#schreiben gegen rechts: Angst und Autorität

Im Rahmen ihres Aufrufs zur Blogparade #schreibengegenrechts sagt Anna Schmidt, dass sie Angst hat, vor all jenen, die keine Angst vor denen haben, die nach immer härteren Maßnahmen schreien und Zäune bauen möchten. (Und die, unter anderem, auch gegen Abtreibungen sind, wahrscheinlich, damit mehr blonde Frauen blonde Kinder zur Welt bringen …?)

Jedenfalls fielen mir in der letzten Woche zwei englischsprachige Links in die Hände – einmal Laurie Penny über Held*innen, und einmal Vox über den Aufstieg des Donald Trump. Außerdem noch ein intelligenter Text auf Deutsch, denn gegen Blödheit zu pöbeln, bringt’s nicht.

Der erste Schluss ist, dass es für manche Leute wirklich gruselig sein muss, in dieser Welt zu leben. Vieles ist im Umbruch:

Schwarze Menschen wehren sich gegen rassistische Sprache in sechzig Jahre alten Kinderbüchern.

Leute beschweren sich, weil bei den Avengers die Echten Kerle (TM) überwiegen und Black Widow keinen eigenen Film bekommen sollte.

Schwule und Lesben wollen heiraten dürfen – nicht zu vergessen, dass es auch Bisexuelle, Pan- und A_sexuelle gibt, die vielleicht ihre gleichgeschlechtlichen Partner*innen ehelichen möchten. Währenddessen diskutieren andernorts Leute darüber, die Ehe nicht mehr steuerlich zu bevorzugen oder Partner*innenschaften mit mehr als zwei Personen gesetzlich zu ermöglichen.

„Gender-Ideolog*innen“ verschandeln unsere schöne deutsche Sprache mit Lücken und Sternchen.

Im deutschsprachigen Internet kann jede*r die eigene Meinung äußern, es gibt Dutzende Nachrichtensendungen auf Dutzenden Fernsehkanälen und genauso viel per Radio: Was ist jetzt eigentlich die Wahrheit?

Und damit kommen wir zu den echten Problemen:

Der Arbeitsmarkt ist in vielen Bereichen darauf angelegt, prekär zu sein, und der Mindestlohn reißt es da auch oft nicht raus. Manche Jobs werden einigermaßen gut bezahlt, aber nur befristet oder in Teilzeit vergeben, andere für ungelernte Arbeiter*innen sind langfristig mies bezahlt ohne Hoffnung auf Besserung.

Und nun strömt da eine Menge Leute ins Land, die erstmal untergebracht und gefüttert werden will. (Weil die USA Kriege ums Öl angefangen haben, die sie nicht gewinnen konnten. Weil wir unsere Hähnchenreste nach Westafrika verschiffen und u.a. deshalb die Wirtschaft in den Ländern dort vor die Hunde geht. Weil wir billige Smartphones kaufen wollen und es uns scheißegal ist, ob fürs Schürfen nach seltenen Erden Leute versklavt werden. Oder weil die Geflüchteten selbst mit gemäßigten demokratischen Ansichten daheim auf der Abschussliste standen. Oder oder oder.)

Diese Leute sind nicht alle gut ausgebildet, das heißt, bleiben sie und dürfen sie arbeiten, dann verstärkt das zunächst den Druck auf den Niedriglohnsektor weiter. Was manchen Arbeitgeber*innen nur recht sein kann, aber die dort Angestellten um ihr Auskommen bangen lässt.

In so einem (gefühlten) Chaos sind Leute willkommen, die sagen, wer gut ist und wer böse, und die mit einfachen Lösungen komplexe Probleme verschwinden lassen wollen. Die erhöhte Aufnahmebereitschaft für solche einfachen Lösungen liegt in der Natur mancher Menschen, nämlich jener, die autoritär sind.

In den USA kreischen sie für Donald Trump, der die Welt klar in zwei Lager einteilen kann.

Und bei uns? Bei uns gehen AfD und andere auf Stimmenjagd.

Beweisführung: Es lässt sich mir vier Fragen herausfinden, ob eine Person autoritätsgläubig ist.

  1. Please tell me which one you think is more important for a child to have: independence or respect for elders?

  2. Please tell me which one you think is more important for a child to have: obedience or self-reliance?

  3. Please tell me which one you think is more important for a child to have: to be considerate or to be well-behaved?

  4. Please tell me which one you think is more important for a child to have: curiosity or good manners?

Was ist wichtiger in der Kindererziehung: Unabhängigkeit oder Respekt vor Älteren? Gehorsam oder allein zurecht kommen können? Umsicht oder ruhiges Verhalten? Neugier oder gute Manieren?

Ins selbe Horn tutet die AfD, wenn sie für Baden-Württemberg fordert: „Lehrer müssen wieder in die Lage versetzt werden, durch effiziente pädagogische Maßnahmen den Unterricht zum Wohle der lernwilligen Schüler zu gestalten.“

Ich will jetzt nicht behaupten, dass es keine Schulen gibt, an denen das Lernen dank eines Haufens Chaot*innen mehr als erschwert wird, aber was zum Henker sind „effektive pädagogische Maßnahmen“? Smartphoneentzug bis zum Pausenklingeln doch gewiss nicht.

Im Übrigen ist das Experiment Hauptschule (noch so was von der Liste) m.E. diesbezüglich grandios gescheitert – erstens handelt es sich dabei zumeist um Klassensegregation unter anderem Namen, was Gräben fördert. Zweitens, Leute zusammenzusperren, die als Jobaussichten „Hartz 4“ angeben, finde ich nicht gerade eine entspannte Lernatmosphäre.

Wir sehen also: Es gibt für manche Leute tatsächlich Grund, Angst zu haben. Die anderen heulen vor allem liebgewonnenen Gewohnheiten und Machtpositionen hinterher.

Autoritäre Menschen suchen in solchen Fällen nach Anführer*innen, die ihnen den kürzesten Ausweg aus der (vermeintlichen) Misere weisen – und dabei viel zu häufig nach hinten zeigen und/oder ihren Ausweg über Leichen gehen.

Was ist zu tun?

Kurzfristig: Wählen gehen und den Ängstlichen nicht das Feld überlassen.

Langfristig: Den Leuten beibringen, Widersprüche aller Art auszuhalten und zu beweisen, dass es nur in der Mathematik einfache Lösungen gibt.

… Und jetzt verrate mir bitte wer, wie das geht, denn Generationen von halbwegs cleveren Romanautor*innen vor mir haben es auch nicht geschafft.

Linkspämmchen: So weit isses schon

Zweimal weise Worte bezüglich der hiesigen Bananenrepublik.

Felice Vagabonde trifft das, was die Mädchenmannschaft schon seit Jahren sagt, nochmal: Die Anfänge sind schon lange vorbei.  (Auch wenn der Text einmal die Selbstbezeichnung Schwarzer Menschen ignoriert).

Und das mit dem Stinkefinger? … (Wieso waren da eigentlich Menschen, die sich über einen Stinkefinger aufregen konnten? Hm? Hab ich da was läuten hören, dass da eine nicht angemeldete Demo stattfand … eventuell weil da ein Heimleiter seinem Bruder was gesteckt hat?)

Ich weiß ja, eine soll nicht alle über einen Kamm scheren, aber ich hab derzeit weniger Angst, als mittelprächtig linke Bazille im Sommer zum Demonstrieren nach Berlin zu fahren als im März geschäftsmäßig zur Leipziger Buchmesse.

Allgemeiner Silvester-Bandwagon

So, das Jahr ist fast rum. Dieses Jahr habe ich gefühlt viel gearbeitet und wenig vorzuzeigen.

Vorzuzeigen wären der erste Arbeitsbericht des Bundesamts für magische Wesen, die AktivistA-Konferenz, „angst-mache mit system„, eine echte Grippe statt Buchmesse, und ein bisschen Satire. Der neueste Auswuchs ist „Gender-Ideologie: Bundesamt gibt Entwarnung“.

Ich hoffe, der Rest von Euch kann sich ebenfalls als wenigstens halbwegs zufrieden bezeichnen und wünsche allen für 2016 eine bessere Arbeit/Resultat-Bilanz als ich sie hatte.

Kirche in Logik-Not

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/10/Feeding_demonic_imps.jpg

Hexe füttert Kleindämonen, die später den Queerfeminismus verbreiten sollen. (Quelle: Wikimedia, Common Domain)

Statt Jahresrückblick:

Eine Abrechnung, stellvertretend für allen Unfug, der mir dieses Jahr unter die Augen gekommen ist.

Meine Frau Mama überreichte mir einen Glaubens-Kompass, den sie in ihrem Gemeindezentrum aufgelesen hatte: „Kirche in Not“ schreibt über „Gender-Ideologie“.

Wer bezüglich Begriffen wie „Transsexualität“ und dem Konzept Ideologie informiert ist, wird schon auf Seite 2 das große Gruseln bekommen, daher der Link nur zu Beweiszwecken für Hartgesottene.

Wird die christliche deutsche Kleinfamilie verfolgt?

„Kirche in Not“ kümmert sich ursprünglich um verfogte Christ*innen in aller Welt. Was ich nicht verstehe, ist, dass eine solche Organisation Pamphlete über Diskussionen herausgibt, die in einem Land stattfinden, das von allen Getauften Kirchensteuer erhebt und den Besuch des Religionsunterrichts verlangt.

In diesem Falle geht es um sprachliche Gerechtigkeit und die rechtliche Gleichbehandlung von Personen, die nicht ins Kleinfamilienschema passen (können). Zwei Dinge übrigens, die nicht unmittelbar miteinander zusammenhängen – die sogenannte Homoehe findet auch in Ländern mit generischem Maskulinum statt, beispielsweise Frankreich und Spanien.

Wir haben es also mit einer Vermischung von Konzepten zu tun. Diese Mischung wird bemüht, um den Befürworter*innen einer oder beider Konzepte zu unterstellen, sie betrieben die „Zerstörung der bislang gültigen familiären Ordnung“ (S. 2)

Jemand reiche mir den goldenen Aluhut für Verschwörungstheorien!

Trotz monatelangen Mitlesens bei der Mädchenmannschaft ist mir noch kein Masterplan zur Zerstörung der Ordnung untergekommen. Nur der Zaunfink hat etwas über die schwule Weltverschwörung läuten gehört. (Achtung: Ironie.)

Liebe Redaktion von Glaubens-Kompässen: Beweise sind das A und O einer gelungenen Argumentation

Zunächst sollten Sie erklären, warum die Ehe unter gleichgeschlechtlichen Paaren die „Zerstörung der Ordnung“ bedeutet und nicht etwa die Erweiterung eines Konzepts, das über die Jahrtausende zahlreiche Umdeutungen erfahren hat – zuletzt in 19./20. Jahrhundert durch Aufkommen der Liebesheirat.

Ich verstehe auch immer noch nicht, warum die sog. Gender-Ideologen überhaupt ein Interesse an der „völligen Auswechselbarkeit von Mann und Frau“ (S. 5) haben sollten.

Damit ich meinen Leser*innen nicht all zu viel Zeit raube, will ich an zwei Exempeln statuieren, warum es sich ordentliche Beweisketten lohnen.

Pschyrembel vs. Pseudowissenschaft

Auf Seite 4 des Pamphlets wird als Erklärung für Intersexualität geliefert: „nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuzuordnen“.

Mein Pschyrembel Klinisches Wörterbuch, 259. Auflage, sagt Ähnliches:

„Störung der sexuellen Differenzierung, bei der sich innere und äußere Geschlechtsorgane in unterschiedl. starker Ausprägung im Widerspruch zum chromosomalen Geschlecht entwickeln. (…) Häufigkeit 1:500 (…)“

Da diese eine Person von 500 nicht wirklich krank ist, sondern nur ungewöhnlich aussieht, ist die Frage, ob mensch hier tatsächlich von einer Störung sprechen möchte, aber das ist eine andere Diskussion.

Wikipedia ist sehr viel ausführlicher und gibt eine seltenere Häufigkeit an. Mindestens 1:5000, maximal 1:1500. Das sind, umgerechnet auf eine Stadt mit 100’000 Einwohner*innen immer noch 20 bis 67 Personen.

Stellen wir also fest, dass die Wissenschaft bewiesen hat, dass in meiner Heimatstadt zwischen 20 und 200 Personen weder als Mann noch als Frau geschaffen wurden.

Halten wir ein Zitat von S. 12 dagegen:

„Allerdings stellt die Genderforschung ihre angebliche ‚Wissenschaftlichkeit‘ von vornherein selbst infrage, indem sie die Erkenntnisse der Naturwissenschaften vielfach ignoriert.“

Fassen Sie sich bitte zunächst an die eigene Nase: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Gott dem Menschen eben nicht nur als „Mann und Frau“ ein „Geschlecht zuteilt“. (S.13 f)

Außerdem: “Biologen konnten nachweisen, dass Männer und Frauen in bestimmten Bereichen grundverschieden sind.“ (S.12)

Stimmt. XX-Menschen und XY-Menschen sind im Durchschnitt verschieden. Als XX-Mensch mit daher relativ viel Fettanteil bin ich zum Beispiel sehr viel schneller betrunken als ein durchschnittlicher XY-Mensch.

Diese Verschiedenartigkeit sagt allerdings nichts darüber aus, warum es für „Männer“ im betrunkenen Zustand entschuldbar ist, „Frauen“ zu betatschen, denn die Männer sind ja betrunken und enthemmt und können deswegen nichts dafür. Aber „Frauen“, die betrunken sind, sind immer selbst schuld, wenn „Männer“, betrunken oder nicht, sie betatschen oder vergewaltigen.

Irgendwas passt da nicht zusammen, egal wie sehr beteuert wird, dass „Männer und Frauen (…) gleichwertig und ebenbürtig“ sind. (S.13)

Belege sind sowieso ein Problem

Ich fragte Google, was es mit den „Verhaftungen“ während der „Manif pour Tous“ auf sich hatte, wegen T-Shirts mit Logo (S.2)? Außer auf den einschlägigen Seiten von Gabriele Kuby et altera konnte ich noch bei Queer.de etwas finden, und dann hier noch. Dabei wäre ein verbürgte Festnahme von Kindern mindestens dem konservativen Focus gewiss eine Schlagzeile wert gewesen.

Warum die Dämonisierung?

… Und dann noch auf so nachweisbar plumpe Weise.

Ist da jemand neidisch, dass die steuerlichen Privilegien jetzt auch zwei Männern oder zwei Frauen zugute kommen sollen?

Neid ist im Übrigen eine der Sieben Todsünden.

Selbst bei viel gutem Willen schrammt die eine oder andere Behauptung und Begriffsdefinition nur knapp an der Lüge vorbei, oder es werden nicht die nötigen Konsequenzen aus nachprüfbaren Fakten gezogen.

War da nicht irgendwas mit: „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen“?

Durchschnaufen

Zuckersüße Regenbogen

Zuckersüße Regenbogen

Es ist der Tag vor Heiligabend. Seit heute hat meine getreue Alphaleserin die erste lesbare Fassung von „Das Blut von Königen“ in der Inbox.

Der Roman ist mit ca. 65’000 Wörtern für Fantasy relativ kurz und wird es bleiben, falls keine größeren Lücken zu stopfen sind. Außerdem ist er eine Fortsetzung von Albenbrut, weshalb das oben zunächst ein Arbeitstitel ist.

Ich habe am 15. August angefangen zu schreiben.

Nebenher habe ich …

… eine Konferenz mit geleitet,

… deswegen einen Vortrag und eine Stadtführung vorbereitet

… den Vortrag zu zwei Blogartikeln verwurstet

… meinem Vereinchen zu einer neuen Satzung verholfen

… war zwei Sonntage in Sachen Vereinchen zu Vernetzungstreffen unterwegs

… habe den Einfall des WDRs überlebt (immer noch kein Sendetermin)

… deswegen die Bude aufräumen müssen und wurde trotzdem noch angepflaumt, warum da so viel Zeugs rumsteht (weshalb es das das zweite und letzte Mal war, dass ich euch in meine Bude gelassen habe, Kameramenschen)

… habe für die Brigitte was geschrieben

… zehn Sorten Plätchen gebacken

… einen Auftritt mit der Tanztruppe hingelegt

… an der Hälfte der Samstagvormittage gearbeitet, wie immer,

… ein paar kurze fiktionale Texte verfasst

… und an zwei langen Wochenenden Besuch gehabt. Einmal von der getreuen Alphaleserin. (Ich bin am Flatlander! Was ein Jahr ausgeliehen ist, wird endlich gut.)

Im September und Oktober machte der Brotberuf überhaupt keinen Spaß mehr, da zu viel Arbeit auf zu wenig Schultern und außerdem zu viel Flexibilität gefordert – jedes Mal, wenn ich auf den Plan schaute, hatte sich in der nächsten Woche was geändert.

Noch wer außer Atem? Ich wundere mich jedenfalls nicht, warum ich so ungesprächig war die letzte Zeit. Klar hätte ich mir mit dem Schreiben auch Zeit lassen können, aber hey, ich wollte das Teil endlich aus dem Nacken haben, nachdem es sich im Juni an mich angeschlichen hatte.

Ich wünsche mir und allen, die mitlesen, schöne und vor allem entspannte Feiertage.

Mir kompensieret nix

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Quelle: tumblr_mnqfwrI8hb1rhbo9no1_500-300×180

 

Um halb Neun hat sich das Team vom WDR verabschiedet, nach etwa sechs Stunden Anwesenheit. Zu bewundern sein wird unter anderem mein Esstisch, der so tut, als sei er ein Schreibtisch. Zahlreiche Außen- und sonstige Aufnahmen, die nachher hoffentlich so aussehen, als hätte mich das Team beim Einkaufen und Backen begleitet.

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Deswegen hatte ich so oft eine 3 in Kunst …

Ich gehöre ja noch zu einem Verein von Autor*innen. Einer unserer Dichter hatte im Juni Hausaufgaben verteilt: Ein Gedicht über einen Regentag, aber bitte mit Reimen.

Ich habe auf der Hälfte der Linie versagt – wie schon vor Jahren im Kunstunterricht hatte ich Probleme mit unsinnig erscheinenden Arbeitsaufgaben. Das Ergebnis werde ich trotzdem mal posten, zusammen mit einem Bild von einem Regentag auf Island. In wehmütiger Erinnerung an die Hitze, die mir noch vor drei Wochen den Schweiß aus den Poren drückte …

Island 2015 205

 

Wolken gleiten grau übers Wohngebiet

Regen rauscht auf Dächern

Autos pflügen Wellen in Pfützen

Dreiundzwanzig Grad

Buch, Balkon, Füße hoch

Alles friedlich

 

Kein Grund, mich ans Meer zu wünschen.

Leerzeichen bei Verben

Ich stehe mit der Rechtschreibung auf Kriegsfuß.

Nicht, weil ich Probleme mit dem ß hätte oder „rau“ partout nicht ohne h schreiben möchte, sondern weil ich viel weniger schöne lange Wörter zur Verfügung habe, als ich gern hätte. Ehrlich, gefühlte achtzig Prozent der Anmerkungen meiner Lektorin bei Albenbrut machten sich über Konstruktionen her wie „hindurchblicken“, „sich hochmühen“ oder „hinterhersehen“.

Diese Wörter stehen nicht im Duden. ICH WEISS.

Meiner Meinung ist das aber kein Grund, sie nicht in ungetrennter Form zu verwenden.

Erstens sollten die meisten Personen, die der deutschen Sprache halbwegs mächtig sein, in der Lage sein, derartige Konstruktionen zu verstehen, da auch „Binnenschiffahrtskapitänskajüte“ eine im Deutschen völlig legitime Konstruktion darstellt, die ich bestimmt nicht im Duden finden kann.

Das ist eine andere Wortart, klar. Aber halten wir fest, dass das Deutsche den geschätzten Leser*innen einiges abverlangt in Hinsicht Wortlänge.

Zweitens gibt es die latente Möglichkeit, etwas misszuverstehen. „hinterher sehen“ heißt potentiell etwas anderes als „hinterhersehen“. Im ersten Fall kann ich „jemanden/etwas hinterher sehen“ oder „wir werden hinterher sehen, ob“ oder „jemandem hinterher sehen“. Aber im zweiten Fall geht nur „jemandem hinterhersehen“.

Drittens: Deutsch ist nicht Englisch, verflucht noch mal.

Schlimm genug, dass ich auf der Straße regelmäßig mit falschen Apostrophen konfrontiert werde, die von über dem großen Teich importiert sind. „Montag’s“. Aua. Aber die Verursacher*innen haben in der Regel wenigstens die plausible und verständliche Erklärung, dass sie nicht so gut Deutsch können. Außerdem kriegt deutsche Software es auch nicht hin, dieses C von jenem Ç zu unterscheiden, oder ein ‚ auf ein C zu setzen. Etc. Ganz zu schweigen davon, dass viel zu selten auch von Menschen mit Abi gefragt wird, wie sich ein Wort aus einer Fremdsprache ausspricht, und irgendein Murks fabriziert wird. Ich sage mal beispielhaft „Przkewalski“.

Das Leerzeichen bei Verben wurde hingegen nicht durch Personen verursacht, die wenig Deutsch können, sondern durch Menschen, denen ich unterstellen möchte, dass sie den Unterschied zwischen Deutsch und Englisch kennen.

Das Englisch benutzt wenig Wortfügungen, aber das ist auch nicht schlimm, weil das Englische beim Sprechen die Wörter zusammenklebt. Dadurch ergibt sich ein anderer Sprachrhythmus als im Deutschen. Wenn ich aber im Deutschen „hinterher sehen“ lese, dann stolpere ich über die Aussprache, weil es zwei davon gibt – einmal mit Pause vor „sehen“, einmal ohne. Das ist ähnlich verwirrend, wie wenn ich WEG schreibe, weil mir dann der Hinweis fehlt, ob es „weg“ oder „Weg“ heißt.

Falls es irgendwem entgangen sein sollte, arbeitet fiktionales Erzählen gelegentlich mit Rhythmus. Es gibt einen Grund, warum ich meine erzählenden Texte vor Veröffentlichung laut lese, weil ich nur dadurch feststellen kann, ob das Ding zu gehetzt, zu getragen, zu langweilig, zu kompliziert etc. klingt. Das System ist noch nicht vollkommen perfektioniert, so wie ich auch keine perfekte Autorin bin, aber die Texte lesen sich hinterher trotzdem angenehmer als vorher.

Fazit

Die meisten Leser*innen sind durchaus in der Lage, ein Verb wie „hinunterrutschen“ als verständliches Wort zu identifizieren. Wieso zum Henker sollte ich also ein Leerzeichen machen, wenn es mir den Rhythmus verdirbt?

Zukunftsängste

In Apotheken wird ja gern auch mal über das Gesundheitssystem gejammert.

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aesculap-serpentine.jpg?uselang=de

Vor einigen Wochen hatte ich das Vergnügen mit einer älteren Dame, die darüber schimpfte, dass mittlerweile so viele Ausländer*innen als Ärzt*innen arbeiten, und dass die je alle so schlecht Deutsch können.

(Das ist sicher nicht schön, wenn’s mit der Kommunikation hapert, aber dann liegt wohl was mit der derzeitigen Bezahlung und den Arbeitsbedingungen im Argen, wenn so viele deutsche Ärtz*innen ins Ausland wirtschaftsflüchten … und in diesem Fall ist es dann eine echte Wirtschaftsflucht, weil einen Job, zu essen und ein Dach über dem Kopf hätten die hier allemal.)

Jedenfalls war der Tenor, „ach, armes Deutschland, mit den vielen Ausländern.“ Und, „Ich mache mir Sorgen um Sie junge Leute, Sie müssen da ja so viel mitmachen.“

Woraufhin ich am Liebsten geantwortet hätte: „Mir machen Rassist*innen, Alt- und Neu-Nazissen, die jede Pegida-Propaganda nachplappern, aber mehr Sorgen als zugewanderte Ärzt*innen.“

Aber das gehört sich halt nicht.

Jedenfalls möchte ich hier alle Leser*innen bitten, selbige Petition für ein Verbot von Demos vor Unterkünften von Geflüchteten zu zeichnen, und gegenbenenfalls hier oder hier weiterzulesen.

Edit 15. August: Arwin Yale hat auch noch einen nachdenklich-wütenden Beitrag zum Thema.

Todessehnsüchtige Leistungsmenschen

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aesculap-serpentine.jpg?uselang=de

Es war einmal ein Sonntagnachmittag im Spätherbst , an dem hatte die DeWinter Notdienst in der Apotheke zu schieben.

Ein Mensch, geschätzte Mitte vierzig, klingelt. „Ich brauche was gegen Husten. Ich muss morgen auf Geschäftsreise und kann da nicht krank sein.“

Im Gegensatz zu dem, was Laien glauben, ist dies kein besonders aussagekräftiger Wunsch. Immerhin hat er der Apothekerin die Frage abgenommen, wer denn den Husten hat. Die DeWinter denkt: Fällt ihm aber früh ein.

Deswegen dreht sie auch die Reihenfolge der Fragen um, mit der sie sonst Husten abklopft: „Seit wann haben Sie denn den Husten?“

„Ach, schon fast zwei Wochen. Vor allem, wenn ich Rad fahre. Ich fahre jeden Tag zehn Kilometer ins Geschäft, und das geht nicht mehr so gut in letzter Zeit.“

Okay. Es besteht Grund zum Verdacht, dass das nicht mit einer Erkältungssalbe zu beheben ist. „Ist das ein trockener Husten, oder kommt da Schleim raus, wenn Sie husten?“

„Schleim kommt da schon mit. Da haben Sie doch bestimmt was dafür. Ich muss die nächsten Tage echt fit sein.“

Immer noch misstrauisch, fragt die DeWinter weiter: „Ist der Schleim klar, oder hat der eine Farbe?

„Da sind immer grüne Brocken bei.“

Mittlerweile ist es sehr schwierig, sich ein Augenrollen zu verkneifen, denn wenn ich seit geschätzt einer Woche grüne Brocken huste, dann sollte ich davon ausgehen, dass die nicht innerhalb eines Tages zu beheben sind. Aber offensichtlich sind grüne Brocken in der Lunge  für manche Menschen kein Anlass, an ihrem allgemeinen Gesundheitszustand zu zweifeln, geschweige denn, mal trotz regelmäßigen Einkommens und gültiger Versicherungskarte eine*n Ärzt*in aufzusuchen.

Die DeWinter schickt den Leistungsmenschen zur Notfallpraxis.

Neunzig Minuten später ist er mit einem Rezept wieder da: Zehn Tage Antibiotikum gegen Lungenentzündung.

Der Darwin Award lässt grüßen.