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Über Carmilla DeWinter

Carmilla DeWinter schreibt Phantastik und verque(e)re Texte.

Retropedia, oder: Interessantes Onlinewörterbuch entdeckt

Ein wohl mittlerweile aufgegebenes, aber noch verfügbares Projekt zur Sammlung alter und vergessener Wörter ist mir über den Weg gelaufen, nachdem ich im Zusammenhang mit diesem Artikel das Wort „Grumbiere“ per Suchmaschine aufzuspüren versuchte.

Quasi das Rotbuch/Schwarzbuch Deutsch in Onlineform.

Da ich als High-Fantasy-Schreiberin so was immer ganz interessant finde, dachte ich, dass es anderen vielleicht ähnlich geht.

Also nicht saumselig sein, sondern tunlichst hinübereilen und sich berücken lassen …

Wer’s glaubt …

https://i0.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/fe/Shield-Trinity-medievalesque.svg/232px-Shield-Trinity-medievalesque.svg.png

… oder, mal wieder die Religion, nachdem ich mich Anfang der Woche über jemandes Weltenbau gewundert habe, beziehungsweise über die Abwesenheit von religiösen oder philosophischen Überzeugungen im Buch.

Organisierte Religion beeinflusst den Alltag auch von Nicht-Gläubigen

Völlig unabhängig davon, was ich selbst glaube, werde ich von zweitausend Jahren Christentum beeinflusst. Ich lebe und arbeite jeweils in Sichtweite einer Kirche. Um sehr alte Kirchen, beziehungsweise in sehr alten Kirchen befinden sich Gräber – ohne Christentum wäre niemand im ehemals römischen Imperium auf die Idee gekommen, Tote in einer Stadt zu verbuddeln.

Ohne Christentum wäre ich nicht in der Lage, irgendwen zum Teufel zu wünschen, oder „Jesus, Maria und Josef“ um Beistand anzuflehen. Es wäre sicher niemals „höllisch heiß“, denn das originale Helheim liegt in recht kalten Gefielden. Und am 25. Dezember wäre wahrscheinlich kein Feiertag.

Die meisten Menschen glauben irgendetwas  …

… selbst wenn sie es nicht merken. Sie haben eine Religion oder glauben, dass es keinen Gott gibt. Veganer*innen fetzen sich mit passionierten Fleischesser*innen, Allopahth*innen mit Homöopath*innen. Leute glauben, dass ihr Heimatland das beste von allen ist, oder dass allein der Kommunismus die Menschheit retten kann, und manchmal sogar beides gleichzeitig. Etc. pp. Sowohl der Feminismus wie sein Gegenteil, der Maskulinismus, sind Weltanschauungen bzw. Ideologien, daher sollten sogenannte „Ideologievorwürfe“ für gebildete Menschen reichlich lächerlich daherkommen.

Ich postuliere auch, dass die Wissenschaft zu einem guten Teil dafür verantwortlich ist, dass die organisierte Religion an Popularität verloren hat, wobei der gefundene Ersatz manchmal reichlich fragwürdig erscheint. (Baby, ich kann das Pendel im Kreis tanzen  und dann die Richtung ändern lassen, auch ohne meinen Arm sichtbar zu bewegen.)

Aber wer gar nichts weiß, muss bekanntlich alles glauben, insofern ist es kein Wunder, dass beispielsweise sehr viel früher der Wechsel der Jahreszeiten nicht mit der Erdachse, sondern mit einer Entführung in Zusammenhang gebracht wurde.

Jedenfalls kann mir kein*e Autor*in weißmachen, dass in der gebauten Welt an gar nichts geglaubt wird.

Dazu mal ein halbwegs populäres Beispiel, wo mich die Abwesenheit von Religion ein bisschen gestört hat, und eines, das verflucht gute Alternativen bietet.

Soweit ich mich erinnern kann, wird in „The Black Magician Trilogy“, zu deutsch, „Die Gilde der Schwarzen Magier“ von Trudi Canavan kein einziges sakrales Gebäude erwähnt. Die Tage heißen „first day“, „second day“ bis „free day“. Magie wird nicht durch irgendeine göttliche Backstory legitimiert, in der Aufnahmezeremonie für Noviz*innen keine Gottheit angerufen. Weder für die Verbotenheit „schwarzer Magie“ noch dafür, dass in Kyralia schwule Lebensentwürfe verboten sind, wird ein Hintergrund genannt. Geflucht wird ebenfalls nicht, indem irgendwer den Namen einer Gottheit verwendet, sofern ich mich recht entsinne. Es gibt nicht mal Hinweise, dass sie früher mal eine Religion hatten – wozu sich zum Beispiel die Wochentage in Namen und Anzahl nutzen ließen.

Da Canavan durchaus auch schon Romane über Priesterinnen geschrieben hat, kann die komplette Abwesenheit von Religion in Kyralia nur Absicht sein.

Mein Problem ist in diesem Falle, dass ich keine gute Alternative serviert bekomme, an was die Leute stattdessen glauben. Ich habe keinen Hinweis auf ein philosophisches Konzept, das die Staatsordnung verteidigt, während selbst atheistische Amerikaner*innen sich auf „Life, Liberty and the pursuit of Happines“ und ihre Verfassung berufen können.

Oberflächlich gesehen hat „Der Herr der Ringe“ das gleiche Problem. Hier haben die Wochentage nicht mal Namen, es ist nie die Rede von Tempeln, und es wird nicht im Namen der Gött*innen geflucht.

Trotzdem habe ich den Eindruck, dass Elben, Zwerge, Menschen und Hobbits keinesfalls areligiös sind. Grund ist offensichtlich, dass Tolkien einen mythologischen und historischen Überbau hat, auf den mehr oder weniger beiläufig hingewiesen wird, und aus dem moralische Lehren gezogen werden. Wer so viele Geschichten erzählt, muss einen Schöpfungsmythos und religiös bedingte Verhaltensnormen kennen, oder zumindest kann ich das postulieren, ohne es unter die Nase gerieben zu bekommen.

Fazit

Es ist keinesfalls erfoderlich, in Tolkiens Fußstapfen sämtliche Schöpfungsmythen und religiösen Erzählungen der erfundenen Welt zu kennen. Aber ich sollte mir Gedanken machen, an was die Leute dort glauben, und wie ich „richtiges Verhalten“ definiere, sofern ich mich für ein Gebilde ohne Gottheiten entscheide.

Countdown zur LBM läuft und Trauer um gute alte Zeiten

File:Cosmorama pittorico 1836 15 02.png

Nun sind es nur noch zehn Tage, bis ich zwecks Buchmesse und Tourist*innen-Dasein einen Zug nach Leipzig zu besteigen hoffe. (Sämtliche Heiligen und sonstige Wesenheiten, die für rollende Züge verantwortlich sind, hört mich an …)

In diesem Zusammenhange musste ich feststellen, dass mein neuester Terry Pratchett „Raising Steam“ es irgendwie nicht fertigbringt, mich an den sprichwörtlichen Eiern zu packen und zu zwingen, ihn jetzt! gleich! fertigzulesen, egal wie spät es schon ist. Nicht, dass der Text schlecht wäre, aber er ist nicht „Soul Music“, als ich fünfzehn war. Mag auch daran liegen, dass Frauen nicht so richtig im Text vorkommen, und ich Moist von Lipwig nicht so gern mag wie DEATH, Susan, Commander Vimes oder Angua von Uberwald.

Aber ich schweife ab …

Am Samstag, den 14. hat Dead Soft ein mittags Meet&Greet, ansonsten werde ich da den Stand gelegentlich mit bemenschen und befürchte vage Inkompetenz, wohingegen ich beim Bundesamt für magische Wesen wahrscheinlich mehr zu erzählen habe.

Ansonsten habe ich rausgefunden, dass verwirrte Katzen nicht nur gegen Feminismus sein können, sondern auch gegen Glatzen. Passend zu meiner Grummelei letzte Woche.

Und die Anthologie wartet noch immer auf ihr Titelbild …

Mal wieder 23. Februar

https://www.pforzheim.de/veranstaltungen/s2/event/show/e/eventTitle/1472/23-februar-2015.html

Das heutige Datum ist nur für Menschen meiner Heimatstadt von größerer Bewandtnis, denn am 23. Februar 1945 ging Pforzheim, wie es bis dahin stand, nach einer Bombardierung seitens der Briten in einem Flammenmeer unter.

Das ist nicht das erste Mal, dass Pforzheim niedergebrannt wurde – Ende des 17. Jahrhunderts waren die Franzosen schuld, wegen des Erbfolgekrieges um die Pfalz. Allerdings kamen 1945 mehr als 17’000 Menschen um, was anzahlmäßig nicht mehr zu begreifen ist.

Die Folgen sind immer noch im Stadtbild erkennbar: Kaum alte Architektur, „wir brauchen schnell Wohnraum für die Flüchtlinge aus dem Osten“-Charme. Oder eben die Abwesenheit davon …

Jedenfalls haben wir trotz idyllischer Lage an drei Flüssen einen teilweise berechtigten Ruf als hässliche Stadt.

Da es noch viele Überlebende gibt, finden jährlich zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt, zu runden Jahrestagen wie immer mehr als sonst. Ich selbst habe heute eine Gedenkveranstaltung auf dem Markplatz besucht, obwohl ich nicht religiös bin, auf dem Hauptfriedhof war eine Feier und auch in den Kirchengemeinden gab es Andachten.

Soweit, so verständlich.

Nun nimmt aber ein gewisser Personenkreis das Datum seit 1994 zum Anlass, mit Fackeln auf dem Wartberg aufzumarschieren – jener Berg wird von älteren Einheimischen auch „Monte Scherbelino“ genannt, weil alle Reste der Bombardierung dorthin verfrachtet wurden. Oben gibt es ein Mahnmal mit drei Stelen.

Muss ich erklären, dass selbiger Fackelaufmarsch eine der größten Nazidemos im Ländle darstellt?

Dass ein solcher Aufmarsch eine Gegendemo verlangt, ist logisch, folgerichting und hat meine volle Zustimmung. Nur: Heuer waren laut Pforzheimer Zeitung etwa tausend Polizist*innen gefordert, mit Tränengas und Knallkörpern bewaffnete Linke davon abzuhalten, die Fackelnazis zu verprügeln. Dabei gab es mehrere Verletzte.

Ich finde dabei zwei Dinge traurig. Erstens, dass die Nazis das Datum seit Jahrzehnten instrumentalisieren, und damit sämtlichen Opfern des zweiten Weltkrieges ins sprichwörtliche Gesicht spucken. Zweitens, dass die Linken seit Jahren nicht in der Lage sind, friedlich zu demonstrieren. Wie zum Henker wollt ihr beweisen, dass ihr besser seid als „die“, wenn ihr auf Polzist*innen einprügelt, die den Fackelaufmarsch wahrscheinlich genauso scheiße finden wie ihr?

Abgesehen davon finde ich es faszinierend, dass die Gegendemonstrant*innen in Zügen „nach Karlsruhe und Stuttgart“ abreisen. Wie viele waren nur da, um Randale zu machen?

Wie dem auch sei: Mein Verständnis für Körperverletzung ist leider ein wenig eingeschränkt … auch dann, wenn sie aus politischen Gründen stattfindet. Egal, ob sie nun blutrot oder kackbraun, mit Kreuz oder Sichelmond, oder als Hasskriminalität daherkommt.

#BloGeHa: „Genderisierung“ für Dummies

https://dertorheitherberge.files.wordpress.com/2013/06/tcsd-2013-impression1.jpg

Sarah Maria rief zum Bloggen gegen den Hass auf. Weil ich schon viel rumgewettert habe über Repäsentation und hier besser über das „jüdisch-christliche Abendland“ gelästert wird als ich es jemals könnte (1), werde ich mich meinem Beinahe-Spezialgebiet Feminismus zuwenden.

 

Es gibt ein Positionspapier der Pegida …

Da wollte ich ein paar Punkte näher betrachten (gefunden hier):

10. PEGIDA ist FÜR den Widerstand gegen eine frauenfeindliche, gewaltbetonte politische Ideologie aber nicht gegen hier lebende, sich integrierende Muslime!

12. PEGIDA ist FÜR sexuelle Selbstbestimmung!

Also, die bösen Muslime sind frauenfeindlich, weil ihre Frauen im Schleier rumlaufen müssen und grundsätzlich zwangsverheiratet werden. Deswegen ist Pegida für sexuelle Selbstbestimmung.

Feminist*innen sind auch für sexuelle Selbstbestimmung. Denn die Kurzfassung von Feminismus geht nach Caitlin Moran so: Du bist feministisch, wenn du eine Vagina hast und selbst darüber bestimmen möchtest, was du damit tust.

 

Soweit finden wir keinen Widerspruch.

Irgendwann ist den Feminist*innen aber aufgefallen, dass es in der deutschen Sprache ein generisches Maskulinum gibt. Das bedeutet: Wenn 99 Frauen* in einem Raum sind um einen Vortrag zu hören, und ein Mann* dazukommt, dann sind das alles „Zuhörer“, und nicht mehr „Zuhörerinnen“, weil der eine Mann* ist offensichtlich wichtiger als die 99 Frauen*.

Zugegeben, das Gesetz sieht das heutzutage in Deutschland nicht mehr so, aber das war mal anders.

Jedenfalls finden es die meisten Feminist*innen ungerecht, dass jeder Mann* sich darüber empören darf, wenn wer „Zuhörerin“ zu ihm sagt, aber dass Frauen* geschmeichelt sein sollen, wenn sie „Zuhörer“ sein dürfen.

Das ist schon seltsam, nicht wahr?

Tatsächlich begreifen das nicht alle, das mit dem generischen Maskulinum.

Kleine Kinder können das beispielsweise nicht verstehen. Wenn eins denen sagt, „wir gehen zum Bäcker“, dann stellen sie sich einen Mann in einem weißen Kittel und Bäckermütze vor, nehmen das also wörtlich. Sie kommen gar nicht auf die Idee, dass auch Bäckerinnen mitgemeint sein könnten, obwohl daheim immer die Mama den Kuchen bäckt. (2)

Und ganz ehrlich: Wenn ich sage, „da haben sich Autoren getroffen“, und die geschätzten Leser*innen schließen die Augen und stellen sich selbige „Autoren“ um einen Tisch versammelt vor: Wie viele Frauen oder Personen nicht-binären Genders sitzen vor dem inneren Auge am Tisch?

In unserem Inneren sind viele von uns noch kleine Kinder.

Deswegen hängt für Feminist*innen die sexuelle Selbstbestimmung und die Sache mit den Lücken oder Sternchen zusammen. Diese schrechlichen Stilmittel, die unsere schöne deutsche Sprache so verunstalten. (3)

17. PEGIDA ist GEGEN dieses wahnwitzige “Gender Mainstreaming”, auch oft “Genderisierung” genannt, die nahezu schon zwanghafte, politisch korrekte Geschlechtsneutralisierung unserer Sprache! 

 

Aber jetzt kommt der Witz:

Wenn eins denkt, dass „Mann=wichtiger“, dann ist es nicht mehr weit hin zu „Mann=Bestimmer über Frauen“.

Und deswegen kriegt eins wahrscheinlich mehr sexuelle Selbstbestimmung, wenn diese böse, böse Lücke sich ausbreitet.

Wir fassen also zusammen: Pegida ist für sexuelle Selbstbestimmung, aber bloß nicht zu viel, sonst werden die Weiber frech und verlangen, dass mann tatsächlich sein (Sprach-)Verhalten ändert.

Und jetzt spekuliere ich: Also, die Frauen sollen heiraten dürfen, wen sie möchten. Aber sie sollen bitteschön heiraten, und zwar einen Mann, und mit dem viele blonde Kinder zeugen, deren Anzahl dann das sogenannte Abendland vor dem Untergang retten wird.

 

Was will eins darauf noch antworten?

Dazu möchte ich Terry Pratchett paraphrasieren: Traue keinen mit zu vielen Ausrufezeichen. (4)

 

 

(1) Auch wenn es nicht korrekt ist, dass die Christ*innen den römischen Staat an die Wand gefahren haben. Weiterlesen: Peter Heather, „Der Untergang des römischen Weltreichs“

(2) Schnerring, Verlan: „Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“

(3) Das ist alles eine Frage der Gewöhnung, ehrlich. Ich wundere mich mittlerweile immer über Sachtexte ohne Binnen-I, _, * oder Ähnliches. Es sage keiner*r, ich lerne nicht dazu.

(4) Prattchett: „Maskerade“, deutsch: „Mummenschanz“

Heilika, Gender und die Abstinenz

Über Fiammetta kam die Frage eine Leserin, warum der Sonnenorden ablehnend auf Heilikas androgynes Auftreten reagiert, obwohl es wegen des Keuschheitsgelübdes doch besser wäre, Geschlechterunterschiede in Kleidung etc. so wenig wie möglich hervorzuheben, damit niemand in Versuchung kommt.

Das klingt nach einer Frage, die ich nicht logisch finde, weil ich mehr weiß als die Leser*innen, aber andere Leute interessiert das vielleicht schon, also werde ich meinen Weltenbau ein wenig zerlegen, und das Pferd von der anderen Seite als damals aufzäumen.

Also: Was wissen wir über den Sonnenorden? Es handelt sich um zwangsverpflichtete Magier*innen, die ihrem König gehorchen müssen und keinen Sex haben dürfen. Könnten ja Kinder bei rauskommen, und zauberbegabte Dynastien sind ein No-go in Friedlant, im Gegensatz zu den Nachbarländern.

Die Dynastiebildung folgt daher nicht von der größten Zauberbegabung auf die nächste, sondern, dank der im Durchschnitt größeren Körpermasse und mehr Muskeln, vom Vater auf den Sohn.

Anhand diverser Kommentare von Figuren können wir annehmen, dass Mädchen allgemein für schwächer, gefühlsbetonter und zumeist oberflächlicher als Jungs gehalten werden. (Kommt das irgendwem bekannt vor?) Frauen sind/werden zumeist auf Kindererziehung und Haushalt beschränkt und auch im Erbrecht benachteiligt.

Hiermit erklären sich im Übrigen auch die Anreden: „Knappe“ und „Ritter“ werden unisex verwendet, um es dem Volk einfacher zu machen, das Amt und nicht das vermeintlich schwache Geschlecht zu sehen. Damit handelt es sich um eine aufoktroyierte Respektbezeugung, die manchen Männern durchaus schwer über die Lippen kommt.

Es lässt sich außerdem erahnen, dass Mädchen im Sonnenorden etwas anders gekleidet sind als die Jungs – de facto tragen sie Waffenröcke, die bis über die Knie reichen, was als „anständiger“ wahrgenommen wird, aber das wird nur einmal im Subtext angedeutet, weil Alea sich dafür nicht interessiert. Nebenher ist so ein Waffenrock ein relativ formloses Kleidungsstück über einem ebenfalls formlosen Hemd, und kaschiert daher ganz prima die Figur.

Heilika wird außerdem anmerken, dass erwachsene Zauberer lange Haare haben dürfen, aber nirgends steht, dass die Zauberinnen lange Haare haben müssen. Allerdings nicht, weil viele Mädels mit kurzen Haaren rumlaufen, sondern, weil lange Haare an Frauen eine Selbstverständlichkeit sind, sodass kaum eine auf die Idee käme, sich die Haare abzuschneiden.

Grund: Der gesellschaftliche Status einer Frau wird an deren Haartracht festmacht.
Guntrun wird das im zweiten Band kommentieren. Zöpfe für Jungfrauen, bedecktes Haar für Ehefrauen, Haarknoten für Witwen. Offenes Haar für Huren und lose Weibsbilder. Mehr noch: Lose Weibsbilder, deren Status bekannt ist, könnten sich niemals mit Zöpfen oder einem Kopftuch an die Öffentlichkeit trauen, da sie damit die Ehre der anständigen Frauen beleidigen würden.

„Haare ab“ heißt Ehrverlust, daher haben sich kurze Haare bei Frauen als „hässlich“ im kollektiven Bewusstsein verankert. (Das war im Übrigen nicht meine Idee, das war hier in Europa auch schon mal so.) Damit können wir schließen, dass die meisten Frauen beim Sonnenorden Zöpfe tragen, weil sie Jungfrauen sind und ihre Integrität leiden würde, wenn sie das nicht anhand ihrer Haartracht „beweisen“.

Mit ihrem Aussehen setzt sich Heilika also über durchaus bestehende Unterschiede hinweg, die so sehr in den Köpfen eingegraben sind, dass kaum eine*r den Sprung über selbigen Graben schafft, und die zunächst mit „Versuchung“ wenig zu tun haben. Nur weil diese Unterschiede anders sind als hier, heißt das nicht, dass es den Leuten dort einfacher fällt, eine dritte Schublade für Gender aufzumachen.

Montäglicher Gewissensbiss und Neuigkeiten

„We belong Death“ oder: Soll eins einen wildfremden Menschen, dessen englischsprachigem Tattoo mittendrin ein Wort fehlt, darauf aufmerksam machen?

Ansonsten hat die Überraschung aus dem Bundesamt nunmehr einen Klappentext:

Öffnen sich an Halloween Tore zwischen den Welten? Wie erleben Drachen als wechselwarme Geschöpfe die Welt? Wen können wir alles nicht sehen?

Elf MitarbeiterInnen des phantastischsten aller Bundesämter haben sich zusammengetan, um diese und weitere Fragen zu beantworten, und stellen ihre Fachgebiete in Form von Kurzgeschichten vor.

Ob nachdenklich, romantisch, rätselhaft oder komisch: Hier finden Sie einen spannenden und unterhaltsamen Überblick über die Arbeit unserer Behörde.

Was soll ich sagen: Lektorieren macht mir einen Riesenhaufen Spaß, ist aber zeitaufwendig. (Außerdem stehe ich mit der neuen deutschen Rechtschreibung in manchen Punkten auf Kriegsfuß.)

Hebammenfreuden

Ich muss jetzt mal wieder quietschen.

Vor einer seehr langen Weile wurde ich von einer losen Bekannten in Alaska gebeten, für eine ihrer Freundinnen etwas gegenzulesen. Sie selbst habe es nicht so mit Fantasy und weil ich doch eine vage Ahnung von europäischer Mythologie und Geschichte hätte, und mein Englisch außerdem nicht so grauenvoll schlecht sei, könnte ich da doch aushelfen.

Ich half aus, und der Job war damals schon ein Vergnügen. Nach nunmehr zwei Überarbeitungen ist der Text jetzt mit einem wirklich ansehnlichen Cover bei Amazon im E-Buch-Selbstverlag erschienen.

„Lindorm Kingdom“ ist Fantasy aus einem fiktiven hohen Norden. Ein Lindorm (ein Drache ohne Flügel, wie Fafnir einstmals ein Mensch) bedroht das Königreich. Dieser Lindorm kann allein durch eine Hochzeit mit einer Frau von seinem Fluch erlöst werden.

Die erste Braut landet allerdings im Schlund des Drachens. Linnea ist nicht ganz freiwillig die nächste Auserwählte – aber als unverheiratete Teenagermutter mit Gehbehinderung jemand, auf den das Königreich verzichten zu können meint. Allerdings stellt sich bald heraus, dass die anstehende Hochzeit für mehrere Parteien von Interesse ist, die alles daransetzen, ihre Geheimnisse zu bewahren …

Die Inkonsistenz von Erinnerung

Gegenwärtig feile ich unter anderem an einer Fanfiction im Captain-America-Fandom, die gepostet sein will, bevor mir „Age of Ultron“ einen Strich durch die Gedanken macht.

Die andere Feilerei findet für’s Bundesamt für magische Wesen statt.

Jedenfalls erweitert Fanfic manchmal den Horizont: Ich höre mich gerade durch eine Liste von „awesome russian metal“, der (ohne Betrachtung der Texte) wirklich Spaß macht. Grund ist meine Hauptfigur des „Winter Soldier“, der im zweiten Captain America-Film unter von Elektroschocks verursachter Amnesie leidet.

Mehr erzähl ich jetzt nicht, falls irgendwer keine Ahnung vom Marvel Filmuniversum hat, das aber irgendwann ändern möchte. Ich mag die Captain America-Filme, weil Steve Rogers teilweise eine Punk-Attitüde an den Tag legt, die eins dem Genre allgemein und der Figur im Besonderen nicht zutraut. Und das Fandom hat was, sogar Analysen, warum Steve Rogers kein Übermensch im Nietzschen Sinne ist.

Aber zurück zum Winter Soldier. Die Fanfic-Schreiberei hatte außerdem ein bisschen Nabelbeguckung zur Folge, denn: Wer unfreiwillig den größten Teil des eigenen Lebens vergessen hat, sich nun aber in Fetzen erinnert, hat kein Narrativ, um alles zu einer Lebensgeschichte zusammenzuknüpfen. Eins schaut zurück und erkennt die Person nicht wieder, die eins damals war.

Wobei, wenn ich so zurückschaue, frage ich mich manchmal, wie viele meiner Erinnerungen modifiziert sind, um ins Narrativ zu passen. Manchmal verstehe ich mein 16 Jahre altes Ich nicht, und mein 33 Jahre altes Ich befindet sich so weit außerhalb der Komfortzone meines 18 Jahre alten Ichs, dass dieses sich bei einer exakten Zukunftsvorhersage wohl an den Kopf getippt hätte, obwohl die Basis-Charaktereigenschaften dieselben sind.

So viel also zu zuverlässigen Erzähler*innen …