Avatar von Unbekannt

Über Carmilla DeWinter

Carmilla DeWinter schreibt Phantastik und verque(e)re Texte.

Das religiöse Henne-Ei-Problem einer Fantasyautorin

Ach, komm schon. Ringil, wie er ein Etikett von irgendeiner Schnitzerei pflückt, und damit herumwedelt. Dieser Schwachsinn? ‚Kein lebender Mensch hat jemals einen Dwenda gesehen.‘ Verfickter Mist, Shal. Kein lebender Mensch hat jemals Hoiran gesehen, aber die verfickten Tempel schließen sie trotzdem nicht. So ein Haufen scheinheiliger Arschlöcher.
Die Leute haben Angst, Ringil. Shalak hatte einen dunklen Bluterguss um sein linkes Auge. Ich kann sie verstehen.
Die Leute sind Schafe, wütete Ringil. Blöde verfickte Schafe.
Daraufhin gab Shalak keinen Hinweis, dass er anderer Meinung war.“

Aus: Richard Morgan, The Steel Remains, Kapitel 9 (23%, etwa Seite 92 von 391), eigene Übersetzung.

 

Was soll ich sagen? Ringil ist ein wütendes, gewalttätiges Arschloch mit einem Mundwerk, das selbst meine Mutter hätte zu Seife greifen lassen, aber ich bin relativ häufig mit ihm einer Meinung. Wie Shalak, in diesem Falle.

(Falls sich irgendwer wundert, dieser Hoiran hat eine Offenbarung, Tempel, und die zugehörigen Priester haben in etwa die Moral von Ultra-Evangelikalen.)

Ausgehend von diesem Zitat frage ich mich … Was macht Fantasyschreiben mit der eigenen Religion?

Kann ich überhaupt eine Religion erfinden, ohne eine Distanz zu meiner eigenen zu haben?

Was war zuerst da: Der Zweifel oder die Recherchetätigkeit?

Mit Distanz meine ich nicht die Gleichgültigkeit jener, die sich nicht damit beschäftigt haben, sondern eher das Gegenteil. Zu viele Pro und Contras, Quellanalysen, Schöpfungsmythen. Sich widersprechende Moralvorstellungen. Mächtige Götter, die ein Eroberer assimiliert hat, oder als Aberglauben diffamiert.

Der gleiche Text, der Analverkehr und Hexerei verbietet, schreibt auch vor, dass „hebräische Knechte“, die mann sich gekauft hat, nur sechs Jahre dienen sollen, während wir davon ausgehen dürfen, dass nicht-hebräische Knechte, genau wie sämtliche Mädge, mit einem lebenslangen Sklavendasein rechnen müssen. (Exodus 21 und 22)

Und wie viele Christen ahnen schon, dass die Wasser, über denen Gott anfänglich in der Bibel schwebt, die Überreste des Leviathan sind? Diese drachengewordene Urflut heißt, einfach gesagt, woanders Tiamat.

Wir feiern Weihnachten drei Tage nach der Wintersonnenwende wegen der Lichtsymbolik. Nicht, weil Jesus Christus im Dezember auf die Welt kam.

Schreiber*innen von High Fantasy wissen so etwas. Sie erfinden Religionen. Ich bin mittlerweile auf Nummer … nehmen wir nur die ausgeführten, Nummer Drei und Vier. Zweimal habe ich den germanischen/altnordischen Glauben zerrupft, einmal mich vom prä-islamischen Arabien inspirieren lassen, und einmal einen Ahnenglauben erfunden, der vage auf Gedanken aus dem Transformers-Fandom beruht. (Kein Scheiß. Ich kupfere hemmungslos von der eigenen Fanfic ab.)

 

Religionen  müssen ihren Anhänger*innen irgendeinen Mehrwert verkaufen

Sie beantworten Fragen nach den Ursprüngen und eventuellder Überlegenheit des Volkes/der Gläubigen, kennen den Sinn des Lebens, versprechen die Unsterblichkeit der Seele versprechen. Nebenher sorgen sie für ein geregeltes Zusammenleben. Mit verschiedenen spirituellen Einschüchterungsmethoden wird letzteres sichergestellt.

Selbst sehr säkuläre Gesellschaften – so wie unsere – fußen auf den Knochen und der Arbeit zahlreicher frommer Menschen. Auch Agnostiker*innen entfährt gelegentlich ein „Oh mein Gott.“ Der Donnerstag heißt immer noch nach Donar/Thorr, und der englische Wednesday trägt Wotan im Namen.

 

Ohne wenigstens ein bisschen Religion wackelt mein Weltenbau.

Aber je mehr ich recherchiere, je mehr Welten ich baue, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich jede Religion aus dem Blickwinkel der Religionserfinder*innen betrachte. Und, postuliere ich, mit viel Skepsis auf die meisten Behauptungen heiliger Schriften reagiere. Im Gegensatz zum Lesen von Fantasy-Romanen habe ich bei echten Religionen Schwierigkeiten, meinen Unglauben abzulegen.

Was haben diese Leute wirklich gesehen? Warum legen sie Wert darauf, genau diese Episode festzuhalten? Wie profitierte die Entstehungskultur von dieser oder jener Vorschrift? Wer hat ein Interesse daran, diese Gesellschaftsordnung als göttergegeben zu verkaufen? Cui bono?, fragen die Lateiner*innen. Wem nützt es?

 

Mehr Fragen als Antworten …

Ist in diesem ganzen Konvolut, das die Religionen der Menschheit darstellt, irgendwo ein Körnchen Wahrheit über das Metaphysische? Ist alles erfunden, oder alles, in einem übertragenen Sinne, oder tatsächlich, wahr?

Auf der Scheibenwelt existieren Gottheiten und Wesen wie die Zahnfee, weil Menschen an sie glauben. Auf der Erde dürfte es ähnlich sein. Ob der Christengott existiert oder nicht – allein die Tatsache, dass an ihn geglaubt wird, beeinflusst uns. Ob er damals in Palästina wirklich Mensch geworden ist, erweist sich am Ende für die Geschichte des Abendlandes als völlig unerheblich.

Was für den Darwin-Award …

Trippmadam hat angefangen, deswegen will auch ich heute mal über eine Episode aus meinem Brotjob lästern.

Eine Dame mittleren Alters reicht mir einen Blister mit Kapseln, und fragt mich, was für ein Medikament das sei. Ihre Nachbarin hätte ihr das gegeben, weil sie Rückenschmerzen hatte, und das Medikament sei ganz toll gegen Schmerzen.

Nur leider habe die Dame nach Einnahme immer noch Rückenschmerzen gehabt, und außerdem noch Kopfschmerzen.

Bei den Kapseln handelte es sich um 300 Milligramm Gabapentin. Das ist ein verschreibungspflichtiges Mittel gegen Epilepsie, das auch bei Nervenschmerzen hilft. Kopfschmerzen sind eine der harmloseren Nebenwirkungen.

Grund genug für die Apothekerin, sowohl der Dame als auch der Nachbarin eins mit dem Kassenmonitor überziehen zu wollen.

Fazit: Beipackzettel existieren aus einem bestimmten Grund.

Links!

Ich bin zweimal fremdgegangen:

Druckfrisch beim preziösen Blog eine Antwort auf die Frage: „Warum ausgerechnet Gay Fantasy?“

Das Bundesamt für magische Wesen hat ein Update in Sachen Funkgerätepflicht für magische Pilot*innen. (Was soll ich sagen? Nonsens ist meine zweite Heimat.)

Ansonsten:

Auf meinem anderen Blog habe ich eine Übersetzung einer Fabel von The Dragon and the Fox, über Drachen, die Füchsen den Pelz versengen können, obwohl sie keine Schätze wollen und keinen Hort haben. Für alle zum Weiterverlinken, deren Identität irgendwann mal bestritten wurde. Oder für Leute, die Bingospieler*innen die Lächerlichkeit ihres Unterfangens klarmachen möchten.

Via drop the thought ein interessantes Interview (Englisch) über Diversität in Fantasy- und SciFi-Hollywoodblockbustern, und das zugehörige Formular zur Beurteilung von Geschichten. „Albenbrut“ hat eine ziemlich gute 2, weil der Bechdel-Test flachfällt. (Heilika ist keine Frau, aber Alea ist ein PoC, falls es irgendwem entgangen sein sollte.)

 

 

[Gastartikel] Er, sie, xier, nin: Genderneutrale Pronomen

Die DeWinter ist fremdgegangen – es gibt einen Gastartikel über Gender und genderneutrale Pronomen bei der Weltenschmiede.

Avatar von Katherina UshachovWeltenschmiede

Carmilla deWinter bloggt auf https://carmilladewinter.com/  über das Schreiben von Queer Fantasy, über das Schreiben allgemein und über Geschlechtervorurteile. Ihr Roman „Albenbrut: Ein bindender Eid“ erschien am 15.04.2014 und kann u.a. hier bestellt werden. 

Nachdem der letzte Rückblick einen englischsprachigen Artikel zum Thema verlinkte, habe ich mich kurzerhand bereiterklärt, das Thema „Gender und geschlechtsneutrale Pronomen“ auf Deutsch für Autor*innen aufzubereiten, die davon noch nicht so viel gehört haben.

Zunächst kurz umrissen: Was ist Gender?

Das Natürlichste der Welt ist die Trennung der Menschheit in Männer und Frauen. Oder? Tatsächlich besitzt ein Großteil der Menschen einen der zwei häufigsten Geschlechtschromosomensätze: XX oder XY, und die passenden dazu äußeren Merkmale.

Gelegentlich werden Menschen mit anderen Chromosomensätzen geboren – das nennt sich dann Gonadendysgenesie – zum Beispiel mit XXY (häufigste Variante des Klinefelter-Syndroms), XXX, oder nur X.

Ist das biologische Geschlecht an den äußeren Merkmalen nicht eindeutig zu erkennen, spricht mensch von Intersexualität.

Gender…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.172 weitere Wörter

Wir sind die Bösen

Wir sind diejenigen, die nur aus Kalkül flirten.

Wir sind diejenigen, für die du niemals das Ein und Alles sein kannst.

Wir sind diejenigen, die dir niemals das Gefühl geben werden, das Wichtigste auf der Welt zu sein.

Wir sind die Beziehungsunfähigen.

Wir haben unter uns Casanovas und Nymphomaninnen. Wir sind diejenigen, die Sex mit allem haben, was sich bewegt und in unser Beuteschema passt.

Wir sind die Verantwortungslosen, die Risikobehafteten. Wegen uns dürfen schwule und bisexuelle Männer in Deutschland kein Blut spenden. Wegen uns gelten alle Bisexuellen als irgendwie promiskuitiv und unfähig, treu zu sein.

Wir sind diejengen, von denen du glaubst, dass sie nur dadurch gerettet werden können, dass sie sich endlich verlieben.

Wir sind diejenigen, die du nicht durch eine Romanze retten kannst, denn wir verlieben uns nicht.

Wir sind die Sherlockhaften Egoman*innen, die manchmal nicht begreifen, warum wir und unsere Gefühle nicht reichen, warum es immer mehr sein muss, mehr Romanze, mehr Liebeserklärungen, mehr Nähe. Wir begreifen vielleicht auch das dazu gehörige Besitzdenken nicht.

Gestatten. Wir sind aromantisch.

Weiterlesen

Wenigstens der Nazgul hat was zu grooven…

… nämlich hier: Die Finanzierung für den Trailer des Bundesamts für magische Wesen steht.

Ansonsten ist diese Woche geschäftig. Zwei von drei Lagen Spitze an eine Leggings für einen Auftritt am 16. August genäht, und passende Stulpen dazu. Meine 20 Quadratmeter Gras gemäht, über die Minzen und ihre Mitbewohner*innen unklarer Natur verzweifelt (Scheißviechzeug, auch wenn’s vielleicht ein Pilz ist), zwei Handvoll Brombeeren geerntet – wenigstens die haben dieses Jahr nur Blattläuse. Bude auf einigermaßen Fordermensch gebracht mit Boden wischen und allem, da morgen die bezaubernde Fiammetta zu Besuch anrückt. (Freu.) Samstag steht dann der CSD Mannheim an, aller Wahrscheinlichkeit nach mit Regen.

Große Teile von Hanne Blanks „Straight“ geradezu verschlungen. 700 Wörter Text für die neue „Wer A sagt, muss nicht B sagen“ geschrieben. Die eigene Stellenbeschreibung getippt, weil der Chef net mag. Wahnsinnige drei volle Wordseiten für die neue Geschichte produziert.

Und ich wundere mich, warum ich auf einem riesigen Blogpost zum Thema Aromantik sitze und nicht weiterkomme.

Häppchen für zwischendurch

Kleiner Beitrag fürs Bundesamt: Bald Funkgerätepflicht für Besitzer*innen magischer Flugobjekte?

Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass der komplette Senf von mir ist, aber da hat sich noch, wie es scheint, der Chef persönlich in zwei Absätzen verewigt. Gemeinsam spinnt es sich immer besser.

Nebenher weiß ich was über den Trailer, was andere Leute nicht wissen, von Musik bis Stargastauftritt (und was für einer, wow). Insofern, wer neugierig ist, sollte vielleicht hier vorbeischauen und, sofern möglich, ein bisschen Geld dortlassen.

Kurz gequietscht: Die Albenbrut beim Erlkönig

Am Freitag ereilte mich eine Nachricht von einem Herrn, der den Erlkönig-Onlineshop betreut.

Jener hat sich dieses Jahr von den Gay-and-Lesbian-Books emazipiert, um es neu und vielleicht besser zu machen. Wie das Beispiel Albenbrut 1 zeigt … trotz des Tippfehlers nicht ganz unsympathisch. (Okay, da ist eine gute Rezi untendrunter, insofern finde ich das sowieso sympathisch und grinse wie eine irre Wissenschaftlerin, kurz bevor sie den Schalter umlegt, um ihr Monster zum Leben zu erwecken. Bias und so.)

Jedenfalls eine Bestelloption, die das „Buchladen“-Erlebnis mit persönlicher Betreuung einzufangen sucht. Und es ist nicht blöd, nur Zeux reinzustellen, zu dem di*er Verkäufer*in auch eine Meinung hat. Amazon hat ja üblicherweise keine Meinung, solange gegen kein Gesetz verstoße wird … Ich hoffe jedenfalls, dass das Projekt erfolgreich wird.

Edit 18. Juli: Tippfehler ausgebessert, Link aktualisiert.

 

Zwischenstände

Am Wochenende meine Rohversion meines neuen Projejkts fertiggestellt. 400 Normseiten, mit Jinn, ohne fliegende Teppiche. Etwas kürzer geraten als erwartet. Da meine Texte erfahrungsgemäß beim Überarbeiten um zehn Prozent wachsen, ist das noch kein Grund zu Panik.

Jetzt arbeite ich erstmal den amtlichen und sonstige Backlog auf, und dann geht’s an ein kurzes Albenbrut-Prequel, das ich aus Marketinggründen über Amazon zu veschenken gedenke.

 

Gelesen: The Steel Remains und The Cold Commands, von Richard Morgan

Auf Jery’s Empfehlung hin hatte ich mir also zunächst ein Buch gekauft, nachdem ich die Leseprobe verschlungen hatte. Und, als der Text nicht für den Urlaub reichte, da genauso inhaliert, gleich noch ein zweites. Und ich habe Meinungen dazu.

(Das heißt jetzt nicht, dass das hier zu einem Buchblog wird, und es ist keine Einladung, mich um Rezis zu bitten. Empfehlungen werden aber gerne genommen, vielleicht schreibe ich sogar darüber.)

Richard Morgans „The Steel Remains“ (Deutsch: „Glühender Stahl“) ist der erste Teil der „A Land Fit For Heroes“-Trilogie.  Teil Zwei, „The Cold Commands“, ist 2011 erschienen. (Deutsch: „Das kalte Schwert“). Teil Drei ist für Anfang Oktober angesagt.

Der deutsche Klappentext von „Glühender Stahl“ taugt meines Erachtens nichts und liefert vage falsche Informationen, ein tödlicher Cocktail, also versuche ich mich mal dran:

Worum geht’s?

Ringil Eskiath, Held der Schlacht von Gallow’s Gap, zehrt seit zehn Jahren eher schlecht als recht von dem Ruhm, den er damals erworben hat. Als seine Mutter auftaucht, und ihn bittet, nach einer Verwandten zu suchen, die wegen Schulden in die Sklaverei verkauft wurde, scheint das zunächst eine willkommene Unterbrechung der Monotonie. Unabhängig davon müssen sich seine ehemaligen Weggefährt*innen Egar Dragonbane und Archeth Indamaninarmal mit übernatürlichen Einmischungen herumschlagen. Bald erkennen die drei, dass einige Legenden nicht vorhaben, im Reich der Geschichten zu verweilen …

Meines Erachtens nötige Warnungen: Recht hoher Ekelfaktor aufgrund von sehr expliziten Gewaltdarstellungen: Blut, Schleim und die häufig vernachlässigten Verdauungsendprodukte. Nichts für Menschen, die nicht drei Mal pro Seite „fuck“ lesen wollen. Nichts für Leute, die die entsprechende Tätigkeit lieber nur in Andeutungen vorgeführt bekommen.

Damit das hier nicht irgendeine beliebige Rezension wird, werde ich mich auf zwei Blickwinkel beschränken.

 

Was sagt die queere Bloggerin?

Ringil Eskiaths Gefühle rangieren meistens irgendwo zwischen wehmütig, milde angepisst und stinkwütend. Und, ach ja, er ist schwul, in einer dezidiert homophoben Umgebung. Anstatt sich in die Ecke zu stellen und sich was zu schämen, hat er beschlossen, sich nicht mehr zu entschuldigen. Ich kann diesen Typen so gut verstehen. Hingegen ist Archeth ist eine Halbmenschin, die Frauen bevorzugt.

Es gibt ein Minimum von drei Sprachen, einen gewonnenen Krieg gegen intelligente Echsenwesen/Drachen, und zwei Sorten übernatürliche humanoide Lebensformen. Die Dwenda scheinen von den keltischen Faerie inspiriert und sind genauso freundlich (also, gar nicht). Die „Sky Dwellers“ werden von den Menschen jener Welt als Götter verehrt. Am ehesten erinnern mich die Beschreibungen jenes Götterhimmels an das, was ich vom Voodoo weiß. Welche Ziele dieser Haufen verfolgt, ist immer noch ein sorgsam verborgenes Rätsel.

Insofern: volle Diversitäts-Punktezahl.

Der Autor hat seine Hausaufgaben gemacht in Punkto Religion, Kriegsfolgen, Sklaverei, Misogynie, Homophobie und allerlei Dingen mehr. Das heißt nicht, dass die Leute dort netter miteinander umgehen als sonstwo, sondern, dass die Zusammenhänge kommentiert werden. Und nicht plötzlich irgendwie sexy sind.

Die Anzahl der von anderen Leser*innen und meinerseits markierten Zitate (k.A. ob das mit E-Pub geht) ist im ersten Band demnach relativ hoch. Und entsprechend düster ist der Weltentwurf, ohne jedoch den Glauben an bessere Zeiten zu verlieren, was ein unglaublich schwieriger Spagat angesichts all dieser desillusionierten, verbitterten Figuren ist, die jede*r irgendwann ihre Ideale verraten haben.

 

Was sagt die Schrifstellerin/verhinderte Lektorin?

Beinahe volle Punktzahl für das Worldbuildung. Die reichlich sumpfige Geographie ist kein Mimikry eines mir bekannten Kontinents, und der beschriebene Planet hat ein „Band“, also einen Ring, wie unser Saturn. Die beschriebenen nicht-menschlichen Rassen haben nur entfernt Ähnlichkeit mit dem, was mir in der High Fantasy sonst so begegnet ist. Minuspunkte für die Verwendung von Wörtern, die aus der Bibel stammen, und die diese Figuren nicht kennen können (sollten), und für ein Technologielevel, das mich unter anderem wundern lässt, wo das Schwarzpulver ist, und wie die Wasserversorgung und -entsorgung in den Städten funktioniert. Der Buchdruck scheint ebenfalls noch nicht erfunden. Irgendwie fluktuiert das alles zwischen Hochmittelalter und einer beinahe steam-punkigen, und damit viktorianischen, Atmosphäre.

Manchen Leser*innen ist im ersten Band vermutlich nicht genügend erklärt. Morgan wirft eine*n ins kalte Wasser, und wer untergeht, hat Pech gehabt.

Ansonsten gibt es ein bisschen Handwerkliches zu bemängeln. Offiziell wechselt die Perspektive nur jedes Kapitel – und manchmal unangekündigt im Kapitel – was aber auch dem E-Format geschuldet sein kann, das vielleicht einige Leerzeilen und Sternchen gefressen hat. Ich glaube, ich weiß, warum ich xxx mache.

Gelegentlich muss ich am Kapitelanfang zwei Sätze lesen, um zu wissen, in wessem Kopf ich bin, da würde ein „Ringil“ statt „er“ nicht unbedingt schaden, zumal die Ausdrucksweisen der drei wichtigsten Perspektivfiguren sich recht ähnlich, wenn auch nicht völlig identisch, sind.

Morgan ist, trotz seiner Vorliebe für Vier-Wort-Flüche, wortreich in mehreren Aspekten. Er ermüdet zwar nicht mit sich wiederholenden Erklärungen (deren sind es eben eher zu wenig), aber muss ich in einem Kampf wirklich wissen, wie jeder der zwölf Gegner gestorben ist? Wahrscheinlich ließe sich nicht nur die Anzahl der Adverbien und Adjektive kürzen.

Andererseits: Ich musste tatsächlich ein Wort nachschlagen, was mir sonst beim Lesen englischer Texte nicht sehr häufig passiert. Meistens lässt sich so etwas ja aus dem Kontext erschließen, „lugubrious“ allerdings war mir als Adjektiv und auch sonst völlig neu.

Außerdem: Rückblenden mitten in (Action-)Szenen, im ersten Band vor allem für Ringil. Großes No-No in jedem Schreibratgeber. Aus einem Grund, den ich der Poesie jener Rückblenden zuschreibe, funktioniert das im ersten Band für mich. Andere Leute würden vermutlich die Augen verdrehen. Was ich dann auch in Band zwei getan habe, wo die Rückblicke doch unmotivierter erscheinen, und noch nicht einmal dazu dienen, Spannung zu erzeugen.

Um jetzt hier zu beweisen, warum ich für Teil Eins fünf von fünf Sternen vergeben würde, und für Teil Zwei vier …

 

Beispiele gefällig?

Die ersten Sätze überhaupt:

„When a man you know to be of sound mind tells you his recently deceased mother has just tried to climb in his bedroom window and eat him, you only have two basic options. You can smell his breath, take his pulse and check his pupils to see if he’s ingested anything nasty, or you can believe him.“

Wenn ein Mann, von dem du weißt, dass er vernünftig ist, dir erzählt, dass seine kürzlich verstorbene Mutter gerade versucht hat, in sein Schlafzimmer zu klettern und ihn zu fressen, hast du nur zwei Möglichkeiten. Du kannst an seinen Atem riechen, seinen Puls fühlen, und seine Pupillen untersuchen, um festzustellen, ob er etwas Schädliches zu sich genommen hat, oder du kannst ihm glauben. (Eigene Übersetzung.)

 

Und dann noch, aber ohne Übersetzung: „The Steel Remains“, Auf 52 %, Kapitel 19

… [Ringil] felt the accustomed kiss of the grip on his palms, felt the grin on his face turn into a snarl.

Cold chime as the scabbard gave up its embrace.

And the Ravensfriend came out.

You want to know how it ends, Gil? Grashgal, cryptic and rambling and more than a little drunk one evening at An-Moral, holding out the newly-forged Ravensfriend in scarred black hands and squinting critically down the runnel. Fireglow from the big room’s hearth seemed to drip off the molten edges of the steel. (…) I’ve seen how it ends. Someday, in a city where people rise through the air with no more effort than it takes to breathe, where they give their blood to strangers as a gift, instead of stealing it with edged iron and rage the way we do, someday, in a place like that, this motherfucker is going to hang up behind glass for small children to stare at. (…) they put their noses up so close to that glass their breath fogs it, and you can see the small, slow-fading prints of their hands in the condensation after they’ve run off to look at something else. And it doesn’t mean a thing to them.

(…)

That’s how it ends, Gil. With no one to remember, or care, or understand what this thing could do when you set it free.

Ringil met the first of Hale’s men in a blur of eager motoion and the blue sweeping arc of the blade. …