die (jungen) Kolleginnen vermuten, bei dem ein nicht unerhebliches Maß Misogynie mitspielen dürfte.
Derletzt fand in eine von mir besuchte queere Runde eine Person, die sich als fromm evangelisch entpuppte. In derselben Runde ist es selten, dass sich wer so offen zum gläubigen Christentum bekennt.
Jedenfalls spielte ich dreißig Minuten lang Taxi nach Hause, der betreffende Mensch war recht gesprächig, und so beklagte er unter anderem, dass ihm bei einer Gelegenheit gegenüber knallhart gesagt wurde, die Bibel sei ein Märchenbuch. Also nicht nur so im Internet, sondern direkt ins Gesicht.
Uneindeutige Aussagen sind jedoch ein Gräuel für das Christentum, in dem „Glaube“ an eine bestimmte Lehre und vor allem eine bestimmte Gottesvorstellung so wichtig ist, dass immer wieder Schismen auftraten. Die ältesten noch erhaltenen Abspaltungen von dem, was mal Katholizismus und Orthodoxie und die Evangelischen und Reformierten Kirchen und was nicht all werden würden, sind wohl die Armenische Apostolische Kirche und die Koptische Kirche. (Bei einer geführten Reise nach Armenien versuchte die Reiseleitung den Unterschied der Varianten zu erklären. Ich habe einen Aufsatz darüber gelesen, worüber sich Orthodoxie und Katholizismus verkracht haben. Ich verstehe beides nicht.)
Und na ja, die meisten modernen liberalen Christ*innen werden wohl Mythen wie die Vertreibung aus dem Paradies oder das mit Noahs Arche als solche benennen (oder als Gleichnisse oder bildhafte Beschreibung eines Glaubensinhalts oder wasauchimmer, aber nicht! als Sage), aber Jesu Leben und Auferstehung muss eins als mindestens spirituellen Fakt annehmen, sonst kann eins das mit dem Christentum mit seinem Gepoche auf Glauben auch gleich sein lassen.
Demnach hatte das Christentum über Jahrhunderte nichts Besseres zu tun, als all die anderen Mythen, gegen die es antrat, lächerlich zu machen und/oder als Aberglaube zu verunglimpfen. Haha, die haben geglaubt, dass da ein Typ mit Flügeln an den Fersen die Seelen Verstorbener in die Unterwelt bringt. Oder dass ein Typ auf einem Berg sitzt und Blitze schleudert. Wie rückständig.
Bestenfalls waren solche Mythen noch als Sagen akzeptabel. (Homer! Ovid! Sogenannte klassiche Bildung und so …) Aber in der heutigen Welt ist die Unterscheidung zwischen Sage und Märchen nicht mehr genau gezogen, zumal sich das Personal manchmal nicht unterscheidet. Die nordische Mythologie hat jedenfalls mehr Zwerge zu bieten als die sieben bei Schneewittchen.
Und all die Jahrhunderte der Weigerung, die eigene Heilige Schrift als die Mythensammlung zu akzeptieren, die sie ist, und die gleichzeitige Diffamierung anderer Mythen als „bestenfalls Sagen“ oder gleich als Märchen ist dann meiner Mitfahrperson auf unschöne Weise auf die Füße gefallen.
Die Moral von der Geschicht‘ darf sich das geneigte Publikum selbst zusammenbasteln oder es sein lassen.
Die CSU-Fraktion im Bezirksausschuss München-Bogenhausen will eine in der Stadtbibliothek geplante Draglesung für Kinder behördlich verbieten. Sie reiht sich damit wissentlich in die Strategie internationaler rechts-autoritaristischer Akteure ein. Das ist alles andere als harmlos.
Am Mittwoch werde ich vor einem (erwachsenen) Publikum vorlesen. Ich gehe allerdings davon aus, dass die aktive Produktion von Nicht-Wissen und Desinformation ebenfalls Thema sein wird.
Wie schon das eine oder andere Mal vorher wollte ich euch einen Einblick in das geben, was Überarbeitungen und professionelles Feedack von Lektorinnen am Rande der Verzweiflung so können.
Für die rein sprachlichen Änderungen habe ich keine Fußnoten ergänzt, denn es geht, wie sich das gehört, um ein zentrales Thema beim Erzählen: Konflikte. (Mal wieder.)
Früheste bequem auffindbare Rohversion („v6“, Februar 2020):
Loki und Vali mussten (1) drei Runden durch den dunklen Park schlendern, bevor Jör sich näherte. Falls sich sonst irgendwer an diesem sehr frühen Samstagmorgen hier herumdrückte, entdeckte Loki niemanden davon, was auch Valis ungetarnter Anwesenheit geschuldet sein mochte. Normalerweise achtete Vali darauf, sich wie ein Hund zu geben – nur das Kläffen hatte er sich nicht angewöhnt. Und normalerweise sorgte das Halsband mit dem Runenzauber dafür, dass die Leute ein gezähmtes Haustier mit Dackelblick statt eines echten Wolfs wahrnahmen.
Schließlich harrten sie an der Anlegestelle aus, bis bei beginnender Dämmerung Jörmungands stacheliger Drachenkopf aus dem Wasser tauchte.
Loki blieb fast das Herz stehen, als hätte sie den sichtbaren Beweis gebraucht, um es zu glauben. Ihre Hände krallten sich in ihre Kapuzenjacke, und sie konnte sich nicht rühren. Wieso hatte Jör von allen Wesen nach ihr gerufen, die es am wenigsten verdient hatte?
Das Wasser ist anders dreckig als früher, bemerkte Jör scheinbar unbeeindruckt von Lokis Schweigen, hievte sich über die niedrige Kaimauer und watschelte auf seinen kurzen Beinen an Land: Ein vier Meter langes, oberschenkeldickes Wesen mit einem beeindruckendem Gebiss und sturmfarbenen Schuppen. Schmeckt weniger nach Scheiße und mehr nach Steinöl und Seife. Er schüttelte sich.
Vali sprang auf ihn zu und leckte ihm die Schnauze ab.
Hei, hei, kleiner Bruder. Endlich treffe ich dich. Das letzte Mal, als ich dich gespürt habe, warst du eine Kaulquappe in Vaters Bauch. Eine gespaltene Zunge gab die Begrüßung zurück. Dir geht’s gut, hm?
Valis Schwanz wedelte so sehr, dass Loki befürchtete, er würde sich die Hüften auskugeln. Aber statt das Kind zu beruhigen oder irgendetwas anderes zu tun oder auch nur zu sagen, schluckte Loki um einen Kloß in ihrem Hals.
Die beiden beschnüffelten sich noch eine Weile. Endlich wandte Jör seinen Drachenblick aus schlitzförmigen Pupillen Loki zu.
Vater. Ich sollte Wergeld von dir fordern.
Nichts mehr mit Papa, was auch zu erwarten gewesen war. „Sohn.“ Lokis schlechtes Gewissen wich insoweit, dass sie trotz der Drohung die paar Schritte zu Jör machen konnte und vor ihm ins Gras auf die Knie sank.
Du erwartest doch nicht einfach so Vergebung?, meinte Jör. Nur, weil wir verwandt sind? Ein Kind, das zu schnell hatte erwachsen werden müssen. Seine Nüstern stießen fast gegen Lokis Stirn, er roch nach Salzwasser und Tang. Du hast Mutter betrogen und uns an deinen Blutsbruder verraten.(2)
Ich weiß. Loki schluckte. Jahrhunderte hatte sie Zeit gehabt, sich Vorwürfe zu machen und über dem „Was wäre wenn?“ zu brüten. Die Nochehefrau hatte ihr diesbezüglich oft genug Vorträge gehalten. (3)Es tut mir leid. Alles tat ihr leid. Es war keine Floskel diesmal.
Gut.
Loki senkte den Kopf, obwohl sie sich lieber zusammenkrümmen wollte. Aber das war es eben, was Jör von den gläubigen Christen trennte, die Loki begegnet waren: Die Vergebung erfolgte nicht automatisch. Man konnte ihm nicht einreden, dass es seine Schuldigkeit sei, auf eine Bitte um Verzeihung diese auch zu gewähren. Zu einem Friedensschluss gehörten Gaben oder Taten. (4)
Etwas Kühles streift Lokis Nase.
Bei passender Gelegenheit werde ich dich um Wiedergutmachung bitten, sagte Jör.
Danke. Das war mehr, als Loki hätte hoffen sollen. Sie hob die Hand, und Jör ließ sich die Stacheln seiner Halskrause streicheln. Vali drängelte sich dazu.
Lange hatte Loki sich nicht mehr so warm gefühlt. Die Nornen hatten doch manchmal ein Einsehen. (5)
Irgendwann zuckten Valis Ohren.
Da kommt wer angerannt, stellte Jör fest. Kein Krieger.
„Jogger?“, fragte Loki.
Vali neigte den Kopf in Zustimmung.
„Die Menschen hier rennen als reines Freizeitvergnügen“, sagte Loki. Sie fand das immer noch seltsam. Ein wenig Dauerlauf in Rüstung war sicherlich sinnvoll, um als Krieger in Form zu bleiben, aber einfach aus reinem Spaß an der Freude rennen? (6) „Wir sollten sowieso erst einmal nach Hause. Essen und schlafen. Und dann müssen wir uns überlegen, wie du weniger auffällst, Jör.“
Sie können mich nicht sehen, wenn ich es nicht will.
Vali machte ein kleines, neidisches Geräusch.
„Aber sie können über dich stolpern.“
Das ist wahr. Mit einem Schnaufen schrumpfte Jör auf die handlichere Länge von einem Meter und kletterte Lokis Arm hinauf, ringelte sich um ihren Hals. Die Stacheln verfingen sich in Lokis schulterlangen Locken und zogen Strähnen aus dem Zopf. Ein paar Haare rissen auch aus, aber sie ließ sich die Schmerzen nicht anmerken.
Eigentlich hätte Jörmungand leicht sein sollen, doch Loki wankte, als sie aufstand. Da ruhten sowohl ein kleiner Drache als auch die Weltenschlange selbst auf ihren nicht allzu breiten Schultern.
Odin schuldet mir mindestens die Fähigkeit, als Zweibeiner aufzutreten, merkte Jör an, der natürlich wusste, wie viel er wog, und was er Loki aufbürdete.
Auf dem Heimweg (7) ernteten sie trotz Jörs Unsichtbarkeit ein paar schiefe Blicke in Valis Richtung. Loki hätte das Halsband mit den Runen einpacken sollen.
Anmerkungen zur Rohversion – Logik
(1) Warum „mussten“? Dass Loki die Füße schlecht stillhalten kann, ist nicht offensichtlich.
(3) Was hat Sigyn noch mal mit Lokis Fehlern zu tun? Da musste eine Änderung her.
(4) Nicht der richtige Platz, um den Monotheismus zu bashen, oder?
(6) Ich weiß nicht mehr, was ich da geraucht habe. Falls es eine zweite Auflage gibt, fliegen Lokis Kommentare übers Joggen komplett raus.
Anmerkungen zur Rohversion – Konflikt
(2) Das musste etwas ausführlicher werden. Immerhin ist Jörmungands Problem mit Loki der Konflikt, der Loki zwingt, einigen Dingen nicht mehr auszuweichen.
(5) Geht das nur der Lektorin so, oder ist das zu wenig Drama dafür, dass ich ein Familiendrama angekündigt habe?
(7) Der Lektorin war auch das zu wenig Drama. Und mir fiel auf, dass ich das mit dem Gastrecht für Edda-Noobs vielleicht noch mal erklären sollte.
Ein paar sprachliche Ungereimtheiten und nötige Pointierungen waren mir bereits aufgefallen. Die Betas hatten an der Szene erstaunlich wenig zu kritisieren, weshalb das meiste auf Anraten meiner Lektorin ausgebessert wurde. Unter anderem wanderte die Erklärung für das Halsband an eine andere Stelle.
Fertige Printversion (Seite 12 ff):
Loki und Váli drehten aus Langeweile drei Runden durch den dunklen Park, bevor Jör sich näherte. Niemand begegnete ihnen an diesem sehr frühen Samstagmorgen. Vielleicht, weil Váli ungetarnt als Wolf an Lokis Seite lief. Zuletzt harrten sie an der Anlegestelle aus, bis bei beginnender Dämmerung Jörmungands stacheliger Drachenkopf aus dem Wasser tauchte. Loki blieb fast das Herz stehen, als hätte sie den sichtbaren Beweis gebraucht, um an die Rückkehr ihres Sohnes zu glauben. Ihre Hände krallten sich in ihre Kapuzenjacke. Sie konnte sich nicht rühren. Wieso hatte Jör von allen Wesen nach ihr gerufen, nach ihr, die es am wenigsten verdient hatte? Das Flusswasser hat sich verändert, bemerkte Jör scheinbar unbeeindruckt von Lokis Schweigen, hievte sich über die niedrige Kaimauer und schlängelte auf seinen kurzen Beinen an Land: Ein vier Meter langes, oberschenkeldickes Wesen mit fingerlangen Reißzähnen und sturmgrauen Schuppen. Schmeckt weniger nach Kacke und mehr nach Steinöl und Seife. Er schüttelte sich. Váli sprang auf ihn zu und leckte ihm die Schnauze ab. Hei, hei, kleiner Bruder. Endlich treffe ich dich. Das letzte Mal, als ich dich gespürt habe, warst du eine Kaulquappe in Vaters Bauch. Jörs gespaltene Zunge tanzte über Vális Nase. Dir geht’s gut, hm? Vális Schwanz wedelte so sehr, dass Loki befürchtete, er würde sich die Hüften auskugeln. Aber anstatt das Kind zu beruhigen oder irgendetwas anderes zu tun oder auch nur zu sagen, schluckte Loki gegen den Kloß in ihrem Hals. Den Nornen sei Dank, dass Jör nicht eifersüchtelte. Die beiden beschnüffelten sich noch eine Weile. Schließlich wandte Jör seinen Blick aus schlitzförmigen Pupillen Loki zu. Vater. Ich sollte eine Mutsühne von dir fordern. Kein Papa mehr, was vorherzusehen gewesen war. »Sohn.« Lokis Erstarrung löste sich insoweit, dass sie trotz der Drohung die paar Schritte zu Jör machen konnte und vor ihm ins Gras auf die Knie sank. Du erwartest doch nicht einfach so Vergebung?, meinte Jör. Nur, weil wir verwandt sind? Seine Nüstern stießen fast gegen Lokis Stirn, er roch nach Salzwasser und Tang. Du hast Mutter betrogen und uns deinem Blutsbruder ausgeliefert. Wenn du uns nicht verlassen hättest, wer weiß, ob Odin und seine ach so heldenhaften Asen uns dann überfallen hätten. Deinetwegen stecken meine Geschwister in Helheim und auf einer felsigen Insel fest. Selbst ich muss mich glücklich schätzen, dass ich überhaupt aus dem Wasser steigen kann. Ich weiß. Loki schluckte. Obgleich sie nicht zur Grübelei neigte, hatte sie in all den Jahrhunderten genug Zeit gehabt, über dem »Was wäre wenn?« zu brüten. Auch wenn es zu nichts führte, mit dem Schicksal zu hadern, das die Nornen webten. Allerhöchstens sorgte es dafür, Fehler nicht zu wiederholen: Schlussendlich hatte Loki in einem Anfall von geistiger Umnachtung einmal zu oft Odins Ratschlüssen vertraut. Es tut mir leid. Alles tat ihr leid. Sie sich selbst am allermeisten. Es war keine Floskel. Gut. Loki senkte den Kopf, obwohl sie sich lieber zusammenkrümmen wollte. Sie hätte es ahnen sollen, denn sie hatte dieses Kind aufgezogen. Jör vergab ihr nicht automatisch. Zu einem Friedensschluss brauchte es Gaben oder Taten. In jedem anderen Zusammenhang wäre sie vor Stolz geplatzt, ein Kind zu haben, das für sich einstand. Etwas Kühles streifte Lokis Nase. Bei passender Gelegenheit werde ich die Wiedergutmachung fordern, beschied Jör ihr. Dass Jör einen Friedensschluss in Erwägung zog, war mehr, als Loki erhofft hatte. Dennoch hätte sie seine Bedingungen lieber gleich gehört. Konnte sie ihn überreden, schneller eine Entscheidung diesbezüglich zu treffen? Sie hob die Hand, und Jör ließ sich die Stacheln seiner Halskrause streicheln. Váli drängelte sich dazu. Lange hatte Loki sich nicht mehr so warm gefühlt. Wenn es Jör ähnlich ging, könnte sie … Vális Ohren zuckten. Da kommt jemand angerannt, stellte Jör fest. Kein Krieger. »Jogger?«, fragte Loki. Váli neigte den Kopf in Zustimmung. »Die Menschen hier rennen zum puren Freizeitvergnügen.« Ein wenig Dauerlauf half, um als Krieger in Form zu bleiben, aber als erwachsene Person einfach aus Spaß an der Freude zu rennen, fand Loki seltsam. Wie auch immer, es war der falsche Ort, um Jör Zugeständnisse abzuringen. »Wir sollten erst einmal nach Hause. Essen und schlafen. Du bist mein Gast, Jör. Und dann müssen wir uns überlegen, wie du weniger auffällst.« Sie können mich nicht sehen, wenn ich es nicht will. Váli machte ein leises, neidisches Geräusch. »Aber sie können über dich stolpern.« Das ist wahr. Mit einem Schnaufen schrumpfte Jör auf die Länge von einem Meter, kletterte Lokis Arm hinauf und ringelte sich um ihren Hals. Die Stacheln verfingen sich in Lokis Haaren und zogen Strähnen aus ihrem Zopf. Dabei riss er ihr ein paar Locken aus, aber sie ließ sich die Schmerzen nicht anmerken. Bei dieser Größe hätte Jörmungand keine zehn Kilo wiegen dürfen, doch Loki wankte, als sie aufstand. Da ruhten sowohl ein kleiner Drache als auch die Weltenschlange selbst auf ihren nicht allzu breiten Schultern. Odin schuldet mir mindestens die Fähigkeit, als Zweibeiner aufzutreten, merkte Jör an, der natürlich wusste, wie viel er wog und was er Loki aufbürdete. »Und was schulde ich dir?«, fragte sie. Jör rupfte ihr mehr Haare aus, als er ihr aus zwei Zentimetern Entfernung ins Auge sah. Du hättest wohl gern, dass alles abgegolten ist, wenn du mir ein Obdach bietest und ein paar Erklärungen zu dem, was sich in den letzten Jahrhunderten geändert hat? Das täte dazu passen, dass du seit meiner Verbannung ganze drei Mal mit mir geredet hast. Damals hatte Loki Jör von den neuesten Entwicklungen zu berichten versucht. Zu diesen Gelegenheiten war ihr nur stumme Wut entgegengeschlagen, was jegliche Aussprache verhinderte. Im Vergleich dazu benahm Jör sich heute manierlich. Dass ich dir helfe, ist selbstverständlich. Aber irgendetwas musst du dir doch wünschen. Jör schniefte. Darüber werde ich nachdenken. Derweil bin ich dein Gast. Wie du gesagt hast. Jör meinte wahrscheinlich, dass er würdevoll klang, und erinnerte sie doch nur an den Teenager, den die »Kaulquappe« in Lokis Bauch so fasziniert hatte, wie ihn der Streit seiner Eltern verwirrte. Sie unterdrückte ein Seufzen und winkte Váli. Auf dem Heimweg ernteten sie ein paar schiefe Blicke in Vális Richtung. Loki hätte doch das Runenhalsband einpacken sollen.
Vor einiger Zeit hatte also mehr als eine Person in meiner Facebook-Bubble ein Interview mit dem Linguisten Peter Eisenberg in der Berliner Zeitung geteilt. Peter Eisenberg steht dem Gendern sehr skeptisch gegenüber — angeblich verachten Menschen wie ich die deutsche Sprache, wenn sie ab und an ein Sternchen setzen oder über neue Wortformen und Grammatikdehnungen nachdenken und das dann auch noch ausprobieren.
In dem Interview sagt er aber etwas Hochinteressantes:
„Das Femininum bezeichnet bei Personenbezeichnungen Frauen, aber das Maskulinum hat die Möglichkeit einer sexusunabhängigen Verwendung. Wir brauchen so eine unmarkierte Kategorie unbedingt.“
Kein Widerspruch, dass unmarkierte Kategorien nützlich sind.
„(…) Jakobson hat die Markiertheitstheorie entwickelt und gezeigt, dass wir in natürlichen Sprachen keine gleichgeordneten Kategorien haben, sondern immer so etwas wie einen unspezifischen Hintergrund und ein Bild. Das Femininum ist das Bild, es ist markiert, es bezieht sich immer auf Frauen. Das Maskulinum bezieht sich dagegen nicht immer auf Männer. (…) Die Genderkolleginnen meiden die Markiertheitstheorie wie der Teufel das Weihwasser.“
Das sagt sich so leicht. Ich paraphrasiere: „Die sind doof, weil sie das generische Maskulinum damit verwechseln, dass etwas als männlich markiert ist!“
Da möchte ich wiedersprechen.
Der Witz ist ja: Wenn das nur die Sprache wäre? Geschenkt.
Aber Männer sind halt der gedankliche Maßstab für alles, und Frauen sind mitgemeint, bestenfalls. Und Menschen, die weder noch sind, kommen selten auch im Mitgemeinten vor.
Wer jedoch schon mal am falschen Ende von „Für eine Frau können Sie aber gut …“ gesessen hat (und noch an anderen falschen Enden), weiß, wie sich Markiertsein anfühlt: Ziemlich beschissen. Immer der Sonderfall, immer extra.
Ach, Sie brauchen einen Mülleimer in der Toilette? — Ich finde es ja so geil, wenn Frauen an ihren Autos mal was selbst reparieren. — Lächeln Sie mal für das Foto und halten Sie den Kopf ein bisschen schräg (damit sich die männliche Kundschaft nicht bedroht fühlt). — Wieso finden Sie meinen (sexistischen) Witz nicht lustig (– Frauen haben gefälligst verlegen zu kichern, wenn ich den Spruch bringe). — Die meisten FFP2-Masken sind für Männerhutgrößen standardisiert, als würden Frauen nie mit Staub arbeiten. — Die meisten erwachsenen Frauen haben Hormonschwankungen, also nehmen wir besser nur Männer für medizinische Studien und verallgemeinern dann. Bla bla bla.
Über Markierungen habe ich anhand von Julia Serano schon geschrieben.
Jedenfalls: Mit der Übung der Gendergerechten Sprache geht es auch darum, diese gedankliche Maßstab-Sonderfall-Dichotomie aufzubrechen. Zu fragen, warum ausgerechnet das grammatisch Männliche der Maßstab ist, und warum es keine echt neutrale Kategorie gibt.
Ob manche Versuche dann so sinnvoll sind, darüber lässt sich streiten. Machen Unterstriche oder Sternchen ein Spektrum auf oder vertiefen sie den Graben? Was ist mit neuen Endungen? Warum spielen wir Sternchen und Doppelpunkte gegeneinander aus? Etc. Auf dem Niveau bin ich bereit, zuzuhören. Und meine Meinungsbildung ist nur insoweit abgeschlossen, als ich Vorschriften diesbezüglich nicht gut finde, da nicht nur meine Meinungsbildung noch nicht abgeschlossen ist. (Entsprechend finden sich in meinen Texten seit 2012 Unterstriche, Sternchen, Doppelpunkte, der Versuch, den they-Singular ins Deutsche zu übertragen, und allerlei mehr.)
Dass das Deutsche noch niemals nicht von der Politik beeinflusst wurde, ist auch eine Illusion. Ich verweise auf den Sprachpurismus, der uns beinahe den Meuchelpuffer statt der Pistole eingebracht hätte, und der uns die Fahrkarte statt des Billets bescherte.
Diskussionen auf diesem Level finde ich aber selten.
Zumeist beschränkt sich der Widerspruch auf Aufrege-Postings und nicht so lustige Satireversuche. Was wohl daran liegt, dass Männer sich auf einmal markiert fühlen und merken, wie grauenvoll das sein kann — und das selbst dann, wenn es nur auf der sprachlichen und nicht auf der gesellschaftlichen Ebene stattfindet.
Insofern: Gebt mir die völlige gesellschaftliche Gleichstellung aller Geschlechter, dann klappt’s auch mit dem generischen Maskulinum.
—
Edit: https://herzbruch.blogger.de/stories/2811061/ hat eine andere linguistische Sicht auf die Dinge und kommt zum Fazit: „Ignorieren zu wollen, dass große Gruppen der Bevölkerung sich benachteiligt oder eben genau nicht mitgemeint fühlen, ist ebenso keine Frage der Grammatik, sondern eine des schlechten Stils.“
Bildchen: Poetin von Pompeji via WikiCommons, CC0.
Der Nollendorfblog über Lob von der falschen Seite: Gauland findet, dass Thierse recht hat. Oder warum ich gerade ein echtes Problem mit der SPD und beleidigten weißen Heten habe.
Etwas älter, aber da mein einer Verleger etwas fremdelt: Was ist eigentlich „Sensitivity Reading“? Oder: Wenn du als Schriftstellerin keine Ahnung von Panzern hast, recherchierst du und gibst es eventuell wem zu lesen, die sich auskennen. Oder du musst halt damit leben, dass sich wer drüber beschwert, wenn es falsch ist. Dieselbe Sorgfalt sollte eins wohl auch auf Menschengruppen anwenden, mit denen eins sich nicht auskennt. Oder es halt sein lassen und sich dann nicht wundern, wenn sich wer beschwert … (Das Internet ist trotz all seiner Fehler eine ersklassige Beschwerdestelle. Wie wir an den ersten drei Links sehen.)
Weil ich grade wegen des neuen Lockdowns noch sprachlos bin und angesichts von Anschlägen und der Wahl in den USA sowieso nur hilflos mit den Armen rudere: Ein Posting über einen Fantasy-Fluch. Immerhin benutze ich selbst gern „zum Henker“.
Im September habe ich mir innerhalb von zwei Abenden „Carnival Row“ gesuchtet. Das ist eine Amazon-Serie mit derzeit einer Staffel, die acht Folgen hat. (Nur auf Englisch geschaut, bitte verzeihen Sie eventuelle Fehlübersetzungen.)
Interessierte sollten über 16 sein, graphische, aber realistische Gewaltdarstellungen, Leichen und Sexszenen abkönnen. In jeder Folge ungefähr zwei, was wohl eher ein Verkaufsargument sein soll als tatsächlich dem Plot dient. Dem hätten die gewonnenen Minuten zur Figurenschärfung durchaus gutgetan.
Die Prämisse ist folgende: Vor nur einigen Jahrzehnten wurde der Kontinent Tirnanoc von den Menschen entdeckt. Dort leben in diversen Staaten Fabelwesen. Unter anderem Zentauren, Faune, und die mit Libellenflügeln ausgestatteten Elfen.
Wie das halt so bei „Neuentdeckungen“ ist, ziehen die Menschen los, um sich Tirnanoc untertan zu machen. Vor allem beteiligt sind die großen Staaten „The Burgue“ (wie die gleichnamige Stadt) und „The Pact“/der Pakt. Aus dem Wettlauf um Kolonien zieht sich The Burgue nach einem grausamen Krieg zurück. Da der Pakt offenbar grausamer mit den Feen-Untergebenen umgeht als The Burgue, fliehen die Feen in großer Zahl in diesen London nachempfundenen Stadtstaat.
Mich interessiert hier aber weniger die etwas plakative, aber wirksame Prämisse der Serie noch der hübsch aufgebaute Kriminalfall, der die Handlung so richtig ins Rollen bringt, sondern die Gottheit, in deren Namen The Burgue flucht: „Beim Märtyrer.“ „Beim gehängten Märtyrer.“ „God’s Noose — Gottes Galgenschlinge.“
Irgendwann vor 600 bis 700 Jahren ist da ein „Märtyrer“ namens Hosea erhängt worden. Ob er ein Prophet war, wissen wir nicht, dürfen es aber annehmen.
Und daher ist das religiöse Symbol dieser Stadt ein halbnackter Mann, der an einer Schlinge von einem Galgen baumelt. Religiöse Menschen tragen kleinere Schlingen, Mönche einen dicken Galgenstrick um den Hals. Religiös bewegte malen sich eine Schlinge auf die Brust.
Das ist nicht nur auf den ersten Blick ein wenig verstörend.
Was es damit eindrücklich schafft, ist die Wirkung des Kreuzes als religiöses Symbol in dessen Anfangszeit nachzubilden. Wir erinnern uns: Die frühen Christ*innen haben sich ein Folter- und Hinrichtungsinstrument als Symbol ausgesucht. Damals so verstörend wie heute ein Galgen oder eine Guillotine wäre.
Das ist für viele von uns Nachgeborenen trotz diverser Historienfilme kaum noch nachzuvollziehen. Ich habe keine Ahnung, ob und welche religiöse Intention seitens des Drehbuchautors dahintersteckt, aber zumindest die erste Schockwirkung dürfte eine ähnliche sein wie sie damals das Christentum verursachte. Und selbst wenn nur die das Ziel war, muss ich da echt für diese Wirkung mit einfachen Mitteln den Hut ziehen.
Ich habe weiter über J. K. Rowling und Harry Potter nachgedacht — wahrscheinlich zu viel, aber eventuell hilft es mir oder anderen beim Schreiben.
Um zu beweisen, dass es sich lohnt, Dinge fertigzudenken, muss ich ausholen.
Innerhalb des Potter-Fandoms gibt es einige Leute, die Dumbledore nicht mögen — seine Herangehensweise an Harry Potters unausweichlichen Konflikt mit Voldemort ist, sagen wir mal so, menschlich wie pädagogisch eine Katastrophe. Jede andere Person wäre wegen Gefährdung des Kindeswohls schon vor Harrys Einschulung vom Posten des Schulleiters entfernt worden.
Seltener hört eins, dass an Hogwarts selbst etwas faul ist. Aber je länger ich drüber nachdenke, desto gruseliger ist das Prinzip. Hogwarts ist keine Schule, auf die ich ein Kind meiner Bekanntschaft schicken wollte.
Warum finde ich Hogwarts problematisch?
Da werden Elfjährige in Häuser sortiert. Und zwar nicht nach Gesichtspunkten, ob sie sich vorher schon kennen oder ob sie dadurch zu möglichst mündigen, selbstständigen Menschen werden, sondern nach Charakter. Die Ehrgeizigen nach Slytherin, die Mutigen nach Gryffindor, die Wissbegierigen nach Ravenclaw und die sozial Eingestellten nach Hufflepuff.
Innerhalb mancher Familien wird erwartet, dass die Kinder in bestimmte Häuser sortiert werden, sonst droht das soziale Aus.
Jedenfalls sorgt derlei dafür, dass nicht nur ein (recht ungesunder) Wettbewerb zwischen den vier Häusern stattfindet, sondern auch, dass nach Meinungen gefiltert wird. Anders ausgedrückt:
The students were grouped by their ‚houses‘, color-coded and expected to act in the common interest of their team. Red marked the reckless, like Albus; yellow were the ones that were absolutely not dark witch/wizard material; blue marked the smartafts; green were the purebloods that didn’t fit anywhere else and halfbloods with an ambition.
Man sortierte die Schüler nach ihren „Häusern“, versah sie mit einem Farbcode und erwartete, dass sie im Sinne ihres Teams handelten. Rot markierte die Waghalsigen, wie Albus [Dumbledore, d.Ü.]; Gelb waren diejenigen, die überhaupt nicht das Zeug zu Dunkler Magie hatten; Blau markierte die Klugscheißer und Grün die Reinblütigen, die nirgendwo anders hinpassten, und Halbblütige mit Ambitionen.
So nachzulesen bei Defence Professor Wohl, ein Fanfic von DarthKrande und NeverBeyondRedemption.
Die Kompormissbereiten kommen selten in Kontakt mit denen, die über Leichen zu gehen bereit wären — die beiden Gruppen werden dazu noch aktiv dazu angehalten, zu konkurrieren. Diejenigen, die sehr viel darauf halten, sich nach oben zu arbeiten und sich nach „unten“ (zu den Muggelstämmigen) abzugrenzen, haben wenig Kontakt zu denen, die nicht so sehr auf derlei achten, die Intellektuellen haben wenig Chancen, die Übermütigen zu bremsen und von denen wiederum aus dem Elfenbeinturm geholt zu werden … und so weiter.
Man könnte fast meinen, man wäre bei uns, wo die Kinder bitteschön aufs Gymnasium sollen, am besten in einer „guten Gegend“, wo nicht so viele Kinder mit fremdländisch klingenden Nachnamen unterwegs sind …
Insofern sind die Häuser von Hogwarts Filterblasen.
Eine Aufteilung von Kindern nach vermeintlich angeborenen Eigenschaften, die dann über schulische und sportliche Leistungen gegeneinandert ausgespielt werden, behindert aktiv eine versöhnliche Kommunikation. Damit hat JKR Filterblasen geschaffen, und zwar noch bevor das Wort in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist — der erste Potter-Band erschien etwa sieben Jahre vor der Gründung von Facebook, und etwa zu der Zeit, als die Google-Suchmaschine online ging.
Der Witz ist nun, dass dieses System zumindest im Ansatz geschlagen werden kann. Harry beweist das, denn der semi-sentiente Hut, der die Kinder sortiert, bietet ihm Slytherin und Gryffindor an, und Harry entscheidet sich für Gryffindor. Trotzdem ist er halt elf und hat Ron, den Magie-Chauvi, als besten Kumpel, also verbringt er danach viel Zeit damit, auf das Haus, in dem er beinahe gelandet wäre, herabzusehen.
Der Witz geht aber noch weiter: J. K. Rowling plädiert in ihren Texten oft für weniger Vorurteile, mehr Toleranz, für rechtliche Gleichstellung von Menschen unterschiedlicher Herkunft und einen rücksichtsvollen Umgang miteinander. Warum hat sie dann das Häuser-System erfunden, wo Menschen nach angeblich angeborenen Eigenschaften sortiert werden? Und exakt das Gegenteil von dem tun, was sie sich wünscht?
Obwohl sie also theoretisch weiß, dass die Häuser-Aufteilung schlechte Pädagogik ist, ist sie nicht in der Lage, dieses Konzept nachhaltig zu unterlaufen.
Das ist vielleicht dem Zeitgeist geschuldet. Oder andersrum: Ist mit dem „Mein Haus ist besser als deins“-Getue und „ich bin dir moralisch überlegen, weil ich in Gryffindor bin“ nicht eine komplette Generation aufgewachsen? Genau die, die sich nachher zuerst auf Facebook, Twitter, tumblr und so weiter rumgetrieben und damit eventuell den Umgangston nachhaltig beeinflusst haben.
Diese Fragen überlasse ich der Soziologie und der Kulturwissenschaft.
Ich weiß nur, dass Rowlings Erzählweise durchaus vereinnahmend ist. Ich bin da auch zuerst drauf reingefallen, bis ich geblickt habe, was da eigentlich abläuft.
Und was habe ich nun daraus gelernt?
Erstens: Am Ende mag JKRs Aufbau von Hogwarts ein weiteres Licht darauf werfen, warum sie mit trans Personen solche Probleme hat. Immerhin weigern die sich, eine vermeintlich angeborene Eigenschaft hinzunehmen und hinterfragen damit die Sortierung in die beiden Häuser „männlich“ und „weiblich“.
Zweitens: Narrative können erstaunlich verführerisch sein. Insofern ist es wichtig, Geschichten zu erschaffen, in denen nicht willkürlich Linien gezogen werden oder in denen das allgegenwärtige moralische Auftrumpfen unterlaufen wird.
Drittens: Für mich als Schriftstellerin ist es eine Ermahnung, die Grenzen zu beobachten, die ich in meinen Texten ziehe und mich zu fragen, warum sie existieren.
CN: Mäander über Transfeindlichkeit mit Erwähnungen sexueller Gewalt
Also, J. K. Rowling, die Frau, die Harry Potter erfunden hat, bekommt seit einiger Zeit Internet-Gegenwind wegen Transfeindlichkeit.
Gegen den Gegenwind schrieb sie einen langen Text. Sie sei gar nicht transfeindlich! Aber sie habe halt Bedenken.
Am Anfang klingt der Text vernünftig, zumal sie einen verständnisvollen, ruhigen Ton anschlägt. Frau gerät so ins Mitnicken, und wenn eine mal das Mitnicken angefangen hat, findet sie da selten schnell wieder raus. (Menschen sind halt so. Dreimal zugestimmt, da ist es echt schwierig, beim vierten Argument zu sagen: „Halt mal …“)
Trans für Dummies
Grundlage für den Streit ist Folgendes:
Bestimmen die Geschlechtsteile, die Menschen haben, automatisch deren Geschlecht? Also, ob sie Männer oder Frauen sind?
Oder ist das Geschlecht, das Menschen in ihrem Kopf und Herz haben (das Ich-Geschlecht, wie es eine großartige Person nennt), ausschlaggebend?
Je nach Standpunkt haben wir dann bei trans Menschen entweder Männer und Frauen, die einen an der Waffel haben und deswegen Namensänderungen, Hormone und/oder Operationen wünschen,
oder
Menschen, denen es in ihren Körpern und/oder den ihnen von der Gesellschaft zugewiesenen Rollen nicht gut geht und die daran dann verständlicherweise etwas ändern wollen.
(Inter* Menschen kommen in der ersten Meinungskette wohl nicht vor.)
J. K. Rowling gehört zu der Fraktion Biologie = Geschlecht.
Ich nicht.
Trotzdem kam ich bei ihrer Verteidigung ins Mitnicken, was sie zu einer großartigen Autorin, macht, aber nicht unbedingt zu einem großartigen Menschen. Aber daran habe ich schon seit Dumbledore und vor allem seit Ron Weasley im Epilog von Band 7 gezweifelt.
Sezieren wir die Argumentationskette von JKRs Aufsatz mal.
Teil 1: Trans Männer
Sogenannte trans-ausschließende Feminist*innen würden sich um alle Menschen kümmern, die als Frauen geboren seien, auch um trans Männer, also würden sie gar nicht grundsätzlich trans Menschen ausschließen.
Was hat das mit dem Thema zu tun?
Sie macht sich Sorgen um junge Menschen. Es gibt einen nachweislich zu verzeichnenden Anstieg von jungen Menschen, denen bei der Geburt das Geschlecht „weiblich“ zugeordnet wurde, und die eine Transition anstreben. Angeblich sei das in manchen Freundinnenkreisen regelrecht ansteckend, wie Magersucht wohl manchmal. Und was ist dann mit Mädchen, die merken, dass sie nur angesteckt wurden, aber schon mit Hormonen oder Operationen ihren Körper unwiederbringlich verändert haben? (Text zu dem von JKR erwähnten Artikel samt Streit im englischen Wikipedia hier.)
Das ist eine einzige Studie über die Befragung von Eltern, die sehr häufig als letzte eingeweiht werden.
Trans Aktivist*innen würden behaupten, dass der Hauptgrund für die überdurchschnittlich vielen Suizide junger trans Menschen daran läge, dass man sie von der Transition abhalte.
Ich halte das für eine fehlerhafte Behauptung. Wie viel Schaden richtet es an, wenn sich das Umfeld weigert, einen anderen Namen und Pronomen zu benutzen? Wenn das Umfeld mit Aggression auf die Überschreitung der derzeit geltenden Geschlechtsnormen reagiert? Wahrscheinlich mehr als die Frage, ob Hormone zur Pubertätsblockade verschrieben werden oder nicht.
Also was ist nun mit den Leuten, die voreilig Hormone und OPs bekommen?
Wie viele sind das, mal ehrlich, bei den derzeitigen Zuständen im deutschen und englischen Gesundheitssystem? Letzteres ist ja bekanntlich seit Jahren überfordert, mit allem.
Und außerdem, wenn JKR sich so anschaut, was junge trans Männer so schreiben, dann erkennt sie sich als junger Mensch wieder. Vielleicht hätte sie sich auch eine Transition gewünscht, wenn sie heute geboren wäre? Immerhin sei es eine große Verlockung, dem Frausein permanent zu entkommen, und sie habe damit als Jugendliche gehadert.
Also: Wie viele junge trans Männer kommen zustande, weil die Gesellschaft so beschissen frauenfeindlich ist?
Eine Antwort darauf habe ich nicht. Diesbezüglich habe ich aber etwas Ähnliches über nichtbinäre Menschen gehört, die in JKRs Text gar nicht vorkommen, die aber in meinem aktivistischen Bekanntenkreis viel häufiger sind als trans Männer. Aber wenn ich überlege, dass eine Transition mit mehr Hindernissen verbunden ist als feministischer Aktivismus, holpert das irgendwie.
Widersprüchliches Fazit 1:
JKR unterstützt als Feministin trans Männer, auch wenn das ihrer Meinung nach zu 60 bis 90% Frauen sind, die einfach keinen Bock mehr haben, vom Patriarchat unterdrückt zu werden.
Teil 2: Trans Frauen
Trans Frauen und cis Frauen haben unterschiedliche biologische Wirklichkeiten. Mit diesen biologischen Wirklichkeiten wird Politik gemacht. Es wird unterdrückt und dagegen gekämpft.
Ja.
Es könnte sein, dass der Kampf gegen die Unterdrückung aufweicht, wenn wir aufzeigen, dass das biologische und das Ich-Geschlecht nicht unbedingt was miteinander zu tun hat.
Den Vorwurf, dass trans Menschen den Feminismus unterhöhlen würden, habe ich bereits gehört und für Unfug befunden. Nur weil eine Person trans ist, heißt das ja nicht, dass Menschen, die das nicht akzeptieren, selbige nicht als Frauen und damit minderwertig behandeln. Insofern ist Feminismus quasi ein Mitinteresse jeder halbwegs mitdenkenden trans Person.
Die Entscheidung, bei machen Themen beispielsweise von „Menschen, die menstruieren“ statt von „Frauen“ zu sprechen, ist für manche inkludierend und für andere befremdlich.
Kann sein. Neue Sachen sind für viele Leute befremdlich.
Frauen werden sehr häufig aufgrund biologischer Gegebenheiten beleidigt, es sei also abwertend, biologische Gegebenheiten als Beschreibung zu verwenden.
Blicke ich nicht. Man könnte sich die auch zurückerobern? Und halt mal nicht hinter vorgehaltener Hand rumflüstern, dass „Erdbeerwoche“ sei.
JKR hat sexuelle Gewalt überlebt und immer noch mit den Folgen zu kämpfen.
Wo ist der Typ, damit ich ihn umbringen kann? Und wieso verknacken wir eigentlich nicht alle Täter sexueller Gewalt lebenslänglich, um weitere Menschen vor ihnen zu schützen? Es handelt sich nachweislich bei fast allen um Serientäter.
Trans Frauen verdienen mehr Sicherheit. Cis Frauen und Mädchen verdienen aber auch mehr Sicherheit. Sie will nicht, dass ihre Töchter das mitmachen, was sie erlebt hat.
Wieso schließt sich das aus?
Es gibt Pläne, dass in Schottland zur Personenstandsänderung bald nur noch eine einfache Erklärung nötig ist. Also muss jetzt ein Typ nur noch hingehen, behaupten, dass er eine Frau sei, und auf einmal habe er Zugang zu Räumen, die sonst nur Frauen offen sind.
Täter könnten das ausnutzen!
Äh. Okay. Also, die Kerle, die in Südkorea Kameras auf Damentoiletten installieren, können das prima ohne wechselnden Geschlechtseintrag. JKR glaubt doch nicht ernsthaft, dass ein potentieller Täter erst mal über eine bürokratische Hürde springt, um an nicht von Putzpersonal beaufsichtigten Orten (egal ob Klos, Umkleiden, Parks, Clubs oder daheim) Frauen zu vergewaltigen? Und was ist mit den trans Personen, die in Toiletten beschimpft, verprügelt oder vergewaltigt werden, weil sie irgendeiner übergriffigen, transfeindlichen cis Person nicht passen?
Widersprüchliches Fazit 2:
JKR akzeptiert trans Frauen und will sie beschützen, aber im Grunde verdächtigt sie alle trans Frauen, potentielle Täter für sexuelle Gewalt zu sein.
Ende
Und das, meine lieben Mitmenschen, ist dann in gleich zwei Varianten transfeindlich. Aber halt echt verdammt gut versteckt.