Das religiöse Henne-Ei-Problem einer Fantasyautorin

Ach, komm schon. Ringil, wie er ein Etikett von irgendeiner Schnitzerei pflückt, und damit herumwedelt. Dieser Schwachsinn? ‚Kein lebender Mensch hat jemals einen Dwenda gesehen.‘ Verfickter Mist, Shal. Kein lebender Mensch hat jemals Hoiran gesehen, aber die verfickten Tempel schließen sie trotzdem nicht. So ein Haufen scheinheiliger Arschlöcher.
Die Leute haben Angst, Ringil. Shalak hatte einen dunklen Bluterguss um sein linkes Auge. Ich kann sie verstehen.
Die Leute sind Schafe, wütete Ringil. Blöde verfickte Schafe.
Daraufhin gab Shalak keinen Hinweis, dass er anderer Meinung war.“

Aus: Richard Morgan, The Steel Remains, Kapitel 9 (23%, etwa Seite 92 von 391), eigene Übersetzung.

 

Was soll ich sagen? Ringil ist ein wütendes, gewalttätiges Arschloch mit einem Mundwerk, das selbst meine Mutter hätte zu Seife greifen lassen, aber ich bin relativ häufig mit ihm einer Meinung. Wie Shalak, in diesem Falle.

(Falls sich irgendwer wundert, dieser Hoiran hat eine Offenbarung, Tempel, und die zugehörigen Priester haben in etwa die Moral von Ultra-Evangelikalen.)

Ausgehend von diesem Zitat frage ich mich … Was macht Fantasyschreiben mit der eigenen Religion?

Kann ich überhaupt eine Religion erfinden, ohne eine Distanz zu meiner eigenen zu haben?

Was war zuerst da: Der Zweifel oder die Recherchetätigkeit?

Mit Distanz meine ich nicht die Gleichgültigkeit jener, die sich nicht damit beschäftigt haben, sondern eher das Gegenteil. Zu viele Pro und Contras, Quellanalysen, Schöpfungsmythen. Sich widersprechende Moralvorstellungen. Mächtige Götter, die ein Eroberer assimiliert hat, oder als Aberglauben diffamiert.

Der gleiche Text, der Analverkehr und Hexerei verbietet, schreibt auch vor, dass „hebräische Knechte“, die mann sich gekauft hat, nur sechs Jahre dienen sollen, während wir davon ausgehen dürfen, dass nicht-hebräische Knechte, genau wie sämtliche Mädge, mit einem lebenslangen Sklavendasein rechnen müssen. (Exodus 21 und 22)

Und wie viele Christen ahnen schon, dass die Wasser, über denen Gott anfänglich in der Bibel schwebt, die Überreste des Leviathan sind? Diese drachengewordene Urflut heißt, einfach gesagt, woanders Tiamat.

Wir feiern Weihnachten drei Tage nach der Wintersonnenwende wegen der Lichtsymbolik. Nicht, weil Jesus Christus im Dezember auf die Welt kam.

Schreiber*innen von High Fantasy wissen so etwas. Sie erfinden Religionen. Ich bin mittlerweile auf Nummer … nehmen wir nur die ausgeführten, Nummer Drei und Vier. Zweimal habe ich den germanischen/altnordischen Glauben zerrupft, einmal mich vom prä-islamischen Arabien inspirieren lassen, und einmal einen Ahnenglauben erfunden, der vage auf Gedanken aus dem Transformers-Fandom beruht. (Kein Scheiß. Ich kupfere hemmungslos von der eigenen Fanfic ab.)

 

Religionen  müssen ihren Anhänger*innen irgendeinen Mehrwert verkaufen

Sie beantworten Fragen nach den Ursprüngen und eventuellder Überlegenheit des Volkes/der Gläubigen, kennen den Sinn des Lebens, versprechen die Unsterblichkeit der Seele versprechen. Nebenher sorgen sie für ein geregeltes Zusammenleben. Mit verschiedenen spirituellen Einschüchterungsmethoden wird letzteres sichergestellt.

Selbst sehr säkuläre Gesellschaften – so wie unsere – fußen auf den Knochen und der Arbeit zahlreicher frommer Menschen. Auch Agnostiker*innen entfährt gelegentlich ein „Oh mein Gott.“ Der Donnerstag heißt immer noch nach Donar/Thorr, und der englische Wednesday trägt Wotan im Namen.

 

Ohne wenigstens ein bisschen Religion wackelt mein Weltenbau.

Aber je mehr ich recherchiere, je mehr Welten ich baue, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich jede Religion aus dem Blickwinkel der Religionserfinder*innen betrachte. Und, postuliere ich, mit viel Skepsis auf die meisten Behauptungen heiliger Schriften reagiere. Im Gegensatz zum Lesen von Fantasy-Romanen habe ich bei echten Religionen Schwierigkeiten, meinen Unglauben abzulegen.

Was haben diese Leute wirklich gesehen? Warum legen sie Wert darauf, genau diese Episode festzuhalten? Wie profitierte die Entstehungskultur von dieser oder jener Vorschrift? Wer hat ein Interesse daran, diese Gesellschaftsordnung als göttergegeben zu verkaufen? Cui bono?, fragen die Lateiner*innen. Wem nützt es?

 

Mehr Fragen als Antworten …

Ist in diesem ganzen Konvolut, das die Religionen der Menschheit darstellt, irgendwo ein Körnchen Wahrheit über das Metaphysische? Ist alles erfunden, oder alles, in einem übertragenen Sinne, oder tatsächlich, wahr?

Auf der Scheibenwelt existieren Gottheiten und Wesen wie die Zahnfee, weil Menschen an sie glauben. Auf der Erde dürfte es ähnlich sein. Ob der Christengott existiert oder nicht – allein die Tatsache, dass an ihn geglaubt wird, beeinflusst uns. Ob er damals in Palästina wirklich Mensch geworden ist, erweist sich am Ende für die Geschichte des Abendlandes als völlig unerheblich.

Gelesen: The Steel Remains und The Cold Commands, von Richard Morgan

Auf Jery’s Empfehlung hin hatte ich mir also zunächst ein Buch gekauft, nachdem ich die Leseprobe verschlungen hatte. Und, als der Text nicht für den Urlaub reichte, da genauso inhaliert, gleich noch ein zweites. Und ich habe Meinungen dazu.

(Das heißt jetzt nicht, dass das hier zu einem Buchblog wird, und es ist keine Einladung, mich um Rezis zu bitten. Empfehlungen werden aber gerne genommen, vielleicht schreibe ich sogar darüber.)

Richard Morgans „The Steel Remains“ (Deutsch: „Glühender Stahl“) ist der erste Teil der „A Land Fit For Heroes“-Trilogie.  Teil Zwei, „The Cold Commands“, ist 2011 erschienen. (Deutsch: „Das kalte Schwert“). Teil Drei ist für Anfang Oktober angesagt.

Der deutsche Klappentext von „Glühender Stahl“ taugt meines Erachtens nichts und liefert vage falsche Informationen, ein tödlicher Cocktail, also versuche ich mich mal dran:

Worum geht’s?

Ringil Eskiath, Held der Schlacht von Gallow’s Gap, zehrt seit zehn Jahren eher schlecht als recht von dem Ruhm, den er damals erworben hat. Als seine Mutter auftaucht, und ihn bittet, nach einer Verwandten zu suchen, die wegen Schulden in die Sklaverei verkauft wurde, scheint das zunächst eine willkommene Unterbrechung der Monotonie. Unabhängig davon müssen sich seine ehemaligen Weggefährt*innen Egar Dragonbane und Archeth Indamaninarmal mit übernatürlichen Einmischungen herumschlagen. Bald erkennen die drei, dass einige Legenden nicht vorhaben, im Reich der Geschichten zu verweilen …

Meines Erachtens nötige Warnungen: Recht hoher Ekelfaktor aufgrund von sehr expliziten Gewaltdarstellungen: Blut, Schleim und die häufig vernachlässigten Verdauungsendprodukte. Nichts für Menschen, die nicht drei Mal pro Seite „fuck“ lesen wollen. Nichts für Leute, die die entsprechende Tätigkeit lieber nur in Andeutungen vorgeführt bekommen.

Damit das hier nicht irgendeine beliebige Rezension wird, werde ich mich auf zwei Blickwinkel beschränken.

 

Was sagt die queere Bloggerin?

Ringil Eskiaths Gefühle rangieren meistens irgendwo zwischen wehmütig, milde angepisst und stinkwütend. Und, ach ja, er ist schwul, in einer dezidiert homophoben Umgebung. Anstatt sich in die Ecke zu stellen und sich was zu schämen, hat er beschlossen, sich nicht mehr zu entschuldigen. Ich kann diesen Typen so gut verstehen. Hingegen ist Archeth ist eine Halbmenschin, die Frauen bevorzugt.

Es gibt ein Minimum von drei Sprachen, einen gewonnenen Krieg gegen intelligente Echsenwesen/Drachen, und zwei Sorten übernatürliche humanoide Lebensformen. Die Dwenda scheinen von den keltischen Faerie inspiriert und sind genauso freundlich (also, gar nicht). Die „Sky Dwellers“ werden von den Menschen jener Welt als Götter verehrt. Am ehesten erinnern mich die Beschreibungen jenes Götterhimmels an das, was ich vom Voodoo weiß. Welche Ziele dieser Haufen verfolgt, ist immer noch ein sorgsam verborgenes Rätsel.

Insofern: volle Diversitäts-Punktezahl.

Der Autor hat seine Hausaufgaben gemacht in Punkto Religion, Kriegsfolgen, Sklaverei, Misogynie, Homophobie und allerlei Dingen mehr. Das heißt nicht, dass die Leute dort netter miteinander umgehen als sonstwo, sondern, dass die Zusammenhänge kommentiert werden. Und nicht plötzlich irgendwie sexy sind.

Die Anzahl der von anderen Leser*innen und meinerseits markierten Zitate (k.A. ob das mit E-Pub geht) ist im ersten Band demnach relativ hoch. Und entsprechend düster ist der Weltentwurf, ohne jedoch den Glauben an bessere Zeiten zu verlieren, was ein unglaublich schwieriger Spagat angesichts all dieser desillusionierten, verbitterten Figuren ist, die jede*r irgendwann ihre Ideale verraten haben.

 

Was sagt die Schrifstellerin/verhinderte Lektorin?

Beinahe volle Punktzahl für das Worldbuildung. Die reichlich sumpfige Geographie ist kein Mimikry eines mir bekannten Kontinents, und der beschriebene Planet hat ein „Band“, also einen Ring, wie unser Saturn. Die beschriebenen nicht-menschlichen Rassen haben nur entfernt Ähnlichkeit mit dem, was mir in der High Fantasy sonst so begegnet ist. Minuspunkte für die Verwendung von Wörtern, die aus der Bibel stammen, und die diese Figuren nicht kennen können (sollten), und für ein Technologielevel, das mich unter anderem wundern lässt, wo das Schwarzpulver ist, und wie die Wasserversorgung und -entsorgung in den Städten funktioniert. Der Buchdruck scheint ebenfalls noch nicht erfunden. Irgendwie fluktuiert das alles zwischen Hochmittelalter und einer beinahe steam-punkigen, und damit viktorianischen, Atmosphäre.

Manchen Leser*innen ist im ersten Band vermutlich nicht genügend erklärt. Morgan wirft eine*n ins kalte Wasser, und wer untergeht, hat Pech gehabt.

Ansonsten gibt es ein bisschen Handwerkliches zu bemängeln. Offiziell wechselt die Perspektive nur jedes Kapitel – und manchmal unangekündigt im Kapitel – was aber auch dem E-Format geschuldet sein kann, das vielleicht einige Leerzeilen und Sternchen gefressen hat. Ich glaube, ich weiß, warum ich xxx mache.

Gelegentlich muss ich am Kapitelanfang zwei Sätze lesen, um zu wissen, in wessem Kopf ich bin, da würde ein „Ringil“ statt „er“ nicht unbedingt schaden, zumal die Ausdrucksweisen der drei wichtigsten Perspektivfiguren sich recht ähnlich, wenn auch nicht völlig identisch, sind.

Morgan ist, trotz seiner Vorliebe für Vier-Wort-Flüche, wortreich in mehreren Aspekten. Er ermüdet zwar nicht mit sich wiederholenden Erklärungen (deren sind es eben eher zu wenig), aber muss ich in einem Kampf wirklich wissen, wie jeder der zwölf Gegner gestorben ist? Wahrscheinlich ließe sich nicht nur die Anzahl der Adverbien und Adjektive kürzen.

Andererseits: Ich musste tatsächlich ein Wort nachschlagen, was mir sonst beim Lesen englischer Texte nicht sehr häufig passiert. Meistens lässt sich so etwas ja aus dem Kontext erschließen, „lugubrious“ allerdings war mir als Adjektiv und auch sonst völlig neu.

Außerdem: Rückblenden mitten in (Action-)Szenen, im ersten Band vor allem für Ringil. Großes No-No in jedem Schreibratgeber. Aus einem Grund, den ich der Poesie jener Rückblenden zuschreibe, funktioniert das im ersten Band für mich. Andere Leute würden vermutlich die Augen verdrehen. Was ich dann auch in Band zwei getan habe, wo die Rückblicke doch unmotivierter erscheinen, und noch nicht einmal dazu dienen, Spannung zu erzeugen.

Um jetzt hier zu beweisen, warum ich für Teil Eins fünf von fünf Sternen vergeben würde, und für Teil Zwei vier …

 

Beispiele gefällig?

Die ersten Sätze überhaupt:

„When a man you know to be of sound mind tells you his recently deceased mother has just tried to climb in his bedroom window and eat him, you only have two basic options. You can smell his breath, take his pulse and check his pupils to see if he’s ingested anything nasty, or you can believe him.“

Wenn ein Mann, von dem du weißt, dass er vernünftig ist, dir erzählt, dass seine kürzlich verstorbene Mutter gerade versucht hat, in sein Schlafzimmer zu klettern und ihn zu fressen, hast du nur zwei Möglichkeiten. Du kannst an seinen Atem riechen, seinen Puls fühlen, und seine Pupillen untersuchen, um festzustellen, ob er etwas Schädliches zu sich genommen hat, oder du kannst ihm glauben. (Eigene Übersetzung.)

 

Und dann noch, aber ohne Übersetzung: „The Steel Remains“, Auf 52 %, Kapitel 19

… [Ringil] felt the accustomed kiss of the grip on his palms, felt the grin on his face turn into a snarl.

Cold chime as the scabbard gave up its embrace.

And the Ravensfriend came out.

You want to know how it ends, Gil? Grashgal, cryptic and rambling and more than a little drunk one evening at An-Moral, holding out the newly-forged Ravensfriend in scarred black hands and squinting critically down the runnel. Fireglow from the big room’s hearth seemed to drip off the molten edges of the steel. (…) I’ve seen how it ends. Someday, in a city where people rise through the air with no more effort than it takes to breathe, where they give their blood to strangers as a gift, instead of stealing it with edged iron and rage the way we do, someday, in a place like that, this motherfucker is going to hang up behind glass for small children to stare at. (…) they put their noses up so close to that glass their breath fogs it, and you can see the small, slow-fading prints of their hands in the condensation after they’ve run off to look at something else. And it doesn’t mean a thing to them.

(…)

That’s how it ends, Gil. With no one to remember, or care, or understand what this thing could do when you set it free.

Ringil met the first of Hale’s men in a blur of eager motoion and the blue sweeping arc of the blade. …

Filmtrailer: Bundesamt sucht Sponsor*innen

Was auf der Schachtel steht: Unser Haufen Teil- und Vollzeitautor*innen sowie Teil- und Vollzeitsachbearbeiter*innen träumt davon, das Bundesamt im Kino zu sehen. Inklusive Paternoster und eventuell sogar ein sehr prominenter Cameo.

Dazu benötigt werden zunächst Fans, und, später, logisch, Geld, denn wie bekannt sein sollte, weigern sich herkömmliche Kameras, magische Wesen aufzuzeichnen.

Wie sich das für Startnext gehört, gibt es auch Geschenke für die Spenden.

Magische Wesen, die im August Zeit haben, können auch mitspielen.

Von wegen Eskapismus …

Nun hatte ich als Einstiegspost zu diesem Blog ein Lob des Eskapismus. Ich bin immer noch der Meinung, dass ein guter Fantasyroman ein viel besserer Weg ist, die Seele baumeln zu lassen, als Fernsehen. Ein guter phantastischer Text versetzt mich innerhalb von ein paar Sätzen in eine Tiefenentspannung, um die ich beim Autogenen Training ringe.

Aus irgendwelchen Gründen sind Fantasyautor*innen aber unseriös. Wir blenden die Realität aus, haben einfache Konzepte von Gut und Böse, verzichten auf Graustufen, schreiben darüber, dass irgendwer das Königreich rettet, anstatt die Institution Königreich in Frage zu stellen. Und so.

Es wäre aber völliger Unfug zu behaupten, dass spekulative Fiktion völlig apolitisch ist. Selbst, wenn keine eindeutige ikonische Aussage getroffen wird – Spidermans „Aus großer Macht folgt große Verantwortung“ lässt grüßen, dito Optimus Prime’s „Freedom is the right of every sentient being“ – kommt nicht mal di*er abgeratzteste Magier*in im obskursten Königreich hinter den sieben Bergen ohne Politik aus.

Wenn wir mal auf das Königreich zurückkommen: Noch in der 1848’er Revolution in Deutschland wurde jemandem das Kaisertum angetragen. Der Mensch lehnte ab, die Revolution scheiterte. Offenbar war das Prinzip König, beziehungsweise Kaiser so tief in den Köpfen verwurzelt, dass eine Ablehnung des Wunschkandidaten mit dazu führte, dass die Demokratie in Deutschland noch recht jung ist, und zwei Anläufe brauchte.

Wenn wir noch weiter zurückgehen, wäre das Prinzip Demokratie etwas gewesen, bei dem sich Befragte an die Stirn getippt hätten. Bezüglich Frauenwahlrecht haben die europäischen Befragten das ja teilweise bis in die Achtziger getan.

Also: Wenn da erfundene Leute in einem erfundenen Königreich leben, und es ihnen einigermaßen gut geht, und dieser König noch dazu eine religiöse Legitimation aufweist, dann wird das Prinzip Demokratie den Horizont der meisten erfundenen Figuren übersteigen. Deswegen wird das Königreich gerettet, da es eben Stabilität und einen gewissen Wohlstand verspricht.

Unabhängig davon spiegelt jeder Text die Person und deren Einstellungen wieder, von der er geschrieben wurde. Und die sind immer von der gegenwärtigen politischen Situation beeinflusst. Wer es unsicher hat, sehnt sich vielleicht nach der Stabilität, die ein Königreich verspricht, wer sich unfrei fühlt, schreibt sich vielleicht eine Welt zurecht, in der si*er so leben kann wie si*er möchte.

Treten da Frauen* Arsch, oder sind sie schmückendes Beiwerk? Wieso kommt das Böse ausgerechnet aus dem Osten, oder aus dem afrikanisch angehauchten Süden?

Wie viele People of Color leben da? Kommt da eine weiße Person und rettet die naiven Eingeborenen? (Auch arschtretende Frauen* können naive Eingeborene retten.)

Wie viel queeres Volk gibt es? Kommt es überhaupt vor? (Auch wunderbare Metaphern gegen Rassismus und pro verantwortungsvollen Umgang mit Macht können dabei auf ganzer Linie versagen. Darf ich im Übrigen Ron Weasley erwürgen, der seinen Muggel-Fahrprüfer konfundieren muss, um überhaupt an einen Führerschein zu gelangen? Der ultimative Beweis, dass Voldemort tot ist, aber seine Einstellungen fröhliche Urständ feiern.)

Fantasy wird fast immer von Nordamerikaner*innen und Europär*innen verursacht, gemeinsam mit ein paar Leuten aus anderen ehemaligen Kolonien Großbritanniens. Das merken aufmerksame Leser*innen. Das Publikum ist weniger homogen, und manchmal recht genervt vom Euro- bzw. Amerikanozentrismus des Genres. Beispielhaft (auf Englisch) der große Race Fail 2009, und die jüngsten Debatten um die Science Fiction and Fantasy Writers of America.

Also. Keine Person, die irgendwas schreibt, ist frei von politischen Einstellungen. Ob überzeugte Demokrat*in, „Sind eh alles Verbrecher“-Nichtwähler*in, Royalist*in oder Anarchist*in. Ob gläubig oder atheistisch, aus Deutschland oder den USA, konservativ oder queerfeministisch, Mittelschicht oder Prekariat. Unsere Denke wird sich in den Text schreiben, egal, wie wenig beabsichtigte Botschaften dieser Text hat. Und genauso wird sich in den Text schreiben, worüber wir nicht nachgedacht haben, oder noch nie nachdenken mussten.

Wie eine Gesellschaft funktioniert, wer wo wie Platz darin findet – ohne solche Überlegungen kommt der Weltenbau nicht aus. Wenn er es dennoch tut, wird der Text wahrscheinlich nichts taugen.

Insofern: Realität muss, wenn schon, dann willentlich ausgeblendet werden.

Sprachen erfinden, oder nicht

Da ich gerade an Fantasy schreibe, die nicht eurozentrisch ist, stehe ich vor einem gewissen Dilemma, das ich hier mal ausführen möchte: Ausleihe/Anleihen bei anderen Kulturen und erfundene wie echte Sprachen.

Ich bevorzuge immer, wenn Wörter etwas bedeuten, oder, in der Fantasy, wenigstens so tun als ob.

Unter anderem, da ich so den Eindruck hatte, dass „Imardin“, „Kyralia“ und dergleichen es nicht tun, vor allem, da in Kyralia noch Städt wie „Coldbridge“ liegen, bin ich von Trudi Canavans Weltenbau nicht so wahnsinnnig beeindruckt (nebenher fehlt dem ganzen Konstrukt eine überzeugende Religion, finde ich noch viel schlechter). George R. R. Martin hingegen nehme ich seine Ortsnamen in Westeros ab. Obwohl die ebenfalls fröhlich drauflosgestückelt sind, habe ich den Eindruck, dass er verschiedene Gründungszeiten und Eroberungszüge nachstellt.

Tolkien treibt mich nicht in den Sprachwahnsinn. Auch nicht N.K. Jemisin mit ihrer „Dreamblood“-Duologie, die sich im Weltenbau auf das alte Ägypten beruft, deren Sprache aber nicht mal ansatzweise so klingt, als könnten dort auch ein Tut-anch-amun oder ein Imhotep rumspringen. Genauso bekommt Patrick Rothfuss mit „Der Name des Windes“ es hin, in sich konsistent zu sein, auch wenn es mich bei „Anilin“ auf der Karte jedes Mal lächert. Die Badische Anilin- und Sodafabrik lässt grüßen.

Um Schwierigkeiten wie die von Kyralia zu vermeiden, habe ich irgendwo den Tipp gelesen (der Link ist leider nicht mehr aufzufinden, zumal ich auch nicht mehr weiß, ob’s deutsch oder englisch war), dass mensch sich Wörter einer Sprache raussuchen soll, und die vorsichtig verändern, dann kommt hinterher was zueinander Passendes raus. Das ist unbestritten die Wahrheit.

Das, was dann rauskommt, heißt dann nichts mehr, klingt aber nach etwas, das existiert. Frei nach dem Motto: Bilden wir uns ein, dass dieses Land nichts mit der Türkei/Russland/Griechenland/Sonstwo zu tun hat, auch wenn ich mich, eventuell, gleich noch auf Klischees berufe, die wir zu den Patensprachen im Kopf haben. (Und hier dürfen wir G. R. R. Martin winken, der bei seinen Pseudo-Mongolen dann wirklich nicht mit der „rohe Wilde“-Keule gespart hat.)

Der Begriff „cultural appropriation“/kulturelle Aneignung wird im deutschsprachigen Netz nicht so häufig diskutiert wie auf Englisch. Was mit Sicherheit auch daran liegt, dass Deutschland eine andere, und wenig erwähnte Kolonialvergangenheit hat, und der Sklavenhandel zwar auch von Mitteleuropäern, aber nicht auf mitteleuropäischem Boden betrieben wurde. Im Gymnasium habe ich gelernt, dass Deutschland Kolonien hatte, aber nicht, was dort vorgefallen ist.

Für meine neue Geschichte habe ich also geklaut. Und zwar einmal bei den prä-islamischen Religionen der arabischen Halbinsel, und zweitens bei den Berberkulturen und der marokkanischen Geschichte. Der für Fantasy unabdingbare magische Einfluss sind in diesem Falle, konsistenterweise, Jinn. Nebenher habe ich mir noch einen Monotheismus aus der altgermanischen Religion gebastelt – meine Eroberer müssen schließlich erstens auch was glauben, und zweitens einen Vorwand für ihre Eroberungszüge haben.

Jedenfalls wird jede*r Leser*in die entsprechenden Assoziationen im Kopf haben, sobald ich Wüsten, Datteln und Kamele erwähne. Alle werden wissen, was ich meine, und woher ich die Inspiration habe. Sobald ich anfange, mein Projekt zu beschreiben, denken meine europäisch sozialisierten Zurhörer*innen an dieses eine Tuareg-Foto, Wunderlampen, Bauchtänzerinnen in Glitzerkostümchen mit durchsichtigen Schleiern, und dekorative Palmen mit noch dekorativeren Pyramiden im Hintergrund.

Ich hoffe, dass sie ein bisschen doof aus der Wäsche gucken, wenn sie den Text lesen.

Das Irre an der ganzen Sache ist ja, dass da einerseits über dieses Märchenhafte aus 1001 Nacht geseufzt wird, während gleichzeitig der Islam als „böse“ betrachtet wird.

Den Islam werde ich in meinem Text, wie alle anderen real existierenden Religionen, außen vor lassen. Obwohl es ein Text ist, den ich auch schreibe, weil ich einige Fragen zum Thema Religion habe.

Und weil irgendwann in den letzten Jahren diese exotischen Kulissen angefangen haben, mich zu nerven. Weil sie eben meistens bloße Kulisse bleiben, und die Figuren, die vor diesem Hintergrund agieren, so gar nicht von der Kultur beeinflusst scheinen, die diese Kulisse erst möglich macht.

Ich möchte Informationen. Was glauben diese Leute? Mit welchen Schwierigkeiten haben sie zu kämpfen? In welcher freundlichen oder unfreundlichen Umwelt leben sie? Wie beeinflusst das ihr Verhalten, ihre Kleidung, das, was sie sich vom Leben erhoffen?

Eine Zeitlang war ich daher der Meinung, dass ich, wenn ich schon klaue, gleich in die Vollen gehen kann. Entweder funktioniert der Text, und dann ist es völlig gleichgültig, ob ich arabische oder erfundene Wörter verwende, oder ich greife ins Klo, und dann ist es genauso gleichgültig, weil sowieso Kacke.

Aber: Ich schreibe über Religion, und über die Instrumentalisierung derselben, aber nicht speziell über den Islam. Halbwegs Geschichtskundige werden wissen, dass das Christentum sich nicht über eine weiße Weste freuen kann, um das mal vorsichtig auszudrücken. (Hinweis zum Beispiel auf die Bibelstellen und deren Verzerrung in „12 Years A Slave“.)

Verwende ich arabische Wörter, ist die Gefahr größer, dass irgendwer glaubt, dass ich den Islam kommentiere, auch wenn ich peinlichst darauf achte, religiös konnotierte Wörter und Namen zu vermeiden.

Schlussfolgerng: Doch Zeug erfinden, und nebenher immer im Wörterbuch checken, um peinliche Verwechslungen zu vermeiden. (Jupp, mein Arabisch existiert am unteren A1-Level.) Denn, „kaputt“ heißt hinüber, ist ein Kopf auf Lateinisch und beinahe auf Arabisch ein Kondom.

Irgendwer mal vor einem ähnlichen Problem gestanden?

Sprechende Namen mal anders

Ich hatte ja schon Barbara Hambley’s „Schwestern des Raben“ angesprochen.

Ihre Benamsung von Figuren ist, wie gesagt, äußerst eigen. Laut ihres Nachworts haben die Männer* „alte Clannamen“, wie Oryn, Taras, Iorradus, Urnate.

Die Frauen* werden nach einer Sache, einer Pflanze oder einem Tier benannt, und bekommen ein Suffix, das ihre gesellschaftliche Stellung anzeigt. Also -mädchen, -frau, -dame oder -konkubine. Geißblattdame, Sommerkonkubine, Melonenmädchen, Maiquastenfrau, etc.

Ehemänner dürfen ihre Frauen bei der Heirat umbenennen, verzichten aber meist darauf, um die Familie der Braut nicht zu verärgern.

Jedenfalls sagt uns schon, da die Frauen*namen verständlich sind und auch die Stadt einen „Klarnamen“ hat, dass diese Männer*namen zwar meistens schön klingen, aber wohl die meisten Leute keine Ahnung haben, was sie eigentlich bedeuten. So wie hierzulande einige Leute zwar wissen, oder zumindest zu wissen glauben, was ihr Name bedeutet, aber bei anderen Leuten nicht ganz sicher sein können. (Hand hoch, wer weiß, was „Kevin“ eigentlich heißt? Abseits der blöden Witze?) Im übrigen waren meine Eltern sich auch nicht im Klaren, nach wessen Vorbild sie mich bürgerlich benamsten.

Meine Schlussfolgerung: Diese wohlklingenden Männer*namen heißen nichts mehr. Ihre Bedeutung ist im Dunkel der Geschichte verschwunden.

Die Frauen*namen hingegen sind konkret, unterstreichen aber, dass Frauen* als Besitz wahrgenommen werden, und können bei Gelegenheit durchaus beleidigend sein. Außerdem ist in dieser Gesellschaft offensichtlich von immenser Wichtigkeit, ob die Betreffende verheiratet oder anderweitig von einem Mann als Eigentum gesehen wird, der nicht ihr Vater ist.

Damit spielt Hambley nicht nur auf die bestehende Gesellschaftstruktur an, sondern spiegelt auch ihre Plotidee wieder: In dieser Welt, wo seit Jahrhunderten nur die Männer zaubern konnten, sind diese plötzlich machtlos, und dafür können plötzlich die Frauen zaubern. (Ohne Sternchen ist Absicht, trans*-Personen scheinen in dieser Welt so selten, dass sie nicht im Buch escheinen …)

In anderen Worten: Auf einmal verlieren diese ganzen aufgeblasenen Typen ihren Grund, sich so aufzublasen, und drohen in jener Bedeutugslosigkeit zu versacken, die ihre seit Jahrhunderten überlieferten, bedeutungslosen Namen schon andeuten. Während die konkret Benamsten für das Überleben der Menschen an den Seen extrem wichtig sind.

Insofern finde ich es einen Bruch, und damit schade, dass die Protagonistin sich einen „Männernamen“ gegeben hat, weil sie nicht als Eigentum wahrgenommen werden mag. Unter Umständen haben hier neben dem Wunsch, eine starke/unabhängige Heldin zu zeichnen, ökonomische Gesichtspunkte eine Rolle gepielt. „Raeshaldis“ klingt eben doch mehr nach Fantasy-Held*in als, beispielsweise, Katzenmädchen.

Eskapismus!

Gestatten, Carmilla DeWinter, meines Zeichens Autorin. Von Phantastik.

Damit produziere ich Fiktion in einer jener Gattungen, denen gelegentlich Wirklichkeitsflucht vorgeworfen wird, vor allem von Menschen, die mit Fantasy nichts anzufangen wissen: „Kannst du nicht was Anständiges schreiben?“

Könnte ich, habe ich aber keine Lust drauf. Außerdem, wer sagt schon, was anständig ist, und was nicht? Serienkillerromane gibt es mit Sicherheit mehr als Serienkiller. Für die meisten Liebesromane, die ich kenne, muss ich mich mehr anstrengen, meinen Unglauben abzulegen, als für Terry Pratchetts Scheibenweltgeschichten, obwohl in Liebesromanen üblicherweise keine Zwerge mit Nachnamen Kleinpo auftauchen. Vielleicht meinen die Kritiker_innen auch, dass nur solche Texte anständig sind, die für Literarische Quartett passend wären, aber bei denen finden die viele Leser_innen unter all der kunstvollen Prosa und den liebevoll geschilderten Details die Geschichte nicht.

Und anständig schreiben kann ein_e Autor_in in jedem Genre, sogar in Fanfiction. Ob si_e_r das dann auch tut, ist eine andere Frage.

Für meinen Teil bevorzuge ich Geschichten, die eher figuren- als handlungsgetrieben sind, also Drama vor Action. Ich finde es auch nicht anrüchig, Fantasy zu lesen, oder zu schreiben. Zumindest bei mir ist das Motiv, Romane zu lesen, grundsätzlich das Gleiche, egal ob Krimi, Fantasy oder Historienschinken: Ich will mich in einem fiktionalen Traum verlieren. Ich will kurzfristig nicht da sein müssen. Wenn möglich, meinen emotionalen und geistigen Horizont ein wenig erweitern. Das geht auch mit Phantastik, aber eben in andere Richtungen. Zumindest steht der Beweis, dass eine Autorin mit sprechenden Drachen einiges über Menschen aussagen kann.

Als introvertierte Person halte ich mich sowieso den größten Teil des Tages in meinem eigenen Kopf auf – da ist das Lesen und Schreiben eine von mir geschätzte Möglichkeit, mich in anderen Köpfen aufhalten zu können, während ich mich in meinem eigenen Kopf aufhalte. Ob das Mitschaudern zu Aristotelischer Katharsis führt, sei dahingestellt, manchmal fühlt es sich jedenfalls so an.

Die menschliche Existenz ist, je nach Blickwinkel, häufig deprimierend, genauso häufig lächerlich, und noch viel häufiger langweilig. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass zeitweise geschätzte zehn Prozent der gesamten mittelalterlichen Bevölkerung Europas auf Wallfahrt waren. Nur, um der Langeweile zu entkommen. Lesen ist da weniger anstrengend und weniger gefährlich. Vor mir muss sich also keine_r deswegen rechtfertigen.

Wenn Sie mich also entschuldigen wollen: Ich bin dann mal weg.