„Angst(mache) mit System“ – Eine Analyse konservativer Manipulation und Rhetorik

Köln 2013 182

Ausgehend auch von Antje Schmelchers Pädophilie-Vorwürfen rollt im Zuge der Debatten um den Bildungsplan Baden-Württemberg eine Welle von Falschmeldungen über Deutschland hinweg: LSBTTIQ-Menschen wollten Kinder verwirren und homosexuell machen, der „Genderismus“ plane den Verfall der deutschen Sprache, etc.

Zahlreiche Leser_innen glauben die Argumente. Warum sie so gut funktionieren und was eins entgegnen kann, haben Jürgen Kaufmann und ich im Auftrag des LSBTTIQ-Netzwerkes Baden-Württemberg aufgeschlüsselt.

Da die besprochenen Manipulationstechniken nicht nur in der Bildungsplandebatte auftauchen, sondern auch in Bezug auf z.B. „Homo-Ehe“ und Inklusiondebatten, möchten wir das Paper auch für Menschen bereitstellen, die nicht zum Netzwerk gehören.

Hier geht’s zum Download der PDF-Datei: angst-mache- mit system

Keine Gemeinnützigkeit für die Gleichstellung … bis jetzt

ritter sport regenbogen

Da ich ja auch noch zu dem Verein da gehöre, interessiert mich das deutsche Vereinsrecht ein bisschen.

Doch: Überraschung! Vereine, die sich für Menschen aus dem Bereich GSRM (Gender, sexuelle und romantische Minderheiten) einsetzen, sind nicht automatisch gemeinnützig, sondern müssen in der Regel irgendwelche Umwege nehmen, um an die Genehmigung vom Finanzamt zu kommen.

Das bedeutet, ihnen entstehen Steuernachteile, und Leute, die an sie Spenden, können diese Spende nicht von der Steuer absetzen. In der Regel führt das dazu, dass weniger Leute spenden.

Wenn sich dadurch wer gestört fühlt, möge si*er doch hier auf der Kampagnenseite von 100 Prozent Mensch vorbeischauen und unterschreiben.

Fröhlicher IDAHO?

ritter sport regenbogen

Auf Facebook war eine Rainbowflash-Blogparade angesagt: Eins sollte Bilder von Luftballons posten.

Irgendwie fand ich keine hübschen Bilder, und habe daher geklaut, und zwar auf der Facebook-Seite des Netzwerks LSBTTIQ.

Schoki ist eh viel leckerer als Luftballons.

Schoki fungiert außerdem als Seelentröster. Immer noch wird Gift versprüht – die Lieblingsanschuldigung der Bildungsplangegner*innen ist, dass dieses böse queere Volk unschuldigen Kindern an die Wäsche will.

Weil: Die Erwähnung, dass es queeres Volk gibt und eins selbiges Volk nicht diskriminieren sollte (darum geht’s beim Bildungsplan BaWü, wir erinnern uns) ist offensichtlich das Gleiche wie die Thematisierung von Sexualpraktiken im Grundschulunterricht und das wiederum ist offensichtlich das Gleiche wie pädophile oder hebephile Erwachsene, die darauf abgehen, mit Kindern oder Jugendlichen über Sex zu sprechen.*

Offensichtlich.

Wie könnte es anders sein.

Abgesehen davon, dass immer noch Übergriffe von (vermutet) heterosexuellen Männern auf Mädchen die Statistiken anführen … und die meisten Übergriffe „Ersatzhandlungen“ von nicht-pädophilen Täter*innen darstellen …

Abgesehen davon frage ich mich, wer da „übersexualisiert“ ist.

Die Argumentationskette erschließt sich nämlich nur, wenn da irgendwer seine Hirnwindungen so auf „Sex“ eingestellt hat, dass keine Logik mehr durchpasst.

*Keine Ahnung, ob der Biolehrer hebephil, parthenoohil oder einfach nur sexistisch war, jedenfalls haben mir die entsprechenden Sprüche völlig gereicht. Ich hatte Glück, meistens saß er auf den Tischen von Mädels mit großen Ausschnitt.

Kantinenboykott in Freiburg: Kein Artikel ist auch eine Botschaft

In Süddeutschland geistert seit Samstag durchs Radio und das SWR-Fernsehen ein merkwürdiges Vorkommnis in einer Freiburger Justizvollzugsanstalt, vulgo Gefängnis:

Circa siebzig Gefangene dort verweigerten das Essen aus der Küche – ob der Anlass war, dass da ein schwuler Gefangener arbeitete oder diese Tatsache nur als Vorwand für eine Machtdemonstration diente, sei dahingestellt. Berichte der Badischen Zeitung hier, hier und der SWR-Bericht hier.

In ersterem Fall wäre bewiesen, dass sowohl der Bildungsplan wie auch der Aktionsplan für Akzeptanz und gleiche Rechte dringend nötig sind.

Im zweiten Fall stünde die bisherige Organisation des Strafvollzugs auf dem Prüfstand. Von letzteren habe ich absolut keine Ahnung und werde mich daher nicht dazu äußern.

Bemerkenswert ist nun allerdings, dass sich beide Pforzheimer Tageszeitungen zu dem Fall heute ausschwiegen, obwohl Aufruhr im Gefängnis doch eine prima Nachricht ist und zu seitenlangen Leser*innenbriefdiskussionen einlädt.

Warum, weiß der Himmel. Ich schiele auf die Pforzheimer JVA, meine zahlreichen russischstämmigen Mitbürger*innen und die Leser_innenbriefschlachten zwecks Bildunsplan … und denke mir meinen Teil.

Linkspämmchen

Einige Fundstücke der letzten Zeit:

Der Zaunfink ist jetzt neu im Reader. Aktuell ist eine Anleitung zur Diskriminierungsumkehr, denn die armen sexistischen Hetero-Cis-Menschen rechnen damit, wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt zu werden, sobald in Deutschland die Ehe für Homosexuelle geöffnet wird.

Es ist offensichtlich wichtiger, den Kindern das Schimpfwort „schwul“ zu lassen, als selbige Blagen darauf aufmerksam zu machen, dass sie mit mindestens dreiprozentiger Wahrscheinlichkeit zu einer sexuellen oder Gender-Minderheit gehören und es dann gar nicht mehr cool ist, deswegen beschimpft oder bedroht zu werden.

Einige Leutchen geben gern zu, dass sie homophob sind, alle anderen werden behaupten, sie hätten nichts gegen „diese Leute“, und überhaupt, heute ist doch alles gut, und ich weiß gar nicht, was du immer hast.

Dass sich eins unabhängig von der Orientierung auch an die eigene Nase fassen muss, wenn eins in Deutschland kartoffeligen Eigeborenenstatus hat, ist mal wieder hier bewiesen:

Und nein, damit meine ich nicht, dass weiße Menschen abgrundtief böse sind. Das bedeutet lediglich, dass priviligierte Personen einfach kein Interesse daran haben, Privilegien abzugeben. Sie erkennen sie ja nicht mal als solche an. Das macht Rassismus zu keinem individuellen, sondern strukturellen Problem.

Nota bene: Das Problem ist universell. Geschimpft wird, dass die Meinungsfreiehit beschnitten wird, dabei sieht es doch so aus, dass mittlerweile gelegentlich Personengruppen zu Wort kommen, die früher gar nix zu melden und sich gefälligst zu schämen hatten. Wenn jetzt geringfügig Platz für Meinungen gemacht wird, die nicht weiß, männlich oder heterosexuell sind, ist Drama wegen vorgeblicher Zensur.

Lichtblick: Mein Geek-Herz erfreut haben einige Überarbeitungen von Comic- und Game-Heldinnen. Weniger sinnfreie Bikinis und „stech das Messer hier rein“-Öffnungen, dafür mehr Charakterisierung. Auch bei Figuren, die ich gar nicht kannte, ist mir teilweise die Kinnlade runtergefallen, was alles ginge, und wie hübsch die auf einmal sind.

Und, um des lieben Blödsinns willen, noch ein wichtiger Hinweis für Wesen, die dauernd oder zeitweise in Flaschen leben.

#BloGeHa: „Genderisierung“ für Dummies

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Sarah Maria rief zum Bloggen gegen den Hass auf. Weil ich schon viel rumgewettert habe über Repäsentation und hier besser über das „jüdisch-christliche Abendland“ gelästert wird als ich es jemals könnte (1), werde ich mich meinem Beinahe-Spezialgebiet Feminismus zuwenden.

 

Es gibt ein Positionspapier der Pegida …

Da wollte ich ein paar Punkte näher betrachten (gefunden hier):

10. PEGIDA ist FÜR den Widerstand gegen eine frauenfeindliche, gewaltbetonte politische Ideologie aber nicht gegen hier lebende, sich integrierende Muslime!

12. PEGIDA ist FÜR sexuelle Selbstbestimmung!

Also, die bösen Muslime sind frauenfeindlich, weil ihre Frauen im Schleier rumlaufen müssen und grundsätzlich zwangsverheiratet werden. Deswegen ist Pegida für sexuelle Selbstbestimmung.

Feminist*innen sind auch für sexuelle Selbstbestimmung. Denn die Kurzfassung von Feminismus geht nach Caitlin Moran so: Du bist feministisch, wenn du eine Vagina hast und selbst darüber bestimmen möchtest, was du damit tust.

 

Soweit finden wir keinen Widerspruch.

Irgendwann ist den Feminist*innen aber aufgefallen, dass es in der deutschen Sprache ein generisches Maskulinum gibt. Das bedeutet: Wenn 99 Frauen* in einem Raum sind um einen Vortrag zu hören, und ein Mann* dazukommt, dann sind das alles „Zuhörer“, und nicht mehr „Zuhörerinnen“, weil der eine Mann* ist offensichtlich wichtiger als die 99 Frauen*.

Zugegeben, das Gesetz sieht das heutzutage in Deutschland nicht mehr so, aber das war mal anders.

Jedenfalls finden es die meisten Feminist*innen ungerecht, dass jeder Mann* sich darüber empören darf, wenn wer „Zuhörerin“ zu ihm sagt, aber dass Frauen* geschmeichelt sein sollen, wenn sie „Zuhörer“ sein dürfen.

Das ist schon seltsam, nicht wahr?

Tatsächlich begreifen das nicht alle, das mit dem generischen Maskulinum.

Kleine Kinder können das beispielsweise nicht verstehen. Wenn eins denen sagt, „wir gehen zum Bäcker“, dann stellen sie sich einen Mann in einem weißen Kittel und Bäckermütze vor, nehmen das also wörtlich. Sie kommen gar nicht auf die Idee, dass auch Bäckerinnen mitgemeint sein könnten, obwohl daheim immer die Mama den Kuchen bäckt. (2)

Und ganz ehrlich: Wenn ich sage, „da haben sich Autoren getroffen“, und die geschätzten Leser*innen schließen die Augen und stellen sich selbige „Autoren“ um einen Tisch versammelt vor: Wie viele Frauen oder Personen nicht-binären Genders sitzen vor dem inneren Auge am Tisch?

In unserem Inneren sind viele von uns noch kleine Kinder.

Deswegen hängt für Feminist*innen die sexuelle Selbstbestimmung und die Sache mit den Lücken oder Sternchen zusammen. Diese schrechlichen Stilmittel, die unsere schöne deutsche Sprache so verunstalten. (3)

17. PEGIDA ist GEGEN dieses wahnwitzige “Gender Mainstreaming”, auch oft “Genderisierung” genannt, die nahezu schon zwanghafte, politisch korrekte Geschlechtsneutralisierung unserer Sprache! 

 

Aber jetzt kommt der Witz:

Wenn eins denkt, dass „Mann=wichtiger“, dann ist es nicht mehr weit hin zu „Mann=Bestimmer über Frauen“.

Und deswegen kriegt eins wahrscheinlich mehr sexuelle Selbstbestimmung, wenn diese böse, böse Lücke sich ausbreitet.

Wir fassen also zusammen: Pegida ist für sexuelle Selbstbestimmung, aber bloß nicht zu viel, sonst werden die Weiber frech und verlangen, dass mann tatsächlich sein (Sprach-)Verhalten ändert.

Und jetzt spekuliere ich: Also, die Frauen sollen heiraten dürfen, wen sie möchten. Aber sie sollen bitteschön heiraten, und zwar einen Mann, und mit dem viele blonde Kinder zeugen, deren Anzahl dann das sogenannte Abendland vor dem Untergang retten wird.

 

Was will eins darauf noch antworten?

Dazu möchte ich Terry Pratchett paraphrasieren: Traue keinen mit zu vielen Ausrufezeichen. (4)

 

 

(1) Auch wenn es nicht korrekt ist, dass die Christ*innen den römischen Staat an die Wand gefahren haben. Weiterlesen: Peter Heather, „Der Untergang des römischen Weltreichs“

(2) Schnerring, Verlan: „Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“

(3) Das ist alles eine Frage der Gewöhnung, ehrlich. Ich wundere mich mittlerweile immer über Sachtexte ohne Binnen-I, _, * oder Ähnliches. Es sage keiner*r, ich lerne nicht dazu.

(4) Prattchett: „Maskerade“, deutsch: „Mummenschanz“

Gelesen: 5 + 1 Buch(serien) 2014

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Bei Geteiltes Blut gab es ein Fazit über Lieblingsbücher 2014. Das ist eine gute Idee, die ich aufgegriffen hätte, wenn ich mir gemerkt hätte, welches Buch ich wann gelesen habe. Bei den Downloads wäre es noch nachzuvollziehen, aber manche gedruckten Werke lagen kurzzeitig auf meinem Stapel ungelesener Bücher, weshalb ich keine Ahnung mehr habe, in welchen Monat ein Text fällt.

Außerdem von Nachteil: Nicht in jedem Monat stieß ich auf ein potentielles Lieblingsbuch, dafür war beispielsweise der Juni extrem ergiebig.

Um ein bisschen Ordnung ins Chaos zu bringen, habe ich mir aus der Welt der Fanfiction das „5 plus 1“ Konzept geliehen. Dabei handelt es sich in der Regel um nicht all zu lange Texte, die beispielsweise folgendes behandeln: Fünfmal, als Person X die Person Y gerettet hat, und einmal, als Y X rettete. Fünfmal, dass Z einen Heiratsantrag machte, und einmal, als Z einen Antrag bekam. Etc. pp.

Bei Büchern wäre das in meinem Falle: Fünf erzählende Texte und ein Sachtext, die ich zum Niederknien gut finde. Wie gehabt, betrachte ich die Texte aus zwei Winkeln: Erstens queer/feministisch, und zweitens als Fantasyautorin.

1

Richard Morgan: A Land Fit For Heroes – Trilogie, bestehend aus: „The Steel Remains„, „The Cold Commands„, „The Dark Defiles

Auf Deutsch: „Glühender Stahl„, „Das kalte Schwert„, dritter Band noch nicht übersetzt.

Über die ersten beiden Bände dieser Buchserie habe ich mich anderswo bereits enthusiastisch ausgelassen. Die drei reichlich desillusionierten Held*innen, die es mit einer übernatürlichen Bedrohung aufnehmen müssen, sind mir sehr ans Herz gewachsen. Genau aus diesem Grunde ist Teil Drei mit Vorsicht zu genießen. Wer sich in der Vorstellung eines Happy Ends ergehen möchte, mache nach Band 2 Schluss.

Für Feminist*innen: Leichte Männerübermacht, dafür angenehm nicht-eurozentrischer Weltenbau. Gute Beobachtungen, was Macht(dynamiken) angeht, und explizit queere Figuren.

Für Autor*innen: Morgan mag Rückblenden. Die funktionieren zu etwa fünfzig Prozent, aus den anderen fünfzig Prozent kann eins lernen, wie eins es nicht machen sollte und wann es zu viel ist. Was vor allem in den ersten beiden Bänden einen Tipp an den Hut verdient: Wie Morgan die Hintergrundinfos häppchenweise verteilt.

2

N. K. Jemisin: The Dreamblood Duology, bestehend aus „The Killing Moon“, „The Shadowed Sun“

Auf Deutsch: Nicht erhältlich.

In Gujaareh stammt alle Magie aus Träumen. Mächtigster Traumsaft ist das Traumblut (daher der Titel der Duologie). Meistens stammt das Traumblut von Spendern, die friedvoll ins Jenseits finden wollen, aber manchmal, wenn der Frieden in Gefahr ist, werden die Sammler ausgeschickt, um die Bedrohung zu eliminieren. Bei einer solchen Mission kommt der Sammler Ehiru einer Verschwörung auf die Schliche, an der auch jemand im Palast beteiligt scheint …

Für Feminist*innen: Ein Weltenbau, der ohne die Konzepte Hetero- und Homosexualität auskommt, daher ist ein junger Mann, der Männer bevorzugt, nur vorsichtig als queer einzustufen. Im zweiten Teil schafft es die weibliche Hauptfigur, stark zu sein, ohne dabei klassiche Männlichkeitsideale zu bestätigen.

Für Autor*innen: Ein Setting, das sich am alten Ägypten orientiert und ein Magiekonzept trifft, das auf C. G. Jungs kollektivem Unterbewussten basiert: Schauen Sie einer Meisterin des Weltenbaus bei der Arbeit zu.

3

G. Willow Wilson: Alif the Unseen

Auf deutsch: Nicht erhältlich.

Dem Hacker Alif ist die Obrigkeit des Emirats auf der Spur, und seine Liebste Intisar hat ihn zugunsten einer politisch opportunen Verlobung abserviert. Als Intisar Alif ein geheimnisvolles Buch zuspielt, ist der Geheimdienst auch offline hinter Alif her. Alif und eine Bekannte, die unfreiwillig in die Geschehnisse verwickelt wird, müssen herausfinden, was es mit den „Geschichten aus Tausend und einem Tag“ auf sich hat …

Für Feminist*innen: Fast jede wichtige männliche Rolle hat ein weibliches Gegenstück, wobei eine weibliche Figur nur als „die Konvertitin“ bezeichnet wird. Dank des Settings in einem namenlos bleibenden Emirat sehr unqueer – die männlichen Figuren beschimpfen sich gegenseitig bevorzugt als schwul. Interessante Einsichten ins moderne Arabien von einer Autorin, die dort gelebt hat.

Für Autor*innen: Eine Fantasygeschichte, die einen einzigen personalen Erzähler hat und damit auskommt, obwohl der Plot an Komplexität nichts vermissen lässt. Außerdem der Beweis, dass arabische Djinn und Elektronik sich nicht gegenseitig ausschließen müssen.

4

Carolin Emcke: Wie wir begehren

Autobiographische Notizen einer Reporterin, die Frauen liebt. Ausgehend von Schuldgefühlen über den Freitod eines vermutlich schwulen Bekannten aus ihrer Jugendzeit zeichnet sie ihren Weg von ihrer Kinderzeit über ihr Outing bis heute nach.

Für Feminist*innen: Emckes Begehren entzieht sich jedem Versuch, fremddefiniert zu werden, und befindet sich außerhalb bekannter Schubladen. Anekdotisch beweist sie, wie heteronormativ unsere Gesellschaft ist, und wie hilflos viele Leute reagieren, wenn sie auf Menschen außerhalb sauberer Kategorien treffen. Ein Text, von dem ich mir gewünscht hätte, dass er an manchen Stellen noch ein bisschen tiefer gräbt.

Für Autor*innen: „Wie wir begehren“ beweist, wie wichtig es ist, genau zu beobachten.

5

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

Auf deutsch: „Americanah“

Ifemelu und Obinze treffen sich im Lagos der Neunziger, und führen eine beinahe perfekte Beziehung, bis Ifemelu ein Stipendium für eine amerikanische Universität erhält und ihren Liebsten in Nigeria zurücklassen muss …

Für Feminist*innen: Wertvolle Einsichten in die amerikanische Seele und westlichen Rassismus von einer nicht-amerikanischen Autorin.

Für Autor*innen: Schauen Sie einer Meisterin der Rückblende bei der Arbeit zu. Außerdem ist Adichie eine gestochen scharfe Beobachterin, die ehrlich ist, ohne viel zu urteilen. (Nicht zu urteilen ist ein Ding der Unmöglichkeit.)

+ 1

Hanne Blank: Straight

Auf deutsch: Nicht erhältlich.

Eine Untersuchung, wie das Konzept „Heterosexualität“ in die Welt kam, und was es anrichtete. Der Beweis, dass die häufig unumstößlich wirkende Einteilung der Menschheit in zwei anscheinend klare Kategorien gar nicht so alt ist, und wie viel Macht über unser Denken Konstrukte wie die sexuelle Orientierung entwickeln.

Links kurz vor Feiertag

(Crosspost von Der Torheit Herberge.)

Bevor ich in der allgemeinen Jahresend-Hochstimmung versumpfe, hier noch ein bisschen was zu lesen von anderen Leuten, die in den letzten Wochen produktiver waren, was online lesbare Texte angeht:

Meine-eine wurde von Lou Zucker für die Jungle World über Asexualität ausgequetscht.

Asexy.de hofft auf Input, was Themen und Themenübersichten angeht.

Auf Englisch ist The Ace Theist so freundlich zu erklären, was die europäische Kolonialgeschichte mit dem zu tun hat, was heute Heteronormativität heißt. Wären diverse Leute nur mal schön zu Hause geblieben …

Zu diesem Thema auch – wieder Englisch – eine hochinteressante Karte von Afrika, wie es ohne Kolonialmächte vielleicht aussehen könnte. (Auch für Schreiber*innen fiktionaler Texte interessant, denke ich, daher mit „Weltenbau“ vertaggt.)

Den Leser*innen wünsche ich schöne Feiertage, egal, ob ihr aus religiösen Gründen feiert, oder euch einfach nur über die Freizeit freut.

Zwischen den Stühlen

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Vom Gaybook-Flamewar

Vor einigen Wochen wurde mir durch eine Diskussion über Gay Romance auf Facebook in Erinnerung gerufen, dass ich zwischen den Stühlen sitze. An der Diskussion selbst, die von einem anderen Ort in die von mit frequentierte Gruppe geschwappt war, habe ich mich selbst nicht beteiligt – das Thema ist zu komplex für die kurzen Texte, die beim Fratzenbuch als Antworten noch lesbar sind (und gelesen werden?).

Die Argumente hingegen haben mich absolut nicht überrascht, aber am Ende hat es eine Weile gebraucht, aus meinen Gedanken dazu einen Text zu machen, der auch les- und nachvollziehbar ist. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen oder mich unbeliebt zu machen …

Grob verhandelte die Diskussion, die mich nachdenklich machte, ob frau* Gay-Literatur schreiben darf oder nicht. Die Frage, so gestellt, ist natürlich Blödsinn, genauso wie die Frage, ob allosexuelle (1) Menschen über Asexuelle schreiben dürfen.

Zur weiteren Referenzierung hier zwei Links, einmal Fiammetta auf Deutsch über die Bedeutung queerer Literatur für queeres Volk und einmal Anagnori auf Englisch über Asexualität in der Fiktion.

Logischerweise geht es hier auch nicht um Recht und Gesetz, sondern um moralische Gesichtspunkte.

Grundsätzlich ist es jedoch kritisch, über Frauen*, Schwule, Allo- oder Asexuelle als homogene Gruppen zu sprechen.

 

Es kann niemals darum gehen, ob Frauen* über Schwule schreiben dürfen.

Aber die Frage stellt sich nach dem Umgangston, den Motiven, und der, meiner unbescheidenen Meinung nach, bestehenden Verantwortung von Schriftsteller*innen, keinen gesundheitsschädlichen Bockmist zu verzapfen.

Letzteres sollte selbsterklärend sein. Wer jetzt Schwierigkeiten hat, möge sich bitte über STIs und die Verträglichkeit von Kondomen mit Paraffinölen etc. informieren.

 

Aber warum schreiben Frauen* über Schwule?

Als asexuelle Person sitze ich gelegentlich auf der falschen Seite von fragwürdigen Gründen, Geschichten zu schreiben. Diverse Personen vor allem im englischsprachigen Netz betrachten Asexualität nämlich als eine verschärfte Form von Jungfräulichkeit, oder des „kink:virginity“, und schreiben dann Fanfiction darüber, wie beispielsweise Sherlock endlich „auftaut“ und auf einmal Spaß an Sex hat.

Damit dient eine einzelne Eigenschaft einer Figur dazu, Porno zu schreiben. Und dann auch noch respektlosen Porno, der beweist, dass di*erjenige Autor*in von der fetischierten Eigenschaft keine Ahnung hat. Oder, schlimmer, eine Ahnung hat, aber es di*em Schreiberling scheißegal ist, was si*er da tut.

In diesem Fall vermittelt di*er Schreibende den Eindruck, dass Asexuelle „geheilt“ werden können, und zwar durch die magischen Kräfte der Geschlechtsteile di*er Partner*in.

Das ist grober Blödsinn. Entweder, eins stößt im realen Leben auf eine der eher raren Personen, die asexuell sind, aber Sex nicht abgeneigt. Oder die Person ist indifferent bis abgeneigt, was sehr viel häufiger ist, und dann geht halt nix im Bett.

Sollte sich ein solches Paar finden, wäre die „Vorbildung“ eines*r allosexuellen Partner*in per Ace-Porno extrem gefährlich, weil sie im Extremfall zu einer Korrektiv-Vergewaltigung führen könnte, ohne dass di*er allosexuelle Partner*in sich dessen bewusst ist.

Aber, sagt eins nun, das sind ja nur eine Handvoll Texte.

Klar. Aber:

 

Es ist alles eine Frage des Verhältnisses

Wir müssen uns bewusst sein, dass wir bei Fiktion über Asexuelle a) wir über ein geschätztes Prozent der Bevölkerung reden,  und b) nicht in einem Prozent aller Geschichten explizit asexuelle Personen vorkommen, sondern in sehr viel weniger.

Archive of Our Own listet im Dezember 2014 knappe 2400 Fan-Werke mit dem ensprechenden Tag – von mehr als 1,3 Millionen. 1% wären 13’000 plus, für mathematisch anspruchslose Personen. Das Verhältnis in derzeitiger Original-Fiktion, also den Texten, die über Buchhändler zu bekommen sind, ist meines Wissens noch schlechter. Auf BooRix gibt es eine Geschichte mit dem Tag „Asexualität.“

Heißt: Jeder schlechte Text über Asexuelle verschiebt das Verhältnis in größeren Ausmaßen, als, sagen wir mal, ein Text, in dem alle blonden Menschen böse sind, gegenüber allen Texten, in denen blonde Menschen vorkommen.

Dito fällt das Verhältnis von Literatur, in der Schwule eine Hauptrolle haben, zu der, in der sie bestenfalls eine Nebenrolle spielen, eklatant zugunsten der Heten aus.

Und nun schreibt ein Haufen Heten, oder zumindest Personen, die ich wegen ihrer Äußerungen über ihr Privatleben und Männernacktfotos dafür halten muss, Texte über Schwule.

 

Hier schreibt eine Mehrheit über eine marginalisierte Gruppe.

Dies mit Gusto, und, sagen wir mal, mit einigen eindeutigen Schwerpunkten, die ein selektives Bild der marginalisierten Gruppe vermitteln. Kein falsches Bild, aber ein selektives.

Grundsätzlich gibt es sehr wenige Texte, in denen irgendwer zufällig Bi oder Schwul oder Asexuell ist, und als Held*in Arsch tritt, sondern entweder kommen queere Figuren gar nicht vor, oder die queere Identität trägt überwiegend zum Plot bei. Schwule Kerls haben entweder Liebesgeschichten, Probleme oder sie existieren als Randfiguren/bester schwuler Freund/Mensch mit gebrochenem Handgelenk. (2)

 

Schon die Wahl, welche Geschichten erzählt werden, definiert die Gruppe, über die erzählt wird.

Queeres Volk hat hier eine, vorsichtig ausgedrückt, echt miese Auswahl.  Liebesgeschichte, Problemgeschichte oder … öhm. (3)

(Andere Gruppen haben das Problem auch, ich weiß. Irgendwer schonmal die Avengers angeschaut und festgestellt: 1 weiße Frau, 5 weiße Kerls. Mein derzeitiges Lieblingsfandom ist zum Verzweifeln, wie so viele andere auch.)

Wenn dann einer denkt, „Sch…, nicht schon wieder Romance von einer Frau“, kann ich das verstehen. Denn ein Haufen Frauen* sieht nunmehr Schwule, oder was sie dafür halten, durch die Brille anderer Frauen, und nicht mehr durch eine schwule Brille.

Damit wird im schlechtesten Fall einer marginalisierten Gruppe die Deutungshoheit über die eigene Identität genommen. Oder: Die Gruppe mit der größeren Öffentlichkeit nimmt der Gruppe mit der kleineren Öffentlichkeit die Macht zur Selbstdefinition.

Das heißt jetzt nicht, dass alle sofort aufhören sollen, Gay Romance zu schreiben. Ich für meinen Teil hab vorerst genug, auch wenn ich auf Figuren aus dem queeren Bereich kaum verzichten werde. Insofern:

 

Das hier ist ein Plädoyer, andere Geschichten zu erzählen.

Ein Plädoyer, nicht bis Band 7 einer Reihe zu warten, um eine der wichtigen Nebenfiguren sich als verkehrtrum outen zu lassen. Dumbledore als explizit in Grindelwald verliebt zu schreiben, statt sich in vagsten Andeutungen zu ergehen. Die Tony Starks dieser Welt mit allen flirten zu lassen, die als genormt attraktiv durchgehen, statt nur mit genormt schönen Frauen.

Und so weiter.

Eigentlich, eigentlich ist das gar nicht so schwierig …

(1) allosexuell – Ich habe aufgegeben, und verwende nunmehr „allosexuell“ für Menschen, die sich außerhalb des asexuellen Spektrums verorten.

(2) Ja, ich weiß. Ich kann auch anders, Baby.

(3) Mit der Lupe zu suchen, aber ein paar hab ich glücklicherweise. Dazu mehr in einem späteren Post.

Nachdenklich machende öffentliche Auftritte

https://i0.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/11/Glass-of-water.jpg/328px-Glass-of-water.jpg - Halb voll oder halb leer?

 

Diverse Neuigkeiten:

Am Montag werde ich mit der Lokalzeitung sprechen. Wir werden sehen, was dabei rauskommt.

Am Freitag, den 21. November bin ich mit meinem Amtsleiter und Jennifer J. Grimm beim Ghibli-Festival-Abschluss im Cineplex Mannheim.

Am Freitag, den 05. Dezember ist eine Gruppenlesung der Goldstadt-Autoren in Pforzheim.

Da stellte sich dann die Frage: Was lese ich vor? Albenbrut, logisch. Erste Szene, und dann was? *Blätter.* Tankreds erster Auftritt. Aber die Leiche, die ist schon ein bisschen detailliert, so für ein All-Age-Publikum im Advent. *Blätter.* Kann ich dem hypothetischen Publikum zwei sich umarmende Jungs mit ein bisschen homoerotischer Spannung zumuten?

Äh. Halt. Halt! Wieso muss ich mich so was überhaupt fragen?

Aber, Jungs, Mädels und Sonstige: In dieser Welt leben wir nun mal.