Crosspost: Workshop A_sexuelles Erzählen

Da von der Vereinsseite kein Reblog möglich ist, bekommt ihr einfach einen Crosspost:
A lady writing at a deskDie Ergebnisse unten sind so wichtig, dass ich sie gerne auf zwei Kanälen in die Welt pusten möchte.

Von „langweilig“ zu „neuer Trend“ …

Nachdem wir vorher etwas zur Darstellung asexueller Figuren gehört hatten, begann ich meinen eigenen Vortrag/Workshop mit zwei Zitaten, um die Angelegenheit von der handwerklichen Seite zu beleuchten.

Das erste ist von 2012, und stammt von Steven Moffat – jenem Autor, der den BBC Sherlock maßgeblich mit zu verantworten hat.

Dies ist der (gekürzte) Originalwortlaut:

„There’s no indication in the original stories that he was asexual or gay. He actually says he declines the attention of women because he doesn’t want the distraction. (…) It’s the choice of a monk, not the choice of an asexual. If he was asexual, there would be no tension in that, no fun in that – it’s someone who abstains who’s interesting.“

Auf Deutsch:

„In den Originalgeschichten gibt es keine Hinweise, dass er asexuell oder schwul war. Er sagt ausdrücklich, dass er die Aufmerksamkeit von Frauen meidet, weil er die Ablenkung nicht wünscht. (…) Es ist die Wahl eines Mönchs, nicht die Wahl eines Asexuellen. Wenn er asexuell wäre, läge darin keine Spannung, es würde keinen Spaß machen – es sind die, die auf etwas freiwillig verzichten, die interessant sind.“

Moffat verrät damit ein besorgniserregendes Konzept von A_sexualität oder, dass er sich mit der Materie gar nicht auskennt, obwohl er eine Figur geschrieben hat, in der sich viele a_sexuelle Menschen wiederfinden können.

Andererseits scheint es mittlerweile ein Trend, in der M/M-Liebesliteratur (also Liebesromane mit zwei Männern als Hauptfiguren, zu deutsch auch „Gay Romance“) asexuelle Figuren auftreten zu lassen.

Hierzu mein Verlagskollege T.A. Wegberg von Dead Soft über einen Vortrag bei einer Convention:

„Die Popularität dieses Subgenres werde aber, so war zu erfahren, in den USA bereits übertroffen von „Asexual Romance“, also Liebesgeschichten mit allem Drum und Dran, aber ohne den Wunsch eines oder beider Partner nach einer sexuellen Beziehung. Wir können davon ausgehen, dass auch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt künftig mehr davon zu lesen sein wird.“

Offenbar bahnt sich eine 180-Grad-Wende an.

Ziel des Workshops war nun, zu erkunden, was Autor*innen eigentlich „interessant“ finden. Wie konstruieren wir Geschichten? (Notiz: Wir reden hier von handelsüblichen Geschichten, die sich tatsächlich auch verkaufen und nicht nur für ein Publikum aus Kritiker*innen interessant sind.)

Und dann freie Bahn für Diskussionen: Was finden wir als a_sexuelle Menschen interessant? Worüber möchten wir lesen? Was könnte für ein allosexuelles (= nicht-a_sexuelles) Publikum interessant sein?

Warum erzählen Menschen Geschichten?

Geschichten sind zunächst mündlich, später schriftlich aufbewahrte Lebenserfahrung. Was tue ich, wenn der Säbelzahntiger im Gras raschelt? Wie überliste ich einen Feind? Wie überlebe ich ein Familientreffen/die Zombieapokalypse?

Geschichten erzielen einen Lerneffekt, indem sie Menschen mit den Figuren der Geschichte mitleiden lassen.

Außerdem vermitteln sie Bedeutung: Den Ereignisse der Geschichte wird durch das Erzählen Wichtigkeit verliehen, sie interpretiert und deutet die erzählten Ereignisse. Und Menschen sind in der Regel sehr hungrig nach Deutungen und nach Bedeutung in dieser chaotischen Welt.

Was braucht eine Geschichte?

Der Lerneffekt entsteht durch Mitleiden – das Publikum wird in einen „fiktionalen Traum“ versetzt. Dazu benötige ich eine Hauptfigur, die zur Identifikation dient.

Die Ereignisse sollten in einer logischen Reihenfolge stattfinden: aus A folgt B, aus Aktion folgt Reaktion, aus der schlechten Kindheit des Protagonisten folgt … etc. Bei den Ereignissen in logischer Reihenfolge handelt es sich um diese ominöse Sache namens Plot.

Um den Lerneffekt vollständig zu machen und der ganzen Sache eine Bedeutung zu verleihen, muss die Geschichte ein Ende haben, das sozusagen eine Schlussfolgerung über die erzählten Ereignisse erlaubt.

Da eine Figur, die leicht durch’s Leben spaziert, nicht von Interesse ist, zwingt eine gute Geschichte sie von ihrem üblichen Pfad. Die Figur baut einen inneren Widerstand gegen die Kraft auf, die sie von ihrem Pfad zwingt: Das ist der erste Konflikt der Geschichte.

Für eine Story brauchen wir dann noch mehr von diesen Konflikten: Jede Figur der Geschichte vermutet ihr Lebensglück in einer anderen Richtung. Die Interessen der Figuren kollidieren, sie reiben sich aneinander, die Konflikte schaukeln sich auf bis zum Showdown, in dem der wichtigste Konflikt der Geschichte gelöst werden sollte.

Durch die Konflikte verändert sich nicht nur der Lebensweg der Figur, sie muss auch Entscheidungen treffen, die sie zu einer inneren Veränderung zwingen.

Frei nach Lisa Cron (s.u.) erzählt also eine Geschichte, wie sich eine Figur durch die Ereignisse der Geschichte verändert.

Fragen für die Diskussion:

Welche Geschichten über a_sexuelle Figuren kennt ihr?

Was hat euch daran gefallen oder gestört?

Welche Geschichten wollt ihr sehen/lesen?

Was daran wäre für ein allosexuelles Publikum interessant?

Gibt es Konflikte, die nur a_sexuelle Menschen/Figuren erleben können, und wenn ja, welche sind das?

 

Ideen aus der Diskussion:

Gesehen und nicht für gut befunden wurden Narrative, die sich über die „Seltsamkeit“ von a_sexuellen Menschen lustig machen.

Desgleichen gibt es Geschichten über a_sexuelle Figuren, in denen Sex in einer (romantischen) Beziehung als unabdingbar notwendig dargestellt wird. Auf die a_sexuelle Figur wird dann ein emotionaler Druck aufgebaut, bis sie „nachgibt“. Dies kommt einer Nötigung gleich, wird aber offenbar nur von a_sexuellen Menschen als verstörend wahrgenommen.

Gewünscht werden daher auch Geschichten, die eine Anleitung geben, wie über solche Konflikte gesprochen werden kann, sodass hinterher alle Beteiligten (und nicht nur der allosexuelle Teil) zufrieden sind. Dass eine zufriedenstellende Lösung auch eine einvernehmliche Trennung sein kann, kam ebenfalls zur Sprache.

Von schlechter Gay Romance kamen wir so auf den Roman „How to Be a Normal Person“, worüber die Meinungen geteilt waren. Einerseits wurde der offene Umgang mit dem Thema A_sexualität gewürdigt. Allerdings wird auch hier versucht, die Hauptfigur, Gus, zur „normalisieren“, inklusive einmal ungebetenen Hanfkonsums per Keks.

Der Wunsch nach glücklichen a_sexuellen Figuren wurde geäußert. Also nicht solche, die generell glücklich sind, denn die taugen wenig als Hauptfiguren, sondern solche, die a_sexuell sind und statt diesbezüglicher Ängste einfach die üblichen Probleme haben: Zombies, böse Magier*innen, Mörder*innen, kaputte Waschmaschinen etc. Die sexuelle Orientierung der Figur sollte erwähnt werden, um Ratespiele zu vermeiden, darf aber anderweitig kein Thema sein oder in einem Subplot (=Nebengeschichte) abgehandelt werden.

Geschichten, die ich nur über a_sexuelle Menschen erzählen kann, wären die o.g. Verhandlungen und Geschichten, wie eine Person auf das Wort „Asexualität“ stößt und sich damit in einem Findunsprozess identifiziert. Auch das Thema Kinderwunsch könnte eine Rolle spielen, denn der ist für a_sexuelle Paare nicht immer ganz einfach zu erfüllen. Andere Ideen: Eine Welt mit vorwiegend a_sexuellen Bewohnern, oder vielleicht nur eine WG aus Personen im a_sexuellen Spektrum, die nun mit einem nicht-asexuellen Mitbewohner zurande kommen müssen.

Insgesamt braucht es mehr Abbildungen, um Schablonen wie dem „asexuellen Junggesellen“ Sherlock entgegenzuwirken. Wir haben ein Spektrum!

Eine Teilnehmerin schlug vor, autobiographische Statements zu sammeln, sodass die Vielfalt sichtbar wird. Die Vortragende selbst hofft auf/plant eine Kurzgeschichtensammlung.

Kritisiert wurde, dass vielfach eine Romanze als Subplot dient, die anscheinend die Figuren menschlicher machen soll, „im wildesten Kugelhagel“ aber eher unglaubwürdig bleibt bzw. für a_sexuelle und/oder a_romantische Menschen zusammenhanglos im Raum steht, also eher als Plotloch empfunden wird denn als Bereicherung.

Insgesamt wird auch gehofft, dass die a_sexuellen Abwesenheiten besser benannt werden. Neben Fernsehserien wie Sherlock und The Big Bang Theory wurde Gaming genannt: Bei manchen Spielen kann eine sexuelle Orientierung der Spielerfigur angegeben/ausgewählt werden, aber nicht A_sexualität, sodass diese zwar aus Handlungen lesbar wäre, aber letztlich unsichtbar bleibt. Denn für Abwesenheiten und „Nein“ kann es viele Gründe geben.

Nebenbei wurde die Vortragende noch nach ihren Schreibgewohnheiten und Veröffentlichungen gefragt. Eine prominente a_sexuelle Figur (ace/aro und genderqueer) findet sich in Heilika in der „Albenbrut“-Duologie, wo sie die drittwichtigste Person ist.

Schlussendlich noch zwei Literaturhinweise zur Schreibtheorie:

Lisa Cron: „Wired for Story“ und der Klassiker von James N. Frey: „How to write a damn good novel“/“Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“

Plot und Konflikt: Die Vorher-Nachher-Schau

Wie schon vor zwei Jahren wollte ich diejenigen, die es interessiert, an einem Teil meines Überarbeitungsprozesses teilhaben lassen. Diesmal beweise ich anhand eines Auszugs aus Albenerbe – Das Blut von Königen, was ein paar gezielte Ergänzungen und Streichungen alles können.

Da das ziemlich lang wird, bitte hier klicken … Weiterlesen

A_sexuelles Erzählen oder: Philosophie gegen Neurowissenschaft

oder: „Making Something out of Nothing“ gegen mein gesammeltes Wissen aus „Wired for Story“ und als eine, die Romane lieber schreibt statt analysiert.

 

Andrea Mantegna 017

Im Gegensatz zu St. Lukas bin ich keine Heilige und kann auch nicht mit einer Feder schreiben

Ich las also die verlinkte Dissertation, die behauptet, dass Asexualität als „Nicht-Erfahrung sexueller Anziehung“ und die klassische Form des Erzählens diametrale Gegensätze seien.

Ich versuche mal, die Argumente nachzuvollziehen.

1) Geschichten sind gerichtete Bewegungen

Dem will ich nicht widersprechen. Seit Aristoteles wissen wir: die Menschheit bevorzugt Geschichten, die einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben. Ohne selbiges Ende stünden ja der Anfang und die Mitte einfach so im Raum herum, und, noch schlimmer, die Leute hätten sich emotional für etwas engagiert, das zu keinem Abschluss kommt, ihnen also Zeit und Aufwand gestohlen hat, die sie besser für etwas anderes eingesetzt hätten.

Sich emotional für eine Story zu engagieren, macht ja gerade den Reiz an der Sache aus. Im Grunde ist dieses Mitfühlen und Miterleben für das menschliche Hirn eine Probe für den Ernstfall – Was tun bei einer Zombieapokalypse? Wie überstehe ich eine Entführung oder ein Familientreffen mit Leiche?

Deswegen mögen die meisten Leute gerne Geschichten.

2) Asexualität ist nicht zielgerichtet

Zumindest, was die sexuelle Anziehung angeht, so ominös das Konzept auch manchen erscheinen mag, zeigen Asexuelle in keine Richtung.

Manchen Leuten fällt es schwer zu begreifen, dass Leute, die keinen Sex wollen oder keine Menschen begehren, trotzdem andere Dinge wollen können, und dabei 100% nachvollziehbare Motive haben.

Weil a_sexuelle Menschen ja „no fun“ sind, bestreitet Stephen Moffat, dass Sherlock aus der BBC-Serie ace ist.

Jedenfalls: Manche Leute finden a_sexuelle Menschen undurchsichtig oder langweilig – dabei entsteht nur die Hälfte der Spannung „Sex & Crime“ durch Sex ;)

3) Romane dienen der Enthüllung, und A_sexuelle haben nichts zu enthüllen

Mein Vorstoß in diese Richtung wurde letzte Woche von gleich zwei Menschen elegant außer Kraft gesetzt, daher: Es gibt einen Haufen Dinge über Menschen und die Gesellschaft zu enthüllen, und nicht alle haben mit Sex zu tun, vielen Dank.

4) Geschichten sind erotonormativ und stehen daher im Widerspruch zu Asexualität

Jetzt wird es wild. Also, Geschichten haben ein Ende, es sei denn, es handelt sich um eine seit zehn Jahren laufende Seifenoper oder gewisse Fanfictions, die genauso funktionieren und schon fünf Millionen Wörter in 768 Kapiteln haben.

Weil dieses Ende also ein unvermeidliches Ziel des Erzählens ist und zumeist dazu dient, die Zuhörer*innen bzw. Leser*innen befriedigt zurückzulassen, können wir es mit gutem Hetero-Sex vergleichen, und weil es danach nicht weitergeht, also mit dessen „natürlichen“ Ende, dem männlichen Orgasmus. Daher der Begriff „erotonormativ“, analog „heteronormativ“.

Gesetzt den Fall, der Vergleich ist legitim und das klassische Geschichtenerzählen tatsächlich ein Fall von patriarchaler Struktur, dann wirkt A_sexualität quasi wie ein fehlendes Rädchen im Getriebe: Wo keine Richtung, da keine natürlich fließende Story zu einem natürlichen Ende.

A_sexualität könnte also eventuell dazu dienen, die Erwartungen an eine solcherart patriarchale Erzählweise zu queeren, aber wie?

5) Die Autorin unterließ es aus Protest gegen die Erotonormativität, eine Schlussfolgerung zu schreiben.

6) Eigenes Fazit

Durchaus eine interessante Theorie. Allerdings, aus Sicht der Handwerkerin: Die Leute hören nicht gern zu bzw. sind verärgert, wenn sie wissen bzw. merken, dass alle Spannung keine Lösung hat, und sie hören überhaupt nicht zu, wenn sie nicht wissen wollen, wie es weitergeht.

So viel zu weiteren Gemeinsamkeiten mit Sex. Im Gegensatz zu Sex ist die Spannung in Stories aber immer künstlich erzeugt, genau wie der Anfang und das Ende der Story. Die Kunst der Erzählens liegt auch darin, die Leute vergessen zu lassen, dass sie einem Kunstprodukt zum Opfer gefallen sind. James N. Frey spricht hier von fiktionalen Träumen, die Schreibende und Lesende gemeinsam erzeugen.

Nur, weil das nachher organisch wirkt, sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Anfang und das Ende im Idealfall sehr willkürlich gewählt sind, und zwar, um die beste Story zu erzählen, die sich aus einem gewissen Material erschaffen lässt.

Keine Story hat ein „natürliches“ Ende – höchstens eines, das sich natürlich anfühlt.

Anstatt also die Leute mit Werken zu quälen, die sie sowieso nicht lesen würden, schreibe ich dann also doch lieber Stories mit einem Ende. Das heißt aber nicht, dass ich dabei die (heteronormativen) Erwartungen des Publikums nicht queeren kann.

Nicht alle Paare müssen heiraten oder in den Sonnenuntergang reiten oder mit Kindern glücklich sein, es muss nicht mal ein Paar sein, und Sex? Sex muss in der Beziehungsfindung auch keine Rolle spielen, sofern ich nicht alles auf dem Kopf stelle und das glückliche Ungebundensein oder eine erfolgreiche Entliebung zum Ende erhebe.

Die Mär vom unpolitischen Schreiben

Hypermnestre écrivant BnF Français 874 fol. 175v

 

Via #schreibengegenrechts, geriet ich an eine Handvoll Blogposts von anderen Schreibenden. Also von solchen Menschen, die außer Blogposts noch andere Texte verfassen, ob fiktionale Prosa oder Poesie.

Zwei merkenswerte, die diesen Artikel mitverursacht haben, möchte ich hier verlinken, nämlich Matthias Engels darüber, wie mit der derzeitigen Lage umzugehen sei, und davon ausgehend Wolfgang Schnier über Freiheit.

Jedenfalls hielten einige dieser Autor*innen ihr Schreiben bis dato für unpolitisch.

Ja.

Ehrlich.

Ich finde das eine recht befremdliche Aussage von Menschen, die Geschichten erzählen, die nachher von anderen gelesen werden sollen.

Aber, werden manche einwenden, ich habe noch nie mit einem Gedicht gegen den Kapitalismus gewettert, oder noch nie einen Blogpost zum Klimawandel geschrieben, und noch nie in einer Geschichte eine politische Partei erwähnt.

Mag sein. Ich habe bis Mitte 2011 auch nicht politisch gebloggt. Trotzdem habe ich mir nur im Teeniealter den Luxus geleistet, zu glauben, meine Fiktion sei unpolitisch.

Irgendwann habe ich nämlich Folgendes begriffen, noch bevor Lisa Cron mit ihrem Schreibratgeber daherkam: Menschen leiten aus Geschichten Aussagen über die Natur des Menschen und der Welt her.

Stories erzielen einen Lerneffekt durch Mitleiden. Deswegen stehen die meisten von uns so auf Fiktion.

Schreibe ich zum Beispiel über Echte Kerle (TM), die den Tag retten, während ihre Treuen Frauen (TM) daheim auf sie warten, ist das eine politische Aussage. Sie bedeutet, dass ich nur Echten Kerlen (TM) zutraue, den Tag zu retten, und dass ich von deren Frauen erwarte, treu daheim zu bleiben und den Haushalt zu erledigen.

Eine einzelne solche Story mag ja nicht viel Gewicht haben, aber irgendwie … sind sie überall. Seit Jahrtausenden.

Logischerweise leitet sich dank reiner Masse das Publikum die Aussage her, dass Frauen und solche, die dafür gehalten werden, nicht so wichtig sind wie Männer und solche, die dafür gehalten werden.

Doch politische Aussagen finden auch subtilere Wege:

Hat das zerstrittene, gut situierte Ehepaar 50+ in meinem Gesellschaftsroman eine Reinigungskraft? Wie heißt die? Verdient sie in der Story überhaupt einen Namen? Woher kommt sie? Wieso geht sie putzen, obwohl sie mal in Irkutsk Kinderkrankenpflegerin war? Ist sie angemeldet?

Wieso erzähle ich überhaupt von einem zerstrittenen deutschen Ehepaar 50+ statt über Inna, die kürzlich ihren Mann verlassen hat und außerdem nicht weiß, wie sie ihrer begabten Tochter weiter den Gesangsunterricht finanzieren soll?

Schon mit der Wahl, über ein gut situiertes Ehepaar zu schreiben statt über eine Reinigungskraft, bewerte ich die Verhältnisse in diesem Staat. Reich = wichtig. Nicht sozialversicherte Putze = uninteressant.

Auch das ist eine politische Aussage. Und vielleicht ist sie gefährlicher als ein mies gereimter Protestsong, denn die Botschaft fällt ja nicht auf, sondern versteckt sich unter einem Haufen Ehedrama.

Selbiges funktioniert im übrigen auch mit Fantasy. Ist eigentlich schon mal wem aufgefallen, dass Harry Potter keine Fremdsprache in der Schule lernen muss, sich aber über die Aktzente der Schüler*innen aus Beauxbatons und Durmstrang lustig machen darf? (Aber wenigstens kommen die Hauselfen zu ihrem Recht …)

Insofern ist es durchaus angebracht, als Autor*in zu überlegen, welche Macht ich habe, und wie ich sie nutze.

A Writer’s Manifest

Poetin_von_Pompeji

Vor der ganzen Köln-bedingten Aufregung  kam via der Trippmadam  ein Link zu einer „Provokation“ daher, die Joanne Harris beim Manchester Literature Festival im Oktober zum Besten gab (English).

Ich schwanke so zwischen „recht hat sie“, wenn es um zu zahlende Rechnungen (TANSTAAFL°) geht, die meisten ihrer vierzehn Punkte unten im verlinkten Text und darüber, dass es nicht der Job einer Autorin ist, allen dauernd zu gefallen.

Ich will unterhalten, klar. Aber (mag sein, dass das jetzt sehr dünkelhaft klingt) am Ende sollten die Leser*innen gern noch einen Nachhall mitnehmen, oder eine Herausforderung zum Nachdenken, oder … Sagen wir, im Idealfall bringt mein Weltenbau die Leute dazu, ihr Weltbild ein wenig zu erweitern.

 

Und dann denke ich wieder: „Worüber beklagt die sich eigentlich?“

Als gerade-noch-so Digital Native ist mir das Meckern über Tags fremd: Schlagwörter zur Inhaltsbeschreibung finde ich eine gute Sache, um Texte zu finden, die mich interessieren, die z.B. aber gerade nicht auf der Amazon Bestenliste stehen, und „Content Warnings“/Triggerwarnungen können manchen Menschen sehr nützlich sein.

Heißt natürlich nicht, dass Autor*innen verpflichtet werden sollten, Tags und Warnungen zu benutzen. Keine Warnung ist auch eine Aussage: „Sie lesen auf eigene Gefahr.“ Und das ist so lange akzeptabel, wie die Leute nicht zum Lesen verpflichtet sind. (Insofern sollte Pflichtlektüre in der Schule und an der Uni wahrscheinlich anders behandelt werden.)

 

Wo mir dann endgültig die Augenbrauen in den Haaransatzt rutschen, ist aber, als sie Forderungen nach besserer Repräsentation von Minderheiten mit der Forderung nach Gratisexemplaren gleichsetzt. Das finde ich dann doch, mit Verlaub, ziemlich schräg.

 


 

° There ain’t no such thing as a free lunch. = Es gibt niemals ein wirklich kostenloses Mittagessen.

Bild: „Poetin von Pompeji“, Wikimedia Commons

Zwischen den Stühlen

gay-pride-old-council-hall

Vom Gaybook-Flamewar

Vor einigen Wochen wurde mir durch eine Diskussion über Gay Romance auf Facebook in Erinnerung gerufen, dass ich zwischen den Stühlen sitze. An der Diskussion selbst, die von einem anderen Ort in die von mit frequentierte Gruppe geschwappt war, habe ich mich selbst nicht beteiligt – das Thema ist zu komplex für die kurzen Texte, die beim Fratzenbuch als Antworten noch lesbar sind (und gelesen werden?).

Die Argumente hingegen haben mich absolut nicht überrascht, aber am Ende hat es eine Weile gebraucht, aus meinen Gedanken dazu einen Text zu machen, der auch les- und nachvollziehbar ist. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen oder mich unbeliebt zu machen …

Grob verhandelte die Diskussion, die mich nachdenklich machte, ob frau* Gay-Literatur schreiben darf oder nicht. Die Frage, so gestellt, ist natürlich Blödsinn, genauso wie die Frage, ob allosexuelle (1) Menschen über Asexuelle schreiben dürfen.

Zur weiteren Referenzierung hier zwei Links, einmal Fiammetta auf Deutsch über die Bedeutung queerer Literatur für queeres Volk und einmal Anagnori auf Englisch über Asexualität in der Fiktion.

Logischerweise geht es hier auch nicht um Recht und Gesetz, sondern um moralische Gesichtspunkte.

Grundsätzlich ist es jedoch kritisch, über Frauen*, Schwule, Allo- oder Asexuelle als homogene Gruppen zu sprechen.

 

Es kann niemals darum gehen, ob Frauen* über Schwule schreiben dürfen.

Aber die Frage stellt sich nach dem Umgangston, den Motiven, und der, meiner unbescheidenen Meinung nach, bestehenden Verantwortung von Schriftsteller*innen, keinen gesundheitsschädlichen Bockmist zu verzapfen.

Letzteres sollte selbsterklärend sein. Wer jetzt Schwierigkeiten hat, möge sich bitte über STIs und die Verträglichkeit von Kondomen mit Paraffinölen etc. informieren.

 

Aber warum schreiben Frauen* über Schwule?

Als asexuelle Person sitze ich gelegentlich auf der falschen Seite von fragwürdigen Gründen, Geschichten zu schreiben. Diverse Personen vor allem im englischsprachigen Netz betrachten Asexualität nämlich als eine verschärfte Form von Jungfräulichkeit, oder des „kink:virginity“, und schreiben dann Fanfiction darüber, wie beispielsweise Sherlock endlich „auftaut“ und auf einmal Spaß an Sex hat.

Damit dient eine einzelne Eigenschaft einer Figur dazu, Porno zu schreiben. Und dann auch noch respektlosen Porno, der beweist, dass di*erjenige Autor*in von der fetischierten Eigenschaft keine Ahnung hat. Oder, schlimmer, eine Ahnung hat, aber es di*em Schreiberling scheißegal ist, was si*er da tut.

In diesem Fall vermittelt di*er Schreibende den Eindruck, dass Asexuelle „geheilt“ werden können, und zwar durch die magischen Kräfte der Geschlechtsteile di*er Partner*in.

Das ist grober Blödsinn. Entweder, eins stößt im realen Leben auf eine der eher raren Personen, die asexuell sind, aber Sex nicht abgeneigt. Oder die Person ist indifferent bis abgeneigt, was sehr viel häufiger ist, und dann geht halt nix im Bett.

Sollte sich ein solches Paar finden, wäre die „Vorbildung“ eines*r allosexuellen Partner*in per Ace-Porno extrem gefährlich, weil sie im Extremfall zu einer Korrektiv-Vergewaltigung führen könnte, ohne dass di*er allosexuelle Partner*in sich dessen bewusst ist.

Aber, sagt eins nun, das sind ja nur eine Handvoll Texte.

Klar. Aber:

 

Es ist alles eine Frage des Verhältnisses

Wir müssen uns bewusst sein, dass wir bei Fiktion über Asexuelle a) wir über ein geschätztes Prozent der Bevölkerung reden,  und b) nicht in einem Prozent aller Geschichten explizit asexuelle Personen vorkommen, sondern in sehr viel weniger.

Archive of Our Own listet im Dezember 2014 knappe 2400 Fan-Werke mit dem ensprechenden Tag – von mehr als 1,3 Millionen. 1% wären 13’000 plus, für mathematisch anspruchslose Personen. Das Verhältnis in derzeitiger Original-Fiktion, also den Texten, die über Buchhändler zu bekommen sind, ist meines Wissens noch schlechter. Auf BooRix gibt es eine Geschichte mit dem Tag „Asexualität.“

Heißt: Jeder schlechte Text über Asexuelle verschiebt das Verhältnis in größeren Ausmaßen, als, sagen wir mal, ein Text, in dem alle blonden Menschen böse sind, gegenüber allen Texten, in denen blonde Menschen vorkommen.

Dito fällt das Verhältnis von Literatur, in der Schwule eine Hauptrolle haben, zu der, in der sie bestenfalls eine Nebenrolle spielen, eklatant zugunsten der Heten aus.

Und nun schreibt ein Haufen Heten, oder zumindest Personen, die ich wegen ihrer Äußerungen über ihr Privatleben und Männernacktfotos dafür halten muss, Texte über Schwule.

 

Hier schreibt eine Mehrheit über eine marginalisierte Gruppe.

Dies mit Gusto, und, sagen wir mal, mit einigen eindeutigen Schwerpunkten, die ein selektives Bild der marginalisierten Gruppe vermitteln. Kein falsches Bild, aber ein selektives.

Grundsätzlich gibt es sehr wenige Texte, in denen irgendwer zufällig Bi oder Schwul oder Asexuell ist, und als Held*in Arsch tritt, sondern entweder kommen queere Figuren gar nicht vor, oder die queere Identität trägt überwiegend zum Plot bei. Schwule Kerls haben entweder Liebesgeschichten, Probleme oder sie existieren als Randfiguren/bester schwuler Freund/Mensch mit gebrochenem Handgelenk. (2)

 

Schon die Wahl, welche Geschichten erzählt werden, definiert die Gruppe, über die erzählt wird.

Queeres Volk hat hier eine, vorsichtig ausgedrückt, echt miese Auswahl.  Liebesgeschichte, Problemgeschichte oder … öhm. (3)

(Andere Gruppen haben das Problem auch, ich weiß. Irgendwer schonmal die Avengers angeschaut und festgestellt: 1 weiße Frau, 5 weiße Kerls. Mein derzeitiges Lieblingsfandom ist zum Verzweifeln, wie so viele andere auch.)

Wenn dann einer denkt, „Sch…, nicht schon wieder Romance von einer Frau“, kann ich das verstehen. Denn ein Haufen Frauen* sieht nunmehr Schwule, oder was sie dafür halten, durch die Brille anderer Frauen, und nicht mehr durch eine schwule Brille.

Damit wird im schlechtesten Fall einer marginalisierten Gruppe die Deutungshoheit über die eigene Identität genommen. Oder: Die Gruppe mit der größeren Öffentlichkeit nimmt der Gruppe mit der kleineren Öffentlichkeit die Macht zur Selbstdefinition.

Das heißt jetzt nicht, dass alle sofort aufhören sollen, Gay Romance zu schreiben. Ich für meinen Teil hab vorerst genug, auch wenn ich auf Figuren aus dem queeren Bereich kaum verzichten werde. Insofern:

 

Das hier ist ein Plädoyer, andere Geschichten zu erzählen.

Ein Plädoyer, nicht bis Band 7 einer Reihe zu warten, um eine der wichtigen Nebenfiguren sich als verkehrtrum outen zu lassen. Dumbledore als explizit in Grindelwald verliebt zu schreiben, statt sich in vagsten Andeutungen zu ergehen. Die Tony Starks dieser Welt mit allen flirten zu lassen, die als genormt attraktiv durchgehen, statt nur mit genormt schönen Frauen.

Und so weiter.

Eigentlich, eigentlich ist das gar nicht so schwierig …

(1) allosexuell – Ich habe aufgegeben, und verwende nunmehr „allosexuell“ für Menschen, die sich außerhalb des asexuellen Spektrums verorten.

(2) Ja, ich weiß. Ich kann auch anders, Baby.

(3) Mit der Lupe zu suchen, aber ein paar hab ich glücklicherweise. Dazu mehr in einem späteren Post.

5 Tipps für Autor*innen

Via WordPress-Follows wurde ich auf Anja Bagus‘ Aktion 5Tipps für Autor*innen aufmerksam, und was soll ich sagen, nach meiner Albenbrut, die da ein 670-Seiter Queer Fantasy in 2 Teilen ist …

albenbrut coveralbenbrut-gebrannte kinder-cover… einiger Crack-pairing-Fanfiction und zweieinhalb Romanen in der Schublade, nun fünf Dinge, die ich gerne gewusst hätte, bevor ich das erste Mal bei einem Geschichtenwettbewerb abgelost habe.

Ich habe versucht, Dinge aufzugreifen, die meine Vorrednerinnen nicht angeschnitten haben, beziehungsweise dort auf Vorträge verzichtet, wo es schon genug Text gab, den mensch lesen kann, wenn si*er den Links unten folgt.

Erstens: Kritik ist ein Geschenk.

Nach meinen ersten fünf Kurzgeschichten dachte ich, ich sei das Beste seit geschnitten Brot, und die Welt warte nur auf meine Texte. Gemessen an Äußerungen von anderen Anfänger*innen bin ich keine Ausnahme.

Anfangs war ich wahnsinnig beleidigt, wenn jemand mir sagte, „da passt aber was nicht.“ Obwohl diese Kritik selten auf meine Person gemünzt war, fühlte ich mich angegriffen.

Bis ich dank meiner Textwerkstatt begriff, dass jeder Kommentar eine Hilfe ist, selbst wenn ich ihn nachher ignoriere. Dass Kritik nicht heißt: Du bist doof. Sie heißt: Das kannst du aber (noch) besser.

Dementsprechend bedanke ich mich auf für Verrisse höflich. Aus meinen Verlags- bzw. Agenturablehnungen habe ich mehr gelernt, als ich selbst gedacht hätte, da immerhin drei von vier tatsächlich begründet haben, warum sie einen Text nicht haben wollten.

Mittlerweile wundere ich mich, wenn ich mit purem Lob überschüttet werde, denn dann hege ich den Verdacht, dass di*er Leser*in mich nur schonen will, um des lieben Friedens willen.

Freund*innen so zu erziehen, dass sie einer erklären, dass sie gelangweilt waren, ist im Übrigen unerhört schwierig.

Zweitens: Ein bisschen Planung tut auch der Pantserin gut

Es gibt Leute, die planen gern vor dem Schreiben jede Szene. Es gibt andere Leute, die fangen am Anfang zu schreiben an, und rutschen dann irgendwie durch bis zum Ende. Da das auf Englisch auf dem Hosenboden stattfindet, anstatt dass sich irgendwer was aus den Fingern saugt, heißt die zweite Variante „pantsing“. Oder vornehmer Discovery Writing.

Wenn ich ohne irgendeinen Plan anfange zu pantsen, geht das manchmal gut, aber häufiger völlig in die Hose. (Ja, Flachwitz, und?)

Wenn ich also zu einem Ende kommen will, kann ich nicht ohne Plan loslegen, sondern sollte mir vorher im Klaren sein:

– Wer ist die Hauptfigur?

– Wer sind die anderen wichtigen Figuren?

– Wer ist di*er Antagonist*in, und warum ist si’*er „böse“?

– Was ist mein Thema – in einem Wort – oder wenigstens der Themenkomplex?

– Wohin will ich?

– Was sind die wichtigsten Stationen, um vom Anfang ans Ende zu kommen, also: die Plotpoints und der Wendepunkt?

Holly Lisle hat hier für Englischkönner*innen einen schönen Vorschlag, wie sich ein undetaillierter Plan machen lässt.

Den Rest überlasse ich dann meinem Unbewussten. Meistens kommen Dinge raus, die ich nicht erwartet habe, aber das ist, für mich, der halbe Spaß am Schreiben.

Drittens: Die erste Fassung existiert, um überarbeitet zu werden

Ich kann endlos am Stil eines neuen Absatzes feilen, und muss mich daher häufig zur Ordnung rufen.

Weiß ich, ob die Szene nachher so stehen bleibt? Ob ich nicht doch die andere Figur für die Perspektive auswähle? Ob der Dialog mir bei der Überarbeitung nicht zu gestelzt vorkommt, und ob ich diese ganzen schön gedrechselten Sätze so gebrauchen kann?

Antwort: Nein, das weiß ich nicht. Ergo: Stehenlassen und weiter im Text, wegen …

Viertens: Abgabetermine sind hilfreich, selbst, wenn sie nur in deinem Kopf existieren.

Um meinen Hang zum Perfektionismus in den Griff zu bekommen, setze ich mir eine Frist, bis wann die Rohfassung fertig sein soll. Diese Fristen sind relativ großzügig gefasst, weil ich mich ja kenne, deswegen hat so ein Text aber dann auch relativ wenige Rechtschreib- und Kontinuitätsfehler und kann theoretisch als Alpha-Fassung für die Alpha-Leserin stehenbleiben.

Völliges Verpuzzeln ins Detail verbietet sich dadurch jedoch. Das sofortige Rumfricklen lohnt sich sowieso nicht, denn erstens ist es immer noch die Rohversion (siehe oben), und außerdem…

Fünftens: Je länger ein Text liegt, desto eher bemerkst du seine Schwächen, aber das auch nur, wenn du ein bisschen Ahnung von der Theorie hast.

Betaleser*innen finden nicht jeden Fehler. Oder kreiden deine Grammatik an, obwohl eigentlich das Logikloch im Dialog viel schlimmer ist. Nicht mal Lektor*innen, die dafür bezahlt werden, die Lesbarkeit eines Textes zu optimieren, finden alles.

Alle Lücken zu finden ist ohnehin illusorisch, aber ein bisschen Abstand, sowie ein, zwei Umformatierungen oder andere Schriftarten tun so einer Rohfassung üblicherweise sehr gut. Laut lesen ist dann die Kür.

Käse, Wein und Steaks brauchen ja auch ihre Zeit, oder, um mit meinem Opa zu sprechen: Nu mal ned hudle.

Probleme zeigen sich natürlich um so leichter, wenn eins eine Ahnung hat, welche überhaupt vorkommen können. Was ist ein Infodump? Perspektive? Das Drei-Akt-Schema? Und was zum Henker ist eine Normseite?

Sich das eine oder andere Seminar, Schreibratgeber und/oder Schreibblogs reinzuziehen, schadet gewiss nicht. Dabei sollte es mensch nicht übertreiben, denn erstmal braucht es einen Text, den sich zu überarbeiten lohnt. Wer vor lauter Stilistikkursen in Wolfenbüttel nichts am eigenen Roman schreibt, macht was falsch.

Grau ist alle Theorie, aber maßgeblich ist im Dokument.

… Insofern allen weiterhin frohes Tippen.

Die anderen Autor*innenblogs mit ihren Tipps sind hier:

Arwyn Yale (Thriller)

Markus Gersting (Science Fiction)

Lara Kalenborn (Urban Fantasy, Steampunk, Jugendbücher)

Georg Sandhoff (Fantasy)

Brida Anderson (Urban Fantasy/Elfpunk)

George P. Snyder (Drehbücher)

Alex Jahnke (Satire)

Andrea Schneeberger (Fantasy, Mystery)

André Ka (Fantasy)

Nina C. Hasse (Steampunk)

Sandra Florean (Vampire)

Die bloglosen Autor*innen sind, wie alle anderen, dann bei den 5Tipps auf Anja Bagus‘ Seite zu finden. Dort gibt’s Steampunk zu lesen.

Von wegen Eskapismus …

Nun hatte ich als Einstiegspost zu diesem Blog ein Lob des Eskapismus. Ich bin immer noch der Meinung, dass ein guter Fantasyroman ein viel besserer Weg ist, die Seele baumeln zu lassen, als Fernsehen. Ein guter phantastischer Text versetzt mich innerhalb von ein paar Sätzen in eine Tiefenentspannung, um die ich beim Autogenen Training ringe.

Aus irgendwelchen Gründen sind Fantasyautor*innen aber unseriös. Wir blenden die Realität aus, haben einfache Konzepte von Gut und Böse, verzichten auf Graustufen, schreiben darüber, dass irgendwer das Königreich rettet, anstatt die Institution Königreich in Frage zu stellen. Und so.

Es wäre aber völliger Unfug zu behaupten, dass spekulative Fiktion völlig apolitisch ist. Selbst, wenn keine eindeutige ikonische Aussage getroffen wird – Spidermans „Aus großer Macht folgt große Verantwortung“ lässt grüßen, dito Optimus Prime’s „Freedom is the right of every sentient being“ – kommt nicht mal di*er abgeratzteste Magier*in im obskursten Königreich hinter den sieben Bergen ohne Politik aus.

Wenn wir mal auf das Königreich zurückkommen: Noch in der 1848’er Revolution in Deutschland wurde jemandem das Kaisertum angetragen. Der Mensch lehnte ab, die Revolution scheiterte. Offenbar war das Prinzip König, beziehungsweise Kaiser so tief in den Köpfen verwurzelt, dass eine Ablehnung des Wunschkandidaten mit dazu führte, dass die Demokratie in Deutschland noch recht jung ist, und zwei Anläufe brauchte.

Wenn wir noch weiter zurückgehen, wäre das Prinzip Demokratie etwas gewesen, bei dem sich Befragte an die Stirn getippt hätten. Bezüglich Frauenwahlrecht haben die europäischen Befragten das ja teilweise bis in die Achtziger getan.

Also: Wenn da erfundene Leute in einem erfundenen Königreich leben, und es ihnen einigermaßen gut geht, und dieser König noch dazu eine religiöse Legitimation aufweist, dann wird das Prinzip Demokratie den Horizont der meisten erfundenen Figuren übersteigen. Deswegen wird das Königreich gerettet, da es eben Stabilität und einen gewissen Wohlstand verspricht.

Unabhängig davon spiegelt jeder Text die Person und deren Einstellungen wieder, von der er geschrieben wurde. Und die sind immer von der gegenwärtigen politischen Situation beeinflusst. Wer es unsicher hat, sehnt sich vielleicht nach der Stabilität, die ein Königreich verspricht, wer sich unfrei fühlt, schreibt sich vielleicht eine Welt zurecht, in der si*er so leben kann wie si*er möchte.

Treten da Frauen* Arsch, oder sind sie schmückendes Beiwerk? Wieso kommt das Böse ausgerechnet aus dem Osten, oder aus dem afrikanisch angehauchten Süden?

Wie viele People of Color leben da? Kommt da eine weiße Person und rettet die naiven Eingeborenen? (Auch arschtretende Frauen* können naive Eingeborene retten.)

Wie viel queeres Volk gibt es? Kommt es überhaupt vor? (Auch wunderbare Metaphern gegen Rassismus und pro verantwortungsvollen Umgang mit Macht können dabei auf ganzer Linie versagen. Darf ich im Übrigen Ron Weasley erwürgen, der seinen Muggel-Fahrprüfer konfundieren muss, um überhaupt an einen Führerschein zu gelangen? Der ultimative Beweis, dass Voldemort tot ist, aber seine Einstellungen fröhliche Urständ feiern.)

Fantasy wird fast immer von Nordamerikaner*innen und Europär*innen verursacht, gemeinsam mit ein paar Leuten aus anderen ehemaligen Kolonien Großbritanniens. Das merken aufmerksame Leser*innen. Das Publikum ist weniger homogen, und manchmal recht genervt vom Euro- bzw. Amerikanozentrismus des Genres. Beispielhaft (auf Englisch) der große Race Fail 2009, und die jüngsten Debatten um die Science Fiction and Fantasy Writers of America.

Also. Keine Person, die irgendwas schreibt, ist frei von politischen Einstellungen. Ob überzeugte Demokrat*in, „Sind eh alles Verbrecher“-Nichtwähler*in, Royalist*in oder Anarchist*in. Ob gläubig oder atheistisch, aus Deutschland oder den USA, konservativ oder queerfeministisch, Mittelschicht oder Prekariat. Unsere Denke wird sich in den Text schreiben, egal, wie wenig beabsichtigte Botschaften dieser Text hat. Und genauso wird sich in den Text schreiben, worüber wir nicht nachgedacht haben, oder noch nie nachdenken mussten.

Wie eine Gesellschaft funktioniert, wer wo wie Platz darin findet – ohne solche Überlegungen kommt der Weltenbau nicht aus. Wenn er es dennoch tut, wird der Text wahrscheinlich nichts taugen.

Insofern: Realität muss, wenn schon, dann willentlich ausgeblendet werden.

Linkspämmchen und Kopfkratz

Trippmadam hat ihre Samstagslinks gepostet, wie immer hochinteressant.

Aus Autor*innen-technischer Sicht interessant ist ihr Verweis auf Anke Gröner, den ich hier aufnehmen möchte: Was wird eigentlich überliefert?

Außerdem via Rumklicken gefunden: ein (englischsprachiges) Interview auf Salon, wo es um weibliche Sexualität als Streitobjekt zwischen Konservativen und Liberalen im weitesten Sinne geht, oder dem Konflikt zwischen Kriegerkuturen, wo der Körper eines Menschen der Allgemeinheit gehört, und Nicht-mehr-Kriegerkulturen, wo der Körper dem Individuum gehört.

Außerdem hat mich jemand auf diesen Bericht hier hingewiesen: In China wurden etwa zwei Dutzend Autor*innen von Slash-Fanfiction verhaftet. Slash-Fanfic nimmt in der Regel zwei Kerls aus einem Fandom und schreibt sie als Paar (Zum Beispiel Kirk/Spock, Sherlock/John Watson, Professor X/Magneto … Slash wegen des Schrägstrichs). Ein ziemlich beliebter Zeitvertreib unter weiblichen Fans, dem ich mich ebenfalls nicht entziehen konnte. Jedenfalls ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis irgendwer anders (*hust* Russland *hust*) auf die Idee kommt, (Fanfic-)Autor*innen wegen der Propaganda für Homosexualität zu verhaften.

Was soll ich sagen? Manchmal bleibt einer nur, sich entweder den Kopf zu kratzen, oder „aargh“ zu machen und zu verzweiflen.

Sprachen erfinden, oder nicht

Da ich gerade an Fantasy schreibe, die nicht eurozentrisch ist, stehe ich vor einem gewissen Dilemma, das ich hier mal ausführen möchte: Ausleihe/Anleihen bei anderen Kulturen und erfundene wie echte Sprachen.

Ich bevorzuge immer, wenn Wörter etwas bedeuten, oder, in der Fantasy, wenigstens so tun als ob.

Unter anderem, da ich so den Eindruck hatte, dass „Imardin“, „Kyralia“ und dergleichen es nicht tun, vor allem, da in Kyralia noch Städt wie „Coldbridge“ liegen, bin ich von Trudi Canavans Weltenbau nicht so wahnsinnnig beeindruckt (nebenher fehlt dem ganzen Konstrukt eine überzeugende Religion, finde ich noch viel schlechter). George R. R. Martin hingegen nehme ich seine Ortsnamen in Westeros ab. Obwohl die ebenfalls fröhlich drauflosgestückelt sind, habe ich den Eindruck, dass er verschiedene Gründungszeiten und Eroberungszüge nachstellt.

Tolkien treibt mich nicht in den Sprachwahnsinn. Auch nicht N.K. Jemisin mit ihrer „Dreamblood“-Duologie, die sich im Weltenbau auf das alte Ägypten beruft, deren Sprache aber nicht mal ansatzweise so klingt, als könnten dort auch ein Tut-anch-amun oder ein Imhotep rumspringen. Genauso bekommt Patrick Rothfuss mit „Der Name des Windes“ es hin, in sich konsistent zu sein, auch wenn es mich bei „Anilin“ auf der Karte jedes Mal lächert. Die Badische Anilin- und Sodafabrik lässt grüßen.

Um Schwierigkeiten wie die von Kyralia zu vermeiden, habe ich irgendwo den Tipp gelesen (der Link ist leider nicht mehr aufzufinden, zumal ich auch nicht mehr weiß, ob’s deutsch oder englisch war), dass mensch sich Wörter einer Sprache raussuchen soll, und die vorsichtig verändern, dann kommt hinterher was zueinander Passendes raus. Das ist unbestritten die Wahrheit.

Das, was dann rauskommt, heißt dann nichts mehr, klingt aber nach etwas, das existiert. Frei nach dem Motto: Bilden wir uns ein, dass dieses Land nichts mit der Türkei/Russland/Griechenland/Sonstwo zu tun hat, auch wenn ich mich, eventuell, gleich noch auf Klischees berufe, die wir zu den Patensprachen im Kopf haben. (Und hier dürfen wir G. R. R. Martin winken, der bei seinen Pseudo-Mongolen dann wirklich nicht mit der „rohe Wilde“-Keule gespart hat.)

Der Begriff „cultural appropriation“/kulturelle Aneignung wird im deutschsprachigen Netz nicht so häufig diskutiert wie auf Englisch. Was mit Sicherheit auch daran liegt, dass Deutschland eine andere, und wenig erwähnte Kolonialvergangenheit hat, und der Sklavenhandel zwar auch von Mitteleuropäern, aber nicht auf mitteleuropäischem Boden betrieben wurde. Im Gymnasium habe ich gelernt, dass Deutschland Kolonien hatte, aber nicht, was dort vorgefallen ist.

Für meine neue Geschichte habe ich also geklaut. Und zwar einmal bei den prä-islamischen Religionen der arabischen Halbinsel, und zweitens bei den Berberkulturen und der marokkanischen Geschichte. Der für Fantasy unabdingbare magische Einfluss sind in diesem Falle, konsistenterweise, Jinn. Nebenher habe ich mir noch einen Monotheismus aus der altgermanischen Religion gebastelt – meine Eroberer müssen schließlich erstens auch was glauben, und zweitens einen Vorwand für ihre Eroberungszüge haben.

Jedenfalls wird jede*r Leser*in die entsprechenden Assoziationen im Kopf haben, sobald ich Wüsten, Datteln und Kamele erwähne. Alle werden wissen, was ich meine, und woher ich die Inspiration habe. Sobald ich anfange, mein Projekt zu beschreiben, denken meine europäisch sozialisierten Zurhörer*innen an dieses eine Tuareg-Foto, Wunderlampen, Bauchtänzerinnen in Glitzerkostümchen mit durchsichtigen Schleiern, und dekorative Palmen mit noch dekorativeren Pyramiden im Hintergrund.

Ich hoffe, dass sie ein bisschen doof aus der Wäsche gucken, wenn sie den Text lesen.

Das Irre an der ganzen Sache ist ja, dass da einerseits über dieses Märchenhafte aus 1001 Nacht geseufzt wird, während gleichzeitig der Islam als „böse“ betrachtet wird.

Den Islam werde ich in meinem Text, wie alle anderen real existierenden Religionen, außen vor lassen. Obwohl es ein Text ist, den ich auch schreibe, weil ich einige Fragen zum Thema Religion habe.

Und weil irgendwann in den letzten Jahren diese exotischen Kulissen angefangen haben, mich zu nerven. Weil sie eben meistens bloße Kulisse bleiben, und die Figuren, die vor diesem Hintergrund agieren, so gar nicht von der Kultur beeinflusst scheinen, die diese Kulisse erst möglich macht.

Ich möchte Informationen. Was glauben diese Leute? Mit welchen Schwierigkeiten haben sie zu kämpfen? In welcher freundlichen oder unfreundlichen Umwelt leben sie? Wie beeinflusst das ihr Verhalten, ihre Kleidung, das, was sie sich vom Leben erhoffen?

Eine Zeitlang war ich daher der Meinung, dass ich, wenn ich schon klaue, gleich in die Vollen gehen kann. Entweder funktioniert der Text, und dann ist es völlig gleichgültig, ob ich arabische oder erfundene Wörter verwende, oder ich greife ins Klo, und dann ist es genauso gleichgültig, weil sowieso Kacke.

Aber: Ich schreibe über Religion, und über die Instrumentalisierung derselben, aber nicht speziell über den Islam. Halbwegs Geschichtskundige werden wissen, dass das Christentum sich nicht über eine weiße Weste freuen kann, um das mal vorsichtig auszudrücken. (Hinweis zum Beispiel auf die Bibelstellen und deren Verzerrung in „12 Years A Slave“.)

Verwende ich arabische Wörter, ist die Gefahr größer, dass irgendwer glaubt, dass ich den Islam kommentiere, auch wenn ich peinlichst darauf achte, religiös konnotierte Wörter und Namen zu vermeiden.

Schlussfolgerng: Doch Zeug erfinden, und nebenher immer im Wörterbuch checken, um peinliche Verwechslungen zu vermeiden. (Jupp, mein Arabisch existiert am unteren A1-Level.) Denn, „kaputt“ heißt hinüber, ist ein Kopf auf Lateinisch und beinahe auf Arabisch ein Kondom.

Irgendwer mal vor einem ähnlichen Problem gestanden?